Wie können wir in ein neues gesellschaftliches Paradigma finden? Haben wir dazu überhaupt die geringste Chance? Ja, sagt Peter Zettel, dessen oftmals provokative Texte aber letztlich den Weg weisen.

Von Peter D. Zettel

Was kann ich tun, wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, wie Theodor Adorno es formuliert hat? Für bare Münze genommen, wäre das ein ziemlich zynischer Satz. So aber kann das Adorno nicht gemeint haben, jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen. Es ist wohl mehr die Herausforderung, der sich jeder stellen muss, der sich bewusst ist, was in unserer Zeit gerade passiert, von Kriegen über Gewalt, Neid, Hass, Gier und Missgunst bis hin zur Zerstörung der Natur und damit unserer eigenen Lebensgrundlage.

Was kann ich also tun, außer den Kopf in den Sand zu stecken? Vielleicht beginnt es bei dem eigenen Verständnis von Macht. Ich bin, 1951 geboren, von der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Der war ja nicht möglich, weil Hitler ein böser Mensch war, sondern weil viele die von ihm zum Ausdruck gebrachten Einstellungen teilten – oder er sie aufgegriffen hatte. Aber etwas Entscheidendes darf man nicht übersehen, nämlich dass er mit demokratischen Mitteln an die Macht kam. Es war die Bereitschaft vieler, sich der aktuellen gesellschaftlichen Situation zu beugen, sich nicht zur Wehr zu setzen, vielleicht sogar zu glauben, sie für eigene Zwecke nutzen zu können. Und wie ist es heute? Viele beklagen sich lautstark über all die Dinge, die falsch laufen, doch haben sie auch den Mut, das Richtige zu tun und zu ihrem Chef „Nein!“ zu sagen, wenn der will, dass sie etwas tun sollen, was „eigentlich“ nicht in Ordnung ist? Oft ist es ein schleichender Prozess, eine leise beginnende Erosion gesellschaftlicher wie persönlichen Werte, die einen auf die schiefe Bahn kommen lässt.

Gerade höre ich von einer Firma, in der sich alle Mitarbeiter über etwas beklagen, weil es schlicht sinnlos ist und nur Zeit kostet – doch keiner sagt etwas, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren. Letztlich beschädigt sie das aber alle, denn es trägt nicht zur Wirtschaftlichkeit bei, im Gegenteil. Doch keiner wagt es, etwas zu sagen, eben aus Angst um die eigene Existenz. Und das ist die Falle, in der sich so viele gefangen sehen. „Die da oben“ heißt es dann, weil man sich ja nicht eingestehen will, dass man das freiwillig mitmacht. Doch die da oben haben genauso Angst um ihren Job, denn sie sind den auch recht schnell los, wenn der Aktienmarkt ihnen nicht mehr zugetan ist. Doch warum gibt es Unternehmen, die solche destruktiven Spiele nicht mehr mitspielen und gerade deswegen und nicht trotzdem wirtschaftlich erfolgreich sind? Weil einem jeder Ökonom erklären kann, dass Wirtschaftlichkeit und Aktienmarkt nicht kompatibel sind. Statt also einfach aufgeben und sich selbst zu korrumpieren – und nicht etwa korrumpieren zu lassen – sich also zusammenzusetzen und zu überlegen, was zu tun ist. Aber einer muss anfangen. Und wenn man das selbst merkt, dann ist man eben selbst dieser eine, der anfangen sollte.

Es ist, zwar auf einer ganz anderen Ebene, die selbe Dynamik, die auch in Politik und Gesellschaft Alltag ist. Dazu ein Zitat von Albrecht Mahr: „Die Kraft, derer sich der Nationalsozialismus bemächtigt hat – oder besser: das versucht hat – ist vergleichbar mit der Atomkraft, die unvorstellbar destruktiv sein kann, aber eben auch sehr nützlich. Im Nationalsozialismus waren die Bereitschaft des Dienens, des Verzichts auf persönliche Vorteile, die große Entschlossenheit etc. aufgerufen – alles gute Dinge – und sie waren in den Dienst einer vernichtenden rassischen Ideologie gestellt, die von Abermillionen mitgetragen wurde. Die destruktive Ideologie und die von ihr missbrauchten Kräfte sind aber nicht das Gleiche, und wir sind da zur Klarheit der Unterscheidung aufgefordert. Das heißt, wir müssen uns der mächtigen Kräfte, etwa unbedingter Entschlossenheit und der Willenskraft, für die Wahrheit einzutreten, bewusst werden und lernen, sie für die Ziele einzusetzen, die allen Menschen dienen und niemanden ausschließen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Verquickung von Macht und Ideologie in Deutschland eine „pazifistische Versuchung“ nach sich gezogen hat, das heißt Aggression in jeder Form zu vermeiden, weil sie mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Diese Art der Friedfertigkeit führt zu Kraftlosigkeit – wir werden dann ‚wie gekochtes Gemüse‘, hat mal jemand gesagt.“

