Leo hält nichts von dem ganzen Öko-Zeugs. Aber er mag Mona, die bei Transition ist und an der Verschönerung ihrer Stadt arbeitet:

Asrid Raimann wollte wissen, was Menschen dazu bewegen könnte, ihre Stadt zu verwandeln: „Ich bin zum Schuster gegangen und habe ihn gefragt, was seiner Meinung nach passieren müsste, damit die Stadt zur Transition Town wird. (Schuster wissen immer alles.) Er meinte: ‚Nix. Da gibts nix. Die werden sich in hundert Jahren nicht ändern. Die sind einfach zu dumm.‘ Weil ich das nicht glaube, hab ich einen Comic gemacht: MOSCHBERG. Und darin die Geschichte von Mona und Leo.“

von Peter Zettel

Von kompliziert zurück zu komplex. Keine Sorge, die Welt bleibt, wie sie ist und auch schon immer war, da muss man nichts ändern. Tiere haben es da verdammt gut. Die verhalten sich ganz klar nach komplexen Prinzipien, die denken nicht kompliziert, so wie wir Menschen das so wunderbar können.

Die Menschheit hat sich in dem komplexen Lebensraum Erde einen ganz eigenen geschaffen, mit eigenen Spielregeln. Und da dieser Raum vor allem mechanische Dinge enthält, brauchte es dafür mechanische Regeln. Wie soll man sonst auch Häuser, Viadukte und all die Dinge bauen, die das Leben so angenehm machen? Das Blöde war nur, dass der Mensch irgendwann auf die unsinnige Idee kam, diese mechanischen Regeln auch auf sich selbst anzuwenden. Echt dumm gelaufen, aber passiert ist nun einmal passiert.

Seit ungefähr einem Jahrhundert sind die Physiker darauf gekommen, dass unser Verständnis von der Welt irgendwie unvollständig ist. Das hatten auch schon andere Philosophen vor ihnen erkannt, nur die Physiker konnten das ganz pragmatisch auch noch nachweisen. Ihre Erkenntnisse waren eben nicht philosophischer Natur, sondern technischer. Die Erörterung grundsätzlicher Fragen kam bei ihnen erst danach. Und diese Erkenntnisse haben still und leise unsere Menschenwelt verändert, und das gewaltig. Weil diese Erkenntnisse in unsere Technik allgegenwärtig und nicht mehr wegzudenken sind. Und scheinbar hat das auch unser Denken verändert.

Ob das der einzige Grund ist, warum wir gerade Feuer unter dem Dach haben und ob die Tatsache der regelrechten Explosion der Bevölkerungszahlen dabei eine Rolle spielen, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich vermute, dass es das grundlegende Problem deutlicher und drängender macht. Technisch sind wir interessanterweise einen Schritt zurückgegangen, wir haben nämlich damit begonnen, die Komplexität zu entdecken. Das ist ja keine neue Erfindung, die galt schon immer, nur wir Menschen haben das ganz offensichtlich perfekt ausgeblendet. Oder ignoriert, keine Ahnung.

Wir stoßen gerade mit unserer Art, die Dinge nach mechanischen Regeln managen zu wollen, gewaltig an die Wand. Mir kommt das vor wie in der Truman Show. Alles nur ein Fake. Sehr realistisch, aber eben nicht echt und am wirklichen Leben komplett vorbei. Ich jedenfalls fühle mich seit einiger Zeit wie Truman Burbank und bin mit meinem geistigen Segelboot gerade durch den Horizont gekracht. Auf einmal sieht alles ganz anders aus. Nur nach welchen Regeln soll man sich da orientieren, wenn die alten doch irgendwie nicht stimmen, unvollständig sind?

Immanuel Kant hat für die Menschenwelt seiner Zeit einen perfekten Gedanken ausgesprochen, seinen kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Das könnte auch heute noch perfekt funktionieren. Könnte man meinen. Tut es aber leider nicht. Auch nicht, wenn ich in die Zeitung schaue, auch ganz offensichtlich nicht. Denn irgendwie haben wir den Horizont des mechanischen Denkens und damit auch den eigenen Horizont, also unser eigenes Weltbild, durchstoßen. Wenn schon Physiker sagen, dass das mit den Naturgesetzen nichts ist, es sind nämlich keine Gesetze, sondern nur Beschreibungen, dann gilt das auch für unser eigenes Denken (sehr empfehlenswert: Natalie Knapp, Der Quantensprung des Denkens: Was wir von der modernen Physik lernen können).

Wir „funktionieren“ ganz anders, als wir üblicherweise dachten. Und mit starren Gesetzmäßigkeiten ist da kein Kohl mehr zu gewinnen. Gesetze, Regeln und Methoden funktionieren nicht, haben sie auch noch nie wirklich. Nur jetzt bekommen wir das gewaltig zu spüren und merken, dass wir auf der falschen Seite des Astes sitzen, an dem wir sägen. Was also tun? Klar, anderes denken, keine Frage. Doch damit ist der Umgang miteinander noch nicht so geordnet, dass wir sagen könnten, es passt. Jede Zeit braucht ethische Prinzipien, die die Menschen zum einen verstehen und die auch zum anderen den Erfordernissen ihres alltäglichen Lebens gerecht werden.

Natürlich sollte man sich immer noch an Regeln und Gesetze halten, so wie auch Newtons Physik noch immer ihre Gültigkeit hat. Aber es ist etwas dazugekommen, lässt uns die Welt mit anderen Augen sehen. Der Anwendungsbereich der klassischen Physik ist kleiner geworden, er gilt eben nicht mehr für das Miteinander, für unsere Beziehungen. Wie gesagt, es hat noch nie wirklich funktioniert, nur jetzt merken wir es überdeutlich. Das heißt, wir müssen auch unsere Ethik unserem veränderten Weltbild entsprechend neu formulieren.

Täten wir das, wäre es wohl wesentlich leichter, sich in dieser neuen alten Welt angemessen zu bewegen. Wir brauchen definitiv das Verständnis für eine weitergehende Ethik. Meine Überzeugung ist, dass wir nicht mehr nur vom Handeln ausgehen dürfen, wie Kant, sondern wir müssen wesentlich grundsätzlicher vom Denken ausgehen. Etwa in dieser Art: Denke so, dass deine Gedanken, Ideen und Vorstellungen das Leben aller lebenswerter machen. Ich weiß, das ist noch nicht griffig genug. Doch die Richtung stimmt!

