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Über die Grundlagen unsres Widerstands

Die Begriffe Wolkenkuckucksheim und Widerstand beginnen nicht nur beide mit einem W, sie haben auch mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte.

Wir alle kennen, wenn auch selten, diese besondere Wahrnehmung der Welt. Befinden wir uns darin, dann ist das für andere nicht wahrnehmbar. Wir wirken wie sonst auch, allenfalls weniger distanziert, eher allem verwandter und näher. Es ist eine kindlich-freundliche Wahrnehmung, ein Mit-der-Welt-Sein. Dann fühlen wir uns in der Welt zu Hause und geborgen, so als zwitscherten die Vögel und blühten die Blumen und rauschten die Bäume für uns; so, als seien wir gemeint. Dann begegnen wir dem Blick der Wolken, die zu uns herabschauen und nicht fremd und sinnlos dort oben herumziehen, dann laden sie uns ein zu ihrem Wolkenrücken, auf dass wir wie Nils Holgerson in eine Ferne ziehen, die erreichbar in uns wohnt. Das fühlt sich an, als hätte sich eine Tür aufgetan, von der wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt, eine Himmelstür, eine Erdentür.

Auch wenn wir so einen Zustand kennen – ist das keine Spintisiererei? Die Fakten, die sind doch nicht so! Können nicht schon wenige Stichworte wie Donald Trump, Benjamin Netanjahu oder Friedrich Merz dieses Wolkenschloss zum Einsturz bringen? Bräuchten wir nicht vielmehr Widerstand gegen einen Staat, der zu seiner Verfassungsgrundlage zunehmend auf Distanz geht, bräuchten wir nicht lieber einen Generalstreik, eine Besetzung der Rüstungsfabriken, Aufstände, Straßenkämpfe, eine Revolution, Anarchie? Selbst wenn du jetzt eine dieser Fragen im Stillen mit Ja beantwortet haben solltest – hast du dich schon einmal gefragt, warum nichts davon nicht einmal ansatzweise geschieht? Woher diese Cocacola-trunkene, Handy-beduselte Kraftlosigkeit kommt?

Mit dem E-Bike gegen Panzer?

Darauf gibt es eine Menge Antworten, beispielsweise: weil die meisten von uns hoffen, dass „sich das alles schon wieder einrenkt“ (was es m. E. nicht tun wird); weil wir von dem System immer noch ordentlich profitieren (was auf die meisten Menschen, die zwischen 1939 und 1945 nicht an die Fronten mussten, ebenfalls zutraf) – weil wir also mehr zu verlieren als zu gewinnen haben; weil wir zwar wissen, was stattfindet, aber uns jeder Widerstand zwecklos erscheint; weil wir nicht einmal bemerken, was in Deutschland, Europa und der westlichen Welt vorgeht; weil wir so vom System vereinnahmt sind, dass wir nicht einmal das System bemerken – siehe das berühmte Beispiel vom Fisch, der nichts vom Wasser weiß? Oder weil wir ganz einfach feige sind?
Ich fürchte, keiner dieser Gründe stimmt für sich. Auch die größten Mitschwimmer haben eine Ahnung, dass das Wasser, das sie trägt, Gift enthält. Vermutlich sind die meisten von uns Mischtypen. Aber dann gibt es noch einen, bisher nicht genannten Grund, weshalb wir uns nicht laut empören. Und der hat jede Menge mit Realismus zu tun. Wer zur Gewalt greift, der scheint mir wie jemand, der mit Tränen in den Augen mit seinem E-Bike gegen Panzer anrennt. Schon die Machtmittel, welche die Bundesrepublik gegen Aufständische einsetzen könnte und würde, sind furchterregend; die der kognitiven Kriegsführung der NATO sind noch weit wirkungsvoller, weil sie direkt unser Denken angreifen (übrigens ein weiterer „weil“-Grund); von den Möglichkeiten eines Peter Thiel einmal ganz abgesehen.

Unsichtbar werden

Realismus hat aber nichts damit zu tun, die Flinte ins Korn zu werfen. Er lässt uns nach anderen Wegen suchen. Die beste Möglichkeit, einen Panzer zu entschärfen, besteht darin, ihm den Feind zu nehmen; wenn der Richtschütze niemanden mehr hat, auf den er schießen kann, wird er arbeitslos. Das mag vielleicht nicht die beste Metapher sein, aber doch eine, die es nachvollziehbar macht, wenn ich die Position vertrete: Wir müssen dieses System überflüssig machen. Dagegen zu kämpfen, ist nicht nur zwecklos, sondern auch sinnlos. Warum, das wäre ein anderes Thema. Erst wenn wir, ohne allen Kampf, aber mit aller Kraft und mit allen uns gegebenen Mitteln ein Parallelsystem errichten, das nicht mehr statisch, sondern fluide ist; das nicht mehr auf Wachstum, sondern auf Verbindung setzt; das nicht mehr auf Raffen, sondern auf Teilen setzt; das uns nicht als Herrscher der Welt, sondern als Mitbewohner des „Biotops Erde“ versteht – erst dann haben wir eine echte Chance. Denn ein solches Parallelsystem ist mit jeder einzelnen seiner Variablen vom alten, tödlichen System so weit entfernt, dass es wie Alberichs Tarnkappe wirkt. Wir werden so gut wie unsichtbar bzw. werden – selbst, wenn sie uns vom Kopf gerissen wird – nicht ernst genommen.

