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von Peter Zettel

Natürlich bei meinem eigenen. Wo auch sonst? Wir reden zwar oft darüber, bewusst zu sein und über Bewusstsein, doch selten sprechen wir darüber, was wir eigentlich darunter verstehen. Betrachten ich und ein anderer die identische Szene, dann bedeutet das noch lange nicht, dass wir wirklich das Selbe und oft auch nicht das Gleiche sehen, denn was wir wahrnehmen können ist ja davon abhängig, was wir über die Situation denken.

Raum oder Nichtraum?

Und das kann sehr, sehr unterschiedlich sein. Es fängt ganz banal an bei dem Raum, in dem ich lebe. Ist er für mich dreidimensional und lässt sich alles, was wirklich ist, anhand der Dimensionen von Länge, Breite und Höhe beschreiben? Oder ist Raum etwas ganz anderes für mich? Ist er offen und beweglich in der Zeit und lässt sich alles, was wirklich ist, nur dann beschreiben, wenn ich den Raum als gestaltbar ansehe?

Die erste Raumdefinition passt natürlich perfekt auf mechanische Dinge. Doch dann ist damit auch schon Schluss. Alles Lebendige geschieht nämlich nach der zweiten Version der Bewusstseinsbeschreibung. Das Problem dabei ist allenfalls, dass derart viele Faktoren eine Rolle spielen, so dass man sich leicht dazu verleiten lässt, diese Offenheit und Beweglichkeit nicht zu beachten.

Unmittelbar wahrnehmen lässt sie sich in der Regel kaum. Doch ich halte es für fatal, das dann einfach zu ignorieren; so nach der Maßgabe „was ich nicht sehen kann gibt es auch nicht“. Mein gesamter Körper bis hin zum Denken funktioniert leider nicht wie eine Maschine.

Wäre vielleicht auch langweilig. Wie dem auch sei, es gibt eine Menge Gründe, sich damit zu beschäftigen. Und zwar ganz ernsthaft. Mein Verständnis von Bewusstsein hat wie jedes andere auch das eigene Weltbild als Basis. Das zu wissen ist wichtig. Sehe ich das klassische Weltbild als gegeben an, komme ich zu ganz anderen Sichtweisen als etwa ein Quantenphysiker.

Differenziert, aber nicht getrennt

Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen dem Kosmos und mir. Schließlich ist ja alles Lebendige aus anorganischer Materie hervorgegangen. Mittlerweile wissen wir ja auch, dass Materie irgendwie alles andere als leblos ist.

Und genau deswegen taste ich mich mit meinem Denken in diesen offenen, prozesshaften Bewusstseinsraum. Erst einmal versuche ich, mein Denken zu begreifen, dann den Rest von mir. Mal sehen, was dann passiert. Also beginne ich damit, folgendes nicht mehr zu glauben: Subjekt und Objekt sind grundsätzlich voneinander getrennt. Ich erlebe mich als eigenständige Persönlichkeit und bin mit belebten und unbelebten Objekten nicht verbunden.

Sondern ich sehe es so: Es gibt weder Subjekt noch Objekt, Dinge sind nur differenziert, nicht aber voneinander getrennt. So existiere ich nicht aus mir selbst heraus, bin weder eigenständig noch getrennt, sondern ich bin mit allem verbunden, was ist. Gerade die Tatsache, dass alles verbunden ist, ist nicht so einfach zu realisieren.

Blind verbunden

Doch das kann ich nicht intellektuell verstehen, ich muss mich auf diese Gedanken einlassen. Nur dann beginnen sie, sozusagen in mir zu arbeiten, denn nur dann kann ich auch die entsprechende Erfahrung machen. Um die geht es nämlich: Die Erfahrung. Ohne die bleibt es immer nur ein gedanklicher Sturm im Wasserglas.

Wir sind nämlich nicht wie mit einer Schnur miteinander verbunden, sondern auf eine ganz andere Art. Die Verbundenheit bezieht sich vor allem auf eine unmittelbare Interaktion, die ich früher oft nicht wahrgenommen oder schlicht ausgeblendet hatte. Es ist eben wie mit dem Meer und der Gischt. Das unbewegte Meer ist das eine, die Gischt entsteht daraus und kehrt auch wieder dorthin zurück.

Manchmal versteht man sich blind. Diese Verbundenheit ist gemeint. Wenn der eine jedoch partout nicht will, dann gibt es eben keine Verbundenheit, erst wieder, wenn die Gischt erneut zum Meer geworden ist. Am klarsten sieht man dies bei einem Tanz. Tänzer und Tänzerin sind von einander differenziert, doch im Tanz werden sie eins, wenn sie sich darauf einlassen.

Die Voraussetzung dafür ist, dass sie ihre gedankliche, auf das „Ich“ reduzierte Gedanken-Hülle verlassen und zum Tanz werden. Nicht-Eins, Nicht-Zwei; Nicht-Zwei, Nicht-Eins. Was die alten Ch‘an-Menschen, hier Dogen Zenji, schon sagten, bestätigen uns heute die Erkenntnisse der Quantenphysik, nur eben pragmatischer.

Den Weg studieren bedeutet, sich selbst studieren.
Sich selbst studieren bedeutet, sich selbst vergessen.
Sich selbst vergessen bedeutet, in Harmonie zu sein mit allem, was uns umgibt.

Für mein egozentriertes Leben eine echte Herausforderung. Aber eine wahrhaftige Erlösung, wenn ich es einmal begriffen habe. Nur ist es absolut wichtig, mich nicht von irgendwelchem esoterischen Gesülze einfangen zu lassen.

von Peter Zettel

Was für eine Frage! Die Antwort darauf bin ich ja selbst, denn dieser Körper, zu dem ich „ich“ sage, ist ja selbst eine Gemeinschaft aus ganz, ganz vielen Zellen, Bakterien und was weiß ich noch alles. Und da gibt es keinen, der der Chef wäre und das Sagen hätte und bestimmen könnte, was die anderen zu tun haben, nein, den gibt es nicht. Irgendwie machen die das untereinander aus. Selbst darüber, ob eine Katze und eine Maus eine Gemeinschaft sind, wenn sie in freier Wildbahn leben, ja, auch darüber kann man einmal nachdenken. Denn sie bilden wie die ganze Natur definitiv eine Gemeinschaft. Dumm nur, dass die Regeln vielen Menschen so grausig anmuten. Was aber nicht an den Regeln liegt, sondern an der üblichen menschlichen Sichtweise.

