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Was lese ich als nächstes? Die Frage beantwortet Asra auf ihrem Blog mit einer Empfehlung der Social Fantasy „Frau am Abgrund der Zeit“: Connie, die Hauptperson des Romans, versucht, in den Slums von New York zu überleben. Ihre natürliche Hilfsbereitschaft wird ihr zum Verhängnis, als sie beim Versuch, ihre Nichte vor deren Zuhälter zu beschützen, verprügelt wird und in der Psychiatrie landet. Was sie dort erlebt, ist grauenhaft. Ein Lichtblick in ihrem Elend sind die virtuellen Besuche von Luciente. Die nimmt sie immer wieder mit in die Zukunft, ins Jahr 2137. Dort erlebt sie dörfliches Leben (große Städte haben sich nicht bewährt), ökologische Selbstversorgung mit Lebensmitteln, Energie und allen Bereichen des täglichen Lebens sowie eine hohe Wertschätzung für Schönheit in allen Dingen. Sie erlebt wohlwollende Gemeinschaft und – besonders interessant: freie Liebesbeziehungen und ein offenes Genderkonzept. Das Personalpronomen für alle ist „per“. Mutterschaft ist eine begehrte Aufgabe und betrifft alle.

Leo hält nichts von dem ganzen Öko-Zeugs. Aber er mag Mona, die bei Transition ist und an der Verschönerung ihrer Stadt arbeitet:

Asrid Raimann wollte wissen, was Menschen dazu bewegen könnte, ihre Stadt zu verwandeln: “Ich bin zum Schuster gegangen und habe ihn gefragt, was seiner Meinung nach passieren müsste, damit die Stadt zur Transition Town wird. (Schuster wissen immer alles.) Er meinte: ‘Nix. Da gibts nix. Die werden sich in hundert Jahren nicht ändern. Die sind einfach zu dumm.’ Weil ich das nicht glaube, hab ich einen Comic gemacht: MOSCHBERG. Und darin die Geschichte von Mona und Leo.“

Gestern erreichte uns aus Neuseeland eine Nachricht von einem gewissen Chajm, der folgende Botschaft von Außerirdischen an die Menschheit überbracht bekam. Wir selbst halten uns als Rasse für zu unwichtig, um an ein solches Szenarion zu glauben, ganz auszuschließen ist es aus logischen Gründen freilich nicht. Deshalb hier die Nachricht im Wortlaut:

Seid gegrüßt Menschlinge!

Nicht als Akt intergalaktischer Solidarität haben wir beschlossen, diese Nachricht an Euch zu senden, auch nicht als Akt der Gnade mit Eurer erbarmenswert primitiven Art. Wir verstehen diese Nachricht als Warnung an Euch im Rahmen eines Verhaltensexperimentes als Teil unserer ethnologischen Beobachtungen. Weiterlesen

Der im Phänomen Verlag erschienene Essay von Sabine Melchiori und Hardy Fürch beschäftigt sich mit der Tatsache, dass aus der bisherigen Zersplitterung des Denkens eine neue, einheitliche Weltschau auf den Planeten entstehen muss. Sehr empfehlenswert, um tiefer in die Thematik einzudringen. Zu lesen ist er HIER.

Der Begriff Ökodiktatur fällt immer häufiger, ein Droh- und Reizwort gleichermaßen; in kaum einer Diskussion ernstgenommen, aber umso häufiger missbraucht. Interessanterweise sieht unser Rechtswesen einen Notstand vor, und die sogenannten Notstandsgesetze sollen die Handlungsfähigkeit des Staates in Krisensituationen sichern – mit diktatorischen Mitteln. Zu solchen Krisensituationen zählen zwar Naturkatastrophen, nicht aber ein Kippen der bisherigen natürlichen Weltzusammenhänge; daran hatte zur Zeit der Gesetzgebung niemand gedacht. Doch wenn dies kein Notstand ist, was dann?