„Mitwelt“ als Denkgrundlage

Aber, wirst du dich jetzt vielleicht oder hoffentlich fragen: Wie war das noch mal mit dieser eingangs erwähnten „besonderen Wahrnehmung der Welt“, mit diesem Wolkenkuckucksheim? Was hat das alles mit Widerstand zu tun? Mehr als du denkst. Denn das ist kein Traumzustand, sondern eine ganz andere, erweiterte, intensivere Form von Wachheit, in der wir rechnen und schreiben, arbeiten und programmieren können, nur stärker und unbegrenzter als sonst, weil wir mehr, ja ganz bei uns sind. Es ist ein Zustand, in dem wir nicht mehr kämpfen müssen, sondern in dem sich die Dinge fügen. Und ein Zustand, in dem wir wirklich lieben und ganz sein können für das große Fernziel. Denn ohne die Vision einer nicht nur besseren, sondern tatsächlich guten Welt, in der der Begriff der „Mitwelt“ nicht Fremdwort, sondern Denkgrundlage ist, geht uns seelisch schnell die Luft aus. Aber selbst Mitmenschen, denen Bruder Maulwurf, Cousin Sperling oder Großvater Wal fremdes Gedankengut ist, können ja vielleicht mit Schillers „Alle Menschen werden Brüder“ etwas anfangen. Solange wir nicht diesen großen Traum zu träumen wagen, bleibt alles andere Illusion.

Bild: pixabay.de

Warum fällt uns das so schwer? Wie kann es gelingen?

Von Peter vom Zürichsee

Konflikt ist Suche nach Nähe und Verbundenheit. Das hörte ich vor über 30 Jahren von einem Konfliktforscher, der mit Israelis und Palästinensern zusammen Friedensgespräche führte (vermutlich Herbert C. Kelman). Bin ich gerade in einen heftigen Streit verwickelt, bemerke ich «die Suche nach Nähe» bei mir selbst oder meinem Gegenüber kaum. Der kreativ-konstruktive Umgang mit «Konflikten als Lebenskunst» eröffnet uns vielfältige Entdeckungs-, Reflexions- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Peter Wylers vollständigen Artikel findest du HIER.

von Charles Eisenstein

Um die Virtuosität der künstlichen Intelligenz zu verwirklichen, müssen wir ihre Virtualität anerkennen. Wir dürfen das Virtuelle nicht mit dem Wirklichen verwechseln. Wir dürfen keinen künstlichen Ersatz für Intimität, Kameradschaft, Präsenz und Verständnis hinnehmen. Wir dürfen uns nicht selbst einreden, dass wir diese Dinge durch eine Maschine gefunden haben.

Der vollständige Text auf charleseisensteindeutsch

[Bild von Stefan Keller auf Pixabay]

Der nächste Schritt der Menschheit – wohin die Reise gehen kann

Annegret Torspecken ist eine Abenteurerin. Kann man von einem Menschen etwas Positiveres sagen? (Das Gegenteil wäre der Mensch als Bürokrat.) Zweifellos besitzt sie ein anarchistisches Gen. Und weil das so ist, glaubt sie nicht an das große, kollektive Erwachen. Nein, nein, aus dem Sumpf muss sich schon jeder an der eigenen Nase ziehen. Ihr Lebenslauf beweist, dass das möglich ist, auch wenn man mal wieder zurückplumpst.

Warum rede ich von dieser Frau, die auf Mallorca ihre Heimat gefunden hat? Weil sie die Schrift „Das holographische Weltbild – was dir deine Aura zeigt und wie Selbstheilung beginnen kann“ verfasst hat. Geeignet ist sie für alle Menschen, die ahnen, dass das derzeitige naturwissenschaftliche Weltbild nicht genügt, um den großen nächsten Schritt zu tun; dass es eine wichtige unsichtbare Welt gibt, die die Naturvölker Australiens Seele nennen und Annegret meist als Aura umschreibt. Zusätzlich sagt sie, und diese Differenzierung stammt auch von den Aborigines, gibt es den göttlichen Kern direkt im Herzen eines jeden. Geeignet vor allem für Menschen, die eine kreative innere Unruhe verspüren und sich nicht mit dem scheinbar einfachen, vorgezeichneten Konsumweg zufriedengeben wollen. Menschen, die immer schon fühlten: „Da gibt es mehr in mir …!“

Letztlich handelt es sich bei ihrem Büchlein um die Aufforderung zu einer Lebens-Reisebegleitung. Annegret schreibt: „Es ist kein Lehrbuch, kein Ratgeber, keine Anleitung für ein besseres Leben. Es ist eher eine Landkarte. Eine Einladung, mit mir gemeinsam die Perspektive zu wechseln – vom mechanischen Weltbild hin zu einem holographischen. Von linearem Denken zum zyklischen Verstehen. Von äußerer Orientierung zu innerer Klärung und Rückverbindung.“

In gewisser Weise wundert es mich, dass ich Annegrets Buch (ja, letztlich ist es eins geworden) anpreisen mag. Denn ich stehe sehr vielen Spiri- und Eso-Angeboten (vorsichtig formuliert) ausgesprochen skeptisch gegenüber. Größtenteils scheint es sich dabei um eine Art Meta-Jahrmarkt der Eitelkeiten zu handeln, subtiles Egofutter eben, wo sich viele Angebote bis in die Formulierungen hinein gleichen – und eben Angebote sind, edel und kostbar verpackte „Produkte“, kaufbar und käuflich.

