Diese Welt ist dabei, sich selbst zu vernichten, und nur die Erschaffung einer anderen Welt kann diesen Kurs umkehren. Glücklicherweise ist eine andere Welt immer noch möglich, auch wenn die Chancen, sie zu erreichen, mit bedrohlicher Geschwindigkeit abnehmen.

Diese Welt befindet sich schon seit langem auf einem langsamen Kurs in Richtung Selbstvernichtung, aber es gab Wendepunkte, an denen der Kurs der Zerstörung beschleunigt wurde. Einer davon ist ein Tag, der sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, und auch in das anderer Menschen meiner Generation: der 6. August 1945. An diesem Tag befand ich mich zufällig als Betreuer in einem Sommerlager. Am Morgen verkündete der Lautsprecher, dass die Vereinigten Staaten Hiroshima mit einer Atombombe zerstört hatten. Es wurde gejubelt und alle gingen fröhlich zu ihrer nächsten Aktivität, Schwimmen, Baseball, was auch immer. Etwas später konnte ich einige Zeitungen lesen und stellte fest, dass die allgemeine Reaktion ähnlich war: Man jubelte, dass der Krieg vorbei war, und machte dann weiter wie bisher.

Das war eine doppelte Lektion. Die erste Lektion war, dass die menschliche Intelligenz in all ihrer Herrlichkeit Mittel zur Selbstvernichtung entwickelt hatte; die zweite, dass die menschliche Intelligenz nicht die moralische Fähigkeit entwickelt hatte, zu begreifen, was sie tut, und ihren Todeswunsch zu kontrollieren. Um genau zu sein, geht es nicht nur um die Vernichtung unserer eigenen Spezies, sondern auch darum, einen Großteil des Lebens mit uns zu vernichten. Die menschliche Intelligenz hatte diese Stufe noch nicht ganz erreicht, aber es war offensichtlich, dass sie es bald tun würde, und das tat sie auch. Als die Vereinigten Staaten und dann die Sowjetunion 1953 thermonukleare Waffen zündeten [Wasserstoffbomben], die alles zerstören konnten, war das eine große Leistung.

Lassen wir diese Einschränkungen beiseite und kehren wir zur wesentlichen Lektion zurück: Die technische und wissenschaftliche Intelligenz des Menschen übertraf die menschliche moralische Intelligenz bei weitem. Die Fähigkeit zu zerstören ist nicht mit der Fähigkeit gleichzusetzen zu verstehen, was wir tun, und den Kurs zu ändern. Diejenigen, die eine große Ähnlichkeit zu heute sehen, irren sich nicht. Es gab einige, die verstanden, was wir taten, und die die Notwendigkeit eines Kurswechsels erkannten. Dazu gehörten die Wissenschaftler, die das Bulletin der Atomwissenschaftler schufen und die berühmte Weltuntergangsuhr. Der Zeiger zeigte eine bestimmte Entfernung zu Mitternacht an – Mitternacht bedeutet das Ende des menschlichen Experiments auf der Erde – die Uhr ist eine Art Maß für die Kluft zwischen technischer und moralischer Intelligenz.

Die Uhr wurde zum ersten Mal 1947 gestellt. Im Jahr 1953 mit der Explosion von Wasserstoffbomben auf sieben Minuten vor Mitternacht. Seitdem wurde der Minutenzeiger auf zwei Minuten vor Mitternacht vorverlegt. Er schwankte aufgrund von Analysen der Weltlage. Er erreichte erst wieder zwei Minuten im letzten Jahr der Amtszeit von Donald Trump. Die Analysten gaben die Minutenmessung auf und gingen zu den Sekunden über. 100 Sekunden vor Mitternacht, da steht die Uhr jetzt. Im nächsten Januar wird sie neu gestellt, und es würde mich nicht wundern, wenn sie sich dem Ende nähert.

1945 wusste man noch nicht, dass ein weiterer Wendepunkt bevorsteht, die Vergiftung der Atmosphäre und eine neue geologische Epoche, die Geologen als Anthropozän bezeichnen, eine Epoche, in der menschliche Aktivitäten das globale Klima radikal beeinflussen, und zwar nicht zu seinem Vorteil. Nun, ich füge eine weitere persönliche Einstellung hinzu. Wie ernst die Sache ist, erfuhr ich vor 50 Jahren, als ich in einer einzigen Woche Anrufe von zwei Freunden erhielt. Der eine war der Lehrstuhlinhaber für Geowissenschaften in Harvard,

der andere war der Leiter der Meteorologie am MIT. Beide informierten mich über neue Beweise, dass es soeben den Anschein hatte, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre stark ansteigt und wir auf eine Katastrophe zusteuern. Nun, wie wir alle wissen, war diese Schreckensnachricht auch den Führungskräften der Unternehmen für fossile Brennstoffe gut bekannt. Ihre Wissenschaftler waren in der Tat federführend bei der Erforschung dieser Dinge und der Aufdeckung der düsteren Folgen. Die Reaktion der Führungskräfte bestand darin, die Zerstörung zu beschleunigen und jede Gefahr auszuschalten, dass die Bevölkerung ihr düsteres Schicksal verstehen könnte.

Einige dieser Schritte zur Vernichtung sind nicht so bekannt, wie sie sein sollten. Sie sind lehrreich. Ein wichtiger Fall ist das, was mit der republikanischen Partei geschah, die bald die Macht in den Vereinigten Staaten übernehmen wird, so scheint es, vielleicht praktisch für immer, da sie ganz offen versucht, die amerikanische Demokratie zu untergraben. Die Partei ist zu 100 Prozent der Verweigerer einer Sache von außerordentlicher Bedeutung. Das war nicht immer der Fall, und der Übergang sagt uns etwas über die Institutionen, die die Menschen aufgebaut haben, und über die Herausforderungen, die sie für das Überleben darstellen.