Zweierlei Ökodiktaturen

In der Schule habe ich gelernt, man müsse, bevor man sich mit einem Thema beschäftigt, erst einmal verstehen, womit man sich beschäftigt. Was also ist eine Ökodiktatur? Nein, damit meine ich nicht das Schimpfwort, das Menschen leichtsinnigerweise in den Mund nehmen, wenn befürchten, für ihre Umweltsauereien bezahlen zu müssen. Ich möchte den Begriff tatsächlich einmal ernstnehmen. In diesem Fall gäbe es zwei Annäherungen: Entweder ich versuche, den Begriff „Diktatur“ zu verstehen und gehe dann zum Teilwort „Öko“ über; oder ich beginne mit „Öko“ an und hangele mich zum Begriff „Diktatur“ weiter.

Jede der beiden Vorgehensweisen hat ihren Reiz, wobei erstere, die ich Ökodiktatur1 nenne, mir populärer und – leider – wahrscheinlicher erscheint, letztere sympathischer und richtiger. Ich beginne also mit der Variante eins.

Mit Diktatur haben wir ja allerhand Erfahrung. Die Deutschen sind sozusagen Diktaturprofis. Wir wissen, wie man eine Diktatur aufbaut, Menschen unterwirft und ihnen zugleich beibringt, sich für diese Unterwerfung auch noch zu begeistern.

Von der „Diktatur“ zum „Öko“

Vorsichtshalber ziehe ich mich auf neutralen Boden zurück und schaue im Brockhaus nach. Ich weiß, das ist altmodisch, aber nachdem in meinem Arbeitszimmer eine Ausgabe herumsteht … : „Diktatur … die Ausübung der unbeschränkten Macht durch eine oder mehrere Personen.“ Das war kurz und bündig. Was sagt Wikipedia? „Die Diktatur ist eine Herrschaftsform, die sich durch eine einzelne regierende Person, den Diktator, oder eine regierende Gruppe von Personen mit weitreichender bis unbeschränkter politischer Macht auszeichnet.“ Recht ähnlich also.

Nun also zum Wörtchen „Öko“. Da das Wort Ökodiktatur sich an das Wort Nazidiktatur anlehnt (um sich dort die bösen Assoziationen auszuleihen), gehe ich davon aus, dass „Öko“ sich auf Ökologie bezieht, so wie sich „Nazi“ auf Nationalsozialismus bezieht. Letzterer war eine „eine radikal antisemitische, rassistische, nationalistische (chauvinistische), völkische, sozialdarwinistische, antikommunistische, antiliberale und antidemokratische Ideologie“ (Wikipedia); eine Art Glaubenslehre also. Ökologie hingegen ist „eine wissenschaftliche Teildisziplin der Biologie, welche die Beziehungen von Lebewesen untereinander und zu ihrer unbelebten Umwelt erforscht“. Heute verwende man das Wort „überwiegend nur noch als Ausdruck für eine Haltung oder ein Agieren, das schonend mit Umweltressourcen umgeht“ (beides ebenfalls Wikipedia).

Was wäre dann also wohl die Ökodiktatur1? Ich würde vermuten: Es wäre eine Regierungsform, welche die Beziehungen von Menschen zu anderen Lebewesen und zur unbelebten Umwelt erforschte. Der Schonung der Umweltressourcen wären dabei alle Sozial-, Wirtschafts- und Kulturäußerungen unterzuordnen. Politisch obläge die Durchsetzung einer naturwissenschaftlichen Junta als einer Art Öko-Notstandsregierung, die bestraft, was dem Schonungsgebot widerspricht. Dabei wäre der Notstand der ständig drohende Verlust des ökologischen Gleichgewichts.