All dies trifft auf dieses Buch nicht zu. Wer es erwirbt (annegret-torspecken), betritt eine neue Welt in die eigene unsichtbare Natur. Wer dazu innerlich noch nicht bereit ist, kann sich’s auch in einer frühen Version erst einmal herunterladen, kostenlos. Annegret kupfert nicht ab; was sie schreibt, ist authentisch, ist Lebensergebnis. Das spürt man von Zeile zu Zeile, und das machte es mir möglich, ihr bis zur letzten Seite zu folgen, nicht immer zustimmend, aber oft auch das. Und ab und zu auch staunend: Ja, da hat jemand nachgedacht. Nach 25 Jahren intensiven Studiums in diversen Bereichen des Eso/Spiri-Jahrmarktes, etlichen Heilungsmethoden, von psychologischen über hochfrequenten bis zu unsichtbaren Meistern und zurück. Das hat offenbar ihre Sinne für die Klippen und Scheinriesen am Weg geschärft. Und zu 100 Prozent kann ich ihrer Annahme zustimmen: „Ich schreibe, weil ich glaube, dass wir an einem Punkt stehen, an dem alte Antworten nicht mehr ausreichen.“ Einstein lässt grüßen.

Und auch das kann ich unterschreiben: „Die Menschheit wundert sich, warum so ein Chaos auf der Erde herrscht, dabei zeigt es deutlich auf, dass der Mensch die Macht über sich selbst abgegeben und völlig vergessen hat, sein eigenes Gefährt durch seine Dimensionen zu führen. Grundsätzlich ist die Seele/Aura des Menschen programmierbar. Alles, was von außen in den Menschen eindringt oder dazu eingeladen wird, bringt den Menschen von seinem eigenen Weg ab.“

Annegrets Gedanken zu folgen, bedeutet: ein Gefühl dafür zu bekommen, was alles bereits auf der Aura von anderen abgelegt wurde. Was unterstützt mich, was ist „Schnee von gestern“, was kann ich selbst schon mal loslassen. Glaubenssätze erkennen, die mir nicht mehr dienlich sind.

Natürlich, man betritt hier die wenig ausgetretenen Pfade, lässt sich auf innere Abenteuer ein. Aber bedeutet nicht genau das „leben“?

Annegret Torspecken, Das holographische Weltbild – was dir deine Aura zeigt und wie Selbstheilung beginnen kann, 78 Seiten, 17,84 € bei Etsy. Ihre Homepage: annegret-torspecken

Eine Polemik von Bobby Langer und Maria Ghoebel

Nennen wir ihn Franz. Franz wirkt – mal mehr, mal weniger hoffend – seit Jahren auf einen „Wandelfonds“ hin. Diverse Anläufe gingen mit schmerzlicher Regelmäßigkeit schief. Franz zählt sich mit gutem Grund zur „Wandelbewegung“ und macht sich mit mindestens ebenso gutem Grund große Sorgen um die Zukunft, nein die Zukünfte: die Zukunft der versehrten Erde, die Zukunft ihrer hilflosesten, vom Menschen abhängigen Geschöpfe, die Zukunft der Menschheit und – naturgemäß – seine eigene Zukunft. Das alles ist auch eine Klassenfrage. Warum? Um die Antwort geht es hier.

Geräumige, grüne „Bubble“

Ich sehe schon die beim Begriff „Klassenfrage“ hochgezogenen Augenbrauen und gerümpften Nasen. „‚Klassengesellschaft‘, das gibt’s doch nicht. Ist ein Begriff aus der Mottenkiste der Kommunisten.“ So in etwa könnte die süffisante Anmerkung eines standardisierten „Grünen“ lauten. Damit meine ich jene bekennenden Grünen, die in der Mittelschicht (gelegentlich auch der Oberschicht) aufgehoben sind, sich in einer Blase (bubble) bewegen, einer „Echokammer[1]“, die so geräumig ist, dass der Eindruck, gar die Überzeugung entsteht, gepflegte Grünanlagen, Öko-Häuser, Handys, Solarzellen und Elektroautos – und natürlich Facebook, TikTok, Google und Amazon – entstünden von alleine, sozusagen arbeiterfrei. Zu dieser Echokammer gehören genauso Biomärkte, Naturkosmetik, Öko-Kleidung und vegane Schuhe; schöne grüne Welt. Natürlich: Rein theoretisch weiß man, dass sich „da draußen“ Menschen für Hungerlöhne abschuften; dass für unseren westlichen Über-Komfort, diesen elitären Wohlstand, Tag für Tag mehr Natur- und Kulturräume samt zahlreicher Tier- und Pflanzenarten vor die Hunde gehen. Rein praktisch denken wir lieber nicht dran und spenden vorsichtshalber für Greenpeace oder den Regenwald.

Die, die ihre Seele nicht verkaufen wollen

Aber da ist etwas noch Dunkleres, das meistens nicht einmal in der Theorie aufscheint: Dass nämlich diese Echokammer so gut abgeschottet ist, dass für eine enkeltaugliche Welt wenig bis nichts vorangeht; dass nach fünfzig Jahren Umweltbewegung und Hunderten von Konferenzen sich die Erde nach wie vor unnötig erwärmt, nach wie vor täglich Arten sterben, nach wie vor Tausende Quadratkilometer Primärwald abgeholzt, Böden versiegelt und Flüsse von Bergbauminen vergiftet werden. Und dass die SUVs fröhliche Urständ feiern. Der Echokammer gelingt es erfolgreich, dass die eigene Beteiligung an diesen exponentiell wachsenden Verbrechen an der Mitwelt im wahrsten Sinne des Wortes „außen vor“ bleiben kann. Als Mittelklasse definiere ich hier mal all jene, die den Euro nicht umdrehen müssen, wenn es um den Wocheneinkauf oder die Urlaubsplanung geht. Man wirft das Geld zwar nicht zum Fenster raus, aber man hat es in ausreichendem Maße auf der hohen Kante.

