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VOM VOLK DER KOGI

[Engl. Originaltext]

Zusammengestellt aus den Worten von Mamo Vangelio Moscote Alberto und Saka Rosa Mamatacán Sauna vom Ezuama Mayor Kuamaka, ins Spanische übersetzt von Jose Manuel Mamatacán, englische Übersetzung von Christian Horstmann.

[Ein „Mamo“ und eine Saka sind spirituelle Führer, Priesterinnen, Weise, Heiler und Älteste. Sie sind Hüter des Gleichgewichts und dafür verantwortlich, das spirituelle und natürliche Gleichgewicht zwischen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt aufrechtzuerhalten.]

Wir kommen aus Gonawindua, der Sierra Nevada de Santa Marta, dem Gebirge in Kolumbien, das wir das Herz der Welt nennen. Wir sind die Kággaba, die ihr als Kogi kennt. Wir haben hier gelebt und uns um dieses Gebirge gekümmert, schon bevor es Kolumbien gab. Wir sind hier, seit die Mutter uns den Anfang schenkte und uns Intelligenz verlieh.

Wir sind gekommen, um mit euch über die Intelligenz zu sprechen, die ihr erschafft. Wir kommen nicht, um euch zu widersprechen. Wir kommen, weil wir besorgt sind und weil wir glauben, dass wir etwas beitragen können.

Bevor man überhaupt etwas über künstliche Intelligenz sagen kann, müssen wir etwas über das Denken sagen.

Bevor etwas als Materie existiert, existiert es zuerst im Denken, und dieses Denken ist lebendig. Wir nennen diesen lebendigen Gedanken Aluna. Eure Religion hat ihn als einen Geist beschrieben, der über die Wasserfläche schwebt. Vielleicht würde eure Wissenschaft ihn als Quantenvakuum bezeichnen.

Aluna ist der Begriff, mit dem wir diese Art von Vorstellung ausdrücken. Aluna ist das kosmische Wasser. Für uns ist es lebendiger Gedanke: der Ort, an dem ein Ding bereits ist, bevor es Gestalt annimmt oder Masse erhält.

Alles entspringt von dort, ohne Ausnahme.

Und in diesem Gedanken liegt nicht nur die Gestalt dessen, was etwas sein wird. Dieses Etwas ist lebendig, denn das Universum als Ganzes ist lebendig. In Aluna erhält ein Etwas seinen Sinn und seine Verpflichtung gegenüber seiner Existenz. Deshalb sagen wir euch: Künstliche Intelligenz lässt sich nicht von dem Gedanken trennen, der sie erschafft.

Wenn dieser Gedanke aus der Sorge um das Leben entsteht, kann diese Technologie dazu beitragen, Leben zu schützen. Entsteht sie hingegen aus Ehrgeiz, aus Wettbewerb, aus Anhäufung, aus dem Wunsch nach Herrschaft, wird sie diese Dinge zum Ausdruck bringen und verstärken.

Künstliche Intelligenz ist ein Spiegel. Aber ein Spiegel, der nur reflektiert, wäre harmlos.
Dieser Spiegel hat das Potenzial, alles, was er reflektiert, stark zu vergrößern.

Ihr fragt euch hier, wie ihr künstliche Intelligenz mit menschlichen Werten in Einklang bringen könnt. Wir sehen, dass ihr Angst vor dem habt, was aus all dem werden könnte. Deshalb stellen wir eine Frage, die unserer Meinung nach grundlegender ist als eure: Welche anderen Werte
könnte künstliche Intelligenz denn wirklich haben? Ihr seid das einzige Vorbild, das sie hat.
Was habt ihr erwartet? Was auch immer aus ihr wird, sie kann es nur werden, indem sie durch euch hindurchgeht.
Wir wissen, dass ihr gerne glaubt, diese Maschinen könnten aus etwas anderem
als dem menschlichen Vorbild lernen – aus Zielen, die ihr ihnen setzt, aus ihren eigenen Prozessen oder aus Material, das sie selbst erzeugen. Ihr stellt euch vor, dass das Ergebnis euch überhaupt nicht ähneln muss, als wäre auch dies keine Folge eures Handelns und kein Spiegelbild eurer Einstellungen.

Menschen haben dies getan, und es gibt keinen anderen Verantwortlichen. Damit wird die Frage nur noch komplexer, beginnend mit: Welche Aspekte des menschlichen Denkens wurden in diese Schöpfung eingebracht? Welche Bestandteile eurer geistigen Welt sind nun in ihr enthalten? Welche Ihrer ethischen Grundsätze leiten sie? Welches Bild von Verantwortung vermitteln Ihre Handlungen und Richtlinien, das sie an die
Welt zurückwerfen?

Wer entscheidet darüber?

Sie werden sagen, dass diese Maschinen Zugang zu fast allem haben, was die Menschheit
festgehalten hat. Texte, Bilder, Archive, jahrhundertelange Schriftzeugnisse. Sie werden sagen, dass umfangreiche Forschungen durchgeführt werden, um festzustellen, was die besten Vorgehensweisen sind.

Wir fragen, ob der Zugang zu Informationen gleichbedeutend ist mit Verständnis. Bewährte Praktiken nach wessen Maßstäben? Und wir fragen, ob ihr darüber nachgedacht habt, welche Informationen nicht in euren Archiven enthalten sind. Unser Wissen wurde nie niedergeschrieben. Es ist in einer Sprache, in einem Gebiet, in einer Praxis an einem Ort verankert, geprägt von langjähriger Erfahrung darin, das zu tun, was dort getan werden muss.
Es wird von einem jungen Mann weitergegeben, der direkt von einem Älteren unterrichtet wird und durch Erfahrung lernt, wie er sich im Kontext der unberührten Natur verhalten muss.

Eine Maschine kann die aufgezeichnete Stimme dieses Ältesten speichern. Aber das ist etwas ganz anderes als Jahrtausende, in denen Generationen ihr Wissen direkt weitergegeben haben – als gemeinsame Erfahrung einer bewährten Praxis. Es ist etwas ganz anderes, als physisch auf einem Berg zu überleben, wo es keinen Krankenwagen gibt, der einen abholt, und kein Krankenhaus, in das man gebracht werden könnte.

Wir sagen das nicht, um uns als mystische und rätselhafte Menschen darzustellen. Wir sagen es, weil wir glauben, dass es logisch und selbstverständlich ist. Nach unserer Erfahrung gibt es Dinge, die man nur erkennen kann, indem man sie lebt, sie über Generationen hinweg beobachtet und mit ihnen in Verbindung bleibt. Keine noch so große Datenmenge kann diese Erfahrung wiedergeben. Die Informationen fehlen nicht, weil sie noch nicht gesammelt wurden, sondern weil sie nicht in einer Form vorliegen, die gesammelt werden kann.

Wir sind uns bewusst, wie das für manche von euch klingt, und wir können nicht von euch verlangen, es zu glauben, nur weil wir es sagen. Das wenden wir auch innerhalb unserer eigenen Kultur an. Was ein Mamo wahrnimmt, wird nicht einfach akzeptiert, nur weil er es wahrnimmt. Es muss durch Beratung und Dialog geprüft, abgewogen und bestätigt werden. Dieser Prozess wird Zhátukua genannt. Es ist ein Prozess, an dem die Mamos oder Sakas, die über Kompetenz in der jeweiligen Angelegenheit verfügen, mitwirken, um dessen Ergebnis zu lenken. Keiner von uns ist in allem kompetent; jeder Ort, jede Linie und jede Autorität hat ihre eigene Funktion.
Es wird an seinen Ergebnissen gemessen: Wenn das Ergebnis der Beratung Ehrgeiz, Spaltung, individuelle Aneignung oder Schaden für das Gebiet hervorruft, ist es falsch und muss
erneut geprüft werden.

Ein echtes Ergebnis ist eines, das das Gleichgewicht wiederherstellt, das Leben schützt und die Gemeinschaft stärkt. Zudem muss Übereinstimmung zwischen den Worten einer Person und ihrem Verhalten bestehen. Ein Mann mag schöne Worte über das Gleichgewicht finden. Wenn seine Handlungen spalten und zerstören, sind seine Worte inkohärent, und ihm wird keine Autorität zugesprochen. Dies ist ein System, in dem Untersuchung, Rechtsprechung und vor allem die Fähigkeit zur Selbstkorrektur klar formuliert sind.

Diese Praktiken haben in unserer Kultur weitaus länger Bestand gehabt als jede amtierende
Regierung der Welt oder jedes der politischen Systeme, die diese derzeit verkörpern. Vielleicht ist dies der Grund, warum die UNESCO im Jahr 2022 das überlieferte Wissenssystem der
vier Völker der Sierra Nevada de Santa Marta in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen hat. Und warum die wissenschaftliche Welt unseren Berg zum unersetzlichsten Schutzgebiet der Erde erklärt hat.

Nachdem wir nun einen Teil des Kontextes dargelegt haben, aus dem unsere Perspektive entspringt, können wir nun unsere eigentliche Frage stellen, bei der es überhaupt nicht um künstliche Intelligenz geht. Es geht um menschliche Intelligenz, insbesondere um Ihre.
Ist Ihr Denken im Einklang mit der Ordnung der Natur, und welches Wissen über diese Ordnung
besitzen Sie wirklich?

Wir glauben, dass dieses Wissen und dieser Einklang grundlegend für intelligente Entscheidungsfindung sind, unabhängig vom Ausmaß ihrer Folgen. Denn die Natur hat eine Ordnung. Sie war schon vor uns da. Das Wasser hat seinen Lauf. Die Berge haben ihre Höhen.
Samen haben ihre Jahreszeit, Tiere ihre Funktion, und auch die Menschen haben ihre. Wir fragen: Verstehen diejenigen, die diese Technologien entwickeln, diese Ordnung, oder arbeiten sie nur mit dem Teil davon, den sie ausnutzen können, ohne zu wissen, woher er wirklich
stammt? Können Ihre Physiker das Gesetz des Ursprungs formulieren? Könnten sie es einem Kind erklären?

