Rezension von Lic. Theol. Peter Schönhöffer M.A. (Ingelheim)

Ein waschechter Narzisst, der erfolgsverwöhnt und doch leidenschaftlich-umtriebig aus der Perspek­tive eines kritischen Hedonismus schreibt… so gar nichts für mich an und für sich. Und doch sei die Lektüre, die sich wie in einem Sog lesen lässt, tatsächlich für Herz und Verstand, Eros und Logos empfohlen. Hier meldet sich eine fein ausbalancierte Stimme, hinter der im wahrsten Sinne des Wortes ein mit vielen post­modernen Wassern gewaschener Lebenscoach zu erspüren ist – und der – wenn man sich am narziss­tischen Stallgeruch nicht stört, eine Menge zu sagen hat, was viele tiefreichend angeht.

Wir stehen wohl gesellschaftsgeschichtlich gesehen tatsächlich an einem Punkt, den Heike Pourian von „sensing the change“ nüchtern so bezeichnet: „Lange konnten wir den Schmerz nicht erkennen, den wir mit unserer Zivilisation verursacht haben. Nun beginnen wir, das wahrnehmen zu können.“ Wenn dem so sein sollte, dann ist dieses Buch indes wie eine immerfort Nachdenkenswertes hervorsprudelnde Quelle auf dem Weg dorthin. Es schaut sich den Zusammenhang von Depression und fehlender Sakralität an, geht (ganz der Hedonist!) auf eine „postreligiöse Spiritualität“ zu, entwickelt einige in der Tat beeindruckende Facetten davon, lädt das „Schwert der Klarheit ein“, bleibt nicht bei Halbheiten stehen und ruft voller Glauben an deren Veränderungsfähigkeit alle aktiven Männer und Frauen als ekstatische Wesen, die sie sind, in einer geradezu mitreißenden Weise dazu auf, nicht länger weit unter ihren Potenzialitäten zu verbleiben; selbst wenn das 10.000 Jahre aus uns lastende Patriarchat noch tief in uns sitzt und seine Nachwirkungen uns nicht einfachhin freigeben werden.

Auf diesem Weg lockt er sogar achtungsvoll den Wert alter Traditionen in neuem Gewand hervor und nimmt sich neben einer zuweilen tiefreichenden Kritik an zu kurz greifendem Feminismus und Konflikten aus dem Weg gehender psychospiritueller Szene auch die Zeit, auf eine sensible Weise, taugliche männliche Vorbilder zu zeichnen, die „nicht im Vorgarten der neuen Heiligtümer sitzen bleiben“ werden. So enthält das in kürzester Zeit bereits in dritter Auflage erscheinende Werk eine wertvolle Fülle an sehr lebens­praktisch evoziertem „Zukunftswissen“, immer wieder herausfordernd-zupackende rhetorisch ange­schärfte Passagen, eine kristallklare Sprache und einen spannungsvollen Erkenntnisweg. Selbst ohne in einem tie­feren Sinn wissenschaftlich fundiert daherzukommen, kann man ganz offensichtlich eine Menge aufregen­den Erkenntnis­gewinn gebären und Stoff zur weiteren Auseinandersetzung bieten, der an vielen Stellen ge­radezu weisheitliche Qualitäten erreicht und Leser, Leserin und LGBTQI+-community stets nicht so einfach davonkommen lässt.

Rezension von Andreas Chajm Langholf

Abschied vom Größenwahn. Wie wir zu einem menschlichen Maß finden. Von Ute Scheub, Christian Küttner.
22 Euro, ISBN 978-3-96238-205-6, oekom Verlag

„Drei Molkereien reichen aus, um ganz Deutschland mit Milchprodukten zu versorgen.“ Mit dieser Aussage schockierte mich ein sehr freundlicher Vertreter einer großen Molkereikette in einem Gespräch im Rahmen der Recherchen für diese Rezension. Da stellte sich mir die Frage: Woher kommt der Gegensatz zwischen der persönlichen Einstellung und dem Handeln in Großstrukturen?

„Abschied vom Größenwahn. Wie wir zu einem menschlichen Maß finden.“ Schon der etwas sperrig wirkende Titel des fast 300 Seiten dicken, im September 2020 im oekom-Verlag erschienenen Buches wirft Fragen auf, ja mag provozieren.

Ziel des Buches ist es dabei nicht in erster Linie, konkrete Anleitungspunkte für nachhaltiges Handeln zu geben, sondern vielmehr einen reflektierten Überblick. Dabei finden in dem spannend zu lesenden Buch selbst Leute, die sich mit der Materie bereits auskennen – nicht zuletzt dank der aktuellen, exemplarischen positiven Beispiele – noch einiges Interessante, Neue, Überraschende.

