Honig ist ein besonders erlesener Stoff

Rund 240.000 Kilometer Flugstrecke legen Bienen für ein Kilogramm Honig zurück. Dabei würde sie etwa dreimal um den Äquatorkreis fliegen. Vorwiegend schaffen sie eine solche Leistung, weil sie bei jedem Flug einen Teil des Blütennektars verspeisen, den sie unterwegs gesammelt haben. Aus diesem Powerstoff und aus den Honigtautröpfchen von Blattläusen erzeugt jedes Bienenvolk im Laufe eines Jahres 20 bis 40 Kilo Honig. Bei den rund 60.000 Ausflügen, die für jedes Kilo nötig sind, besuchen die fleißigen Tierchen drei bis fünf Millionen Blüten. Honig ist also eine echte Flug- und Sammelschwerarbeit, welche die Deutschen gerne bezahlen. Das Zwei- bis Siebenfache des Weltmarktpreises legen sie für Honig auf die Ladentheke und verspeisen mehr des süßen Stoffs als jedes andere Volk der Welt: rund 1,1 Kilo pro Kopf und Jahr, Neugeborene und Greise eingerechnet. Etwa 80 Prozent davon wird importiert, größtenteils aus aus Mittel- und Südamerika sowie China.

Gesund oder nur süß?

Wer kennt nicht „Milch mit Honig“ gegen Halsschmerzen? Das alte Hausmittel ist ein letztes Überbleibsel des tiefen Respekts unserer Vorfahren vor der Arbeit der Biene. Die Germanen führten die Unsterblichkeit, Kraft und Weisheit des Göttervaters Odin auf die Götterspeise Honig zurück. Bienen waren den Germanen so heilig, dass sie in ihrer Gegenwart jeden Streit vermieden. Heute steht man in Deutschland den wunderbaren Kräften des Honigs eher skeptisch gegenüber. So schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, „dass Honig als Hausmittel das subjektive Wohlbefinden steigern kann, wobei der Placebo-Effekt eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt“. Mit anderen Worten: Wir bilden uns die heilsame Wirkung des Honigs hauptsächlich ein.

Ganz anders urteilt die australische Regierung, die manche Honigsorten offiziell in den Rang eines Heilmittels erhoben hat. Und der neuseeländische Biochemiker Professor Peter Molan von der University of Waikato hält Honig gar für „das ideale Mittel bei chronischen Wunden … er tötet sehr unterschiedliche Bakterien ab, löst totes Gewebe, bindet unangenehme Gerüche und fördert die Wundheilung“. Allerdings, so schränkt der Wissenschaftler ein, treffe diese Eigenschaft bei weitem nicht auf jeden Honig zu. Das fanden auch Forscher am Schweizerischen Zentrum für Bienenforschung, die elf Honigsorten auf ihre antibakterielle Wirksamkeit hin testeten. Die Siegerhonige waren Rapshonig, Waldhonig und Löwenzahnhonig. Am schlechtesten schnitten Eukalyptus- und Rhododendronhonig ab. Interessante Ergebnisse hatte ein Versuch von Wissenschaftlern der Universität Illinois in Urbana-Champaign. Männer, die fünf Wochen lang täglich vier Löffel Honig einnahmen, hatten während dieser Zeit deutlich mehr Antioxidantien im Blut. Gute Nachrichten zur Heilkraft von Honig kommen auch von der kanadischen Universität Ottawa. Dort machten Sidr-Honig aus Jemen und Manuka-Honig bei chronisch entzündeten Nasennebenhöhlen gängigen Antibiotika Konkurrenz.

Ist Honig also nur lecker oder auch gesund? Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Er ist eines der ältesten uns bekannten Naturheilmittel, das schon von den alten Sumerern, Ägyptern und Indern vor Tausenden von Jahren genutzt wurde. Auch heute leihen durchaus Wissenschaftler von Rang dem gelben Leckerbissen ihren Namen. Es lohnt also, im persönlichen Bereich mit der Heilwirkung und dem Gesundheitswert von Honig zu experimentieren. Dabei muss man es ja nicht gleich so extrem treiben wie der Amerikaner M. H. Haydak, der sich unter medizinischer Aufsicht im Selbstversuch 12 Wochen lang nur von Milch, Honig und Orangensaft ernährte – und sich dabei kräftiger fühlte denn je. Es war also wohl die Eintönigkeit dieser Diät, die Haydak wieder auf den Weg von Steak & Co. zurückkehren ließ.