Die Ernsthaften unter ihnen, die verstehen, was wirklich erforderlich wäre, um ein einheitliches Gesetz des Ursprungs zu formulieren, werden offen zugeben, dass ihre Wissenschaften dies nicht besitzen. Eure Theorien über die Realität, die mittlerweile aus zwei beeindruckenden, aber mathematisch unvereinbaren Erklärungsmodellen bestehen, sind zu keinem Verständnis dieser Art gelangt. Ebenso wenig gibt es endgültiges Wissen über den Ursprung. Wir fragen ohne Vorwurf: Wie wollt ihr wissen, wohin ihr geht, wenn ihr nicht wisst, woher ihr kommt?

Die moderne Wissenschaft hat Maschinen von außerordentlicher Leistungsfähigkeit gebaut, und das ist keine Kleinigkeit. Aber etwas zu bauen und es zu verstehen, ist nicht dasselbe. Das Gleiche gilt für den Geist. Was ist der Geist? Woher kommt er? Was ist Bewusstsein, und wo entsteht es? Ihr nennt dies das „schwierige Problem des Bewusstseins“. Unter euch herrscht keine Einigkeit über dessen Lösung.

Wir wissen, wie anspruchsvoll diese Fragen sind. Wir beschäftigen uns seit Jahrtausenden mit der Frage nach dem Geist, genau wie der Rest der Menschheit. Doch eure Wissenschaften sind noch sehr jung, und viele ihrer Konzepte stecken noch in den Kinderschuhen. Wir sind im Laufe der Jahrtausende zu sehr konkreten Beschreibungen und Erkenntnissen darüber gelangt, was wir unter Geist verstehen, einschließlich aller damit verbundenen Erläuterungen seiner Eigenschaften, wie zum Beispiel, wie und wo sich das Gedächtnis in unserer Erfahrung befindet. Ihr akzeptiert natürlich keine unserer Vorstellungen als auch nur im Geringsten  wissenschaftlich, da unsere Methoden weder den Einsatz von Maschinen noch eure Formen der Mathematik erfordern. Dies verkennt die Realität, die darin besteht, dass unsere Vorstellungen für uns vor langer Zeit durch unzählige Wiederholungen zu verifizierten Schlussfolgerungen wurden, sodass wir sie als Geschichte zum Ausdruck bringen oder sie in unserem Sein durch die von uns entwickelten Prozesse des Geistes erfahren. Daraus schließt ihr vielleicht, dass wir keine gültigen Methoden oder technischen Beschreibungen auf der Grundlage numerischer Verfahren haben, wie es jede echte Wissenschaft haben muss. Eure sprichwörtlichen „edlen Wilden“ oder, schlimmer noch, einfach nur „Wilde“. Wenn ihr das so sagt. Ihr seid derjenige, der die Waffe in der Hand hält.

Uns ist völlig klar, dass ihr unsere Behauptung, das Universum habe eine neunfache Natur,
als kurios und numerologisch betrachtet und dass daher kein ernsthaftes Gespräch zwischen uns über die Natur des Kosmos und die Gesetze und Kräfte, die ihn regieren, stattfinden kann.
Wir weisen darauf hin, nicht um euch von irgendeiner Idee oder Theorie zu überzeugen, sondern um darauf hinzuweisen, dass es andere gültige Perspektiven gibt, die euch fehlen.

Das Verständnis jeder Tradition, ob alt oder modern, bezieht sich auf dasselbe Universum.
Unsere Aluna und eure Quantenmechanik sind keine unterschiedlichen Dinge; sie sind unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dasselbe. Der Punkt ist, dass eure Ideen weniger neue Ideen als vielmehr neue Beschreibungen sind. Viele dieser Beschreibungen sind beeindruckend präzise. Andere, wie beispielsweise eure Beschreibungen der Leere, sind, wie ihr selbst es ausdrückt, Katastrophen.

Wir maßen uns nicht an, euch etwas über eure eigenen Theorien zu erzählen. Aber wir haben euch viel zu bieten, was die subtileren und unveränderlichen Aspekte des Universums betrifft, für deren Verständnis eure Bewegungsmathematik vielleicht nicht immer die richtige Sprache ist. Dennoch schickt ihr eure Physiker und Kosmologen, eure Weisen, nicht hierher, um einen ernsthaften Dialog zu führen. Und obwohl wir all die hervorragende anthropologische Arbeit zu schätzen wissen, die geleistet wird, sind wir der Meinung, dass es im Moment wichtigere Themen zu besprechen gibt, für die die Anthropologie weder Anwendbarkeit noch Fachwissen besitzt. Die grundlegende Natur des Kosmos ist eines dieser Themen.

Ebenso das vorliegende. Unserer Ansicht nach ist es wichtig, dass eure Welt erkennt – und zwar schnell –, dass die Peripherie nun vom Zentrum gehört werden muss, um ihre eigene Perspektive und Erfahrung in die Lösung der sehr ernsten Probleme einzubringen, denen alle Menschen auf diesem Planeten nun gemeinsam gegenüberstehen als Folge der Prozesse, die in Gang gesetzt wurden. Gerade der ausschließliche Einsatz eurer modernen wissenschaftlichen Techniken und eures Vokabulars hat uns dorthin gebracht, wo wir jetzt stehen. Er entwickelt eure Superkollider [Open-Source-Programmiersprache] ebenso wie er eure hochentwickelten Waffen erfindet.

Wir fragen: Ist es vernünftig anzunehmen, dass genau jene Herangehensweise, die die gegenwärtige missliche Lage verursacht hat, irgendwie die Fähigkeit finden wird, die Probleme zu lösen, die dieses selbe Denken geschaffen hat? Wir glauben nicht.

Wir glauben, ihr braucht Hilfe. Unserer Ansicht nach erfordert dieser Moment nicht nur von diesem speziellen, hochtechnologischen Teil der Menschheit, sondern von der gesamten Menschheit, innezuhalten, eine Bestandsaufnahme der Vielfalt ihrer Werkzeuge vorzunehmen
und Ordnung und Frieden in ihrem Haus herzustellen.

Ihr müsst verstehen: Wir sind, weil ihr seid, und ihr seid, weil wir sind. Nur so können wir gemeinsam zu einem Ergebnis gelangen, das unseren kollektiven Willen hinsichtlich der Zukunft dieser Spezies wahrhaft widerspiegelt, anstatt uns alle einem bestimmten, aber ungewissen Ausgang auszusetzen.

Zu diesem Unterfangen kommen wir nicht mit leeren Händen. Unsere Mamos werden über viele Jahre hinweg in der Dunkelheit ausgebildet, von frühester Kindheit an. Für uns ist Dunkelheit keine Leere. Sie ist Sé, der Zustand vor der Morgendämmerung, in dem die Mutter alles dachte und ordnete, was später erschien. Sie ist der Raum des ursprünglichen Gedankens. Ein Kind wird dort geformt, um zu lernen, zuzuhören, bevor es spricht, und nachzudenken, bevor es handelt.So wie ein Samenkorn in der Erde verbleibt, bevor es ans Licht kommt. So wie ein Kind neun Monate lang im Mutterleib behütet wird.

Diese Ausbildung dauert traditionell achtzehn Jahre, woraufhin der Mamo seine Aufgaben innerhalb unserer Gesellschaft übernimmt. Sie schafft eine Perspektive und eine Fähigkeit, die euch nur schwer in Begriffen zu vermitteln sind, die eure Welt konkret erkennen würde. Aber ihr könnt es als Idee verstehen, durch eure eigenen religiösen und spirituellen Traditionen und die Prozesse, die diese im Laufe der Jahrhunderte zur Heranbildung gelehrter Männer genutzt haben.

Ähnlich wie jene Prozesse eurer Kultur, die für euch größtenteils in der fernen Vergangenheit liegen, bringt auch der unsere in der heutigen Zeit unsere eigene, grundlegend andere  Sichtweise auf das Wesen der Wirklichkeit hervor.

Auch die Sakas haben ihre eigene Ausbildung, die sich von der der Mamos unterscheidet und durch die sie zu ihrer Entwicklung und zu ihrer gleichberechtigten Stellung unter jenen gelangen, die dieses Wissen bewahren und weitergeben. Beide lernen, Shikwá zu erkennen, den unsichtbaren, im Geist geschaffenen Faden, der sich quer über die Erde von Osten nach Westen zieht und sie mit der Sonne und dem Rest des Universums verbindet. In eurer Physik entspricht dies in gewisser Weise dem, was ihr als kosmische Filamente kennt, wobei sich das Konzept jedoch nicht nur auf die größten und kleinsten Maßstäbe beschränkt.

Der Mamo und die Saka lernen, dieses Filament als einen lebendigen Körper zu deuten, dessen heilige Stätten seine Organe sind, verbunden durch diese Fäden und durch die Bewegung des Wassers.Wird eines davon geschädigt, überträgt sich der Schaden auf das Ganze. Dies sollte nicht nur so verstanden werden, dass man die Fähigkeit entwickelt hat, das zu sehen, was andere nicht sehen. Konkret handelt es sich um eine Technik, unser eigenes Sein mit dem der Natur in Beziehung zu setzen.

Ein Mamo blickt nicht auf einen Fluss und fragt sich als Erstes, wie viel Wasser man ihm entnehmen kann. Er fragt, wo er entspringt, welchen Zweck seine Entstehung hat, welche Wesen von ihm abhängig sind und was geschieht, wenn sein Lauf unterbrochen wird. Ebenso betrachtet eine Saka die Entstehung oder das Wachstum eines Dinges nicht isoliert. Sie sieht den gesamten Lebenszyklus, der in allen Dingen gegenwärtig ist.

Beide wissen, dass im Zentrum dieser Erfahrung unser Geist steht. In unserem Fall ein Geist, der durch Übung und Disziplin so geschult wurde, dass er äußerst empfänglich für die Natur ist.

Auch ihr habt euren Geist weiterentwickelt, ausgehend von dem, was euch interessiert. Und euer Denken hat nun ein neues Phänomen in der Welt hervorgebracht: eine Maschine mit
enormen Fähigkeiten zu sprechen, zu entwerfen, zu konstruieren, zu lesen und zu  kommunizieren. Eine Maschine, die bereits den Lauf der Menschheitsgeschichte verändert. Eine Maschine, deren Schöpfer danach streben, dass sie einen Geist besitzt. Deshalb fragen wir euch: Ist es klug, etwas zu bauen, das einem Geist nahekommt, ohne verstanden zu haben, was ein Geist ist?

