von Peter Zettel

Natürlich bei meinem eigenen. Wo auch sonst? Wir reden zwar oft darüber, bewusst zu sein und über Bewusstsein, doch selten sprechen wir darüber, was wir eigentlich darunter verstehen. Betrachten ich und ein anderer die identische Szene, dann bedeutet das noch lange nicht, dass wir wirklich das Selbe und oft auch nicht das Gleiche sehen, denn was wir wahrnehmen können ist ja davon abhängig, was wir über die Situation denken.

Raum oder Nichtraum?

Und das kann sehr, sehr unterschiedlich sein. Es fängt ganz banal an bei dem Raum, in dem ich lebe. Ist er für mich dreidimensional und lässt sich alles, was wirklich ist, anhand der Dimensionen von Länge, Breite und Höhe beschreiben? Oder ist Raum etwas ganz anderes für mich? Ist er offen und beweglich in der Zeit und lässt sich alles, was wirklich ist, nur dann beschreiben, wenn ich den Raum als gestaltbar ansehe?

Die erste Raumdefinition passt natürlich perfekt auf mechanische Dinge. Doch dann ist damit auch schon Schluss. Alles Lebendige geschieht nämlich nach der zweiten Version der Bewusstseinsbeschreibung. Das Problem dabei ist allenfalls, dass derart viele Faktoren eine Rolle spielen, so dass man sich leicht dazu verleiten lässt, diese Offenheit und Beweglichkeit nicht zu beachten.

Unmittelbar wahrnehmen lässt sie sich in der Regel kaum. Doch ich halte es für fatal, das dann einfach zu ignorieren; so nach der Maßgabe „was ich nicht sehen kann gibt es auch nicht“. Mein gesamter Körper bis hin zum Denken funktioniert leider nicht wie eine Maschine.

Wäre vielleicht auch langweilig. Wie dem auch sei, es gibt eine Menge Gründe, sich damit zu beschäftigen. Und zwar ganz ernsthaft. Mein Verständnis von Bewusstsein hat wie jedes andere auch das eigene Weltbild als Basis. Das zu wissen ist wichtig. Sehe ich das klassische Weltbild als gegeben an, komme ich zu ganz anderen Sichtweisen als etwa ein Quantenphysiker.

Differenziert, aber nicht getrennt

Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen dem Kosmos und mir. Schließlich ist ja alles Lebendige aus anorganischer Materie hervorgegangen. Mittlerweile wissen wir ja auch, dass Materie irgendwie alles andere als leblos ist.

Und genau deswegen taste ich mich mit meinem Denken in diesen offenen, prozesshaften Bewusstseinsraum. Erst einmal versuche ich, mein Denken zu begreifen, dann den Rest von mir. Mal sehen, was dann passiert. Also beginne ich damit, folgendes nicht mehr zu glauben: Subjekt und Objekt sind grundsätzlich voneinander getrennt. Ich erlebe mich als eigenständige Persönlichkeit und bin mit belebten und unbelebten Objekten nicht verbunden.

Sondern ich sehe es so: Es gibt weder Subjekt noch Objekt, Dinge sind nur differenziert, nicht aber voneinander getrennt. So existiere ich nicht aus mir selbst heraus, bin weder eigenständig noch getrennt, sondern ich bin mit allem verbunden, was ist. Gerade die Tatsache, dass alles verbunden ist, ist nicht so einfach zu realisieren.

Blind verbunden

Doch das kann ich nicht intellektuell verstehen, ich muss mich auf diese Gedanken einlassen. Nur dann beginnen sie, sozusagen in mir zu arbeiten, denn nur dann kann ich auch die entsprechende Erfahrung machen. Um die geht es nämlich: Die Erfahrung. Ohne die bleibt es immer nur ein gedanklicher Sturm im Wasserglas.

Wir sind nämlich nicht wie mit einer Schnur miteinander verbunden, sondern auf eine ganz andere Art. Die Verbundenheit bezieht sich vor allem auf eine unmittelbare Interaktion, die ich früher oft nicht wahrgenommen oder schlicht ausgeblendet hatte. Es ist eben wie mit dem Meer und der Gischt. Das unbewegte Meer ist das eine, die Gischt entsteht daraus und kehrt auch wieder dorthin zurück.

Manchmal versteht man sich blind. Diese Verbundenheit ist gemeint. Wenn der eine jedoch partout nicht will, dann gibt es eben keine Verbundenheit, erst wieder, wenn die Gischt erneut zum Meer geworden ist. Am klarsten sieht man dies bei einem Tanz. Tänzer und Tänzerin sind von einander differenziert, doch im Tanz werden sie eins, wenn sie sich darauf einlassen.

Die Voraussetzung dafür ist, dass sie ihre gedankliche, auf das „Ich“ reduzierte Gedanken-Hülle verlassen und zum Tanz werden. Nicht-Eins, Nicht-Zwei; Nicht-Zwei, Nicht-Eins. Was die alten Ch‘an-Menschen, hier Dogen Zenji, schon sagten, bestätigen uns heute die Erkenntnisse der Quantenphysik, nur eben pragmatischer.

Den Weg studieren bedeutet, sich selbst studieren.
Sich selbst studieren bedeutet, sich selbst vergessen.
Sich selbst vergessen bedeutet, in Harmonie zu sein mit allem, was uns umgibt.

Für mein egozentriertes Leben eine echte Herausforderung. Aber eine wahrhaftige Erlösung, wenn ich es einmal begriffen habe. Nur ist es absolut wichtig, mich nicht von irgendwelchem esoterischen Gesülze einfangen zu lassen.

Wenn du, liebe Leserin, lieber Leser, mir erzählst, du magst keine Pizza – und mit „keine“ meine ich wirklich „keine“ –, dann gehörst du zu den Ausnahmemenschen dieser Republik. Die türkische Lahmacun beziehe ich hier ausdrücklich ein, die französische Croque, die georgische Chatschapuri, die libanesische Manakish und die japanische Okonomiyaki. Nur: Wie kommst du zur Pizza? Daran scheiden sich die Geister. Und das hat eine Menge mit gesellschaftlichem Wandel zu tun.

Wären wir hier die Brigitte oder ein anderes Mainstream-Medium, dann würden wir fragen: Welcher Pizza-Typ sind Sie? Wir hier sagen aber „du“ und gehen die Sache etwas anders an.

Was wir Pizzafreunde weltweit gemeinsam haben: Wir bestellen sie uns gelegentlich in einem Restaurant und lassen uns bedienen. Doch wie, wenn wir zu Hause bleiben?

Welcher Pizzatyp bist du?

Am einfachsten ist es, zum Handy zu greifen, den Lieferservice unserer Wahl anzurufen und 20 Minuten später die heiße Pizza auf dem Teller zu haben. Hoffentlich trennen wir dann den Müll (der volumenmäßig in etwa der Pizza gleichkommt) in Pappe und Alu. Na gut. Wer’s mag. Vom Energieaufwand für die Verpackung und den Antransport mal ganz abgesehen. Aber das ist ja nicht unser Problem, oder?

 

 

 

Schon ein bisschen mehr Arbeit macht die Fertigpizza aus dem Gefrierfach: aufstehen, aufs Blech geben, Ofen einschalten, richtigen Garpunkt beachten, rausnehmen, auf Teller legen – essen. Uahh, viel Arbeit. Außerdem muss man sie vorher eingekauft und eingefroren haben. Momentane Gelüste haben da keine Chance. Uahh, Einschränkung.

 

 

 

Beinahe schon mit Kochen hat der Pizza-Teigling zu tun. Auch der kommt aus dem Gefrierfach, aber man muss ihn noch selbst belegen. Der Belag muss vorhanden sein und natürlich auch der passende Käse, idealerweise – für Nichtveganer – der Büffelmozzarella oder ein Blauschimmelkäse. Sehr viel mehr Arbeit; doch dafür hat man seine Lieblingsauflage drauf, was ja auch nicht zu verachten ist.

 

 

 

Jetzt lassen wir mal ein paar Zwischenschritte aus und kommen zur Vollendung: Du mahlst dein Dinkelmehl aus frischem Vollkorn, benutzt frische Hefe für den Teig sowie Tomaten, Kräuter und Zucchini aus deinem Garten für die Auflage und Ziegenkäse von der regionalen Käserei. Alles in Bioqualität, versteht sich. Deine Einkäufe hast du so geplant, dass du nicht extra fahren musst, und die Essenreste landen im Kompost.

 

 

Der entscheidende Zwischenschritt

Vermutlich muss ich jetzt nicht mehr erläutern, was Pizzaessen mit gesellschaftlichem Wandel zu tun hat. Nur dies: Zwischen der Liefervariante und der Bio-Genussvariante liegt ein Bewusstseinsprozess. Die Produktion von Lebensmitteln ist ein großes, internationales Geschäft, bei dem der am meisten verdient, der mit dem billigsten Rohstoff- und Lohneinsatz, aber der verlockendsten Verpackung, am teuersten verkaufen kann. Das muss ich nicht mitmachen und gleich noch die Pestizide von Bayer, Monsanto & Co mitbezahlen. Aber davon mal ganz abgesehen: Das, was ich in meinen Körper „reinwerfe“, kommt auch hinten wieder raus. Nicht nur am Po. Gesund oder ungesund, bio oder konventionell hergestellt: Das schlägt sich auf meiner Haut und in meinen Organen nieder. Und ganz nebenbei auch in meinem Kopf.

Tipp für alle, die tiefer einsteigen wollen: die Ernährungs-Docs

Der folgende Gastbeitrag erläutert allgemeinverständlich die geistes- bzw. kulturgeschichtlichen Quellen unseres Weltbildes. Denn nur so lässt sich verstehen, weshalb es zu globalen Krisen kommen muss, aber auch, wie wir unsere Menschheitsprobleme lösen oder doch wenigstens stark abmildern könnten.

Unsere Krisen verstehen – Wege aus den Krisen in eine bessere Welt

von Sepp Stahl, Mai 2020

Die Weltsicht des 17. Jahrhunderts

Das Weltbild der Neuzeit änderte sich in dieser Zeit radikal. Vor allem in Physik und Astronomie kam es zu revolutionären Entwicklungen. Entscheidende Namen: Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton u.a. . Es entstand eine ganz neue Sichtweise der Philosophie und der Naturwissenschaften im Blick auf Mensch, Natur und Universum.

Drei Namen sind hier vordergründig zu nennen: Rene Descartes, Isaac Newton und Francis Bacon.

Rene Descartes (1596 – 1650)

Von diesen dreien war Rene Descartes der zentrale und bedeutendste Geist und Denker in dieser Zeit. Er war gleichzeitig Philosoph und exzellenter Mathematiker und Naturwissenschaftler. Er galt als Gründervater der neuen Philosophie und der modernen Naturwissenschaften. Descartes war Wegbereiter mehrerer Richtungen, so des Rationalismus, des Reduktionismus und der analytischen Methode in den Naturwissenschaften. Er formulierte ein umfassendes, vielfältiges, philosophisches Gesamtwerk – einen radikalen Neubeginn. Da er zeitweise Latein benutzte, gab er sich auch einen lateinischen Namen: Renatus Cartesius. Deshalb wird auch vom cartesianischen Welt- und Menschenbild gesprochen.

Die strikte Trennung, der Dualismus zwischen Körper und Geist war für Descartes zentrale Festlegung. „Der Körper enthält nichts, was dem Geist zugerechnet werden könnte, und der Geist beinhaltet nichts, was zum Körper gehörig wäre“. (F. Capra: Wendezeit, S.58) Diese Unterscheidung von Körper und Geist hat das abendländische Denken tief beeinflusst. Capra zitiert dazu Heisenberg: „Diese Spaltung hat sich in den auf Descartes folgenden drei Jahrhunderten tief im menschlichen Geist eingenistet, und es wird noch viel Zeit vergehen, bis sie durch wirklich andersartige Haltung gegenüber der Wirklichkeit ersetzt wird“. (Capra, S.59) So waren, sind z.B. Ärzte für den Körper zuständig, Psychologen und Psychiater für den Geist und die Seele.

