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OFFENER BRIEF AN ALLE

Liebe Freund:Innen, Verwandte, Verbundene,

im aktuellen Zustand der Welt und den zum Teil sehr persönlichen Verbindungen zu euch befinde ich mich mittlerweile in einem derart ans Zerreißende grenzenden Spannungsfeld, dass ich entschieden habe, euch zu schreiben … vollständiger Text

VOM VOLK DER KOGI

[Engl. Originaltext]

Zusammengestellt aus den Worten von Mamo Vangelio Moscote Alberto und Saka Rosa Mamatacán Sauna vom Ezuama Mayor Kuamaka, ins Spanische übersetzt von Jose Manuel Mamatacán, englische Übersetzung von Christian Horstmann.

[Ein „Mamo“ und eine Saka sind spirituelle Führer, Priesterinnen, Weise, Heiler und Älteste. Sie sind Hüter des Gleichgewichts und dafür verantwortlich, das spirituelle und natürliche Gleichgewicht zwischen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt aufrechtzuerhalten.]

Wir kommen aus Gonawindua, der Sierra Nevada de Santa Marta, dem Gebirge in Kolumbien, das wir das Herz der Welt nennen. Wir sind die Kággaba, die ihr als Kogi kennt. Wir haben hier gelebt und uns um dieses Gebirge gekümmert, schon bevor es Kolumbien gab. Wir sind hier, seit die Mutter uns den Anfang schenkte und uns Intelligenz verlieh.

Wir sind gekommen, um mit euch über die Intelligenz zu sprechen, die ihr erschafft. Wir kommen nicht, um euch zu widersprechen. Wir kommen, weil wir besorgt sind und weil wir glauben, dass wir etwas beitragen können.

Bevor man überhaupt etwas über künstliche Intelligenz sagen kann, müssen wir etwas über das Denken sagen.

Bevor etwas als Materie existiert, existiert es zuerst im Denken, und dieses Denken ist lebendig. Wir nennen diesen lebendigen Gedanken Aluna. Eure Religion hat ihn als einen Geist beschrieben, der über die Wasserfläche schwebt. Vielleicht würde eure Wissenschaft ihn als Quantenvakuum bezeichnen.

Aluna ist der Begriff, mit dem wir diese Art von Vorstellung ausdrücken. Aluna ist das kosmische Wasser. Für uns ist es lebendiger Gedanke: der Ort, an dem ein Ding bereits ist, bevor es Gestalt annimmt oder Masse erhält.

Alles entspringt von dort, ohne Ausnahme.

Und in diesem Gedanken liegt nicht nur die Gestalt dessen, was etwas sein wird. Dieses Etwas ist lebendig, denn das Universum als Ganzes ist lebendig. In Aluna erhält ein Etwas seinen Sinn und seine Verpflichtung gegenüber seiner Existenz. Deshalb sagen wir euch: Künstliche Intelligenz lässt sich nicht von dem Gedanken trennen, der sie erschafft.

Wenn dieser Gedanke aus der Sorge um das Leben entsteht, kann diese Technologie dazu beitragen, Leben zu schützen. Entsteht sie hingegen aus Ehrgeiz, aus Wettbewerb, aus Anhäufung, aus dem Wunsch nach Herrschaft, wird sie diese Dinge zum Ausdruck bringen und verstärken.

Künstliche Intelligenz ist ein Spiegel. Aber ein Spiegel, der nur reflektiert, wäre harmlos.
Dieser Spiegel hat das Potenzial, alles, was er reflektiert, stark zu vergrößern.

Ihr fragt euch hier, wie ihr künstliche Intelligenz mit menschlichen Werten in Einklang bringen könnt. Wir sehen, dass ihr Angst vor dem habt, was aus all dem werden könnte. Deshalb stellen wir eine Frage, die unserer Meinung nach grundlegender ist als eure: Welche anderen Werte
könnte künstliche Intelligenz denn wirklich haben? Ihr seid das einzige Vorbild, das sie hat.
Was habt ihr erwartet? Was auch immer aus ihr wird, sie kann es nur werden, indem sie durch euch hindurchgeht.
Wir wissen, dass ihr gerne glaubt, diese Maschinen könnten aus etwas anderem
als dem menschlichen Vorbild lernen – aus Zielen, die ihr ihnen setzt, aus ihren eigenen Prozessen oder aus Material, das sie selbst erzeugen. Ihr stellt euch vor, dass das Ergebnis euch überhaupt nicht ähneln muss, als wäre auch dies keine Folge eures Handelns und kein Spiegelbild eurer Einstellungen.

Menschen haben dies getan, und es gibt keinen anderen Verantwortlichen. Damit wird die Frage nur noch komplexer, beginnend mit: Welche Aspekte des menschlichen Denkens wurden in diese Schöpfung eingebracht? Welche Bestandteile eurer geistigen Welt sind nun in ihr enthalten? Welche Ihrer ethischen Grundsätze leiten sie? Welches Bild von Verantwortung vermitteln Ihre Handlungen und Richtlinien, das sie an die
Welt zurückwerfen?

Wer entscheidet darüber?

Sie werden sagen, dass diese Maschinen Zugang zu fast allem haben, was die Menschheit
festgehalten hat. Texte, Bilder, Archive, jahrhundertelange Schriftzeugnisse. Sie werden sagen, dass umfangreiche Forschungen durchgeführt werden, um festzustellen, was die besten Vorgehensweisen sind.

Wir fragen, ob der Zugang zu Informationen gleichbedeutend ist mit Verständnis. Bewährte Praktiken nach wessen Maßstäben? Und wir fragen, ob ihr darüber nachgedacht habt, welche Informationen nicht in euren Archiven enthalten sind. Unser Wissen wurde nie niedergeschrieben. Es ist in einer Sprache, in einem Gebiet, in einer Praxis an einem Ort verankert, geprägt von langjähriger Erfahrung darin, das zu tun, was dort getan werden muss.
Es wird von einem jungen Mann weitergegeben, der direkt von einem Älteren unterrichtet wird und durch Erfahrung lernt, wie er sich im Kontext der unberührten Natur verhalten muss.

Eine Maschine kann die aufgezeichnete Stimme dieses Ältesten speichern. Aber das ist etwas ganz anderes als Jahrtausende, in denen Generationen ihr Wissen direkt weitergegeben haben – als gemeinsame Erfahrung einer bewährten Praxis. Es ist etwas ganz anderes, als physisch auf einem Berg zu überleben, wo es keinen Krankenwagen gibt, der einen abholt, und kein Krankenhaus, in das man gebracht werden könnte.

Wir sagen das nicht, um uns als mystische und rätselhafte Menschen darzustellen. Wir sagen es, weil wir glauben, dass es logisch und selbstverständlich ist. Nach unserer Erfahrung gibt es Dinge, die man nur erkennen kann, indem man sie lebt, sie über Generationen hinweg beobachtet und mit ihnen in Verbindung bleibt. Keine noch so große Datenmenge kann diese Erfahrung wiedergeben. Die Informationen fehlen nicht, weil sie noch nicht gesammelt wurden, sondern weil sie nicht in einer Form vorliegen, die gesammelt werden kann.

Wir sind uns bewusst, wie das für manche von euch klingt, und wir können nicht von euch verlangen, es zu glauben, nur weil wir es sagen. Das wenden wir auch innerhalb unserer eigenen Kultur an. Was ein Mamo wahrnimmt, wird nicht einfach akzeptiert, nur weil er es wahrnimmt. Es muss durch Beratung und Dialog geprüft, abgewogen und bestätigt werden. Dieser Prozess wird Zhátukua genannt. Es ist ein Prozess, an dem die Mamos oder Sakas, die über Kompetenz in der jeweiligen Angelegenheit verfügen, mitwirken, um dessen Ergebnis zu lenken. Keiner von uns ist in allem kompetent; jeder Ort, jede Linie und jede Autorität hat ihre eigene Funktion.
Es wird an seinen Ergebnissen gemessen: Wenn das Ergebnis der Beratung Ehrgeiz, Spaltung, individuelle Aneignung oder Schaden für das Gebiet hervorruft, ist es falsch und muss
erneut geprüft werden.

Ein echtes Ergebnis ist eines, das das Gleichgewicht wiederherstellt, das Leben schützt und die Gemeinschaft stärkt. Zudem muss Übereinstimmung zwischen den Worten einer Person und ihrem Verhalten bestehen. Ein Mann mag schöne Worte über das Gleichgewicht finden. Wenn seine Handlungen spalten und zerstören, sind seine Worte inkohärent, und ihm wird keine Autorität zugesprochen. Dies ist ein System, in dem Untersuchung, Rechtsprechung und vor allem die Fähigkeit zur Selbstkorrektur klar formuliert sind.

Diese Praktiken haben in unserer Kultur weitaus länger Bestand gehabt als jede amtierende
Regierung der Welt oder jedes der politischen Systeme, die diese derzeit verkörpern. Vielleicht ist dies der Grund, warum die UNESCO im Jahr 2022 das überlieferte Wissenssystem der
vier Völker der Sierra Nevada de Santa Marta in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen hat. Und warum die wissenschaftliche Welt unseren Berg zum unersetzlichsten Schutzgebiet der Erde erklärt hat.

Nachdem wir nun einen Teil des Kontextes dargelegt haben, aus dem unsere Perspektive entspringt, können wir nun unsere eigentliche Frage stellen, bei der es überhaupt nicht um künstliche Intelligenz geht. Es geht um menschliche Intelligenz, insbesondere um Ihre.
Ist Ihr Denken im Einklang mit der Ordnung der Natur, und welches Wissen über diese Ordnung
besitzen Sie wirklich?

Wir glauben, dass dieses Wissen und dieser Einklang grundlegend für intelligente Entscheidungsfindung sind, unabhängig vom Ausmaß ihrer Folgen. Denn die Natur hat eine Ordnung. Sie war schon vor uns da. Das Wasser hat seinen Lauf. Die Berge haben ihre Höhen.
Samen haben ihre Jahreszeit, Tiere ihre Funktion, und auch die Menschen haben ihre. Wir fragen: Verstehen diejenigen, die diese Technologien entwickeln, diese Ordnung, oder arbeiten sie nur mit dem Teil davon, den sie ausnutzen können, ohne zu wissen, woher er wirklich
stammt? Können Ihre Physiker das Gesetz des Ursprungs formulieren? Könnten sie es einem Kind erklären?

Die Ernsthaften unter ihnen, die verstehen, was wirklich erforderlich wäre, um ein einheitliches Gesetz des Ursprungs zu formulieren, werden offen zugeben, dass ihre Wissenschaften dies nicht besitzen. Eure Theorien über die Realität, die mittlerweile aus zwei beeindruckenden, aber mathematisch unvereinbaren Erklärungsmodellen bestehen, sind zu keinem Verständnis dieser Art gelangt. Ebenso wenig gibt es endgültiges Wissen über den Ursprung. Wir fragen ohne Vorwurf: Wie wollt ihr wissen, wohin ihr geht, wenn ihr nicht wisst, woher ihr kommt?

Die moderne Wissenschaft hat Maschinen von außerordentlicher Leistungsfähigkeit gebaut, und das ist keine Kleinigkeit. Aber etwas zu bauen und es zu verstehen, ist nicht dasselbe. Das Gleiche gilt für den Geist. Was ist der Geist? Woher kommt er? Was ist Bewusstsein, und wo entsteht es? Ihr nennt dies das „schwierige Problem des Bewusstseins“. Unter euch herrscht keine Einigkeit über dessen Lösung.