Von „Öko“ zu „Diktatur“

Nun also zur Diktaturvariante zwei. „Öko“ im Sinne eines schonenden Umgangs untereinander und mit unserer Mitwelt liegt dem gesunden Menschenverstand nahe. Hinter diesem Gedanken der Schonung steckt wohl die berühmte goldene Regel: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Eine fair behandelte Natur schlägt auch nicht zurück, hofft man. Und noch tiefer steckt dahinter unsere kindliche Erfahrung, dass Wippen einfach keinen Spaß macht, wenn einer der Wippenden ganz schwer und der andere ganz leicht ist. Man könnte das ökologische Grundverständnis folglich auch als den Wunsch nach Ausgewogenheit bzw. Gerechtigkeit begreifen. Und gerecht ist ein Verhältnis nur dann, wenn keine Seite unter der anderen leiden muss. Ein ökologisches Verhalten wäre folglich ein faires Verhalten zwischen allem, was lebt, ja im Umgang mit der gesamten Natur. Die ungleichen Machtverteilungen, die in jeder Beziehung und in jeder Gruppe auftreten, regelt die Natur nicht durch Hierarchie, sondern durch ein permanentes Fließgleichgewicht.

Womit wir bei der „Diktatur“ wären. Eine ökologische Beziehung aller Beteiligten schlösse nämlich aus, dass die einen dauerhaft unten und die anderen dauerhaft oben wären; es schlösse aus, dass die einen auf Kosten der anderen leben dürfen. Es schlösse Ungleichheit und Ungerechtigkeit prinzipiell aus; denn beide führten zu Spannungen und einem Ungleichgewicht, das dem Prinzip des wechselseitig schonenden Umgangs widerspräche. Eine solche Regierungsform wäre deshalb auch mit keiner Form von absolutistischer Macht vereinbar. Sie verlangte vielmehr von ihren Teilnehmer_innen ein erhöhtes Maß von Bewusstheit und Verantwortung dafür, das Machtgleichgewicht untereinander und im Austausch mit der Mitwelt immer wieder neu auszubalancieren. Was eine vollständige Umordnung des Gemeinwesens und aller seiner Strukturen erfordern würde. Freilich gälte hierbei ein ökologischer Imperativ: „Handle so, dass die Folgen deines Handelns mit den nachhaltigen Bedürfnissen deiner Mitwelt im Einklang sind.“ Bei dieser „Diktatur der Rücksicht“ wäre freilich die Priorität des wirtschaftlichen Profits ausgeschaltet.

Meines Erachtens wird es zu einer dieser beiden Formen von Öko-Diktatur kommen; zu welcher, liegt in unseren Händen und hängt letztlich von unserer Wandlungsbereitschaft ab. Hegels Erkenntnis, Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit, ist schon rund 200 Jahre alt und könnte sich ja mal langsam durchsetzen. Vielleicht hilft die Einsicht weiter, dass das Leben ohnehin etwas Absolutes an sich hat, dem demokratische Entscheidungsstrukturen egal sind: Ein halbes Leben gibt es nicht, ebenso wenig wie einen halben Tod.

66 Jahre

Draußen regnet es, und ich freue mich darüber. Tatsächlich. Vor zehn Jahren hätte ich das vielleicht schon gesagt, aber nicht gefühlt. Damals waren mir die leidende Natur und der Garten nicht so nah wie heute.

Nein, mit 66 Jahren fängt das Leben nicht an. Mit 66 möchte ich keine 20 mehr sein, auch keine 30 oder 40. Allerdings ist auch der Blick nach vorne nicht sonderlich beflügelnd. Während mich der Zeitstrahl gnadenlos weiterträgt, verdichtet sich die Gewissheit düsterer Jahre für meine Freunde, Kinder und Enkel, aber auch das Wissen darum, dass weltweit Millionen Frauen und Männer daran arbeiten, dass es zu keinem Unglück biblischen Ausmaßes kommt. Dafür danke ich ihnen allen. Weiterlesen

In seinem Buch “Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen” bewegt Fabian Scheidler die These: Nach 500 Jahren Expansion ist die kapitalistische Megamaschine in die tiefste Krise ihrer Geschichte geraten. Wir bewegen uns in eine chaotische Übergangsphase hinein, die einige Jahrzehnte andauern kann und deren Ausgang vollkommen offen ist. Während die alten Ordnungen brüchig werden, entflammt ein Kampf darum, wer die Zukunft bestimmen wird. Er lotet Gefahren und Chancen dieser Übergangszeit aus und bietet einen Kompass für politisches Engagement in Zeiten wachsender Unübersichtlichkeit.