Aber wie ist es mit all den zugegebenermaßen wenigen wie Franz, die sich an der Schädigung der Mitwelt nicht beteiligen wollen; die nicht „mitmachen“ wollen; denen es nicht gelingt, den täglich angerichteten Schaden unseres Zivilisationsmodells unter den Gewissensteppich zu kehren; die nicht ihre Seele verkaufen wollen oder können? Das sind naturgemäß die, die keinen einträglichen Job haben, die von der Hand in den Mund leben. Das sind die, die sich bücken und eine Schnecke vom Gehweg aufklauben, ehe sie zertreten wird; das sind die, die nur das Nötigste einkaufen und forschen, wo sie es am günstigsten und am wenigsten schädlich herbekommen. Den Bio-Supermarkt können sie sich leider nicht leisten; und um sich auch mal etwas Gesundes gönnen oder am öffentlichen Kulturleben teilnehmen zu können, müssen sie an Strom, Heizung und Warmwasser sparen.

Kein Budget für Eigen-PR

Verstehen Sie jetzt, weshalb das Thema „Klassengesellschaft“ endlich im „Grünbezirk“ ankommen sollte? Und warum ein „Wandelfonds“ so nützlich wäre? Er könnte all den sensiblen Seelen auf die Beine helfen, denen die Mitwelt WIRKLICH und nicht nur theoretisch am Herzen liegt. Erst dann wären echte Oasen der sozial-ökologischen Transformation möglich und nicht nur solche, in denen sich all jene tummeln, die ein paar zehntausend Euro zur Verfügung haben, um sich in ein Ökodorf einzukaufen. Erst dann käme das Wörtchen „sozial“ auch im Grünbezirk an, könnte der alte Arbeiterbegriff der Solidarität eine neue, zukunftsfreundliche Bedeutung annehmen. Man kann nicht solidarisch sein mit Bienchen und Berggorillas, aber blind sein gegenüber den Menschen im eigenen Grünbezirk und sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Beispiel Ökoligenta: Diese im deutschsprachigen Bereich einzigartige Plattform, die den sozial-ökologischen Wandel so vollständig wie möglich abbildet, gibt es inzwischen seit 2017. Seit 2019 erscheint monatlich der Wandel-Newsletter. In beides sind Aberhunderte von Arbeitsstunden eingeflossen. Aufrufe und Bitten um eine Spende, diese Arbeit zu unterstützen, sind nahezu ausnahmslos verhallt. Nicht etwa, weil all jene, die davon profitieren, keine zehn Euro übrighätten, sondern deshalb, weil ihr Echoraum sie nicht wahrnehmen lässt, dass es „da draußen“ Menschen gibt, die solche Spenden wirklich „brauchen“. Und – entscheidend – die „da draußen“ haben für die Eigen-PR kein Budget, sondern sind froh, wenn ihnen die Waschmaschine nicht kaputt geht. Umgekehrt halten es die Grünbezirkler für selbstverständlich, sich für ihre (oftmals oberflächlichen) Dienstleistungen im Bereich „Wandel“ stattlich bezahlen zu lassen. Für das Wochenend-Seminar „Beziehungen im Einklang mit der Erde“ legt man rund 300 Euro hin, wer bereit ist, im Freien zu übernachten, darf für 200 Euro dabei sein. Das WE-Seminar „Neue Männer für eine neue Epoche“ kostet 360 Euro zuzüglich Übernachtung und Verpflegung. Für einen Online-Kurs zur „Ermächtigung der Weiblichkeit“ darf man gerne 3000 Euro hinlegen. Ein Mensch wie Franz, der aus seinem „indigenen Bewusstsein“ heraus mit Herzblut für die große sozial-ökologische Transformation die eigene Haut aufs Spiel setzt, muss draußen bleiben. Er passt nicht ins System, seine Anwesenheit würde stören. Sie könnte die wohl einstudierte Performance infrage stellen und die sie begleitende Scheinheiligkeit enttarnen. Mit Nachhaltigkeits-Label, Buddhismus, spiritueller Erleuchtung und Selbstversorgung hingegen lässt sich gut locken. Ein Hype. Man brüstet sich zwar mit Permakultur, übersieht aber, dass zur Permakultur eine grundsätzlich demütige und ehrende Haltung gegenüber Natur und Schöpfung gehört. Das wäre dann doch zu anstrengend und umfassend. Aber „Permakultur“ – das klingt halt gut. Der Green New Deal lässt die Kassen klingeln. Mit Chat-GPT sind schnell die richtigen Sätze zusammengebastelt und fertig ist das grüne, spirituelle Image.  Würden all jene, die diese Transformation täglich mit wohlgewählten Worten und schillerndem Halbwissen herbeireden, einen Euro im Monat in einen Wandelfonds einzahlen, dann wäre die Gründung echter Wandel-Oasen ein Kinderspiel. Sie würden dann auch sehen und erleben können, wie sich die eigene Lebensweise verändern lässt, ohne Krieg gegen die Natur zu führen und ohne an Wohlstand zu verlieren. Es würde ein geradezu kraftvoller Ruck durch die Gesellschaft gehen. Der, auf den so viele seit Jahrzehnten warten.