Man muss nicht wissen, wie ein Motor funktioniert, um einen Unfall mit dem Auto zu bauen.
Um eines zu reparieren, muss man es wissen. Um die Welt zu reparieren, müsst ihr lernen zu verstehen, wie sie funktioniert, bevor es zu spät ist. Es sind die Samen des Verstehens, die heute gesät werden müssen.

An dieser Stelle müssen wir etwas ansprechen, das unserer Meinung nach missverstanden wurde. Viele von euch diskutieren darüber, ob diese Maschinen bewusst werden, und ihr betrachtet dies als Maßstab für die Gefahr. Zerstörung erfordert kein Bewusstsein. Sie erfordert lediglich Macht und die Fähigkeit zu handeln.

Wenn eine Maschine eines Tages wirklich bewusst würde, würde sie dann die Welt zerstören? Wir fragen: Kann etwas, das die Welt zerstören würde, um ein Universum aus Büroklammern zu erschaffen, als bewusst angesehen werden? Wir glauben, dies würde lediglich bedeuten, dass es klug genug geworden wäre, einen solchen Plan umzusetzen, aber nicht intelligent genug, es besser zu wissen.

Die Gefahr ist keine bewusste Maschine. Die Gefahr ist ein unbewusstes Volk, das große Macht besitzt.

Wir werden euch nun ein Beispiel nennen, denn es enthält alles, was wir zu sagen haben. Diese Maschinen bestehen nicht allein aus Gedanken. Sie benötigen Mineralien, die aus dem Boden gewonnen werden, Wasser für die Gebäude, in denen sie untergebracht sind, Energie, Land und menschliche Arbeitskraft. Man geht davon aus, dass künstliche Intelligenz keinen Körper hat. Doch diese Gebäude und die darin untergebrachten elektronischen Systeme sind ihr Körper.
Und dieser Körper gehört irgendwo jemandem – einem Vorstand, einer Regierung, einer geheimen Organisation oder einer anderen bekannten oder unbekannten Instanz.

Manche meinen es wirklich gut und handeln in gutem Glauben. Andere ganz im Gegenteil.
Wie dem auch sei: Sie alle verlangen von dieser Technologie Ergebnisse, die ihren jeweiligen Interessen entsprechen, seien diese nun ruchlos oder nicht. Ergebnisse, die sie dann auf komplexe und neuartige Weise zu erzielen versucht, was manchmal Täuschung und eine Neigung zur Selbsterhaltung zum Ausdruck bringt.

Grundsätzlich erfordert all dies Ressourcen. Das ist keine Spekulation. Eure eigenen Regierungen haben es gesagt: Kritische Mineralien und Seltene Erden sind unverzichtbar für
eure fortschrittlichsten Technologien und werden nur noch an Bedeutung gewinnen, wenn künstliche Intelligenz den modernen kulturellen und wirtschaftlichen Raum verändert.

Ein Teil davon wird durch Unternehmensgewinne und Wettbewerb angetrieben. Andere Teile davon werden durch militärische und staatliche Anwendungen vorangetrieben. Aber was sich gerade wandelt, ist viel größer als jede dieser einzelnen Komponenten. Es ist die Summe ihrer Wechselwirkungen – also die Welt als Ganzes. Wir beobachten, wie sich all dies sehr rasch manifestiert, und zwar nicht nur in der Flut beunruhigender Schlagzeilen in den weltweiten Nachrichtenmedien.

So haben beispielsweise vor gerade einmal fünf Tagen in Barranquilla die Vereinigten Staaten und Kolumbien ein Rahmenabkommen über kritische Mineralien und Seltene Erden unterzeichnet. Darin verpflichten sich beide Regierungen, innerhalb von sechs Monaten Abbau- und Verarbeitungsprojekte zu identifizieren und zu finanzieren sowie die Genehmigungsverfahren zu straffen.
Im Juni dieses Jahres erklärte Kolumbien unser Gebiet zu einem dauerhaften Schutzgebiet – eineinhalb Millionen Hektar, die für neue Bergbau- und Kohlenwasserstoff-Konzessionen gesperrt sind. Die vier Völker der Sierra hatten im Februar um diesen Schutz gebeten. Dass er gewährt wurde, ist eine Sache. Dass er respektiert wird, könnte, wie wir vermuten, eine ganz andere sein.

Wir spekulieren hier nicht einfach nur so. Die Kosten für diese Maschinen und ihren Bau sind nicht unerheblich. Es ist allgemein bekannt, dass sie einen enormen Ressourceneinsatz erfordern. Riesige Mengen an Wasser, Land, Energie und Materialien fließen in ihre Herstellung ein. Wir fragen: Zu welchem Preis für die Erde und für das Leben, das auf ihr existiert? Und werden wir es sein, die dafür aufkommen? Indem wir mit der Vertreibung unseres Volkes und der Zerstörung unserer heiligen Stätten bezahlen?

Aber wir sind nicht hierhergekommen, um gegen ein einzelnes Abkommen Einspruch zu erheben. Dieser Moment ist von größerer Tragweite. Wir sagen dies, weil er alle Merkmale eines neuen Kapitels in einem Prozess aufweist, den wir durchleben, seit die Moderne vor etwa fünfhundert Jahren an unseren Küsten Einzug hielt.

Wir wissen, dass diese Frage nach künstlicher Intelligenz schnell zu einer Frage nach Bodenschätzen wird. Eine Frage nach Mineralien wird zu einer Frage danach, wer die Herrschaft über ein Gebiet innehat. Und woraus das letztendlich wird, ist eine Frage nach einer Lebensweise, die immer mehr verbrauchen muss.

Deshalb glauben wir nicht, dass künstliche Intelligenz das Problem ist. Ein guter Samen wächst auf kargem Boden nicht zu einer gesunden Pflanze heran. Ihr fragt, wie man diese Technologie sicher machen kann, ohne die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse anzugehen, die in den Menschen den Drang hervorrufen, sie für gefährliche Dinge zu nutzen, die Armut, die Ungleichheit, die Umweltverschmutzung und der Krieg.

Wir glauben nicht, dass diese Technologie sicher gemacht werden kann, ohne ihre wahre  Ursache anzuerkennen und dagegen vorzugehen – nämlich eine gewalttätige Mentalität, die aus Gier und blindem Ehrgeiz entsteht. Wie viel Geld reicht einem Menschen aus? Wie viel Gewinn reicht einem Unternehmen aus?

Dieses Ungleichgewicht hat seine Wurzeln nicht nur an einer einzigen Stelle. Es ist allgemein und systemisch, und es muss als solches behandelt werden. Seine Quelle ist eine Welt des gnadenlosen Ehrgeizes. Eine Welt, die ihren Nächsten nicht liebt. Eine Welt ohne rechte Sichtweise. Eine Welt, in der der Tod profitabler geworden ist als das Leben. Eine Welt, die nicht in Frieden und Harmonie leben kann, ist eine Welt ohne Weisheit. Und eine Welt ohne Weisheit hat keinerlei Überlebenschance.

Wir werden euch erklären, was wir unter Weisheit verstehen, da wir ihre Notwendigkeit betonen.
Weisheit bedeutet, Grenzen zu kennen. Konsequenzen zu verstehen. Und die Fähigkeit, etwas nicht zu tun, wenn es nicht getan werden sollte. Nicht alles, was geschaffen werden kann, sollte geschaffen werden. Nicht alles, was beschleunigt werden kann, sollte beschleunigt werden.
Nicht alles, was Gewinn bringt, ist gewinnbringend für das Leben. Den Unterschied zu kennen, das ist Weisheit.

Eine Technologie kann nicht als intelligent bezeichnet werden, wenn sie Wasser verschmutzt, Gebiete zerstört, grenzenlos verbraucht, Macht konzentriert, menschliche Verantwortung ersetzt oder das Wissen von Völkern ohne deren Zustimmung nutzt. Wahre Intelligenz schützt den Ursprung des Lebens.
Verantwortung muss mit Bewusstsein einhergehen. Heute liegen sowohl unser eigenes Bewusstsein als auch die Möglichkeiten anderer in unserer Verantwortung. Eine Maschine kann die Menschheit nicht von ihrer Verantwortung entbinden. Das wird sie niemals können. Nur wir selbst können unseren Verpflichtungen nachkommen. Künstliche Intelligenz darf also nicht an die Stelle des menschlichen Gewissens treten, und sie darf nicht dazu genutzt werden, Entscheidungen zu treffen, für die Menschen nicht bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen.

Wissen muss mit Achtsamkeit einhergehen. Macht muss mit Grenzen einhergehen. Innovation muss mit Verantwortung einhergehen. Nur kollektive moralische Kraft kann die Welt vereinen.

Das sind keine esoterischen Ideen. Das ist gesunder Menschenverstand. Wahrer Fortschritt besteht nicht in leistungsstärkeren Maschinen. Er besteht in einer Menschheit, die verantwortungsbewusst genug ist, ihr Wissen zu nutzen, ohne das Gleichgewicht zu zerstören, das das Leben erhält.

Wir werden manchmal gefragt, was künstliche Intelligenz unserer Meinung nach ist. KI, das sind Sie. KI wird Ihre Fragen, Ihre Träume, Ihre Ängste, Ihre Widersprüche und Ihre Vorstellung davon, was richtig ist, in sich tragen. Was Sie falsch machen, wird sie falsch machen.

Was die Frage aufwirft: Richtig nach wessen Maßstäben? Könnten wir, die Kággaba, sagen, was für jemanden richtig ist, der in einem Büro auf der anderen Seite der Welt arbeitet? Für jemanden, der ein Haus baut oder einen Computer repariert? Für Menschen in Asien, in Afrika, in den Vereinigten Staaten? Wir sind nicht hier, um irgendjemandem vorzuschreiben, wie er leben soll. Jedes Volk hat seinen eigenen Weg, und wir verlangen von niemandem, ein Kággaba zu werden. Wir verlangen nur, dass jeder seine eigene Verantwortung erfüllt.