In diesem Zusammenhang hat er auch ein 16-Punkte-Programm für den sozial-ökologischen Umbau entworfen. Da sich in den zwei Jahren seit Erscheinen des Buches so manches geändert hat, hat er diese Grundforderungen auf den neuesten Stand gebracht. Sie beginnen so: Weiterlesen

“Die Zeit wird knapp” titelt Fritz Habekuß in der ZEIT – und bezieht sich damit, beinahe erscheint es uns schon selbstverständlich, auf die Klimakrise. Seine Aussage baut nicht auf eigener Abschätzung auf, sondern ist das Fazit einer wissenschaftlichen Veröffentlichung auf höchstem wissenschaftlichen und institutionellen Niveau. Leopoldina, die älteste naturwissenschaftlich-medizinische Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum und die älteste dauerhaft existierende naturforschende Akademie der Welt, hat zum umweltpolitischen Verhalten der Bundesrepublik kürzlich Stellung genommen. Hier die Zusammenfassung:

“Im Pariser Klimaabkommen von 2015 hat die Weltgemeinschaft vereinbart, die vom Menschen verursachte globale Erwärmung der Erde auf weniger als 2°C zu beschränken, um die daraus entstehenden Schäden für Menschheit und Natur abzumildern. Dieses Ziel ist nur noch zu erreichen, wenn sofort sowohl nationale wie auch internationale Vereinbarungen eingehalten werden. Schäden durch Abschmelzen von Schnee und Eis, Anstieg des Meeresspiegels, Ausweitung von Trockenzonen, Extremwetter und steigender Verlust von Artenvielfalt und Lebensräumen an Land und im Meer können nur noch durch erhebliche und bereits in den kommenden zehn Jahren wirksame Anstrengungen begrenzt werden. Ansonsten werden große Regionen der Erde nicht mehr bewohnbar sein, selbst wenn sich einzelne Regionen als „Klimagewinner“ verstehen. Bei uns und weltweit wächst zudem der Generationenkonflikt darüber, dass wir heute die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Kindeskinder aufbrauchen. Nicht zuletzt werden die Kosten des Klimawandels weiter dramatisch ansteigen. Nur mit einer entschlossenen und zügig umgesetzten Klimapolitik – national, mit den zentralen europäischen Partnern und durch weltweite Kooperation – kann es gelingen, die sich bereits abzeichnenden katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels zu mindern.”

Den vollständigen Text findet Ihr HIER.

Wir brauchen eine radikale Änderung unserer Wirtschafts- und Lebensweise

Ein Zwischenruf von Bernd Winkelmann / Akademie für solidarische Ökonomie

Folgenden Zwischenruf halten wir für eine ausgezeichnete, klare und übersichtliche Zusammenfassung des Status Quo und der sich daraus ergebenen – ökoligenten – Konsequenzen:

I. Worum es geht

1. „Wenn die Alten taub sind und blind, werden die Kinder schreien und ihnen die Augen öffnen!“
(„Des Kaisers neue Kleider“, Bibel Ps. 8,3).
Genau das geschieht in dieser Zeit: Greta Thunberg hat mit ihrem Schülerstreik Fridays for Future eine
Bewegung ausgelöst, in der tausende Kinder und Jugendliche gegen eine halbherzige Umweltpolitik protestieren.
In Folge sind tausende Wissenschaftler als Scientists for Future aus ihrer Zurückhaltung ausgestiegen
und bestätigen, dass es keine lebenswerte Zukunft auf unserer Erde gibt, wenn wir nicht jetzt eine
radikale Änderung unserer Wirtschafts- und Lebensweise einleiten.(1)