… das ist klar. Neulich las ich und konnte dem nur zustimmen: noch mehr als ein Paradigmenwechsel brauchen wir einen Ontologiewechsel. Aber lassen wir diese Feinheiten. Nennen wir’s einfach „grundlegenden Bewusstseinswandel“. Meistens beschäftigen wir uns – wohl auch wegen der empfundenen Zeitknappheit – mehr mit den äußeren Dingen des Wandels des sozial-ökologischen Wandels. Doch solange wir uns nicht mit den tieferen Ursachen beschäftigen, weshalb wir uns beinahe täglich (ja wir alle, auch ich) an der Weltzerstörung beteiligen; solange wir unser Augenmerk nur auf die quantitiven Aspekte richten (weniger COs, weniger Plastik, weniger Fleischkonsum etc.) statt auf die qualitativen (Respekt vor allem, was lebt; Einsicht in unser Teilsein des Ganzen; Demut statt Hochmut etc.), so lange werden wir die Umkehr nicht schaffen.

Sepp Stahl, Urgestein der Wandelbewegung, Wackersdorf-Aktivist und engagierter Christ, hat sich vor einigen Jahren die Mühe gemacht, viele spannenden Aspekte und Quellen des anstehenden Bewusstseinswandels zusammenzutragen und miteinander zu verknüpfen. Weiterlesen

Folgenden Text schrieb mir Silke Soares David als Geburtstagsgeschenk. Was für eine originelle Idee!

Es gibt heute eine Wandelbewegung, es gibt die Pioniere des Wandels, Wandel-Lokale, doch was ist mit diesem „Wandel“ eigentlich gemeint?

Auch der Schwächste wird gesehen und gehört

Ich glaube, jeder versteht darunter etwas anderes. Ich möchte hier einmal deutlich machen, was ich darunter verstehe. Ich verstehe unter Wandel, dass sich etwas wandelt. Dass wir nicht so bleiben wie wir sind. Und das vor allen Dingen in der Begegnung mit anderen. Dass sich durch die Begegnung mit anderen irgendwas in uns verändert, manche sagen transformiert. Wandel kann dabei in vielfältiger Hinsicht geschehen. Er kann alle Bereiche betreffen. Er ist eigentlich grundlegend. So ist es für mich ein Zeichen des Wandels, wenn sich nicht mehr derjenige durchsetzt, der am lautesten schreien oder sich am besten durchsetzen kann, sondern dass alle gehört werden. Alle bis ins kleinste Glied hinein und bis zum Schwächsten hin. Und dass gerade der Schwächste unter allen Weiterlesen

von Peter Zettel

Eine verrückt klingende Frage. Aber ist sie wirklich so verrückt? Ich war einmal in einer Partei, da gab es auch klare Feindbilder. Und die anderen hatten wahrscheinlich uns als Feindbild. Auf der politischen Bühne sieht es ja nicht besser aus, nur dass es da oft nicht bei den Feindbildern bleibt, sondern auch immer wieder bitterer Ernst wird.

Diese Frage hat sich mir regelrecht aufgedrängt, als ich dieses Bild bei der taz auf Twitter sah:

Es erinnerte mich an einen Post auf FB, der die Frage aufwarf, warum sich scheinbar manche Menschen klare Regeln wünschen, damit sie sich sicher sein können, das Richtige zu tun. Und dem Klimawandel mit Steuern begegnen zu wollen, halte ich für einen Witz. Die einzige wirkliche Reaktion ist doch eine klare, eindeutige wirtschaftliche Neuausrichtung. Und es erinnerte mich an meine Jugend. Viele waren damals dagegen – was auch immer – statt dass sie das Gespräch gesucht hätten. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Gegenseite hätte reden wollen.

Weiter ging es in meinem Beruf. Da gab es zwei Gruppen, Mandanten und Gegner. Am übelsten war das bei denen, die sich eigentlich einmal geliebt hatten, sich zumindest nicht unsympathisch waren, bei Scheidungen. Und auch in der Wirtschaft und im Management ist diese regelrecht kriegerische Sprache Tagesordnung. Wenn, wie Wittgenstein sagt, Sprache meine Welt definiert, dann leben wir wohl in einer Welt voller Feindbilder. Und jeder Regierungschef weiß, dass ein klares äußeres Feindbild für Ruhe im Innen sorgt. Feindbilder sind ein sehr, sehr guter und wirksamer sozialer Kit.

Und wenn ich mir die Diskussionen auf den Sozial Media anschaue, dann kann ich gut von Lagern sprechen, die sich da gegenüberstehen. Selten eine wirklich offene Diskussion. Die meisten laufen nach dem Motto ab „Bist du dafür oder dagegen?“ Als ginge es nur um die Person und nicht um die Sache! Aber vielleicht ist ja das der Kern, das eigentliche Problem, nämlich der, dass wir Streitigkeiten und Konflikte schnell bis immer persönlich nehmen. Geht es bei Diskussionen oder Auseinandersetzungen also doch eher darum, ob jemand für oder gegen einen der Protagonisten ist?

Es wäre eine logische Erklärung dafür, warum die Gesellschaft Feindbilder braucht, wenn also ihre Mitglieder die Dinge persönlich nehmen. In meiner systemischen Ausbildung habe ich gelernt, dass Zugehörigkeit ein wesentliches Thema ist und dass das Fehlen eines Zugehörigkeitsgefühls große Probleme aufwirft. Eine Gesellschaft ist ja ein System, und die Axiome in einem System sind Zugehörigkeit, Ordnung und Ausgleich zwischen Geben und Nehmen. Man darf die systemischen Fragen aber nicht nur auf Familien beziehen, es geht ja weiter. Nachbarn sind ein System, Gemeinschaften, Nationen bis hin zu letztlich der Welt. Werden die Axiome aber missachtet, habe ich oder besser haben wir ein Problem. Und das werden sie, und zwar massiv. Unser herrschendes Wirtschaftssystem hält sich vielfach (vorsichtig ausgedrückt) nicht an diese Axiome.

Ich kenne niemanden, der nicht auf die eine oder andere Art von diesem Wirtschaftssystem abhängig ist. Was also tun? Mit den Wölfen heulen? Und weiter nach Feindbildern suchen, damit die inneren Konflikte nicht zu Tage treten und aufbrechen? Wenn wir daran nichts ändern, brauchen wir weiterhin Feindbilder, keine Frage, damit wir einigermaßen in Ruhe leben können. Ist zwar ein falsches Leben, aber für das richtige scheint uns der Schneid zu fehlen.