Allen Begebenheiten begegnete Descartes mit Skepsis und Zweifel, alles hinterfragte er gründlich. Mit logischen Schlüssen entwickelte er einen eigen klaren und zwingenden Gottesbeweis.

Sein Rationalismus nimmt in seinem Gesamtwerk eine prägende Rolle ein. Berühmt ist sein „Cogito, ergo sum“: Ich denke, also bin ich. „Daraus schloss Descartes, das wesentliche Merkmal der menschlichen Natur liege im Denken und alle Dinge, die wir klar und deutlich denken können, seien wahr“. (Capra,S.58) Die Bezeichnung „mentales Bewusstsein“ wurde hiervon abgeleitet. Die Leistungen des „Cogito“ wurden mehr oder weniger nur den Männern zugetraut. Es ist äußerst interessant, was Charles Darwin (1809-1882) in diesem Zusammenhang einige Zeit später vertritt. „Für ihn war das typische männliche Wesen stark, tapfer und intelligent; das typische weibliche Wesen dagegen war passiv, körperlich schwach und sein Gehirn war nicht voll ausgebildet.“ Der „Mann“, so schrieb er, ist mutiger, kämpferischer und energischer als die Frau und auch geistig einfallsreicher“. (Capra, S. 120) Nicht zugelassen waren beim „Cogito“: Subjektivität, Emotion, Ahnung, Intuition und Vision. Diese wurden als Quelle von Irrtum, Vorurteil und Aberglaube abgetan. Wir erinnern uns: Ein Bub weint nicht, ein Mann zeigt keine Gefühle, Mädchen und Frauen schon! Das starke, das schwache Geschlecht!

Ein weiterer wichtiger Baustein war bei Descartes seine Entwicklung des Reduktionismus. Alle Aspekte komplexer Phänomene können wahrheitsgetreu verstanden werden, wenn man sie auf ihre Einzelteile, Bestandteile zerlegt, reduziert und dann untersucht werden. Ein Ganzes wird in seine Teile zerlegt. Die Ergebnisse daraus werden generalisiert. Die Zerlegung wurde auch auflebende Organismen übertragen, die man als aus getrennten Teilen konstruierte Maschinen ansah. Durch das Zerlegen in die Einzelteile und ihre Gewichtung ging der wichtige Blick aufs Ganze verloren. Heute wissen wir, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Diese Vorgehensweise ist ein Verlust, die koordinierende Aktivität des Ganzen zu verstehen. Noch in unserer Zeit ist diese Form des Reduktionismus tief in unserer Kultur verwurzelt. Der ebenfalls gebräuchliche Begriff „reduktionistisches“ Weltbild ist daher ebenfalls gebräuchlich.

Anschließende Argumente der Philosophie und Sichtweisen von Descartes sind heute nicht mehr nachvollziehbar und befremden sehr.

Alle Abläufe auf der Erde und im gesamten Universum geschehen ohne Ausnahme als mechanische Prozesse. „Dieses mechanische Bild der Natur wurde zum dominierenden Paradigma der Naturwissenschaften und der auf Descartes folgenden Periode“. (Capra, S.58) Alle möglichen Zustände und Seinsweisen waren für ihn Maschinen.

„Für Descartes war das materielle Universum eine Maschine und nichts als eine Maschine“. (Capra, S.59) „Descartes schuf ein kompromissloses Bild der lebenden Organismen als mechanische Systeme …“ (Capra, S.112)  Sie seien nichts anderes als Automaten. Selbst den menschlichen Körper definierte er als Maschine. „In der Tat, ich irre mich nicht, der menschliche Körper ist ein Uhrwerk, … .“ (Capra,S.114) „Für mich ist der menschliche Körper eine Maschine. In Gedanken vergleiche ich einen kranken Menschen und eine schlecht gemachte Uhr mit meiner Idee von einem gesunden Menschen und einer gut gemachten Uhr“. (Capra, S.61) Es ist nur zwingend, dass Descartes Tiere ebenso als Maschinen sah. Auch hier der Vergleich mit einer Uhr, die aus Rädchen und Sprungfedern zusammengesetzt ist. Er glaubte ernsthaft, dass Tiere nicht leiden; er war sogar der Meinung, „ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr als das Quietschen eines Rades“. (Capra,S.123) Er verteidigte deshalb auch das Sezieren von Tieren bei lebendigem Leibe. Laut „Die Zeit“ (26.03.2010) soll er angeblich selber Tiere seziert haben. Wie kann ein höchst anerkannter Philosoph und Wissenschaftler zudem zu folgendem Urteil kommen: „Ich sehe keinerlei Unterschied zwischen Maschinen, die von Handwerkern hergestellt werden, und den Körpern, die allein die Natur zusammengesetzt hat.“ (Capra, S. 61)

Isaac Newton (1642 – 1726)

Isaac Newton war wohl der berühmteste Physiker seine Zeit. Er formulierte als Erster exakte Bewegungsgesetze für alle Körper unter Einfluss der Schwerkraft im gesamten Sonnensystem. Mit seinen Gravitationsgesetzen erklärte er die Bewegungen der Planeten um die Son- ne, die Erscheinungen von Ebbe und Flut, berechnete die Massen des Mondes und der Planeten. „Newtons mathematisches System der Welt erwarb sich schnell den Ruf, die korrekte Theorie der Wirklichkeit zu sein und rief bei Wissenschaftler und Laien gleichermaßen eine  ungeheure Begeisterung hervor. Das Bild von der Welt als eine vollkommene Maschine, das von Descartes eingeführt worden war, galt als bewiesene Tatsache, und Newton wurde zu seinem Symbol“. (Capra, S.67) Sein Universum war ein gewaltiges mechanisches System, das nach exakten mathematischen Gesetzen funktionierte. „Die Physik Newtons, die Krönung der wissenschaftlichen Leistungen des 17. Jahrhunderts, lieferte eine geschlossene mathematische Theorie der Welt, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die solide Grundlage wissenschaftlichen Denkens blieb“. (Capra, S.62) Wie bei Descartes war also auch für Newton „die ganze Welt eine Maschine im Stile des 17. Jahrhunderts, im Wesentlichen ein Uhrwerk“. (Capra, S.296) „Für Newton und Descartes ist das Universum ein gigantisches Uhrwerk, in dem sich das Verhalten jedes einzelnen Objekts präzise vorhersagen lässt, sofern alle erforderlichen Informationen vorliegen“. (Anders Indset: Quantenwirtschaft, S.163)

Die starke Gewichtung des Verstandes bei Descartes war auch für Newton ein zentraler Aspekt. Er war überzeugt, „sein mächtiger Verstand könne dem Universum alle Geheimnisse entreißen“. (Capra, S.62) Die Welt lässt sich restlos rational erklären, alles ist den gleichen Naturgesetzen unterworfen, dem logischen Bauplan eines rein mechanischen Universums. Es herrschte eine gewisse Besessenheit an Messungen und Quantifizierungen. Newton glaubte fest, alles in der Welt sei berechenbar.

Francis Bacon (1561 – 1626)  

Francis Bacon war Philosoph, Jurist, zeitweise Generalstaatsanwalt und Lordkanzler bei König James I. von England. Er vertrat nachdrücklich eine neue Forschungsmethode, die unter Einbeziehung der mathematischen Naturbeschreibung die analytische Denkweise benutzte. Er war auch „der erste, der eine Theorie der induktiven Methode formulierte – Experimente zu machen und aus ihnen allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen, …“ Art und Zielsetzung wissenschaftlicher Forschung wurden dadurch tiefgreifend verändert.

„Seit Bacon ist das Ziel der Wissenschaft, Wissen zu erwerben, das zur Beherrschung und zur Kontrolle der Natur genutzt werden kann“. (Capra, S.54) Diese Auffassung teilte auch Descartes mit Bacon. „Die Ausdrücke, mit denen Bacon seine neue wissenschaftliche Forschungsmethode empfahl, waren nicht nur leidenschaftlich, sondern oft richtig bösartig“.  (Capra, S.54) Hier seine Ausdrücke: Die Natur auf ihren Irrwegen mit Hunden hetzen, sich gefügig und zur Sklavin machen, unter Druck setzen, die Natur auf die Folter spannen, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt. Als Generalbundesanwalt war Bacon unter anderem für die damaligen Hexenverbrennungen im Königreich zuständig. Den Umgang mit diesen Frauen übertrug er anscheinend auch auf die Natur. Er sah in der Natur zudem ein weibliches Wesen. Noch heute sprechen wir von Mutter Natur.

Folgen und Auswirkungen

Bis in unsere Zeit ist der Einfluss von Descartes, Newton und Bacon noch spür- und erkennbar. Dies gilt für alle Lebens- und wissenschaftlichen Bereiche, für die Natur- und Geisteswissenschaften, für Medizin, Psychologie und die Wirtschaftswissenschaften. Eine ganze Reihe von Aussagen müssen wir gar nicht kommentieren. Sie sind für uns heute in keiner Weise verständlich und können spontan als falsch erkannt werden. Wir fragen uns heute, wie kann man überhaupt auf solche Gedanken kommen: Die strikte Trennung von Körper und Geist, alle lebenden Organismen, die Natur, das Universum eine Maschine, meine Existenz als Person ausschließlich durch das Denkvermögen begründet. Die Denkfähigkeit, die nur Männern vorbehalten ist. Frauen sind dazu weniger fähig. Dieser Bestand über mehr als zwei Jahrhunderte verwundert doch sehr.

Newton gilt immer noch als einer der größten Physiker aller Zeiten. Mit seinen Gravitationsgesetzen schenkte er der Menschheit ein absolut neues, vertiefendes Verständnis der Welt mit seinen mechanischen Prozessen. Aber aus Newtons Arbeiten entwickelten sich eine Gewissheit, gar Überheblichkeit, alles ist mit mathematischen Gleichungen zu berechnen und zu beherrschen. Die Welt lässt sich mit Naturgesetzen restlos erklären und verstehen. Der entscheidende Zugang zum Universum als ein mechanisches System ist gefunden. Die letzten Geheimnisse sind gelüftet. Aus diesen Einstellungen leitete sich eine gewisse Form von Herrschaft, vor allem gegenüber der Natur ab. Der Mensch ist im Besitz der Wahrheit, auch der letzten Dinge.

Bei Bacon fällt sein feindliches Verhalten der Natur gegenüber sofort in den Blick. Ziel seiner Wissenschaft war für ihn vordergründig die Kontrolle und Beherrschung der Natur. Uns sind wohl in den Wissenschaften keine so krassen Aussagen und Vorgehensweisen gegen die Natur bekannt. Einmal spricht er auch davon, die Natur auszupressen wie eine Zitrone. Sein Bild von der Frau war ähnlich abschätzend geprägt, wahrscheinlich als Ergebnis seiner Hexenprozesse. Die Ausbeutung der Natur, die bis heute so typisch für die abendländische und globale Kultur geworden ist, hat in Bacon wohl einen entscheidenden Ursprung.