260 verschiedene Bestandteile

Wie jedes echte Naturprodukt besteht Honig aus einem Gemisch der verschiedensten Stoffe, die je nach Honigtyp und Herkunft ganz unterschiedlich ausfallen können und deshalb die wissenschaftliche Bewertung so schwer machen. Hauptsächlich besteht Honig zu ca. 80 Prozent aus Zucker und zu 16 bis 20 Prozent aus Wasser. Neben den hauptsächlichen – Traubenzucker und Fruchtzucker – enthält er noch eine ganze Reihe weiterer Zuckerarten wie Erlose, Maltose, Isomaltose und Melezitose. Des Weiteren lassen sich Enzyme, organische Säuren, Aminosäuren, Mineralstoffe, Vitamine, Inhibine, Antioxidantien, Gerb-, Farb- und Aromastoffe nachweisen, insgesamt etwa 260 verschiedene Bestandteile. Um ihre Wirkung im Einzelnen und im Verbund aufzuklären, wird noch Jahrzehnte geforscht werden müssen. Denn wie schon bei den sekundären Pflanzenstoffen, so könnte sich auch bei den sekundären Honigstoffen so manche Überraschung ergeben. Momentan führen Wissenschaftler einen Teil der entzündungshemmenden Wirkung von Honig auf das Enzym Glucaseoxidase zurück. Dieses produziert beim Zuckerabbau das Wunden desinfizierende Wasserstoffperoxid. Überdies bindet Honig Feuchtigkeit. Indem Gewebeflüssigkeit aus der Wunde gezogen wird, werden auch Schmutz und Bakterien mit ausgespült. Im neuseeländischen Manukahonig (gewonnen von Teebaumblüten) fanden Forscher das entzündungshemmende Methylglyoxal, das ebenfalls bei Zuckerabbau entsteht.

Qualität lohnt sich

Honig ist also durchaus ein besonderer Stoff, bei dem es sich lohnt, auf Qualität zu achten. Mit der ist es allerdings in Deutschland nicht immer zum Besten bestellt. Bei einer Untersuchung der Stiftung Warentest im Januar 2009 schnitten nur 9 von 35 Honigen mit „gut“ ab. Der Geschmack ließ zu wünschen übrig, und der Honig in einigen Gläsern hatte mit der Etikettierung wenig gemeinsam. Wird dort nämlich ein Pflanzenname genannt, so muss über die Hälfte des Honigs auch von Blüten dieser Pflanze stammen. In einem früheren Test hatte Öko-Test in fünf Honigen Rückstände von Bienenarzneimitteln und verbotenen Antibiotika gefunden. Und dies, obwohl die Honigverordnung versucht, Qualitätsmaßstäbe aufzustellen. So sind z.B. Zusätze zur Verbesserung von Aroma, Farbe, Geschmack, Haltbarkeit, Konsistenz usw. gesetzlich verboten. Nicht verboten ist allerdings die vorübergehende Schädigung des Honigs durch Wärmebehandlung. Der dafür festgelegte so genannte HMF-Wert (Hydroximethylfurfurol) von 40 liegt zu hoch. Allerdings schreiben der Deutsche Imkerbund, die Verbände des ökologischen Landbaus und einige Honig-Hersteller wie Allos oder Martin Evers ihren Bio-Imkern niedrigere Höchsttemperaturen zur schonenden Verarbeitung des Honigs vor. Die EU-Bio-Verordnung tut dies aber nicht. Als problematisch hat sich die Qualitätskontrolle bei Importhonigen herausgestellt. Nicht nur, weil im Erzeugerland die Honigverordnung keine Gültigkeit hat, sondern auch, weil der in Fässern ankommende Honig häufig ziemlich fest ist und zum Abfüllen in Gläser unter Wärmezufuhr wieder verflüssigt wird. Dabei können wertvolle Inhaltsstoffe zerstört werden, insbesondere die Enzyme, denen Honig seine Heilkräfte verdankt.