Fazit: Ja, wir brauchen Feindbilder, damit wir uns mit dem Tun der anderen beschäftigen können und uns nicht mit uns selbst befassen und uns nicht die Frage stellen müssen, was wir da eigentlich tun. Aber eigentlich ist das ja ziemlich – Pardon! – bescheuert. Also doch lieber mal auf die Feindbilder verzichten und sich mit sich selbst beschäftigen? Schon, oder nicht?

 

 

 

In seinem Buch „Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen“ bewegt Fabian Scheidler die These: Nach 500 Jahren Expansion ist die kapitalistische Megamaschine in die tiefste Krise ihrer Geschichte geraten. Wir bewegen uns in eine chaotische Übergangsphase hinein, die einige Jahrzehnte andauern kann und deren Ausgang vollkommen offen ist. Während die alten Ordnungen brüchig werden, entflammt ein Kampf darum, wer die Zukunft bestimmen wird. Er lotet Gefahren und Chancen dieser Übergangszeit aus und bietet einen Kompass für politisches Engagement in Zeiten wachsender Unübersichtlichkeit.

In diesem Zusammenhang hat er auch ein 16-Punkte-Programm für den sozial-ökologischen Umbau entworfen. Da sich in den zwei Jahren seit Erscheinen des Buches so manches geändert hat, hat er diese Grundforderungen auf den neuesten Stand gebracht. Sie beginnen so: Weiterlesen

Wir brauchen eine radikale Änderung unserer Wirtschafts- und Lebensweise

Ein Zwischenruf von Bernd Winkelmann / Akademie für solidarische Ökonomie

Folgenden Zwischenruf halten wir für eine ausgezeichnete, klare und übersichtliche Zusammenfassung des Status Quo und der sich daraus ergebenen – ökoligenten – Konsequenzen:

I. Worum es geht

1. „Wenn die Alten taub sind und blind, werden die Kinder schreien und ihnen die Augen öffnen!“
(„Des Kaisers neue Kleider“, Bibel Ps. 8,3).
Genau das geschieht in dieser Zeit: Greta Thunberg hat mit ihrem Schülerstreik Fridays for Future eine
Bewegung ausgelöst, in der tausende Kinder und Jugendliche gegen eine halbherzige Umweltpolitik protestieren.
In Folge sind tausende Wissenschaftler als Scientists for Future aus ihrer Zurückhaltung ausgestiegen
und bestätigen, dass es keine lebenswerte Zukunft auf unserer Erde gibt, wenn wir nicht jetzt eine
radikale Änderung unserer Wirtschafts- und Lebensweise einleiten.(1)

2. Die gravierendsten Symptome einer drohenden ökologischen Katastrophe sind:

  • Der Klimawandel: Um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, müsste der weltweite CO2-
    Austoß jährlich um 6% reduziert werden. Doch er steigt jährlich um 3%. Bleibt es bei dieser Entwicklung,
    könnte die Erdtemperatur am Ende des Jahrhunderts um 3-4 Grad gestiegen sein.(2) Um das zu verhindern,
    bleibt uns für unser Handeln ein Zeitfenster von ca. 10-15 Jahren. (3)
  • Das Artensterben: Seit 1970 ging die Zahl der wildlebenden Wirbeltiere weltweit um ca. 60% Prozent
    zurück. Besonders gravierend ist das Insektensterben; der Schwund der Insektenbiomasse liegt zwischen
    40 und 80%. Damit verliert das Biosystem unserer Erde das wohl wichtigste Standbein seiner Stabilität
    und Fruchtbarkeit. Hauptverursacher ist die Chemisierung der Landwirtschaft.(4)
  • Hinzu kommt der Verlust an Wäldern, an Ackerland, an Trinkwasserressourcen und unwiederbringlichen
    Bodenschätzen, die Versauerung und Vermüllung der Meere, das weitere Bevölkerungswachstum.
    Nach Erkenntnissen der Evolutionswissenschaften hat es eine so schnelle und umfangreiche Beschädigung
    unseres Erdsystems nur bei großen Asteroideneinschlägen gegeben, zuletzt beim Aussterben der
    Dinosauriere vor 65 Mil. Jahren.

3. Hinter diesen Symptomen steht das viel umfassendere Problem: Die generelle Überlastung des Ökosystems
durch uns Menschen. Sie wird deutlich am Ökologischen Fußabdruck, der die Belastungsgrenze unseres
Erdsystems ausweist. Er liegt weltweit um etwa das 1,7-fache, in Deutschland um das 3-4-fache
über dem für unsere Erde verträglichen Maß. Diese Überlastung unseres Ökosystems kommt aus dem
entgrenzten Wachstum in der Bewirtschaftung unserer Erde. Das schafft uns in den entwickelten Industrienationen
einen nie dagewesenen Überfluss an materiellen Gütern, mit dem wir aber nicht nur das Ökosystem
empfindlich überlasten, sondern auch die Lebensmöglichkeiten unserer Kinder und Enkel berauben.
Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Kenneth E. Boulding, USA, stellt fest: „Jeder, der glaubt,
dass exponentielles Wachstum für immer weitergehen kann in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter
oder ein Ökonom.“

4. Damit verbunden ist eine weitere Irrsinnigkeit unserer Zivilisation: die ausbeuterischen Bereicherungswirtschaft
der Mächtigen: Der Wohlstand der reichen Industrieländer ist nur zu 50-60% durch eigene
Leistung erarbeitet, ansonsten durch die Ausbeutung der Natur und anderer Völker. So ist das Vermögen
der Milliardäre im Jahr 2018 um 12% gestiegen, während das Vermögen der unteren Hälfte der Weltbevölkerung
um 11% gesunken ist. Die 26 reichsten Menschen der Welt verfügen über so viel Nettovermögen
wie die arme Hälfte der Weltbevölkerung.(5)

Deutlich ist: unser Wirtschaftssystem hat zwar nie dagewesene Reichtümer geschaffen, aber mit dieser
Bereicherung hat es in eine noch nie dagewesen Krise der menschlichen Zivilisation geführt.
Bleibt es bei dieser Entwicklung, kommt es in den nächsten Jahrzehnten mit den ökologischen Verwerfungen
auch zu schweren sozialen und politischen Verwerfungen, zu Hungeraufständen, zu Massenmigrationen,
zu Rohstoffkriegen, zu weltweiten Zusammenbrüchen (H. Lesch „Die Menschheit schafft sich ab“)

5. Immer mehr setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Ursachenfrage zur Systemfrage wird. Das heißt:
Wir können die Fehlentwicklung unsere Gesellschaft nur überwinden, wenn wir „radikal“, also von den
Wurzeln (radix), den zerstörerischen Ursachen her das vorherrschende System hinterfragen – so wie es
Greta Thunberg in Kattowitz tat. Graeme Maxton, ehemaliger Generalsekretär des Club of Rome stellt
fest: „aus dem gegenwärtigen System ist es nicht möglich, eine nachhaltige Wirtschaft zu entwickeln… Die
Zielrichtung muss systemisch verändert werden.“(6) Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber stellt
fest: „Wir müssen unsere Zivilisation neu erfinden.“(7)

Die Systemfrage stellen heißt, herausfinden, 1. was in unserer Wirtschaftsweise systemisch zu deren
Fehlentwicklungen führt, 2. was im System umgebaut werden muss, damit diese Fehlentwicklungen
überwunden werden. Die Systemfrage muss auf der mentalen und strukturellen Ebene gestellt werden.