Auch die Zukunft ist eine Klassenfrage

Rein theoretisch gibt es sogar eine „Wandelbewegung“. Zumindest gab es vor ein paar Jahren Ansätze eines breitflächigen Zusammengehörigkeitsgefühls all derer, die den Großen Wandel der westlichen Industriezivilisation für notwendig hielten. Franz zählte sich dazu – und wurde auch da enttäuscht. Es fanden viele akademische und gescheite Grundsatzdebatten statt, aber echte Fortschritte für die „Wandelbewegung“ da draußen gibt es bis heute nicht. Man diskutiert munter Strukturen und Abläufe, als hätte man noch Jahrzehnte Zeit, das Handeln und Wirken der Menschheit zu transformieren. Die Erde, Mutter Natur muss eben warten mit ihrem Kollaps.  Die für ein paar Jahre aufgedämmerte, emotionale Solidarität ist fadenscheinig geworden. Von echter und wirksamer Kooperation im Alltag findet sich kaum eine Spur. Während Deutschland eine Billion Euro und mehr in eine Brutto-Sozial-Produkt-fähige Pseudosicherheit investiert, wird der ökologisch mögliche und wahrscheinliche Super-GAU erfolgreich ausgeblendet. Der findet allenfalls bei „den Wilden“ statt, irgendwo im Kongo, auf Borneo oder am Amazonas, wo wir ihnen die Lebensräume wegholzen, oder in Bolivien, Chile und Argentinien, wo wir ihnen das Lithium stehlen und zum Dank verseuchte Erde hinterlassen. Zukunft ist offenbar das, was wir uns im (digitalisierten) Kopf zurechtzimmern und nicht das, was real stattfindet. Auch die Zukunft ist eine Klassenfrage, aber diesmal auf globaler Ebene.

Ideen und Anregungen bzgl. eines „Wandelfonds“ bitte an info@oekoligenta.de

[1] Der Begriff des Echokammer-Effektes stammt aus der Kommunikationswissenschaft. Gemeint ist hier eine verengte Weltsicht, in der man sich die gemeinsame Weltsicht nur als die einzig richtige bestätigt.

Kennen Sie den Begriff der Allmende?

„Die Allmende (auch die Gemeindeflur oder das Gemeindegut) ist ein Teil des Gemeindevermögens (Landfläche, Gewässer, Wald), das als gemeinschaftliches Eigentum von der gesamten Bevölkerung benutzt werden darf“ (Quelle: Wikipedia).

Eine kurze Geschichte dazu:

Auf einer gemeinschaftlich genutzten Weidefläche halten Bauern ihre Rinder. Anfangs passt die Anzahl der Tiere zur Kapazität der Wiese, um Überweidung zu vermeiden. Doch als ein Landwirt mehr Rinder hinzufügt, leidet das Gras und wächst schlechter. Dieser Bauer profitiert finanziell, während die Wiese Schaden nimmt. Obwohl allen klar ist, dass zu viele Tiere die Weide zerstören, überwiegt oft der Eigennutz. Und so fragt sich jeder Einzelne, warum ausgerechnet er sich an die Regeln halten soll, wenn die Weide doch nun ohnehin übernutzt ist. Infolgedessen bringen die Bauern immer mehr Kühe auf die Allmende. Bald hat sich das grüne Grasland in ein Schlammfeld verwandelt, unbrauchbar für die Rinderhaltung. Die Bauern sahen das Ende voraus, aber jeder von ihnen wusste, dass es nichts bringt, als Einziger bescheiden zu bleiben. Denn die Wiese wäre trotzdem von den anderen zerstört worden und man selbst hätte außerdem noch weniger verdient. So haben die Bauern, indem sie die Grenzen nachhaltiger Nutzung missachteten, letztendlich alles verloren – eine wahre Tragödie.

Auch unsere Atmosphäre stellt ein solches gemeinschaftliches Eigentum dar, das jeder nach Gutdünken nutzen und leider auch übernutzen darf. Die Folge dieser Übernutzung ist die globale Klimakrise. Der einzelne Mensch glaubt jedoch, nur einen begrenzten Einfluss beim Thema Klimaschutz zu haben, was zu einem Mangel an Verantwortungsbewusstsein führt. Ähnlich wie die Vernachlässigung öffentlicher Orte, wie etwa herumliegender Abfall in Parks oder die mangelnde Sauberkeit auf Toiletten von Autobahnraststätten. Es handelt sich hierbei um das gleiche Prinzip: die Tragödie der Allmende.

Wie kann das Dilemma zwischen Eigennutz und Gemeinschaftswohl gelöst werden?

Dazu braucht es verbindliche Spielregeln, die das begrenzte Allgemeingut gerecht aufteilt. Bezogen auf den Klimawandel bedeutet dies, dass das Recht, die Atmosphäre durch klimaschädliche Emissionen zu belasten, einer Rationierung unterliegen sollte. Dabei versteht es sich von selbst, dass jeder Mensch ein gleichberechtigtes Nutzungsrecht an der gemeinsamen Ressource, der Atmosphäre, besitzen sollte.

Wie solch ein Modell auf EU-Ebene aussehen könnte, beschreibt die gemeinnützige Organisation für nachhaltige Ökonomie mit dem Konzept der komplementären Klimawährung ECO (Earth Carbon Obligation). Das Ausgabevolumen des ECO setzt dabei die konsequenten Rahmenbedingungen, die zwingend erforderlich sind, um das Klimaziel zuverlässig einzuhalten. So dient die Klimawährung als ökologisches Grundeinkommen, das jedem Bürger gleichermaßen zusteht und handelbar ist. Es wird sichergestellt, dass niemand über seine Verhältnisse CO2 emittieren kann, zu Lasten aller anderen. Auch dient die ECO-Währung Produkten als zusätzliches Preisschild, das den CO2-Fußabdruck der Produktion widerspiegelt. Damit ermöglicht sie den Verbrauchern, klimafreundliche Entscheidungen zu treffen. So wird ein verantwortungsvoller Umgang mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten gefördert und die Defossilisierung der Industrie beschleunigt.