Es hilft also nichts, wir müssen uns mit all diesen Seelenkräften vertraut machen. An der Grausamkeit des Nationalsozialismus gibt es nichts zu deuteln, aber auch nicht daran, dass viele – scheinbar sehenden Auges – in den Abgrund geraten sind. Die Fokussierung auf nur wenige hat den fatalen Effekt, dass man dann schnell bereit ist, die Anteile und das Verhalten anderer auszublenden. Beispielsweise, dass Höß, der Lagerverwalter von Auschwitz-Birkenau, ein liebevoller Vater und freundlicher Ehemann war. Hanna Arendt hat es in ihrem Text über die Banalität des Bösen klar herausgestellt, eine Betrachtung über Adolf Eichmann. Was ihr aber keine Freunde eingebracht hat, denn das bedeutet letztlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, ausnahmslos jeder; wenn er nicht seine Haltung, sein Denken und sein Tun permanent reflektiert und sich wirklich bewusst ist, was gerade in ihm vorgeht. Das ist auch gut beschrieben in dem Video „Das radikal Böse“ oder in dem „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész. Doch wenn wir bereit sind, uns gerade auch mit dem ungern Gesehenen zu beschäftigen, nämlich mit den aggressiven Aspekten in uns wie mit unserer Wortwahl, in der oft die Keime zu Gewalttätigkeit enthalten sind und die scheinbar zu unserer Grundausstattung gehören – warum auch immer. Das heißt, wir selbst sind aufgefordert, uns auf einem anderen Bewusstseinsniveau anzusiedeln. Das lässt uns am Ende friedfertiger und zugleich kraftvoller werden – und wir brauchen beides.

Es kann also nicht sein, dass mir die Möglichkeit richtigen Lebens verstellt ist, gleichgültig, wie ich mein Leben gestalte. Das ist in meinen Augen nichts anderes als eine Ausrede. Adorno aber meint das Gegenteil. Anstatt sie aufzuheben, bekräftigt er die Differenz von Richtig und Falsch. Auch wenn ein im Ganzen richtiges Leben unmöglich ist, so ist es für ein unverblendetes Dasein äußerst wichtig, sich denn Sinn für das Richtige nicht abkaufen zu lassen. Und genau deswegen überlegt Adorno immer wieder, wie es am besten wäre, sich in schwieriger Lage zu verhalten, weil er einerseits die destruktiven Tendenzen der Moderne klar sieht, er aber andererseits den „Traum eines Daseins ohne Schande“ nicht aufgibt.

Mit diesem Traum freilich hat es eine besondere Bewandtnis. Adorno lässt sich von einem außerordentlich extremen Ideal des individuellen und gesellschaftlichen Lebens leiten. Dem Modell der Produktion, von dem er alles Leben – und Morden – unter den Bedingungen der Moderne geleitet sieht, stellt er ein Modell der Kontemplation gegenüber, unter dem Menschen und Dinge einander in unwillkürlicher Aufmerksamkeit begegnen könnten. Nur vom Unmöglichen her können wir seiner Ansicht nach unsere Möglichkeiten verstehen. Ich denke, dass es genau so ist.

Dabei gilt es, zwei ganz wesentlichen Dingen gerecht zu werden. Zum einen sind wir nur zu einem sehr geringen Prozentsatz unserer selbst bewusst. Wir können uns also nie sicher sein, dass wir alle Aspekte einer Sache sehen können, auch bei uns selbst nicht. Dieser fehlenden Bewusstheit für uns selbst können wir nur durch einen sehr bewusst gestalteten Alltag begegnen. Krishnamurti hat es treffend formuliert, nämlich dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist. Doch das bedeutet eben nicht, alles laufen zu lassen, sondern den Alltag sehr bewusst und klar zu gestalten.

So wie man Kindern eine aus Orten, Zeiten und Gesten bezeichnete Welt baut, damit diese bezeichnete Welt sie die ersten Wichtigkeiten lehrt, genauso machen es auch Zen-Menschen. Sie bauen sich eine absolut klare und einfache, aber auch sehr strikte Alltagswelt auf, denn die ermöglicht es ihnen, die Leerheit zu erfahren. Christliche Mönche machen es übrigens genauso. Erst der klar strukturierte Alltag macht Kreativität, Kontemplation und Reflexion wie geistige Versenkung überhaupt möglich. Je geordneter mein Bücherregal ist, desto leichter finde ich mich darin zurecht. Und dann bin ich nicht mit Suchen beschäftigt, sondern kann lesen. Entsprechend ist es auch mit dem Alltag. Je klarer der strukturiert ist, desto mehr Zeit habe ich für mich selbst. Keine Ablenkung.

Dazu kommt, dass ich ja nur das erreichen kann, was ich mir auch vorstellen kann. Andererseits kann ich mir gar nicht vorstellen, wie gefangen ich normalerweise in Vorstellungen bin. Doch dazu brauche ich ein klares Umfeld, so wie ein guter Designer einen leeren Schreibtisch hat. Je mehr rumliegt, desto weniger kreativ ist er. Ich muss mir also einen Raum schaffen, in dem Neues generiert werden kann. Und je mehr in dem Raum schon vorhanden ist, desto schwieriger ist das für mich. Ich brauche also den leeren Raum mit möglichst geringer Ablenkung, um in mir eine Vorstellung von Leerheit entstehen lassen zu können. Denn auch die Leerheit kann ich mir vorstellen, es ist der Raum des Möglichen.

Gerade habe ich eine Website gefunden, in der es einerseits um Zen, wie um das Kochen in einem Zen-Kloster, und um Kyodo geht, das von Zen geprägte Bogenschießen. Dabei kam mir der Gedanke, der wohl schon lange in mir geschlummert hat, warum nicht Zen mit einem Leben im Alltag und Bogenschießen mit etwas zu tauschen, was man öfters tut, etwa Motorradfahren? Und das Kochen zum Ritual zu machen, wie es ein Zen-Meisters macht? Das würde Zen von dem exotischen Touch befreien, den es dank der Roben und Rituale nun einmal hat. Aber die Haltung bliebe. Und auf die kommt es an. Wir wissen, dass Form den Inhalt generiert. Will ich also eine spezifische Haltung leben, brauche ich die dementsprechende Form. Und weil ich weiß, dass ich einen direkten Einfluss auf Äußerlichkeiten habe, nicht aber auf die Grundlagen dessen, was ich denke und damit auch nicht auf das, was ich tue, denn das ist mir im Wesentlichen nicht bewusst.