6. Die Ursachen auf mentaler Ebene liegen in einem einseitigen materialistischen Verständnis von Leben:
gutes Leben wird mit viel Haben verwechselt (Erich Fromm): Besitzstandswahrung, immerwährendes
Wachstum und Wohlstandsmehrung, Sich-immer-mehr-leisten-können gelten als höchste Güter, obwohl
die meisten Menschen wissen, dass sie davon nicht glücklich werden, sondern Werte wie Vertrauen,
Wertschätzung, Empathie und Gemeinschaft viel wichtiger sind (Gerald Hüther).

7. Die Ursachen auf struktureller Ebene liegen in den Leitprinzipien der kapitalistischen Wirtschaftsweise:
Wirtschaft habe in erste Linie der Mehrung von Kapital in Privatverfügung zu dienen. Aus Kapital muss
mehr Kapital werden, das wieder gewinnträchtig angelegt werden muss – angefeuert vom Profitstreben
und Konkurrenzdruck. Darum muss Wirtschaft fortwährend wachsen. Im kapitalistischen Wirtschaftsprinzip
liegt somit der systemische Hauptantrieb für den Wachstumszwang unseres Wirtschaftssystems und
damit für das Überschreiten des ökologischen Fußabdrucks und die Ausbeutung der Völker.
Der Philosoph Richard David Precht stellt fest: Der „Kapitalismus“, der immer „wachsen muss“, „wird wohl
in diesem Jahrhundert die Erde weitgehend unbewohnbar machen.“(8)
Der Befreiungstheologe Leonardo Boff mahnt immer wieder: Erst wenn wir den Kapitalismus als Schlüsselursache
für unsere zivilisatorische Krise erkennen, können wir diese Krise bewältigen.(9)
Die Elite in Wissenschaft, Kultur, Religionen und Zivilgesellschaft sollten endlich den Mut haben, das
Kind beim Namen zu nennen, d.h. die kapitalistische Wirtschaftsweise als Fehlkonstruktion (Krebsschaden)
unserer Gesellschaft zu entlarven.

8. Wir brauchen tatsächlich eine „Neuerfindung unserer Zivilisation“, eine radikale Änderung unserer Zielvorstellungen,
unserer Lebensweise und ökonomischen Ordnungsstrukturen.
Ziel allen Wirtschaftens kann nicht der höchstmögliche Profit in Privatverfügung der Wenigen sein,
sondern die Erstellung nützlicher Produkte, Dienstleistungen und sinnvoller Arbeitsplätze
– dies in unbedingter Bewahrung unseres Ökosystems, in gerechter Teilhabe aller, in der Entwicklung
eines zukunftsfähigen Gemeinwesens.

9. Vor allem muss die Wachstumsökonomie in eine Gleichgewichtsökonomie transformiert werden, in der
sich unser Wirtschaften auf unter 100% der ökologischen Belastungsgrenze einpendelt. Das geht nicht
ohne eine zwischenzeitliche Schrumpfungsökonomie, eine Verringerung des Material- und Energiedurchsatzes
auf allen Gebieten.

10. Das geht nicht ohne eine Entschleunigung der wirtschaftlich-technologischen
Entwicklung. Und das geht wiederum nicht ohne Verzichte auf Bequemlichkeiten und Wohlstandsprivilegien,
die durch die Ausplünderung der Natur und durch Ausbeutung anderer Völker zustande kommen
und uns zudem innerlich verarmen lassen. Das wird an einigen Punkten wehtun, aber nur so zu einem erfüllterem
Leben befreien und Zukunft ermöglichen.

II. Was konkret geschehen muss

1. Notwendige Reformschritte im System der Sozialen Marktwirtschaft

  • Verabschiedung vom Irrglauben ständigen wirtschaftlichen Wachstums
  • Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft durchsetzen
  • Machtbegrenzung und hohe Besteuerung der Weltkonzerne; Finanztransaktionssteuer u.ä.
  • Aufgabe schädlicher Subventionen, z.B. der Kohle- und Atomindustrie, des Flugbenzins u.a.
  • Umstieg auf Kreislaufwirtschaft, Durchsetzung des Verursacherprinzips
  • Durchsetzung von konsequenten Ökosteuern, z.B. CO2-Steuer, Plastiksteuer u.ä.
  • Schnellstmöglicher Umstieg auf regenerative Energie, drastische Senkung des Energieverbrauchs
  • Umstieg und konsequente Förderung der biologischen Landwirtschaft
  • Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel
  • Entprivatisierung der Öffentlichen Güter

2. Handlungsmöglichkeiten der Einzelnen:

  • Das eigene materielle Verbrauchen von Ressourcen und Gütern so gering wie möglich halten
  • Wo möglich, gemeinsames Nutzen, reparieren statt neu kaufen und alles für sich haben wollen
  • Drastisches Reduzieren oder Vermeiden von Flugreisen
  • Umstieg auf die kleinsten PKWs, Elektroauto, Fahrrad, Bahn und öffentlichen Nahverkehr
  • Möglichst biologische Nahrungsmittel, fleischreduzierte Ernährung
  • Kritischer Einkauf von Textilien und im Ausland produzierten Gütern (Herstellung, Fairer Handel)
  • Unterstützen von Initiativen, Gruppen und Parteien, die in dieser Richtung wirken.

Merke: In alldem müssen wir nicht perfekt sein. Die Änderung der Sichtweise, die Anfänge und kleinen
Schritte sind entscheidend für eine andere Politik und zivilisatorische Wende.