Also bleibe ich mal bei mir selbst, genauer bei meinem Körper. Dass der ganz selbstverständlich nicht für sich alleine existieren kann, will ich der Einfachheit halber mal weglassen. Jede einzelne Zelle ist für sich, aber eben nicht alleine, sondern sie lebt in Gemeinschaft mit allen anderen. Dabei praktizieren diese Zellen keine Basisdemokratie, da wäre ich schon längst tot, wenn sie das täten, nein, ich denke die praktizieren eher ein anarchistisches System, wo jeder ganz von alleine weiß, was sein Job ist und was er zu tun hat. Wahrscheinlich ist das auch Ausdruck von Schwarmintelligenz. Wir Menschen schauen ja immer auf das Ganze und wollen die Regeln vom Ganzen her erkennen, dabei funktioniert Schwarmintelligenz ganz anders, sozusagen von innen nach außen: Jeder orientiert sich an denen, die ihm am nächsten sind und fertig. Was ganz offensichtlich funktioniert! Was wahrscheinlich nicht bedeutet, dass das alles ist. Aber die Natur organisiert sich wohl wesentlich einfacher, als viele Menschen denken, weshalb sie möglicherweise auch solche Schwierigkeiten haben, sie zu verstehen.

Wenn nun schon der scheinbar Einzelne tatsächlich kein Einzelner ist, sondern in Wahrheit eine Gemeinschaft, dann gilt das erst recht für alles, womit wir in Beziehung stehen. Nehme ich da nur die allernächsten, wird das Dilemma schon offensichtlich. Jedenfalls meistens. Die Frage ist nämlich, ob ich überhaupt in der Lage bin, eine ernsthafte Beziehung zu leben! Wenn ich mir all die gesellschaftlichen Verwerfungen anschaue, angefangen in den Familien und dann weiter über den Umgang der einzelnen Länder miteinander bis hin zur Wirtschaft, dann wird, zumindest für mich, offensichtlich, dass in unsere menschlichen Gemeinschaften ein Webfehler eingebaut ist. Und wir wissen ja genau, was es für den einzelnen Körper bedeutet, wenn in der Organisation seiner Zellen ein Webfehler enthalten ist. Der kann dann als Ganzes ganz einfach nicht mehr problemlos seinen Job verrichten. Jede Krankheit ist nichts anderes als ein solcher Webfehler, davon bin ich überzeugt. Was jedoch nicht bedeutet, dass das Problem gelöst ist, wenn man eine Pille einwirft. Die kupieren nur die Symptome, sie lösen aber die Ursache nicht auf.

Was auf der körperlichen Ebene passieren kann und oft auch passiert, findet sich immer wieder auf der zwischenmenschlichen, der gesellschaftlichen wie der wirtschaftlichen Ebene, nämlich ein Webfehler, ein Organisationsdefizit. Ob in meinem eigenen Körper, in Partnerschaften, in der Gesellschaft wie der Wirtschaft geht es immer nur um Organisationsdefizite, um nicht zu sagen: um entsprechende Fehler. Wir Menschen haben uns ziemlich offensichtlich nach Strukturen zu organisieren gelernt, die anderen als natürliche Interessen dienen. Um das aber auf der zwischenmenschlichen Ebene abzuhalten, haben wir auch noch die dazugehörige Pille erfunden, nämlich die Konvention. Solange wir uns an die Regeln der Konvention halten, treten wir uns sozusagen nicht auf die Füße und merken nicht, was wir da tatsächlich machen. Wir leben deshalb nicht in einer Gemeinschaft, sondern einer Pseudo-Gemeinschaft.

„Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das Geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“ Das schrieb Scott Peck.

Und genau so ist es. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Andere formulieren es ein wenig drastischer, sie vertreten die Ansicht, dass dieses Verhalten schlicht und einfach krank ist. Das sehe ich auch so. Und genau deswegen wäre der Rückzug in das Alleinsein nichts anderes als eine Flucht, denn nichts und niemand existiert nur für sich. Haben wir also den Mut, uns darauf einzulassen! Doch was passiert, wenn wir sozusagen bereit sind, den Fehde-Handschuh anzunehmen, den das „normale“ Leben dem wahrhaftigen Leben hinhält? Bei der Pseudogemeinschaft geht es um das Kaschieren von individuellen Differenzen, im Stadium des Chaos geht es vorrangig um den Versuch, diese Differenzen auszulöschen. Man versucht, einander zu bekehren, zu heilen, auszuschalten oder ansonsten für vereinfachte organisatorische Regeln einzutreten. Es ist ein unsinniger Prozess, ein Nullsummenspiel, bei dem es nur Sieger und Verlierer geben kann und der zu nichts führt.

Doch steht man diese Phase durch, ohne sich das Hirn einzuschlagen oder wieder in die Pseudogemeinschaft zurückzufallen, dann tritt sie allmählich in die „Leere” ein, wenn alles weggeräumt ist, was zwischen den Einzelnen und der Gemeinschaft steht. Und das ist eine Menge, all die Vorurteile, Meinungen oder Erwartungen wie der Wunsch zu bekehren, zu heilen oder auszuschalten, der Drang zu siegen genauso wie die Angst, sich zum Narren zu machen oder das Bedürfnis, die Kontrolle über alles zu haben. Oft geht es aber auch darum, einen verborgenen Kummer, Abscheu oder tiefe Angst vor etwas zuzulassen und sich selbst einzugestehen, bevor der Einzelne für die Gruppe völlig „präsent” sein kann. Ich kann nicht präsent sein, solange ich etwas verberge. Das verlangt fraglos Mut. Hinterher fühlt man sich sehr erleichtert, doch während dieses Prozesses leider oft auch sterbenselend. Es verlangt eine Menge Konsequenz, um nicht schnell das Thema zu wechseln, wenn es unangenehm zu werden droht. Doch schafft man es, das auszuhalten, dann passiert ein Wandel, ein wirklicher Wandel. Wo sich bisher meist jeder hinter einer Maske zu verbergen suchte, sind auf einmal Offenheit, Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit da. Was bisher unmöglich schien, ist mit einem Mal möglich, egal ob es sich um Partnerschaften, Gesellschaften oder wirtschaftliche Organisationen handelt.

Der Weg in das Alleinsein ist also nur da angesagt, wo der Weg in die Gemeinschaft nicht gegangen werden will. Das ist dann der Fall, wenn die Menschen nicht bereit sind, in einen wirklich ernsthaften und wahrhaftigen Dialog einzutreten.

von Peter Zettel

Das unterscheidet uns Menschen von den Tieren: Sie tragen einfach keine Maske, hinter der sie sich verstecken. Obwohl, eigentlich ist es genau umgekehrt. Habe ich eine Maske auf, verberge ich nicht mich selbst, sondern ich hindere mich daran, den anderen wahrzunehmen.