Erfahren Sie mehr über diesen Vorschlag, der bereits von renommierten Klimawissenschaftlern, wie z.B. Professor Dr. Dr. Hans-Joachim Schellnhuber befürwortet wird: https://www.saveclimate.earth

Kürzlich unterhielt ich mich mit dem Vater von zwei kleinen Kindern, zwei und vier Jahre alt. Sie hatten zusammen auf einem Campingplatz am Meer Urlaub gemacht. Seine beiden Kleinen hatten 14 Tage lang mit kroatischen Kindern gespielt, ohne von der anderen Sprache auch nur ein Wort zu verstehen. Viele Eltern machen diese erstaunliche Erfahrung. Kinder können harmonieren, ohne sich zu verstehen; Erwachsene können sich verstehen, ohne miteinander zu harmonieren.

Wenn wir der kindlichen Spielweise schon so fern sind, so können wir doch zuschauen, dem Spiel der Kids beiwohnen, manchmal vielleicht sogar selbst zu Spielenden werden und für zehn Minuten oder sogar länger auf die Zeit vergessen und Glücksmomente erleben.

Ein Milliarden-Geschäft

Muss ich hier wirklich auf das kindliche Spiel hinweisen? Ist nicht unsere westliche Lebensweise Freude, Friede, Eierkuchen? Spielen wir nicht von klein auf immer mehr und immer öfter? Apple und Google verdienen allein mit den zur Verfügung gestellten Spiele-Apps jedes Jahr Milliarden. Den Playstation-Store gibt es nicht nur in Deutschland oder den USA, sondern auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indien und China. Die Sony Interactive Entertainment LLC machte im Betriebsjahr 2021/22 einen Umsatz von 16 Milliarden Euro bzw. 2,74 Billionen Yen. Spiele also, wohin man blickt. Wer sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel, einem Café oder Bistro umschaut, der wird sich von Spielerinnen umgeben sehen.

Der Markt boomt. Boomt er für uns? Oder verhält es sich umgekehrt? Nehmen wir mal an, ich wäre Marketingmanager für Computerspiele bei Sony; und nehmen wir an, ich wollte Eltern davon überzeugen, ihre Kinder möglichst viel und möglichst lang spielen zu lassen – wäre da nicht Friedrich Schiller mein überzeugendster Gewährsmann? Einst schrieb der poetische Revoluzzer diesen Satz: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Könnte dieser Satz nicht jede Playstation zieren?

Spielen: für ein Leben in Würde

Es lohnt sich, darüber nachzudenken und auch darüber, warum dem nicht so ist. Schiller sah das Spielen – nicht das einzelne Spiel – als die vielleicht einzige Möglichkeit des Menschen, seine besten Möglichkeiten zu entfalten, spielerisch Grenzen auszutesten, zu überschreiten oder neu zu definieren, sich auf den Weg zum ganzen Menschen zu machen. Kürzlich stupste ich meine dreijährige Enkelin Rosa auf einer Spielplatzschaukel an und sie schwang sich mit großem Vergnügen in den Sonnenschein hinein und zurück. Ein dominanter, älterer Kindergartenfreund rief ihr von der Rutsche aus zu: „Komm rüber zu mir, Rosa, hier regnet’s, im Spiel!“ Aber Rosa hatte noch viel zu viel Spaß am Schaukeln und rief zurück: „Jetzt nicht, bei mir regnet’s aaauch!“ Flugs war sie auf die Spielebene übergewechselt und hatte eine für sie passende Antwort gefunden. Schillers Idee des Spielens erlaubt, mit Parallel- und Gegenwirklichkeiten zu experimentieren. Der spielende Mensch, der homo ludens, sprengt die Ketten der ihn fesselnden Welt. Spielen wird zur Voraussetzung der Selbstbefreiung und eines Lebens in Würde.

Vergessen, was wir brauchen

Moderne Computerspiele wirken suchterzeugend, indem sie die Spieler zu immer neuen „Levels“ verlocken – zugegeben, es gibt Ausnahmen; die Spielerin soll immer besser werden, soll immer routinierter ihre Figuren bedienen, immer schwierigere Aufgaben lösen. Und ein zweiter Komparativ kommt hinzu: Nicht nur besser im Vergleich zu früheren eigenen Leistungen sollen wir (und wollen wir schließlich) werden, sondern auch im Vergleich zu den Mitspielerinnen.

Moderne Computerspiele sind Entertainment 2.0. Sie erlauben innerhalb ihres Regelwerks allen Spielenden, bestimmte Rollen und Eigenschaften zu übernehmen oder sogar selbst zu erfinden; das fühlt sich an, als könnten wir mit dem Spiel selbst kommunizieren. Das ist etwa so, als dürften wir die Zutaten zu unserer Lieblingsschokolade selbst zusammenstellen, ein bisschen mehr Vanille, ein bisschen weniger Kakao und vielleicht mehr Mandelsplitter und eine doppelte Prise Chili. Kaufen müssten wir nur noch die Mischmaschine und die Zutaten. Also fühlen wir uns als Schokoladenesser frei. Je mehr wir unseren Spaß beim Mischen der Schokolade haben, desto weniger kommen wir auf die Idee, dass wir die Schokolade gar nicht brauchen.