Es ist die alte Gretchenfrage: »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« Religion steht hier für all das, was Gretchen in ihrem Leben als Maßstab des Handelns ansieht, als Orientierung in ethischen Fragen und im ganz alltäglichen Leben. Es geht in der Gretchenfrage also um das Selbstverständnis Fausts als Menschen. Es ist keine »Gewissensfrage« im traditionellen Sinn, sondern die Frage nach der Norm, nach der ein Mensch sein Leben ausrichtet. Und das ist genau die Frage, der wir uns immer wieder stellen müssen, wollen wir wesentlich und wahrhaftig sein und wenn es nicht bei den philosophischen Gedanken und Reflexionen bleiben soll.

Doch was prägt meine Gedanken, meine Haltung und mein Welt- wie mein Selbstbild? (Immer in dieser Reihenfolge!) Ganz einfach, das ist das, worauf ich mich konzentriere, womit ich mich beschäftige und wie ich letztlich lebe. Und am Anfang steht ein Gefühl, mein Lebensgefühl. In meinem Lebensgefühl wird mein implizites Welt- und Selbstbild sichtbar, es zeigt sich in meiner Lebensweise. Es fängt ganz banal an: Warum fahre ich dieses und kein anderes Motorrad oder Auto? Warum esse ich lieber so und nicht anders? Weshalb mache ich diesen Urlaub und keinen anderen? Oder warum kaufe ich mir lieber eine CD von Sting als in ein Konzert mit ihm zu gehen? In meiner Lebensart und meinem Lebensgefühl ist mein implizites Inneres sichtbar, auch für mich selbst, wenn ich bereit bin, mich darauf einzulassen. Das ist gar nicht so leicht, denn das bedeutet die hellen und die dunklen Seiten gleichermaßen zu sehen. Nur zusammen ergeben sie ein Bild meiner selbst. Immer wieder muss ich mich fragen, ob ich nicht doch wieder einmal an etwas Vordergründigem und an der Oberfläche hängen geblieben bin. Ein Beispiel: Über lange Zeit habe ich von der „Macht der Gedanken“ gesprochen, bis ich irgendwann endlich begriffen hatte, dass die gar keine Macht haben. Persönliche Macht setzt sich nämlich zusammen aus Lebenskraft und einer Ideologie.

Gedanken sind nichts anderes als die Exekutive, die mittels meiner Lebenskraft das umsetzen, was ihnen meine Haltung vorgibt. Und meine Haltung ist nichts anderes als das Spiegelbild meines Welt- und Selbstbildes. Die beiden sind mir aber nicht bewusst, sondern schlummern in den Tiefen meines Nicht-Bewussten. Gehe ich aber davon aus, dass Gedanken selbst Macht hätten, dann sitze ich einer Illusion auf. Und darum funktioniert das mit der Gedankenkontrolle auch nicht, denn über mein Gehirn habe ich nun einmal keine Kontrolle. Und auch mein Welt- und Selbstbild kann ich nicht so einfach mal austauschen, wenn ich einen Fehler darin entdeckt habe, denn es ist ja mehrheitlich nicht bewusst. Damit stellt sich die Frage, was mein Welt- und auch mein Selbstbild eigentlich prägt. Ganz einfach, es wird durch das geprägt, womit ich mich beschäftige und wie ich lebe.

Wie also will ich leben? Auf diese Frage eine sehr bewusste, klare und überlegte Antwort ohne jegliche Spur von Oberflächlichkeit oder Populismus zu geben – das ist die Quintessenz. Manche Menschen denken ja, wir würden uns zu viele Gedanken machen angesichts all der Dinge, die wir nicht wissen. Es ist richtig, wir wissen sehr, sehr vieles nicht. Aber wie es auch ist, wir sollten von dem ausgehen, was wir wissen und das Beste daraus machen. Denn einfach nur fatalistisch die Hände zu falten und nichts zu tun ist exakt die Option, die Adornos für zynisch hält. Fatalismus ist definitiv zynisch und für mich absolut keine Option.

Heißt, ich setze das Thema Zen & Alltag für mich um, so gut es mir gelingt.

 

von Dieter Duhm

Ich bin 76 Jahre alt, heute noch so politisch aktiv wie in der Studentenbewegung 1968, aber mit Erfahrungen, die ich mitteilen muss, weil ich inzwischen verstanden habe, woran bisher fast alle Bewegungen gescheitert sind.

Heute gehen viele Tausend junger Leute auf die Straßen für Klimaschutz und Systemwechsel. Danke dafür! Ich kann nur hoffen, dass diese Bewegung genügend innere Kraft und Ausdauer gewinnt, um tatsächlich zu einem Systemwechsel zu führen. Das wäre wirklich eine historische Wende, denn seit Jahrhunderten kämpfen Menschen gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, und seit Jahrhunderten verlieren sie ihren Kampf gegen die Übermacht des bestehenden Systems. Und doch ist dieser Kampf nicht mehr zu stoppen, denn überall sind Menschen, vor allem junge Menschen, welche die Barbarei der bestehenden Gesellschaft nicht ertragen können. Sie kämpfen bei den Lakota-Indianern in Standing Rock (USA), sie kämpfen im Hambacher Forst in Deutschland, sie kämpfen in der Friedensgemeinschaft von San José de Apartadó in Kolumbien, sie kämpfen um die Wiederherstellung von Riace ( Italien), sie kämpfen auf den Rettungsschiffen für die Flüchtlinge im Mittelmeer, sie kämpfen … auf allen Kontinenten.