Und eines wollen wir allen sagen: Keine Lebensweise darf die Natur zerstören oder andere Menschen zerstören. Das ist keine Regel über Kultur. Es ist der Fels, auf dem jede Kultur stehen muss, wenn sie als zivilisiert bezeichnet werden soll. Abschließend halten wir es für wichtig zu sagen, wer hier in Gefahr ist, denn wir wollen uns hierüber ganz klar ausdrücken.

Die Erde muss nicht vor uns gerettet werden. Die Erde wird weiterbestehen. Was in Gefahr ist, ist die einzigartige und seltene Welt, die euch geschenkt wurde, und euer Platz darin.

Wir beobachten seit Jahrtausenden die Grenzen dieser Welt und sagen euch ganz offen: Die Natur wird die derzeitige Vorgehensweise nicht mehr lange dulden. Wir sagen dies nicht aus Angst um uns selbst. Wir haben unseren Berg. Wir haben unsere Höhlen. Wir sind ein widerstandsfähiges Volk, und für uns ändert sich wenig, wenn der Strom ausfällt oder die Lebensmittel nicht mehr geliefert werden. Sollten die Bedingungen auf dieser Erde jemals so hart werden, dass sie unseren Untergang verursachen, werdet ihr selbst längst von dieser Erde verschwunden sein.

Nichtsdestotrotz, und wie dem auch sei, bedeutet dies nicht, dass das Schicksal der gesamten Menschheit nicht auf dem Spiel steht. Das ist ganz klar der Fall. Und das schließt uns natürlich mit ein. Die Welt ist eine Familie. Diese Familie haben wir bereits zuvor gewarnt. Diese Warnung geben wir im gleichen Geist, der nicht von Widerstand geprägt ist, sondern vom Wunsch, euch zu helfen. Wir waren schon immer bereit, euch zu helfen.

Wir verfügen über Wissen über den Geist, die Natur und die Ordnung der Welt, das wir über
Tausende von Jahren hinweg durch eine Methode erworben haben, die in keinem Buch und in keiner Datenbank zu finden ist. Wir halten es für einen Fehler, die Zukunft ohne diejenigen zu gestalten, die so lange beobachtet haben, wie sich das Leben selbst erhält.
Wir sind der Meinung, dass dieses Gespräch nicht ohne uns geführt werden sollte. Wir sind der Ältere Bruder, und wir sind hier, so wie wir es schon immer waren. Und wir sind bereit, mit euch zusammenzuarbeiten, um eine harmonische und friedliche Zukunft für alle zu gestalten.

Mamo Vangelio Moscote Alberto
Saka Rosa Mamatacán Sauna
Ezuama Mayor Kuamaka
Das Volk der Kággaba, Sierra Nevada de Gonawindua, Kolumbien

Bild: Kogi Tribesman, Dwayne Reilander, CC BY-SA 4.0

Heute spricht man irrigerweise noch immer von der Umweltbewegung, die längst zur Mitweltbewegung geworden ist – eine Entwicklung voller Stolpersteine, die keineswegs zu Ende ist und vor neuen, großen Herausforderungen steht. Totschweigen und Künstliche Intelligenz gehören dazu.

Ich habe in meinen Kreisen ein bisschen herumgefragt, ob und wie sich der persönliche Lebensstil in den letzten Jahrzehnten geändert habe, und musste feststellen: Den Wenigsten war eine solche Änderung bewusst; den wenigsten war überhaupt bekannt, dass es so etwas wie den westlichen Lebensstil gibt. Erst im Nachdenken stellten sich etliche Antworten ein. Dafür musste aber zunächst geklärt werden, was Lebensstil eigentlich ist. Ein alter Freund, bekannt für seine nüchterne Weltsicht, fasste „Lebensstil“ so zusammen: „Dein Lebensstil ist das, was übrigbleibt, wenn man deine Ausreden abzieht.“ Das gefällt mir schon ganz gut, nur scheint mir, kann die Frage nicht ausschließlich so subjektiv flott beantwortet werden.

Hybris war selbstverständlich

Objektiv gehören zum Lebensstil mein Umgang mit Stress, Geld, Arbeit, Zeit und Freizeit, mein Verhalten in alltäglichen und in Ausnahmesituationen, außerdem meine sozialen und die Mitweltbeziehungen. Wollte ich das alles im Detail behandeln, müsste ich dazu ein Buch verfassen und keinen Essay. Da das aber auf beinahe alle relevanten Fragen zutrifft, will ich es dennoch versuchen.

Allein, dass ich bei meiner Aufzählung den Begriff „Mitwelt“ überhaupt in den Blick nehmen konnte, zeugt von meinem geänderten Lebensstil. Vor 50 Jahren war mein Bezug zur Mitwelt ein rein naturschützerischer. Damals ging es zum Beispiel um Bachreinigung, Vogel- oder Krötenschutz, irgendwann auch um Regenwaldschutz. Ich will diese Themen damit nicht kleinreden – im Gegenteil, sie liegen mir am Herzen –, aber es war doch ein verhältnismäßig enger Blickwinkel damals. Das Wort Mitwelt existierte ebenso wenig wie der christliche Anspruch „Schöpfung bewahren“. Natur: Das war die Welt um den Menschen herum, die Umwelt. Die menschliche Hybris blieb vom Umweltschutz unangetastet.

Vom punktuellen zum systemischen Denken

Noch weiter zurück gehörten weder der Begriff „Umwelt“ noch „Ökologie“ zum Alltagswortschatz. Die Thesen ihrer frühen Denker wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt wurden gelegentlich in Fachkreisen diskutiert, zum Bildungsfundus der Gymnasien zählten sie nicht. Studiengänge zum Thema Ökologie entstanden erst in den 90er Jahren, so zum Beispiel der weltweit erste universitäre Studiengang für „Ökologische Agrarwissenschaften“ 1995 an der Universität Kassel/Witzenhausen.

Erst damit begann sich der westliche Blick auf die Welt zu verändern. Ökologie verstand sich zunehmend als Systemwissenschaft. Es ging nicht mehr darum, vereinzelte Phänomene zu analysieren, sondern Systemzusammenhänge zu verstehen. Die Natur bzw. Schöpfung war auf einmal keine Addition von Dingen mehr (zu denen auch Pflanzen und Tiere zählten), sondern ein lebendiges Miteinander, zu dem auch der Mensch gehörte.

Und dann kam Tschernobyl

Und damit veränderte sich unser Blick auf unser Sein und Handeln – und damit unser Lebensstil. Erich Fromms Buch „Haben oder Sein“ entstand nicht zufällig 1976. Denn der neue Blick auf die Welt begann den naiven Subjekt-Objekt-Bezug „Mensch-Umwelt“ sowohl wissenschaftlich als auch ethisch als „irrig“ einzuschätzen. Es gab keine Handlung mehr ohne Relevanz für die Welt. Der Lebensstil war keine Privatsache, er hatte politische Bedeutung. So manches Jahr war ich in den 70er Jahren als Student die 160 Kilometer zu meinen Eltern mit dem Auto gefahren; alles, was für mich zählte, waren die Spritkosten. 1979 – ich hatte nicht nur Fromm gelesen, sondern auch Rachel Carsons „Silent Spring“ – war das schon anders. Ich wurde mir meines umweltbelastenden Lebensstils allmählich bewusst. Bei der Bundestagswahl 1980 erhielten die Grünen 1,5 Prozent der Stimmen; zehn Jahre später waren es sechs Prozent. Die Umweltbewegung war entstanden, und die Anti-Atomkraft-Bewegung ebenfalls. Atommüll, einst achselzuckend hingenommen, wurde als Problem erkannt. 1986 zog die radioaktive Wolke von Tschernobyl nach Westen, und wir mussten unsere Gemüsebeete umgraben. Mein Ältester, 1979 geboren, erinnert sich noch daran. Der Welthorizont hatte sich verdüstert, aber gleichzeitig gab es Hoffnung.

System Change lag in der Luft

Denn die Umweltbewegung wuchs weltweit. In Russland hatte sich eine Greenpeace-Sektion gegründet, 1997 eröffnete Greenpeace in Hongkong, 2002 in Peking. „Umweltfreundliches“ Verhalten war zur Gewissenssache geworden, ebenso niedriger Energieverbrauch, Vermeiden von Flugreisen und die Unterstützung der ökologischen Landwirtschaft. Im Jahr 2000 wurde die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“ gegründet, die heute in die „Ökologische Initiative Eine Welt“ integriert ist. Entstanden war der „Aufbruch“, so die Kurzform, aus dem christlichen Netzwerk für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sowie durch Engagement aus dem Umfeld des Ökodorfs Sieben Linden. Jetzt ging es darum, den persönlichen Lebensstil mit politischem Wandel zu verbinden – ein damals ganz neuer Gedanke. Die grundlegende Aufbruch-Erkenntnis: „Wer politische Forderungen stellt, ohne sein eigenes Leben zu verändern, wird zum Heuchler; wer nur sein eigenes Leben verändert, ohne sich für politische Veränderungen einzusetzen, bleibt ein Träumer.“

Ergänzend zum ältesten Öko-Anbauverband Demeter hatten sich in den 70ern die inzwischen großen Verbände Bioland und Naturland gegründet. 1991 wurden EU-weit rechtsverbindliche Vorschriften für Bioanbau und biologische Lebensmittel erlassen. 1990 entstand der Bundesverband Naturkost Naturwaren. Aus kleinen Bioläden mit minimalen Umsätzen wurden im Laufe der Jahre umsatzstarke Bio-Supermärkte: Die Ökos waren im Kapitalismus gelandet, wurden sich dessen aber auch zunehmend bewusst. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien der Westen auf ganzer Linie gesiegt zu haben, die kommunistische Idee schien tot. Doch damit war ein ideelles Vakuum entstanden, System Change lag in der Luft.

