Verantwortung – überfordert uns meistens

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Verantworung interessiert nur privat

Verantwortung – der Begriff macht uns zunehmend zu schaffen. Eindeutig hat der Begriff etwas mit antworten zu tun; nur: Worauf antworten wir, wenn wir Verantwortung übernehmen?

Mein Stamm und ich – die Verantwortung war gegenseitig

Wenn ich zu den Anfängen der Menschheit hinspüre, dann ist da zunächst die Verantwortung des Stammes für seine Mitglieder, zuvorderst seine Kinder, die das gemeinsame Überleben sichern. Eltern und Stamm lassen sich in der Frühzeit nicht voneinander trennen, denn die längste Zeit der Menschheitsgeschichte wusste niemand, dass das Vergnügen des Mannes am Geschlechtsakt zur Entstehung eines Kindes führen kann. Die Mutter war also primär eingebettet in den Stamm als „soziales Nest“ und sekundär in den Kreis beider Familien.

Verantwortung ging also primär vom Stamm aus. Er war eine Art gemeinsames „Feld“, das selbstverständlich nur solange existierte, wie die einzelnen Stammesmitglieder dieses Feldes gemeinsam aufrechterhielten. Der Einzelne hatte ebenso Verantwortung für das Ganze wie das Ganze für den Einzelnen. Was auch für den Fall der Gefahrenabwehr jeder Art gelten musste. Undenkbar, dass der Einzelne eine Gefahr erkannte und ihr aus dem Weg gegangen wäre, ohne den Stamm über diese Gefahr zu informieren.

Stämme sind zu Familien geschrumpft

Verantwortung war also die angemessene Antwort auf die Hilfsbedürftigkeit der einzelnen Mitglieder eines Stammes. Dieser Aspekt kümmert vermutlich bis heute in uns vor sich hin, hat aber jede Bedeutung verloren. Bei uns gibt es keine Stämme mehr mit gemeinsamen Sitten und Gebräuchen. Und dort, wo es sie noch gibt, gelten ihre Kulturen als primitiv und müssen „entwickelt“ werden, damit sie sich endlich über Fernsehen und Smartphones die richtige Lebensweise aneignen können. Folglich gibt es im Westen weder eine Verantwortung des Stammes gegenüber seinen Mitgliedern noch umgekehrt. Der Stamm ist auf die Familie geschrumpft. Dort haben nur noch die Eltern Veranwortung gegenüber ihren Kindern, die Verantwortung gegenüber den Alten existiert allenfalls noch am Rande und wurde überwiegend an soziale Organisationen übertragen.

Die anderen sind mir schnurzpiepe

Eine Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Staat existiert zwar als theoretische ethische Bringschuld, kann aber emotional – und meist auch intellektuell – nicht mehr nachvollzogen werden. Die unbewusste oder halbbewusste Argumentationslinie verläuft in etwa so: „Der Staat ist ein politisches Gebilde, in das wir versehentlich hineingeboren wurden und dessen Bürger bestenfalls mit einer ähnlichen Dialektfärbung sprechen, eventuell der gleichen Schicht und Konfession angehören. Schlimmstenfalls leben sie aber völlig anders als ich, glauben an andere Dinge, Werte und Götter, haben komplett andere Wünsche und Bedürfnisse und interessieren sich keinen Pfifferling dafür, ob es mir gut oder schlecht geht. Weshalb also sollte ich ihnen gegenüber auch nur ansatzweise Verantwortung empfinden?“

Und noch weiter: „Weshalb sollte ich mich um Menschen kümmern, die nicht meine Sprache sprechen, eine andere Hautfarbe und wahrscheinlich andere Werte haben; die bei Lebensmitteln, bei denen mir das Wasser im Mund zusammenläuft, angeekelt das Gesicht verziehen und vielleicht sogar zwei Frauen haben oder mehr? Ob es ihnen gut geht oder schlecht, ob sie zu essen oder trinken haben, kann mir deshalb egal sein. Und noch gleichgültiger sind mir alle Nichtmenschen. Ob Tiere aussterben oder nicht, ist mir schnurzpiepe, solange das Schnitzel an der Fleischtheke des Supermarkts nicht teurer wird, meine Miete nicht steigt und ich genug Kohle beiseitelegen kann, um meiner Familie einen Urlaub an der Adria finanzieren zu können.“

„Auch noch für Tiere und Pflanzen Verantwortung übernehmen – das ist was für grüne Spinner, die genügend Geld auf dem Konto liegen und sonst nichts Besseres zu tun haben. Oder etwa nicht?“

Nicht antworten geht nicht

Wie wäre es also mit der Gründung neuer Stämme auf der Basis gemeinsamen Wissens und gemeinsamer Werte? Denn ein Zusammenhang bleibt bestehen: Was auch immer ich tue, wie auch immer ich handele: Die Natur oder der Menschenkreis um mich wird in irgendeiner Weise „antworten“, sprich reagieren – positiv oder negativ. Ich bin untrennbarer Teil ebenso sozialer wie ökologischer Systemzusammenhänge. Diese Erkenntnisse kann ich annehmen oder verweigern und mich in die Schlange an der Fleischtheke des Supermarkts einreihen.