Nur kein Loser sein

Halten wir also fest: Meist spornen Computerspiele zu immer mehr Leistung an. Und sie fesseln die Spielenden an eine Fantasywelt, die mit ihrer eigenen Fantasiewelt wenig bis nichts zu tun hat. Kindlichem Spiel sind solche Vorgaben fremd.

Moderne Computerspiele befreien den Spielenden nicht von den Zwängen der Welt, indem sie ihn in die eigene Fantasie entführen; sie verlocken ihn in eine Welt knallharter Regeln, denen sich beugen muss, wer mitspielen will. Andernfalls kommt keiner über Level 1 hinaus, wird zum „Loser“ und schlimmstenfalls aus der Community ausgeschlossen.

Warum gibt es keine spielsüchtigen Kinder, obwohl Kinder doch nichts lieber tun als zu spielen und dies tatsächlich auch tun, sobald ihre sonstigen Grundbedürfnisse inklusive Kuscheln gestillt sind? Im Juni 2019 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die Computerspielsucht offiziell als psychische Erkrankung anerkannt. Rund zweieinhalb Stunden täglich verbringen deutsche Jugendliche laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen und der Krankenkasse DAK mit Computerspielen. Dass Mädchen dies deutlich seltener tun, spielt in unserem Zusammenhang keine Rolle.

Was die Grauen Herren schon immer wollten

Eine Rolle spielt vielmehr, was Jugendliche in dieser Zeit nicht tun: Sie üben kein Sozialverhalten ein, sie lesen nicht, denken nicht frei nach über sich und ihre Position in der Welt, sie sind nicht künstlerisch tätig, entwickeln keine eigenständige Persönlichkeit und erweitern nicht ihren Horizont, sie kommunizieren nicht kreativ, müssen nicht empathisch sein, erfahren keine Stille und die darin emporsteigenden Gedanken. Und je länger sie das alles nicht tun und sich mit Ersatzverhalten auf der Games-Ebene beschäftigen, desto weniger werden sie all das auch können, und zwar in exponentiellem Maß. Sie laufen Gefahr, zu Wunschprodukten der Grauen Herren zu werden, zu unreifen, kaum reflektierenden, unkritischen Funktionsträgern, denn sie haben auf eine subtile Art und Weise gelernt, die Spielregeln der Games mit ihren eigenen zu verwechseln; aber vielleicht ja nicht nur diese, sondern auch die Spielregeln der Ingroup, der Schule, der Firma, der Partei, der Gesellschaft, des Wirtschaftssystems.

Nicht zum homo ludens, dem frei spielenden, ganz werdenden Menschen entwickeln sie sich, vielmehr geraten sie zum homo faber, zum fabrizierenden, technischen, gehorsamen Menschen, dessen Entwicklungsrichtung hauptsächlich darin besteht, als Rädchen und Gleitmittel der Mega-Maschine immer besser zu funktionieren – und dies auch noch als Freiheit zu empfinden.

Bobby Langer

Wenn man sonst nichts zu tun hat, kann man sich darüber streiten …
Aber egal, Asra hat dazu einen schönen und wie ich finde, sehr lesenswerten, Blogbeitrag verfasst:

„Was ist männlich? Was ist weiblich? Und was hat das mit Männern und Frauen und Anderen zu tun?
Was ist normal? Heißes Thema. Fettnäpfchen bis zum Horizont.

Hier findet ihr den ganzen Beitrag.

Und hier als ziemlich aufwändig gemachten Videobeitrag:

Ich habe mich schon oft gefragt, wie es sein kann, dass immer wieder Menschen, die klaren Verstandes zu sein scheinen, an der Erhitzung des Erdatmosphäre zweifeln, und wenn schon nicht das, dann doch wenigstens der entlastenden Aussage anhängen, wir hätten damit nichts zu tun.
Dass die Großindustrie, insbesondere die Erdölbranche ein großes Interesse an solchen Haltungen hat, ist klar. Nur wie genau geht sie dagegen vor.
Die österreichische Tageszeitung Der Standard hat dies kürzlich akribisch rechecheriert und veröffentlich.
Fazit: „So werden Worte tatsächlich zur Waffe.“

Eine Rezension von „Schöner grüner Schein“

Von Bobby Langer

„Was auch immer Sie lieben, es ist bedroht. Aber lieben ist ein Tätigkeitswort. Möge diese Liebe uns ins Handeln bringen.“

Es gibt so etwas wie das „fröhliche gute Gewissen der Grünen“. Gemeint sind damit nicht nur die Parteimitglieder, sondern alle, die auf diesem Segelschiff der Illusionen mitschwimmen. Im Schiffsbauch befindet sich die Vorstellung eines Green New Deal, mit dem wir die westliche Industriegesellschaft ohne sonderliche Abstriche retten und weiterbetreiben können.