Bereich Medizin

Die cartesianische Weltanschauung hat wie viele andere Bereiche zu lange die medizinischen Behandlungen bestimmt. „In den vergangenen dreihundert Jahren wurde unsere Kultur von der Anschauung beherrscht, unser menschlicher Körper sei eine Maschine, die man aus Sicht ihrer Einzelteile analysieren müsse. Geist und Körper sind getrennt, die Krankheit gilt als Fehlfunktion eines biologischen Mechanismus …“ (Capra,S.359) Für jeden Körperbereich gibt es daher ärztliche Spezialisten. „Das Zerlegen von Organismen in ihre Einzelteile führe nicht dazu zu verstehen, was Leben ist. Es reiche nicht, Lebewesen nur als Objekte zu sehen, sondern auch als Subjekte mit Intentionen und Bedürfnissen. Es gelte, sich in die Lebewesen hineinzuversetzen, das zu sehen, was alles Leben verbindet.“ (Gerald Hüther, Wikipedia) Durch die Konzentration auf die körperlichen Einzelteile hat die Medizin aus den Augen verloren, dass der Mensch ein durch und durch ganzheitliches Wesen ist. Allmählich gewinnt eine ganzheitliche und ökologische Gewissheit Raum in der Medizin. „Im engeren Sinn bedeutet Ganzheitlichkeit in der Medizin, dass der menschliche Organismus als ein System angesehen wird, dessen sämtliche Teile miteinander verbunden und voneinander abhängig sind“. (Capra, S.354) Der Begriff der Ganzheitlichkeit der menschlichen Person weitet sich und wird integraler Bestandteil weiterer umfassender Systeme. Dies bedeutet, „dass der individuelle Organismus sich in ständiger Wechselwirkung mit seiner physischen und gesellschaftlichen Umwelt befindet, …“ (Capra, S.355) Der Körper ist das Spiegelbild der Psyche und wer ihn beeinflusst, verändert damit auch sie und umgekehrt. „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Behinderung.“ (Weltgesundheitsorganisation, WHO)

Bereich Frauen, Natur, Naturvölker, Klima

Die Festlegungen im 17. Jahrhundert zu Natur, Frauen, menschlichem Körper und Universum haben bis heute Bestand. Das Patriarchat war ja schon Jahrhunderte, besser Jahrtausende fest etabliert. Descartes und Bacon haben es noch weiter gefestigt. Bei Frauen und dem menschlichen Körper sind Fortschritte vorhanden. Frauen haben in ihren langen Kämpfen einiges erreicht, das Stimmrecht z.B. Aber von echter Gleichberechtigung kann noch keineswegs gesprochen werden. Der Familienrechtler F. W. Bosch hat 1953 noch formuliert: „Träger familiärer Autorität ist der Mann und Vater, natürlicher Wirkungskreis der Frau ist der häusliche Bereich.“ (Prantls-Blick, 08.09.2019) Die Doppelbelastung ist ausschließlich bei Frauen zu finden.

Die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern beträgt bei gleicher Arbeit immer noch 21 Prozent. (Hans-Böckler-Stiftung, 2/2020) Der Anteil der Frauen im Bundestag liegt momentan bei 31,2 Prozent, anzustreben wären natürlich 50 zu 50. In der Wirtschaft ist der Aufholbedarf am größten. 633 Männer saßen z. B. Anfang 2020 bei den 160 größten börsennotierten deutschen Konzernen im Vorstand, Frauen nur 64. (Die Zeit, 20.02.2020) Gewalt gegen Frauen ist ein trauriges Thema, bei uns und vor allem weltweit. Neben dem Kampf um die Gleichberechtigung müssen Frauen besonders in bestimmten Ländern die alltägliche sadistische Gewalt ertragen und gegen sie kämpfen. In Chile z. B. werden täglich ca. 10 Frauen ermordet. (taz, 08.03.2020) Es ist ein zäher, sehr langwieriger Kampf und die Frauen müssen ihn alleine führen. Das Postulat der minderen Verstandesleistung und die Zuordnung zur Natur hat für die Frauen fatale Auswirkungen ausgelöst. Es werde noch ca. hundert Jahre dauern, bis das Projekt Gleichberechtigung abgeschlossen ist. (Weltwirtschaftsforum der UN,12/2019)

Wie wir heute mit der Natur, den Tieren umgehen, ist eine direkte Folge der Aussagen von Descartes und Bacon. Es gibt keine Sprache von Lebewesen, nur die Sprache von Maschinen, Uhrwerken, von Folter, Hetze, Auspressen und Ausbeuten. Der Gipfel: Tiere kennen keinen Schmerz. Einfach nicht mehr zu verstehen.

Die Situation heute: Das Leiden der Tiere in der Massentierhaltung, die überlangen Tier-Transporte, das Schreddern der männlichen Küken (zu geringe Gewinnspanne), das Kastrieren der Ferkel mit dem Taschenmesser, das massive Artensterben in der Tier- und Pflanzenwelt (in der Evolution das 6. Massensterben, diesmal menschengemacht). Die großen Probleme, die wir mit der Luft, dem Wasser, den Meeren, den Böden haben, müssen hier ebenso erwähnt werden.

Das Bild und der Umgang mit und von der Natur wurden analog auf die Naturvölker übertragen. Nach der Entdeckung Amerikas haben die Spanier die sog. Indianer nicht dem Menschengeschlecht zugeordnet. Erst ein Papst hat das in einer Bannbulle kritisiert und korrigiert. Das grausame Schicksal und die Zerstörung ihrer Reiche sind bekannt.

Rinder- und Sojabarone vertreiben Ureinwohner in Brasilien aus ihren angestammten Lebensräumen. Der brasilianischen Präsidenten Bolsonaro hat die Vertreibung der indigenen Bevölkerung zu seinem Regierungsprogramm erhoben. Dabei spielt die EU mit ihrem neuen Freihandelsabkommen „Mercosur“ kräftig mit. Wie überall versuchen sich die Volksgruppen zu wehren. Ein Bündnis aus 45 indigenen Völkern in Brasilien spricht von Genozid, Ethnozid und Ökozid. (Publik-Forum,2/2020) Die Aktivistinnen und Aktivisten erleben Drohungen, Gewalt und auch Mord. „Allein 2019 waren acht Anführer ermordet worden“. (Publik-Forum, 2/2020) Nicht wenige, mutige Frauenrechtlerinnen und mutige Naturschützer weltweit bezahlen ihren Einsatz mit ihrem Leben. So wurden im Februar 2020 erst wieder zwei Naturschützer tot aufgefunden. (Greenpeace-Magazin, 06.02.2020)

Die Klimakatastrophe wird um ein Vielfaches größer werden als die aktuelle Corona-Krise. Durch letztere wird die Klimadebatte völlig verdrängt. Aber das Verhungern, Verdursten, Vertreiben, die Wetterextreme, das Leid und das Sterben werden Ausmaße erreichen, die wir uns nicht vorstellen können oder wollen.

Wege in eine bessere Welt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein grundlegender Paradigmenwechsel statt, es ent stand etwas ganz Neues, was es bisher so nicht gab. Viele sprechen von einem weiteren Epochensprung in der Evolution. Zwei entscheidende Entwicklungen in der Physik, nämlich die Relativitätstheorie Albert Einsteins und die Quantentheorie. Sie beendeten mit einem Schlag die cartesianische Weltanschauung und die Newtonsche Mechanik. Hier weitere bedeutende Namen dieser Zeit: Bohr, Heisenberg, Pauli, Bohm, Grödinger, Plank u. a. Ihre Ergebnisse waren sensationell, haben großes Staunen und Ehrfurcht bei den Wissenschaftlter*innen und in der Bevölkerung ausgelöst. Die neue Physik erforderte tiefgreifende Änderungen in der wissenschaftlichen Sicht auf z.B. Raum, Zeit, Materie, Gegenstand, Ursache und Wirkung. Die neuen Erkenntnisse ergaben eindeutig, „dass die Gesetze der klassischen Physik in atomaren und subatomaren kleinen und astronomisch großen Dimensionen keine Gültigkeit mehr haben“. (Anders Indset S.164) Die Physiker/innen waren selber sehr erstaunt über ihre Entdeckungen und hatten Mühe die Ergebnisse zu verstehen. Werner Heisenberg: „Kann die Natur wirklich so absurd sein, wie sie uns in unseren atomaren Experimenten erscheint, ein Gefühl entsteht, als würde mir der Boden, auf dem die Wissenschaft steht, unter den Füßen weggezogen“. „…unsere Welt ist im Kern eben nicht rational, sondern folgt bizarren, quantistischen Gesetzen, die wir bislang nicht annähernd verstanden haben.“

Im Hinblick auf das Welt- und Menschenbild des 17. Jahrhunderts mit R. Descartes, I. Newton und F.Bacon entdeckten die Wissenschaftler*innen des 20. Jahrhunderts meist genau gegenteilige Ergebnisse. Die Maschinen-Theorien Descartes waren augenblicklich ungültig. „Das Universum wird nicht mehr als Maschine betrachtet, die aus einer Vielzahl von Objekten besteht, muss als ein unteilbares, dynamisches Ganzes beschrieben werden, dessen Teile auf ganz wesentliche Weise in Wechselwirkung stehen“. (Capra, S.80) Um dem Neuen Raum zu geben, “müssen wir uns endgültig vom mechanischen Weltbild der klassischen Physik und vom rein logisch-mathematischen Betrachtungen lösen“. (Indset, S.254) Ebenso ist die Newtonsche Gewissheit, die Natur lasse sich restlos erklären und verstehen, ihre letzten Geheimnisse sind gelüftet, dahin. „Die Physik des 20. Jahrhunderts hat uns sehr deutlich gezeigt, dass es in der Wissenschaft keine absolute Wahrheit gibt, dass alle unsere Vorstellungen und Theorien nur begrenzt gültig sind und sich der Wirklichkeit nur annähern“. (Capra,S.56) Auch hier das Gegenteil. Wir müssen akzeptieren, dass die Welt durch die Quantenphysik seltsam und unvorhersehbar geworden ist. (Indset,S.254) H.P. Dürr: „Im Grunde dominiert die immaterielle Beziehung, reine Verbundenheit, das Dazwischen, die Veränderung, das Prozesshafte, das Werden, eine Wirklichkeit als Potentialität.“ Die Vorstellung von der Ganzheit, von Verbundenheit steht im Zentrum der neuen Erkenntnisse „Alles im Universum ist auf eine merkwürdige Art miteinander verbunden.“ (M. Chown, Physiker) D. Bohm sagt: Die reale Welt sei nach denselben allgemeinen Prinzipien strukturiert, wobei das Ganze jeweils in jedes seiner Teile eingebettet ist.

Nur zwei Beispiele von rätselhaftem Verhalten in der Quantenphysik: „Nichtlokalität: Partikel können gleichzeitig an zwei verschiedenen, beliebig weit auseinander entfernten Orten sein. Teilchen und Welle: Die Partikel sind nicht darauf festgelegt, Materie oder Energie zu sein, sondern können zugleich die Eigenschaften von klassischen Teilchen und von klassischen Wellen haben. Im Experimenten „entscheiden“ sie sich erst dann für einen von beiden, wenn sie durch einen Beobachter dazu „gezwungen“ werden“.(Indset,S.166) Wie und warum das so geschieht, ist bis heute ungelöst. Da bleibt nur Staunen.