Bobby Langer

Quellen: http://apitherapy.com; aid.de; bieneninstitut.de; cma.de; cnn.com; dge.de; farfeleder.at; gesundheit.de; gesundheit.com; gesundheitspilot.de; Hobbyimkerei Hilgers; hobbythek.de; Institut für Bienenkunde Celle; kochatelier.de; Landesverband bayerischer Imker; lernzeit.de; lifeline.de; naturkost.de; Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz; m-ww.de; nzz.ch; odins-met.de; onmeda.de; paracelsus.de; Ökotest; Stiftung Warentest; transfair.org; ugb.de; uni-hohenheim.de; University of Waikato, New Zealand; University of Guelph, Kanada; was-wir-essen.de; wdr.de; welt.de; wikipedia

Die Hirnfrucht

Walnüsse sind Nervennahrung und ideale Früchte für die kalte Zeit

Die Römer, die in Sachen Essen gerne mal über die Stränge schlugen, nannten die Walnuss „Jovis glans“, die Nuss des höchsten Gottes Jupiter. Tatsächlich hat die Walnuss etwas Magisches: Walnusshälften ähneln nicht nur den beiden Hirnhälften, sie sind auch wegen ihres hohen Vitamin-B-Gehalts ausgesprochene Hirn- und Nervennahrung. Weitere Vitalstoffe aus der Nuss – Cholin und Lecithin – bewirken, dass es zwischen den Nervenzellen im Gehirn richtig funkt. Und wenn Stress unser Denkvermögen blockiert, kann Magnesium aus den Walnusskernen die Konzentration unterstützen. Weiterlesen

My Sauerkraut

Sauerkraut ist gut für Gesundheit und Figur. Am besten stellt man es selbst her

Den meisten jungen Deutschen dürfte es geläufig sein, eine Internetseite den eigenen Wünschen anzupassen. Das heißt dann zum Beispiel „Mein Yahoo“. Personalisieren, wie man das nennt, ist Trend. Warum dann nicht so weit gehen, auch seine Lebensgrundlagen zu „personalisieren“, also weg von der Massennahrung, hin zum Selbstgemachten?

Sauerkraut wäre da ein guter Einstieg. Weiterlesen

Kopflastig: Sauerkraut

Bakterien finden „sauer“ gar nicht lustig

Sauerkraut ist aus angelsächsischer Sicht deutsches Kulturgut und heißt deshalb auf Englisch „the sauerkraut“. Im Lande der „Krauts“ bringt man Sauerkraut meist mit viel Fett und Würsten in Verbindung, der französische Elsässer denkt bei Choucroute auch an eine weit elegantere und feinere Variante: Sauerkraut mit Fisch und Buttersauce.

Tatsächlich ist Sauerkraut ursprünglich auch eher etwas Romanisches als Germanisches. Jedenfalls konservierten die Römer schon vor 2.000 Jahren ihren Kohl in Salzlake, von den Slawen und Orientalen wird solches ebenfalls berichtet, von den alten Germanen nicht.

Bluff statt Sauerkraut

Uns Heutigen kann das letztlich egal sein. Noch immer machen wir unserem britischen Spitznamen als „Krauts“ alle Ehre und verschlingen pro Kopf durchschnittlich zwei Kilo Sauerkraut, also jedes Jahr ungefähr 160 Millionen Dosen. Sauerkraut entsteht, indem man zunächst die Weiterlesen

Hafer – ein Getreide wie gemalt

Hafer bereichert die Küche und gehört zu einer vollwertigen Ernährung

Bei Pferdehaltern genießt Hafer nicht unbedingt den besten Ruf. Das Getreide bringt dem Tier so viel Energie, dass es rappelig wird, wenn es sie nicht abarbeiten kann. Dann „sticht es der Hafer“. Auf Menschen trifft das nicht zu; sie können die Haferenergie gut brauchen. Hafer gehörte zur Küche der Germanen. Im Schwarzmeergebiet wurde er schon 5.000 Jahre vor Christus angebaut, in Mitteleuropa seit der Bronzezeit. In unseren Breiten war er bis ins 19. Jahrhundert hinein ein Grundnahrungsmittel.