Wie ich darauf komme? Kürzlich war ich auf einer Familienaufstellung, ohne irgendwelchen esoterischen und metaphysischen Schnick-Schnack. Dabei fielen mir zwei Dinge auf. Weiterlesen

von Peter Zettel

Wenn doch alles ganz anders ist, wieso ändert es sich dann nur so selten? Ganz einfach: Weil vielen das eigene Selbst wichtiger ist als die Wahrheit, zumindest wichtiger als die, die wir erfassen können. Étienne de La Boétie hat das in seiner „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“ wunderbar belegt. Aber leider hat er nur das Symptom beschrieben, nicht die tatsächliche Ursache. In seiner Abhandlung vertritt er die These, dass die Unterdrückung vieler Menschen durch einen Einzigen nur solange möglich sei, wie die vielen sich unterwerfen, statt sich kollektiv zu widersetzen. Weiterlesen

von Peter Zettel

Wie gelingt Veränderung? Das ist die Frage, die wohl sehr viele Menschen interessiert. Denn was nützen die stimmigste Idee und die beste Absicht, wenn sie nicht umgesetzt werden können. Das ist meist keine Frage fehlenden Willens, sondern eine einfache Folge fehlenden Wissens über die funktionalen Zusammenhänge neuronaler Prozesse. Dabei ist es, bedenkt man es genau, ziemlich logisch und liegt letztlich auf der Hand. Aber man muss es eben wissen.

Das Gehirn denkt nicht nur, es speichert vor allem

Unsere Überzeugungen, unsere Ansichten, unsere Meinungen – also all das, was wir entweder wissen wie auch das, was wir zu wissen glauben, richtige und unrichtige Ansichten – sind ja alle auf die ein und selbe Art und Weise in unserem Gehirn gespeichert. In diesem neuronalen Archiv gibt es keine Abteilung für „Richtiges“ oder „Falsches“. Es gibt nur eine einzige neuronale Struktur, die aber ist verdammt komplex. Erkenne ich beispielsweise, dass das Essen von Schokolade für meinen Körper ungesund ist, muss ich alle Ereignisse und Erlebnisse, die mit Schokolade zu tun haben, vor allen Dingen die positiven, in meinem Gehirn ausfindig machen, mit der neuen Information ergänzen – aber bitte auf die richtige Art und Weise, also überlegt und sehr bewusst und nicht „einfach so“ – und das Ganze dann wieder abspeichern.

Wie ich das im Einzelnen mache, muss ich nicht wissen, denn ich kann es ja. Aber wissen muss ich eben, dass jede Erinnerung, jede Information wie jeder Irrtum und wie jede Annahme auf vielfältigste Art und Weise in der neuronalen Struktur meines Gehirns repräsentiert wird. Das verlangt von mir als erstes eine gehörige Portion Gleichmut, um akzeptieren zu können, dass in diesem neuronalen Archiv, zu dessen Gesamtaktivität ich immer „Ich“ sage, bedauerlicherweise auch jede Menge Unfug gespeichert ist. Einfacher wird es dann, wenn ich bereit bin zu erkennen, dass die Überzeugung des aus sich selbst heraus existierenden „Ich“, also meiner Annahme über meine Identität, möglicherweise auch eine unzutreffende Information ist. Was ja, bedenkt man die Gedanken zur gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, nicht wirklich von der Hand zu weisen ist. Aber es hilft mir ungemein dies zu akzeptieren, wenn ich mir klarmache, dass ich auch weiterhin auf dem Stuhl sitzen werde, auf dem ich gerade sitze, wenn diese Überzeugung, die ich von mir selbst habe, gerade wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Was ändert sich denn tatsächlich? Überhaupt nichts!

Die Realität hinter der Realität

Stellen Sie sich vor, Sie sind im Zirkus und schauen einem Magier zu. Sie wissen ganz genau, dass er die junge, hübsche Dame nicht wirklich auseinander sägt, sondern dass er durch einen Trick eine Illusion erzeugt, auf die nicht Sie hereinfallen, sondern Ihr Wahrnehmungssystem. Entweder, es hat sich ablenken lassen und in die falsche Richtung geschaut, oder es hat etwas einfach nicht gesehen, weil es geschickt verborgen war. Die wirklich interessante Frage, und die können wir uns nicht oft genug stellen, ist, warum wir immer glauben, „wir“ hätten uns geirrt, wenn doch nur unser Wahrnehmungssystem schlicht und einfach etwas nicht wahrgenommen hat? Das ist ähnlich wie mit Partnern und Kindern. Mir liegen sowohl meine Partnerin wie auch meine Kinder sehr am Herzen. Doch wenn sie etwas machen, das nun wirklich nicht richtig ist, dann ist das allein ihre Sache und hat nichts mit mir zu tun. Ersteinmal.

Nehme ich es doch persönlich, dann wäre das eine übergreifende oder wohl eher noch übergriffige Identifizierung. Zwar sind wir alle Eins, doch wir müssen uns gleichermaßen als eigenständige Individuen nicht nur sehen, sondern auch anerkennen und respektieren, was zugegebenermaßen eine echte Herausforderung sein kann. Aber natürlich nur für unser Ego. Und das sind wir ja nicht, Gott sei Dank. Jedenfalls dann nicht mehr, wenn wir aufgehört haben, uns mit ihm zu identifizieren. Und das ist, jedenfalls denke ich das, genau der Casus Knacktus, der Kern der Sache, der entscheidende Punkt. Entweder, ich denke noch egoistisch und werde demzufolge mehr oder weniger, aber immer noch, in die falsche Richtung laufen. Und es kommt nicht darauf an, ob diese Richtung ein mehr oder weniger falsch ist. Sie ist einfach falsch. Sobald sich auch nur die Andeutung eines ich-bezogenen Denkens in meine Überlegungen einschleicht, bin ich, im gleichen Moment, auf der falschen Spur. Und da hilft dann auch kein Relativieren oder sonst irgendein rhetorischer Trick mehr.

Wer denkt, spricht und tut da eigentlich? 

Selbstverständlich sage ich immer noch „ich dachte …“ und so fort. Aber das ist ein sprachliches „Ich“. Zu sagen, dass „er“ erkannt hat, wenn man sich selber meint, klingt einfach nur abgehoben. Na gut, zum Spaß schreibe ich schon mal „es denkt“. Aber das war es dann auch schon. Wir haben eben, was schon die Physiker bedauert haben, eine Sprache, mit der es uns ziemlich schwerfällt, die Komplexität des Lebens abzubilden. Und wenn wir Komplexität nicht verstehen, erscheint sie uns leicht als kompliziert – was sie aber nicht ist. Also bleibt mir nur das einzig Sinnvolle übrig: Ich höre auf, „mich“ mit den Produkten und Ergebnissen der neuronalen Aktivität meines Gehirns zu identifizieren. Betrachte ich das Gehirn als eine technische Meisterleistung, die mir erfreulicherweise zur Verfügung steht, dann ist alles im grünen Bereich. Das Motorrad, das ich fahre, soll mir Freude machen, aber ich sollte mich tunlichst nicht damit identifizieren! Materielle Dinge sind ein sehr gutes Beispiel, wie ich letztlich mit allen Dingen umgehen sollte. Wenn ich sie nicht besitzen will, kann ich mich an vielen Dingen erfreuen. Will ich sie aber besitzen, dann werde ich gierig, da ich die Dinge ja besitzen muss, um mich an ihnen erfreuen zu können! Meinen Körper – und damit auch mein Gehirn – mit meinem Motorrad zu vergleichen und beides als einen guten und interessanten Gebrauchsgegenstand anzusehen, ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber letztendlich stimmt es.