Erinnern wir uns an das Wahljahr 2008: Der republikanische Präsidentschaftskandidat war John McCain. Er hatte eine Klimaflanke in seinem Programm, nicht sehr viel, aber immerhin. Auch die republikanischen Gesetzgeber begannen, ähnliche Bemühungen in Betracht zu ziehen. Als das riesige Energiekonglomerat der Gebrüder Koch davon Wind bekam, wurden sie sofort aktiv. Seit Jahren hatten sie hart daran gearbeitet, dass die Republikaner die freie Nutzung fossiler Brennstoffe voll und ganz unterstützten, und sie würden diese Abweichung von der Unterordnung unter ihre Interessen nicht dulden. Sie starteten einen riesigen Moloch zur Bestechung des Kongresses, drohten mit massiver Lobbyarbeit und täuschten Bürgerinitiativen vor. Kein Stein, der nicht umgedreht wurde. In kürzester Zeit kapitulierten alle republikanischen Spitzenkandidaten bei den letzten republikanischen Vorwahlen im Jahr 2016. Jeder Kandidat hat entweder geleugnet, dass es eine globale Erwärmung gibt, oder gesagt, dass sie vielleicht stattfindet, wir aber nichts dagegen unternehmen werden. Der Sieger Donald Trump setzte alles daran, die Nutzung fossiler Brennstoffe zu maximieren, einschließlich der zerstörerischsten von ihnen, und Vorschriften abzubauen, die die Umwelt schützen könnten. Natürlich hat er sich auch aus den internationalen Bemühungen zur Bewältigung der Krise zurückgezogen.

Donald Trump gehört die Partei, die sehr wahrscheinlich wieder die totale Kontrolle über die Regierung erlangen wird. Dies ist nicht Andorra, dies ist die Regierung des mächtigsten Landes der Menschheitsgeschichte, und das ist kein Witz für unsere traurige Welt. Nun, eine Auswirkung des Verrats der Führung ist, dass unter den Republikanern und denen, die den Republikanern zuneigen, nur 20 Prozent der globalen Erwärmung oberste Priorität einräumen. Es ist nur das kritischste Problem, mit dem die Menschheit je konfrontiert war, zusammen mit dem Atomkrieg, also warum sollte man sich darum kümmern. Das sagen uns unsere Politiker und ihre Medien-Echokammer, und tatsächlich ist die globale Erwärmung in den letzten Jahren zusammen mit einem dritten Faktor in die Einstellung der Weltuntergangsuhr eingeflossen, nämlich der Verschlechterung des Bereichs des rationalen Diskurses, der die einzige Hoffnung bietet, der Katastrophe zu entkommen.

Das Beispiel der Unternehmen für fossile Brennstoffe mag irreführend sein. Sie folgen einfach den normalen kapitalistischen Prinzipien, Prinzipien, die Adam Smith vor 250 Jahren beschrieben hat. Er wies darauf hin, dass die Herren der Menschheit – er meinte die Kaufleute und Fabrikanten Englands England -, die Herren der Menschheit, schon immer der abscheulichen Maxime folgten: alles für sich selbst und nichts für andere. Die Herren verfolgen diese Maxime nicht, weil sie besonders böse sind. Es ist ein institutioneller Imperativ: Diejenigen, die die Maxime nicht befolgen, werden verdrängt durch diejenigen, die sie befolgen. Das ist das Wesen des unregulierten Marktes, der ein Todesurteil für die menschliche Spezies und auch für die Kollateralschäden unter dem übrigen Leben auf der Erde ist. Unkontrollierte Märkte sind auch aus anderen Gründen ein Todesurteil, auf das bereits vor über einem Jahrhundert der große politische Ökonome Thurstein Viblin hinwies; nämlich, dass Erfolg auf dem Markt die Erzeugung von Bedürfnissen voraussetzt, die den Konsum ankurbeln, der den Planeten und in der Tat auch ein menschenwürdiges Leben vernichtet. Es gibt also bessere Möglichkeiten, seine Zeit zu verbringen, als sich in einem endlosen Stau zu ärgern. Und riesige Industrien sind damit beschäftigt, uns zu einem solchen Lebensstil zu bewegen. Nicht einer besseren Welt, die möglich wäre, mit Institutionen, die sich den menschlichen Bedürfnissen widmen, anstatt dem privaten Profit und der Zerstörung der Umwelt, die das Leben erhält.

Wir haben es hier also mit der menschlichen Intelligenz zu tun. Sie hat sich wirksame Mittel zur Selbstvernichtung ausgedacht und spielt ständig mit deren Einsatz. Im Moment hat sie auch soziale Institutionen entwickelt, die ein Todesurteil sind, und es ist ihr bisher nicht gelungen, die gähnende Lücke zwischen der Fähigkeit zur Zerstörung und der Fähigkeit zur Schaffung dieser anderen Welt, die möglich ist, zu schließen. Und hier kommt das Weltsozialforum ins Spiel. Seine Aufgabe ist es, diese Lücke zu schließen, denn wir wissen, was getan werden muss. Wir wissen, wie wir die Welt zumindest von Atomwaffen befreien können, das Rüstungskontrollregime, das die republikanische Partei seit 20 Jahren demontiert hat, wieder aufzubauen und dieses Regime zur Beseitigung dieser Geißel voranzutreiben.

Wir wissen, wie man das macht. Es gibt auch detaillierte, durchaus machbare Vorschläge, wie man die Klimakrise überwinden und zu einem viel besseren Leben übergehen kann. Es gibt sogar eine Resolution im US-Kongress, die von Alexandria Ocasio-Cortez gesponsert wurde, einer jungen Abgeordneten, die auf der Bernie-Sanders-Welle ins Amt gehievt wurde, zusammen mit Ed Markey, einem erfahrenen Senator, der sich seit langem um die Umweltzerstörung sorgt. Die Entschließung ist lesenswert. Sie beschreibt in allen Einzelheiten einen vernünftigen und realisierbaren Ansatz zur Beendigung der Krise und zur Eröffnung des Weges zu einer viel lebenswerteren Welt. Es ist nicht das einzige derartige Programm, das Sie bei der Internationalen Energieagentur lesen können, die sich auf die Energiekonzerne stützt, denn mehrere Wirtschaftswissenschaftler, darunter mein Kollege Robert Holland, haben detaillierte Vorschläge ausgearbeitet, die alle ziemlich ähnlich sind. Sie können jetzt schon im Kongress umgesetzt werden. Es ist nur eine Resolution, aber mit genügend intensiven Bemühungen der Bevölkerung könnten sie zu Gesetzen werden und in Kraft treten. Dasselbe gilt auch für andere Länder. Das Fenster der Gelegenheit ist kurz und schließt sich, aber es ist noch da. Die Umwandlung tödlicher gesellschaftlicher Institutionen ist eine größere Herausforderung, aber auch eine, die mit engagierten Bemühungen bewältigt werden kann. Wir wissen also, wie es geht, aber ist es auch zu schaffen? Die Antwort liegt in Ihren Händen und in den Händen von Menschen wie Ihnen.