2. Die gravierendsten Symptome einer drohenden ökologischen Katastrophe sind:

  • Der Klimawandel: Um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, müsste der weltweite CO2-
    Austoß jährlich um 6% reduziert werden. Doch er steigt jährlich um 3%. Bleibt es bei dieser Entwicklung,
    könnte die Erdtemperatur am Ende des Jahrhunderts um 3-4 Grad gestiegen sein.(2) Um das zu verhindern,
    bleibt uns für unser Handeln ein Zeitfenster von ca. 10-15 Jahren. (3)
  • Das Artensterben: Seit 1970 ging die Zahl der wildlebenden Wirbeltiere weltweit um ca. 60% Prozent
    zurück. Besonders gravierend ist das Insektensterben; der Schwund der Insektenbiomasse liegt zwischen
    40 und 80%. Damit verliert das Biosystem unserer Erde das wohl wichtigste Standbein seiner Stabilität
    und Fruchtbarkeit. Hauptverursacher ist die Chemisierung der Landwirtschaft.(4)
  • Hinzu kommt der Verlust an Wäldern, an Ackerland, an Trinkwasserressourcen und unwiederbringlichen
    Bodenschätzen, die Versauerung und Vermüllung der Meere, das weitere Bevölkerungswachstum.
    Nach Erkenntnissen der Evolutionswissenschaften hat es eine so schnelle und umfangreiche Beschädigung
    unseres Erdsystems nur bei großen Asteroideneinschlägen gegeben, zuletzt beim Aussterben der
    Dinosauriere vor 65 Mil. Jahren.

3. Hinter diesen Symptomen steht das viel umfassendere Problem: Die generelle Überlastung des Ökosystems
durch uns Menschen. Sie wird deutlich am Ökologischen Fußabdruck, der die Belastungsgrenze unseres
Erdsystems ausweist. Er liegt weltweit um etwa das 1,7-fache, in Deutschland um das 3-4-fache
über dem für unsere Erde verträglichen Maß. Diese Überlastung unseres Ökosystems kommt aus dem
entgrenzten Wachstum in der Bewirtschaftung unserer Erde. Das schafft uns in den entwickelten Industrienationen
einen nie dagewesenen Überfluss an materiellen Gütern, mit dem wir aber nicht nur das Ökosystem
empfindlich überlasten, sondern auch die Lebensmöglichkeiten unserer Kinder und Enkel berauben.
Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Kenneth E. Boulding, USA, stellt fest: „Jeder, der glaubt,
dass exponentielles Wachstum für immer weitergehen kann in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter
oder ein Ökonom.“

4. Damit verbunden ist eine weitere Irrsinnigkeit unserer Zivilisation: die ausbeuterischen Bereicherungswirtschaft
der Mächtigen: Der Wohlstand der reichen Industrieländer ist nur zu 50-60% durch eigene
Leistung erarbeitet, ansonsten durch die Ausbeutung der Natur und anderer Völker. So ist das Vermögen
der Milliardäre im Jahr 2018 um 12% gestiegen, während das Vermögen der unteren Hälfte der Weltbevölkerung
um 11% gesunken ist. Die 26 reichsten Menschen der Welt verfügen über so viel Nettovermögen
wie die arme Hälfte der Weltbevölkerung.(5)

Deutlich ist: unser Wirtschaftssystem hat zwar nie dagewesene Reichtümer geschaffen, aber mit dieser
Bereicherung hat es in eine noch nie dagewesen Krise der menschlichen Zivilisation geführt.
Bleibt es bei dieser Entwicklung, kommt es in den nächsten Jahrzehnten mit den ökologischen Verwerfungen
auch zu schweren sozialen und politischen Verwerfungen, zu Hungeraufständen, zu Massenmigrationen,
zu Rohstoffkriegen, zu weltweiten Zusammenbrüchen (H. Lesch „Die Menschheit schafft sich ab“)