Mein Körper verändert sich kontinuierlich, aber ich bin irgendwie immer noch derselbe. Also muss ich mir sehr gut überbelegen, womit ich mich identifizieren will. Am besten wohl mit gar nichts! Je weniger ich mich mit irgendetwas identifiziere, desto leichter fällt es mir, das auch zu verändern. Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn ich muss nicht „mich“ ändern oder verändern oder neu organisieren, nein, mein Gehirn muss neu strukturiert und organisiert werden. Und das fällt mir eben leichter, je weniger ich mich damit verwechsle. Identifiziere ich mich überhaupt nicht mehr mit dem, was da zwischen meinen Ohren passiert, dann funktioniert es am leichtesten. Doch das bedeutet nun nicht, dass es beliebig sein könnte, was da geschieht. Das Gehirn ist so etwas wie ein Werkzeug. Mit wohl ziemlich jedem Werkzeug kann man andere Dinge zerstören oder eben gestalten. Wenn ich wie ein Gestörter mit meinem Motorrad durch die Gegend krache, dann kann ich auch nicht sagen ‚Entschuldigung, das war mein Motorrad!‘, sondern ich muss die Verantwortung dafür übernehmen, wie ich es benutze. Und das gilt genauso auch für mein Gehirn. Es gibt viele Gründe, warum ich das Falsche tue oder denke. Manche Dinge passieren einfach aus Unwissenheit, aus Unachtsamkeit oder warum auch immer. Eines aber bleibt immer gleich. Ich muss die Verantwortung dafür übernehmen. Wer auch sonst sollte die Verantwortung für das übernehmen, was ich denke oder tue? Das kann ich doch nur selbst!

Auch das noch: Verantwortung übernehmen!

Und genauso ist es auch mit der Veränderung. Ich muss die Verantwortung dafür übernehmen und mich informieren, was notwendig ist. Bei solchen Stellen fällt mir immer Dürers Kunstverständnis ein. Kunst, sagte er, sei gewaltig und der Künstler gewalttätig, weil er sich den anderen mit seiner Kunst zumutet. Die Voraussetzungen für Kunst waren nach seinem Verständnis vier Punkte: Wissen, Begeisterung, Streben nach Perfektion, was keinesfalls als Perfektionismus missverstanden werden darf, und eine eigenständige, unabhängige Meinung, was ich auch nicht als eigenbrötlerisch missverstehen darf. Betrachte ich dieses Kunstverständnis Dürers, dann wird bei den letzten beiden Punkten deutlich, wie verfänglich konventionelles Denken ist. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass konventionelles Denken die absolute Garantie dafür ist, sich nicht zu ändern. Also ist die spannende Frage, wie ich mich aus konventionellem Denken lösen kann. Es ist wie immer im Leben. Ich muss etwas grundsätzlich anders machen. Es beginnt damit, dass ich die Ursachen-Wirkungs-Kette bis zum ersten Fraktal denke, also bis zur ersten bewussten Ursache vordringe und nicht, wie leider üblich und normal, mich mit Symptomen beschäftige und damit an der Oberfläche bleibe. Habe ich hingegen die erste Ursache gefunden und gelöst, lösen sich auch die Symptome wie von selbst auf. Veränderungsarbeit – dabei wird tatsächlich, außer meiner Gehirnstruktur, nichts wirklich verändert –, also Veränderungsarbeit die letztlich „nur“ ein Prozess der Bewusstwerdung ist, beginnt damit, eigenständig zu sein, selbst zu denken und sein Denken und Tun ganz konsequent selbst zu verantworten. Dabei muss ich mir im Klaren darüber sein, dass die alten Muster und Gewohnheiten, der äußere Ausdruck der inneren Gehirnstruktur, sich in absolut allem wiederfindet; ob in meiner Kleidung, meiner Einrichtung, meiner Art mich zu bewegen, wie ich und worüber ich reden, wie mein Motorrad aussieht und so weiter und so fort. Einfach alles.

Dabei gibt es einen scheinbaren „Point of no Return“, von dem aus es kein „Zurück“ mehr gibt. Denn tatsächlich markiert dieser Punkt keinen Punkt auf einer Wegstrecke, von dem ab es keinen Sinn mehr macht, umzukehren; vielmehr ist es der wirkliche – und nicht etwa nur der eigentliche – Entscheidungspunkt, der Punkt, an dem ich endlich begriffen habe, dass ich etwas anders machen muss in meinem Leben, soll es denn anders sein beziehungsweise werden. Ich merke dies übrigens ganz leicht an meiner Sprache. Solange ich noch Konjunktive und Absichtserklärungen bemühe, kann ich mir sicher sein, mich noch nicht entschieden zu haben. Sprache kann dabei unser bester Helfer sein. Schließlich leben wir, wie Watzlawick es einmal formuliert hat, in der Welt, die wir uns über unsere Sprache definieren. Üblicherweise übersehen wir jedoch allzu leicht, dass die Dinge außerhalb von uns selbst nicht für sich selbst existieren, sondern nur das sind, was wir in ihnen sehen, beziehungsweise das, was wir zu sehen in der Lage sind. Und das gilt gleichermaßen für Autos wie für Bäume, Partner oder Nachbarn. Es gilt einfach für alles.

Nicht wieder einschlafen!