Wir könnten diese Frage in einen breiteren Kontext stellen. Ich nehme an, dass Sie alle mit dem berühmten Paradoxon der Physiker Aaron und Enrico Fermi vertraut sind, hervorragende Astrophysiker, die wussten, dass es in Reichweite der Erde eine riesige Anzahl von Planeten gibt, die die Bedingungen für Leben und höhere Intelligenz aufweisen, aber trotz eifrigster Suche können wir keine Spur von ihrer Existenz finden. Wo sind sie also? Nun, eine Antwort, die ernsthaft vorgeschlagen wurde und nicht von der Hand zu weisen ist, lautet, dass sich eine höhere Intelligenz tatsächlich unzählige Male entwickelt hat, aber sie hat sich als tödlich erwiesen. Sie hat die Mittel zur Selbstvernichtung entdeckt, aber nicht die moralische Fähigkeit entwickelt, sie zu verhindern. Das ist eine Möglichkeit, die man im Moment sicher nicht gut ignorieren kann. Vielleicht ist es sogar eine inhärente Eigenschaft dessen, was wir höhere Intelligenz nennen. Wir führen jetzt ein Experiment durch, um herauszufinden, ob dieses düstere Prinzip auf den modernen Menschen, also uns, zutrifft. Wir sind vor zwei- oder dreihunderttausend Jahren auf der Erde angekommen. Das ist ein Wimpernschlag in der evolutionären Zeit. Es bleibt nicht viel Zeit, um die Antwort zu finden, genauer gesagt, um die Antwort zu bestimmen. Das werden wir so oder so tun, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Die Herausforderung ist einzigartig in der Geschichte der Menschheit. Sie wird sich jetzt stellen, denn wir sind nicht dazu verdammt, alle auf einmal zu sterben, sondern zu einer Welt, in der diejenigen, die sterben, die Glücklichen sein werden. Die Lösungen warten auf uns, warten darauf, dass wir die Lücke zwischen unserer Fähigkeit zu zerstören und unserem Willen, eine bessere Welt zu schaffen, die möglich ist, schließen. Das ist die Herausforderung. Wir können ihr nicht ausweichen.

(https://www.youtube.com/watch?v=UYDkmZAbTx0)

Wer ist Noam Chomsky? →  https://de.wikipedia.org/wiki/Noam_Chomsky

 

Rezension von Bobby Langer

Es ist wohl kein Zufall, dass im Buchtitel das Wort „Einsamkeit“ von den beiden Wörtern „Natur“ und „Glück“ eingerahmt ist. Protagonistin dieser authentischen und sehr persönlichen, ja gelegentlich intimen Erzählung ist die Autorin selbst. Als Tochter eines Schweizer Berggängers und Bergfexes ist ihr der Aufenthalt in der freien Natur eine Selbstverständlichkeit; so gut wie jedes Wochenende verbrachte sie mit ihrer Familie in den Bergen. Lange Wanderungen, auch über Hunderte, ja Tausende von Kilometern bringen sie nicht zur Erschöpfung. Im Gegenteil: Fern des städtischen Getriebes, fern der Zivilisation sucht und findet sie immer wieder aufs Neue Glück im Herzen der Einsamkeit. Weiterlesen

Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen

Rezension von Bobby Langer

Worum geht es eigentlich? Ich spreche weder von Corona, noch vom Ukrainekrieg, noch von der Klimakrise. Ja, kann man von etwas anderem sprechen? Gibt es etwas Wichtigeres? Ja, nämlich die Ursache für Corona, für den Krieg und die Klimakrise. Wenn es so eine Ursache gäbe, wäre sie es nicht wert, beseitigt zu werden? Prio eins sozusagen? Genau darum geht es in Fabian Scheidlers Buch „Der Stoff, aus dem wir sind“.

Es geht buchstäblich um das „alles oder nichts“. Es geht um „die Ursprünge jener Illusion der Trennung, die tief in der westlichen Zivilisation verankert ist“, es geht um „Auswege aus der gegenwärtigen zivilisatorischen Sackgasse“. Und weil Scheidler durch und durch Journalist ist, kann man dieses Buch auch lesen, ohne Sekundärliteratur zu studieren oder nach fünf Seiten einzuschlafen. Das liest sich dann zum Beispiel so: „Wenn ich einen Apfel esse, dann verwandelt mein Stoffwechsel ihn nicht nur in neues Leber- und Hautgewebe, sondern auch in Gedanken, Träume und Empfindungen. Der Apfel verbrennt zu Geist, zu Gefühl. Was ist das für eine seltsame Substanz, die zugleich Stoff und Nichtstoff, Innen- und Außenwelt, tot und lebendig ist?“ Weiterlesen

50 Tipps, wie Sie einsteigen, mitmachen und helfen können

Eine Rezension von Bobby Langer

Wer sich auch nur ein bisschen mit der Klimakrise auseinandersetzt, kann angesichts der monumentalen Probleme leicht den Mut verlieren. Also schnell den Teppich anheben und das Problem drunterschieben? Mit Gerd Pfitzenmaiers Mut machendem Handbuch kann jeder ohne Umschweife zum Aktivisten werden. Man spürt, dass sich der Autor seit Jahrzehnten damit befasst, komplexe Mitweltthemen für ein breites Publikum verständlich aufzubereiten.

Mut machend ist das Buch auf zweierlei Weise: Weiterlesen

Das Paradies ist der Ort, den wir gerne erreichen würden. Aber er liegt hinter uns, unerreichbar verschollen in der Vergangenheit. Erst allmählich dämmert uns, dass es nicht nur der Apfel war, weshalb wir von dort vertrieben wurden. Und je mehr wir das verstehen und verinnerlichen, desto mächtiger baut sich ein neuer Sehnsuchtsort auf, ein Ort, an dem wir sein können, ohne haben zu müssen, an dem wir nicht an Geld oder Leistung gemessen werden, an dem wir zu Hause sein und uns geborgen fühlen können; und der dennoch ein moderner Ort ist. Weiterlesen

Buchbesprechung von Sten Linnander

Ich dachte, ich wüsste mehr oder weniger Bescheid über die Probleme auf Erden, vom Klimawandel bis zu den ökologischen Schäden in der Landwirtschaft, über Mikroplastik in den Weltmeeren, Luftverschmutzung, Fischfangmethoden und Greenwashing und über die ökologischen und menschlichen Sünden des patriarchalen Kapitalismus. Von wegen.