3. Entwicklung einer Postkapitalistischen Ökonomie

Die Änderungen im bisherigen System und in der Lebensweise der Bürger werden allein die systemischen
Fehleinstellungen unserer Wirtschaftsweise nicht überwinden. Nötig ist vielmehr,
das Wirtschaftsprinzip ständiger Kapitalakkumulation hinter sich zu lassen und die kapitalistischen
Abschöpfungs-, Bereicherungs- und Externalisierungsmechanismen aus den Wirtschaftsabläufen herauszunehmen
und durch nachhaltige, solidarisch-kooperative Wirtschaftsstrukturen zu ersetzen.
Die wichtigsten Systemveränderungen wären in etwa:

  • eine neue Finanzordnung, Abschaffung des Kapitalzins und der spekulativen Geldgeschäfte; das Bankensystem
    als reine Dienstleistung in öffentlicher Hand, in dem keine Gewinne erzielt werden;
  • eine Eigentumsordnung, in der Eigentum zum eigenen Lebensunterhalt aber nicht mehr zur leistungslosen
    Abschöpfung fremder Leistung genutzt werden kann (z.B. Wuchermieten); in der Grund und Boden
    wieder in Gemeineigentum übergehen;
  • eine partizipatorische Unternehmensverfassung, in der ökologische, soziale und gemeinwohlorientierte
    Kennzahlen in die Bilanzrechnung der Unternehmen eingeführt und eine demokratische Teilhabe aller
    am Unternehmen Beteiligten realisiert wird;
  • ein leistungsgerechtes und solidarisches Lohnsystem, in dem die Entlohnung a l l e r nach Tarifen in
    einer Spreizung von maximal bis zu 1:10 gezahlt und Mindestlöhne gewährt werden;
  • eine neue Arbeitskultur, in der die schwindenden Arbeitsplätze durch Absenken der Regelarbeitszeit so
    geteilt werden, dass jeder Arbeitsfähige Erwerbsarbeit findet und neben der Erwerbsarbeit Eigenarbeit
    und Gemeinwohlarbeit als gleichwertig gelten und gelebt werden können.

Auf dem Weg dorthin gibt es schon heute eine Fülle von theoretischen Entwürfen, von praktizierten Modellen
und Bewegungen. Die Akademie Solidarische Ökonomie hat in ihren Büchern und Bausteinen den Entwurf
einer postkapitalistischen Ökonomie skizziert. Die Degrowth-Bewegung, die Postwachstumsgesellschaft
Jena, die Initiative Neue Ökonomie, die Gemeinwohlbewegung, die Potenzialentfaltungsakademie und viele
weitere neue kulturelle Bewegungen sind eine Fundgrube zukunftsweisender Potenziale.

Die drohende Umweltkatastrophe und die kommenden Migrationsströme geben uns nur noch eine kurze
Zeit, den Systemwechsel einzuleiten. „Wer zu spät kommt, den straft das Leben!“ (Michael Gorbatschow).

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1 Pressekonferenz der Initiative Scientists for Future https://www.scientists4future.org/presse/
2 Jürgen Tallig: https://earthattack-talligsklimablog.jmdofree.co/
3 Weltklima-Sonderbericht: https://www.de-ipcc.de/256.php
4 UN-Bericht zum Artensterben 2019; www.bund-rvos.de/artensterben; www.nabu.de/news/2017/10/23291.html;
5 Oxfam-Bericht 2019 siehe z.B. https://www.wsws.org/de/articles/2019/01/23/pers-j23.html
Auch zum Weitergeben gedacht!
6 https://www.riffreporter.de/klimasocial/schulzki-haddouti-graeme-maxton-change-klimakrise/
7 https://www.deutschlandfunk.de/klimaforscher-schellnhuber-wir-muessen-unsere-zivilisation.697.de.html
8 In „Jäger, Hirten, Kritiker“ S. 248
9 Z.B. in „Zukunft für die Mutter Erde“ 2012
10 Ulrich v. Weizsäcker in „Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht…“

von Peter Zettel

Teil I

Ob wir wollen oder nicht, da kommen wir nicht raus. Wir sind und bleiben Natur, genauso wie wir sie gestalten und dominieren, angefangen bei uns selbst. Egal, was wir machen, wir kommen da nicht raus. Die Dichotomie [siehe unten] ist für uns existenziell, sie bestimmt, wie wir leben und ob wir überleben können.

Dabei ist es fatal, wenn ich die eine oder die andere Seite bevorzugen und die andere nicht so wichtig nehme oder gar ausblende. Wenn ich es nicht hinbekomme, auf der Klaviatur beider Seiten gleichermaßen spielen zu können, sozusagen vierhändig, dann habe ich ein echtes Problem. Worum geht es also? Dichotomie bezeichnet eine Struktur aus zwei Teilen, die einander ohne eine gemeinsame Schnittmenge gegenüberstehen, aber sie gehören untrennbar zusammen. Sie können einander ergänzen, zum Beispiel ein komplementäres Begriffspaar bilden, oder eine Aufteilung in zwei Teile ausdrücken, zum Beispiel die Aufteilung eines Bereichs in zwei Teilbereiche.

Als Mensch stehe ich nicht mehr in der Harmonie der Natur, ich bin zwar physisch weiterhin von ihr abhängig, doch ich stehe in meinem Bewusstsein über ihr. „Warum“ ist hier nicht die Frage, denn es ist so, ob ich das will oder nicht. Und ich kann das auch nicht mehr rückgängig machen. Von einer Einheit mit der Natur zu träumen, bringt mich nicht weiter, ich muss im Einklang mit ihr sein, aber auch im Einklang mit mir selbst. Diese Dichotomie ist für mich existenziell, wie Erich Fromm sagt. Sie zeigt sich etwa in der gedanklichen Unterscheidung von Leben und Tod, die doch eins sind. Bevorzuge ich eine der beiden Seiten, habe ich ein Problem, nur merke ich das nicht gleich, sondern meist erst, wenn es zu spät ist.

Wie gesagt, wir kommen aus diesem Widerspruch nicht heraus, doch wir können das Dilemma durch Verstand und eine gelebte Kultur auflösen. Tun wir das nicht, werden wir im gewissen Sinn ohnmächtig, wir bekommen nicht mehr mit, was um uns herum geschieht, wir sind uns unserer selbst nicht mehr wirklich bewusst. Erich Fromm hat perfekt beschrieben, wie wir dieses Problem lösen können (das ja nur so lange ein Problem ist, so lange wir es nicht sehen):

„… intensiv zu leben, voll geboren zu werden und voll wach zu sein; von den Ideen eines infantilen Allmachtsgefühls loszukommen und zur Erkenntnis seiner wirklichen, wenngleich begrenzten Kraft zu gelangen; fähig zu werden, das Paradoxon zu akzeptieren, dass ein jeder von uns zugleich das Allerwichtigste auf der Welt und doch nicht wichtiger als eine Fliege oder ein Grashalm ist; fähig zu sein, das Leben zu lieben und trotzdem den Tod furchtlos zu akzeptieren; die Ungewissheit über die wichtigsten Fragen, mit denen das Leben uns konfrontiert, hinzunehmen – und trotzdem an unser Denken und Fühlen, soweit es wirklich ein Stück von uns selbst ist, zu glauben … “

Der „Schlüssel“, der uns diesen Raum öffnet, ist Bewusstheit, doch Bewusstheit bedeutet eben nicht, dass wir es formulieren und einfach so darüber reden könnten. Ein Beispiel davon finden wir etwa in einer japanischen Teezeremonie oder in der Kultur der Samurai. Wenn wir einmal den Glamour weglassen, was bleibt dann? Eine sehr bewusste und absichtsvolle Gestaltung der Natur sowie des eigenen Lebens, eine Bewusstheit, die in Harmonie mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur ist.