Und immer wieder verlieren viele nach einiger Zeit ihre Kraft, enttäuscht und entmutigt ziehen sie sich zurück, werden krank oder drogensüchtig oder kriminell. Ich selbst habe in der marxistischen Linken in Deutschland (1968) vier Jahre lang diese Art von Kampf miterlebt und mitgeführt. Bis ich gemerkt habe, dass wir eine andere Lösung brauchen. Die Vorstellung der alten Revolutionen ist vorbei, durch Gewalt kam noch nie etwas Besseres auf die Erde. Die ganze Welt braucht eine neue Information. Wie erzeugen wir diese neue Information und wie bringen wir sie in die Welt? Das war seitdem die Frage und die Aufgabe.

Wir danken euch für den kollektiven Aufruf zu einer lebenswerten Zukunft. Möge eure weltweite Rebellion ihr inneres Ziel finden, ein Ziel für die ganze Menschheit. Die wenigen, die heute den Mut haben, aus dieser kollektiven Hypnose auszutreten, brauchen solidarische Unterstützung. Nutzt euren Freiraum stellvertretend für alle, die jetzt nicht diese Möglichkeit haben und deshalb eure Hilfe dringend brauchen. Nutzt eure Wut nicht nur gegen das System und seine Handlanger, sondern nutzt sie, um das Alte von euch selbst abzuwerfen. Wir sind nicht das Produkt einer Gesellschaft, einer Tradition, einer Familie, wir sind Menschen. Befreit euch aus den Altlasten einer fürchterlichen historischen Vergangenheit.

Lasst uns gemeinsam das Leben schützen, das heute im Namen von Konzernen und Regierungen überall zerstört wird. Es gibt einen Sozialismus, der jenseits aller Parteien und Ideologien steht: es ist der Sozialismus von Vertrauen, Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung. Es sind Gedanken der Wahrheit und Gedanken einer parteinehmenden Liebe, die heute die Überlebenskraft in sich tragen und zu dem Wissen führen, das ihr und wir alle für unsere Heilung brauchen. Es ist so einfach, elementar und wahr – und wenn wir es schaffen, dann entsteht ein Feld des Vertrauens, das auch in Krisengebieten wirksam werden kann.

Im Folgenden möchte ich Dinge sagen, mit denen sich die große Rebellion in eine konkrete Kraft verwandeln könnte, die nicht mehr vom bestehenden System eingefangen werden kann. Die gegenwärtigen Demonstrationen für eine lebenswerte Zukunft, für Klimaschutz und Naturschutz, für Menschenrechte und Tierrechte sind Zeichen eines globalen Aufbruchs in fast allen Kontinenten. Sie brauchen aber ein gemeinsames Ziel, sonst verlieren sie ihre Auseinandersetzung mit dem bestehenden System. Die Ziele können nur durchgesetzt werden, wenn es für den nötigen Systemwechsel eine klare Vision gibt.

Systemwechsel! Was heißt das in unserer Zeit, in einer Zeit, wo jährlich viele Millionen Dollar ausgegeben werden für eine gezielte Falschinformation (Verharmlosung) zum Thema des Weltklimas… in einer Zeit, wo es verboten wurde, Flüchtlinge zu retten, die im Mittelmeer ertrinken… in einer Zeit, wo der Wohlstand auf der einen Seite durch unsägliche Raubzüge und Grausamkeiten auf der anderen Seite erzeugt wird? Ganz zu schweigen vom Schicksal der Kinder in den Kriegsgebieten, vom Schicksal der Tiere in Schlachthöfen, Tierlaboratorien oder Pelztierfarmen…

Um das kapitalistische System zu überwinden, brauchen wir eine positive Vision für eine nachkapitalistische Lebensordnung. Wir brauchen eine gemeinsame Vision für uns, unsere Kinder, für alle, die jetzt auf der Flucht sind und keine Heimat haben, eine Vision für Opfer und Täter, eine Vision für die Liebe, auch für unser Verhältnis zu den Tieren, zur Natur und zur ganzen kosmischen Welt, aus der wir ja alle kommen. Diese Vision ist keine Erfindung von Menschen, denn sie existiert als latente Realität im gesamten Bauplan des Lebens.

Der Bauplan des Lebens: Die lebendigen Systeme der Erde und des Universums folgen einer inneren Matrix, die auf Heilung und Einheit, auf höhere Entwicklung durch Kooperation und Zusammengehörigkeit gerichtet ist. Jede Krankheit ist heilbar, jeder Konflikt lösbar, wenn sich das menschliche Frequenzfeld mit der Frequenz dieses kosmischen Feldes verbindet. In diesem Feld sind die Konzepte von Ausbeutung, Feindschaft und Krieg nicht vorhanden. Wo Menschen sich in dieser neuen Lebensordnung begegnen, verwandeln sich Feinde in Freunde. Und genau darum geht es: diese Lebensordnung real auf der Erde zu errichten, eine Ordnung von Vertrauen, Liebe, Kooperation und Solidarität. Dieser Traum wird Wirklichkeit, sobald die ersten Gruppen auf der Erde angefangen haben, ihn zu erkennen und zu verwirklichen. Wir sprechen hier vom „Plan der globalen Heilungsbiotope“. (Nähere Informationen in meinem Buch „Terra Nova. Globale Revolution und Heilung der Liebe“).