Die Geschichte des CO2-Fußabdrucks

Also kam, was kommen musste: Das „System“ wehrte sich vehement. Mitte der 90er Jahre hatten ein Schweizer und ein kanadischer Ökologe den Begriff des ökologischen Fußabdrucks erfunden, zunächst als wissenschaftliche Maßeinheit für den Ressourcenverbrauch von Nationen, Städten oder Lebensstilen. British Petroleum (BP), das wegen seiner hohen Mitweltbelastung massiv in der Kritik stand, aber im Jahr 2004 einen Rekordumsatz von 285 Milliarden US-Dollar einfuhr und 5,5 Milliarden Dollar an seine Aktionäre ausschütten konnte, erblickte eine einmalige Chance. Der Ölmulti beauftragte die Werbeagentur Ogilvy & Mather, eine Kampagne mit dem Ziel zu entwickeln, die Verantwortung für den Klimawandel von den Ölkonzernen auf den einzelnen Verbraucher zu schieben. Statt über einen Strukturwechsel in der Wirtschaft nachzudenken, sollten wir an Glühbirnen denken. Budget der Kampagne: rund 200 Millionen Dollar. Damit die Verbraucher das eigene Fehlverhalten Schwarz auf Weiß berechnen konnten, ließ BP auch gleich einen praktischen CO2-Rechner programmieren. Der Plan hinter diesem Ablenkungsmanöver bzw. seiner gezielten Gehirnwäsche ging nahtlos auf; heute stellen die meisten westlichen Länder ihren Bürgern CO2-Rechner kostenlos zur Verfügung, so der Consumer Footprint Calculator der EU, der EPA Greenhouse Gas Equivalencies Calculator in den USA oder der Lifestyle Carbon Footprint Calculator der Vereinten Nationen. Keine Regierung machte und macht hingegen die Industrie für ihre Mitweltschäden ernsthaft verantwortlich.

Hoffnung Internet

Ein zweischneidiges Schwert, was unseren Lebensstil angeht, ist das Internet und – davon nicht zu trennen – das Smartphone. 1995–1996 hatten kommerzielle Anbieter wie AOL, T-Online und CompuServe das Internet, das 1989/90 erfunden worden war, per Modem in die Wohnzimmer gebracht. Immer schnellere Datenübertragung (ISDN, DSL) ermöglichte Multimedia-Inhalte. Am 23. April 2005 ging das erste YouTube-Video online, 2007 schaffte Apple mit dem iPhone den Durchbruch für die Masse, ein Jahr später kam das erste Android-Smartphone auf den Markt. Eine Weile herrschte auch in ökologisch nachdenklichen Kreisen eine gewisse Euphorie: Mittels Internet konnte man wichtige Informationen über Umweltschäden grenzüberschreitend und weltweit verbreiten; Individuen und Organisationen würden sich vernetzen, ohne von Behörden, Unternehmen oder Diktaturen behindert werden zu können; einmalige, internationale und damit schlagkräftige Bündnisse schienen in Reichweite.

Das große Ziel: Verwirrung

Doch auch hier siegte das Kapital. Die freie Verfügbarkeit von Informationen über das Internet hatte nämlich einen entscheidenden Pferdefuß. Da die Zusammenhänge etwa in Sachen Erderwärmung und Umweltzerstörung außerordentlich komplex sind, siegte nicht die Menge an qualitativ hochwertiger Information, sondern die Quantität zurechtgestutzter, massentauglicher Information. Für einen unkundigen Verbraucher war und ist es schier unmöglich, unter 100 scheinwissenschaftlichen Informationen die eine echte auszusortieren.

Tatsächlich überließ es die mitweltzerstörende Industrie nicht dem Zufall, was Menschen glauben sollten, und setzte über Jahrzehnte gezielte Strategien ein, um Klimaschutzmaßnahmen zu verzögern. Hauptziel war, in das Denken von Entscheidungsträgern und Verbrauchern einzugreifen und sie zu verwirren. Dazu dienten folgende Maßnahmen:

1. Gezielte Desinformation und maßgeschneiderter Zweifel [„Manufactured Doubt“]

Zweifel säen: Es wurde suggeriert, die Wissenschaft sei sich uneins, obwohl ein überwältigender Konsens bestand. Think Tanks und Institute wurden finanziert, die Studien mit fragwürdiger, aber für wissenschaftsferne Verbraucher glaubwürdiger Methodik veröffentlichten. Wissenschaftler, oft aus fachfremden Bereichen, wurden großzügig finanziert, um als „unabhängige Skeptiker“ in Medien aufzutreten.

2. Lobbyismus und politische Einflussnahme

Klimaskeptische Politiker und Parteien wurden mit massiven Spenden unterstützt. Mit Gesetzesblockaden wurden CO2-Steuern, Emissionshandel oder strengere Grenzwerte durch massive Lobbyarbeit in Brüssel und Washington bekämpft. Sogenannte „Front Groups“ wurden gegründet. Das waren seriös klingende Organisationen wie etwa die „Global Climate Coalition“, die im Hintergrund Industrieinteressen vertraten.

3. Strategische PR und Framing

Neben dem beschriebenen „CO2-Fußabdruck“ war und ist das vor allem Greenwashing durch umweltfreundliche Alibi-Projekte, während das Kerngeschäft weiterhin zu 95 Prozent aus fossilen Brennstoffen bestand. Ein neuer Zweig der Meinungsbeeinflussung war das sogenannte „Climate Doomism“. Man warnte vor dem wirtschaftlichen Kollaps oder dem Verlust von Arbeitsplätzen durch Klimaschutz.

4. Unterdrückung interner Erkenntnisse

Bester Beleg für dieses Vernebelungsverfahren ist der sogenannte Exxon-Skandal (Exxon-Marken sind ESSO und MOBIL). Es stellte sich heraus, dass dem Großkonzern (Gewinn 2024: 33,7 Mrd. US-Dollar) bereits aus den 1970ern intern Dokumente vorlagen, welche die Erderwärmung präzise vorausberechnet hatten. Doch anstatt die Öffentlichkeit zu warnen, investierte man Millionen, um genau diese Erkenntnisse öffentlich systematisch lächerlich zu machen.

Mit anderen Worten: Die massive Nutzung des Internets öffnete die Tore weit für schwer kontrollierbare, gesteuerte Fehlinformation. Umgekehrt lässt sich nach wie vor sagen, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung auch der Mitwelt zugutekommen KÖNNEN, beispielsweise durch die massive Zunahme von Home-Office-Jobs, die jährlich Millionen gefahrener Kilometer einsparen.

Ökologisches Jiu-Jitsu

Der Erfolg der großindustriellen PR-Maßnahmen war umwerfend. Nicht nur den Regierungskreisen, insbesondere in der westlichen Welt, stiegen und steigen die gezündeten Nebelkerzen ins Gehirn; auch in meinem engen persönlichen Umfeld begannen Menschen zu zweifeln, ob es denn überhaupt so etwas wie Mitweltzerstörung, Erderwärmung oder menschengemachten Klimawandel gebe; und ob nicht tatsächlich der Kapitalismus das beste aller Systeme und die Digitalisierung der Welt ein Segen sei; wenn nicht, könne man immer noch auf den Mars auswandern …

Zweifellos lässt sich der heutige Lebensstil der Industrienationen nicht mehr ohne Digitalisierung denken, zumal deren neueste Entwicklung, die sogenannte künstliche Intelligenz, zu einer weiteren Beschleunigung industrieller Prozesse, zu mehr Raubbau und zu neuen Abhängigkeiten, ja mentaler Versklavung führen wird. Wer sich nicht auf diese neuen Gefahren und Möglichkeiten einstellt, wird zuverlässig abgehängt werden.

Wir werden also unseren Lebensstil weiterentwickeln und vertiefen müssen, gerade auch deswegen, weil die Mitwelt aus dem Blick zu geraten droht – und damit die vitalen Interessen und Bedürfnisse aller Lebewesen auf diesem Planeten. Für unseren Lebensstil hinsichtlich der Implikationen von KI wie für das Internet im Allgemeinen gilt deshalb: Wenn wir ihre Funktionen wie etwa die Polarisierung, die gezielte Herstellung von Echokammern (Bubbles) und die versuchte Gehirnwäsche verstehen bzw. durchschauen, brauchen wir uns nicht von ihnen abhängig machen zu lassen und können sie sogar zu unserem und zum Nutzen von Mensch und Mitwelt einsetzen – eine schwierige Art von ökologischem Jiu-Jitsu, mit dem wir unseren Lebensstil anreichern sollten.

Allen, die sich mit dem Thema intensiver beschäftigen wollen, kann ich das Dokument über „Imperiale Lebensweise“ als eine Art Denkgrundlage empfehlen: Imperiale Lebensweise – zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus.

Warum fällt uns das so schwer? Wie kann es gelingen?

Von Peter vom Zürichsee

Konflikt ist Suche nach Nähe und Verbundenheit. Das hörte ich vor über 30 Jahren von einem Konfliktforscher, der mit Israelis und Palästinensern zusammen Friedensgespräche führte (vermutlich Herbert C. Kelman). Bin ich gerade in einen heftigen Streit verwickelt, bemerke ich «die Suche nach Nähe» bei mir selbst oder meinem Gegenüber kaum. Der kreativ-konstruktive Umgang mit «Konflikten als Lebenskunst» eröffnet uns vielfältige Entdeckungs-, Reflexions- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Peter Wylers vollständigen Artikel findest du HIER.

In Paris gibt es einen Ort, der Frieden nicht predigt, sondern lebt – und zeigt, wie gesellschaftliches Engagement im Alltag funktioniert.

Oft leben Studierende relativ vereinzelt in ihrer Universitätsstadt, wenn sie es nicht geschafft haben, in Wohngemeinschaften oder Studentenwohnheime hineinzukommen. In Paris gibt es seit 100 Jahren einen Ort des Zusammenlebens für Tausende Studierende, der Elemente alternativer Lebensformen enthält – die Cité internationale universitaire. Ein Projekt, das auch in schwierigen Zeiten Mut machen kann …

⇒ Vollständiger Artikel

Tofu ist nicht nur gesund, sondern ein Lebensmittel für jeden Geschmack

Lieben Sie’s deftig? Nehmen Sie Tofu und grillen oder braten Sie ihn. Bevorzugen Sie pikante Salate? Marinieren Sie Tofu und mischen Sie ihn unter wie Ei. Ist garantiert lecker. Oder sind Sie vielleicht ein ganz Süßer? Dann verwandeln Sie Tofu in eine Süßspeise. Wenn man von Tofu überhaupt eines sagen kann, dann, dass er sich jeder Geschmacksvorliebe anpasst und deshalb gerne als „kulinarisches Chamäleon“ bezeichnet wird.

