Auf welche Zukunft bereiten wir uns vor?
Transkript und Übersetzung des gleichnamigen Videos
von Charles Eisenstein vom 23.5.2026
Es scheint – besonders wenn man den Expertinnen und Experten aus der Öl- und Gasbranche zuhört –, dass wir auf wirklich ernste Zeiten zusteuern. Deshalb spreche ich mit Menschen, die ähnlich empfinden wie ich: mit Menschen, die den praktischen Impuls verspüren, sich auf mögliche massive Treibstoff-Engpässe und Unterbrechungen der Lieferketten vorzubereiten. Gleichzeitig versuche ich, inneren Frieden zu finden und Vertrauen darin zu entwickeln, dass sich die Dinge so entfalten, wie sie sich eben entfalten. Irgendwie damit einverstanden zu werden. Es gibt also dieses Hin und Her, diesen Zug in zwei Richtungen, und meistens habe ich das Gefühl, irgendwo in der Mitte festzustecken.
Für diejenigen, die es nicht verfolgt haben: Der Irankrieg hat bereits Störungen verursacht, die sich vielleicht vorübergehend überdecken oder hinauszögern lassen, die aber wahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf die Lieferketten haben werden. Es dauert eine Weile, bis sich ein solcher Schock durch die Versorgungssysteme bewegt: Düngemittelknappheit, geringere Ernten, mögliche Diesel-Engpässe. Und wenn Diesel knapp wird – wie transportieren wir dann Lebensmittel und Materialien? Wie halten wir das gesamte Just-in-time-System am Laufen? Es gibt heute kaum noch Lagerhäuser voller Vorräte. Lagerhäuser sind eher Umschlagplätze als Orte der Lagerung. Die gesamte Wirtschaft ist extrem eng verflochten. Wenn ein Teil ausfällt, wirkt sich das auf alles andere aus. Deshalb sagen viele Menschen Lebensmittelknappheit, Stromausfälle und massive Störungen voraus und rufen dazu auf, sich vorzubereiten.
Auch ich rate dazu, sich vorzubereiten. Aber die eigentliche Frage lautet: Worauf bereiten wir uns vor – und warum? Worauf genau bereiten wir uns vor?
Jetzt werde ich wieder ziemlich „New Age“, aber ich sage es trotzdem: Wir bereiten uns auf eine vollkommen verwandelte Welt vor. Die Grundlage dieser Transformation ist – und ich weiß, ich wiederhole mich – eine neue Geschichte, eine neue Mythologie: die Geschichte des Verbundenseins, der Wiedervereinigung, die die Geschichte der Trennung ersetzt. Darauf bereiten wir uns vor.
Wenn du dich jedoch auf Grundlage der alten Geschichte vorbereitest, dann wirst du vor allem dafür sorgen wollen, dass es dir selbst gut geht. Und alle anderen? Nun ja, vielleicht hilft man ein bisschen, aber an erster Stelle steht man selbst. Ich und meine Familie – wir lagern Essen ein. Aber was, wenn jemand kommt und das Essen nimmt? Dann brauche ich wohl auch Waffen, Munition, Goldbarren, einen Bunker, ein abgeschottetes Gelände. Wenn alle so handeln, dann werden wir diese Zeit nicht gemeinsam überstehen.
Eine Möglichkeit, sich auf die Welt vorzubereiten, die wir tatsächlich wollen – und sie durch diese Vorbereitung zugleich zu erschaffen –, besteht darin, sich darauf einzustellen, anderen in den kommenden Zeiten etwas geben zu können. Sich darauf vorzubereiten, die Mittel zum Teilen zu haben. Sich psychologisch, mental und sozial auf diese Zeiten vorzubereiten. Verbindungen aufzubauen. Geschenke und Unterstützung in Gemeinschaft zirkulieren zu lassen.
Es gibt noch einen anderen, subtileren Aspekt. Er hat mit einigen dieser ungewöhnlichen Phänomene zu tun, die bestehende Weltbilder infrage stellen und die wir zunehmend wahrnehmen. Ich erwähne sie fast in jedem Gespräch. Letztes Mal sprach ich über Ediths Workshop, über Dinge wie „blindes Sehen“. Dann gibt es diese Berichte über Telepathie – all das scheint plötzlich überall aufzutauchen.
Deshalb glaube ich nicht, dass die Herausforderung, vor der wir stehen, letztlich materielle Knappheit sein wird. Nicht zu wenig Nahrung, nicht zu wenig Strom, nicht zu wenig Dinge. Wir befinden uns bereits in einer Krise. Ja, es gibt Hunderte Millionen Menschen auf der Erde, die nicht genug Nahrung haben. Aber das liegt nicht an einem globalen Mangel an Lebensmitteln. Es liegt an der Art, wie wir verteilen. Es liegt – letztlich – an der Geschichte der Trennung: daran, dass nicht geteilt wird.
Und das Elend in meinem Land und in den meisten entwickelten Ländern entsteht für die meisten Menschen nicht aus einem Mangel an Menge, sondern aus einem Mangel an Qualität. Deshalb baue ich meinen Garten aus. Nicht, weil ich Angst habe, nicht genug zu essen zu haben. Sondern weil bestimmte Qualitäten in den Lebensmitteln fehlen, die ich im Supermarkt kaufe. Auf dem Bauernmarkt sind sie schon eher vorhanden. Aber noch viel stärker sind sie da, wenn ich eine Erdbeere direkt von meiner eigenen Pflanze pflücke und sie – noch warm von der Sonne – in den Mund nehme. Da gibt es nährende Qualitäten, die jene Dimensionen unseres Seins ansprechen, die für die kommende Welt wichtig sind – für jene Welt, auf die wir uns vorbereiten.