Manchmal aber übersehe ich es gar nicht, sondern ignoriere es schlicht und einfach, weil es mir nicht in den Kram passt und mich „auffordert“, ein paar grundsätzliche Dinge zu klären. Das Dumme dabei ist, dass mir das regelmäßig sehr bewusst ist, was mein Verhalten aber leider nicht positiv beeinflusst; eher ist das Gegenteil der Fall. Da fängt dann die Verdrängungsmaschinerie so richtig an zu werkeln. Blöd nur, dass das nie wirklich hilft, sondern nur alles noch schlimmer und verfahrener macht. Wer sein Bewusstsein klären möchte, der fange am besten mit seiner Sprache an. Wie sagte doch ein verstorbener Freund von mir immer: ‚Woher soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage?‘ Dabei ist meist der erste Satz der ehrlichste, mit dem ich einen Gedanken darzulegen beginne. Ich muss immer wieder bedenken, dass ich mir, folge ich dem Eisbergmodell, in weiten Teilen meines Denkens überhaupt nicht dessen bewusst sein kann, was ich da denke. Interessant ist in diesem Zusammenhang ja auch, dass gerade in der Meditation, wenn wir vermeintlich „nicht denken“, unser Gehirn auf Hochtouren läuft. Denn zu glauben, ich würde dann nicht denken, wenn ich keine Gedanken habe, ist ein gewaltiger Irrtum. Über etwas nachzudenken, also Gedanken zu haben, ist etwas ganz anderes, als zu denken. Der Prozess des Denkens ist wirklich wesentlich mehr als Gedanken zu haben. Und ganz übel wird es dann, wenn ich diesen Gedanken nachhänge. Ein ganz schwieriges Thema für Menschen, die sich einbilden, sie würden etwas bewusst denken oder auch bewusst etwas tun können. Bewusstsein steht eben am Ende des Erkenntnisprozesses und nicht am Anfang. Und ist damit ein verdammt schwieriges Thema für die, die meinen oder glauben, sie könnten irgendetwas unter Kontrolle haben. Nicht einmal uns selbst haben wir unter Kontrolle, wir können allenfalls Dinge bewusst tun. Und dieses „Bewusstsein“ bezieht sich auf die Entscheidung zu handeln, aber handeln selbst geschieht unbewusst. Es sei denn natürlich, ich habe ein völlig anderes Verständnis von Bewusstsein, so in der Art von nicht-bewusst bewusst. Ich bin zwar bewusst, aber ich bin mir dessen nicht bewusst.

Sprache ist fraglos ein wichtiger Helfer. Aber was hilft noch? Also schaut ich mich einmal um, wer sich so im Bekanntenkreis wirklich geändert hat, oder ich suche nach den Marksteinen im eigenen Leben. Meist werden diese Veränderungsprozesse mit tiefgreifenden Einschnitten im Leben einhergehen. Partner gewechselt, alten Job hingeworfen und so weiter und so fort. Es werden sich meist Dinge finden lassen, die das Leben grundsätzlich verändern und, jedenfalls meistens, einem eine Entscheidung abverlangt haben. Oder es wurde einem die Entscheidung aufgezwungen – weil der Partner ging oder man den Job verloren hat, warum auch immer. Das drängt mir natürlich sofort die Frage auf, ob es denn nicht ohne Scheitern geht? Nein, das tut es nicht. Das Neue hat eben seinen Preis, es kostet nämlich das Alte. Und was ist das bitte anderes als zu scheitern? Also den Partner respektive den Job oder beide zusammen wechseln – oder es bleibt wie es ist? Ja, das ist so. Nur was heißt das eigentlich, den Partner oder den Job oder was auch immer zu wechseln? Das bedeutet natürlich nicht, dass man die Person zwingend austauschen muss – irgendwie geht es ja letztlich immer um Personen – nein, das ist nicht notwendig. Aber man muss den Partner in der eigenen Vorstellung austauschen, heißt, man muss die Beziehung zu ihm ändern! Und das ist wirklich unabdingbar, ob in der Partnerschaft, im Job oder im Verhältnis zu den Nachbarn.

Die Alternative finden

Die Welt, in der wir leben, definiert sich letztlich ja über die Beziehungen, die wir zu Dingen oder Personen haben. Also über die eigene innere Einstellung und damit letztlich über die Gehirnstruktur. Und genau die gilt es ja zu ändern. Die Gehirnstruktur zu ändern bedeutet also, die Beziehungen zur und/oder in der Welt neu zu gestalten. Und genau deswegen gelingt Veränderung so selten. Weil das meiste im Leben beim Alten bleiben soll. Nur keine Veränderung bitte! Und das war es dann mit der Veränderung. Also wartet man entweder solange, bis es endgültig unerträglich geworden ist, oder man arrangiert sich irgendwie auf kleinstem gemeinsamem Nenner. Fritz Perls hat das einmal wunderbar umschrieben: „Die Menschen wollen sich nicht aus ihren Neurosen lösen, sie wollen sich nur besser darin einrichten.“ Letztlich ist genau das die Frage, die wir uns stellen müssen. Wollen wir eine wirkliche und wesentliche Transformation oder genügt uns schon die Translation?

Ich sehe hier übrigens einen interessanten Zusammenhang zu einer Feststellung von Gerald Hüther. Menschen machen nämlich nur dann etwas grundsätzlich anderes, wenn damit eine Alternative verbunden ist, die sie schlechterdings nicht ablehnen können, sie sich also entscheiden müssen – rechts herum oder links herum. Sein Beispiel ist immer der 80-jährige, der Chinesisch lernt, weil er mit einer attraktiven, 60-jährigen Chinesin zusammenleben möchte. Doch wie soll man sich zwischen A und B entscheiden können, wenn es keinen wirklichen und erlebbaren Unterschied gibt? Man wird es also nicht tun und die Entscheidung wird trotz aller Beteuerungen nicht getroffen werden. Wie also können wir unser Gehirn dazu bringen, sich auf den Radikalumbau einer Veränderung einzulassen? Es liegt auf der Hand: Wir müssen unser Leben definitiv ganz anders gestalten, das heißt, wir müssen aus unseren alten Mustern und Gewohnheiten komplett und auch sehr bewusst „aussteigen“! Wahrscheinlich liegt das Problem nicht in der Vernunft, sondern in der Emotion.

Die Sache mit dem Betriebssystem 

Ein vielleicht etwas eigenwilliges Beispiel. Wirkliche Veränderung bedeutet ja, das eigene Betriebssystem zu tauschen. Ein Mac- und ein Windows-Rechner sind nun einmal nicht miteinander kompatibel, auch wenn sie nach den gleichen Strukturen arbeiten, nur eben mit einem anderen Betriebssystem. Ich tue mir immer hart mit der Bedienung, wenn ich von dem einen zu dem anderen Typ wechseln muss, etwa weil ein Programm eben nur auf dem und nicht auf dem anderen läuft. Es ist die Frage, ob sich die jeweiligen Firmenkulturen und Organisationsstrukturen nicht auch in den Systemen und deren unterschiedlicher Logik widerspiegeln. Sie lösen eine ganz verschiedene Emotionalität aus, auch wenn sie scheinbar denselben Zweck haben, sie sprechen den Benutzer auf unterschiedlichen Ebenen an. Ich habe immer den Eindruck, dass ein ganz bestimmter Typ von Mensch einen Mac hat und die Windows-Fans ganz anders strukturiert sind. Noch extremer ist es bei den Smartphones, Android versus iOS. Es ist also nicht allein die Emotionalität, sondern eine andere Haltung, die damit einhergeht. Nur wo genau liegt der Unterschied? Und vor allem: Prägt nicht auch das Betriebssystem selbst ein Stück weit das eigene Denken?