5. Immer mehr setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Ursachenfrage zur Systemfrage wird. Das heißt:
Wir können die Fehlentwicklung unsere Gesellschaft nur überwinden, wenn wir „radikal“, also von den
Wurzeln (radix), den zerstörerischen Ursachen her das vorherrschende System hinterfragen – so wie es
Greta Thunberg in Kattowitz tat. Graeme Maxton, ehemaliger Generalsekretär des Club of Rome stellt
fest: „aus dem gegenwärtigen System ist es nicht möglich, eine nachhaltige Wirtschaft zu entwickeln… Die
Zielrichtung muss systemisch verändert werden.“(6) Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber stellt
fest: „Wir müssen unsere Zivilisation neu erfinden.“(7)

Die Systemfrage stellen heißt, herausfinden, 1. was in unserer Wirtschaftsweise systemisch zu deren
Fehlentwicklungen führt, 2. was im System umgebaut werden muss, damit diese Fehlentwicklungen
überwunden werden. Die Systemfrage muss auf der mentalen und strukturellen Ebene gestellt werden.

6. Die Ursachen auf mentaler Ebene liegen in einem einseitigen materialistischen Verständnis von Leben:
gutes Leben wird mit viel Haben verwechselt (Erich Fromm): Besitzstandswahrung, immerwährendes
Wachstum und Wohlstandsmehrung, Sich-immer-mehr-leisten-können gelten als höchste Güter, obwohl
die meisten Menschen wissen, dass sie davon nicht glücklich werden, sondern Werte wie Vertrauen,
Wertschätzung, Empathie und Gemeinschaft viel wichtiger sind (Gerald Hüther).

7. Die Ursachen auf struktureller Ebene liegen in den Leitprinzipien der kapitalistischen Wirtschaftsweise:
Wirtschaft habe in erste Linie der Mehrung von Kapital in Privatverfügung zu dienen. Aus Kapital muss
mehr Kapital werden, das wieder gewinnträchtig angelegt werden muss – angefeuert vom Profitstreben
und Konkurrenzdruck. Darum muss Wirtschaft fortwährend wachsen. Im kapitalistischen Wirtschaftsprinzip
liegt somit der systemische Hauptantrieb für den Wachstumszwang unseres Wirtschaftssystems und
damit für das Überschreiten des ökologischen Fußabdrucks und die Ausbeutung der Völker.
Der Philosoph Richard David Precht stellt fest: Der „Kapitalismus“, der immer „wachsen muss“, „wird wohl
in diesem Jahrhundert die Erde weitgehend unbewohnbar machen.“(8)
Der Befreiungstheologe Leonardo Boff mahnt immer wieder: Erst wenn wir den Kapitalismus als Schlüsselursache
für unsere zivilisatorische Krise erkennen, können wir diese Krise bewältigen.(9)
Die Elite in Wissenschaft, Kultur, Religionen und Zivilgesellschaft sollten endlich den Mut haben, das
Kind beim Namen zu nennen, d.h. die kapitalistische Wirtschaftsweise als Fehlkonstruktion (Krebsschaden)
unserer Gesellschaft zu entlarven.

8. Wir brauchen tatsächlich eine „Neuerfindung unserer Zivilisation“, eine radikale Änderung unserer Zielvorstellungen,
unserer Lebensweise und ökonomischen Ordnungsstrukturen.
Ziel allen Wirtschaftens kann nicht der höchstmögliche Profit in Privatverfügung der Wenigen sein,
sondern die Erstellung nützlicher Produkte, Dienstleistungen und sinnvoller Arbeitsplätze
– dies in unbedingter Bewahrung unseres Ökosystems, in gerechter Teilhabe aller, in der Entwicklung
eines zukunftsfähigen Gemeinwesens.