Die gequälte Erde kann sich innerhalb kurzer Zeit in ein Paradies verwandeln und große Mengen von CO2 aus der Atmosphäre binden, wenn wir mit der Natur kooperieren und ihre Lebensgesetze befolgen. Wasser, Energie und Nahrung stehen allen Menschen kostenlos zur Verfügung, wenn wir der Logik der Natur und nicht den Gesetzen des Profits folgen. Aber das Problem, vor dem wir heute stehen, ist komplizierter, denn Mensch und Natur bilden in der Biosphäre eine energetische Einheit. Das heißt mit anderen Worten: Die Umweltkrise zerstörter Ökosysteme und die Inweltkrise zerstörter menschlicher Beziehungen und Gemeinschaften sind zwei Seiten desselben Gesamtproblems.

Auf der menschlichen Ebene brauchen wir neue Perspektiven für ein Zusammenleben ohne Angst und Gewalt und ohne die traumatischen Reste unserer historischen Herkunft, wir brauchen sie vor allem in den intimeren Zonen von Sexualität, Liebe und Partnerschaft, denn das tiefste (und heimlichste) Krisengebiet unserer Zeit ist die Beziehung unter Menschen. Es kann in der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe (latenter) Krieg ist. Wir haben in der Zeit der Studentenrevolution vor 50 Jahren viele Ziele erreicht, – aber dann begann der Kampf im Inneren der Gruppen, der Kampf um die richtige Ideologie, um Anerkennung, Macht und Sex! Darauf war noch niemand vorbereitet. Niemand wusste, wie sehr die äußere Gewalt des Systems und der innere Kampf der Menschen aus derselben Quelle kamen. Wenn wir heute zum Erfolg kommen wollen, müssen wir Orte aufbauen, an denen Wahrheit und zwischenmenschliche Solidarität gelernt werden können.

Die Vision einer geheilten Welt kann natürlich nicht mit Zwang oder Gewalt durchgesetzt werden, auch nicht allein mit den herkömmlichen menschlichen und technischen Kommunikationsmitteln, dafür sind die Gegenkräfte noch zu stark. Aber neben der mechanistischen Logik des bisherigen Denkens in den Bereichen von Politik und Ökologie gibt es eine ganz andere Logik: Sie eröffnet sich uns, wenn wir unser Bewusstsein auf die Funktionsweise lebendiger Systeme richten. Resonanz statt harter Macht gehört zu ihren Erfolgsgeheimnissen. Dies bedeutet: Eine Information, die mit der inneren Matrix des Lebens und ihrer universellen Ethik übereinstimmt, verbreitet sich von selbst überall dort, wo empfangsbereite Menschen und Gruppen sind. Wir verwenden für dieses erstaunliche Phänomen den Begriff der „morphogenetischen Feldbildung“ des englischen Biologen Rupert Sheldrake. Wenn die Vision einer neuen Kultur in den ersten Gemeinschaften real entsteht und gelebt wird, gerät die Welt in einen „angeregten Zustand“, denn das, was jetzt an den ersten Orten geschieht, steht in Resonanz mit der höheren Lebensordnung im Bauplan des Lebens. Alle Menschen sind an diese höhere Ordnung genetisch angeschlossen. Viele Gruppen werden sich der neuen Information anschließen. Es entsteht der Gencode für eine neue Zivilisation.

Die Information für eine lebenswerte Zukunft enthält nicht die revolutionären Kampfparolen der alten Zeit, sondern zielt auf eine absolute Parteinahme für das Leben, auf die innere Verbindung mit den höheren Gesetzen der geistigen Welt und auf die Zusammengehörigkeit aller Wesen in der großen Familie des Lebens. Wir leben in der Zeit eines großen Epochenwechsels, dem Wechsel vom Patriarchat zu einer partnerschaftlichen Kultur, vom Hologramm der Gewalt zum Hologramm des Vertrauens. Je mehr Menschen sich weltweit mit diesem globalen Vorgang verbinden, desto schneller kann die grausame Zeit der Kriege beendet sein. Es könnte sehr schnell gehen.

Im Namen der Liebe für alle Kreatur!

von Dieter Duhm | Mai 23, 2019

„Die  Große Transformation  beschreibt einen massiven
ökologischen, technologischen, ökonomischen, institutionellen
und kulturellen Umbruchprozess zu  Beginn des 21. Jahrhunderts.“
Uwe Schneidewind in
„Die Große Transformation – Eine Einführung in die Kunst
des gesellschaftlichen Wandels“

Ich fürchte, dass die folgenden Gedanken vielen Menschen Angst machen werden. Aber wir kommen nicht darum herum, sie zu denken, zu fühlen, zu spüren und in die Tat umzusetzen. Bobby Langer

Von unserem Verhalten in den nächsten Jahrzehnten hängt die Zukunft des planetaren Ökosystems ab. Was ansteht, ist der Schritt aus der Pubertät der Menschheit hin zu ihrem Erwachsenwerden: der Große Wandel. Der pubertäre Mensch denkt an sich, der erwachsen werdende Mensch übernimmt Verantwortung für die Weltgemeinschaft aller Lebewesen und für den Planeten. Und er weiß um sein Eingebettetsein. Weiterlesen

In meinen Kreisen sagt man ja gerne: „Man sollte nicht bewerten.“ Ich tu’s jetzt aber doch. Und zwar so: Es gibt dumme und es gibt kluge Bakterien. Wie komme ich zu dieser Aussage? In meinem Darm leben Milchsäurebakterien. Sie sorgen unter anderem dafür, dass ich gesund bleibe. Damit sorgen sie aber auch dafür, dass ihre Welt – mein Darm – erhalten bleibt und es ihnen gutgeht, solange ich lebe. Das ist klug. Ihnen gegenüber stehen zum Beispiel so dumme Bakterien wie die Cholerabakterien. Weiterlesen