Ich verlasse jetzt aber einmal die Welt der Rechner, nicht dass ich noch Haue bekomme. Der eine denkt eher konventionell und grundsätzlich logisch strukturiert, der andere denkt zwar auch logisch, doch er verlässt immer wieder den geraden Weg und macht einen gedanklichen Sprung ganz woanders hin, er folgt nicht den scheinbar vorgegebenen Bahnen, denn er weiß, dass in der Komplexität absolut kein Ergebnis berechenbar ist, nur die Wahrscheinlichkeit des Eintritts lässt sich bestimmen, mehr nicht. Ein völlig anderes Denk-Betriebssystem, eine ganz andere Herangehensweise. Für den einen bedeutet ein „Problem“ einfach nur etwas noch nicht zu sehen und eben keinen Fehler. Was aber der andere tut, denn er denkt Fehler-orientiert. Problem oder Fehler – ein gewaltiger Unterschied. Der eine sucht die Lösung auf einer darüber liegenden (gedanklichen) Ebene, der andere aber verlässt die Ebene nicht. Die Schwierigkeit ist aber, dass diese beiden so völlig unterschiedlichen gedanklichen Betriebssysteme für die Kommunikation miteinander eine identische Sprache benutzen, was zwingend zu Verwerfungen führen muss. Die einzelnen, gleichklingenden Worte und Begriffe werden nämlich nicht mit den identischen Inhalten benutzt, was fast zwingend zu permanenten Misstönen führt, eigentlich führen muss. Die radikalen Konstruktivsten lassen grüßen.

Die Lösung

Was also wäre die Lösung? Eine sehr pragmatische Lösung hatten schon die Indianer in Nordamerika. Sie gingen nämlich davon aus, dass man das Denken eines anderen nicht mit dem eigenen Denken wirklich verstehen kann, was sich in diesem oft zitierten doch viel zu selten praktizierten Spruch niederschlägt: Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist. Bei Rechnern ist das offensichtlich. Da werden Urteile an Hand von Kriterien gefällt, etwa dem Preis, ohne jedoch das Teil jemals einen Mond lang benutzt zu haben. Man pickt sich also ein Kriterium heraus, das über das jeweilige System tatsächlich nichts aussagt. Und genau so ist es auch bei den Denk-Betriebssystemen. Solange man sie nicht wirklich benutzt hat, kann man sie auch nicht vergleichen. Erst danach. Doch warum sollte ich ein anderes Denk-Betriebssystem ausprobieren? Sicher nicht, um es nur einmal auszuprobieren, denn daran hängt meine ganzes Selbstverständnis, meine Persönlichkeit. Es ähnelt der Frage, warum jemand in ein Zen / Chan oder ein christliches Kloster geht. Das tut er erst einmal aus einer vordergründigen und zweckrationalen Motivation heraus, wahrscheinlich, weil es schick ist. Er wird dann stundenlang im Schneidersitz herumhocken, sich gut fühlen, doch innerlich passieren wird nichts wirklich. Es ist ja eines der menschlichen Phänomene, dass wir uns oberflächlich gut fühlen können, obwohl es uns unter der Oberfläche ganz anders geht. Und wir haben viele Ablenkungs-Strategien, um das konsequent ignorieren zu können. Erst nach Jahren zeigt sich dann vielleicht doch, dass noch immer etwas ansteht, etwas Grundsätzliches, eine noch offene fundamentale Frage. Es braucht manchmal Zeit zu erkennen, dass etwas im eigenen Leben fehlt. Vielen ist überhaupt nicht bewusst, woran sie leiden beziehungsweise, dass sie überhaupt leiden.

Die „Lösung“ kann also nur mit der entsprechenden Einsicht gefunden werden. Die Einsicht hat aber notwendigerweise als Schneepflug die Notwendigkeit vor sich herfahren, die den Schnee beiseite räumt, der die Einsicht am Vorankommen hindert und damit bewirkt, dass sie ständig am Durchdrehen ist. Eine Einsicht alleine ist ziemlich nutzlos, solange ihr nicht die Notwendigkeit den Weg freimacht.

Dann ist ein „Grundsätzlich anders“ überhaupt erst möglich.

 

Warum wir fünf vor 12 beschwören müssen, obwohl es längst fünf nach zwölf ist.

Erstmals seit 66 Jahren gehe ich hoffnungslos in ein Jahr. Und das wird auch so bleiben, allenfalls wird es Steigerungsstufen der Hoffnungslosigkeit geben. Da Hoffnungslosigkeit nun mal politisch inkorrekt ist, sie mir aber als die einzige sachlich angemessene Einschätzung der Wirklichkeit erscheint, möchte ich ihre Hintergründe erläutern.

Enttäuschte Liebe

Die erste große Enttäuschung in der Liebe hat aus uns einen anderen gemacht. Oh ja, wir können auch danach noch lieben, vielleicht sogar noch stärker, und gewiss sogar mit größerer Weit- und Nachsicht, doch die weiche, warme, rundum glühende Zuversicht, mit der geliebten Person werde alles und für immer gut sein, ist nach der ersten großen Liebe vorüber.

Wir haben die Moderne und ihre Versprechen geliebt, ihre Freiheit, ihren Luxus, ihre globale Aussicht auf Erfüllung und Sicherheit. Die Klimakrise und die Dominoreihe der damit verbundenen Einsichten haben uns den Glauben an das Projekt der Moderne endgültig geraubt.

Zuverlässige Vergeblichkeit

Noch 2018 hielt wir uns für Realisten, aufgeklärt, nüchtern und weltzugewandt. Wir waren gesellschaftskritisch, regierungskritisch, kapitalismuskritisch, industrialisierungskritisch, religionskritisch. Bis sich ein Mädchen vor das schwedische Parlament setzte und ohne Wenn und Aber die Einlösung der Pariser Klimavereinbarungen forderte. Nichts weiter. Vielleicht haben wir damals ein wenig gespöttelt. Doch was wir vielleicht als gutgemeinte „Verirrung eines Teenagers“ abtaten, entpuppte sich als gesamtgesellschaftlicher Weckruf.

Was ist seither geschehen? Zig Tausende von Wissenschaftlern haben sich hinter Gretas Thesen gestellt – darunter auch ProfessorInnen von Weltruf. Wir wissen das. Und ahnen doch die zuverlässige Vergeblichkeit ihrer wissenschaftlichen Forderungen.