Teil II

Bewusstheit braucht Selbstreflexion.

Weiß ich immer, wo ich bin und wo ich sein werde?

Propriozeption bezeichnet die Wahrnehmung der Lage und der Bewegung des Körpers im Raum oder seiner einzelnen Teile zueinander. Das kann man trainieren. Etwa in dem man Übungen auf einem Gymnastikteller macht.

Ich mache das jeden Morgen, wenn ich mich im Stehen anziehe. Oder ich mache Feldenkrais-Übungen. Man  kann auch Kampfkunst praktizieren, wenn einem das mehr zusagt. Aikido geht auch, Kyodo genauso. Im Bereich des Denkens fehlt uns dies meist vollkommen, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst wären. Aber auch das kann man trainieren, etwa im Dialog.

Doch es geht noch weiter. Auch auf dem Motorrad kann ich mir bewusst sein, wo sich mein Vorderrad und mein Hinterrad befinden und was die Maschine gerade macht. Und ich kann es noch auf die Straße ausweiten, etwa auf die Linie, die ich fahre. Also idealerweise. Es geht um die Lage und die Position des Körpers in Beziehung zum Motorrades im Raum, wobei Körper und Motorrad idealerweise eine Einheit sind. Wie gesagt: Idealerweise. Aber auch das kann man trainieren.

Nicht anders ist es beim Autofahren. Auch hier kann ich mir der Lage und der Bewegung meines Autos bewusst sein, jedoch ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Je bewusster ich mir dessen bin, desto besser fahre ich. Die „Herausforderung“ ist nur, dass solche Dinge uns nicht bewusst sein können, sie sind implizit und nicht-bewusst, aber wir könne uns ihrer bewusst werden – um sie dann wieder vergessen zu können.

Es geht also um Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken und eben den sechsten Sinn. Eigentlich wäre es richtiger, von dem siebten Sinn zu sprechen, denn zu den fünf Sinnen kommt noch das Denken als sechster hinzu. Und auch das lässt sich noch um einen Punkt erweitern, nämlich das bewusste nicht-bewusste Bewegen einer Maschine, eines Autos oder eines Motorrades.

Es geht also, wie so oft, darum, uns etwas Implizites und Nicht-Bewusstes erst einmal bewusst zu machen, um es verbessern zu können.


Mehr von Peter Zettel

„Unsere Forderungen müssen deutlich verschärft werden“, sagt Detlef Jahn, „wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“ Recht hat er. Drum hat er auf seinem Blog „Unruheraum.de“ – was für ein genialer Name – den Beitrag „Kühlschränke gehören verboten“ verfasst. Er beginnt so:

„Also, jetzt mal ernsthaft: Kühlschränke sind schon was Tolles.

Aber Kühlschränke sind schuld am Klimawandel.

Also zumindest mit – aber zum großen Teil.

Kühlschränke müssen verboten werden, wenn wir überleben wollen – so als Spezies. Da kann man auf individuelle Komfortbedürfnisse oder ein persönlich schwächelndes Immunsystem keine Rücksicht nehmen. Es geht schließlich ums Überleben des Homo Sapiens Sapiens als solches – da sind Einzelschicksale nicht relevant …“

Ihr merkt schon: Da redet einer Tacheles. Und das ist sozusagen Original „Extinction-Rebellion-Tonlage“ oder auch Fridays4Future. Sehr lesenswert und keineswegs polemisch. Den kompletten Artikel findet Ihr HIER.

Wie können wir in ein neues gesellschaftliches Paradigma finden? Haben wir dazu überhaupt die geringste Chance? Ja, sagt Peter Zettel, dessen oftmals provokative Texte aber letztlich den Weg weisen.

Von Peter D. Zettel

Was kann ich tun, wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, wie Theodor Adorno es formuliert hat? Für bare Münze genommen, wäre das ein ziemlich zynischer Satz. So aber kann das Adorno nicht gemeint haben, jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen. Es ist wohl mehr die Herausforderung, der sich jeder stellen muss, der sich bewusst ist, was in unserer Zeit gerade passiert, von Kriegen über Gewalt, Neid, Hass, Gier und Missgunst bis hin zur Zerstörung der Natur und damit unserer eigenen Lebensgrundlage.

Was kann ich also tun, außer den Kopf in den Sand zu stecken? Vielleicht beginnt es bei dem eigenen Verständnis von Macht. Ich bin, 1951 geboren, von der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Der war ja nicht möglich, weil Hitler ein böser Mensch war, sondern weil viele die von ihm zum Ausdruck gebrachten Einstellungen teilten – oder er sie aufgegriffen hatte. Aber etwas Entscheidendes darf man nicht übersehen, nämlich dass er mit demokratischen Mitteln an die Macht kam. Es war die Bereitschaft vieler, sich der aktuellen gesellschaftlichen Situation zu beugen, sich nicht zur Wehr zu setzen, vielleicht sogar zu glauben, sie für eigene Zwecke nutzen zu können. Und wie ist es heute? Viele beklagen sich lautstark über all die Dinge, die falsch laufen, doch haben sie auch den Mut, das Richtige zu tun und zu ihrem Chef „Nein!“ zu sagen, wenn der will, dass sie etwas tun sollen, was „eigentlich“ nicht in Ordnung ist? Oft ist es ein schleichender Prozess, eine leise beginnende Erosion gesellschaftlicher wie persönlichen Werte, die einen auf die schiefe Bahn kommen lässt.