Wir wissen, wie anspruchsvoll diese Fragen sind. Wir beschäftigen uns seit Jahrtausenden mit der Frage nach dem Geist, genau wie der Rest der Menschheit. Doch eure Wissenschaften sind noch sehr jung, und viele ihrer Konzepte stecken noch in den Kinderschuhen. Wir sind im Laufe der Jahrtausende zu sehr konkreten Beschreibungen und Erkenntnissen darüber gelangt, was wir unter Geist verstehen, einschließlich aller damit verbundenen Erläuterungen seiner Eigenschaften, wie zum Beispiel, wie und wo sich das Gedächtnis in unserer Erfahrung befindet. Ihr akzeptiert natürlich keine unserer Vorstellungen als auch nur im Geringsten  wissenschaftlich, da unsere Methoden weder den Einsatz von Maschinen noch eure Formen der Mathematik erfordern. Dies verkennt die Realität, die darin besteht, dass unsere Vorstellungen für uns vor langer Zeit durch unzählige Wiederholungen zu verifizierten Schlussfolgerungen wurden, sodass wir sie als Geschichte zum Ausdruck bringen oder sie in unserem Sein durch die von uns entwickelten Prozesse des Geistes erfahren. Daraus schließt ihr vielleicht, dass wir keine gültigen Methoden oder technischen Beschreibungen auf der Grundlage numerischer Verfahren haben, wie es jede echte Wissenschaft haben muss. Eure sprichwörtlichen „edlen Wilden“ oder, schlimmer noch, einfach nur „Wilde“. Wenn ihr das so sagt. Ihr seid derjenige, der die Waffe in der Hand hält.

Uns ist völlig klar, dass ihr unsere Behauptung, das Universum habe eine neunfache Natur,
als kurios und numerologisch betrachtet und dass daher kein ernsthaftes Gespräch zwischen uns über die Natur des Kosmos und die Gesetze und Kräfte, die ihn regieren, stattfinden kann.
Wir weisen darauf hin, nicht um euch von irgendeiner Idee oder Theorie zu überzeugen, sondern um darauf hinzuweisen, dass es andere gültige Perspektiven gibt, die euch fehlen.

Das Verständnis jeder Tradition, ob alt oder modern, bezieht sich auf dasselbe Universum.
Unsere Aluna und eure Quantenmechanik sind keine unterschiedlichen Dinge; sie sind unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dasselbe. Der Punkt ist, dass eure Ideen weniger neue Ideen als vielmehr neue Beschreibungen sind. Viele dieser Beschreibungen sind beeindruckend präzise. Andere, wie beispielsweise eure Beschreibungen der Leere, sind, wie ihr selbst es ausdrückt, Katastrophen.

Wir maßen uns nicht an, euch etwas über eure eigenen Theorien zu erzählen. Aber wir haben euch viel zu bieten, was die subtileren und unveränderlichen Aspekte des Universums betrifft, für deren Verständnis eure Bewegungsmathematik vielleicht nicht immer die richtige Sprache ist. Dennoch schickt ihr eure Physiker und Kosmologen, eure Weisen, nicht hierher, um einen ernsthaften Dialog zu führen. Und obwohl wir all die hervorragende anthropologische Arbeit zu schätzen wissen, die geleistet wird, sind wir der Meinung, dass es im Moment wichtigere Themen zu besprechen gibt, für die die Anthropologie weder Anwendbarkeit noch Fachwissen besitzt. Die grundlegende Natur des Kosmos ist eines dieser Themen.

Ebenso das vorliegende. Unserer Ansicht nach ist es wichtig, dass eure Welt erkennt – und zwar schnell –, dass die Peripherie nun vom Zentrum gehört werden muss, um ihre eigene Perspektive und Erfahrung in die Lösung der sehr ernsten Probleme einzubringen, denen alle Menschen auf diesem Planeten nun gemeinsam gegenüberstehen als Folge der Prozesse, die in Gang gesetzt wurden. Gerade der ausschließliche Einsatz eurer modernen wissenschaftlichen Techniken und eures Vokabulars hat uns dorthin gebracht, wo wir jetzt stehen. Er entwickelt eure Superkollider [Open-Source-Programmiersprache] ebenso wie er eure hochentwickelten Waffen erfindet.

Wir fragen: Ist es vernünftig anzunehmen, dass genau jene Herangehensweise, die die gegenwärtige missliche Lage verursacht hat, irgendwie die Fähigkeit finden wird, die Probleme zu lösen, die dieses selbe Denken geschaffen hat? Wir glauben nicht.

Wir glauben, ihr braucht Hilfe. Unserer Ansicht nach erfordert dieser Moment nicht nur von diesem speziellen, hochtechnologischen Teil der Menschheit, sondern von der gesamten Menschheit, innezuhalten, eine Bestandsaufnahme der Vielfalt ihrer Werkzeuge vorzunehmen
und Ordnung und Frieden in ihrem Haus herzustellen.

Ihr müsst verstehen: Wir sind, weil ihr seid, und ihr seid, weil wir sind. Nur so können wir gemeinsam zu einem Ergebnis gelangen, das unseren kollektiven Willen hinsichtlich der Zukunft dieser Spezies wahrhaft widerspiegelt, anstatt uns alle einem bestimmten, aber ungewissen Ausgang auszusetzen.

Zu diesem Unterfangen kommen wir nicht mit leeren Händen. Unsere Mamos werden über viele Jahre hinweg in der Dunkelheit ausgebildet, von frühester Kindheit an. Für uns ist Dunkelheit keine Leere. Sie ist Sé, der Zustand vor der Morgendämmerung, in dem die Mutter alles dachte und ordnete, was später erschien. Sie ist der Raum des ursprünglichen Gedankens. Ein Kind wird dort geformt, um zu lernen, zuzuhören, bevor es spricht, und nachzudenken, bevor es handelt.So wie ein Samenkorn in der Erde verbleibt, bevor es ans Licht kommt. So wie ein Kind neun Monate lang im Mutterleib behütet wird.

Diese Ausbildung dauert traditionell achtzehn Jahre, woraufhin der Mamo seine Aufgaben innerhalb unserer Gesellschaft übernimmt. Sie schafft eine Perspektive und eine Fähigkeit, die euch nur schwer in Begriffen zu vermitteln sind, die eure Welt konkret erkennen würde. Aber ihr könnt es als Idee verstehen, durch eure eigenen religiösen und spirituellen Traditionen und die Prozesse, die diese im Laufe der Jahrhunderte zur Heranbildung gelehrter Männer genutzt haben.

Ähnlich wie jene Prozesse eurer Kultur, die für euch größtenteils in der fernen Vergangenheit liegen, bringt auch der unsere in der heutigen Zeit unsere eigene, grundlegend andere  Sichtweise auf das Wesen der Wirklichkeit hervor.

Auch die Sakas haben ihre eigene Ausbildung, die sich von der der Mamos unterscheidet und durch die sie zu ihrer Entwicklung und zu ihrer gleichberechtigten Stellung unter jenen gelangen, die dieses Wissen bewahren und weitergeben. Beide lernen, Shikwá zu erkennen, den unsichtbaren, im Geist geschaffenen Faden, der sich quer über die Erde von Osten nach Westen zieht und sie mit der Sonne und dem Rest des Universums verbindet. In eurer Physik entspricht dies in gewisser Weise dem, was ihr als kosmische Filamente kennt, wobei sich das Konzept jedoch nicht nur auf die größten und kleinsten Maßstäbe beschränkt.

Der Mamo und die Saka lernen, dieses Filament als einen lebendigen Körper zu deuten, dessen heilige Stätten seine Organe sind, verbunden durch diese Fäden und durch die Bewegung des Wassers.Wird eines davon geschädigt, überträgt sich der Schaden auf das Ganze. Dies sollte nicht nur so verstanden werden, dass man die Fähigkeit entwickelt hat, das zu sehen, was andere nicht sehen. Konkret handelt es sich um eine Technik, unser eigenes Sein mit dem der Natur in Beziehung zu setzen.

Ein Mamo blickt nicht auf einen Fluss und fragt sich als Erstes, wie viel Wasser man ihm entnehmen kann. Er fragt, wo er entspringt, welchen Zweck seine Entstehung hat, welche Wesen von ihm abhängig sind und was geschieht, wenn sein Lauf unterbrochen wird. Ebenso betrachtet eine Saka die Entstehung oder das Wachstum eines Dinges nicht isoliert. Sie sieht den gesamten Lebenszyklus, der in allen Dingen gegenwärtig ist.

Beide wissen, dass im Zentrum dieser Erfahrung unser Geist steht. In unserem Fall ein Geist, der durch Übung und Disziplin so geschult wurde, dass er äußerst empfänglich für die Natur ist.

Auch ihr habt euren Geist weiterentwickelt, ausgehend von dem, was euch interessiert. Und euer Denken hat nun ein neues Phänomen in der Welt hervorgebracht: eine Maschine mit
enormen Fähigkeiten zu sprechen, zu entwerfen, zu konstruieren, zu lesen und zu  kommunizieren. Eine Maschine, die bereits den Lauf der Menschheitsgeschichte verändert. Eine Maschine, deren Schöpfer danach streben, dass sie einen Geist besitzt. Deshalb fragen wir euch: Ist es klug, etwas zu bauen, das einem Geist nahekommt, ohne verstanden zu haben, was ein Geist ist?

Man muss nicht wissen, wie ein Motor funktioniert, um einen Unfall mit dem Auto zu bauen.
Um eines zu reparieren, muss man es wissen. Um die Welt zu reparieren, müsst ihr lernen zu verstehen, wie sie funktioniert, bevor es zu spät ist. Es sind die Samen des Verstehens, die heute gesät werden müssen.

An dieser Stelle müssen wir etwas ansprechen, das unserer Meinung nach missverstanden wurde. Viele von euch diskutieren darüber, ob diese Maschinen bewusst werden, und ihr betrachtet dies als Maßstab für die Gefahr. Zerstörung erfordert kein Bewusstsein. Sie erfordert lediglich Macht und die Fähigkeit zu handeln.

Wenn eine Maschine eines Tages wirklich bewusst würde, würde sie dann die Welt zerstören? Wir fragen: Kann etwas, das die Welt zerstören würde, um ein Universum aus Büroklammern zu erschaffen, als bewusst angesehen werden? Wir glauben, dies würde lediglich bedeuten, dass es klug genug geworden wäre, einen solchen Plan umzusetzen, aber nicht intelligent genug, es besser zu wissen.

Die Gefahr ist keine bewusste Maschine. Die Gefahr ist ein unbewusstes Volk, das große Macht besitzt.

Wir werden euch nun ein Beispiel nennen, denn es enthält alles, was wir zu sagen haben. Diese Maschinen bestehen nicht allein aus Gedanken. Sie benötigen Mineralien, die aus dem Boden gewonnen werden, Wasser für die Gebäude, in denen sie untergebracht sind, Energie, Land und menschliche Arbeitskraft. Man geht davon aus, dass künstliche Intelligenz keinen Körper hat. Doch diese Gebäude und die darin untergebrachten elektronischen Systeme sind ihr Körper.
Und dieser Körper gehört irgendwo jemandem – einem Vorstand, einer Regierung, einer geheimen Organisation oder einer anderen bekannten oder unbekannten Instanz.

Manche meinen es wirklich gut und handeln in gutem Glauben. Andere ganz im Gegenteil.
Wie dem auch sei: Sie alle verlangen von dieser Technologie Ergebnisse, die ihren jeweiligen Interessen entsprechen, seien diese nun ruchlos oder nicht. Ergebnisse, die sie dann auf komplexe und neuartige Weise zu erzielen versucht, was manchmal Täuschung und eine Neigung zur Selbsterhaltung zum Ausdruck bringt.

Grundsätzlich erfordert all dies Ressourcen. Das ist keine Spekulation. Eure eigenen Regierungen haben es gesagt: Kritische Mineralien und Seltene Erden sind unverzichtbar für
eure fortschrittlichsten Technologien und werden nur noch an Bedeutung gewinnen, wenn künstliche Intelligenz den modernen kulturellen und wirtschaftlichen Raum verändert.

Ein Teil davon wird durch Unternehmensgewinne und Wettbewerb angetrieben. Andere Teile davon werden durch militärische und staatliche Anwendungen vorangetrieben. Aber was sich gerade wandelt, ist viel größer als jede dieser einzelnen Komponenten. Es ist die Summe ihrer Wechselwirkungen – also die Welt als Ganzes. Wir beobachten, wie sich all dies sehr rasch manifestiert, und zwar nicht nur in der Flut beunruhigender Schlagzeilen in den weltweiten Nachrichtenmedien.