„In ihrem Bemühen, diese neue Wirklichkeit zu begreifen, wurden die Wissenschaftler*innen sich schmerzlich dessen bewusst, dass ihre Grundbegriffe, ihre Sprache und ihre ganze Art zu denken nicht ausreichten, die atomaren Phänomene zu beschreiben.“ (Capra,S.78) Im Zuge dieser Grenzerfahrungen knüpfen die Wissenschaftler*innen Verbindung zu spirituellen und transzendenten Elementen. H.P. Dürr hat in diesem Sinne das Buch „Physik und Transendenz“ herausgegeben und bringt darin eine ganze Reihe von Beispielen: D. Bohm: „Die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften werden nur einen Sinn ergeben, wenn wir eine innere, einheitliche und transzendente Wirklichkeit annehmen, die allen äußeren Daten und Fakten zu Grunde liegt.“ A. Einstein: „Das schönste und tiefste Gefühl, das wir erfahren können, ist die Wahrnehmung des Mystischen. Sie ist die Quelle aller wahren Wissenschaft.“ Exemplarisch auch C. Bresch: „Man kommt ins Staunen und kann eigentlich nicht anders, als alles auf einen Ursprung zuführen, das heißt, davon auszugehen, dass im Ursprung des ganzen Universums diese Entwicklung bereits begründet ist. Und dann ist nicht mehr weit, Ehrfurcht vor diesem Geschehen zu verspüren und religiös zu werden.“ (Publik-Forum,  10/1994)

Im Gegensatz zum Dualismus haben die Quantenphysiker*innen die Begriffe Einheit, Ganzheit und Verbundenheit als dominierende Prinzipien ihrer grandiosen Entdeckungen benannt. Und dies als Wissenschaftler*innen. Wir hätten es eher von Psychologen und Philosophen erwartet. Wenn ich mich mit einer Person eng verbunden weiß, spüren wir beide Nähe, Freude, Verstehen, Verlässlichkeit, Sicherheit und Wohlergehen. Wenn einer Probleme, Schwierigkeiten hat, geschieht alles, um Trost, Hilfe Unterstützung zu geben, zum wieder Gutgehen, zur Genesung und erneutem Wohlgefühl. Analog können wir diese Merkmale einer engen menschlichen Beziehung auf die Allverbundenheit in Welt und Universum übertragen. H.P. Dürr geht einen Schritt weiter: „Denn Allverbundenheit, die wir Liebe nennen können und aus der Lebendigkeit sprießt, ist in uns und in allem anderen von Grund auf angelegt.“ Hätten wir längere Zeit schon nach diesen Prinzipien einer tiefen Verbundenheit gelebt, gewirtschaftet, so sähe die Welt wohl anders aus. Wenn es uns gelingt, Allverbundenheit zu verinnerlichen, gehen wir mit uns und allem behutsam, achtsam um. Wenn wir andres schädigen, zerstören, fällt es ja auf uns selber zurück. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, wir sind Teil der Natur, Teil des Ganzen. Dies erkannt, sprechen wir nicht mehr von“ Umwelt“, sondern von „Mitwelt“. Da alles miteinander verbunden ist, wer- den wir ganz andere Einstellungen zu unseren Mitmenschen, zu allen Tieren und Pflanzen, zur gesamten Natur verinnerlichen – Achtsamkeit, Mitgefühl. Achtsamkeit heißt schätzen, schützen, hegen und pflegen. Mit einem solchen Bewusstsein brauchen wir keine ethischen Appelle mehr.

Die gänzlich neuen Erkenntnisse in den verschiedenen Wissenschaftsbereichen haben zudem den verlorengegangenen Vorgang des Staunens wiederbelebt. Je absurder, je rätselhafter ihre Entdeckungen waren, umso größer war ihr Staunen. Staunen über die Rätsel, über die Großartigkeit und Schönheit des Lebens, der Evolution und des Kosmos. Es ist doch interessant, dass für die Mystiker in allen Religionen das Staunen ein wesentlicher Ausdruck ihrer Spiritualität war. Das gilt ebenso für die Naturreligionen.

In den Medien finden sich seit längerer Zeit vermehrt Berichte über die Schönheit, Klugheit und Lebensintelligenz bei Tieren und Pflanzen. Auch das löst Staunen, Bewunderung aus.  Der Biologen Stefano Mancuso betitelt sein Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ und beschreibt darin viele Beispiele. Allseits verblüffende Intelligenzleistungen, um gut zu leben, sich anzupassen, zu überleben.

Das Staunen-Können löst weitere, äußerst positive Prozesse aus. Was wir bestaunen, bewundern wir, schätzen wir, unterstützen wir, fördern, hegen, pflegen wir. Unser Handeln ist von Mitgefühl und Achtsamkeit getragen. In uns manifestiert sich das, was A. Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ nennt. So spricht er ebenfalls: „Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen.“

Noch ein Anlass zum Staunen: In immer mehr wissenschaftlichen Disziplinen wächst der Konsens, dass jedem Lebewesen die Fähigkeit zur Selbstorganisation gegeben ist. Der Biologe R. Sheldrake war wohl der erste. Er sprach 1981 von morphogenetischen Feldern. Seine Thesen waren umstritten. Der Biologe H. Maturana prägte später den Begriff „Autopoiesis“ (selbst schaffen, bauen). Dies beschreibt eine Selbsterhaltung bei Lebewesen, die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Gerald Hüther in neuerer Zeit: Gemeinsam ist allem Leben eine Fähigkeit zur Selbstorganisation, der Autopoiesis. (Wikipedia) Der Biologe S. Marcuso berichtet in seinem Buch, dass Pflanzen in sich und mit Ihresgleichen kommunizieren. „So hüten sie sich vor Gefahren, sammeln Erfahrungen und erkunden den eigenen Körper und ihre Umwelt.“ (S.85) Mit dieser Lebensintelligenz gelingt es den Lebewesen, ihr Leben zu meistern, gut zu leben, sich anzupassen, zu überleben.

„Die Zukunft ist weiblich“

Die Zukunft kann nicht rein weiblich sein. Aber längst überfällig ist, dass es zu einer echten Balance zwischen Frauen und Männern kommt. Die Männer müssen das endlich zulassen, die Frauen kämpfen schon lange darum. Wenn die Wende zu einer nachhaltigen Zukunft gelingen soll, ist auch diese Änderung essenziell. Der Zustand der Menschheit, der Natur, des Planeten ist rein „männergemacht“. Das Leben, die Menschen, die Natur, die Ressourcen, die Lebensräume, das Klima werden wegen einer immer größeren Gewinnspanne, dem Profit, einem unbegrenzten Wachstum auf einem begrenzten Planeten gnadenlos und unverantwortlich geopfert. Solange Männer alleine entscheiden, wird das so bleiben. A. Indset zitiert den amerikanischen Psychiater D. Amen, der sich mit den Stärken von Frauen beschäftigt. „Amen führt fünf Stärken von Frauen auf, die sie in besonderer Weise als Führungskräfte qualifizieren: Empathie, Zusammenarbeit, Intuition, Selbstkontrolle und Verantwortungsbewusstsein.“ (Indset, S.111) Demnach sind Frauen sogar besonders geeignet Führungsarbeit im 21. Jahrhundert mitzutragen. Hier und überall müssen in den familiären, den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozessen die Frauen gleichgewichtig mit ins Boot genommen werden. Entscheidend wird sein, dass Frauen an allen Entscheidungen mitentscheiden.

Vorsicht ist geboten, da aktuell ein Erstarken des Patriarchats durch die Rechtpopulisten wieder wächst. Grundsätzlich wird es von einem großen Vorteil sein, wenn wir nach einem doch möglichen humanitären und ökologischen „Supergau“ für die Zeit danach mehr oder weniger fertige Konzepte für eine andere, bessere Welt in Händen haben.

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Persönliche Erklärung: Ich bin Laie und engagiere mich seit ca. 40 Jahren in verschiedenen Organisationen – mein Schwerpunkt ist der „Konziliare Prozess“ für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Natur, der Schöpfung. Ich bin Mitglied im „Ökumenischen Netz Bayern“ und war dafür auch bundesweit unterwegs. Bitte auch den Text: „Am Morgen einer besseren Welt“ im NETZ-Info 2020/1 beachten.

Wenn das Menschenbild sich ändert, ändert das alles

Von Astrid Reimann

„Edward Deci, ein junger Psychologe, arbeitete an seiner Doktorarbeit, es war eine Zeit, in der die Psychologie in den Bann des sogenannten Behaviorismus geraten war. Die Theorie ging (wie Frederick Taylor) davon aus, dass Menschen durch und durch passive Wesen waren. Wir würden uns nur für eine Belohnung oder aus Angst vor Strafe in Bewegung setzen.

Aber Deci hatte das Gefühl, dass an dieser Theorie was nicht stimmte. Die Menschen tun ständig seltsame Dinge, die nicht ins behavioristische Weltbild passen Man denke ans Bergsteigen (anstrengend!), Freiwilligenarbeit (unbezahlt!) und Kinderkriegen (heftig!). Wir tun die ganze Zeit Dinge, die kein Geld einbringen und sogar sterbenslangweilig sind, ohne dazu gezwungen zu werden.

In diesem Sommer macht Deci eine seltsame Entdeckung: Manchmal sorgen Zuckerbrot und Peitsche dafür, dass die Leute weniger geben als ihr Bestes. Als er Studenten ein paar Dollar zahlte, um ein Räsel zu lösen, ließ ihr Interesse daran nach.“ (S. 296)

Dieses und weitere Videos auf →  ASRA bloggt

Das ist aus dem Buch „Im Grunde gut“ von Rutger Bregmann (Rowohlt 2020). Bregman beschreibt zahlreiche Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass Geldanreize und Boni die Motivation zerstören und die Moral abstumpfen und dass Zielvorgaben die Kreativität lahmlegen.

Eigentlich kennen wir das alle. Aber: Niemand will was davon wissen. Peci wurde ausgelacht. Unser Rechtssystem, unsere Wissenschaft, unsere Schulen, unser Wirtschaftssystem, die Politik, unsere ganze Gesellschaft geht davon aus, dass Menschen von Natur aus egoistisch sind und misstrauisch und nur Kontrolle, Strafen und Anreize uns davon abhalten, uns gegenseitig zu belügen, zu betrügen und an die Gurgel zu gehen.

Ich hab das noch nie geglaubt. Nächtelang habe ich mit meinem Vater darüber gestritten. Er war zutiefst davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus böse ist und die Zivilisation nur ein hauchdünner Überzug über unserer gewalttätigen Natur. Das Buch von Rutger Bregman hätte ich ihm gern zu lesen gegeben. Und noch ein anderes: „Gewalt“ von Steven Pinker (Fischer 2013). Beide haben den Untertitel: „Eine neue Geschichte der Menschheit“.

Die Evolution geht nicht in Richtung Gewalt – im Gegenteil

Als ich Pinker las, war ich begeistert: Da bewies ein Wissenschaftler, Psychologe, anhand unzähliger Beispiele und Statistiken aus der gesamten Menschheitsgeschichte, dass die Evolution der Menschheit nicht in Richtung mehr Gewalt, Mord, Vergewaltigung und Krieg geht sondern im Gegenteil die Gewalt immer weiter zurückgegangen ist und immer stärker geächtet wird. Es stimmt ja: wir gehen sonntags nicht mehr mit unseren Kindern zur Hinrichtung. Statt uns Gladiatoren-Kämpfe gegen wilde Tiere anzusehen, sorgen wir uns um Tierrechte und werden Veganer. Und dicke Burgmauern als Schutz vor Räubern brauchen die meisten von uns auch nicht mehr.

Interessant ist Pinkers Gedanke, dass die Erfindung des Buchdrucks, die vielen Menschen das Lesen möglich machte, und das Lesen von Romanen dazu wesentlich beigetragen haben. Wenn man sich mit einem Romanhelden/einer Romanheldin identifiziert und die Welt aus ihrer Perspektive sieht, lernt man, dass man alles auch ganz anders sehen kann. Man versteht andere Menschen besser und übt den Perspektivenwechsel.