Ich habe Hunderte von Weckrufen gelesen, aber keinen, der mich annähernd so getroffen hat wie diejenigen in diesem Buch. So wie die Erde eine Einheit ist, so ist dieses Buch so etwas wie eine sehr sorgfältig recherchierte Gesamtdiagnose dieser Einheit. Obwohl mir viele Detailfakten neu waren, war es die Gesamtschau, die mich wachrüttelte.

Wir sind eine Spezies, die dabei ist, ihre lebendige Heimat so weit zu zerstören, dass ihr Überleben, wie das ihrer pflanzlichen und tierischen Mitbewohner, real bedroht ist. Wer die gefährlichen Konsequenzen seines Handelns erkennt und dennoch leugnet, und sein Handeln nicht ändert, ist psychisch krank.

Die Analyse in diesem Buch ist glasklar und hundertfach belegt, und zeigt auch auf, was getan werden muss. Heute können wir nicht sagen: „Wir haben es nicht gewusst.“ Die notwendige Umkehr ist tiefgreifend und fängt mit einer neuen Denkweise an. Heute ist es nicht so sehr eine Frage der Überwindung des individuellen Egoismus, sondern des Egoismus der gesamten Menschheit, der sich in einer anthropozentrischen Sichtweise äußert, sodass der Autor sie als die Hauptursache für den globalen ökologischen Zusammenbruch sieht.

Dazu kommt, dass die Wirtschaft oft versucht, von ihrer Verantwortung abzulenken, indem sie auf das Verhalten der Einzelnen hinweist: Privatautos und Urlaubsflüge. Obwohl dies wichtig ist, lenkt sie dabei bewusst „von den gewaltigen Veränderungen ab, die die Industriegesellschaft als Ganzes und insbesondere die ölbasierte Agrarindustrie vornehmen müssen“. Und „Zu lange war das Wirtschaftsmodell des Kapitalismus die Wachstumsökonomie [… ], ein kollektiver Wahn, der den Menschen von der Natur entkoppelt sieht“.

Nach jedem Kapitel über die Herausforderungen, die uns bevorstehen bzw. schon ins Haus stehen, gibt es Vorschläge, was der Einzelne tun kann. Zu seinen ausgezeichneten Vorschlägen möchte ich einen Vorschlag dazufügen, der eine gleich große Wirkung haben könnte: Verbreiten Sie dieses Buch! – an Familie, Freunde und Bekannte und, wenn Sie können, werden Sie aktiv, damit das Buch in den Gremien gelesen wird, die (noch) das Sagen hier auf Erden haben. Es sollte Pflichtlektüre in den oberen Schulklassen oder im ersten Uni-Jahr, in den Parteien, in den Firmen und in jeder Familie sein, damit wir klar wissen, womit wir alle gemeinsam konfrontiert sind.

Abschließend möchte ich betonen, dass trotz der vielen Probleme, die das Buch aufzeigt, es doch ein sehr positives Buch ist, und man spürt die Liebe des Autors zu dem Planeten, zur Natur und zu den Menschen. Das merkt man an Zitaten wie: „Die menschliche Spezies könnte ein Segen für diese Erde sein.“

Fred Hageneder, Nur die eine Erde – Globaler Zusammenbruch oder globale Heilung – unsere Wahl. Verlag Neue Erde (2021), 376 S., 22 Euro, ISBN 978-3-89060-796-2,Inhaltsverzeichnis

Rezension von „Das Gottesmädchen“

Um es gleich vorweg zu sagen: Männer spielen in dem Roman von Ismael Wetzky keine herausragende Rolle. In den Hauptrollen sind Gisele, eine Philosophiestudentin, und ihre ultrasexy Freundin Chloë, beide definitiv U30. Noch jünger ist nur noch Gott bzw. ihre Erscheinungsform. Gott tritt nämlich in Gestalt eines jungen Mädchens von elf, zwölf Jahren auf.

Damit nicht genug der Überraschungen in diesem Roman. Die Sprache auf den rund 400 Seiten ist so jung – und gekonnt jung – wie die Protagonistinnen. Man begrüßt sich lässig mit „Hi!“, findet Dinge „abgefahren“, „ultraspannend“ oder „echt mega“, und dass Modeschimpfwörter wie „Fuck“ etc. fallen, stört nicht, sondern passt. Tatsächlich gelingt es Ismael Wetzky, seine Mädels in einer Jugend-Kunstsprache reden zu lassen, die überzeugend ist, in keiner Weise aufgesetzt wirkt und auch für ältere Semester wie den Rezensenten gut und amüsant lesbar ist. Fiktion und Realität mischen sich, etwa, wenn echt funktionierende Links in den Text eingefügt sind. Weiterlesen

„Spüren was ist“ – Rezension von Bobby Langer

Mit Messern sollte man vorsichtig umgehen, sie am Griff anpacken und nicht an der Schneide. Lässt sich dieser Satz auf Bücher übertragen? Im Endeffekt ja. Was ich damit meine?

Manche Bücher sind harmlos wie stumpfe Messer. In so ein Buch kann ich mich hineinwerfen und das Buch lässt das mit sich geschehen, weil es genau diesen Typ von Leser will. Dann zieht es mich am Handlungsstrang bis ans Ende, an dem ich aufatmen kann: „Ah, das war also der Mörder!“ Oder: „Ja, so ist das Leben.“ So zu lesen ist ein bisschen wie Sex ohne Zuneigung.

Bei anderen Büchern empfiehlt sich eine vorsichtige Herangehensweise. Man nähert sich ihnen am besten an, indem man sich in ihren Sinn und ihre Aussagen hineintastet, hineinspürt. Man macht dem Buch gewissermaßen den Hof, bis es einen erhört – oder abweist. Lese ich so, dann lasse ich die ersten Sätze und Seiten in mich einfließen, ohne sie zu bewerten und schaue, was sie in mir bewirken, was mit mir geschieht. Und wenn alles gut geht, dann werde ich getragen, statt fortgerissen.