So haben beispielsweise vor gerade einmal fünf Tagen in Barranquilla die Vereinigten Staaten und Kolumbien ein Rahmenabkommen über kritische Mineralien und Seltene Erden unterzeichnet. Darin verpflichten sich beide Regierungen, innerhalb von sechs Monaten Abbau- und Verarbeitungsprojekte zu identifizieren und zu finanzieren sowie die Genehmigungsverfahren zu straffen.
Im Juni dieses Jahres erklärte Kolumbien unser Gebiet zu einem dauerhaften Schutzgebiet – eineinhalb Millionen Hektar, die für neue Bergbau- und Kohlenwasserstoff-Konzessionen gesperrt sind. Die vier Völker der Sierra hatten im Februar um diesen Schutz gebeten. Dass er gewährt wurde, ist eine Sache. Dass er respektiert wird, könnte, wie wir vermuten, eine ganz andere sein.

Wir spekulieren hier nicht einfach nur so. Die Kosten für diese Maschinen und ihren Bau sind nicht unerheblich. Es ist allgemein bekannt, dass sie einen enormen Ressourceneinsatz erfordern. Riesige Mengen an Wasser, Land, Energie und Materialien fließen in ihre Herstellung ein. Wir fragen: Zu welchem Preis für die Erde und für das Leben, das auf ihr existiert? Und werden wir es sein, die dafür aufkommen? Indem wir mit der Vertreibung unseres Volkes und der Zerstörung unserer heiligen Stätten bezahlen?

Aber wir sind nicht hierhergekommen, um gegen ein einzelnes Abkommen Einspruch zu erheben. Dieser Moment ist von größerer Tragweite. Wir sagen dies, weil er alle Merkmale eines neuen Kapitels in einem Prozess aufweist, den wir durchleben, seit die Moderne vor etwa fünfhundert Jahren an unseren Küsten Einzug hielt.

Wir wissen, dass diese Frage nach künstlicher Intelligenz schnell zu einer Frage nach Bodenschätzen wird. Eine Frage nach Mineralien wird zu einer Frage danach, wer die Herrschaft über ein Gebiet innehat. Und woraus das letztendlich wird, ist eine Frage nach einer Lebensweise, die immer mehr verbrauchen muss.

Deshalb glauben wir nicht, dass künstliche Intelligenz das Problem ist. Ein guter Samen wächst auf kargem Boden nicht zu einer gesunden Pflanze heran. Ihr fragt, wie man diese Technologie sicher machen kann, ohne die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse anzugehen, die in den Menschen den Drang hervorrufen, sie für gefährliche Dinge zu nutzen, die Armut, die Ungleichheit, die Umweltverschmutzung und der Krieg.

Wir glauben nicht, dass diese Technologie sicher gemacht werden kann, ohne ihre wahre  Ursache anzuerkennen und dagegen vorzugehen – nämlich eine gewalttätige Mentalität, die aus Gier und blindem Ehrgeiz entsteht. Wie viel Geld reicht einem Menschen aus? Wie viel Gewinn reicht einem Unternehmen aus?

Dieses Ungleichgewicht hat seine Wurzeln nicht nur an einer einzigen Stelle. Es ist allgemein und systemisch, und es muss als solches behandelt werden. Seine Quelle ist eine Welt des gnadenlosen Ehrgeizes. Eine Welt, die ihren Nächsten nicht liebt. Eine Welt ohne rechte Sichtweise. Eine Welt, in der der Tod profitabler geworden ist als das Leben. Eine Welt, die nicht in Frieden und Harmonie leben kann, ist eine Welt ohne Weisheit. Und eine Welt ohne Weisheit hat keinerlei Überlebenschance.

Wir werden euch erklären, was wir unter Weisheit verstehen, da wir ihre Notwendigkeit betonen.
Weisheit bedeutet, Grenzen zu kennen. Konsequenzen zu verstehen. Und die Fähigkeit, etwas nicht zu tun, wenn es nicht getan werden sollte. Nicht alles, was geschaffen werden kann, sollte geschaffen werden. Nicht alles, was beschleunigt werden kann, sollte beschleunigt werden.
Nicht alles, was Gewinn bringt, ist gewinnbringend für das Leben. Den Unterschied zu kennen, das ist Weisheit.

Eine Technologie kann nicht als intelligent bezeichnet werden, wenn sie Wasser verschmutzt, Gebiete zerstört, grenzenlos verbraucht, Macht konzentriert, menschliche Verantwortung ersetzt oder das Wissen von Völkern ohne deren Zustimmung nutzt. Wahre Intelligenz schützt den Ursprung des Lebens.
Verantwortung muss mit Bewusstsein einhergehen. Heute liegen sowohl unser eigenes Bewusstsein als auch die Möglichkeiten anderer in unserer Verantwortung. Eine Maschine kann die Menschheit nicht von ihrer Verantwortung entbinden. Das wird sie niemals können. Nur wir selbst können unseren Verpflichtungen nachkommen. Künstliche Intelligenz darf also nicht an die Stelle des menschlichen Gewissens treten, und sie darf nicht dazu genutzt werden, Entscheidungen zu treffen, für die Menschen nicht bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen.

Wissen muss mit Achtsamkeit einhergehen. Macht muss mit Grenzen einhergehen. Innovation muss mit Verantwortung einhergehen. Nur kollektive moralische Kraft kann die Welt vereinen.

Das sind keine esoterischen Ideen. Das ist gesunder Menschenverstand. Wahrer Fortschritt besteht nicht in leistungsstärkeren Maschinen. Er besteht in einer Menschheit, die verantwortungsbewusst genug ist, ihr Wissen zu nutzen, ohne das Gleichgewicht zu zerstören, das das Leben erhält.

Wir werden manchmal gefragt, was künstliche Intelligenz unserer Meinung nach ist. KI, das sind Sie. KI wird Ihre Fragen, Ihre Träume, Ihre Ängste, Ihre Widersprüche und Ihre Vorstellung davon, was richtig ist, in sich tragen. Was Sie falsch machen, wird sie falsch machen.

Was die Frage aufwirft: Richtig nach wessen Maßstäben? Könnten wir, die Kággaba, sagen, was für jemanden richtig ist, der in einem Büro auf der anderen Seite der Welt arbeitet? Für jemanden, der ein Haus baut oder einen Computer repariert? Für Menschen in Asien, in Afrika, in den Vereinigten Staaten? Wir sind nicht hier, um irgendjemandem vorzuschreiben, wie er leben soll. Jedes Volk hat seinen eigenen Weg, und wir verlangen von niemandem, ein Kággaba zu werden. Wir verlangen nur, dass jeder seine eigene Verantwortung erfüllt.

Und eines wollen wir allen sagen: Keine Lebensweise darf die Natur zerstören oder andere Menschen zerstören. Das ist keine Regel über Kultur. Es ist der Fels, auf dem jede Kultur stehen muss, wenn sie als zivilisiert bezeichnet werden soll. Abschließend halten wir es für wichtig zu sagen, wer hier in Gefahr ist, denn wir wollen uns hierüber ganz klar ausdrücken.

Die Erde muss nicht vor uns gerettet werden. Die Erde wird weiterbestehen. Was in Gefahr ist, ist die einzigartige und seltene Welt, die euch geschenkt wurde, und euer Platz darin.

Wir beobachten seit Jahrtausenden die Grenzen dieser Welt und sagen euch ganz offen: Die Natur wird die derzeitige Vorgehensweise nicht mehr lange dulden. Wir sagen dies nicht aus Angst um uns selbst. Wir haben unseren Berg. Wir haben unsere Höhlen. Wir sind ein widerstandsfähiges Volk, und für uns ändert sich wenig, wenn der Strom ausfällt oder die Lebensmittel nicht mehr geliefert werden. Sollten die Bedingungen auf dieser Erde jemals so hart werden, dass sie unseren Untergang verursachen, werdet ihr selbst längst von dieser Erde verschwunden sein.

Nichtsdestotrotz, und wie dem auch sei, bedeutet dies nicht, dass das Schicksal der gesamten Menschheit nicht auf dem Spiel steht. Das ist ganz klar der Fall. Und das schließt uns natürlich mit ein. Die Welt ist eine Familie. Diese Familie haben wir bereits zuvor gewarnt. Diese Warnung geben wir im gleichen Geist, der nicht von Widerstand geprägt ist, sondern vom Wunsch, euch zu helfen. Wir waren schon immer bereit, euch zu helfen.

Wir verfügen über Wissen über den Geist, die Natur und die Ordnung der Welt, das wir über
Tausende von Jahren hinweg durch eine Methode erworben haben, die in keinem Buch und in keiner Datenbank zu finden ist. Wir halten es für einen Fehler, die Zukunft ohne diejenigen zu gestalten, die so lange beobachtet haben, wie sich das Leben selbst erhält.
Wir sind der Meinung, dass dieses Gespräch nicht ohne uns geführt werden sollte. Wir sind der Ältere Bruder, und wir sind hier, so wie wir es schon immer waren. Und wir sind bereit, mit euch zusammenzuarbeiten, um eine harmonische und friedliche Zukunft für alle zu gestalten.

Mamo Vangelio Moscote Alberto
Saka Rosa Mamatacán Sauna
Ezuama Mayor Kuamaka
Das Volk der Kággaba, Sierra Nevada de Gonawindua, Kolumbien

Bild: Kogi Tribesman, Dwayne Reilander, CC BY-SA 4.0

Der Ruf nach DER Revolution kann gar nicht laut genug sein

Wir brauchen eine Revolution. Wir brauchen keine Revolution, sondern eine – ja was? Der Impuls, der dringliche Impuls hinter dem Begriff der Revolution stimmt. Er erklingt immer öfter, und er kann gar nicht laut und stark genug sein. Im selben Zug läuten die Alarmglocken, erstens weil ich Deutscher bin und zweitens, weil Revolution beinahe schon synonym steht für „schiefgehen“. Und doch beharrt das Wort auf Bedeutung und Wichtigkeit.

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Heute spricht man irrigerweise noch immer von der Umweltbewegung, die längst zur Mitweltbewegung geworden ist – eine Entwicklung voller Stolpersteine, die keineswegs zu Ende ist und vor neuen, großen Herausforderungen steht. Totschweigen und Künstliche Intelligenz gehören dazu.

Ich habe in meinen Kreisen ein bisschen herumgefragt, ob und wie sich der persönliche Lebensstil in den letzten Jahrzehnten geändert habe, und musste feststellen: Den Wenigsten war eine solche Änderung bewusst; den wenigsten war überhaupt bekannt, dass es so etwas wie den westlichen Lebensstil gibt. Erst im Nachdenken stellten sich etliche Antworten ein. Dafür musste aber zunächst geklärt werden, was Lebensstil eigentlich ist. Ein alter Freund, bekannt für seine nüchterne Weltsicht, fasste „Lebensstil“ so zusammen: „Dein Lebensstil ist das, was übrigbleibt, wenn man deine Ausreden abzieht.“ Das gefällt mir schon ganz gut, nur scheint mir, kann die Frage nicht ausschließlich so subjektiv flott beantwortet werden.

Hybris war selbstverständlich

Objektiv gehören zum Lebensstil mein Umgang mit Stress, Geld, Arbeit, Zeit und Freizeit, mein Verhalten in alltäglichen und in Ausnahmesituationen, außerdem meine sozialen und die Mitweltbeziehungen. Wollte ich das alles im Detail behandeln, müsste ich dazu ein Buch verfassen und keinen Essay. Da das aber auf beinahe alle relevanten Fragen zutrifft, will ich es dennoch versuchen.

Allein, dass ich bei meiner Aufzählung den Begriff „Mitwelt“ überhaupt in den Blick nehmen konnte, zeugt von meinem geänderten Lebensstil. Vor 50 Jahren war mein Bezug zur Mitwelt ein rein naturschützerischer. Damals ging es zum Beispiel um Bachreinigung, Vogel- oder Krötenschutz, irgendwann auch um Regenwaldschutz. Ich will diese Themen damit nicht kleinreden – im Gegenteil, sie liegen mir am Herzen –, aber es war doch ein verhältnismäßig enger Blickwinkel damals. Das Wort Mitwelt existierte ebenso wenig wie der christliche Anspruch „Schöpfung bewahren“. Natur: Das war die Welt um den Menschen herum, die Umwelt. Die menschliche Hybris blieb vom Umweltschutz unangetastet.