Die Finnen: Europameister im Haferessen

Für die traditionelle Grundhaltung der britischen Army ist er das noch immer. Porridge, der berühmt-berüchtigte englische Haferbrei, in dem der Löffel steht, gehört zur Morgenkost der Elitesoldaten des einstigen Imperiums. Ansonsten hat die gute alte Hafergrütze, wie sie früher bei uns hieß, ziemlich ausgedient. Weiterlesen

von Isabel Batista

(zu Teil 1)

Ein eigener Garten am Haus, eine gepachtete Parzelle oder eine klassische Laube, vielleicht auch „nur“ ein Balkon oder ein Hochbeet in einem Gemeinschaftsgarten: Viele Menschen haben das Gärtnern für sich entdeckt.

Es macht Spaß, das eigene angebaute Gemüse und Obst zu ernten und in der Küche zu verarbeiten oder gleich vom Strauch zu naschen. Es bringt uns in Bewegung, senkt unseren Stresspegel und macht uns den Wert von Nahrung wieder bewusst.

Wie es bisher läuft

Weil vom kleinen Setzling bis hin zur Ernte viel Zeit und Mühe vergeht, greifen auch in Privatgärten immer noch viele Menschen zu Pestiziden oder helfen mit künstlichem Dünger nach, um das Wachstum ihrer Nutzpflanzen zu beschleunigen oder die Ernte vor Schädlingen zu schützen.

Wir dürfen hier den Wunsch nach maximaler Kontrolle und Ordnungssinn gerne hinterfragen. Wo bleibt die echte Natur, wenn sie in strikte Abschnitte gedrängt wird, jeder Laubhaufen verschwinden muss und sogar essbare Wildkräuter mit Chemie ausgemerzt werden?

In solch einem Garten finden Nützlinge keinen Anreiz zur Futtersuche oder Aufzucht ihrer Jungen. Eine Abwärtsspirale setzt ein: Schädlinge fallen über die Früchte unserer Arbeit her, und so setzen wir wieder die Chemiekeule ein.

Wir haben ein instabiles System geschaffen, in das wir immer wieder eingreifen müssen.

Es geht auch anders

Ein naturbelassener Garten bedeutet nicht, sich durch wucherndes Gestrüpp zu kämpfen oder jedem Schädling das Feld zu überlassen. Ein naturbelassener Garten bedeutet, dass man den Geschöpfen im und auf dem Boden, in der Luft und in den Zweigen der Bäume einen eigenen Spielplatz einrichtet.

Eine kleine Inspiration aus meinem Roman „Die Systemwandler“:

Im Garten waren die Schmetterlinge und Bienen zurückgekehrt und es summte überall. Die Farbenpracht war ein Genuss. Mit der Wildnisecke, die in jeden ausgewogenen Permakulturgarten gehörte, wollte Kerstin weitere Lebewesen anlocken.

Anja setzte sich nach einer kurzen Pause wieder zu ihr ins Gras und half ihr beim Schichten der Steine. „Wozu machen wir das?“, fragte sie interessiert.

Kerstin antwortete bereitwillig: „Der Steinhaufen ist für verschiedene Wildtiere als Zuflucht gedacht. Insekten, Spinnen, aber am meisten hoffe ich auf den Besuch von Eidechsen.“

„Die habe ich schon lange nicht mehr in freier Wildbahn gesehen“, sagte Anja bedrückt.

[…]

Während sie Stein auf Stein legten und so Stück für Stück ein Refugium für die weniger beachteten Lebewesen aufbauten, malte sich Kerstin im Geiste aus, wie die kleine Landschaft hier im hinteren Abschnitt ihres Gartens bald aussehen würde. „Die Steinburg der Kriech- und Krabbeltiere ist erst der Anfang“, ließ sie Anja an ihrer Vorstellungswelt teilhaben. „Geplant ist noch ein kleiner Tümpel für Frösche und Kröten, eine Ansitzstange für Greifvögel bei den Hochbeeten und ein Nistkasten für Eulen im Geäst des großen Pflaumenbaums.“

[…]

Neben dem Artenschutz hatten auch die Gärtner etwas von den Nützlingen, die durch das Futter- und Versteckangebot angelockt wurden. Sie lieferten einen Beitrag zum Schutz von Gemüse und Kräutern, indem sie die Schädlinge in Schach hielten. Zudem sollten sich einige von ihnen auch als Bestäuber nützlich machen.