Marc Seegers Buch „Spüren was ist – Die Symmetrie des Lebens“ gehört zur zweiten Kategorie. Und das, obwohl es ein Ratgeber ist. Man könnte es auch als ein Lehrbuch der Achtsamkeit verstehen. Denn „spüren“ ist der Kernbegriff, um den es hier geht. Spüren verstanden als „achtsam sein in Bezug auf etwas“, „Bewusstheit für etwas entwickeln“, also zum Beispiel sein Herz spüren, seinen Atem spüren, oder, schon komplizierter, sein Bewusstsein spüren, seinen Willen, sein Innen und Außen. Dabei knüpft Seeger an den Satz von Saint-Exuperys Kleinen Prinzen an: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

1001 Gedanken wirbeln in diesem Buch durcheinander, werden in Verbindung gebracht, wieder aufgelöst, neu verknüpft; eine Denk- und Spüranregung ersten Ranges. Übungen erleichtern die teils sehr theoretischen Zugänge und öffnen Türen ins eigene Selbst. „Ziel ist es“, so schreibt Marc Seeger, „zu spüren, was ist. Um dahin zu kommen, um ins Spüren zukommen, ist es hilfreich, die eigene Lebenswelt und die verschiedenen Kräfte zu betrachten. Das Spüren ermöglicht es, in ein Gleichgewicht zu kommen und in der eigenen Mitte zu sein.“ Und: „Spüren bringt uns wieder in unseren Rhythmus, den wir an den Takt von Maschinen und Technik verloren haben.“ Dazu gehört auch ein fruchtbarer Umgang mit der eigenen Intuition.

In vielen spirituellen Ratgebern wird zu einem achtsamen Leben aufgefordert. Die Antwort darauf, wie man da hinkommt, bleiben sie oft schuldig. Anders in „Spüren was ist“. Hier werden die nahezu unbegrenzten Dimensionen achtsamen Lebens sehr detailliert beschrieben und jeweils mit Übungen vertieft: „Sich spüren – Alles oder Nichts“, „Gefühle spüren – Unsere Realität“, „Zwischenmenschliches Erspüren – Der Raum entsteht“, „Mitwelt – Die Dimension von Natur und Umwelt“, „Unsere Gegenwart – Die zeitliche Dimension“.

Um nicht im Ungefähren hängen zu bleiben, liefert Marc Seeger mit Hilfe der Blume des Lebens verschiedene Musteransätze, mit denen sich die Verwobenheit von Wirklichkeit und Innenwelt in ihren verschiedensten Aspekten erschließen lässt. Beispiele zeigen, wie man damit umgehen könnte, und unbeschriftete Modelle lassen sich individuell ausfüllen. Letztlich geht es wieder und wieder darum, „sich in der Mitte zwischen den Kräften einzufinden“, sich nicht in Polaritäten zu verlieren, in der Symmetrie des Lebens die Gegensätze aufzulösen.

Das dem Buch angefügte Glossar ist, anders als gewohnt, kein Anhängsel, sondern liefert ganz eigene, oft erstaunliche Anregung, um ins Spüren zu kommen; zum Beispiel das scheinbar so banale Stichwort „Boden“. Ihm kann man sich neu und achtsam nähern mit folgenden Fragen des Autors:

  • Wie nehme ich Böden und den Untergrund, auf dem ich gehe, wahr?
  • Welche Beläge/Untergründe kenne ich? Welche sind natürlich, welche künstlich? Wie wurden die künstlichen hergestellt? Welcher Aufwand ist damit verbunden?
  • Auf welchen bin ich schon barfuß gelaufen?
  • Welche Unterschiede nehme ich wahr?
  • Wie ist mein Gang auf den Böden (vielleicht sicher, fest, locker, weich …)?
  • Nehme ich wahr, dass ich mich auf der ERDE bewege, die sich im Universum befindet?
  • Welchen Kontakt habe ich zu Mutter Erde? Bin ich dankbar dafür, mit auf Mutter Erde zu bewegen? Kann ich ihre Energie aufnehmen und sie durch die Füße in den ganzen Körper verteilen?
  • Welche Unterschiede bemerke ich, wenn ich Energie in der Stadt oder im Wald aufnehme?S

Eine Warnung sei allerdings ausgesprochen: Wer überhaupt keinen Draht zu esoterischen Denkansätzen hat oder sich von Denkmustern wie Feinstofflichkeit, Aura oder Chakra sogar abgestoßen fühlt, sollte von diesem Buch die Finger lassen. Ein Beispiel: „Die Seele kommt auf die Erde, um dazuzulernen, aber auch um das Ursprüngliche zu erhalten und zu bewahren. Da uns das abhandengekommen ist, sind viele Seelen damit beschäftigt, andere Seelen … an ihre Aufgabe zu erinnern.“ Voraussetzung für eine sinnvolle Nutzung des Buches „ist die Bereitschaft, Neues zuzulassen, sich Neuem hinzuwenden und Bekanntes infrage zu stellen“.

Marc Seeger, Spüren was ist. Die Symmetrie des Lebens. Tredition Verlag. ISBN 978-3-347-20955-8 (28,99 €, Hardcover) oder ISBN 978-3-347-20954-1 (19,99 €, Softcover). Am besten zu bestellen direkt beim Autor: marc.seeger@email.de.

Ein Interviewbuch gewährt persönliche Einsichten in innere Verarbeitungs­prozesse von Papst Franziskus. #0000ff;">Peter Schönhöffers Rezension des gleichnamigen Buches von Papst Franziskus

Wut ist die Frequenz, durch die wir am zuverlässigsten wissen: So bin ich gedacht! Und wenn Sie beim Lesen eines Buches – noch dazu das eines Papstes – so gar keinen Anflug von Wut kommen spüren? Dann ahnen Sie: Da muss etwas Außergewöhnliches unterwegs sein.