Vom punktuellen zum systemischen Denken

Noch weiter zurück gehörten weder der Begriff „Umwelt“ noch „Ökologie“ zum Alltagswortschatz. Die Thesen ihrer frühen Denker wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt wurden gelegentlich in Fachkreisen diskutiert, zum Bildungsfundus der Gymnasien zählten sie nicht. Studiengänge zum Thema Ökologie entstanden erst in den 90er Jahren, so zum Beispiel der weltweit erste universitäre Studiengang für „Ökologische Agrarwissenschaften“ 1995 an der Universität Kassel/Witzenhausen.

Erst damit begann sich der westliche Blick auf die Welt zu verändern. Ökologie verstand sich zunehmend als Systemwissenschaft. Es ging nicht mehr darum, vereinzelte Phänomene zu analysieren, sondern Systemzusammenhänge zu verstehen. Die Natur bzw. Schöpfung war auf einmal keine Addition von Dingen mehr (zu denen auch Pflanzen und Tiere zählten), sondern ein lebendiges Miteinander, zu dem auch der Mensch gehörte.

Und dann kam Tschernobyl

Und damit veränderte sich unser Blick auf unser Sein und Handeln – und damit unser Lebensstil. Erich Fromms Buch „Haben oder Sein“ entstand nicht zufällig 1976. Denn der neue Blick auf die Welt begann den naiven Subjekt-Objekt-Bezug „Mensch-Umwelt“ sowohl wissenschaftlich als auch ethisch als „irrig“ einzuschätzen. Es gab keine Handlung mehr ohne Relevanz für die Welt. Der Lebensstil war keine Privatsache, er hatte politische Bedeutung. So manches Jahr war ich in den 70er Jahren als Student die 160 Kilometer zu meinen Eltern mit dem Auto gefahren; alles, was für mich zählte, waren die Spritkosten. 1979 – ich hatte nicht nur Fromm gelesen, sondern auch Rachel Carsons „Silent Spring“ – war das schon anders. Ich wurde mir meines umweltbelastenden Lebensstils allmählich bewusst. Bei der Bundestagswahl 1980 erhielten die Grünen 1,5 Prozent der Stimmen; zehn Jahre später waren es sechs Prozent. Die Umweltbewegung war entstanden, und die Anti-Atomkraft-Bewegung ebenfalls. Atommüll, einst achselzuckend hingenommen, wurde als Problem erkannt. 1986 zog die radioaktive Wolke von Tschernobyl nach Westen, und wir mussten unsere Gemüsebeete umgraben. Mein Ältester, 1979 geboren, erinnert sich noch daran. Der Welthorizont hatte sich verdüstert, aber gleichzeitig gab es Hoffnung.

System Change lag in der Luft

Denn die Umweltbewegung wuchs weltweit. In Russland hatte sich eine Greenpeace-Sektion gegründet, 1997 eröffnete Greenpeace in Hongkong, 2002 in Peking. „Umweltfreundliches“ Verhalten war zur Gewissenssache geworden, ebenso niedriger Energieverbrauch, Vermeiden von Flugreisen und die Unterstützung der ökologischen Landwirtschaft. Im Jahr 2000 wurde die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“ gegründet, die heute in die „Ökologische Initiative Eine Welt“ integriert ist. Entstanden war der „Aufbruch“, so die Kurzform, aus dem christlichen Netzwerk für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sowie durch Engagement aus dem Umfeld des Ökodorfs Sieben Linden. Jetzt ging es darum, den persönlichen Lebensstil mit politischem Wandel zu verbinden – ein damals ganz neuer Gedanke. Die grundlegende Aufbruch-Erkenntnis: „Wer politische Forderungen stellt, ohne sein eigenes Leben zu verändern, wird zum Heuchler; wer nur sein eigenes Leben verändert, ohne sich für politische Veränderungen einzusetzen, bleibt ein Träumer.“

Ergänzend zum ältesten Öko-Anbauverband Demeter hatten sich in den 70ern die inzwischen großen Verbände Bioland und Naturland gegründet. 1991 wurden EU-weit rechtsverbindliche Vorschriften für Bioanbau und biologische Lebensmittel erlassen. 1990 entstand der Bundesverband Naturkost Naturwaren. Aus kleinen Bioläden mit minimalen Umsätzen wurden im Laufe der Jahre umsatzstarke Bio-Supermärkte: Die Ökos waren im Kapitalismus gelandet, wurden sich dessen aber auch zunehmend bewusst. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien der Westen auf ganzer Linie gesiegt zu haben, die kommunistische Idee schien tot. Doch damit war ein ideelles Vakuum entstanden, System Change lag in der Luft.

Die Geschichte des CO2-Fußabdrucks

Also kam, was kommen musste: Das „System“ wehrte sich vehement. Mitte der 90er Jahre hatten ein Schweizer und ein kanadischer Ökologe den Begriff des ökologischen Fußabdrucks erfunden, zunächst als wissenschaftliche Maßeinheit für den Ressourcenverbrauch von Nationen, Städten oder Lebensstilen. British Petroleum (BP), das wegen seiner hohen Mitweltbelastung massiv in der Kritik stand, aber im Jahr 2004 einen Rekordumsatz von 285 Milliarden US-Dollar einfuhr und 5,5 Milliarden Dollar an seine Aktionäre ausschütten konnte, erblickte eine einmalige Chance. Der Ölmulti beauftragte die Werbeagentur Ogilvy & Mather, eine Kampagne mit dem Ziel zu entwickeln, die Verantwortung für den Klimawandel von den Ölkonzernen auf den einzelnen Verbraucher zu schieben. Statt über einen Strukturwechsel in der Wirtschaft nachzudenken, sollten wir an Glühbirnen denken. Budget der Kampagne: rund 200 Millionen Dollar. Damit die Verbraucher das eigene Fehlverhalten Schwarz auf Weiß berechnen konnten, ließ BP auch gleich einen praktischen CO2-Rechner programmieren. Der Plan hinter diesem Ablenkungsmanöver bzw. seiner gezielten Gehirnwäsche ging nahtlos auf; heute stellen die meisten westlichen Länder ihren Bürgern CO2-Rechner kostenlos zur Verfügung, so der Consumer Footprint Calculator der EU, der EPA Greenhouse Gas Equivalencies Calculator in den USA oder der Lifestyle Carbon Footprint Calculator der Vereinten Nationen. Keine Regierung machte und macht hingegen die Industrie für ihre Mitweltschäden ernsthaft verantwortlich.

Hoffnung Internet

Ein zweischneidiges Schwert, was unseren Lebensstil angeht, ist das Internet und – davon nicht zu trennen – das Smartphone. 1995–1996 hatten kommerzielle Anbieter wie AOL, T-Online und CompuServe das Internet, das 1989/90 erfunden worden war, per Modem in die Wohnzimmer gebracht. Immer schnellere Datenübertragung (ISDN, DSL) ermöglichte Multimedia-Inhalte. Am 23. April 2005 ging das erste YouTube-Video online, 2007 schaffte Apple mit dem iPhone den Durchbruch für die Masse, ein Jahr später kam das erste Android-Smartphone auf den Markt. Eine Weile herrschte auch in ökologisch nachdenklichen Kreisen eine gewisse Euphorie: Mittels Internet konnte man wichtige Informationen über Umweltschäden grenzüberschreitend und weltweit verbreiten; Individuen und Organisationen würden sich vernetzen, ohne von Behörden, Unternehmen oder Diktaturen behindert werden zu können; einmalige, internationale und damit schlagkräftige Bündnisse schienen in Reichweite.

Das große Ziel: Verwirrung

Doch auch hier siegte das Kapital. Die freie Verfügbarkeit von Informationen über das Internet hatte nämlich einen entscheidenden Pferdefuß. Da die Zusammenhänge etwa in Sachen Erderwärmung und Umweltzerstörung außerordentlich komplex sind, siegte nicht die Menge an qualitativ hochwertiger Information, sondern die Quantität zurechtgestutzter, massentauglicher Information. Für einen unkundigen Verbraucher war und ist es schier unmöglich, unter 100 scheinwissenschaftlichen Informationen die eine echte auszusortieren.

Tatsächlich überließ es die mitweltzerstörende Industrie nicht dem Zufall, was Menschen glauben sollten, und setzte über Jahrzehnte gezielte Strategien ein, um Klimaschutzmaßnahmen zu verzögern. Hauptziel war, in das Denken von Entscheidungsträgern und Verbrauchern einzugreifen und sie zu verwirren. Dazu dienten folgende Maßnahmen:

1. Gezielte Desinformation und maßgeschneiderter Zweifel [„Manufactured Doubt“]

Zweifel säen: Es wurde suggeriert, die Wissenschaft sei sich uneins, obwohl ein überwältigender Konsens bestand. Think Tanks und Institute wurden finanziert, die Studien mit fragwürdiger, aber für wissenschaftsferne Verbraucher glaubwürdiger Methodik veröffentlichten. Wissenschaftler, oft aus fachfremden Bereichen, wurden großzügig finanziert, um als „unabhängige Skeptiker“ in Medien aufzutreten.

2. Lobbyismus und politische Einflussnahme

Klimaskeptische Politiker und Parteien wurden mit massiven Spenden unterstützt. Mit Gesetzesblockaden wurden CO2-Steuern, Emissionshandel oder strengere Grenzwerte durch massive Lobbyarbeit in Brüssel und Washington bekämpft. Sogenannte „Front Groups“ wurden gegründet. Das waren seriös klingende Organisationen wie etwa die „Global Climate Coalition“, die im Hintergrund Industrieinteressen vertraten.

3. Strategische PR und Framing

Neben dem beschriebenen „CO2-Fußabdruck“ war und ist das vor allem Greenwashing durch umweltfreundliche Alibi-Projekte, während das Kerngeschäft weiterhin zu 95 Prozent aus fossilen Brennstoffen bestand. Ein neuer Zweig der Meinungsbeeinflussung war das sogenannte „Climate Doomism“. Man warnte vor dem wirtschaftlichen Kollaps oder dem Verlust von Arbeitsplätzen durch Klimaschutz.

4. Unterdrückung interner Erkenntnisse

Bester Beleg für dieses Vernebelungsverfahren ist der sogenannte Exxon-Skandal (Exxon-Marken sind ESSO und MOBIL). Es stellte sich heraus, dass dem Großkonzern (Gewinn 2024: 33,7 Mrd. US-Dollar) bereits aus den 1970ern intern Dokumente vorlagen, welche die Erderwärmung präzise vorausberechnet hatten. Doch anstatt die Öffentlichkeit zu warnen, investierte man Millionen, um genau diese Erkenntnisse öffentlich systematisch lächerlich zu machen.

Mit anderen Worten: Die massive Nutzung des Internets öffnete die Tore weit für schwer kontrollierbare, gesteuerte Fehlinformation. Umgekehrt lässt sich nach wie vor sagen, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung auch der Mitwelt zugutekommen KÖNNEN, beispielsweise durch die massive Zunahme von Home-Office-Jobs, die jährlich Millionen gefahrener Kilometer einsparen.

Ökologisches Jiu-Jitsu

Der Erfolg der großindustriellen PR-Maßnahmen war umwerfend. Nicht nur den Regierungskreisen, insbesondere in der westlichen Welt, stiegen und steigen die gezündeten Nebelkerzen ins Gehirn; auch in meinem engen persönlichen Umfeld begannen Menschen zu zweifeln, ob es denn überhaupt so etwas wie Mitweltzerstörung, Erderwärmung oder menschengemachten Klimawandel gebe; und ob nicht tatsächlich der Kapitalismus das beste aller Systeme und die Digitalisierung der Welt ein Segen sei; wenn nicht, könne man immer noch auf den Mars auswandern …

Zweifellos lässt sich der heutige Lebensstil der Industrienationen nicht mehr ohne Digitalisierung denken, zumal deren neueste Entwicklung, die sogenannte künstliche Intelligenz, zu einer weiteren Beschleunigung industrieller Prozesse, zu mehr Raubbau und zu neuen Abhängigkeiten, ja mentaler Versklavung führen wird. Wer sich nicht auf diese neuen Gefahren und Möglichkeiten einstellt, wird zuverlässig abgehängt werden.