Pinker sagt aber auch, dass Empathie nicht reicht – und sogar ungerecht sein kann. Ist es gerecht, wenn ich denen und nur denen helfe, mit denen ich mitfühle, die mir nahe stehen, die besser aussehen, sympathischer sind etc.? Er sagt, dass es für Gerechtigkeit entscheidend ist, einen starken Staat zu haben, mit Gewaltenteilung, Gewaltmonopol und konsequenter Rechtsprechung, mit einem Wort: die Zivilisation.

Pinker zeigt, dass der Einfluss von Frauen in direktem Zusammenhang steht mit Gewaltlosigkeit in einer Gemeinschaft. Er zitiert Tsutomu Yamaguchi, den einzigen Menschen, der zwei Atombombenangriffe überlebt hat: „Die einzigen Menschen, denen man gestatten sollte, Staaten mit Atomwaffen zu regieren, sind Mütter – Frauen, die ihre Babys noch stillen.“ (S. 1016)

Eine weitere Ursache für den Rückgang der Gewalt in der Menschheitsgeschichte sieht Pinker im Rückgang von Religionen, Ideologien, autoritären Strukturen sowie in der Stärkung individueller Freiheit.

Was mich stört an seinem Buch, ist, dass er die 68er dafür verantwortlich macht, dass damals die Gewaltzahlen anstiegen, vor allem in den USA. Der Grund dafür, argumentiert er: Selbstbeherrschung sei zum konservativen, spießigen Wert erklärt worden, den man überwinden wollte, und Regelverletzungen hätten das Rechtsempfinden aufgeweicht. Pinker überschätzt den Einfluss der „68er“. Sie waren eine verschwindend kleine Minderheit, ihr Einfluss war nicht so groß, dass er die Gewaltzahlen in den USA in die Höhe hätte treiben können. Dafür waren andere Faktoren verantwortlich: u.a. eine rigorose Hardliner-Politik, die extrem rassistisch und ideologisch war. Es war ja gerade die 68`er-Bewegung, die die Stärkung individueller Freiheit ein großes Stück vorangebracht hat, nach der Nazizeit und der engstirnig-verlogenen Moral der 50er-Jahre.

Rutger Bregman, Historiker, Autor und Aktivist, zeigt in seinem Buch „Im Grunde gut“: Pinkers Zahlen stimmen nicht.

Survival of the Friendliest

Bregman akzeptiert nichts unhinterfragt, selbst „gesicherte Erkenntnisse“ wissenschaftlicher Berühmtheiten nicht, die in den Lehrbüchern stehen und als Standard gelten. Detektivisch entlarvt er die Mythen von Mord und Totschlag, die überall für ewige Wahrheiten gehalten werden.

Pinkers Thesen über die extrem gewalttätige Urzeit des Menschen sind durch keinerlei archäologische Funde belegt. Im Gegenteil. Die allererste Zeit der Menschen, der Jäger und Sammler, war wahrscheinlich die friedlichste. Ein Hinweis sind die Jäger- und Sammler-Kulturen, die es heute noch gibt. Und alle „Entdecker“ weltweit haben sich immer wieder gewundert über die Freundlichkeit, Friedlichkeit und Großzügigkeit der sogenannten Naturvölker überall auf der Welt. (Und haben sie übelst ausgenutzt.)

Jäger und Sammler gab es nicht so viele, wir konnten uns aus dem Weg gehen. Wir lebten in Gruppen von höchstens 150 Leuten, die sich alle kannten und hatten ein großes soziales Netzfeld. Wenn man bei der Jagd auf ein Mammut „Fremde“ traf, war es sinnvoller, sich zusammen zu tun zur Jagd. Krieg machte überhaupt keinen Sinn.

Als Jäger und Sammlerinnen sind wir umhergezogen, haben andere Menschen und Kulturen kennengelernt, von denen wir alles Mögliche lernen konnten. So konnten sich Erfindungen und Wissen weiterverbreiten. Nach Bregman war genau DAS der Grund dafür, dass wir Menschen so schlau geworden sind.

Wenn man intelligente Hunde züchten will, muss man die Freundlichsten auswählen. Für Jäger und Sammler hat sich Friedlichkeit gelohnt. Survival of the Friendliest.

Und wofür sollten die Jäger und Sammler auch kämpfen? Es gab noch keinen Besitz, kein Land in Privatbesitz, um das man sich hätte streiten können.

Kain, der Ackerbauer, hat seinem Bruder Abel, dem Nomaden und Viehhirten, die Weideflächen weggenommen und eingezäunt. „Privat“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „geraubt“. Und dann brachte er ihn auch noch um, weil der Nomade dem Gott besser gefiel. Erzählt hier die Bibel vielleicht die Geschichte der Verdrängung der Jäger und Sammler durch die Ackerbauern? Das war so eine Idee, die ich dazu hatte. Aber jetzt weiter mit Bregmans Buch:

Bequemlichkeit erzeugt Gewalt

Die Gewalt fing an mit der Erfindung der Bequemlichkeit. Die ersten Ackerbauern haben gedacht, sie könnten sich Arbeit sparen, wenn sie die Körner nicht mehr sammeln und direkt aufessen, sondern aufbewahren und aussäen. Sie ahnten nicht, dass sie mit dem Bauen von Speichern, Zäunen und Mauern, mit dem Beackern, Wässern und Düngen der Felder und dem Besorgen von Futter für die Tiere viel mehr Zeit mit der Beschaffung von Nahrung verbringen würden als die Jäger und Sammler. Sie wussten auch nicht, dass sie durch das Zusammenleben in den Dörfern und Städten, auf engstem Raum auch mit Tieren, krank werden würden. Masern stammen von der Kuh, die Grippe vom Zusammenleben von Menschen, Schweinen und Enten. Bauern bewegten sich weniger und unnatürlicher und ernährten sich einseitig und ungesünder.

Es gab auf einmal Zäune. Und Besitz. Das Land, auf dem man sitzt. Wer das verteidigen konnte, war der Besitzer.

Noch etwas, das zu Hierarchie, Unterdrückung und Gewalt geführt hat: Während in der Vor-Zeit Männer und Frauen noch so gut wie gleichberechtigt waren und die Erziehung von Kindern als gemeinsame Aufgabe angesehen wurde, wurde beim Ackerbauern die gesicherte Vaterschaft wichtig, und zu seinem Besitz gehörten dann auch bald Frauen und Kinder.

Die Gewalt hat abgenommen von der Antike bis heute, da sind Pinkers Zahlen belegt und der Trend macht Hoffnung. Nur komisch: niemand glaubt daran. Die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, ist eine andere.

Schon in der Schule bekommen wir eine Menschheitsgeschichte von Macht, Gewalt und Kriegen erzählt. Und diese Erzählung geht weiter: Jeden Tag sehen, lesen und hören wir in den Nachrichten von Gewalt. Man zeigt uns fast ausschließlich schlechte Nachrichten.

Ich zitiere nochmal Bregman: „Eine kürzlich durchgeführte britische Studie ergab, dass sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (74 Prozent) eher mit Werten wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit als mit Geld, Status und Macht identifiziert. Aber die Forscher fanden auch heraus, dass der größte Anteil – 78 Prozent – der Meinung ist, dass andere egoistischer sind, als es in Wirklichkeit der Fall war.“ (S. 298)

Die Geschichte des Friedens wird nicht erzählt.

Bregmans Buch ist revolutionär. Er beweist anhand von Erkenntnissen aus Biologie, Psychologie, Soziologie, Geschichte, Archäologie u Ökonomie, dass der Mensch von Natur aus eher gut ist als böse. Bregmann führt die neusten Erkenntnisse aus den verschiedensten Wissenschaften zusammen.

Nur: Jeder, dem ich davon vorschwärme, guckt mich ungläubig an. Das ist doch naiv. Das ist doch unrealistisch.

Von wem stammen wir lieber ab: den Schimpansen oder den Bonobos?

Was ist denn mit den Schimpansen? Das sind doch unsere engsten Verwandten im Tierreich: die sind aggressiv und führen sogar Kriege. Die Antwort: Wie kommt es, dass auch gebildete Menschen noch nie was von den Bonobos gehört haben? Mit denen sind wir genauso eng verwandt wie mit den Schimpansen – und die bringen sich nicht gegenseitig um sondern regeln ihr Miteinander friedlich. Hauptsächlich mit Kuscheln und Sex.

Und was ist mit den Experimenten: Milgram, Stanford usw., wo berühmte Wissenschaftler „bewiesen“ haben, dass Menschen dazu gebracht werden können, anderen tödliche Stromschläge zu verpassen, und wo willkürlich eingeteilte Studenten zu den grausamsten Gefangenenwärtern wurden? Bregman zeigt: das Stanford-Prison-Experiment ist eine Fälschung. Die „Wärter“ hatten nicht von sich aus die grausamen Regeln aufgestellt – sie wurden angeleitet und unter Druck gesetzt. Zimbardo wurde damit berühmt. Die BBC wollte 2001 das Experiment unter strenger Aufsicht wiederholen – das passte in den Trend des Reality-TV. Es wurde die langweiligste Show der Fernsehgeschichte und sie wurde vorzeitig abgebrochen. Es passierte nämlich: Nichts. Die Wärter und die Gefangenen spielten Karten, gingen zusammen essen und Bier trinken und wollten eine Kommune gründen. Der einzige Unterschied zum Stanford-Experiment: die Psychologen gaben keinerlei Anweisungen.

Menschen sind nicht gehorsam, sondern Mitmacher

Stanley Milgrams Experiment, bei dem 65 % der Teilnehmer den „Schülern“, die nicht lernen wollten, auf Anweisung Stromstöße bis zur tödlichen Dosis von 450 Volt gaben – so wurde ihnen vorgespiegelt -, ist noch berühmter. Das Experiment ging als Sensation durch die Weltpresse, es war die Zeit der Eichmann-Prozesse. Milgram wurde damit berühmt.

Auch er hat manipuliert. Die Versuchspersonen wurden unter Druck gesetzt – und nur die Hälfte glaubte, dass sie dem Schüler wirklich Schmerz zufügten. Trotzdem: es bleiben beunruhigend viele übrig, die bereit waren, auf Anweisung anderen Schmerz zuzufügen. Wie kann das sein? Die Antwort der Psychologen Alex Haslan und Steve Reicher: weil sie Gutes tun wollten!

Solange die Versuchsleiter betonten, dass es für die Wissenschaft notwendig sei, dass sie weitermachten, drückten die Teilnehmer den Knopf, auch gegen größte Bedenken. Sobald die Psychologen aber ruppig wurden und Befehle erteilten, hörten sie sofort auf. Alle. Sie wollten der Wissenschaft weiterhelfen. Es ging in dem Experiment nicht um Gehorsam, es ging um Konformismus.

Die Teilnehmer, die abgebrochen haben, haben

  • mit dem Opfer gesprochen
  • den Versuchsleiter auf seine Verantwortung angesprochen und
    sich mehrmals geweigert weiterzumachen.
  • Widerstand kann man üben. Dabei hilft eine Kultur der Solidarität. Das beste Beispiel ist Dänemark, das in einer beispiellosen Solidaritätsaktion nahezu aller Bürger*innen 99% seiner Juden vor den Nazis gerettet hat.

Auch in den Krieg ziehen Soldaten nur, wenn sie überzeugt sind, ihrem Land etwas Gutes zu tun, Menschen zu retten und zu befreien. Der Feind muss ein Unmensch sein, sonst schießt man nicht auf ihn sondern feiert mit ihm Weihnachten wie 1914 an der Westfront.

Und wie kommt es, dass Menschen andere Menschen in den Krieg schicken?