Denn eine Hauptbotschaft des zu Zeiten des Lockdowns 2020 auf nimmermüdes Betreiben eines schottischen Journalisten und Kirchengeschichtlers, der schon zwei weitere Bücher zu dem argen­tinischen Papst vorgelegt hat, entstandenen Bandes lautet: Das sich zu eigen machen und freigiebig verströmen des Elementaren im Glauben geschieht entweder mühelos und mit einer gewissen Leichtigkeit – oder es verpufft, weil es eben nicht wirklich durchdringend erfolgt, mit halber Kraft, mit zu wenig Durchsäuerungsambitionen und Freude. So wie die Fülle des Universums in uns einströmt, unseren Atem bildet und uns die Möglichkeit zu innerer Raumbildung und einem Leben im Rhythmus des eigenen Herzens gibt, um ganz bei uns selbst anzukommen. Wenn etwas von diesem zärtlichen Gott Jesu Christi, der dem Papst vom Ende der Welt so nah vor Augen ist, einfließt und uns zum Strahlen bringt, werden wir wie von selbst immer offener und empfänglicher werden. Unsere Kanäle reinigen sich und wie durch Geisteskraft strömt es zurück vom Innen ins Außen der geschundenen Welt. Diese natürlich angelegten, aber in unserem kulturell-zivilisatorischen Zustand so nachhaltig zurück­gebildeten Regungen der Seele zurückzugewinnen liegt an, wenn wir uns am Beispiel von Papst Franziskus ein Vorbild nehmen wollen beim Kampf um die erneuerungsbereite Rückgewinnung so vieler Menschenfischer, so vieler Arten, so vieler Gemütszustände, so vieler Querverbindungen.

Das zentrale Geschehen, auf das es dabei ankommt, ist vergleichbar mit einer Blume, die ihren Duft verströmt; erst einmal ganz gleichgültig davon, ob jemand sich dafür interessiert, dies für eigene Zwecke instrumentalisiert oder sie für einen Augenblick für sich alleine duftet. Beim strömungsvollen  Lesen der 190 Interviewseiten erreicht die aufmerksame Hörerin des Wortes immer wieder eine Einladung, umsonst und in Leichtigkeit auf eine mystische Weise einszuwerden mit der allum­fassenden Liebe Gottes, die uns in so vielen Weisen entgegenkommt: Ohne sie aber ist all unser Tun und Lassen nichts. Welche stillbewegte Ekstase, welch bevorstehender Ausbruch eines kosmische Weiten durchmessenden Energiestoßes für Gerechtigkeit und Frieden in einer noch halbwegs integren Schöpfung.

Eine Spur nüchterner gesprochen: Das Buch ist gedacht als Krisenintervention. (WT 70, 127) Und multiple Krisen haben wir nach wie vor nur allzu viele um uns und in uns, wie der Weltkirchenrat auch in den letzten Jahren nicht müde geworden ist, unbequem ins Gedächtnis zu rufen – welche die die deutsche Kirchenwirklichkeit sich allerdings zunehmend selbst noch verschärft hat. So dass nicht wenige schon taub, körperlich oder seelisch missbraucht oder traumatisiert geworden sind, andere mit Helfersyndrom, Harmoniesucht oder Verschwörungs­erzählungen unterwegs sind; jedenfalls abseits von der ebenso treffsicher berufenden wie fordernden und zärtlich nachgehenden Liebe des Vaters, auf die hier so nachdrücklich eingeschworen wird. „In einer Krise wie der Samariter zu handeln bedeutet, sich von dem, was ich sehe, berühren zu lassen, wissen, dass (erst, P.S.) das Leiden mich verändern wird… Wir Christen nennen das, das Kreuz aufnehmen und annehmen. Das Kreuz anzunehmen in der Zuversicht, dass das Kommende neues Leben sein wird, gibt uns den Mut, das Wehklagen und den Blick zurück aufzugeben. So können wir aufbrechen, anderen dienen und so Veränderung geschehen lassen, die nur durch Mitgefühl und Dienst am Menschen entstehen kann.“ (WT, 10; ähnlich WT 61) „Die Krise deckt unsere Verwund­barkeit auf, sie legt die falschen Sicher­heiten bloß, auf denen wir unser Leben aufgebaut haben.“ (WT 40f.) Damit ist der Grundton gesetzt.

Und der muss immerhin hindurchtragen durch so manche tief reichenden Abgründe und weitgehend einsozialisierten Abstumpfungen. „Die wachsende verbale Gewalt reflektiert die Fragilität des Selbst, einen Verlust der Wurzeln. Sicherheit wird gefun­den in der Abwertung anderer durch Narrative, die uns das Gefühl der Rechtschaffenheit geben und uns Gründe liefern, andere zum Schweigen zu bringen“ (WT 100). Fortan werden Bruchstück­haftig­keit und Gnade umkreist, zuweilen beinahe meditiert und beim Verfassen der Gedanken ge­knetet und dabei nimmermüde neu intoniert inmitten von kaum mehr vermeidbar ausstehenden gewal­tigen sozialen Explosionen (WT 61-64), dem Fehlen ehrlichen Dialogs in unserer öffentlichen Kultur und einer darauffolgenden Lähmung durch Pola­risierung (WT 100f), der nötigen Kritik gegen­über den herrschenden Medienkulturen (WT 33f), Klerikalismus-Irrwegen (WT 37), Auf­lösungs­erschei­nungen im Volk Gottes (WT 126) und kulturellen Erschöpfungszuständen (WT 166). Hilfreich auf dem der­gestalt eingeschlagenen Weg wird vor allem seine ausgesprochen metaphern­reich, weis­heitlich und  volksnah vorgetragene, häufig biblisch unter­legte theologische Sicht auf den Menschen („Der Teufel lockt nicht mit Lügen. Oft funktioniert eine Halbwahrheit oder eine Wahrheit, die von ihrer spiri­tu­ellen Grundlage abgetrennt wurde, viel besser“ WT 96) und recht zu verstehende Inkultur­ations­bemühungen (WT 100), die stets beziehungs­reiche Anklänge an das in Europa bislang wenig ver­standene, jedoch beharrlich von ihm favorisierte latein­amerikanisch eingefärbte Projekt einer Humanökologie aufweisen. „Für eine echte Geschichte braucht es Erinnerung und das verlangt von uns, dass wir die gegangenen Wege anerkennen, auch wenn sie beschämend sind.“ (WT 41)