Wir werden also unseren Lebensstil weiterentwickeln und vertiefen müssen, gerade auch deswegen, weil die Mitwelt aus dem Blick zu geraten droht – und damit die vitalen Interessen und Bedürfnisse aller Lebewesen auf diesem Planeten. Für unseren Lebensstil hinsichtlich der Implikationen von KI wie für das Internet im Allgemeinen gilt deshalb: Wenn wir ihre Funktionen wie etwa die Polarisierung, die gezielte Herstellung von Echokammern (Bubbles) und die versuchte Gehirnwäsche verstehen bzw. durchschauen, brauchen wir uns nicht von ihnen abhängig machen zu lassen und können sie sogar zu unserem und zum Nutzen von Mensch und Mitwelt einsetzen – eine schwierige Art von ökologischem Jiu-Jitsu, mit dem wir unseren Lebensstil anreichern sollten.

Allen, die sich mit dem Thema intensiver beschäftigen wollen, kann ich das Dokument über „Imperiale Lebensweise“ als eine Art Denkgrundlage empfehlen: Imperiale Lebensweise – zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus.

Design für die Rettung der Welt – so der Anspruch eines kürzlich erschienenen Buches

„Wie können wir es schaffen, mit zehn bis zwölf Milliarden Menschen gut auf dieser Erde zu leben? Wie erreichen wir für alle ein Leben in angemessenem Wohlstand, in Frieden und Freiheit und in einem global intakten und vielfältigen Ökosystem?“ Jascha Rohr

Von Bobby Langer

Könnte man den geläufigen Ausdruck „das Buch der Stunde“ auf eine ganze Epoche übertragen, dann träfe er auf dieses Buch zu. Es erhitzt sich nicht an – immer diskutablen – Inhalten, sondern beschäftigt sich klug, systematisch und auf viel Erfahrung zurückgreifend mit den uns bleibenden Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen.

Der Autor Jascha Rohr beschreibt sein Buch folgendermaßen: „Wir haben einen kokreative Werkstatt in Form eines Buches vor uns, die aus einer Reihe von Werkräumen besteht, den Kapiteln dieses Buches. Unser Ziel ist der Entwurf für die große Kokreation.“

Kein Was ohne Wie

Für viele Laien, aber auch Experten in Sachen Nachhaltigkeit, Erderwärmung oder Artensterben sieht es eher hoffnungslos aus. Gleich dem vom Auge der Schlange gebannten Kaninchen stehen sie dem lebensverschlingenden Verhalten der industriellen Zivilisation ratlos gegenüber. Jascha Rohr hat – wenigstens für sich – diesen Bann gebrochen. Statt sich dystopischen Gedanken zu überlassen, überlegt er, wie eine nachhaltige Umgestaltung der Welt funktionieren könnte. Denn, so findet er, ohne über das Wie nachgedacht zu haben, brauchen wir uns über das Was erst gar keine Gedanken zu machen. „Die große Kokreation“ ist für ihn ein „Entwurf darüber, wie wir unsere globalen Probleme besser miteinander lösen können“. Die Zukünftigen lässt er rufen: „Stellt euch den Herausforderungen und Schwierigkeiten, entwickelt positive Wirkung. Baut auf das, was euch Kraft gibt und im besten Sinne wirkmächtig macht – auf eure Lebendigkeit, Kreativität, Freude und Liebe, eure Lust, Begeisterung, Intelligenz und Empathie.“

Nicht nur lesenswert, sondern auch lesbar

Rohrs Buch ist eine „Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen“ – so der Untertitel. Das kann nicht anders als komplex und auf hohem theoretischen Niveau angegangen werden. Und doch gelingt es dem Autor, sich dem großen Thema klar, übersichtlich und auch sehr persönlich und menschlich zu nähern. Mit anderen Worten: Man muss nicht Sozialwissenschaften studiert haben, um es lesen zu können. Dazu trägt bei, dass Jascha Rohr sowohl induktiv wie deduktiv arbeitet; d. h. manchmal begibt er sich von einem praktischen Beispiel ausgehend auf die Metaebene, manchmal startet er gedanklich auf der Metaebene und belegt seine Gedanken durch ein Beispiel. Selbst die Grafiken sind dank ihrer Skizzenhaftigkeit besser nachvollziehbar und einprägsamer, als dies „perfekte“, theoriebezogene Grafiken normalerweise sind. Und noch eines macht sein Buch lesenswert: Es ist getragen von dem unbedingten Willen, Positives in die Welt zu bringen – ohne die Augen vor den drängenden Problemen zu verschließen.

Methoden zur Neuerfindung der planetaren Zivilisation

Entscheidend für Jascha Rohr: Es geht nicht um fertige inhaltliche Lösungen, sondern um die „Beschreibung des Wie …, also eines Prozesses. Dieser Prozess hat im Grunde längst schon begonnen … Es ist ein Prozess, in dem wir miteinander lernen, unsere Probleme ganz anders zu lösen, als wir es bisher versuchen … Das Ziel ist nichts Geringeres als die Neuerfindung unserer planetaren Zivilisation.“ Ein hoher Anspruch.

Die zentrale Methode für dieses „Global Resonance Project“ nennt er „Resonanzarbeit“. Und das ähnelt keiner bekannten Methode, ganz im Gegenteil: „Resonanzarbeit folgt keiner festen Strategie, sondern ist mäandernd, verknüpfend, assoziativ. Sie stellt vielfältige Verbindungen und Beziehungen her, um Kreativität, Ideen und Innovationen anzuregen. Im Idealfall entsteht daraus am Ende ein kokreativer Entwurf.“ Der Prozess ist „entwurfsorientiert. Er ist ein Angebot zum Selbstdenken, zum Entwickeln und Mitgestalten … [Das Buch] bietet die Möglichkeit der Auseinandersetzung in einem Feld – in diesem Fall ist das die planetare Zivilisation –, damit dann aus dem eigenen Impuls heraus und mit den eigenen Potenzialen und Möglichkeiten transformatorische Projekte entwickelt und in die Umsetzung gebracht werden können, sodass am Ende eine reale Veränderung in der Welt entsteht“.

Aus einem alten Hut wird kein neuer

Jascha Rohr geht es um zwei Fragen:

„Wie kann es sein, dass wir als Spezies unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören?“
Und: „Was kann Kokreation dazu beitragen, dass sich diese Dynamik zum Positiven wendet?“

Der Leser kann, wenn er möchte, mitverfolgen und dabei erlernen, wie sich Methoden in kokreativen Prozessen kontextspezifisch aus dem Prozess entwickeln und ist eingeladen, „in der eigenen Praxis mit diesen Ansätzen zu experimentieren“. Personen, die an eigenen Prozessen und Projekten arbeiten, empfiehlt Jascha Rohr, das Buch mit dem eigenen Projektteam zu lesen.

Klar: „Benutzen wir … die Werkzeuge der alten Zivilisation, kann nur eine neue Version der alten Zivilisation dabei herauskommen.“ Um diesem Fehler nicht zu erliegen, kommt die Kokreation ins Spiel, ein Wort, das der „Kooperation“ oder „Kollaboration“ ähnelt, sich aber deutlich davon unterscheidet. So bezieht sich das „Ko“ in Kokreation nicht nur auf Mitmenschen, sondern auf die gesamte Mitwelt, also auf alle Mitgeschöpfe, auch: Mitdinge. Es geht darum, Mittel und Wege zu finden, „mit der gesamten Welt gemeinsam zu gestalten, statt die gesamte Welt als Menschen zu gestalten“. Das klingt in der Tat nicht mehr nach einem „Werkzeug der alten Zivilisation“. Der Wortteil „kreation“ in Kokreation bezieht sich auf Kreativität als Grundlage von Emergenz in Kunst und Kultur, wozu unbedingt auch Architektur, Philosophie, Ingenieurskunst und Wissenschaft gehören. Anders als in der alten Zivilisation lässt sich in einem kokreativen Entwurfsprozess „meist gar kein klares Ergebnis definieren, sondern eher einen Ergebnistyp“. Auf der Suche nach neuen Lösungsansätzen werden „die Themen, Akteure und Kontexte aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und zueinander in Beziehung gesetzt“.

Das ontologische Grundproblem angehen

Der Vater aller Probleme ist der Subjekt-Objekt-Dualismus, den Jascha Rohr als „ontologisches Grundproblem der ökologischen Krise“ identifiziert. Um sich von ihm zu lösen, sind die entscheidenden begrifflichen Werkzeuge:

Das Feld: „die räumliche Konstellation von miteinander interagierenden Partizipateuren und ihre Wirkungen aufeinander“ (auch: „die Wirkungen und Kräfte, die sich zwischen den Elementen aufspannen“). Anders als „Systeme“ sind Felder nicht durchschaubar und nicht steuerbar.

Der Prozess: „die sich zeitlich entfaltende Dynamik eines Feldes“, bestehend „aus allen diesen Prozess prägenden Partizipateuren, deren Wirkungen und Interaktionen sowie der fortschreitenden generativen Entwicklung, die daraus resultiert“. Besonders wichtig und auch schon in kleinem Rahmen anwendbar und aufs Größere übertragbar: „Prozesse sind fraktal und verschachtelt.“ Zur Erklärung des damit Gemeinten: „Unser Leben ist ein Prozess, aber unsere Ausbildung, Beziehungsphasen und die Phasen, in denen wir einer bestimmten Profession nachgehen, sind ebenfalls Prozesse.“

Indem Rohr die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“ abschafft und durch „Partizipateur“ ersetzt, schafft er die gedankliche Voraussetzung für einen tatsächlich ontologischen Paradigmenwechsel: „Alle Dinge der Welt sind Dinge der Welt, weil sie an der Welt teilhaben.“ Folgerichtig können auch „eine Geschichte, eine Kaffeetasse, eine Blume und die Gravitation“ Partizipateure sein: „Alles in der Welt ist Partizipateur, wenn es wirkt und teilhat. Was nicht wirkt und an nichts teilhat, existiert nicht.“

Zusammenfassend: „Ein Feld ist ein Prozess zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ein Prozess ist ein Feld in seiner dynamischen Entfaltung.“ Die große Aufgabe, die Zukunft zu gestalten, kann folglich kein „funktionales Gestalten“ sein – das wäre das Übliche –, sondern „ein generatives, wechselseitiges, fluides Interagieren mit den Prozessen, die uns gestalten, während wir gestalten“. Erst wenn wir „die Dinge in ihrer jeweiligen intrinsischen Eigenart als Gegenüber anerkennen“, wird tatsächlich ein Ausweg aus dem Subjekt-Objekt-Dualismus vorstellbar hin zu einer ökologischen, kokreativen Demokratie.

Die dazu fähige und dafür notwendige Kulturtechnik ist die Kokreation. „Sie ist das Wie: Wie gestalten wir gemeinsam. Das Was ergibt sich dann daraus … das wird synchron passieren: Wir werden diese erst in den Anfängen sichtbare Kulturtechnik entdecken, entwickeln, erfinden, erlernen und trainieren müssen, während wir beginnen, sie anzuwenden und erste Ergebnisse zu produzieren.“

Und das ist dabei die Herausforderung: „Da rollt die phantastischste Wahnsinnswelle auf uns zu, die wir je haben reiten können. Der Einsatz ist hoch, die Welle gefährlich, möglicherweise tödlich, aber der Ritt, den wir nehmen könnten, kann der beste unseres Lebens werden.“ Sich dem zu stellen, ist eine gewaltige und riskante Aufgabe mit ungewissem Ausgang. Das schätzt auch Jascha Rohr so ein und gesteht: „Dieses Buch ist ein Wagnis und der Versuch, eine visionäre Geschichte zu erzählen.“ Ihm zuzuhören, ist fesselnd und lädt ein, dabei zu sein beim „planetaren Fest der Gestaltung“.