Das einleitende Kapitel „Größenwahn oder menschliches Maß“ umfasst das erste Drittel des Buches. Sehr umfangreich wird dort versucht, die vielfältigen Krisen und Probleme unserer Zeit wie Epidemien, Klimakrise und Artensterben in einen Gesamtzusammenhang zu bringen.

Die Autoren, zwei Aktivisten zivilgesellschaftlicher Initiativen und IT-Berater für Organisationen wie den Bundestag, beklagen und beschreiben die größenwahnsinnige Art der gegenwärtigen Globalisierung und die Auswüchse des gegenwärtigen Modells. Dabei werden immer wieder Bezüge zur aktuellen, bedrückenden Corona-Pandemie hergestellt und diese als als Symptom einer Systemkrise beschrieben: Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie verletzlich wir uns mit unserem Zivilisationsmodell gemacht haben, etwa in der Massentierhaltung sowohl mit ihrem Umgang mit den Tieren wie auch den dort Beschäftigten, als auch mit der leichten weltweiten Ausbreitung über die globalen Flug- und Handelsrouten.

Dem werden kleinteilige, selbstorganisierte und lokal angepasste Strukturen entgegengestellt:
Selbstbewusst schreiben die Autoren: „Wir alle sind aufgerufen, liebevolle Sterbebegleitung des alten Systems zu leisten, und dieses Buch will dazu seinen kleinen Beitrag leisten.“

Auf die Schilderung des Verlustes des menschlichen Maßes aufbauend widmen sich fünf Kapitel verschiedenen zentralen Bereichen: Ernährung, Lebensorten, Wirtschaft, Gesundheitssystem und Demokratie. Hier wird nach grundsätzlichen Betrachtungen eine Vielzahl von Initiativen vorgestellt. Das abschließende Kapitel „Abschied vom Größenwahn“ unternimmt den nicht einfachen Versuch eines Resümees.

Auf den ersten Blick fällt die gelungene Gestaltung des Buches in vielerlei Hinsicht auf: So wird jedes Kapitel des Hauptteiles umrahmt von einer einheitlichen Gestaltung. Treffende Zitate zu Beginn und Zukunftsvisionen zum Ende umrahmen die einzelnen Kapitel. Sie liefern eine grundlegende Analyse des jeweiligen Problemfeldes, etwa der „Ernährung“, abgesichert durch eine Vielzahl von Zitaten bekannter und renommierter Autoren. Der emanzipatorische Ansatz der Visionen ist teils inspirierend, schlägt dabei für meinen Geschmack jedoch zuweilen ins gegenteilige Extrem um.

Die meiner Ansicht nach teils zu holzschnittartig bemühten und ideologisch gefärbten Visionen, sowie einigen kleineren logischen Ungereimtheiten, wie etwa der Forderung nach Selbstverwaltung, -organisation und Freiheit einerseits und der nach Großstrukturen wie einem europäischen Stromnetz, Vorgaben und Regeln andererseits sind diese Schwächen jedoch vor dem Hintergrund der Qualitäten des Buches zu vernachlässigen.

Dieses Buch liefert viel Theorie; dabei werden ganz grundsätzliche Fragen etwa nach dem Genug, also Genügsamkeit nicht klar genug gestellt. Stattdessen wird das bestehende System mit ausführlich anekdotenhaft geschilderten Auswüchsen kritisiert. Dem werden eine Vielzahl schon jetzt bestehender Initiativen sowie Visionen für eine nachhaltigere Zukunft entgegengestellt.

Für den nötigen und kommenden großen Wandel mag das vielleicht nicht ausreichend sein, es ist aber nötig und hilfreich. Das macht das Buch zu einem guten Rundumschlag. Es macht Mut und Lust auf die Veränderung. Nicht zuletzt lädt es mit den vielen Zitaten und Kontakten zur weiteren und tiefergehenden Beschäftigung ein.

Übrigens: Die aktuelle Anzahl der Molkereien in Deutschland: unter 100. 1990 waren es noch fünfmal so viele). Wie und wohin wollen wir uns entwickeln?

Die Maßnahmen gegen Pandemie verschärfen die Hungersituation weltweit

Von Andreas Chajm Langholf

Zu Beginn: Bitte halten Sie kurz inne und ergänzen Sie: „Jedes fünfte Kind auf der Welt … “
Die Antwort, die in diese Rezension eingestreut ist, wird Sie überraschen und – hoffentlich – auch schockieren, so wie mich, als ich sie im vorliegenden Buch las.