Ja, ja und nochmals ja: Das Schlimmste muss nicht kommen. Ich sehe das auch so. Ich bin Optimist. Aber eben auch Realist, der weiß: Es KANN kommen. Ich rede von der KLIMA-KATASTROPHE

Fangen wir mal ganz naiv an, damit es auch jede*r versteht:

Ich bin Papa. Mein Kind ist krank, es fiebert. Die letzten drei Tage ist die Temperatur der Kleinen von 38 auf 40 Grad gestiegen. Ab und zu spricht sie schon im Delirium, aber noch immer erkennt sie mich, sagt „Papa“ und lächelt. Das ist tröstlich. Nur: Vorhin waren es beim Messen 40,2 Grad. Ich weiß, sie muss an diesem Fieber nicht sterben, vielleicht sinkt es ja wieder, bevor die 42 Grad überschritten werden und ihre Körpereiweiße gerinnen. Würde mir diese Hoffnung genügen, um die Hände in den Schoss zu legen, ihr ein bisschen die verschwitzte Stirn zu streicheln und mir die Gefahr so wie die letzten drei Tage schönzureden. Oder muss ich jetzt nicht ALLES (ja: ALLES) dafür zu tun, dass das Unglück nicht geschieht?

Bitte, mal ehrlich! Worst case MUSS in dieser Situation mitgedacht werden. Alles andere wäre verantwortungslos – freundlich ausgedrückt. Man könnte aber auch von „verbrecherisch“ reden.

Und ja, richtig, die Erde muss unter den vorhersehbaren Klimaauswirkungen nicht komplett verrücktspielen. Aber sie KANN. Und dann wird es für uns alles andere als lustig, ganz egal, ob wir nun im europäischen Elfenbeinturm wohnen oder nicht. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, was passieren KANN:

Wir brauchen ein anderes Paradigma für unsere Zivilisation. Fünf nach zwölf ist es sowieso, aber das heißt nicht, dass wir nicht noch so manches Unheil abfangen können. Was aber bedeutet das: ein anderes Paradigma?

Peter Zettel hat es gut und klar zusammengefasst:

„Ich“ erlebe mich als Eins, auch wenn ich davon ausgehe, dass ich das nicht bin. Denn ich bin ja viele. Alleine was da in meinem Darm oder auf meiner Haut herumkrabbelt! So wie wir uns auch in der Schule erlebt haben. Die Klasse und ich waren Eins.

Und wenn ich im Urlaub in Italien bin, erlebe ich mich als Deutscher. Aus der Nummer komme ich einfach nicht raus. In der Politik hatte ich als Mitglied einer Partei einen regelrechten Stempel auf der Stirn, den ich auch nach bald 30 Jahren wohl nicht mehr los werde. In der Schublade bin ich drin, kaum einer merkt, dass ich heute ganz anders denke.

Wir erleben uns immer wieder als Eins, obwohl wir uns auch als viele erleben. Und wenn wir es genau betrachten, erleben wir uns nicht nur mal als eins und mal als viele, sondern wir sind es definitiv auch. Alles nur eine Frage der Perspektive. Zeit, uns einmal ernsthafte Gedanken über unsere Kommunikation und unseren Umgang miteinander zu machen. Und nicht nur mit uns, sondern mit allem.

»Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins.

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.

Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.«

Dieses Zitat von Albert Einstein bringt es auf den Punkt. Die Welt ist eins und wohl auch das ganze Universum. Aber beschränken wir es einmal nur auf diese Erde. So wie viele Lebewesen sich zu einem größeren, komplexeren Lebewesen organisiert haben, zu dem ich jetzt „ich“ sage, organisieren wir uns auch in Gruppen, Parteien, Verbänden, Unternehmen, Regionen, Nationen wie Religionen und so weiter uns so fort zu immer größeren Lebewesen bis hin zur Erde. In sich differenziert, aber Eins.

Eine notwendige Differenzierung, denn sie macht das Leben bunt. Die Natur wäre ziemlich fad, wäre sie nicht differenziert. Und wir Menschen wären auch ziemlich uninteressant, wären wir alle gleich. Doch zu glauben, man sei aufgrund dieser Differenzierung etwas Besonderes oder gar Besseres  als andere, ist nicht nur ziemlich, es ist absolut bescheuert. Ich darf nicht einmal auf Bakterien herabschauen, sondern muss ihnen mit Respekt begegnen, ohne die wäre ‚mein‘ System gar nicht nicht lebensfähig.

Wie krank ist es also, wenn wir uns gegenseitig bekriegen? Oder auch nur schlecht machen? Aber nicht nur uns, die ganze Welt!

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von Peter Zettel 

Was ich tue, folgt stets einer Kette von Ursachen, Reaktionen und Wirkungen. In meinen Reaktionen bin ich jedoch nicht wirklich frei, sondern ich folge immer meiner inneren, geistigen Haltung. Dabei macht es keinen Unterschied, ob ich Zeit habe, darüber nachzudenken, was ich tue oder eben nicht. Der „freie Wille“ liegt ausschließlich in meiner Haltung, die wiederum basiert auf meinen selten bewussten Überzeugungen und Ansichten; letztlich also auf meinem Weltbild, denn das ist das Gegenstück zu meinem Selbstbild.