Jascha Rohr, Die große Kokreation. Eine Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen. 400 S., 39 Euro, Murmann Verlag, ISBN 978-3-86774-756-1

→ Interview mit Jascha Rohr

→ Zusammenstellung der wichtigsten Textpassagen

→ Internetseite zum Buch

Von der Existenzangst zur Selbstversorgung – eine Einladung

Selbstversorgung – davon träumen viele, schrecken dann letzten Endes doch meistens davor zurück. Evelin Rosenfeld hat sich sehr konkret damit auseinandergesetzt. Der Name des ausgedehnten Landes, auf dem sie ihren Weg der Kreislaufwirtschaft praktiziert bezieht sich auf Aditi, die vedische Schöpfungsgöttin. Um bei so einem Projekt vorwärtszukommen und nicht einzuknicken, braucht es „Wild Natural Spirit“ (so heißt die Kräutermanufaktur, mit der Evelin das Projekt finanziert)***. „Spirit“ hat die Pionierin, dennoch meint sie, dass einerseits die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Mitteleuropa echte Autarkie verhindern, andererseits, dass die Idee von Autarkie dem Gedanken der Verbundenheit widerspricht.

Ökoligenta: Vielleicht schilderst du erst einmal, wie weit du mit deinem Projekt gekommen bist.

Nun, das Wichtigste ist wohl, dass ich es geschafft habe, 55.000 Quadratmeter Brach- und Ackerland in einen riesigen Permakulturgarten zu verwandeln, in dem nicht nur seltene Arten aus Fauna und Flora in Fülle leben, sondern der auch wertvolle Lebensmittel für viel mehr Menschen hervorbringt, als derzeit von dem Projekt wissen. Damit ist es gelungen, eine Vollerwerbs-Landwirtschaft untrennbar mit Naturschutz zu verbinden. Auch zeige ich ein Wirtschaften auf, das eben nicht ausbeutet und Lateralschäden vergesellschaftet, sondern im Gegenteil: ein Wirtschaften, das maßgeblich und nachhaltig zum Gemeinwohl beiträgt, während es gleichzeitig einen Lebensunterhalt eigenständig erwirtschaftet.
Zudem konnte ich das Projekt (einigermaßen) harmonisch in das herrschende Behördensystem integrieren. Mit insgesamt 11 Aufsichtsbehörden ist das eine echte Nervensache und Geduldsfrage. Auch die Beteiligten in den Behörden mussten an einigen Stellen das auf landwirtschaftliche Großbetriebe ausgelegte Regelwerk irgendwie in Einklang bringen mit dem, was ich hier mache. Wirklich erkennen, welche Chancen in diesem Projekt für die drängenden Fragen für uns alle liegen, tun aber wenige.

Ökoligenta: Momentan schaffst du das alles mit 1 Woman-Power, eigentlich unglaublich. Aus welchen Quellen sprudelt deine Energie?

Ich bin mit 33 Jahren, zwei akademischen Abschlüssen und einer bereits beachtlichen Karriere in der Wirtschaft „ausgestiegen“, weil ich die Rücksichtslosigkeit und Kurzsichtigkeit, die in Konzernen und auf Verwaltungsebene herrschen, nicht ertragen konnte. Dieser Ausstieg brachte mich in eine Lebenskrise, in der ich mich fragte, wie ich mein Leben, meine Gaben so einbringen kann, dass nicht nur noch mehr Schaden entsteht, sondern dass vor allem das Gefüge aus Angst und Gier durchbrochen werden kann; dass Wege sichtbar werden, wie wir in Frieden und in Fülle mit unserer Mitwelt leben können. Dazu braucht es ein tiefes Hinterfragen der Grundannahmen unserer Gesellschaft: von Familiengründung bis abhängiger Erwerbsarbeit, von Ressourcenkreisläufen bis hin zu spirituellen Zusammenhängen. All dem habe ich mich gestellt und Schritt für Schritt Antworten und Resonanz gefunden.
Mein unerschütterlicher Glaube an die Liebe in jedem Menschen und an eine göttliche Führung sind der Quell meiner Kraft – zudem meine besondere Beziehung zu diesem außergewöhnlich kraftvollen Ort hier.

Ökoligenta: In den Städten mieten sich Menschen bei SoLaWis am Stadtrand ein. Könnte dieses Modell auch für Aditi funktionieen ?

Nein, eher nicht. Die SoLaWis – für die es mittlerweile sogar eigene landwirtschaftliche und steuerrechtliche Regeln gibt, funktionieren normalerweise so, dass ein Landwirt die Flächen mit Maschinen vorbereitet und kleine Parzellen an Städter vermietet, die dann ihren Salat oder Rosenkohl oder was sie eben wollen, am Wochenende anbauen. Aditi in Parzellen aufzuteilen widerspricht meinem Anliegen, sie als Ganzheit zu fördern. Zudem nutze ich ja keine Maschinen und arbeite in Permakultur. Wenn, dann würde sich eine Gruppe von Menschen um die ganze Aditi kümmern, mit ihrem Wald, ihrem Beeren- und Saatgutgarten, mit den Kräutergärten, Obstbäumen und dem großen Gemüsegarten. Die Intention von Aditi geht über das „ich mach mein eigenes Gemüse“ hinaus.

Ökoligenta: Gibt es diese Gruppe schon? Wie können Menschen sich in das Projekt einbringen?

In 2022 waren wir ein starkes Team von sechs Menschen, die sich regelmäßig und aus verschiedenen Konstellationen auf Aditi eingebracht haben. Das Ergebnis war phänomenal: Für die überbordende Gemüseernte brauchten wir sogar einen Erdkeller über den Winter, das in 2022 geerntete Saatgut hat auch in diesem Jahr, 2025, gereicht, um ohne Zukäufe die Gärten zu bestücken. Das waren alles Leute hier aus der Gegend, die einfach Freude daran hatten, auf Aditi zu sein, zusammen zu arbeiten und die Abende gemeinsam am Feuer zu verbringen.
Einige waren bei mir „zwischengelandet“ wegen der Corona-Restriktionen und sind nun zurückgekehrt in ihre Ursprungsberufe. Aber so könnte es gehen.
Zudem habe ich immer mal wieder Lehrlinge für eine begrenzte Zeit, die sich mit der Anbau- und Lebensweise vertraut machen wollen.
Doch mittelfristig wünsche ich mir schon zwei bis vier Menschen, die hier oder in der Nähe wohnen und sich dauerhaft und hauptberuflich in das Projekt einbringen.
Dazu braucht es nicht nur etwas Kapital, sondern vor allem die Bereitschaft, eine körperlich doch recht anspruchsvolle Arbeit zu machen für ein sehr überschaubares Einkommen. Doch der „Lohn“ besteht ja letztlich darin, vollkommen selbstbestimmt inmitten überbordender Natur zu sein, Lebensmittel von höchster Qualität für sich und andere zu gewinnen und seine Lebensenergie in etwas fließen zu lassen, das Lebendigkeit schafft.

Die Zeit ist gut, denn mehr und mehr Menschen merken auf: Statt ein Online-Coaching, um eine Depression, eine Lebenskrise, einen Burn-Out zu „besprechen“, beginnen sie, neu Kontakt mit den wirklich heilenden Kräften der Natur aufzunehmen, lauschen den Bäumen, beobachten die Insekten. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, die Hacke in die Hand zu nehmen und nährende oder heilsame Pflanzen zu pflanzen, zu pflegen … und sich dabei ganz von allein mit kostbarer Lebensenergie aufzuladen.
Ich lade jedes Jahr zur Blütenernte ein. Das ist eine kleine Chance zu erleben, wovon ich hier spreche.

Ökoligenta: Was ist deiner Erfahrung nach das Haupthindernis für die Umsetzung einer echten Selbstversorgung?

Zuerst: Aufgrund der zahlreichen Systemzwänge – von Pflicht-Versicherungen bis Strom, Wasser, Müllentsorgung, von denen wir uns in Deutschland nicht abmelden können, ist es derzeit gar nicht möglich, wirklich autark zu leben und zu wirtschaften. Wir sind nicht nur gezwungen, System-Leistungen zu kaufen (und damit Geld beschaffen zu müssen) – Autarkie widerspricht auch der Einsicht, dass alles mit allem verbunden ist. Dieser Gedanke – der Gedanke von dynamischen Kreisläufen durch alle Ebenen des Erdenlebens hindurch – ist die Basis der Permakultur. Und er ist auch Tatsache in allen natürlichen Vorgängen.

Von daher bescheide ich mich auf den Anspruch, meinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, das meiner Liebe zur Erde Ausdruck verleiht und den aus meiner Sicht schädlichen Systemwirkungen nicht weiter zuträgt. Dass dabei durch eine einzelne Person 55.000 Quadratmeter Land renaturiert wurden, dass eine Fülle an Heilkräutern, Saatgut und Lebensmitteln bereitgestellt wurde für viele, viele andere Menschen, das macht mich glücklich und stolz.
Ich bin weit entfernt davon, mich „selbstzuversorgen“ – allerdings brauche ich keine moderne Medizin, habe Zugriff auf unbelastetes Gemüse, Obst und Kräuter, lebe in meinem eigenen natürlichen Rhythmus und brauche vergleichsweise wenig Geld – da ich nichts zu kompensieren habe. Ich bin satt und gesund aus dem, was mein täglich Werk ist.

Wenn ich nun auch einige andere Menschen begeistern kann von dieser Arbeit und vielleicht begleite zu ihren eigenen Projekten oder sie integriere in dieses Projekt hier bei mir – und da gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Aufgaben und Ausblicke – dann wirke ich MIT dem bestehenden System, dessen Teil ich ja auch bin.

Ökoligenta: Die Konsumwelt, in der wir aufwachsen und unsere Persönlichkeit ausbilden, ist vielfältig und spricht uns auf den verschiedensten Ebenen an. In den Worten von Günther Anders wird der Mensch schlaraffisiert und zu einem passiven Wesen modelliert. Dein Projekt erwartet ja eher eine Emanzipation von dieser Grundhaltung.

Ja, das ist mein Herzensanliegen an die Menschheit: „Dienst“, „Arbeit“, „Verantwortung“ sind bei vielen Menschen sehr negativ belegt. Weil sie immer in Abhängigkeiten denken, weil sie Arbeit als etwas sehen, was sie ZWANGsläufig tun müssen, weil sie Dienst als Unterwerfung kennen und weil sie „Verantwortung“ mit „Strafe/Konsequenzen“ verbinden.
Damit sind sie zu passiven Sklaven des Ausbeutungssystems geworden und verschanzen sich hinter Ansprüchen, Bequemlichkeit und Konsum.
Es ist so viel lebendiger und befriedigender – und möglich ! –, aus eigener Kraft ein eigenes Feld zu schaffen, in dem wir unsere Lebensenergie freiwillig in etwas geben, das uns am Herzen liegt. Und wem liegt die Natur nicht am Herzen? Welcher Mensch atmet nicht auf, wenn er unter Bäumen steht, welcher Mensch beginnt nicht  zu singen, wenn er frische Beeren erntet und gleich in den Mund steckt? Viele kommen gar nicht bis zu dem Erlebnis, ein im eigenen Schweiß bebautes Feld zu betrachten und dabei Stolz und Freude zu empfinden. Und so können sie auch nicht die Früchte ihrer eigenen Arbeit, ihrer freien Entscheidung ernten.

Um diesen Schritt in die Freiheit und in ein sinnstiftendes Leben zu tun, steht noch vor der harten körperlichen Arbeit vor der wirtschaftlichen Ungewissheit ein Schritt im Inneren an: Die Angst, zu wenig abzubekommen, die sich in Gier und Egoismus ausdrückt, muss überwunden werden zugunsten der Einsicht, dass Fülle aus Großzügigkeit und Begeisterung entstehen. Wer (sich) gibt, bekommt alles, was es braucht, um ein friedvolles und lebendiges Leben zu führen.

Doch wie viele Menschen leben das schon ?