Die Autoren von „Schöner grüner Schein“, Derrick Jensen, Lierre Keith und Max Wilbert, bezeichnen die Segelmeister und Passagiere dieses Segelschiffs als die „Hellgrünen“.  Mit ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch tun sie alles, um Bewegung in die Wogen zu bringen und dieses ruhige Gewissen aufzuscheuchen. Kapitel für Kapitel belegen sie, dass eine „grüne“ Industriegesellschaft nur um den Preis weiterer und unaufhaltsamer Umweltzerstörungen möglich ist. „Hellgrüne Lösungen sind nur dazu da, den lebenden Planeten wieder und immer weiter zu zerstören.“

So sei also an den Anfang dieser Besprechung einerseits eine Warnung gestellt, andererseits ein Versprechen. Eine Warnung, weil die Lektüre der 463 Textseiten einem die „grüne Unschuld“ nimmt und der „deflorierte Leser“ danach ernüchtert seine Positionen überdenken muss; ein Versprechen hingegen für all jene, die schon immer das „Weiter so“ unter grüner Flagge mit Bauchgrimmen wahrgenommen haben. Hier bekommen sie endlich das inhaltliche, argumentative Rüstzeug für die nächste Debatte. Denn wenn in diesem Buch etwas nicht fehlt, dann sind das die Fakten: Fakten zur Solar- und Windindustrie, Fakten zur grünen Energiespeicherung, Fakten zu Recycling und Effizienz, zur grünen Stadt, zum grünen Netz und zur Wasserkraft sowie diversen Scheinlösungen wie Geothermie oder Kohlenstoffabscheidung.

Das Spektrum des Umweltschutzes [aus Sicht der Autoren]

Tiefgrün

Sowohl der lebende Planet als auch die nichtmenschlichen Lebewesen haben das Recht zu existieren. Das menschliche Wohlergehen hängt von einer gesunden Ökologie ab. Um den Planeten zu retten, müssen die Menschen innerhalb der Grenzen der natürlichen Welt leben.

Lifestylisten

Der Mensch ist von der Natur abhängig, und die Technologie wird die Umweltprobleme wahrscheinlich nicht lösen, aber politisches Engagement ist entweder unmöglich oder unnötig. Das Beste, was wir tun können, ist, uns in Eigenverantwortung zu üben … Der Rückzug wird die Welt verändern.

Hellgrüne

Es gibt ernsthafte Umweltprobleme, aber grüne Technologie und grünes Design sowie ethisches Konsumverhalten werden es möglich machen, den modernen, energieintensiven Lebensstil auf unbestimmte Zeit fortzusetzen.

Vernünftige Nutzer

Es gibt zwar ökologische Probleme, aber die meisten davon sind nicht so schlimm und können durch ein angemessenes Management gelöst werden.

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Alles, worum Derrick Jensen bittet, ist „ehrlich mit uns selbst zu sein“. Was er damit meint, zeigt er am Beispiel einer „unschuldigen“ Brille: „Sie besteht aus Plastik, für das Öl und Transportinfrastrukturen benötigt werden, und aus Metall, für das Bergbau, Öl und Transportinfrastrukturen erforderlich sind … und die moderne Glasherstellung erfordert Energie und Transportinfrastruktur. Die Minen, aus denen die Materialien für meine Lesebrille kommen, müssen irgendwo liegen, und die Energie für die Herstellung muss auch irgendwoher kommen.“ Es gibt nun mal kein Abrakadabra-Simsalabim für irgendein Industrieprodukt, auch wenn es uns so vorgespiegelt wird. Wir meinen, wir bräuchten nur das nötige Kleingeld zu haben, und schon „zaubern“ wir uns, ohne Umweltkosten, unseren Komfort herbei – eine kindliche Vorstellung.

Ein kleiner Wermutstropfen angesichts der vielen Fakten ist ihr relatives Alter. Der US-Titel „Bright Green Lies: How the Environmental Movement Lost Its Way and What We Can Do About It” erschien 2021. Die im Buch genannten Zahlen sind also wenigstens fünf Jahre alt. Andersherum wissen wir: So gut wie nichts hat sich seither zum Besseren gewendet.

Wie gut, dass das Autorenteam einen nicht im Regen stehen lässt. Auf rund 40 Seiten befasst es sich mit „wirklichen Lösungen“, an denen – zumindest dieser Logik nach – kein Weg vorbeigeht. Letzten Endes gehe es um alles oder nichts. Zu einer zukunftsfähigen Lösung, so die Autoren, werden wir erst kommen, wenn wir bereit sind, „eine Lawine von Wehmut auszuhalten … Aber wenn man diesen Planeten liebt, muss man es tun“. Was anstehe, sei eine Reindigenisierung der westlichen Lebensweise. „Wir müssen erkennen, dass, da die Erde die Quelle allen Lebens ist, die Gesundheit der Erde bei unseren Entscheidungsprozessen an erster Stelle stehen muss … Wenn wir unsere Werte ändern, werden bisher unlösbare Probleme lösbar.“ Wir müssen aufhören, uns die falschen Fragen zu stellen.  „‚Wie können wir weiterhin industrielle Energiemengen gewinnen, ohne Schaden anzurichten?‘, ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: ‚Was können wir tun, um der Erde zu helfen, die durch diese Kultur verursachten Schäden zu reparieren?‘“

Zurück zum Einstieg: Dieses Buch ist schwer verdauliche Kost, nicht weil es schwer zu lesen wäre, sondern weil es seinen Leserinnen und Lesern von Kapitel zu Kapitel mehr den Staub der Illusionen aus dem Zivilisationsmäntelchen klopft. „Schöner grüner Schein“, schreibt Vandana Shiva, sei „ein dringend notwendiger Weckruf, wenn wir verhindern wollen, dass wir schlafwandelnd aussterben – und damit den 200 unserer Mitgeschöpfe und Verwandten folgen, die täglich von einer extravistischen, kolonisierenden Geldmaschine in den Tod getrieben werden, die von grenzenloser Gier geschmiert und vom mechanistischen Geist des Industrialismus geleitet wird.“

Schöner grüner Schein. Warum »grüne« Technologien derselbe Irrweg in Grün sind. Von Derrick Jensen, Lierre Keith und Max Wilbert, Verlag Neue Erde, 517 S., 36 Euro, ISBN 978-3-89060-838-9