Mein „freier Wille“ beginnt damit, mir meines Weltbildes wie meines Selbstbildes bewusst zu werden und zu sein, wobei das Selbstbild wesentlich schwieriger zu greifen ist als das Weltbild. Dieses Bild bildet wiederum mein Verständnis, von dem aus ich handle. Mein Verständnis ist also die Form, die „meine“ Inhalte definiert. „Ich“ gestalte Inhalte und damit mich selbst allein durch mein Verständnis, das ich mir immer wieder bewusst machen muss. Weiterlesen

Wie hält es welche Partei mit dem Klima? Die Frage hat die Europawahl entschieden. Das kann der Start für eine andere Politik sein. Campact-Vorstand Christoph Bautz meint: Wir müssen die Klimafrage jetzt ganz neu denken – radikaler, sozialer, ungehorsamer

Hallo zusammen,

die Europawahl wurde zur Klimawahl. Für 48 Prozent der deutschen Wähler*innen war der Klimaschutz das wahlentscheidende Thema.[1] Die Grünen feiern bundesweit ihr bestes Ergebnis aller Zeiten – SPD und Union erleben ihr schlechtestes.[2] Das unterstreicht, was Bewegungen erreichen können: Die vielfältigen Proteste am Hambacher Wald, die mutigen Streiks der Schüler*innen und zuletzt das Youtube-Video von Rezo mit seinen 12 Millionen Views haben das Thema Klimaschutz in die Mitte der Gesellschaft getragen und die Wahl entschieden.

Doch Wahlergebnisse allein ändern nichts. Jetzt muss die Politik handeln. Und zwar so konsequent, wie es Schüler*innen und Klimawissenschaftler*innen zurecht fordern: Die Politik muss das 1,5-Grad-Ziel einhalten, damit sich die Erde nicht über diese kritische Grenze hinaus erhitzt. Wir haben vier Thesen entwickelt, was es dafür jetzt braucht. Und wir möchten diese gerne mit Ihnen teilen. Weiterlesen

Wir stehen an einer Bewusstseinsschwelle. Das spüren viele. Dieses Bewusstsein – ich würde es ein „Mutter-Erde-Bewusstsein nennen – voranzutragen, zu verstärken und ins Blühen zu bringen, gelingt am besten, wenn wir uns kennenlernen, verbinden, voneinander lernen, gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Weil das so wichtig ist, haben wir auf ökoligenta eine eigene Rubrik für Wandel-Veranstaltungen eingerichtet. Und bitten Euch alle, uns diesbezüglich fehlende Veranstaltungen zu melden an langer@oekoligenta.de

Herzlichen Dank, Bobby

(Aus: umwelt aktuell – Infodienst für europäische und deutsche Umweltpolitik 05/2019)

Bei Klima-, Umwelt-, Tier- und Naturschutz unterscheiden sich die Positionen teils deutlich.

Vom 23. bis 26. Mai entscheiden rund 400 Millionen EU-BürgerInnen, welche ParlamentarierInnen sie in den kommenden fünf Jahren in Brüssel und Straßburg vertreten werden. Wie wollen die deutschen Parteien Herausforderungen wie die Klimakrise, den enormen Ressourcenverbrauch, die Agrarwende oder das Artensterben angehen? Der DNR hat die Wahlprogramme von fünf im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien unter die Lupe genommen. VON ELENA HOFMANN, DNR

(⇒ Text zum Herunterladen)

Gerade aus Umwelt und Klimaschutzperspektive ist die Europawahl von großer Bedeutung: Rund 80 Prozent aller Umweltgesetze haben ihren Ursprung in Brüssel. Da Deutschland mit fast einem Siebtel  die meisten Abgeordneten im Parlament stellen, haben die deutschen Parteien einen großen Einfluss auf Abstimmungen über Gesetzgebungen.(1)

CDU/CSU

Das Wahlprogramm enttäuscht: Naturschutz scheint ein Fremdwort zu sein. Es findet sich lediglich eine Strategie zur Reduzierung des Plastikmülls. Der Schutz des Wolfs wird infrage gestellt und statt über Luftqualität und Gewässerschutz zu reden, träumen CDU/CSU lieber von Raumfahrten zum Mond und TTIP 2.0. Sie bekennen sich zwar zu Klimaschutz und den Zielen des Pariser Klimaabkommens. In der Umsetzung stellt sich aber die Frage, ob es sich hierbei nur um ein Lippenbekenntnis handelt.(2) Die Union will zur Zielerreichung eine globale Bepreisung der Treibhausgasemissionen – ein Vorschlag, der weder dem Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden nachkommt, noch mittelfristig umsetzbar ist. Mit dieser Nebelkerze lenkt die Union von der riesigen Bandbreite an kurz- und mittelfristig auf EU-Ebene umsetzbaren Maßnahmen ab. Genauso ignoriert die Union die Debatte um die planetaren Grenzen und hält an der Vereinbarkeit von  Wirtschaftswachstum mit Umwelt- und Klimaschutz weiter fest.

Die Vorschläge zur Agrarpolitik verkennen die zentrale Rolle, die die Landwirtschaft für Klima- und Umweltschutz spielen kann: So halten die Konservativen an Direktzahlungen und dem bestehenden Säulenmodell fest. Statt die Gelder, die in die Agrarpolitik fließen, effektiv für Umwelt- und Klimaschutz zu nutzen, setzen CDU/CSU auf Freiwilligkeit. Damit zementieren sie ein altes Agrarsystem, das den Herausforderungen von heute und morgen nicht mehr gerecht werden kann. Während SPD, Grüne und Linke sich für mehr Rechte der VerbraucherInnen in Fällen wie dem Dieselgate beispielsweise durch Verbandsklagerechte oder hohe Bußgelder einsetzen, bekennt sich die CDU/CSU zur Automobilindustrie. Auch den Forderungen der anderen Parteien nach mehr Transparenz und Partizipation durch ein Lobbyregister, eine Stärkung der Europäischen Bürgerinitiative oder öffentliche Sitzungen des Ministerrats greift die Union nicht auf.