9. Vor allem muss die Wachstumsökonomie in eine Gleichgewichtsökonomie transformiert werden, in der
sich unser Wirtschaften auf unter 100% der ökologischen Belastungsgrenze einpendelt. Das geht nicht
ohne eine zwischenzeitliche Schrumpfungsökonomie, eine Verringerung des Material- und Energiedurchsatzes
auf allen Gebieten.

10. Das geht nicht ohne eine Entschleunigung der wirtschaftlich-technologischen
Entwicklung. Und das geht wiederum nicht ohne Verzichte auf Bequemlichkeiten und Wohlstandsprivilegien,
die durch die Ausplünderung der Natur und durch Ausbeutung anderer Völker zustande kommen
und uns zudem innerlich verarmen lassen. Das wird an einigen Punkten wehtun, aber nur so zu einem erfüllterem
Leben befreien und Zukunft ermöglichen.

II. Was konkret geschehen muss

1. Notwendige Reformschritte im System der Sozialen Marktwirtschaft

  • Verabschiedung vom Irrglauben ständigen wirtschaftlichen Wachstums
  • Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft durchsetzen
  • Machtbegrenzung und hohe Besteuerung der Weltkonzerne; Finanztransaktionssteuer u.ä.
  • Aufgabe schädlicher Subventionen, z.B. der Kohle- und Atomindustrie, des Flugbenzins u.a.
  • Umstieg auf Kreislaufwirtschaft, Durchsetzung des Verursacherprinzips
  • Durchsetzung von konsequenten Ökosteuern, z.B. CO2-Steuer, Plastiksteuer u.ä.
  • Schnellstmöglicher Umstieg auf regenerative Energie, drastische Senkung des Energieverbrauchs
  • Umstieg und konsequente Förderung der biologischen Landwirtschaft
  • Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel
  • Entprivatisierung der Öffentlichen Güter

2. Handlungsmöglichkeiten der Einzelnen:

  • Das eigene materielle Verbrauchen von Ressourcen und Gütern so gering wie möglich halten
  • Wo möglich, gemeinsames Nutzen, reparieren statt neu kaufen und alles für sich haben wollen
  • Drastisches Reduzieren oder Vermeiden von Flugreisen
  • Umstieg auf die kleinsten PKWs, Elektroauto, Fahrrad, Bahn und öffentlichen Nahverkehr
  • Möglichst biologische Nahrungsmittel, fleischreduzierte Ernährung
  • Kritischer Einkauf von Textilien und im Ausland produzierten Gütern (Herstellung, Fairer Handel)
  • Unterstützen von Initiativen, Gruppen und Parteien, die in dieser Richtung wirken.

Merke: In alldem müssen wir nicht perfekt sein. Die Änderung der Sichtweise, die Anfänge und kleinen
Schritte sind entscheidend für eine andere Politik und zivilisatorische Wende.

3. Entwicklung einer Postkapitalistischen Ökonomie

Die Änderungen im bisherigen System und in der Lebensweise der Bürger werden allein die systemischen
Fehleinstellungen unserer Wirtschaftsweise nicht überwinden. Nötig ist vielmehr,
das Wirtschaftsprinzip ständiger Kapitalakkumulation hinter sich zu lassen und die kapitalistischen
Abschöpfungs-, Bereicherungs- und Externalisierungsmechanismen aus den Wirtschaftsabläufen herauszunehmen
und durch nachhaltige, solidarisch-kooperative Wirtschaftsstrukturen zu ersetzen.
Die wichtigsten Systemveränderungen wären in etwa:

  • eine neue Finanzordnung, Abschaffung des Kapitalzins und der spekulativen Geldgeschäfte; das Bankensystem
    als reine Dienstleistung in öffentlicher Hand, in dem keine Gewinne erzielt werden;
  • eine Eigentumsordnung, in der Eigentum zum eigenen Lebensunterhalt aber nicht mehr zur leistungslosen
    Abschöpfung fremder Leistung genutzt werden kann (z.B. Wuchermieten); in der Grund und Boden
    wieder in Gemeineigentum übergehen;
  • eine partizipatorische Unternehmensverfassung, in der ökologische, soziale und gemeinwohlorientierte
    Kennzahlen in die Bilanzrechnung der Unternehmen eingeführt und eine demokratische Teilhabe aller
    am Unternehmen Beteiligten realisiert wird;
  • ein leistungsgerechtes und solidarisches Lohnsystem, in dem die Entlohnung a l l e r nach Tarifen in
    einer Spreizung von maximal bis zu 1:10 gezahlt und Mindestlöhne gewährt werden;
  • eine neue Arbeitskultur, in der die schwindenden Arbeitsplätze durch Absenken der Regelarbeitszeit so
    geteilt werden, dass jeder Arbeitsfähige Erwerbsarbeit findet und neben der Erwerbsarbeit Eigenarbeit
    und Gemeinwohlarbeit als gleichwertig gelten und gelebt werden können.

Auf dem Weg dorthin gibt es schon heute eine Fülle von theoretischen Entwürfen, von praktizierten Modellen
und Bewegungen. Die Akademie Solidarische Ökonomie hat in ihren Büchern und Bausteinen den Entwurf
einer postkapitalistischen Ökonomie skizziert. Die Degrowth-Bewegung, die Postwachstumsgesellschaft
Jena, die Initiative Neue Ökonomie, die Gemeinwohlbewegung, die Potenzialentfaltungsakademie und viele
weitere neue kulturelle Bewegungen sind eine Fundgrube zukunftsweisender Potenziale.

Die drohende Umweltkatastrophe und die kommenden Migrationsströme geben uns nur noch eine kurze
Zeit, den Systemwechsel einzuleiten. „Wer zu spät kommt, den straft das Leben!“ (Michael Gorbatschow).

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1 Pressekonferenz der Initiative Scientists for Future https://www.scientists4future.org/presse/
2 Jürgen Tallig: https://earthattack-talligsklimablog.jmdofree.co/
3 Weltklima-Sonderbericht: https://www.de-ipcc.de/256.php
4 UN-Bericht zum Artensterben 2019; www.bund-rvos.de/artensterben; www.nabu.de/news/2017/10/23291.html;
5 Oxfam-Bericht 2019 siehe z.B. https://www.wsws.org/de/articles/2019/01/23/pers-j23.html
Auch zum Weitergeben gedacht!
6 https://www.riffreporter.de/klimasocial/schulzki-haddouti-graeme-maxton-change-klimakrise/
7 https://www.deutschlandfunk.de/klimaforscher-schellnhuber-wir-muessen-unsere-zivilisation.697.de.html
8 In „Jäger, Hirten, Kritiker“ S. 248
9 Z.B. in „Zukunft für die Mutter Erde“ 2012
10 Ulrich v. Weizsäcker in „Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht…“

“Unsere Forderungen müssen deutlich verschärft werden”, sagt Detlef Jahn, “wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.” Recht hat er. Drum hat er auf seinem Blog “Unruheraum.de” – was für ein genialer Name – den Beitrag “Kühlschränke gehören verboten” verfasst. Er beginnt so:

“Also, jetzt mal ernsthaft: Kühlschränke sind schon was Tolles.

Aber Kühlschränke sind schuld am Klimawandel.

Also zumindest mit – aber zum großen Teil.

Kühlschränke müssen verboten werden, wenn wir überleben wollen – so als Spezies. Da kann man auf individuelle Komfortbedürfnisse oder ein persönlich schwächelndes Immunsystem keine Rücksicht nehmen. Es geht schließlich ums Überleben des Homo Sapiens Sapiens als solches – da sind Einzelschicksale nicht relevant …”

Ihr merkt schon: Da redet einer Tacheles. Und das ist sozusagen Original “Extinction-Rebellion-Tonlage” oder auch Fridays4Future. Sehr lesenswert und keineswegs polemisch. Den kompletten Artikel findet Ihr HIER.