“Die Systemwandler” von Isabel Batista

Ein Garten wie dieser fördert das natürliche Gleichgewicht und wird für jeden Menschen zum Abenteuer und Genuss. Unser Wohlbefinden steigt, denn jetzt können wir der echten, ein wenig wilden Natur nahe sein, sie beobachten, erleben und schätzen lernen. Vielleicht entdecken wir darin sogar unsere eigene wilde Natur.

Was Du als Systemwandler tun kannst:

  • Richte einen Garten oder Balkon ein, der ALLEN Geschöpfen einen Lebensraum bietet, oder inspiriere einen Gartenbesitzer dazu.
  • Vermeide chemische Mittel und greife für die Schädlingsbekämpfung stattdessen auf natürliche Mittel zurück (z.B. Brennesseljauche gegen Blattläuse oder die Ansiedlung von Nützlingen).
  • Vermeide Kunstdünger und belebe den Boden durch hilfreiche Pflanzen wie Klee oder mit Mulchmaterial.
  • Kaufe Pflanzensetzlinge, die ohne Pestizide herangezogen wurden (insbesondere bei bienenfreundlichen Pflanzen wie z.B. dem Lavendel).
  • Best Tipp: Mache Dich mit Permakultur vertraut (z.B. beim Permakultur-Institut) und gestalte Deinen Garten nach den Prinzipien dieser erstaunlichen Anbautechnik.

Auf diese Weise wirst Du Stück für Stück ein System erschaffen, in dem Du selbst glücklich bist, weil die Natur um Dich herum aufblüht und wirklich lebendig ist.

Wenn Du Interesse an weiteren Impulsen für einen naturbelassenen Garten, nachhaltige Lebensweisen und gute Neuigkeiten aus der Welt des sozial-ökologischen Wandels hast, dann melde Dich zu meinem Newsletter auf „Die Systemwandler“ an. Monatlich wirst Du mit dem Wissen versorgt, das ein Systemwandler zum Wandeln braucht.

Externe Links:

https://www.systemwandler.de
https://www.permakultur.de/home

Beitragsbild: Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, ©Isabel Batista 2019

von Bobby Langer

Zufriedene Menschen haben keinen guten Ruf. Sie gelten bestenfalls als naiv, schlimmstenfalls als dumm. Zufrieden sind Tiere in Käfighaltung, die es nicht besser wissen, zufrieden sind aber auch freilebende Tiere in einer relativ unbedrohten Natur. Zufrieden sind Geisteskranke und Säuglinge an der Mutterbrust.

Eine schauerliche Beschreibung von Zufriedenheit liefert Wikipedia: „Die Zufriedenheit tritt im Leben nicht automatisch ein, sondern sie muss sich in der ständigen Auseinandersetzung mit der Unzufriedenheit behaupten.“ Mit anderen Worten: Es gibt keine grundsätzlich zufriedenen Menschen (es sei denn die Unzurechnungsfähigen). Unzufriedenheit ist also der vorherrschende Seinszustand.

Ist Zufriedenheit weiblich?

Tatsächlich habe ich schon eine Reihe zufriedener Menschen kennengelernt: meine Großmutter zum Beispiel, die aus Schlesien vertrieben war und doch in eine geradezu provokative Zufriedenheit fand; zwei alte österreichische Sennerinnen, die sich von einem 14-Stunden-Arbeitstag nicht aus der Ruhe bringen ließen; eine junge Mutter, obwohl der Erzeuger sich weigerte, die Vaterrolle zu übernehmen; ein schottischer Landwirt, der seine Heimat nie verlassen hatte und mit 16 Arbeitsstunden einverstanden war – am Sonntag genehmigte er sich zwei, drei Stunden weniger. Würde ich mir das Gedächtnis ein wenig mehr zermartern, fände ich sicherlich einige zufriedene Menschen mehr. Auffällig an meiner zufälligen Zusammenstellung ist die weibliche Häufung.