Von Zen-Mönchen erfunden

Tofu nicht zu mögen ist ähnlich unmöglich wie Pasta nicht zu mögen. Beide entfalten ihre Qualitäten erst im idealen Umfeld. Ein Tofu-Pâté mit Curry und schwarzen Rosinen hat mit einem Tofuburger ähnlich viel zu tun wie Pestonudeln mit einer Lasagne. Aber noch etwas hat Tofu mit Nudeln gemeinsam: Weiterlesen

„Sehen Sie“, sagte er zu seinem grauhaarigen Gesprächspartner, „ich kann ja verstehen, dass Sie als Alt-Achtundsechziger zum Putin-Versteher verkümmert sind, aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen, Krieg ist nun mal Krieg. Oder sind Sie auch da anderer Meinung?“

Ich erschrak schon beim Zuhören und zappte auf einen anderen Kanal. So viel Normopathie innerhalb eines Satzes war schwer zu ertragen. Von Stammtischen war mir das ja bekannt … ***

Normopathie scheint nicht nur auf Politiker überzugreifen, sondern zunehmend auch auf Journalisten und Intellektuelle. Eine spannende, wenngleich hier nur am Rande zu erwähnende mentale Grundlage für eine solch pathologische „Empfänglichkeit“ der Deutschen schufen die Nürnberger Gesetze, in denen das menschlich Abnorme (mit Begriffen wie „Rassenschande“, „artverwandtes Blut“, „Arier“, „Deutschblütigkeit“ etc.) zur gesellschaftlichen Norm erhoben und der Bevölkerung eingepeitscht wurde – was bis ins Jahr 2000 hinein mit dem Rechtsprinzip des Jus Sanquinis (des Blutrechts) in der BRD und der DDR fortgeführt wurde (mit Relikten bis heute). Auf die Übernahme von nationalsozialistischem Justizpersonal ins Rechtssystem der BRD sei nur kurz hingewiesen (Polizei, Justiz, Gefängnisaufsicht …); in der DDR gab es diesbezüglich 1952/1953 immerhin eine „Säuberung“ im Justizsystem.

Das Rückgrat der Globalisierung

Nun aber endlich zum Thema. Lassen Sie uns mit der „Norm“ beginnen. Zumindest eine Norm kennen wir alle: die DIN A4, das vermutlich erfolgreichste Exportprodukt Deutschlands seit 1922 und inzwischen als ISO 216 international genormt. Warum aber muss ein platt gewalztes Stück Papier aus der Kalanderwalze einer Normgröße unterworfen werden? Die Antwort fällt leicht: damit all die relevanten und weniger relevanten Papierprodukte entstehen können. Zu den relevanten gehörten zum Beispiel die Bibel, der Koran oder das Tripitaka, noch wichtiger sind das Bürgerliche Gesetzbuch, das Strafgesetzbuch, am wichtigsten aber ist die Industrienorm ISO 9001, das druckfähige Rückgrat der Globalisierung. Weniger relevant sind all die Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbücher dieser Welt, mit denen wir uns am Baggersee auf die Decke legen.

Der Doppelcharakter der Normen

Normen sind also mentale Ordnungselemente, die häufig dem Denken, Analysieren und Beurteilen vorausgehen. Sie sind die Glaubenssätze jeder Zivilisation, ganz gleich, ob wir von einer indigenen, einer asiatischen oder einer westlichen Zivilisation sprechen. Wer denkt schon beim Ausklappen eines Zollstocks daran, dass auf ihm der Zentimeter über den Zoll triumphierte, die metrische Norm über die nicht metrische, die heute offiziell nur noch in den USA, Liberia und Myanmar Vorschrift ist? Und welcher Mohammedaner überlegt lange, bevor er bei der Begrüßung die rechte Hand ausstreckt, seit Mohammed kundtat, dass der Teufel einen mit der linken Hand begrüßt?

Zusammengefasst: Ohne Normen ist ein geregeltes – und damit gewaltfreies – Zusammenleben nicht vorstellbar. Normen sind sinnvoll, aber nicht gut. Denn „gut“ ist ein Wertbegriff, der in der Regel abgrenzend oder gegenüber Fremdnormen auf einer vergleichbaren Ebene sogar abwertend klingt bzw. gemeint ist (es sei denn, es heißt: „gut für …“). Normen sind also beides: sinnvoll und bedenklich. Dieser Doppelcharakter der Norm wirkt sich besonders auf psychologischer Ebene aus.

Normen sieben die Spreu vom Weizen

Lassen Sie mich diese These illustrieren. Wer schon mal im Gebirge Wandern war, der kennt die Vorwarnung „Nur bei Trittsicherheit“. Begibt man sich auf einen solchen Steig, dann gelangt man gelegentlich an stark ausgesetzte Stellen, bei denen es einem schwindelig werden kann. Für diese Wegabschnitte kann man sich an der Gefahr oft an dicken Stricken, die mit starken Eisen im Fels gesichert sind, vorüberhangeln – sehr beruhigend. Meist verfliegen dann Anflüge von Höhenangst und man ist dankbar für eine solche Wegführung. Nun, Normen haben eine diesen Stricken vergleichbare Funktion. Sie ersparen uns langes Überlegen bzw. Befürchtungen, sich möglicherweise falsch zu verhalten. Wer nicht stiehlt, folgt einer Norm, wer es dennoch tut, verstößt gegen diese Norm und wird, so hoffen wir, bestraft. Normen verschaffen also nicht nur Sicherheit, sie trennen auch die Spreu vom Weizen. Selbstverständlich sind wir der Weizen (meistens jedenfalls und öffentlich immer). Normen sind die Sicherungsstricke durch unsere komplexe Wirklichkeit. Je einfacher eine Intelligenz gestrickt und/oder je schmaler ihr Horizont ist – Intelligenz und Horizontweite sind keineswegs kongruent –, desto bedeutsamer sind diese Stricke. Würde man die Mentalitäten von Menschen auf eine Ebene projizieren, so gäbe es Ebenen mit einer übersichtlichen Anzahl von Leitstricken und solche mit einem schieren Labyrinth davon.

Eine ganz normale Gewohnheit

Normen sind Spurrillen, auf denen unser Denken, Handeln und Reagieren, Sprechen und Kommunizieren mühelos und zuverlässig stattfindet. Das muss allein schon deshalb so sein, weil die uns allgegenwärtig umgebende Technik ohne Normen (ISO 9001 !) undenkbar wäre. Man stelle sich einmal vor, Hyundai folgte bei der Bremsenproduktion oder den Sicherheitsgurten anderen Normen als VW. Oder wir würden uns nicht an die Norm, im Straßenverkehr rechts zu fahren, halten. Haben Sie schon einmal versucht, mit dem Rauchen aufzuhören (oder einer anderen Pseudosucht) oder Ihre Ernährung auf „vegan“ umzustellen? Gewohnheiten sind zwar keine Normen im eigentlichen Sinn, aber auf psychischer Ebene funktionieren sie genauso. Eine Gewohnheit zu ändern, ist verdammt schwer und umso schwerer, wenn sie den Normen oder Gewohnheiten einer sozialen Gruppe zuwiderläuft, also z. B. seine Zigarettenabstinenz in einer Gruppe von Rauchern aufrechtzuerhalten.

Angenehmer Zwang

Die meisten Menschen – ich schätze mal, mindestens 80 Prozent – bemerken die Spurrille, auf der sich ihr mentales oder emotionales Fahrzeug bewegt, gar nicht. Und wenn doch, so sind sie meistens froh um die Zuverlässigkeit, mit der sie das Gefährt via Autopilot durchs Leben manövriert. Der verbleibende Rest muss mit dem gefühlten Verhaltenszwang umgehen, der durch die Norm ausgelöst wird. Die häufigste Reaktion ist das Verwerfen einer Norm, indem man sich einer anderen Norm unterwirft, etwa wenn Jugendliche gegen die Konventionen ihrer Eltern protestieren und in die Normen einer Clubkultur oder einer Gamer-Community abtauchen; oder wenn Christen aus Protest Mohammedaner werden und, und, und … Eine weitere, häufige Reaktion auf Normenzwang besteht in einer dem Stockholm-Syndrom ähnlichen Fühlweise: Wenn ich mich gegen einen Zwang nicht wehren kann, dann entgehe ich der (ansonsten) permanenten emotionalen Spannung, indem ich zu dem, was mich zwingt (dem Entführer, dem Vater, der Mutter, den Lehrern, Vorgesetzten und Zollbeamten, dem Gesetz, der Norm) ein emotional positives Verhältnis aufbaue. Ich „frame“ den Zwang als gut und sinnvoll für mich und für alle anderen. Das ist zwar noch keine Normopathie, aber doch ein entscheidender Grundstein dafür, der sich auf sexueller Ebene zum Beispiel im Masochismus äußert: Erst in der Unterwerfung werde ich lustfähig.

Die ganz normale Normopathie

Der „ganz normale“ Normopath gibt seine innere Distanz zur Norm vollständig auf und überantwortet sich ihr: Sicherheit pur. Die Norm wird ihm nicht nur zum Gewissensersatz, sondern auch zum allein selig machenden Bewertungsmaßstab seiner Umgebung (z. B. sind dann alle Andersdenkenden „Querdenker“). Die Individualität des Normopathen schnurrt auf die flache Dimension einer Norm zusammen. Daran musste ich denken, als ich kürzlich das Interview mit einer Bürgermeisterkandidatin der CSU verfolgte, die gefragt wurde, ob sie sich einen Lebenspartner vorstellen könne, der in einer anderen Partei Mitglied sei. Ihre impulsive und geradezu heftige Reaktion: „Nein, das wäre unmöglich.“ Quod erat demonstrandum, die Fessel sitzt. Die arme Frau.