Kriege werden von denen angezettelt, die Macht haben. In einer hierarchischen Gesellschaft. Es geht immer um Macht. Und Macht korrumpiert. Und es kommen viel zu oft die Falschen an die Macht. Unsere westliche Gesellschaft ist so aufgebaut, dass der Soziopath, der sich nicht um die Meinung Anderer schert und keine Scham kennt, den höchsten Managerposten bekommt und an die Spitze der politischen Macht gelangt. „Survival of the shameless“. Wenn egoistisches Verhalten belohnt wird, ist der Egoist im Vorteil. Unsere Spielregeln sind falsch.

Die Spielregeln ändern

Solange wir die Spielregeln nicht ändern, wird es Gewalt und Kriege geben.

Die gute Nachricht: genau das geschieht gerade überall auf der Welt: Die Spielregeln werden geändert.

  • In Porto Allegre/Venezuela haben die Bürger das Wort und bauen Schulen und Krankenhäuser und legen Strom in die Armenviertel.
  • In Irland regieren Bürgerparlamente, die Mitglieder werden ausgelost. Alle sind sehr zufrieden mit ihrer Arbeit.
  • Die Aktion „Bedingungsloses Grundeinkommen“ berichtet faszinierende Geschichten von ihren Gewinnern.
  • In den Niederlanden hatten ein paar Pfleger die Nase voll vom kommerziellen Pflegebusiness und haben mit ihrer menschlichen und bedürfnisorientierten Alternative „Buurtzorg“ mehrere Preise gewonnen.
  • In Alaska werden die Einnahmen aus den Ölvorkommen bedingungslos an alle Bürger*innen verteilt.
  • Norwegische Gefängnisse betrachten es als ihre Aufgabe, die Insassen auf das normale Leben vorzubereiten. Sie müssen arbeiten, die angenehm eingerichteten Zellen haben Türen statt Gitterstäben, es gibt Freizeitangebote. Die Wärter essen mit den Insassen am selben Tisch. Reden mit ihnen. Norwegen hat die niedrigste Rückfallquote an Schwerverbrechen der Welt.

Das sind nur ein paar Beispiele. Bregmans Buch ist total inspirierend und macht Mut. Es ist ein Sachbuch, Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte, und liest sich spannend wie ein Krimi. Meine Begeisterung würde sich in Grenzen halten, wenn Bregman ein naiver Romantiker wäre. Das ist er nicht.

Auf Seite 118 schreibt er: „Es wäre nämlich falsch, unsere Vorfahren übermäßig zu romantisieren. Der Mensch war noch nie ein Engel.“ Und weiter: „Natürlich hat es immer Menschen gegeben, die sich nicht an diese Ehrlich-teilen-Etikette gehalten haben. Aber damit gingen sie ein hohes Risiko ein, denn wer sich arrogant oder gierig verhielt, konnte verbannt werden.“

… und das war meistens tödlich. Das waren die Spielregeln. Unsere Spielregeln bringen die Gierigen und Gewalttätigen an die Macht. Lasst uns die Spielregeln ändern.

Und was hat das nun alles nun mit Corona und dem Einkaufswagen zu tun?

Fritz Breithaupt, Literatur-, Kultur- und Kognitionswissenschaftler an der Indiana University Bloomington, schreibt in der ZEIT vom 23.4.2020: „Wir wissen von Krisen der Vergangenheit, dass sie zumeist genau dann vorbei sind, wenn sich ein Narrativ durchsetzt, das die Ereignisse zusammenfasst. Diese erzählerische Sinngebung entfaltet eine Langzeitwirkung, die stärker als die Krise sein kann.“

Er benennt fünf Geschichten über die Corona-Krise, die gerade erzählt werden:

„Alles soll schnell wieder sein wie zuvor.“
„Aufstieg der totalen Kontrolle – (…) Apps kontrollieren jede Bewegung, (…) Gesetze zum Datenschutz werden aufgeweicht.“
„Die Stärke der kollektiven Aktion (…) Wir leisten freiwillig, was andernorts harschen Zwang erfordert und überwinden so gemeinsam die Krise. Gewinner ist eine Menschlichkeit, die Verwundbarkeit zulässt.“
„Das Narrativ der Depression“ „Bilder des Leidens. Menschen sterben allein; die Städte sind leer; Menschen haben keine Aufgabe…“
„(Das) Versagen(s) der egomanischen Mächtigen (…) Trump, Orban, Putin und Bolsonaro: die falschen Helden fallen. Und die Krise führt zu einem globalen Umdenken. Befürworter der weltweiten Kooperation werden stärker; Wissenschaft und Vernunft gewinnen. Was nahezu unmöglich erschien, wird wahr: Die Welt beschließt Klimaschutz.“
Welche Geschichte wird sich durchsetzen? Welche Geschichte wollen wir erzählen? Wir haben es in der Hand.

Stell Dir vor, jeder Mensch lebt in Würde und unser wundervoller Planet atmet auf

von Dieter Höntsch

– es ist Frieden auf der Welt, die Menschen gehen wertschätzend miteinander um, egal welche Hautfarbe sie haben, egal welche Bildung sie haben,
– jeder Mensch hat, was er braucht zum Leben, keiner leidet mehr Not,
– die Tiere und Pflanzen gedeihen in all ihrer Vielfalt,
– die Landschaften und Meere sind sauber und entfalten ihre Faszination,
– das Klima ist im Gleichgewicht, keine in einem erdgeschichtlich unvorstellbaren Tempo schwindenden Gletscher, kein anwachsender Meeresspiegel,
– wir Menschen leben in einer lebenswerten und menschenwürdigen Welt, wir sind gesund dank gesunderhaltender Lebensweise, wir sind voller Leistungsfähigkeit, voller Lebensfreude und entfalten unsere Potenziale,
– wir haben die Möglichkeit, zum Gemeinwohl beizutragen, was uns erfüllt, ohne Druck,
– wir sind zufrieden und dankbar für alles, was uns an Wundervollem vergönnt ist,
– wir können uns glücklich fühlen, gemeinsam mit dem Partner, mit Kindern, Enkeln, Urenkeln und anderen Familienangehörigen, mit Freunden, mit Arbeitskollegen, mit Menschen, die uns sonst noch nah sind oder uns begegnen.

Alles nur ein Traum?

Nein, es ist möglich! Nicht gleich morgen, denn es ist schon ein großes Stück Weg, das wir gemeinsam gehen müssen. Es liegt an uns, wie lange wir für den Weg brauchen, wie lange es braucht, bis immer mehr von uns gelernt haben, umzudenken und eigenes Handeln zu verändern.

Nur Hirngespinnste, sagt der Pessimist

Die Mächtigen streben eher nach immer mehr Macht, als dass sie etwas davon abgeben, die meisten Wohlhabenden sind voller Gier nach mehr und klammern sich an ihren Reichtum. Und all die anderen müssen die Leere in ihrem Leben immer wieder füllen, indem sie konsumieren, um wenigstens Augenblicke des Glücks zu erleben, um nicht etwa weniger zu besitzen, als der Nachbar.

Ein realistischer und in naher Zukunft erreichbarer Traum, meine ich

Warum streben die Mächtigen nach immer mehr Macht, die Wohlhabenden nach immer mehr Reichtum und all die anderen nach mehr Konsum? Weil sie wie jeder Mensch Bedürfnisse haben, die sie sich erfüllen möchten. So lehrt es u.a. Marshall B. Rosenberg, der die Methode der Gewaltfreien Kommunikation entwickelt hat.

Menschen wollen unter anderem
– bedeutsam sein,
– Bestätigung erfahren,
– Erfolg haben,
– dazu gehören oder
– wertgeschätzt werden.

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich wirksam sein möchte, weil mir Frieden, Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit besonders wichtig sind. Texte zu schreiben, ist eine meiner Strategien, um mir Bedürfnisse zu erfüllen.

Leider haben die Strategien, mit denen sich Menschen Bedürfnisse erfüllen wollen nicht selten einen sehr hohen Preis – Menschenleben, menschliches Leid, Verlust an Lebensqualität, Verlust an Artenvielfalt und vieles mehr.

Lassen sich durch Erweiterung von Macht, Anhäufung von Reichtum oder dauerndem Konsum wirklich Bedürfnisse erfüllen? Was wir mit diesen Strategien erreichen können, das sind bestenfalls Momente des Glücks, Glückssternschnuppen vielleicht. Um Glücklichsein als andauerndes Lebensgefühl, die Sterne des Glücks, zu erfahren, braucht es andere Strategien.

Zum Glück gibt es Strategien, mit denen wir uns unsere Bedürfnisse nachhaltig erfüllen können. Sie kosten in der Regel kaum etwas und sind ausgesprochen erfolgversprechend. Meist sind diese Strategien ganz einfach. Ich bin zum Beispiel zu tiefst glücklich, wenn ich mich auf das Spiel meiner Enkel einlasse, einfach nur Zeit investiere. Dadurch erfüllen sich meine Bedürfnisse nach Freude, Liebe, Spiel, Unterstützung, Ausgelassenheit, Leichtigkeit und Spaß. Wir können natürlich auch Großes vollbringen, um uns Bedürfnisse zu erfüllen, beispielsweise die Not anderer Menschen lindern. Doch selbst das so selten gewordene „Danke!“ wieder in unseren Alltag zu integrieren, hilft uns, uns Bedürfnisse zu erfüllen, die nach Freundlichkeit und Wertschätzung im Miteinander zum Beispiel. Probieren Sie es aus, es tut wirklich gut.

Klingt zu einfach, um wahr zu sein? Übung macht dem Meister. Üben Sie sich darin, Strategien für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu finden, die kaum etwas kosten, die Ihr Leben jedoch wahrhaft bereichern. Und praktizieren Sie das, was Sie finden immer öfter. Solches Verhalten in sein Alltagsleben zu integrieren, braucht allerdings doch etwas mehr, es braucht die Bereitschaft, immer wieder hinzuzulernen und die Beharrlichkeit, das Erlernte zu leben. Wer in solches Lernen und Handeln investiert, der erzielt eine wahrlich hohe Rendite, die eines erfüllten Lebens. Und er gesellt sich zu jenen, die sich auf den Weg in eine lebenswerte und menschenwürdige Zukunft begeben. Ich meine, Heinz Rudolf Kunze hat recht, wenn er singt:

„Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen.“

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

von Peter Zettel

Das unterscheidet uns Menschen von den Tieren: Sie tragen einfach keine Maske, hinter der sie sich verstecken. Obwohl, eigentlich ist es genau umgekehrt. Habe ich eine Maske auf, verberge ich nicht mich selbst, sondern ich hindere mich daran, den anderen wahrzunehmen.

Wie ich darauf komme? Kürzlich war ich auf einer Familienaufstellung, ohne irgendwelchen esoterischen und metaphysischen Schnick-Schnack. Dabei fielen mir zwei Dinge auf. Weiterlesen

von Peter Zettel

Wenn doch alles ganz anders ist, wieso ändert es sich dann nur so selten? Ganz einfach: Weil vielen das eigene Selbst wichtiger ist als die Wahrheit, zumindest wichtiger als die, die wir erfassen können. Étienne de La Boétie hat das in seiner „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“ wunderbar belegt. Aber leider hat er nur das Symptom beschrieben, nicht die tatsächliche Ursache. In seiner Abhandlung vertritt er die These, dass die Unterdrückung vieler Menschen durch einen Einzigen nur solange möglich sei, wie die vielen sich unterwerfen, statt sich kollektiv zu widersetzen. Weiterlesen

von Peter Zettel

Wie gelingt Veränderung? Das ist die Frage, die wohl sehr viele Menschen interessiert. Denn was nützen die stimmigste Idee und die beste Absicht, wenn sie nicht umgesetzt werden können. Das ist meist keine Frage fehlenden Willens, sondern eine einfache Folge fehlenden Wissens über die funktionalen Zusammenhänge neuronaler Prozesse. Dabei ist es, bedenkt man es genau, ziemlich logisch und liegt letztlich auf der Hand. Aber man muss es eben wissen.