Ans hohe Ross gebunden

Wie könnte es auch anders sein? Letztlich handelt es sich um den Ruf, das Ruder der westlichen Industriegesellschaft herumzureißen und den rasenden Elefanten zu zähmen, bevor er endgültig alles Geschirr zerschlägt. Es geht nicht mehr nur um einen Paradigmenwechsel*, sondern um einen Ontologie-Wechsel**. Doch schon ersterer ist zu viel verlangt. Zuoberst müssten wir nämlich vom hohen Ross des weißen Mannes herabsteigen, um

  • auf indigenen Schulen zu studieren, wie sich eine ausbeuterische Ökonomie in eine Kreislaufwirtschaft verwandeln ließe;
  • zu lernen, wie wir die vielbeschworene Menschwürde in Alltagshandeln übersetzen: gegenüber Arbeitern, gegenüber Chefs, gegenüber den Alten, den körperlich, geistig und psychisch Kranken, gegenüber all denen, die durch die Raster unseres Sozial- und Rechtssystems fallen, gegenüber allen Minderheiten, Hilflosen und Verlassenen, ja gegenüber ganzen Entwicklungsländern. Mit einem Wort, wie wir die hehre Theorie der Menschenwürde so sehr in eine täglich geübte Praxis der Solidarität verwandeln, dass ein SPDler einem CDU-Abgeordneten applaudieren könnte, ohne das Gesicht zu verlieren, und umgekehrt;
  • die Priorität des Gewinns und der Monetarisierbarkeit gesellschaftlich relevanten Handelns durch die Priorität der Nachhaltigkeit auf allen Gebieten zu ersetzen: ökologisch, ökonomisch, sozial;
  • unsere selbstverständlich gewordenen Zivilisationsstandards in Frage zu stellen: unsere Mobilität, unsere allzeitige Verfügbarkeit von Lebensmitteln und Konsumgütern, den medizinischen Luxus, unsere Raumbedarf, den unbegrenzten Vorrat an Energie;
  • den Naturgütern Erde und Wasser als Subjekten gegenüberzutreten, ihnen also ihre Würde zurückzugeben, indem wir sie weder besitzen noch missbrauchen dürfen;
  • Eigentum als die psychische und mentale Grundlage unseres Strebens und Trachtens in Frage zu stellen; denn Eigentum impliziert die mehr oder weniger beliebige Verfügbarkeit über das Besessene, auch wenn es sich dabei um meine Frau, meine Kinder oder jedwede Natur handelt.

Auch nur einen einzigen dieser sechs ineinandergreifenden Aspekte in absehbarer Zeit, also z.B. innerhalb von 30 Jahren, umzusetzen, erscheint mir als ein Ding der Unmöglichkeit und würde einen gesellschaftlichen Diskurs erfordern, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Und voraussichtlich nicht geben wird. Technische Maßnahmen und ein paar Verordnungen und Gesetzesänderungen – gar nur auf nationaler Ebene – werden ein Schrei gegen den Sturm bleiben, der über uns hereinbricht.

Sogar die Geliebten sind weg

Nun gleichen wir enttäuschten Liebende, denen nicht nur die Liebe, sondern obendrein die Geliebten abhandenkamen. Wir glaubten, eine Geliebte namens Parteiendemokratie könne die gute Zukunft richten, eine Geliebte namens soziale Marktwirtschaft, namens Bildungssystem, namens Sozialsystem, namens Innovationskraft oder namens Technologie. In seinem Buch “Die unbewohnbare Erde” fasst der New Yorker Journalist David Wallace-Wells die Situation so zusammen: “Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie glauben.” Letztlich spielt es nämlich keine Rolle, ob bis zum Zusammenbruch der zivilisatorischen Systeme noch zehn oder 50 Jahre vergehen. The Great Turning wird keiner dieser Geliebten zustande bringen.

Warum? Weil wir diesen Großen Wandel letztlich nicht wollen. Weil wir zu der erforderlichen Großen Solidarität, einer vollumfänglichen Natursolidarität, nicht bereit sind. Sie ginge weit darüber hinaus, einem Bettler ein paar Euro in den Hut zu werfen – was uns meist schon überfordert – oder sorgsam zu Hause unsere Blumen zu gießen. Mit einem Heer von Uneinsichtigen und Unwilligen lässt sich kein Großer Wandel bewerkstelligen. Erst wenn wir nicht mehr – offen oder insgeheim – herablassend schmunzeln, wenn Indigene die Tiere als ihre Geschwister bezeichnen oder ganz selbstverständlich von „Mutter Erde“ sprechen; erst wenn wir menschliche Wärme, Nähe und Zuverlässigkeit höher schätzen als alle Güter dieser Erde; erst wenn wir uns als Teil eines großen Ganzen verstehen, werden wir eine Chance haben. Sie wird unsere einzige sein. Sie IST unsere einzige.

Mit Zweckhoffnung in die Graustufen

Es ist längst fünf nach zwölf. Darf ich also Hoffnung haben? Oder ist Hoffnungslosigkeit die angemessene Haltung? Vielleicht ist es aber die Zweckhoffnung? Wenn es Zweckoptimismus gibt, warum dann nicht auch Zweckhoffnung? Nach dem einen oder anderen Liebeskummer erhielt ich den Hinweis: „Der liebe Gott hat noch mehr schöne Mädchen gemacht.“ Auch wenn es schon halb eins sein sollte, so wird doch der Wandel zum Schlechten und Schlimmen nicht plötzlich kommen, sondern sich so einschleichen wie die Wetterextreme der letzten Jahre. Die fielen uns anfangs ja auch nicht auf. Es wird also auf das Weiß des Status Quo nicht gleich eine schwarze Zukunft folgen, sondern manche Stufen von Grau. Wenn die vielen Geliebten uns verlassen haben, können wir uns immer noch eine/n neue/n suchen – und handeln, als sei es noch fünf vor zwölf. Das ist das einzige, was uns übrigbleibt: Wir haben zwar keine Chance, aber wir nutzen sie.

*Paradigma: Denkmuster, das die Weltsicht einer Zeit prägt
** Ontologie: die Lehre vom Sein

[Bild von Pexels auf Pixabay]

… so heißt Alanders Text über die (scheinbare) Vergeblichkeit, einen grundlegenden Wandel für eine bessere Zukunft zustande zu bringen. Ich kenne diese Trauer sehr gut und sie verstärkt sich, weil gerade so viel Hoffnung in der Welt ist. Wie die “Traurigkeit” entsteht und was wir gegen ihre Ursachen tun können, davon handelt Alanders Beitrag in “Die Posie des Wandels”.

Mit diesem Zitat beginnt Mario Sedlak seinen “Beitrag über Sachargumente contra Gefühlsargumente”.
Warum wir das augerechnet auf ökoligenta empfehlen?

Ganz einfach: Weil ein Paradigmenwechsel ansteht. Nur wenn wir uns ziemlich rasch mental darauf einstellen, dass wir “anders” leben müssen, sprich zukunftsfähig/enkeltauglich/mitweltverträglich, bekommt der düstere Zukunftshorizont einen kleinen rosa Schimmer. Und um uns mental umzustellen, sollten wir erstmal die Fakten zur Kenntnis nehmen. In unseren Reihen meinen nämlich noch immer viele, dass es wohl so schlimm nicht kommen könne. Das ist zwar psychologisch verständlich – wer gibt schon gerne seine existenzielle Gemütlichkeit auf -, entspricht aber eben nicht den Tatsachen. Und die sind nun mal nicht stimmungsaufhellend (siehe Überschrift).