Das ist die Welt, auf die ich mich vorbereiten möchte. Nicht auf einen Kampf ums Überleben – weder individuell noch kollektiv. Denn ich glaube nicht, dass das die eigentliche Herausforderung sein wird. Es mag Episoden echter Not geben, und die wird es wahrscheinlich auch geben. Aber die Natur der Krise, in der wir uns bereits befinden, ist im Allgemeinen kein materieller Mangel.
Und der Heilungsweg der Menschheit wird nicht durch immer höhere Produktivität erreicht werden. Die materielle Knappheit, die viele Menschen auf dieser Erde erleben, entsteht nicht deshalb, weil insgesamt zu wenig produziert wird. Warum glauben wir also, dass eine Verdoppelung oder Verzehnfachung der Produktion Knappheit lösen würde? Seit dem 18. Jahrhundert hat wir unsere Produktion bereits tausendfach gesteigert – und dennoch gibt es weiterhin Mangel.
Aber dieser Mangel ist künstlich. Er entsteht aus unseren grundlegenden Überzeugungen, aus den Geschichten, die wir uns erzählen, und aus der Art, wie diese Geschichten in unsere Systeme eingebettet sind. Solange sich das nicht ändert, wird es immer Knappheit geben. Doch wir bereiten uns auf eine Welt des Überflusses vor.
Es gibt dabei zwei Ebenen der Vorbereitung. Die erste ist: Bereite dich darauf vor zu teilen. Bereite dich darauf vor, eine Ressource für andere zu sein. Die zweite ist: Bereite jene Dinge vor, die jene qualitativen Bedürfnisse erfüllen, die bislang unerfüllt geblieben sind – Bedürfnisse, die notwendig sind, damit wir auf einer höheren Ebene des Menschseins existieren können.
Man kann die Weltkrise durch die Linse der Untergangspropheten im Internet betrachten. Auf diese Weise versteht man bestimmte Dinge. Man kann sich in diesen Zustand des Seins begeben, und aus diesem Ort heraus gibt es Dinge, die getan werden müssen. Ich sage also nicht, dass das schlecht ist, wenn jemand sich dazu berufen fühlt. Aber gleichzeitig laufen auf der Erde viele andere Prozesse ab, die für jene Menschen unsichtbar bleiben, die nur die Barrel Öl zählen oder die Menge an Dünger berechnen.
Es gibt Prozesse des Wandels, die Fähigkeiten hervorbringen, die wir uns bisher kaum vorstellen konnten – Fähigkeiten, die die gesamte Gleichung verändern. Aber diese Möglichkeiten werden uns nicht zugänglich sein, solange wir in der Denkweise der Trennung verharren. Dann bleiben sie unsichtbar.
Darin liegt ein Paradox. Die materielle und immaterielle Fülle, die wir suchen, um Knappheit zu überwinden, wird uns nicht zugänglich werden, solange wir selbst in der Denkweise der Knappheit verharren.
Und was hat es mit dieser Denkweise der Knappheit auf sich? Es ist nicht einfach nur die tief verankerte Überzeugung: „Es gibt nicht genug.“ Eigentlich lautet sie: „Es gibt nicht genug, um zu teilen.“ Und man kann spüren, wie sich etwas öffnet, wenn sich diese Haltung verändert.
Wahrer Überfluss beginnt dort, wo man sich frei fühlt zu teilen.
Stella erzählte mir von etwas, das sie online gelesen hatte: Eine Gruppe von Menschen besuchte Kurdinnen und Kurden in einem Flüchtlingslager. Diese Menschen bildeten eine Art Kreis um ihr Lager, holten Musikinstrumente hervor, begrüßten die Helfenden, luden sie ein und versuchten sogar, sie zu bewirten. Und das waren Menschen, die selbst fast nichts hatten – die kaum genug Nahrung besaßen, um sich selbst zu versorgen. Und doch war ihr erster Impuls, Gäste willkommen zu heißen, sie zu unterhalten und mit ihnen zu teilen.
Das ist Überfluss.
Überfluss bedeutet, sich frei zu fühlen, großzügig zu sein. Sich frei zu fühlen zu teilen.
Das ist Vorbereitung. Den Teil in sich selbst zu finden, der teilen kann, und ihn zu stärken. Ihn einzuüben. Ihn zu bewohnen.
So bereiten wir uns vor.
Worauf bereiten wir uns vor?
Auf die Welt, die wir erschaffen werden. Denn die Welt, auf die wir uns vorbereiten, wird die Welt sein, die wir hervorbringen. Wir bereiten uns nicht nur selbst auf diese Welt vor – wir bereiten auch die Bedingungen für diese Welt vor.
Die Zukunft ist nichts Vorgegebenes.
Sie lässt sich nicht einfach aus Wahrscheinlichkeiten vorhersagen. Sie wird erschaffen.
Und wir erschaffen sie durch die Entscheidung, worauf wir uns vorbereiten.
https://www.youtube.com/watch?v=pB7VgGekudQ











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