Gerade höre ich von einer Firma, in der sich alle Mitarbeiter über etwas beklagen, weil es schlicht sinnlos ist und nur Zeit kostet – doch keiner sagt etwas, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren. Letztlich beschädigt sie das aber alle, denn es trägt nicht zur Wirtschaftlichkeit bei, im Gegenteil. Doch keiner wagt es, etwas zu sagen, eben aus Angst um die eigene Existenz. Und das ist die Falle, in der sich so viele gefangen sehen. „Die da oben“ heißt es dann, weil man sich ja nicht eingestehen will, dass man das freiwillig mitmacht. Doch die da oben haben genauso Angst um ihren Job, denn sie sind den auch recht schnell los, wenn der Aktienmarkt ihnen nicht mehr zugetan ist. Doch warum gibt es Unternehmen, die solche destruktiven Spiele nicht mehr mitspielen und gerade deswegen und nicht trotzdem wirtschaftlich erfolgreich sind? Weil einem jeder Ökonom erklären kann, dass Wirtschaftlichkeit und Aktienmarkt nicht kompatibel sind. Statt also einfach aufgeben und sich selbst zu korrumpieren – und nicht etwa korrumpieren zu lassen – sich also zusammenzusetzen und zu überlegen, was zu tun ist. Aber einer muss anfangen. Und wenn man das selbst merkt, dann ist man eben selbst dieser eine, der anfangen sollte.

Es ist, zwar auf einer ganz anderen Ebene, die selbe Dynamik, die auch in Politik und Gesellschaft Alltag ist. Dazu ein Zitat von Albrecht Mahr: „Die Kraft, derer sich der Nationalsozialismus bemächtigt hat – oder besser: das versucht hat – ist vergleichbar mit der Atomkraft, die unvorstellbar destruktiv sein kann, aber eben auch sehr nützlich. Im Nationalsozialismus waren die Bereitschaft des Dienens, des Verzichts auf persönliche Vorteile, die große Entschlossenheit etc. aufgerufen – alles gute Dinge – und sie waren in den Dienst einer vernichtenden rassischen Ideologie gestellt, die von Abermillionen mitgetragen wurde. Die destruktive Ideologie und die von ihr missbrauchten Kräfte sind aber nicht das Gleiche, und wir sind da zur Klarheit der Unterscheidung aufgefordert. Das heißt, wir müssen uns der mächtigen Kräfte, etwa unbedingter Entschlossenheit und der Willenskraft, für die Wahrheit einzutreten, bewusst werden und lernen, sie für die Ziele einzusetzen, die allen Menschen dienen und niemanden ausschließen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Verquickung von Macht und Ideologie in Deutschland eine „pazifistische Versuchung“ nach sich gezogen hat, das heißt Aggression in jeder Form zu vermeiden, weil sie mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Diese Art der Friedfertigkeit führt zu Kraftlosigkeit – wir werden dann ‚wie gekochtes Gemüse‘, hat mal jemand gesagt.“

Es hilft also nichts, wir müssen uns mit all diesen Seelenkräften vertraut machen. An der Grausamkeit des Nationalsozialismus gibt es nichts zu deuteln, aber auch nicht daran, dass viele – scheinbar sehenden Auges – in den Abgrund geraten sind. Die Fokussierung auf nur wenige hat den fatalen Effekt, dass man dann schnell bereit ist, die Anteile und das Verhalten anderer auszublenden. Beispielsweise, dass Höß, der Lagerverwalter von Auschwitz-Birkenau, ein liebevoller Vater und freundlicher Ehemann war. Hanna Arendt hat es in ihrem Text über die Banalität des Bösen klar herausgestellt, eine Betrachtung über Adolf Eichmann. Was ihr aber keine Freunde eingebracht hat, denn das bedeutet letztlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, ausnahmslos jeder; wenn er nicht seine Haltung, sein Denken und sein Tun permanent reflektiert und sich wirklich bewusst ist, was gerade in ihm vorgeht. Das ist auch gut beschrieben in dem Video „Das radikal Böse“ oder in dem „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész. Doch wenn wir bereit sind, uns gerade auch mit dem ungern Gesehenen zu beschäftigen, nämlich mit den aggressiven Aspekten in uns wie mit unserer Wortwahl, in der oft die Keime zu Gewalttätigkeit enthalten sind und die scheinbar zu unserer Grundausstattung gehören – warum auch immer. Das heißt, wir selbst sind aufgefordert, uns auf einem anderen Bewusstseinsniveau anzusiedeln. Das lässt uns am Ende friedfertiger und zugleich kraftvoller werden – und wir brauchen beides.

Es kann also nicht sein, dass mir die Möglichkeit richtigen Lebens verstellt ist, gleichgültig, wie ich mein Leben gestalte. Das ist in meinen Augen nichts anderes als eine Ausrede. Adorno aber meint das Gegenteil. Anstatt sie aufzuheben, bekräftigt er die Differenz von Richtig und Falsch. Auch wenn ein im Ganzen richtiges Leben unmöglich ist, so ist es für ein unverblendetes Dasein äußerst wichtig, sich denn Sinn für das Richtige nicht abkaufen zu lassen. Und genau deswegen überlegt Adorno immer wieder, wie es am besten wäre, sich in schwieriger Lage zu verhalten, weil er einerseits die destruktiven Tendenzen der Moderne klar sieht, er aber andererseits den „Traum eines Daseins ohne Schande“ nicht aufgibt.

Mit diesem Traum freilich hat es eine besondere Bewandtnis. Adorno lässt sich von einem außerordentlich extremen Ideal des individuellen und gesellschaftlichen Lebens leiten. Dem Modell der Produktion, von dem er alles Leben – und Morden – unter den Bedingungen der Moderne geleitet sieht, stellt er ein Modell der Kontemplation gegenüber, unter dem Menschen und Dinge einander in unwillkürlicher Aufmerksamkeit begegnen könnten. Nur vom Unmöglichen her können wir seiner Ansicht nach unsere Möglichkeiten verstehen. Ich denke, dass es genau so ist.

Dabei gilt es, zwei ganz wesentlichen Dingen gerecht zu werden. Zum einen sind wir nur zu einem sehr geringen Prozentsatz unserer selbst bewusst. Wir können uns also nie sicher sein, dass wir alle Aspekte einer Sache sehen können, auch bei uns selbst nicht. Dieser fehlenden Bewusstheit für uns selbst können wir nur durch einen sehr bewusst gestalteten Alltag begegnen. Krishnamurti hat es treffend formuliert, nämlich dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist. Doch das bedeutet eben nicht, alles laufen zu lassen, sondern den Alltag sehr bewusst und klar zu gestalten.