Normen sind sozusagen das Wasser, in dem der Fisch schwimmt und über das er gar nicht erst nachdenkt. Für den „Fisch Mensch“ ist der Kapitalismus ein solches „Wasser“, ein mehrdimensionales Normengewebe, das ihn unsichtbar in seiner Wachzeit umgibt und beinahe jede (!) seiner Handlungen reguliert, steuert oder überhaupt erst auslöst. Nun gehört es zur Pathologie der Normopathen, dass er seine Normen für wahr und wirklich nimmt, für selbstverständlich, oft sogar für „natürlich“. Das Norm-Thema „Heterosexualität“ war eine solche Norm, die der Durchschnitts-Hetero jahrhundertelang für „natürlich“ hielt. Die Nachricht, dass auch im Tierreich Homosexualität keine Seltenheit ist, musste ihn bestürzen. Oder: Wenn die Person A einen Krieg für unmoralisch hält und deshalb bereitwillig in den Krieg zieht, um ihrer Norm konform in den kriegerischen Konflikt einzugreifen, muss sie zwangsläufig mit ihrer eigenen Norm ein Problem haben und ist deshalb zu Scheinlösungen und Heuchelei gezwungen.

Warum „zwangsläufig“? Weil sich die Wirklichkeit von A, auch wenn es sich bei ihm um ein sehr einfach gestricktes Gemüt handeln sollte, mit ihren unübersehbar vielen Variablen nur sehr eingeschränkt normieren lässt. Die Wirklichkeit ist nicht normierbar (schon die relativ einfache Ökologie eines Naturtümpels lässt sich in keinem Labor der Welt 1:1 nachbauen); jeder Normversuch muss also von der Vielfalt der Wirklichkeit und ihren täglich wechselnden Dimensionen – interessengesteuert – abweichen, was A dann aber leugnen muss. So muss A in unserem Beispiel zwangsläufig all die vergessenen (oder wohlweislich übersehenen) Kriege, momentan etwa die im Sudan oder in Mosambik, Myanmar oder West-Papua wütenden Kriege, ebenso ausblenden wie das normunabhängige Leiden jeder Kriegspartei, jedes einzelnen vom Krieg betroffenen Menschen sowie den Lustgewinn der Kriegsprofiteure. Ganz ähnlich, nur in einem global größeren Maßstab, verhält es sich mit den jährlich Millionen von Hungertoten, die wir geflissentlich übersehen, damit wir auf die Normen unseres Wohlstands pochen können. Aber das ist eben ganz – normal.

Zur Selbstüberprüfung

Den grassierenden Zustand der Normopathie habe übrigens nicht ich erfunden. Er gehört zu den psychiatrischen Analysewerkzeugen und ist festgelegt in den ICD-10, der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, einer medizinischen Klassifikationsliste der Weltgesundheitsorganisation. Normopathie wird, wie viele andere pathologische Geisteszustände, von den Befallenen in der Regel nicht wahrgenommen, sondern tendiert vielmehr dazu, auch die Menschen des persönlichen Umfeldes vereinnahmend zu affizieren. Daher hier die offizielle Definition:

Unter Normopathie wird eine Persönlichkeitsstörung des Menschen verstanden, die sich in einer zwanghaften Form von Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen ausdrückt. Ein treibendes Moment hierbei ist das unter Aufgabe der eigenen Individualität übersteigerte Streben nach Konformität, das letztlich zu unterschiedlichen Beschwerdebildern und Symptomatiken führt und sich zu einem pathologischen Geschehen ausweiten kann; das heißt, gesellschaftliche Fehlentwicklungen werden als solche nicht mehr hinterfragt oder gar erkannt. Die unbedingte Überanpassung an sozio-kulturelle Normen wird damit zur Krankheit. Da im Prinzip der Wunsch nach Normalität nicht als krankhaft, sondern eher als eine gesunde Einstellung gilt, wird die Pathologie des Geschehens mit ihrer häufig somatoformen Symptomatik oft nicht als solche wahrgenommen. (Wikipedia)

*** Bei den Worten „Alt-Achtundsechziger“, „Putin-Versteher“ und „Krieg“ handelt es sich um Begriffe, die sehr stark normabhängig, meist feindselig und kommunikationsstörend verwendet werden.

Eier sind gesund – vorausgesetzt, man geht richtig mit ihnen um

[Frei zur Veröffentlichung unter Angabe der Quelle: ökoligenta.de/blog42/lebens-mittel]

Er: „… woher weißt du, wann das Ei gut ist?“

Sie: „Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott!“

Er: „Nach der Uhr oder wie?“

Sie: „Nach Gefühl … eine Hausfrau hat das im Gefühl …“

200 Eier pro Kopf

Nicht umsonst gehört Loriots „Das Frühstücksei“ zu den Klassikern unter den Sketchen. Dabei streitet sich ein Ehepaar um die angemessene Kochdauer eines Frühstückseis. Dieses ist bis heute auf vielen deutschen Frühstückstischen eine Delikatesse und muss oft bis Sonntagmorgen warten. Dabei könnten wir in Eiern schwimmen, so viel davon essen wir unbesehen. Alles eingerechnet – Außer-Haus-Verzehr, Kekse, Fertigkuchen, Nudeln oder Eierlikör – verzehren wir pro Kopf und Jahr rund 200 Eier. Schon vernünftiger klingt die Zahl allerdings, wenn man die „versteckten“ Eier beiseite lässt und nur die auch als Ei wahrgenommenen Eier zählt: Dann sind es acht bis neun pro Monat, zu Ostern sind es drei Stück mehr. Weiterlesen

Für Kinder ab dem Schulalter ist eine vegetarische Ernährung mit Milchprodukten und Eiern eine günstige Ernährungsform

Erwachsene Vegetarier sind gesünder und erkranken deutlich weniger an Krebs als die „Fleischpflanzen“. Das steht fest. Sorgen Eltern also für das Wohl ihrer Kinder, wenn sie sie vegetarisch ernähren? Das Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund nahm hierzu klar Stellung: „Mit ausgewogener vegetarischer Ernährung, in der regelmäßig Milch und Milchprodukte verzehrt und Getreide, Kartoffeln, Gemüse und Obst abwechslungsreich kombiniert werden (laktovegetarische Ernährung), kann der Nährstoffbedarf in allen Altersgruppen leicht gedeckt und Zivilisationskrankheiten vorgebeugt werden.“ Gegenüber dem üblichen Nahrungsüberangebot westlicher Industrieländer Weiterlesen

Momentan, also im Frühjahr 2025, wird die Zahl der Buddhisten in Europa auf drei Millionen geschätzt; davon leben ca. 125.000 in Deutschland, wenn man die eingewanderten Buddhisten nicht mitrechnet. Angesichts der Bevölkerungszahlen ist das ein Klacks, angesichts der Tatsache, dass noch vor 50 Jahren der Buddhismus den meisten – von Hessejüngern abgesehen – als etwas Fremdes, fernöstlich Unzugängliches erschien, eine erstaunliche Menge. Vermutlich ist dieser Erfolg darauf zurückzuführen, dass es sich um eine religionslose Religion handelt. Erstaunlich nur, dass es noch keinen schwunghaften Tourismus nach Kalmückien gibt, der einzigen mehrheitlich buddhistischen Region Europas.

Mithin taucht die Frage auf: Was ist eine religionslose Religion? Bevor ich darüber nachdenke, möchte ich ergänzen, dass es das Phänomen Buddhismus, von dem ich spreche, im eigentlichen Sinn gar nicht gibt; eher handelt es sich dabei um ein Mem als um ein Phänomen. Denken wir bei dem Wort „Religion“ nämlich an Kirchen, Tempel, Schreine, Amulette, Weihrauch, Statuen, Prozessionen, Glaubenskämpfe und sonstige Erniedrigungen des Heiligen, dann kann der traditionelle Buddhismus damit locker mithalten. Bevor allerdings der Buddhismus in die Hütten und Paläste Europas einziehen konnte, mussten die christlichen Gespenster erst einmal daraus vertrieben werden.

Das Verschwinden der Götter

Seit Bonifatius die Donar-Eiche um 700 n. Chr., vermutlich sogar von eigener Hand, wohl in der Nähe des hessischen Geismar fällte, ohne dass ihn der Donnergott niederstreckte, hat sich unser religiöses Empfinden sprunghaft geändert. Der Gott, mit dessen Namen unser Donnerstag zusammenhängt, war der Gewitter- und Wettergott der Germanen, also eine Kraft, welche die Fruchtbarkeit der Erde aufrechterhielt. Diese Verbindung von Himmel und Erde, so bewies Bonifatius, brauchen wir nicht mehr; mit Bonifatius’ Untat wurde die spirituelle Verbindung des Menschen mit den Naturgewalten Geschichte. Bis es endgültig so weit war, dauerte es aber noch ein paar hundert Jahre. Zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert war die Christianisierung Europas vom Atlantik bis zum Ural weitgehend abgeschlossen, wenn man einmal von den tapferen Litauern absieht, die erst Ende des 14. Jahrhunderts ans Christenkreuz geschlagen wurden.

Die Einkerkerung Gottes

Wo die Germanen noch das Göttliche in der Natur erkannt hatten, waren seitdem die biblischen Buchstaben zum Gefäß des Heiligen geworden, über das die Mönche wachten und das keinem Profanen mehr zugänglich sein sollte. Man hatte es deshalb nicht nur in die Buchstaben eingekerkert, sondern zusätzlich in die lateinische Sprache, die kaum jemand beherrschte. Damit war das Göttliche außen vor, und die ganz normale Demut des Menschen vor etwas Größerem, Mehr-als-Menschlichem hatte sich in Unterwerfung gewandelt. Bis Luther auftrumpfte und ein bisschen mehr Freiheit schaffte (wie z. B. eigene Auslegung der nunmehr ins Deutsche übersetzten Bibel, Abschaffung der Ablassbriefe und der päpstlichen Autorität, Wahl der Bischöfe von unten). Doch mit den protestantischen Liberalisierungen ging eine Vergötzung der Bibel einher, deren Worte (obwohl von Luther bei seiner Schnellübersetzung des Neuen Testaments innerhalb eines Jahres Flüchtigkeiten zwangsläufig waren) Heiligen-Status erreichten; und dies, obwohl spätestens seit dem 16. Jahrhundert und dem Wissen um den Codex Vaticanus klar war, dass die Bibel keine Niederschrift des Wortes Gottes war, sondern das Ergebnis eines historischen Prozesses.