Wir brauchen eine neue planetarische Geschichte

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Der Futurist Duane Elgin hat beobachtet, dass der soziale und kulturelle Wandel von den Geschichten abhängt, an die wir glauben und in denen wir uns heimisch fühlen – Geschichten, die uns entweder erstarren lassen oder neue Antworten auf unsere planetarische Notlage auslösen können. Elgin berichtet, dass die Antworten der Menschen auf die Frage, wie sie die Zukunft wahrnehmen, bezeichnend sind. „Viele Leute meinen: ‚Wir werden gegen die Wand fahren‘“, sagt er. „Die Menschen haben eine sehr reduzierte, verarmte und erschreckende Sicht auf unsere gemeinsame Zukunft. Als Folge davon ziehen sich viele zurück, leben in der Gegenwart und ignorieren die Zukunft. Und wenn sie sie nicht verleugnen, sind sie oft verzweifelt.“

Aus diesen Antworten ergeben sich zwei Geschichten. Die eine ist „Es wird nicht passieren“, was uns erlaubt, so weiterzuleben, wie bisher. Die andere ist: „Es wird so kommen und wir können nichts dagegen tun“, was letztendlich zum selben Ergebnis führt – Untätigkeit – und auch zu Depressionen. Obwohl der Zusammenbruch und Wiederaufbau von Zivilisationen im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder stattgefunden haen, ist die Welt jetzt ein integriertes System (geologisch und soziologisch) – also werden wir gemeinsam aufsteigen oder untergehen, je nachdem, wie wir reagieren. „Wir brauchen eine Geschichte, die uns alle in eine vielversprechendere Zukunft führt“, sagt Elgin. „Aber was kann das für eine Geschichte sein?“

Elgin argumentiert, dass die Klimakrise nicht eine solche Geschichte ist. Die Krise selbst muss kontextualisiert und in eine andre Geschichte eingebettet werden, um uns Menschen eine Möglichkeit zu geben, unsere Vorstellungskraft und Energie zu koordinieren und zusammenzuhalten. „Die Klimakrise ist grundsätzlich eine Kommunikationskrise“, sagt er. „Wir werden den Klimawandel und die damit verbundenen Krisen nicht bewältigen, wenn wir nicht beginnen, effektiver zu kommunizieren. Ich denke, aus diesem Grund ist eine Story hilfreich.“ Elgin bietet mehrere übergreifende Erzählungen, die für die Realität des Klimawandels und die anderen, ineinandergreifenden Spannungen und Krisen einen Raum halten können:

Die Menschheit wird erwachsen. Wir sind in unserer Jugend als Menschheitsfamilie. Wir sind rebellisch und rücksichtslos, unser Denken ist kurzfristig, unser Appetit groß und unser Verhalten impulsiv. Wir Erwachsenen erinnern uns alle daran, wie schwierig diese Passage in unserem eigenen Leben war – es ist eine Einweihung, die die meisten für sich selbst leisten müssen, weil unsere Kultur uns keine Anleitung gibt, damit wir diesen Übergang vom Kind zum Erwachsenen bewältigen können. Stellen Sie sich also unsere gesamte Spezies von 7,7 Milliarden Menschen vor, die versuchen, diesen Initiationsritus ohne Führung durchzuführen.

Das globale Gehirn erwacht. Mehr als drei Milliarden Menschen haben heute Zugang zum Internet, und in den nächsten Jahren werden es fünf Milliarden sein. Das gibt uns eine außergewöhnliche Kommunikationsfähigkeit. Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass wir, während wir uns in diesem Übergang befinden, neue Wege entwickeln, um zu kommunizieren, ein kollektives Verständnis zu entwickeln und das menschliche Bewusstsein zu teilen. Das ist neu in der Geschichte der Menschheit. Die ganze Welt wird in dieses kommunikative Netz eingewoben. Was kann passieren, wenn dieses „globale Gehirn“ bewusster und selbstbewusster wird?

Dies ist die Zeit einer planetarischen Geburt. Wie die Wehen einer Frau ist dieser Prozess schmerzhaft, erschreckend, schwierig und unberechenbar. Erstaunlicherweise wartet auf der anderen Seite dieses Schmerzes und dieser Wehen neues Leben! Was wir jetzt sehen, sind die Geburtswehen einer neuen planetarischen Zivilisation. Wie können wir diesen Geburtsvorgang begleiten? Wie können wir die Absicht im Auge behalten und in die kommende neue Lebenswelt „hineinleben“?

Aus Terry Patten, A New Republic of the heart – An Ethos for Revolutionaries, ISBN 978-1-62317-047-9

[Übersetzung: Bobby Langer]

Synergien für den Wandel

Seit inzwischen wohl 5 Jahren arbeite ich bei green net project mit. Ich kann mich nicht entsinnen, dass jemand unsere Arbeit besser auf den Punkt gebracht hätte als Ilona Koglin in ihrem Blog fuereinebesserewelt.info.

Vielleicht lässt sich ja sogar jemand dazu animieren, beim green net project mitzuarbeiten!