Zufriedenheit, nicht Befriedigung

Eins sei grundsätzlich angemerkt: Zufriedenheit darf nicht verwechselt werden mit Befriedigung. Nun geht es mir hier gar nicht um eine genauere Betrachtung der Zufriedenheit, sondern mehr um die Konsequenzen von Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit. Der Frieden bildet nicht umsonst den Kern des Wortes Zufriedenheit. Frieden ist keine kurzfristige Situation, sondern ein anhaltender Zustand. Zufriedene Menschen sind tendenziell friedliche Menschen. Sie lieben fröhliche oder auch stille Geselligkeit, den Kreis der Familie oder von Freunden. Konflikte hingegen meiden zufriedene Menschen tunlichst; lieber beschäftigen sie sich damit, den Zustand ihrer inneren Ruhe auszugestalten und das vorhandene Gute zu ergänzen und auszubauen. Streitlustigen gehen sie aus dem Weg oder sie wenden sich von ihnen ab.

Das Bewusstsein der Lücke

Streit ist dem Zufriedenen ein fremder und befremdlicher Zustand. Wird der Zufriedene zum Streit gezwungen, dann kann er zwar hart kämpfen, aber er kämpft nicht um Sieg, sondern um die Wiederherstellung der Zufriedenheit. Man könnte geradezu sagen: Im Kampf zwischen bedrohten Zufriedenen und bedrohenden Unzufriedenen kämpfen beide Parteien aneinander vorbei. Weil der Unzufriedene sich Zufriedenheit wünscht, jagt er ihr hinterher und versucht, sie zu erzwingen. Der mentale Grundzustand des Unzufriedenen ist das Bewusstsein einer unerklärlichen Lücke, die er ständig zu füllen versucht. Dem Zufriedenen ist dieser mentale Grundzustand fremd.

Bedeutungsfelder

Über Zufriedenheit und ihr Gegenteil habe ich bisher nur auf der individuellen Ebene gesprochen. Übergangsweise kann man sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn eine ganze Gruppe von Zufriedenen zusammenlebt. Dabei entstehen Bedeutungsfelder wie Beistand, Glück, Harmonie, Heimat, Vertrauen und Frieden, allesamt mit dem Verdacht kritikloser Naivität belastet. Andererseits kann man sich die Folgen ausmalen, wenn eine Gruppe von Unzufriedenen zusammenkommt. Dabei werden Streit entstehen, Auseinandersetzung, Dominanz, Hierarchie, Gewalt und Krieg.

Brutstätte der Unzufriedenheit

Eine Steigerungsform einer solchen dissonanten Situation entsteht, wenn man die Unzufriedenheit zur Grundlage einer Gesellschaftsordnung macht; und wenn sich diese Gesellschaftsordnung einer Wirtschaftsordnung unterwirft, in der es kein Genug gibt, sondern es immer mehr und besser und größer und bequemer werden muss. Die vom kapitalistischen Wirtschaftssystem gezauberte Konsumgesellschaft ist eine Brutstätte der Unzufriedenheit sowie Entfremdung und damit latent gewalttätig. Der Strom der immer neu geweckten Wünsche treibt das Konsumrad an, das so lange in Schwung bleibt, solange es nur zu einer kurzfristigen Befriedigung kommt und keine dauerhafte Zufriedenheit entsteht.

Reizorientiert, fremdbestimmt und krank

Der Drang nach immer mehr erzeugt eine permanente Unzufriedenheit, seelisches Leid und eine Grundstimmung der Friedlosigkeit, wenn nicht der Gewalt bzw. Gewaltbereitschaft. So zurechtgetrimmte Menschen leben reizorientiert und ohne inneres Fundament, sind auf eine geradezu lustvolle Art und Weise fremdgesteuert und deshalb leicht zu (ver)führen. Da dieser „konsumistische Formungsprozess“ in immer jüngeren Jahren beginnt und in seinen Konsequenzen nur von wenigen Eltern durchschaut wird, setzt auch die Anspruchshaltung gegenüber den Lebensumständen immer früher ein. Unzufriedenheit stellt sich schon in der Grundschule ein, wenn nicht bereits im Kindergarten. Einher gehen damit entgleisende kindliche Seelen und gestörte Familien und Beziehungen.