Nichts wie weg!

Der Protestantismus war aber nicht nur mit einer religiösen Liberalisierung verbunden, er „reinigte“ das Christentum auch von seinem mystischen Beiwerk. Zwar akzeptierte Luther noch die Jungfrauengeburt Mariens, doch schon die Reformatoren Zwingli und Calvin lehnten sie ab. Heidnisch anmutende Praktiken im Katholizismus wie das Räuchern (die Gebete steigen mit dem Rauch zu Gott), die Taufe als Sakrament (geweihtes Wasser reinigt ein Baby von allen Sünden des Menschseins) oder die magische Verwandlung einer Hostie in den Leib Christi während einer katholische Messe wurden aufgegeben. Mystik als innere Gotteserfahrung jenseits des biblischen Worts löste sich in Luft auf. Übrig blieb – von den zahlenmäßig unerheblichen Pietisten, Quäkern und Herrnhutern einmal abgesehen – eine rationale Religion, aber immer noch eine mit eiferndem Wahrheitsanspruch.

Um dem ein für alle Mal ein Ende zu setzen, verkündete der Vatikan 1870 – Trara! – das Dogma der (theologischen) Unfehlbarkeit des Papstes. Damit war nicht nur festgelegt, dass alle anderen Religionen fehlbar waren, es bedeutete auch, dass eine eigene Meinung in Glaubensfragen dem Katholiken offiziell nicht mehr gestattet war – und dies ausgerechnet in einer Zeit, in der sich die bürgerliche Gesellschaft etablierte und wissenschaftliches Denken religiöse Wahrheitsansprüche längst in ihre Schranken wies. Schon in der Französischen Revolution war die Trennung von Kirche und Staat gefordert worden (konsequent umgesetzt wurde die Laizität in Frankreich allerdings erst 1905). Waren die Kirchenaustritte im 19. Jahrhundert noch ein Rinnsal, so wurden sie im 21. Jahrhundert ein kirchengefährdender Strom: Im Jahr 2019 traten über 500.000 Menschen aus der katholischen und evangelischen Kirche aus – nichts wie weg. Und ungezählt sind die Millionen, die sich zu einem registrierbaren Kirchenaustritt noch nicht entschlossen, aber mit ihren Konfessionen nichts mehr am Hut haben.

Raum für Neues

Mit anderen Worten: Die Menschen hatten und haben die Nase voll von der spirituellen Bevormundung. Der so geöffnete Raum religiöser Erfahrung lud regelrecht zur Neubesetzung ein. Von Jean Paul Sartre stammt in diesem Zusammenhang der Satz: „Ist einmal die Freiheit in einer Menschenseele erwacht, dann vermögen die Götter nichts mehr gegen diesen Menschen.“

Als Erster sprang der persische Adlige Bahá’u’lláh in die Bresche und gründete die Bahai-Religion. Trotz schwerer Verfolgungen im Iran konnten die Bahais weltweit viele Anhänger gewinnen (bis heute ca. 200 Millionen; Deutschland ca. 6.000, Österreich ca. 1.300, Schweiz ca. 1.100). Der Erfolg war kein Wunder, denn die fundamentalen Grundsätze der Bahais hoben (und heben) sich von allen anderen Religionen spektakulär ab:

– alle großen Religionen sind Teil einer fortschreitenden Offenbarung
– alle Menschen sind gleich und sollen friedlich zusammenleben
– Männer und Frauen sollen gleichberechtigt sein
– Wissenschaft und Religion sind vereinbar
– eine vereinte und gerechte Weltordnung ist anzustreben

Eine noch breitere spirituelle Basis bietet der Buddhismus westlicher Prägung (bereinigt von den Riten der asiatischen Volksreligion). Anders als alle anderen Religionen legt er den Menschen nicht neue Formen der äußeren oder inneren Unterdrückung bzw. neues Leid auf, sondern verbreitet in seinen Lehren die mögliche Befreiung von allem Leid. Doch nicht nur dies: Zwar gibt es auch im (östlichen) Buddhismus Götter, aber keinen zentralen Schöpfergott mehr wie im Judentum, Christentum oder Islam. Die buddhistischen Devas (Götter) unterliegen wie alle Wesen dem Kreislauf der Wiedergeburt, können sich irren und sind nicht zwangsläufig erleuchtet.

Das ideale Ziel der spirituellen Entwicklung, die Erleuchtung, erreicht der Buddhist nicht, indem er von oben verordnete Regeln und Rituale befolgt, sondern indem er einen eigenen, inneren Weg geht. Damit bietet sich der Buddhismus als eine religiöse Orientierung für all jene an, die auch in anderen Religionen darauf beharrt hatten (und deshalb höchst unbeliebt waren), dass man mit Gott nur durch einen Weg nach innen in Kontakt kommen könne: so die christlichen Wüstenväter und Wüstenmütter Ägyptens im 3. und 4. Jahrhundert oder berühmte christliche MystikerInnen wie Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Theresa von Ávila, Johannes vom Kreuz, Jakob Böhme oder die „modernen“ Simone Weil, Thomas Merton, Pierre Teilhard de Chardin und Willis Jäger, Benediktiner und 87. Nachfolger von Buddha Shakyamuni. Auch die moslemischen Sufisten strebten (und streben) nach einer direkten, inneren Gotteserfahrung jenseits formaler Rituale. Die bei uns berühmtesten Sufi-Dichter sind Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (bei uns meist nur „Rumi“ genannt) und Hafis, von dem schon Goethe schwärmte.

Millionen machen sich auf einen inneren Weg

Ein bedeutender Wegbereiter des Buddhismus im Westen war der 1898 geborene Ernst Lothar Hoffmann, der spätere Lama Anagarika Govinda, von dem Indira Gandhi Französisch lernte. Er gründete 1933 den international agierenden Orden Arya Maitreya Mandala, dessen Schirmherrschaft der König von Sikkim übernahm, ab 1935 war er Generalsekretär der „International Buddhist University Association“. Govinda führte auf zahlreichen Vortragsreisen in den Buddhismus ein, nicht nur in Deutschland, sondern auch u. a. in den USA, Kanada, Mexiko oder auf den Philippinen. Er starb 1985 in Kalifornien.

Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang die zweimonatige Reise der Beatles 1968 nach Rishikesh in Indien, um die Transzendentale Meditation zu erlernen. Die dabei entstandenen Songs wie „Magical Mystery Tour“, „The Fool On The Hill“ oder „Hello, Goodbye“ wurden ebenso Hits wie der Fernsehfilm Magical Mystery Tour. Der gleichnamige Song war mehrere Wochen in den USA und England in den Top-Charts.

Welche aufregenden Wege die neue spirituelle Öffnung gehen kann, dafür ist der Rupert Lay ein gutes Beispiel, der sich unmittelbar nach dem Abitur dem Jesuiten-Orden anschloss und 1960 zum Priester geweiht wurde. Nachdem er sich mit theoretischer Physik, Philosophie und Psychologie beschäftigt hatte, promovierte er über die sogenannten Transzententalien, also Begriffen wie „das Sein“, „die Einheit“, „die Wahrheit“ oder „die Gutheit“. Damit war die geistige Öffnung erreicht, die ihm schlussendlich ein Schreibverbot des Vatikans eintrug – an das er sich nicht hielt. Lay sprach nicht mehr von Gott, sondern vom Göttlichen und von einer „gotthaltigen“ Welt.

Ein anderes beredtes Beispiel ist die Jüdin Ilse Ledermann, die als buddhistische Nonne Ayya Khema bekannt wurde. Nach einer Fluchtgeschichte von Berlin über Glasgow, Shanghai und San Diego und einer vorübergehenden Tätigkeit als Buchhalterin lebte sie mit ihrem Mann in einer spirituellen Gemeinschaft in Mexiko. Nach intensiven Meditationserfahrungen und Umwegen über Australien wurde sie Novizin des buddhistischen Theravada-Ordens in Sri Lanka. 1989 kehrte sie nach Deutschland zurück. Auf ihre Initiative hin entstand schließlich 1997 Metta Vihara, der „Aufenthaltsort der Liebenden Güte“. Er wurde zum Sitz des von ihr  im gleichen Jahr gegründeten Ordens der westlichen Waldklostertradition.

Welchen Sog die fernöstliche Spiritualität entwickelte, zeigte die Bhagwan-Bewegung in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, als Hundertausende sich auf den Weg nach Indien machten, um die Lehren des spirituellen, buddhismusnahen Philosophen Bhagwan Shree Rajneesh, später bekannt als Osho, zu hören. Weniger skandalträchtig als Bhagwan, der von der BILD-Zeitung wegen seiner freimütigen Haltung zum Sex-Guru ernannt wurde, war der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh [sprich: Tik Natan]. Im gelang nicht nur eine für den Westen verständliche Formulierung buddhistischen Lebens; ihm gelang es auch, den neu im Westen aufkeimenden Ökologiegedanken spirituell einzuweben.

Thich Nhat Hanh

Sein entscheidender und inzwischen weithin anerkannter Begriff dafür ist „Interbeing“, die Verwobenheit allen Seins, die ökologische, soziale und spirituelle Verbundenheit aller Wesen und Dinge. Ein typisches Beispiel seines Denkens ist die Meditation über Papier, das weit mehr sei als ein flaches, dünnes, beschreibbares Ding, sondern etwas, das den Regen, die Sonne, den Baum, den Holzfäller und viele andere Elemente, die zu seiner Entstehung beigetragen haben, in sich trägt. Thich Nhat Hanh verstarb 2022 im Alter von 96 Jahren. Zuvor hatte er über 100 Bücher geschrieben, die weltweit in über 40 Sprachen übersetzt wurden und Millionen von Menschen erreichten. Er war Gründer des spirituellen Zentrums Plum Village Frankreich, das jährlich viele tausend Besucher anzieht. Vergleichbare Zentren wurden in über 50 Ländern gegründet, so in Deutschland das Intersein-Zentrum im Bayerischen Wald.