„Wege aus der Ernährungskrise“ ist Teil der jährlich erscheinenden Reihe „Almanach Entwicklungspolitik“. Diese wird von der Entwicklungsorganisation CARITAS mit jährlich wechselnden Schwerpunktsetzungen wie Afrika (2020), Migration (2019), Klima und Armut herausgegeben.

Die Corona-Pandemie verschärft mit den dagegen ergriffenen Maßnahmen die Hungersituation im Übrigen drastisch, sodass die UNO bereits im April letzten Jahres vor „Hungersnöten biblischen Ausmaßes“ warnte. Leider ist diese Warnung im medialen Gewitter weitgehend untergegangen  – und das vor dem Hintergrund, dass über 820 Millionen Menschen hungern und zwei Milliarden unterernährt sind, – Tendenz bereits seit 2015 übrigens wieder steigend.

Zu Gliederung und Inhalten im Einzelnen

Nach dem Vorwort und der Schilderung entwicklungspolitischer Trends finden sich 15 gut recherchierte, mit Quellen, Anmerkungen und Begriffsdefinitionen belegte Artikel von ausgewiesenen Experten auf ihren Gebieten, übersichtlich gegliedert in drei Teile, sowie der Versuch einer Synthese aus Sicht der CARITAS Schweiz.

Teil I gibt einen Überblick über die verschiedenen Aspekte des Problemfeldes Hunger, angefangen mit einer Übersicht zur gegenwärtigen Ernährungssituation sowie den Faktoren, die Hunger und Mangelernährung begünstigen; überdies zu strukturellen Problemen sowohl im agrarindustriellen wie politischen System. Dazu gibt es auch eine interessante historische Einordnung zu Mustern, Erklärungen und politischen Antworten der letzten 150 Jahre.

Dieser Beitrag leitet über zum Teil II mit lokalen und globalen Ansätzen der Hungerbekämpfung. Hier wird bereits ein weiter Bogen gespannt von Marktzugang über Wertschöpfungsketten bis hin zu Agrarökologie und Klimawandel.

Teil III thematisiert dann die großen Herausforderungen der Zukunft und Lösungsansätze wie Ausweitung des Ökolandbaus, mehr Landrechte für Frauen sowie benachteiligte Gruppen und präsentiert das Thema „Zugang zur Nahrung“.

Zwei Aspekte ziehen sich inhaltlich durch das Buch:

  • Bei Beendigung der Verschwendung und gerechter Verteilung gäbe es genug Nahrung für alle!
  • Wenn Worte Nahrung wären, dann gäbe es keinen Hunger!

Persönliche Bewertung

Tragischerweise fehlt den Verantwortlichen–und das sind nicht nur Politiker und Wirtschaftsbosse, sondern auch wir KonsumentInnen – aktuell trotz großer Verlautbarungen und nachhaltiger Entwicklungsziele der UNO oft noch der politische Wille, am großen Hungern in einer Welt des Überflusses etwas zu ändern. Dabei wird heute gerne von Politiker betont, es zähle jedes Leben.

Das Buch ist ein sehr gutes Überblickswerk zur ganzheitlichen Behandlung dieses komplexen Problemfeldes, dem nicht mit einfachen Ansätzen monokausal beizukommen ist. Ausgiebigen Quellen und Links laden zur weitergehenden Beschäftigung mit diesem Thema ein.
Ach ja, übrigens: Nur jedes 5. Kind im Alter zwischen 6 und 23 Monaten erhält laut FAO eine Ernährung, die den minimalen (!) Anforderungen für eine gesunde Ernährung entspricht.

 Manuela Specker, Wege aus der Ernährungskrise, 258 S., Caritas-Verlag 2020, ISBN 978-3-85592-173-7

Der Autor:

Andreas Chajm Langholf ist Diplom-Agraringenieur und seit vielen Jahren im Umweltschutz tätig.

Er verfasste freiberuflich Studien, u.a. für BUND und Artikel, u.a. in IGEL, Unabhängige Bauernstimme, Lebendige Erde, Sennaciulo, Kontakto u.a. und veröffentlicht auf Deutsch, Englisch und Esperanto. Darin beschäftigt er sich neben Ernährung auch mit den Themen Systemkritik, Konsum und nachhaltiger Lebensweise.

Daneben gibt er im kleinen Stil Seminare zu Selbstversorgung, lehrte zu Ernährung an Schulen und Universitäten und betreut Bauernhoffreizeiten für Kinder.

[Foto von Lothar Dieterich auf Pixabay ]