Gerade jetzt trifft es uns doppelt: Lockdown + Hintanstellung entscheidender Maßnahmen gegen die Klimakrise. Wenn eine/n da der Blues erwischte, wäre das kein Wunder. Die Stadtwandler Freiburg haben dazu einen guten Artikel geschrieben, auf den ich hier gerne verweise:
“Bei einem Blick auf das Weltgeschehen kann man schon mal vom Weltschmerz überwältigt werden. Und was dann, im Homeoffice still ins Kissen weinen?! Vielleicht mal kurz, aber dann darf es weitergehen.”
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Von Raimar Ocken

Gesundheit und Krankheit sind komplexe Geschehnisse. Da wir keine Maschinen sind, ist es in der Regel notwendig, vor der Behandlung genau herauszufinden, welche Ursache bewirkt, dass sich ein Mensch nicht wohlfühlt, oder woran er leidet. Zum Beispiel zu sagen: “Rauchen tötet, hör auf zu rauchen, dann bleibst du gesund”, ist kurzsichtig und führt nicht wirklich zum Erfolg, sondern eventuell zu einer Problemverschiebung und dem Auftreten eines anderen Symptoms oder einer anderen Krankheit, soweit überhaupt Symptome oder Krankheit vorliegen.
Viele Krankheiten entstehen aufgrund eines Konflikts bzw. sind Ausdruck eines Konflikts innerhalb einer Person, andere wiederum stehen in Wechselwirkung zur belebten Mitwelt (Mensch, Tier, Pflanze) oder zur toten Materie. So kann ein ungelöstes Problem zwischen zwei Personen auf Dauer dazu führen, dass eine von ihnen krank wird oder verunglückt oder gar beide. Auch ist es zum Beispiel von Bedeutung, wie und wo wir leben. Eine schlechte Behausung beeinträchtigt ebenso unsere Lebensqualität wie Armut, Angst und Lieblosigkeit.

Da wir mit der Mitwelt (Umwelt) in Wechselwirkung stehen, verändert der Zustand der Mitwelt uns und wir sie. Ein Beispiel: Ein gesunder Mensch kümmert sich darum, dass „seine“ Mitwelt gesund bleibt bzw. wieder gesundet. Eine vermüllte oder vergiftete Mitwelt macht uns auf Dauer krank.

Merke: Vor jeder Behandlung steht eine ausführliche, tiefgreifende Ursachenfindung, in der der Mensch (das Lebewesen) in seiner Komplexität der Wechselwirkungen von Psyche (Gemüt), Soma (Körper) und Mitwelt (lebendige und nicht-lebendige Faktoren) gesehen und verstanden wird. Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Wir werden nicht deshalb krank, weil Viren und/oder Bakterien mit uns in Kontakt kommen bzw. gekommen sind. Eine diesbezügliche (körperliche) Reaktion ist nicht zwingend Zeichen einer Krankheit, sondern in vielen Fällen „nur“ Ausdruck einer Schutzreaktion, die in der Regel ein bis zwei Wochen andauert.

von Raimar Ocken

Wenn wir Menschen auf die Welt kommen sind wir “unfertige Wesen”. Wir können uns nicht alleine am Leben erhalten, nicht fortbewegen und uns nicht schützen durch Flucht oder Kampf. Wir müssen Stand halten bis uns unsere Kräfte verlassen und sterben.

Letztlich sind es vier Grundbedürfnisse, die uns durch Leben führen und deren Qualität der Befriedigung die Qualität unseres Lebens ausmachen. Wir wollen … Ich schreibe hier “wollen”, weil es ein Grundbedürfnis gibt, das allen Lebewesen innewohnt: Wachstum. Es ist uns ein Bedürfnis zu wachsen.

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