In Absetzung zur biblischen Jona-Gestalt gelte es dann jedoch nicht, mit dem Stacheldraht seiner Über­zeugungen einen Zaun um seine Seele zu errichten und die Welt damit in Gut und Böse zu unter­teilen; (ebd.) ebenso wenig als Katholiken mit abgeschotteten Geisteshaltungen unter dem Banner von Restauration oder Reform dahinzueilen, die aus seinem Blickwinkel beide nie Mangel daran haben, ihre schwache und sündige Kirche zu kritisieren, offenbar aber nur selten den realen dornenreichen Weg mit den nie ganz reinen Menschen, Bewusstseins­zuständen und Kirchenleuten gehen wollen (WT 91-96). Dabei käme es doch heute entscheidend auf die Haltung des Kümmerns und Aufrichtens mit ganzem Einsatz und ohne jegliche Anflüge von Heldentum, Purismus oder Selbstüberschätzung ein. Im wirklichen Leben – so wird konstatiert – sei Gnade genauso im Überfluss vorhanden wie Sünde und Versuchung. (WT 95) Es bestehe eine große Gefahr darin, sich an die Schuld anderer zu erinnern und dadurch die eigene Unschuld zu verkünden. (WT 42) Welch eine beseligend-freisetzende Kraft spricht aus solchen Hin­weisen! Indes seien wir dem allen gegenüber dann doch auch wieder eingeladen, herauszutreten und Teil von etwas Größerem zu werden, das wir indes niemals alleine werden schaffen können.

Worauf also zielt dies alles bzw. wo und wie sucht es sich zu bewähren?

Theologisch – und hierbei gut ignatianisch – geht es ihm darum, starres Denken zu überwinden (WT 87), um inmitten der Vielfach-Krisen wieder wach zu werden, stets die größere Ehre Gottes zu suchen bzw. in den Mittelpunkt kirchlichen Handelns und menschlichen Suchens zu rücken. Hans Waldenfels und Magdalena Holztrattner haben früh darauf aufmerksam gemacht, dass Papst Franzis­kus die Überzeugung vorantreibe, dass eine Religion ohne Mystiker und ohne Nähe zu den Armen zu einer Philosophie werde, echtes mystisches Dasein aber damit beginne, sich als Sünder zu erkennen, den der Herr angeschaut habe. Ein Gebet, das nicht zur konkreten Aktion zugunsten des armen, kranken und hilfs­bedürftigen Bruders/Schwester führe, der/die in Schwierigkeiten ist, bleibe steril und unvoll­ständig.[2] „Das Über­fließen der göttlichen Liebe geschieht vor allen an den Scheidewegen des Lebens, den Momenten der Offenheit, der Schwäche und Demut, wenn der Ozean seiner Liebe die Dämme unserer Selbstgenügsamkeit sprengt und so eine neue Vorstellung des Möglichen erlaubt.“ (WT 106). „Indem Jesus sich mit Zöllnern und Frauen mit schlechtem Ruf umgab, entriss er die Reli­gion der Gefangenschaft in den Begrenzungen der Elite, des Spezialwissens und der privilegierten Fa­mi­lien, um jeden Menschen und jede Situation gottesfähig zu machen.“ (WT 158) Ganz in diesem Sinn werden Exerzitien als geistlich fruchtbare Rückzugsorte vor der Tyrannei des Dringlichen em­pfohlen. (WT 69) Ein besonderer Akzent wird auf den geistlichen Prozess des ökologischen Erwach­ens gelegt, zu dem die Schriften des ökumenischen Patriarchen Bartholomaios besonders hilfreich seien. „So ist mein ökologisches Bewusstsein entstanden. Ich sah, dass es von Gott kam, denn es war eine spiri­tuelle Erfahrung, sowie der hlg. Ignatius als Tropfen auf einen Schwamm beschreibt: sanft, still, aber eindringlich.“ (WT 45) Im Weiteren gilt: Ohne den heiligen Geist, die Praxis kirchlicher Syno­­dalität und weltlicher Mediation in Freimut und Wirklichkeitsverwandlung sowie das Hören darauf, wie Gott durch die Nichtgläubigen Zeichen und Wunder tue, werde nichts vorangehen. (WT 107ff)

In die Kirche hinein gesprochen steht an: „Genau hier wurde die Kirche geboren, an den Rändern des Kreuzes, wo so viele Gekreuzigte zu finden sind. Wenn die Kirche die Armen verleugnet, hört sie auf, die Kirche Jesu zu sein; sie fällt zurück in die alte Versuchung, eine moralische oder intellektuelle Elite zu werden. Es gibt nur ein Wort für die Kirche, die den Armen fremd wird: ‚Skandal‘. Der Weg an die geographischen und existenziellen Ränder ist der Weg der Menschwerdung: Gott wählte die Peripherie als den Ort, um in Jesus sein Heilshandeln in der Geschichte zu offenbaren.“ (WT 154) Und mit dem Blick von dort aus ist zu erkennen, dass Volksbewegungen als die wahren Sozialpoeten unserer Zeit mit dem Geist Gottes zu begleiten und zu inspirieren seien. (WT 154-160) „Jedes dieser Völker erfährt die Gaben Gottes ent­sprechend seiner eigenen Kultur, und in jedem von ihnen drückt die Kirche ihre wahre Katholizität aus, die Schönheit ihrer vielen verschiedenen Gesichter. (WT 108)

In die vorwiegend in falsch verstandenem Ökonomismus verwaltete und als götzendienerisches Wirtschaftssystem beherrschte Welt hinein den kirchlichen Sendungsauftrag zu verkörpern, bedeute dann immer auch die offene Bereitschaft zu „denuncio“ und „annuncio“, ignatianisch gesprochen die Unterscheidung der Geister: „Der Laissez-faire- und marktzentrierte Ansatz verwechselt Zweck und Mittel … Am Ende können wir in den Irrglauben verfallen, dass alles, was für den Markt gut ist, auch für die Gesellschaft gut ist.“ (WT 140) Sich selbst überlassene Märkte neigten dazu, das Kapital zu einem Idol zu machen, aus dessen Versklavung kaum noch ein Weg herausführe, wenn die Armen erst einmal ausgeschlossen, Steuerparadiese und Offshore-Standorte geschaffen, der Planet ge­fährdet, Gewinne der Aktionäre auf Kosten der Kunden etabliert und die Menschen in eine heillose Konkurrenz aller gegen alle gesetzt seien. (WT 141f)