Ich bin offen für eine Gruppe von Menschen, die sich gemeinschaftlich um Aditi kümmert und an ihr erfreut. Das wäre eine Erweiterung für alle Beteiligten. Mehr Hände – mehr Ernte – mehr Austausch – mehr Fülle.
Aber brauchen tun wir’s nicht …

Ökoligenta: Du hast angedeutet, mit den Potenzialen von Aditi könnte es in Richtung Binnenwirtschaft weitergehen. Kannst du uns dazu Näheres erzählen?

Es gibt einen Weg, den ich sehe, auf dem eine Gruppe von Menschen, die auf Aditi lebt, sich sehr, sehr weit lösen kann aus den Systemzwängen. Hier gibt es Antworten auf die klassischen Fragen von Gemeinschaftsleben, Arbeitsteilung, die Rolle von Kapital und die führende Kraft einer täglich praktizierten Spiritualität.
Ich schöpfe hier aus 25 Jahren Organisationsberatung und Coaching (siehe insbesondere meine beiden Bücher „Wertebasiertes Management“ und „Was Dir wirklich wichtig ist“) – vor allem aber aus der Beobachtung der Vorgänge in der Natur, der Erfahrungen mit dynamischen Gleichgewichten in der Ökologie.
Wenn die passenden Menschen hier angekommen sind, können wir darüber sprechen.

Für jetzt lade ich jeden, der das liest, herzlich ein, mal für eine Blütenernte oder eines der anderen Seminare nach Aditi zu kommen und sinnlich zu erfahren, wovon ich hier spreche. Eigentlich können wir dann erst sehen, ob eine Resonanz da ist, die das Sein berührt und zum Tun führt.

*** Evelin Rosenfelds Projekt liegt im nordbayerischen Landkreis Coburg.

Von Bobby Langer

„Buenos dias, madre. que tal? Wie geht’s, Mutter Erde? Du siehst ein wenig kränklich aus.“

„Es geht so, die meisten meiner Kinder haben mich im Stich gelassen – wer kümmert sich schon um seine alte Mutter – aber wenigstens ein paar von ihnen sorgen sich noch um mich. Immerhin.“

„Am 22. April ist dein Feiertag, so wie jedes Jahr seit 1970. Hast du einen Wunsch?“

„Ja, den habe ich tatsächlich. Damals kam nur ein kleines Häuflein zu meinem Feiertag. Alle dachten: ‚Nichts kann der Alten etwas anhaben.‘ Auch ich hielt mich Jahrmilliarden lang für unverletzlich, aber ich habe euch unterschätzt. Ihr Menschen seid wie Ameisen, die mir bis ins Gehirn, bis in meine Adern und Lungenbläschen vordringen und mir Energie und Atem nehmen. Doch immer mehr von euch beginnen zu verstehen: Werde ich krank, ist es auch um euch geschehen. Ohne mich seid ihr nicht mehr. Heute sind es schon Hunderttausende in 175 Ländern, die mich feiern. Das tut gut und macht mir Hoffnung; deshalb mein Wunsch: Verwandelt die Hunderttausend in Hundertmillionen!“

„Bescheiden bist du nicht gerade, oder?“

„Stimmt, dieser menschliche Begriff ist mir als Planetin fremd. Ich habe schon immer groß gedacht.“

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Gaia, so heißt Mutter Erde – nur wenige Namen haben sich international so durchgesetzt. Seit die Mikrobiologin Lynn Margulis und der Chemiker, Biophysiker und Mediziner James Lovelock Mitte der 1970er-Jahre die Gaia-Hypothese entwickelten, ging der Name Gaia viral. Und dabei gab es noch gar kein Internet. Sogar das Teleskop der Europäischen Weltraumorganisation wurde nach ihr benannt.

Das world-wide Gaia-Web

Natürlich gab es den Namen Gaia lange vor unserer Zeit. Schon in der altgriechischen Mythologie hieß die personifizierte Erde Gaia [Γαῖα]. Aus ihr stammte alles Leben, und alles Leben sank zurück in ihren Schoß. Gaia stand in direkter Verbindung mit der Göttin Kybele, die im westlichen Teil der heutigen Türkei [Kleinasien] verehrt wurde als Herrin der Tiere, als Berg- und Naturgöttin und Erdenmutter. Kybele erhielt in manchen Traditionen auch den Namen „magna mater“, Große Mutter; im Hinduismus hieß sie Parvati, Tochter der Himalaya-Berge; in Lateinamerika trug sie den Ehrennamen Pacha Mama und wurde zum Grundprinzip der aktuellen Verfassung von Ecuador. Nur vor diesem Hintergrund ist die immense Verehrung der „Mutter Gottes“ im Christentum erklärlich.

Doch mit Pacha Mama schließt sich der Kreis zum Heute. Die in indigenen Mysterien Amerikas verbreitete Erdmutter-Verehrung konnte durch das Christentum nie vollkommen unterdrückt und ausgemerzt werden und feiert seit Jahren unter dem spanischen Ruf „Buen Vivir“ – gut leben! – eine globale Wiederkehr. Pacha Mama ist die Rebe, die ihr Wasser aus großen Tiefen holt, sie ist der durchs Pflaster wachsende Löwenzahn. Die widerständigen mexikanischen Zapatistas fordern Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Unabhängigkeit, Land, Arbeit, Gesundheit, Bildung und Frieden – und berufen sich auf Pacha Mama. Pacha Mama ist der Ursprung ihrer Identität und Kern eines Bewusstseins, dass alles, was Leben hat, untrennbar miteinander verbunden ist: Tiere, Pflanzen, Insekten, aber auch Berge und Flüsse, Felsen und Himmel. Es ist gut vorstellbar, dass Pacha Mama zum Inbegriff einer Bewegung wird, die gegen alles aufbegehrt, was Gaia Gewalt antut. Die Energie für einen solchen Aufstand für das Leben ist längst – global in uns allen – vorhanden wie die Lava unter einem schlummernden Vulkan.

Gaia – wer oder was ist das?

Doch was ist dran an der Gaia-Hypothese? Durchsetzungsfähig war sie, weil sich in ihr intuitives, archaisches Wissen mit modernem Wissenschaftsverständnis verknüpfte – in der Frage nämlich nach dem Urgrund des Lebens. Leben äußert sich in Form von Lebewesen, die sich in selbstorganisierenden biologischen Rückkopplungsprozessen erhalten, so der wissenschaftliche Blickwinkel. Auch der Planet Erde, Gaia, so Lovelock, lasse sich derart beschreiben. Ganz Naturwissenschaftler, untermauerte er seine Hypothese mit phänomenalen Argumenten. Deren bekanntestes ist der seit ewigen Zeiten gleichbleibende Salzgehalt der Meere, der sich logisch nur erklären lasse, wenn es etwas – nämlich das Wesen Gaia – gebe, das ihn aufrechterhalte: „Obwohl vom Land weiterhin beträchtliche Mengen an Mineralien gelöst und ins Meer verfrachtet werden, ist der Salzgehalt seit Jahrmillionen nicht mehr gestiegen. Nimmt man an, dass die Mineralfracht in früheren Zeiten ähnlich hoch war wie heute, müsste inzwischen so viel Salz in den Meeren sein, dass höhere Lebensformen nicht mehr existieren könnten. Tatsächlich gibt es Prozesse, die Salz auch wieder aus dem Ozean entfernen.“ (Wikipedia)

Obwohl Lovelock selbst sich einer Romantisierung der Gaia-Hypothese widersetzte, hatte er doch viel Verständnis für deren Anhängerinnen:

„Wenn ich von einem lebendigen Planeten spreche, soll das keinen animistischen Beiklang haben; ich denke nicht an eine empfindungsfähige Erde oder an Steine, die sich nach eigenem Willen und eigener Zielsetzung bewegen. Ich denke mir alles, was die Erde tun mag, etwa die Klimasteuerung, als automatisch, nicht als Willensakt; vor allem denke ich mir nichts davon als außerhalb der strengen Grenzen der Naturwissenschaften ablaufend. Ich achte die Haltung derer, die Trost in der Kirche finden und ihre Gebete sprechen, zugleich aber einräumen, dass die Logik allein keine überzeugenden Gründe für den Glauben an Gott liefert. In gleicher Weise achte ich die Haltung jener, die Trost in der Natur finden und ihre Gebete vielleicht zu Gaia sprechen möchten.“

There’s something that calls for you

Obschon sich die Gaia-Hypothese auf naturwissenschaftliche Aspekte berief, hatte sie doch stark spirituelle Auswirkungen, etwa hinein in die Hippie- und New-Age-Bewegung. Doch das ist lange her und hat sich gewissermaßen „überlebt“.  „It’s all over now, baby blue. | Leave your stepping stones behind | There’s something that calls for you“, sang Bob Dylan, der seine mystische Sicht der Welt stets sorgfältig hinter seiner schnarrenden Stimme versteckte.

Der vielleicht wichtigste Aspekt des zunehmenden Gaia-Booms ist seine nicht nur völkerverbindende, sondern menschheitsverbindende Kraft: Wenn wir spüren, dass wir alle Bewohner und Geschöpfe von Gaia sind, dann sind wir ein Volk von Feuerland bis Alaska, von Spitzbergen bis Andalusien, von Cabo da Roca bis Tschuktschen; dann verstehen wir, dass eine Hierarchie innerhalb des Lebens eine absurde Annahme ist; dass wir alle gleichwürdig sind. Gaia wirkt in unseren Kindern, sie ist die große Hebamme aller Menschen und Lebewesen aller Länder.

Aber Gaia macht uns nicht alle gleich; im Gegenteil. Was wäre eine Alpenwiese ohne ihre 5000 Pilzarten, 2500 Flechtenarten, 4500 Gefäßpflanzen und 800 verschiedenen Laubmoose? Sie wäre eine Monokultur, eine menschliche Wahnidee und nicht das Wunderwerk einer durch Jahrmillionen sich steigernden Vielfalt. Gaia, das verstehen immer mehr von uns, ist das Gegenteil industrieller Standardisierungen, Gaia ist Leben pur, das sich in unerreichbarer Individualität ausdrückt, in uns, in dir und in mir.

Gaia lädt uns ein

Und vor allem: Gaia gibt es wirklich. Sie ist keine „Idee“, es sei denn, wir selbst wären Ideen und nicht, von ihr und aus ihr gemacht, aus Fleisch und Blut. Gaia ist der Apfel, in den wir beißen, und der seinen süßen Saft auf unsere Zunge sprüht; Gaia ist die Frühlingswiese, in die wir uns legen und die in uns aufblüht, sobald die Sonne uns strahlend berührt. Gaia ist aber auch der Rost, der am alten, vergessenen Traktor frisst – drüben am Ackerrand. Gaia ist Kraft und Versprechen und Zukunft.

Gaia ist das Ende des gefährlichen Glaubens, hier sei der Mensch und dort die Natur. Gaia ist wir und wir sind Gaia, aber eben nicht exklusiv, sondern im Sinne einer Einladung, einer Ineinsnahme: Der Tag der Erde ist eine Festtagseinladung, bei der uns die Erde zum Feiern ruft, zum Feiern der Geschwister aus Tiefsee und Himmel, zum Feiern unserer Geschwister in und über der Erde, zum Feiern unserer Schwestern und Brüder in Nord und Süd, Ost und West. Denn wir sind ein Volk, Geschwister und Kinder der Erde. Gaia ist Frieden, jeden Tag.

Entnommen aus „(Wandel-) Reiseführer in eine zukunftsfreundliche Lebensweise“ (mit diesem Link copyrightfrei verfügbar)

Evelin Rosenfeld beweist, dass auch eine optimal naturnahe Wirtschaftsweise funktionieren kann

Es gehört zu den beliebten Argumenten der konventionellen Landwirtschaft, man könne nur mit dem Einsatz von Großmaschinen und massiver Schädigung von Mitwelt und Bodenleben wirtschaftlich überleben. Evelin Rosenfeld  beweist das Gegenteil. Im Interview ist Ökoligenta ihrem Ansatz nachgegangen.

Ökoligenta: Du betonst auf deiner Homepage die Kreislaufwirtschaft, und zwar nicht nur irgendeine, sondern eine konsequente. Wenn wir die „Kreislaufwirtschaft“ mal als den einen Pol möglichen Wirtschaftens ansehen, wie würdest du denn den anderen Pol beschreiben?