HIER also zu Marios Blogbeitrag …

[Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay]

von Peter Zettel

Ja, das tun wir. Definitiv. Ich jedenfalls bin der Überzeugung, dass das sehr, sehr viele tun. Und man kann die Matrix auch recht gut beschreiben. Sichtbar wird sie zum einen in der Konvention und zum anderen in dem Wirtschaftssystem, das wir haben und in dem die meisten von uns arbeiten. Beides definiert, wie wir uns letztlich verhalten. Dem kann niemand entkommen, es sind die Rahmenbedingungen unseres gegenwärtigen Lebens. So weit der Anschein und das sogenannte Normalverhalten. Verlasse ich nämlich die Konvention, verlasse ich wohl auch das Funktionieren in diesem Wirtschaftssystem. Weiterlesen

von Peter Zettel

Von kompliziert zurück zu komplex. Keine Sorge, die Welt bleibt, wie sie ist und auch schon immer war, da muss man nichts ändern. Tiere haben es da verdammt gut. Die verhalten sich ganz klar nach komplexen Prinzipien, die denken nicht kompliziert, so wie wir Menschen das so wunderbar können.

Die Menschheit hat sich in dem komplexen Lebensraum Erde einen ganz eigenen geschaffen, mit eigenen Spielregeln. Und da dieser Raum vor allem mechanische Dinge enthält, brauchte es dafür mechanische Regeln. Wie soll man sonst auch Häuser, Viadukte und all die Dinge bauen, die das Leben so angenehm machen? Das Blöde war nur, dass der Mensch irgendwann auf die unsinnige Idee kam, diese mechanischen Regeln auch auf sich selbst anzuwenden. Echt dumm gelaufen, aber passiert ist nun einmal passiert.

Seit ungefähr einem Jahrhundert sind die Physiker darauf gekommen, dass unser Verständnis von der Welt irgendwie unvollständig ist. Das hatten auch schon andere Philosophen vor ihnen erkannt, nur die Physiker konnten das ganz pragmatisch auch noch nachweisen. Ihre Erkenntnisse waren eben nicht philosophischer Natur, sondern technischer. Die Erörterung grundsätzlicher Fragen kam bei ihnen erst danach. Und diese Erkenntnisse haben still und leise unsere Menschenwelt verändert, und das gewaltig. Weil diese Erkenntnisse in unsere Technik allgegenwärtig und nicht mehr wegzudenken sind. Und scheinbar hat das auch unser Denken verändert.

Ob das der einzige Grund ist, warum wir gerade Feuer unter dem Dach haben und ob die Tatsache der regelrechten Explosion der Bevölkerungszahlen dabei eine Rolle spielen, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich vermute, dass es das grundlegende Problem deutlicher und drängender macht. Technisch sind wir interessanterweise einen Schritt zurückgegangen, wir haben nämlich damit begonnen, die Komplexität zu entdecken. Das ist ja keine neue Erfindung, die galt schon immer, nur wir Menschen haben das ganz offensichtlich perfekt ausgeblendet. Oder ignoriert, keine Ahnung.

Wir stoßen gerade mit unserer Art, die Dinge nach mechanischen Regeln managen zu wollen, gewaltig an die Wand. Mir kommt das vor wie in der Truman Show. Alles nur ein Fake. Sehr realistisch, aber eben nicht echt und am wirklichen Leben komplett vorbei. Ich jedenfalls fühle mich seit einiger Zeit wie Truman Burbank und bin mit meinem geistigen Segelboot gerade durch den Horizont gekracht. Auf einmal sieht alles ganz anders aus. Nur nach welchen Regeln soll man sich da orientieren, wenn die alten doch irgendwie nicht stimmen, unvollständig sind?

Immanuel Kant hat für die Menschenwelt seiner Zeit einen perfekten Gedanken ausgesprochen, seinen kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Das könnte auch heute noch perfekt funktionieren. Könnte man meinen. Tut es aber leider nicht. Auch nicht, wenn ich in die Zeitung schaue, auch ganz offensichtlich nicht. Denn irgendwie haben wir den Horizont des mechanischen Denkens und damit auch den eigenen Horizont, also unser eigenes Weltbild, durchstoßen. Wenn schon Physiker sagen, dass das mit den Naturgesetzen nichts ist, es sind nämlich keine Gesetze, sondern nur Beschreibungen, dann gilt das auch für unser eigenes Denken (sehr empfehlenswert: Natalie Knapp, Der Quantensprung des Denkens: Was wir von der modernen Physik lernen können).

Wir „funktionieren“ ganz anders, als wir üblicherweise dachten. Und mit starren Gesetzmäßigkeiten ist da kein Kohl mehr zu gewinnen. Gesetze, Regeln und Methoden funktionieren nicht, haben sie auch noch nie wirklich. Nur jetzt bekommen wir das gewaltig zu spüren und merken, dass wir auf der falschen Seite des Astes sitzen, an dem wir sägen. Was also tun? Klar, anderes denken, keine Frage. Doch damit ist der Umgang miteinander noch nicht so geordnet, dass wir sagen könnten, es passt. Jede Zeit braucht ethische Prinzipien, die die Menschen zum einen verstehen und die auch zum anderen den Erfordernissen ihres alltäglichen Lebens gerecht werden.

Natürlich sollte man sich immer noch an Regeln und Gesetze halten, so wie auch Newtons Physik noch immer ihre Gültigkeit hat. Aber es ist etwas dazugekommen, lässt uns die Welt mit anderen Augen sehen. Der Anwendungsbereich der klassischen Physik ist kleiner geworden, er gilt eben nicht mehr für das Miteinander, für unsere Beziehungen. Wie gesagt, es hat noch nie wirklich funktioniert, nur jetzt merken wir es überdeutlich. Das heißt, wir müssen auch unsere Ethik unserem veränderten Weltbild entsprechend neu formulieren.

Täten wir das, wäre es wohl wesentlich leichter, sich in dieser neuen alten Welt angemessen zu bewegen. Wir brauchen definitiv das Verständnis für eine weitergehende Ethik. Meine Überzeugung ist, dass wir nicht mehr nur vom Handeln ausgehen dürfen, wie Kant, sondern wir müssen wesentlich grundsätzlicher vom Denken ausgehen. Etwa in dieser Art: Denke so, dass deine Gedanken, Ideen und Vorstellungen das Leben aller lebenswerter machen. Ich weiß, das ist noch nicht griffig genug. Doch die Richtung stimmt!