Das Gehirn denkt nicht nur, es speichert vor allem

Unsere Überzeugungen, unsere Ansichten, unsere Meinungen – also all das, was wir entweder wissen wie auch das, was wir zu wissen glauben, richtige und unrichtige Ansichten – sind ja alle auf die ein und selbe Art und Weise in unserem Gehirn gespeichert. In diesem neuronalen Archiv gibt es keine Abteilung für „Richtiges“ oder „Falsches“. Es gibt nur eine einzige neuronale Struktur, die aber ist verdammt komplex. Erkenne ich beispielsweise, dass das Essen von Schokolade für meinen Körper ungesund ist, muss ich alle Ereignisse und Erlebnisse, die mit Schokolade zu tun haben, vor allen Dingen die positiven, in meinem Gehirn ausfindig machen, mit der neuen Information ergänzen – aber bitte auf die richtige Art und Weise, also überlegt und sehr bewusst und nicht „einfach so“ – und das Ganze dann wieder abspeichern.

Wie ich das im Einzelnen mache, muss ich nicht wissen, denn ich kann es ja. Aber wissen muss ich eben, dass jede Erinnerung, jede Information wie jeder Irrtum und wie jede Annahme auf vielfältigste Art und Weise in der neuronalen Struktur meines Gehirns repräsentiert wird. Das verlangt von mir als erstes eine gehörige Portion Gleichmut, um akzeptieren zu können, dass in diesem neuronalen Archiv, zu dessen Gesamtaktivität ich immer „Ich“ sage, bedauerlicherweise auch jede Menge Unfug gespeichert ist. Einfacher wird es dann, wenn ich bereit bin zu erkennen, dass die Überzeugung des aus sich selbst heraus existierenden „Ich“, also meiner Annahme über meine Identität, möglicherweise auch eine unzutreffende Information ist. Was ja, bedenkt man die Gedanken zur gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, nicht wirklich von der Hand zu weisen ist. Aber es hilft mir ungemein dies zu akzeptieren, wenn ich mir klarmache, dass ich auch weiterhin auf dem Stuhl sitzen werde, auf dem ich gerade sitze, wenn diese Überzeugung, die ich von mir selbst habe, gerade wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Was ändert sich denn tatsächlich? Überhaupt nichts!

Die Realität hinter der Realität

Stellen Sie sich vor, Sie sind im Zirkus und schauen einem Magier zu. Sie wissen ganz genau, dass er die junge, hübsche Dame nicht wirklich auseinander sägt, sondern dass er durch einen Trick eine Illusion erzeugt, auf die nicht Sie hereinfallen, sondern Ihr Wahrnehmungssystem. Entweder, es hat sich ablenken lassen und in die falsche Richtung geschaut, oder es hat etwas einfach nicht gesehen, weil es geschickt verborgen war. Die wirklich interessante Frage, und die können wir uns nicht oft genug stellen, ist, warum wir immer glauben, „wir“ hätten uns geirrt, wenn doch nur unser Wahrnehmungssystem schlicht und einfach etwas nicht wahrgenommen hat? Das ist ähnlich wie mit Partnern und Kindern. Mir liegen sowohl meine Partnerin wie auch meine Kinder sehr am Herzen. Doch wenn sie etwas machen, das nun wirklich nicht richtig ist, dann ist das allein ihre Sache und hat nichts mit mir zu tun. Ersteinmal.

Nehme ich es doch persönlich, dann wäre das eine übergreifende oder wohl eher noch übergriffige Identifizierung. Zwar sind wir alle Eins, doch wir müssen uns gleichermaßen als eigenständige Individuen nicht nur sehen, sondern auch anerkennen und respektieren, was zugegebenermaßen eine echte Herausforderung sein kann. Aber natürlich nur für unser Ego. Und das sind wir ja nicht, Gott sei Dank. Jedenfalls dann nicht mehr, wenn wir aufgehört haben, uns mit ihm zu identifizieren. Und das ist, jedenfalls denke ich das, genau der Casus Knacktus, der Kern der Sache, der entscheidende Punkt. Entweder, ich denke noch egoistisch und werde demzufolge mehr oder weniger, aber immer noch, in die falsche Richtung laufen. Und es kommt nicht darauf an, ob diese Richtung ein mehr oder weniger falsch ist. Sie ist einfach falsch. Sobald sich auch nur die Andeutung eines ich-bezogenen Denkens in meine Überlegungen einschleicht, bin ich, im gleichen Moment, auf der falschen Spur. Und da hilft dann auch kein Relativieren oder sonst irgendein rhetorischer Trick mehr.

Wer denkt, spricht und tut da eigentlich? 

Selbstverständlich sage ich immer noch „ich dachte …“ und so fort. Aber das ist ein sprachliches „Ich“. Zu sagen, dass „er“ erkannt hat, wenn man sich selber meint, klingt einfach nur abgehoben. Na gut, zum Spaß schreibe ich schon mal „es denkt“. Aber das war es dann auch schon. Wir haben eben, was schon die Physiker bedauert haben, eine Sprache, mit der es uns ziemlich schwerfällt, die Komplexität des Lebens abzubilden. Und wenn wir Komplexität nicht verstehen, erscheint sie uns leicht als kompliziert – was sie aber nicht ist. Also bleibt mir nur das einzig Sinnvolle übrig: Ich höre auf, „mich“ mit den Produkten und Ergebnissen der neuronalen Aktivität meines Gehirns zu identifizieren. Betrachte ich das Gehirn als eine technische Meisterleistung, die mir erfreulicherweise zur Verfügung steht, dann ist alles im grünen Bereich. Das Motorrad, das ich fahre, soll mir Freude machen, aber ich sollte mich tunlichst nicht damit identifizieren! Materielle Dinge sind ein sehr gutes Beispiel, wie ich letztlich mit allen Dingen umgehen sollte. Wenn ich sie nicht besitzen will, kann ich mich an vielen Dingen erfreuen. Will ich sie aber besitzen, dann werde ich gierig, da ich die Dinge ja besitzen muss, um mich an ihnen erfreuen zu können! Meinen Körper – und damit auch mein Gehirn – mit meinem Motorrad zu vergleichen und beides als einen guten und interessanten Gebrauchsgegenstand anzusehen, ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber letztendlich stimmt es.

Mein Körper verändert sich kontinuierlich, aber ich bin irgendwie immer noch derselbe. Also muss ich mir sehr gut überbelegen, womit ich mich identifizieren will. Am besten wohl mit gar nichts! Je weniger ich mich mit irgendetwas identifiziere, desto leichter fällt es mir, das auch zu verändern. Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn ich muss nicht „mich“ ändern oder verändern oder neu organisieren, nein, mein Gehirn muss neu strukturiert und organisiert werden. Und das fällt mir eben leichter, je weniger ich mich damit verwechsle. Identifiziere ich mich überhaupt nicht mehr mit dem, was da zwischen meinen Ohren passiert, dann funktioniert es am leichtesten. Doch das bedeutet nun nicht, dass es beliebig sein könnte, was da geschieht. Das Gehirn ist so etwas wie ein Werkzeug. Mit wohl ziemlich jedem Werkzeug kann man andere Dinge zerstören oder eben gestalten. Wenn ich wie ein Gestörter mit meinem Motorrad durch die Gegend krache, dann kann ich auch nicht sagen ‚Entschuldigung, das war mein Motorrad!‘, sondern ich muss die Verantwortung dafür übernehmen, wie ich es benutze. Und das gilt genauso auch für mein Gehirn. Es gibt viele Gründe, warum ich das Falsche tue oder denke. Manche Dinge passieren einfach aus Unwissenheit, aus Unachtsamkeit oder warum auch immer. Eines aber bleibt immer gleich. Ich muss die Verantwortung dafür übernehmen. Wer auch sonst sollte die Verantwortung für das übernehmen, was ich denke oder tue? Das kann ich doch nur selbst!

Auch das noch: Verantwortung übernehmen!

Und genauso ist es auch mit der Veränderung. Ich muss die Verantwortung dafür übernehmen und mich informieren, was notwendig ist. Bei solchen Stellen fällt mir immer Dürers Kunstverständnis ein. Kunst, sagte er, sei gewaltig und der Künstler gewalttätig, weil er sich den anderen mit seiner Kunst zumutet. Die Voraussetzungen für Kunst waren nach seinem Verständnis vier Punkte: Wissen, Begeisterung, Streben nach Perfektion, was keinesfalls als Perfektionismus missverstanden werden darf, und eine eigenständige, unabhängige Meinung, was ich auch nicht als eigenbrötlerisch missverstehen darf. Betrachte ich dieses Kunstverständnis Dürers, dann wird bei den letzten beiden Punkten deutlich, wie verfänglich konventionelles Denken ist. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass konventionelles Denken die absolute Garantie dafür ist, sich nicht zu ändern. Also ist die spannende Frage, wie ich mich aus konventionellem Denken lösen kann. Es ist wie immer im Leben. Ich muss etwas grundsätzlich anders machen. Es beginnt damit, dass ich die Ursachen-Wirkungs-Kette bis zum ersten Fraktal denke, also bis zur ersten bewussten Ursache vordringe und nicht, wie leider üblich und normal, mich mit Symptomen beschäftige und damit an der Oberfläche bleibe. Habe ich hingegen die erste Ursache gefunden und gelöst, lösen sich auch die Symptome wie von selbst auf. Veränderungsarbeit – dabei wird tatsächlich, außer meiner Gehirnstruktur, nichts wirklich verändert –, also Veränderungsarbeit die letztlich „nur“ ein Prozess der Bewusstwerdung ist, beginnt damit, eigenständig zu sein, selbst zu denken und sein Denken und Tun ganz konsequent selbst zu verantworten. Dabei muss ich mir im Klaren darüber sein, dass die alten Muster und Gewohnheiten, der äußere Ausdruck der inneren Gehirnstruktur, sich in absolut allem wiederfindet; ob in meiner Kleidung, meiner Einrichtung, meiner Art mich zu bewegen, wie ich und worüber ich reden, wie mein Motorrad aussieht und so weiter und so fort. Einfach alles.

Dabei gibt es einen scheinbaren „Point of no Return“, von dem aus es kein „Zurück“ mehr gibt. Denn tatsächlich markiert dieser Punkt keinen Punkt auf einer Wegstrecke, von dem ab es keinen Sinn mehr macht, umzukehren; vielmehr ist es der wirkliche – und nicht etwa nur der eigentliche – Entscheidungspunkt, der Punkt, an dem ich endlich begriffen habe, dass ich etwas anders machen muss in meinem Leben, soll es denn anders sein beziehungsweise werden. Ich merke dies übrigens ganz leicht an meiner Sprache. Solange ich noch Konjunktive und Absichtserklärungen bemühe, kann ich mir sicher sein, mich noch nicht entschieden zu haben. Sprache kann dabei unser bester Helfer sein. Schließlich leben wir, wie Watzlawick es einmal formuliert hat, in der Welt, die wir uns über unsere Sprache definieren. Üblicherweise übersehen wir jedoch allzu leicht, dass die Dinge außerhalb von uns selbst nicht für sich selbst existieren, sondern nur das sind, was wir in ihnen sehen, beziehungsweise das, was wir zu sehen in der Lage sind. Und das gilt gleichermaßen für Autos wie für Bäume, Partner oder Nachbarn. Es gilt einfach für alles.

Nicht wieder einschlafen!