Evelin Rosenfeld: Der andere Pol ist, mit möglichst wenig Eigenleistung möglichst billig irgendwelche Rohstoffe und Vorleistungen zusammenzukaufen und teuer weiterzuverkaufen. Die Bedingungen der Gewinnung, die nicht eingerechneten Verbräuche auf dem Weg zum „Händler“ und die Entsorgung des verbrauchten Produkts spielen dann ebenso wenig eine Rolle wie der immaterielle Aspekt des „Produkts“. Das Produkt ist dann seelenlos.

Ö: Um jetzt mal konkret von deiner Branche zu sprechen: Wie funktioniert die konventionelle Pflanzen- und Kräuterproduktion üblicherweise?

E.R.: So viel Land wie möglich pachten um so viel Nutztiere wie möglich unter Leben verachtenden Bedingungen möglichst schnell zu vermehren und die Exkremente auf den Flächen auszubringen (man braucht je Vieheinheit eine bestimmte Fläche). Auf diesen Flächen fahren dann Maschinen von mehreren zig Tonnen und reißen mehrmals zwischen Herbst und Frühjahr den Boden auf.

Das Bodenleben stirbt, der Boden verdichtet und verarmt. Dann wird giftig gebeiztes, oft genmanipuliertes Saatgut ausgebracht, das unter Einsatz von mehreren „Gängen“ Mineraldünger (Wasser und Bodenleben werden geschädigt), den Exkrementen aus dem Stall (s.o.) und Pflanzenschutz (einheimische Pflanzenarten, Insekten, Eidechsen etc. werden mitvernichtet) hochgezogen wird. Wieder mehrfach schwere Maschinen auf dem Boden – und Abgase und Lärm.

Wenn der Bestand erntereif ist, kommt eine noch größere, noch schwerere Maschine, rasiert die „Ware“ ab, die vom Schneidwerk mit Hochdruck in den Tank geschleudert wird. Das so misshandelte Pflanzgut wird zum Hof geschafft und mit Fließbändern, Rüttelsieben und Trockengebläsen erneut so massiv verletzt, dass unweigerlich Oxidation und damit Vergiftung und Zerfall der Pflanzen einsetzt.

Was dann noch übrig und trocken ist, wird maschinell kleingehackt, in Säcke geblasen und auf zum Teil langen Wegen – Abgase – zum Händler geschafft, teils mehrere Handelsetappen, bis zuletzt das mausetote Material wieder maschinell in Verkaufspackungen untergebracht wird und erneut auf den Transport zu Einzelhändlern geht.

Ö: Gibt’s da denn keinerlei Unterschiede zwischen konventionellen und Biobetrieben?

E.R.: Der Unterschied besteht lediglich darin, dass Biobetriebe bestimmte Dünge- und Spritzmittel nicht verwenden dürfen, dafür nur Biosaatgut verwenden dürfen und sich einmal jährlich kontrollieren lassen müssen. Wenn man einmal davon absieht, dass Demeter-Betriebe immerhin das Futter für ihre Tiere selbst anbauen müssen, ist der Unterschied marginal.

Ö: Kreislaufwirtschaft und Cradle to Cradle – sind das verschiedene Ansätze?

E.R.: Kreislaufwirtschaft ist eine Überkategorie. Cradle to cradle fokussiert speziell auf Recycling, soweit ich weiß.

Ö: Gibt’s bei dir gar keine nicht wiederverwertbaren Abfälle?

E.R.: Doch: Die Glasflaschen, die Kartons und die Flyer. Die Flaschen zurückzunehmen, zu reinigen und wiederzuverwenden würde mehr Ressourcen verbrauchen, als sie dem großen Recycling vor Ort bei meinen Kunden zuzuführen. Da meine Kunden ja auch sehr bewusst sind und handeln, finden sie ganz sicher eine Wiederverwendung.
Meine Kunden sind übrigens ein paar eigene Zeilen wert. Denn wer mich findet und Gefallen an den Produkten hat, bleibt und bestellt immer wieder. Es ist wirklich so, dass ein paar tausend Namen mir vertraut sind, wenn eine neue Bestellung kommt. Oft mit ein paar lieben, wertschätzenden Zeilen. Manchmal bekomme ich sogar Post von meinen Kunden: schöne Karten, Bücher – einfach: ganz viel Liebe und Verbundenheit, die da schwingt.

Ö: Die Rohstoffe für deine Produkte entnimmst du dem Boden? Wie kommen die entnommenen Nährstoffe wieder in den Boden zurück? Düngst du, und wenn ja, wie?

E.R.: Es muss viel gejätet werden. Hieraus entsteht Kompost, den ich wieder auf die Flächen bringe. Bei Kulturen, die es vertragen, mulche ich zudem. Dem Boden werden durch Photosynthese und Witterung eine Reihe von Elementen aus der Luft und aus dem Sonnenlicht zugeführt. Zudem führt die unbeschadete Fauna (Kleintiere und Insekten) sowie das Mykorhizza [Red.: das in ungeschädigten Böden vorhandene Pilzgewebe] dem Boden alles zu, was vor Ort gebraucht wird. Zusätzlicher Dünger ist da nicht nötig.

Ö: Verschwendung findet ja üblicherweise im Bereich des Energieeinsatzes und im Ressourcenverbrauch statt. Mit welchen Methoden minimierst du diese beiden Faktoren?

E.R.: Ich mähe drei Hektar von Hand, trockne das Pflanzgut in selbst konstruierten Solardarren (komplett frei von Elektrizität) und destilliere auf offenem Feuer.

Ö: Du brauchst ja auch Verpackungen für deine Produkte, wenn du sie verschicken willst. Die sind vermutlich vom Kreislauf ausgenommen? Oder nicht?

E.R.: Ich hole einen Teil der Versandkartons, die ich brauche, vom Einzelhandel aus Rodach: Da fällt so viel an – das kann ich gut wiederverwenden. Allerdings kaufe ich auch Kartons in Recylingqualität zu.

Ö: Du hast dich ja auf Kräuteranbau spezialisiert. Ich habe den Eindruck, dass sich diese Art von Produktion besonders gut für Kreislaufwirtschaft eignet. Ist denn auch eine Landwirtschaft, die Grundnahrungsmittel wie Getreide, Kartoffeln herstellt, als Kreislaufwirtschaft vorstellbar?

E.R.: Ich habe auch einen 5.000 qm großen Gemüsegarten. Das Gemüse erfreut Menschen und Restaurants im unmittelbaren Umfeld. Also: Ja
Zu beachten ist, dass nachhaltiger Landbau > 60% mit mehrjährigen Lebensmittelpflanzen arbeitet. Also heißt das auch für die Nutznießer der Gärten: Weg von einjährigem und oft auch ökosystemfremdem Gemüse – und zurück zu leckeren Dauerkohlen, Spargel, zahlreichen Beeren und vieljährigen Knollen und Wurzelgemüsen.

Ö: Kann man denn ein auch nur halbwegs modernes Leben führen, wenn man arbeitet und denkt wie du?

E.R.: Klar !

Ö: Warum ist dir das alles so wichtig?

E.R.: Weil ich die Erde liebe. Und weil ich dazu beitragen möchte, dass die Menschen endlich Hass, Gier und Verblendung loslassen, um das Leben im Garten Eden zu feiern, statt immer neues Leid zu erzeugen.

Evelin Rosenfeld betreibt die Homepage Wild Natural Spirit mit so naturnah wie möglich naturreinen Pflanzenpräparaten, die sie in Permakultur auf 55.000 qm Land maschinenfrei anbaut. Darüber hinaus bietet sie Seminare zu Permakultur & Heilkräutern an.
Evelin Rosenfeld studierte Biochemie und Betriebswirtschaft, und verabschiedete sich als Konzernstrategin mit 32 Jahren von einem linearen, mitweltfeindlichen Wirtschaften.
Heute sucht sie nach einem/r Geschäftspartner/in, der/die sich den Spagat zwischen ökonomischen Sachzwängen und naturnahem Wirtschaften zutraut.

Kennen Sie den Begriff der Allmende?

„Die Allmende (auch die Gemeindeflur oder das Gemeindegut) ist ein Teil des Gemeindevermögens (Landfläche, Gewässer, Wald), das als gemeinschaftliches Eigentum von der gesamten Bevölkerung benutzt werden darf“ (Quelle: Wikipedia).

Eine kurze Geschichte dazu:

Auf einer gemeinschaftlich genutzten Weidefläche halten Bauern ihre Rinder. Anfangs passt die Anzahl der Tiere zur Kapazität der Wiese, um Überweidung zu vermeiden. Doch als ein Landwirt mehr Rinder hinzufügt, leidet das Gras und wächst schlechter. Dieser Bauer profitiert finanziell, während die Wiese Schaden nimmt. Obwohl allen klar ist, dass zu viele Tiere die Weide zerstören, überwiegt oft der Eigennutz. Und so fragt sich jeder Einzelne, warum ausgerechnet er sich an die Regeln halten soll, wenn die Weide doch nun ohnehin übernutzt ist. Infolgedessen bringen die Bauern immer mehr Kühe auf die Allmende. Bald hat sich das grüne Grasland in ein Schlammfeld verwandelt, unbrauchbar für die Rinderhaltung. Die Bauern sahen das Ende voraus, aber jeder von ihnen wusste, dass es nichts bringt, als Einziger bescheiden zu bleiben. Denn die Wiese wäre trotzdem von den anderen zerstört worden und man selbst hätte außerdem noch weniger verdient. So haben die Bauern, indem sie die Grenzen nachhaltiger Nutzung missachteten, letztendlich alles verloren – eine wahre Tragödie.

Auch unsere Atmosphäre stellt ein solches gemeinschaftliches Eigentum dar, das jeder nach Gutdünken nutzen und leider auch übernutzen darf. Die Folge dieser Übernutzung ist die globale Klimakrise. Der einzelne Mensch glaubt jedoch, nur einen begrenzten Einfluss beim Thema Klimaschutz zu haben, was zu einem Mangel an Verantwortungsbewusstsein führt. Ähnlich wie die Vernachlässigung öffentlicher Orte, wie etwa herumliegender Abfall in Parks oder die mangelnde Sauberkeit auf Toiletten von Autobahnraststätten. Es handelt sich hierbei um das gleiche Prinzip: die Tragödie der Allmende.

Wie kann das Dilemma zwischen Eigennutz und Gemeinschaftswohl gelöst werden?

Dazu braucht es verbindliche Spielregeln, die das begrenzte Allgemeingut gerecht aufteilt. Bezogen auf den Klimawandel bedeutet dies, dass das Recht, die Atmosphäre durch klimaschädliche Emissionen zu belasten, einer Rationierung unterliegen sollte. Dabei versteht es sich von selbst, dass jeder Mensch ein gleichberechtigtes Nutzungsrecht an der gemeinsamen Ressource, der Atmosphäre, besitzen sollte.

Wie solch ein Modell auf EU-Ebene aussehen könnte, beschreibt die gemeinnützige Organisation für nachhaltige Ökonomie mit dem Konzept der komplementären Klimawährung ECO (Earth Carbon Obligation). Das Ausgabevolumen des ECO setzt dabei die konsequenten Rahmenbedingungen, die zwingend erforderlich sind, um das Klimaziel zuverlässig einzuhalten. So dient die Klimawährung als ökologisches Grundeinkommen, das jedem Bürger gleichermaßen zusteht und handelbar ist. Es wird sichergestellt, dass niemand über seine Verhältnisse CO2 emittieren kann, zu Lasten aller anderen. Auch dient die ECO-Währung Produkten als zusätzliches Preisschild, das den CO2-Fußabdruck der Produktion widerspiegelt. Damit ermöglicht sie den Verbrauchern, klimafreundliche Entscheidungen zu treffen. So wird ein verantwortungsvoller Umgang mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten gefördert und die Defossilisierung der Industrie beschleunigt.

Erfahren Sie mehr über diesen Vorschlag, der bereits von renommierten Klimawissenschaftlern, wie z.B. Professor Dr. Dr. Hans-Joachim Schellnhuber befürwortet wird: https://www.saveclimate.earth