So wie man Kindern eine aus Orten, Zeiten und Gesten bezeichnete Welt baut, damit diese bezeichnete Welt sie die ersten Wichtigkeiten lehrt, genauso machen es auch Zen-Menschen. Sie bauen sich eine absolut klare und einfache, aber auch sehr strikte Alltagswelt auf, denn die ermöglicht es ihnen, die Leerheit zu erfahren. Christliche Mönche machen es übrigens genauso. Erst der klar strukturierte Alltag macht Kreativität, Kontemplation und Reflexion wie geistige Versenkung überhaupt möglich. Je geordneter mein Bücherregal ist, desto leichter finde ich mich darin zurecht. Und dann bin ich nicht mit Suchen beschäftigt, sondern kann lesen. Entsprechend ist es auch mit dem Alltag. Je klarer der strukturiert ist, desto mehr Zeit habe ich für mich selbst. Keine Ablenkung.

Dazu kommt, dass ich ja nur das erreichen kann, was ich mir auch vorstellen kann. Andererseits kann ich mir gar nicht vorstellen, wie gefangen ich normalerweise in Vorstellungen bin. Doch dazu brauche ich ein klares Umfeld, so wie ein guter Designer einen leeren Schreibtisch hat. Je mehr rumliegt, desto weniger kreativ ist er. Ich muss mir also einen Raum schaffen, in dem Neues generiert werden kann. Und je mehr in dem Raum schon vorhanden ist, desto schwieriger ist das für mich. Ich brauche also den leeren Raum mit möglichst geringer Ablenkung, um in mir eine Vorstellung von Leerheit entstehen lassen zu können. Denn auch die Leerheit kann ich mir vorstellen, es ist der Raum des Möglichen.

Gerade habe ich eine Website gefunden, in der es einerseits um Zen, wie um das Kochen in einem Zen-Kloster, und um Kyodo geht, das von Zen geprägte Bogenschießen. Dabei kam mir der Gedanke, der wohl schon lange in mir geschlummert hat, warum nicht Zen mit einem Leben im Alltag und Bogenschießen mit etwas zu tauschen, was man öfters tut, etwa Motorradfahren? Und das Kochen zum Ritual zu machen, wie es ein Zen-Meisters macht? Das würde Zen von dem exotischen Touch befreien, den es dank der Roben und Rituale nun einmal hat. Aber die Haltung bliebe. Und auf die kommt es an. Wir wissen, dass Form den Inhalt generiert. Will ich also eine spezifische Haltung leben, brauche ich die dementsprechende Form. Und weil ich weiß, dass ich einen direkten Einfluss auf Äußerlichkeiten habe, nicht aber auf die Grundlagen dessen, was ich denke und damit auch nicht auf das, was ich tue, denn das ist mir im Wesentlichen nicht bewusst.

Es ist die alte Gretchenfrage: »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« Religion steht hier für all das, was Gretchen in ihrem Leben als Maßstab des Handelns ansieht, als Orientierung in ethischen Fragen und im ganz alltäglichen Leben. Es geht in der Gretchenfrage also um das Selbstverständnis Fausts als Menschen. Es ist keine »Gewissensfrage« im traditionellen Sinn, sondern die Frage nach der Norm, nach der ein Mensch sein Leben ausrichtet. Und das ist genau die Frage, der wir uns immer wieder stellen müssen, wollen wir wesentlich und wahrhaftig sein und wenn es nicht bei den philosophischen Gedanken und Reflexionen bleiben soll.

Doch was prägt meine Gedanken, meine Haltung und mein Welt- wie mein Selbstbild? (Immer in dieser Reihenfolge!) Ganz einfach, das ist das, worauf ich mich konzentriere, womit ich mich beschäftige und wie ich letztlich lebe. Und am Anfang steht ein Gefühl, mein Lebensgefühl. In meinem Lebensgefühl wird mein implizites Welt- und Selbstbild sichtbar, es zeigt sich in meiner Lebensweise. Es fängt ganz banal an: Warum fahre ich dieses und kein anderes Motorrad oder Auto? Warum esse ich lieber so und nicht anders? Weshalb mache ich diesen Urlaub und keinen anderen? Oder warum kaufe ich mir lieber eine CD von Sting als in ein Konzert mit ihm zu gehen? In meiner Lebensart und meinem Lebensgefühl ist mein implizites Inneres sichtbar, auch für mich selbst, wenn ich bereit bin, mich darauf einzulassen. Das ist gar nicht so leicht, denn das bedeutet die hellen und die dunklen Seiten gleichermaßen zu sehen. Nur zusammen ergeben sie ein Bild meiner selbst. Immer wieder muss ich mich fragen, ob ich nicht doch wieder einmal an etwas Vordergründigem und an der Oberfläche hängen geblieben bin. Ein Beispiel: Über lange Zeit habe ich von der „Macht der Gedanken“ gesprochen, bis ich irgendwann endlich begriffen hatte, dass die gar keine Macht haben. Persönliche Macht setzt sich nämlich zusammen aus Lebenskraft und einer Ideologie.

Gedanken sind nichts anderes als die Exekutive, die mittels meiner Lebenskraft das umsetzen, was ihnen meine Haltung vorgibt. Und meine Haltung ist nichts anderes als das Spiegelbild meines Welt- und Selbstbildes. Die beiden sind mir aber nicht bewusst, sondern schlummern in den Tiefen meines Nicht-Bewussten. Gehe ich aber davon aus, dass Gedanken selbst Macht hätten, dann sitze ich einer Illusion auf. Und darum funktioniert das mit der Gedankenkontrolle auch nicht, denn über mein Gehirn habe ich nun einmal keine Kontrolle. Und auch mein Welt- und Selbstbild kann ich nicht so einfach mal austauschen, wenn ich einen Fehler darin entdeckt habe, denn es ist ja mehrheitlich nicht bewusst. Damit stellt sich die Frage, was mein Welt- und auch mein Selbstbild eigentlich prägt. Ganz einfach, es wird durch das geprägt, womit ich mich beschäftige und wie ich lebe.

Wie also will ich leben? Auf diese Frage eine sehr bewusste, klare und überlegte Antwort ohne jegliche Spur von Oberflächlichkeit oder Populismus zu geben – das ist die Quintessenz. Manche Menschen denken ja, wir würden uns zu viele Gedanken machen angesichts all der Dinge, die wir nicht wissen. Es ist richtig, wir wissen sehr, sehr vieles nicht. Aber wie es auch ist, wir sollten von dem ausgehen, was wir wissen und das Beste daraus machen. Denn einfach nur fatalistisch die Hände zu falten und nichts zu tun ist exakt die Option, die Adornos für zynisch hält. Fatalismus ist definitiv zynisch und für mich absolut keine Option.

Heißt, ich setze das Thema Zen & Alltag für mich um, so gut es mir gelingt.