„Könnte es sein, dass es in dieser Krise die Perspektive der Frauen ist, die die Welt in dieser Zeit braucht, um sich den kommenden Herausforderungen zu stellen? … Ich denke da vor allem an Wirt­schafts­wissenschaftlerinnen, deren frisches Denken besonders relevant in dieser Krise ist. (Es geht ihnen um, P.S.) eine Wirtschaft, die nicht nur auf Wohlstand und Profit aus ist, sondern die fragt, wie die Wirtschaft so gestaltet werden kann, dass sie Menschen hilft, an der Gesellschaft teilzuhaben und zu gedeihen. Ihr Aufruf zu einer grundsätzlichen Revision der Modelle, die wir nutzen, um die Wirtschaft zu organisieren, erhält derzeit viel Aufmerksamkeit… Dabei will ich sie nicht alle über denselben Kamm scheren, nur weil sie alle Frauen sind… Mariana Mazzucatos Buch „Wie kommt der Wert in die Welt hat mich sehr beeindruckt…. Oder ich denke an Kate Raworth.. die von der Donut-Ökonomie spricht: wie eine distributive, regenerative Wirtschaft geschaffen werden kann…“ (WT 84f)

Für sehr viele unter uns aber gibt es gerade heute noch einmal viel zu lernen von seinem grund­legenden, von seinem theologischen Lehrer Juan Luis Scannone stammenden Unterton einer „Theo­logie des Volkes“: „Die Kirche erleuchtet mit dem Licht des Evangeliums und erweckt die Völker zu ihrer eigenen Würde, aber es ist das Volk, das den Instinkt dafür hat, sich selbst zu organisieren.“ (WT 155). „Zu oft haben wir die Gesellschaft als eine Untergruppe der Wirtschaft und die Demokratie als eine Funktion des Marktes verstanden… in die Richtung anderer Arten von Werten, die uns alle retten: Gemeinschaft, Natur und sinnvolle Arbeit… In ähnlicher Weise brauchen wir eine Vision von Politik, die… zu einer Kultivierung von Tugend und zu Formen neuer Bindungen fähig ist… das meint Politiker mit einem weiteren Horizont, die dem Volk neue Wege eröffnen können, sich zu organisieren und auszudrücken. Es meint Politiker, die dem Volk dienen, anstatt sich seiner zu bedienen.“ (WT 143f, ähnlich WT 156)) – da wären wir wieder ganz nahe an einem ganz besonders beharrlichen Stachel des Meisters aus Nazareth angekommen. (Mk 10,43)

Lic. Theol. Peter Schönhöffer M.A.

[1]  Papst Franziskus, Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise. Im Gespräch mit Austen Ivereigh, Kösel Verlag, ISBN 978-3-466-37272-0
[2] Hans Waldenfels, Sein Name ist Franziskus. Der Papst der Armen, Paderborn 2014, 38-44. Magdalena Holz­trattner, Man muss den Spieß umdrehen. Franziskus stellt die Armen in die Mitte, in: dies: (Hg.), Innovation Armut. Wohin führt Papst Franziskus die Kirche? 2013, 63-72.

Rezension von Lic. Theol. Peter Schönhöffer M.A. (Ingelheim)

Ein waschechter Narzisst, der erfolgsverwöhnt und doch leidenschaftlich-umtriebig aus der Perspek­tive eines kritischen Hedonismus schreibt… so gar nichts für mich an und für sich. Und doch sei die Lektüre, die sich wie in einem Sog lesen lässt, tatsächlich für Herz und Verstand, Eros und Logos empfohlen. Hier meldet sich eine fein ausbalancierte Stimme, hinter der im wahrsten Sinne des Wortes ein mit vielen post­modernen Wassern gewaschener Lebenscoach zu erspüren ist – und der – wenn man sich am narziss­tischen Stallgeruch nicht stört, eine Menge zu sagen hat, was viele tiefreichend angeht.

Wir stehen wohl gesellschaftsgeschichtlich gesehen tatsächlich an einem Punkt, den Heike Pourian von „sensing the change“ nüchtern so bezeichnet: „Lange konnten wir den Schmerz nicht erkennen, den wir mit unserer Zivilisation verursacht haben. Nun beginnen wir, das wahrnehmen zu können.“ Wenn dem so sein sollte, dann ist dieses Buch indes wie eine immerfort Nachdenkenswertes hervorsprudelnde Quelle auf dem Weg dorthin. Es schaut sich den Zusammenhang von Depression und fehlender Sakralität an, geht (ganz der Hedonist!) auf eine „postreligiöse Spiritualität“ zu, entwickelt einige in der Tat beeindruckende Facetten davon, lädt das „Schwert der Klarheit ein“, bleibt nicht bei Halbheiten stehen und ruft voller Glauben an deren Veränderungsfähigkeit alle aktiven Männer und Frauen als ekstatische Wesen, die sie sind, in einer geradezu mitreißenden Weise dazu auf, nicht länger weit unter ihren Potenzialitäten zu verbleiben; selbst wenn das 10.000 Jahre aus uns lastende Patriarchat noch tief in uns sitzt und seine Nachwirkungen uns nicht einfachhin freigeben werden.

Auf diesem Weg lockt er sogar achtungsvoll den Wert alter Traditionen in neuem Gewand hervor und nimmt sich neben einer zuweilen tiefreichenden Kritik an zu kurz greifendem Feminismus und Konflikten aus dem Weg gehender psychospiritueller Szene auch die Zeit, auf eine sensible Weise, taugliche männliche Vorbilder zu zeichnen, die „nicht im Vorgarten der neuen Heiligtümer sitzen bleiben“ werden. So enthält das in kürzester Zeit bereits in dritter Auflage erscheinende Werk eine wertvolle Fülle an sehr lebens­praktisch evoziertem „Zukunftswissen“, immer wieder herausfordernd-zupackende rhetorisch ange­schärfte Passagen, eine kristallklare Sprache und einen spannungsvollen Erkenntnisweg. Selbst ohne in einem tie­feren Sinn wissenschaftlich fundiert daherzukommen, kann man ganz offensichtlich eine Menge aufregen­den Erkenntnis­gewinn gebären und Stoff zur weiteren Auseinandersetzung bieten, der an vielen Stellen ge­radezu weisheitliche Qualitäten erreicht und Leser, Leserin und LGBTQI+-community stets nicht so einfach davonkommen lässt.