Manchmal aber übersehe ich es gar nicht, sondern ignoriere es schlicht und einfach, weil es mir nicht in den Kram passt und mich „auffordert“, ein paar grundsätzliche Dinge zu klären. Das Dumme dabei ist, dass mir das regelmäßig sehr bewusst ist, was mein Verhalten aber leider nicht positiv beeinflusst; eher ist das Gegenteil der Fall. Da fängt dann die Verdrängungsmaschinerie so richtig an zu werkeln. Blöd nur, dass das nie wirklich hilft, sondern nur alles noch schlimmer und verfahrener macht. Wer sein Bewusstsein klären möchte, der fange am besten mit seiner Sprache an. Wie sagte doch ein verstorbener Freund von mir immer: ‚Woher soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage?‘ Dabei ist meist der erste Satz der ehrlichste, mit dem ich einen Gedanken darzulegen beginne. Ich muss immer wieder bedenken, dass ich mir, folge ich dem Eisbergmodell, in weiten Teilen meines Denkens überhaupt nicht dessen bewusst sein kann, was ich da denke. Interessant ist in diesem Zusammenhang ja auch, dass gerade in der Meditation, wenn wir vermeintlich „nicht denken“, unser Gehirn auf Hochtouren läuft. Denn zu glauben, ich würde dann nicht denken, wenn ich keine Gedanken habe, ist ein gewaltiger Irrtum. Über etwas nachzudenken, also Gedanken zu haben, ist etwas ganz anderes, als zu denken. Der Prozess des Denkens ist wirklich wesentlich mehr als Gedanken zu haben. Und ganz übel wird es dann, wenn ich diesen Gedanken nachhänge. Ein ganz schwieriges Thema für Menschen, die sich einbilden, sie würden etwas bewusst denken oder auch bewusst etwas tun können. Bewusstsein steht eben am Ende des Erkenntnisprozesses und nicht am Anfang. Und ist damit ein verdammt schwieriges Thema für die, die meinen oder glauben, sie könnten irgendetwas unter Kontrolle haben. Nicht einmal uns selbst haben wir unter Kontrolle, wir können allenfalls Dinge bewusst tun. Und dieses „Bewusstsein“ bezieht sich auf die Entscheidung zu handeln, aber handeln selbst geschieht unbewusst. Es sei denn natürlich, ich habe ein völlig anderes Verständnis von Bewusstsein, so in der Art von nicht-bewusst bewusst. Ich bin zwar bewusst, aber ich bin mir dessen nicht bewusst.

Sprache ist fraglos ein wichtiger Helfer. Aber was hilft noch? Also schaut ich mich einmal um, wer sich so im Bekanntenkreis wirklich geändert hat, oder ich suche nach den Marksteinen im eigenen Leben. Meist werden diese Veränderungsprozesse mit tiefgreifenden Einschnitten im Leben einhergehen. Partner gewechselt, alten Job hingeworfen und so weiter und so fort. Es werden sich meist Dinge finden lassen, die das Leben grundsätzlich verändern und, jedenfalls meistens, einem eine Entscheidung abverlangt haben. Oder es wurde einem die Entscheidung aufgezwungen – weil der Partner ging oder man den Job verloren hat, warum auch immer. Das drängt mir natürlich sofort die Frage auf, ob es denn nicht ohne Scheitern geht? Nein, das tut es nicht. Das Neue hat eben seinen Preis, es kostet nämlich das Alte. Und was ist das bitte anderes als zu scheitern? Also den Partner respektive den Job oder beide zusammen wechseln – oder es bleibt wie es ist? Ja, das ist so. Nur was heißt das eigentlich, den Partner oder den Job oder was auch immer zu wechseln? Das bedeutet natürlich nicht, dass man die Person zwingend austauschen muss – irgendwie geht es ja letztlich immer um Personen – nein, das ist nicht notwendig. Aber man muss den Partner in der eigenen Vorstellung austauschen, heißt, man muss die Beziehung zu ihm ändern! Und das ist wirklich unabdingbar, ob in der Partnerschaft, im Job oder im Verhältnis zu den Nachbarn.

Die Alternative finden

Die Welt, in der wir leben, definiert sich letztlich ja über die Beziehungen, die wir zu Dingen oder Personen haben. Also über die eigene innere Einstellung und damit letztlich über die Gehirnstruktur. Und genau die gilt es ja zu ändern. Die Gehirnstruktur zu ändern bedeutet also, die Beziehungen zur und/oder in der Welt neu zu gestalten. Und genau deswegen gelingt Veränderung so selten. Weil das meiste im Leben beim Alten bleiben soll. Nur keine Veränderung bitte! Und das war es dann mit der Veränderung. Also wartet man entweder solange, bis es endgültig unerträglich geworden ist, oder man arrangiert sich irgendwie auf kleinstem gemeinsamem Nenner. Fritz Perls hat das einmal wunderbar umschrieben: „Die Menschen wollen sich nicht aus ihren Neurosen lösen, sie wollen sich nur besser darin einrichten.“ Letztlich ist genau das die Frage, die wir uns stellen müssen. Wollen wir eine wirkliche und wesentliche Transformation oder genügt uns schon die Translation?

Ich sehe hier übrigens einen interessanten Zusammenhang zu einer Feststellung von Gerald Hüther. Menschen machen nämlich nur dann etwas grundsätzlich anderes, wenn damit eine Alternative verbunden ist, die sie schlechterdings nicht ablehnen können, sie sich also entscheiden müssen – rechts herum oder links herum. Sein Beispiel ist immer der 80-jährige, der Chinesisch lernt, weil er mit einer attraktiven, 60-jährigen Chinesin zusammenleben möchte. Doch wie soll man sich zwischen A und B entscheiden können, wenn es keinen wirklichen und erlebbaren Unterschied gibt? Man wird es also nicht tun und die Entscheidung wird trotz aller Beteuerungen nicht getroffen werden. Wie also können wir unser Gehirn dazu bringen, sich auf den Radikalumbau einer Veränderung einzulassen? Es liegt auf der Hand: Wir müssen unser Leben definitiv ganz anders gestalten, das heißt, wir müssen aus unseren alten Mustern und Gewohnheiten komplett und auch sehr bewusst „aussteigen“! Wahrscheinlich liegt das Problem nicht in der Vernunft, sondern in der Emotion.

Die Sache mit dem Betriebssystem 

Ein vielleicht etwas eigenwilliges Beispiel. Wirkliche Veränderung bedeutet ja, das eigene Betriebssystem zu tauschen. Ein Mac- und ein Windows-Rechner sind nun einmal nicht miteinander kompatibel, auch wenn sie nach den gleichen Strukturen arbeiten, nur eben mit einem anderen Betriebssystem. Ich tue mir immer hart mit der Bedienung, wenn ich von dem einen zu dem anderen Typ wechseln muss, etwa weil ein Programm eben nur auf dem und nicht auf dem anderen läuft. Es ist die Frage, ob sich die jeweiligen Firmenkulturen und Organisationsstrukturen nicht auch in den Systemen und deren unterschiedlicher Logik widerspiegeln. Sie lösen eine ganz verschiedene Emotionalität aus, auch wenn sie scheinbar denselben Zweck haben, sie sprechen den Benutzer auf unterschiedlichen Ebenen an. Ich habe immer den Eindruck, dass ein ganz bestimmter Typ von Mensch einen Mac hat und die Windows-Fans ganz anders strukturiert sind. Noch extremer ist es bei den Smartphones, Android versus iOS. Es ist also nicht allein die Emotionalität, sondern eine andere Haltung, die damit einhergeht. Nur wo genau liegt der Unterschied? Und vor allem: Prägt nicht auch das Betriebssystem selbst ein Stück weit das eigene Denken?

Ich verlasse jetzt aber einmal die Welt der Rechner, nicht dass ich noch Haue bekomme. Der eine denkt eher konventionell und grundsätzlich logisch strukturiert, der andere denkt zwar auch logisch, doch er verlässt immer wieder den geraden Weg und macht einen gedanklichen Sprung ganz woanders hin, er folgt nicht den scheinbar vorgegebenen Bahnen, denn er weiß, dass in der Komplexität absolut kein Ergebnis berechenbar ist, nur die Wahrscheinlichkeit des Eintritts lässt sich bestimmen, mehr nicht. Ein völlig anderes Denk-Betriebssystem, eine ganz andere Herangehensweise. Für den einen bedeutet ein „Problem“ einfach nur etwas noch nicht zu sehen und eben keinen Fehler. Was aber der andere tut, denn er denkt Fehler-orientiert. Problem oder Fehler – ein gewaltiger Unterschied. Der eine sucht die Lösung auf einer darüber liegenden (gedanklichen) Ebene, der andere aber verlässt die Ebene nicht. Die Schwierigkeit ist aber, dass diese beiden so völlig unterschiedlichen gedanklichen Betriebssysteme für die Kommunikation miteinander eine identische Sprache benutzen, was zwingend zu Verwerfungen führen muss. Die einzelnen, gleichklingenden Worte und Begriffe werden nämlich nicht mit den identischen Inhalten benutzt, was fast zwingend zu permanenten Misstönen führt, eigentlich führen muss. Die radikalen Konstruktivsten lassen grüßen.

Die Lösung

Was also wäre die Lösung? Eine sehr pragmatische Lösung hatten schon die Indianer in Nordamerika. Sie gingen nämlich davon aus, dass man das Denken eines anderen nicht mit dem eigenen Denken wirklich verstehen kann, was sich in diesem oft zitierten doch viel zu selten praktizierten Spruch niederschlägt: Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist. Bei Rechnern ist das offensichtlich. Da werden Urteile an Hand von Kriterien gefällt, etwa dem Preis, ohne jedoch das Teil jemals einen Mond lang benutzt zu haben. Man pickt sich also ein Kriterium heraus, das über das jeweilige System tatsächlich nichts aussagt. Und genau so ist es auch bei den Denk-Betriebssystemen. Solange man sie nicht wirklich benutzt hat, kann man sie auch nicht vergleichen. Erst danach. Doch warum sollte ich ein anderes Denk-Betriebssystem ausprobieren? Sicher nicht, um es nur einmal auszuprobieren, denn daran hängt meine ganzes Selbstverständnis, meine Persönlichkeit. Es ähnelt der Frage, warum jemand in ein Zen / Chan oder ein christliches Kloster geht. Das tut er erst einmal aus einer vordergründigen und zweckrationalen Motivation heraus, wahrscheinlich, weil es schick ist. Er wird dann stundenlang im Schneidersitz herumhocken, sich gut fühlen, doch innerlich passieren wird nichts wirklich. Es ist ja eines der menschlichen Phänomene, dass wir uns oberflächlich gut fühlen können, obwohl es uns unter der Oberfläche ganz anders geht. Und wir haben viele Ablenkungs-Strategien, um das konsequent ignorieren zu können. Erst nach Jahren zeigt sich dann vielleicht doch, dass noch immer etwas ansteht, etwas Grundsätzliches, eine noch offene fundamentale Frage. Es braucht manchmal Zeit zu erkennen, dass etwas im eigenen Leben fehlt. Vielen ist überhaupt nicht bewusst, woran sie leiden beziehungsweise, dass sie überhaupt leiden.

Die „Lösung“ kann also nur mit der entsprechenden Einsicht gefunden werden. Die Einsicht hat aber notwendigerweise als Schneepflug die Notwendigkeit vor sich herfahren, die den Schnee beiseite räumt, der die Einsicht am Vorankommen hindert und damit bewirkt, dass sie ständig am Durchdrehen ist. Eine Einsicht alleine ist ziemlich nutzlos, solange ihr nicht die Notwendigkeit den Weg freimacht.

Dann ist ein „Grundsätzlich anders“ überhaupt erst möglich.