SPD

In einigen Bereichen versuchen die Sozialdemokraten der Umwelt gerecht zu werden. So setzt die SPD sich für eine Agrarpolitik ein, in der Gelder an Leistungen für den Umwelt- und Tierschutz geknüpft sind, lehnt Glyphosat und Gentechnik in der Landwirtschaft ab, ist für einen eigenständigen Naturschutzfonds und möchte Tiertransporte auf maximal acht Stunden pro Tag begrenzen. Auch das Thema Plastikmüll geht die SPD umfassend an. Ziel ist es, bis 2030 die Plastikmülleinträge in die

Meere um 50 Prozent zu verringern, beispielsweise durch Mehrwegsysteme, eine Ausweitung des Verbots von Plastikartikeln, eine Kostenbeteiligung der Hersteller sowie Vorgaben zur abfallvermeidenden und recyclingfreundlichen Produktgestaltung. In anderen Bereichen bleibt die SPD jedoch stumm: Zur Wasserrahmenrichtlinie, zum umstrittenen Schutzstatus des Wolfs, zu einer Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt oder zu einem möglichen achten Umweltaktionsprogramm findet sich keine Positionierung im SPD-Europawahlprogramm.

Auch in Sachen Klimaschutz lassen die Forderungen der SPD zu wünschen übrig: Die geforderte Anhebung des EU-Klimaschutzziels auf mindestens 45 Prozent Treibhausgasminderung bis 2030 (im Vergleich zu 1990) sowie das langfristige Ziel der Klimaneutralität bis 2050 sind besser als momentan geltendes EU-Recht. Sie liegen aber unter den Forderungen des EU-Parlaments und werden nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind zwar breiter gefächert als bei CDU/CSU und FDP. Wichtige Stellschrauben wie ein rascher Kohleausstieg, eine Ablehnung von Investitionen in Infrastrukturen für Erdgas oder eine Anhebung der Ziele für erneuerbare Energien und Energieeffizienz bis 2030 fehlen jedoch.

Bündnis 90/Die Grünen

Das Europawahlprogramm der Grünen spiegelt zum Teil die Forderungen der Umwelt- und Naturschutzverbände wider. So setzen die Grünen sich, wie auch in der letzten Legislaturperiode(2), für ambitionierten Klimaschutz ein: Mit den Forderungen nach 55 Prozent Treibhausgasreduktion, 45 Prozent Erneuerbaren und 40 Prozent Energieeffizienz sowie einem Kohleausstieg vieler europäischer Länder bis 2030 wären wir auf dem richtigen Weg, die Pariser Klimaziele zu erreichen. Die Maßnahmen sind vielfältig und umfassen beispielsweise einen regionalen CO2-Mindestpreis, keine Neuzulassung von Autos mit Verbrennungsmotoren ab 2030, den Abbau klima- und umweltschädlicher Subventionen, eine Besteuerung des Flugverkehrs und Förderprogramme für Aufforstung.

Auch im Natur- und Tierschutz sind die Grünen stark aufgestellt: So setzen sie sich für eine ambitionierte Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt, eine Stärkung europäischer Naturschutzgebiete, einen konsequenten Meeres- und Gewässerschutz und bedürfnisorientierte Tierhaltung ein. Sie sind gegen die Aufweichung bestehender umweltpolitischer Normen. In der Agrarpolitik wollen die Grünen nur solche Leistungen honorieren, die das Gemeinwohl fördern, und Zahlungen an die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards koppeln. Darüber hinaus fordern sie einen eigenständigen Naturschutzfonds von 15 Milliarden Euro jährlich sowie ein Verbot von Glyphosat und Gentechnik in der Landwirtschaft.

Die Grünen zeigen sich in Ansätzen wachstumskritisch. So möchten sie beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch ein grünes BIP ersetzen und engagieren sich für eine Wirtschaft, die am Gemeinwohl orientiert ist. Gleichzeitig halten sie an Marktinstrumenten wie dem europäischen Emissionshandel fest.

Die Linke

Die Linke verfolgt eine sehr ambitionierte Klimapolitik, die teilweise die Forderungen von Umweltverbänden übertrifft. So verlangen sie, bis 2030 die Treibhausgasemissionen um 65 Prozent zu verringern, europaweit aus der Kohle auszusteigen und den Erneuerbarenanteil auf 45 Prozent und Energieeffizienz auf 40 Prozent zu erhöhen. Statt des Emissionshandels setzen sie auf verbindliche Vorgaben, etwa im Hinblick auf ein Ende der Kohleverstromung in Kombination mit einem CO2-Mindestpreis, einer Kohlenstoffsteuer, Divestment, Maßnahmen zur Stärkung der CO2-Senken und strengen Nachhaltigkeitskriterien für Bioenergie. Ähnlich wie die Grünen stehen auch die

Linken für starken Natur- und Tierschutz: Die Beibehaltung bestehender umweltpolitischer Normen, eine ambitionierte Biodiversitätsstrategie, die Stärkung europäischer Naturschutzgebiete, einen konsequenten Meeres- und Gewässerschutz und strenge Tierschutzvorgaben (einschließlich der Verankerung der Rechte von Tieren in einer europäischen Verfassung) sind bei den Linken Programm. Fördermittel in der Agrarpolitik sollen nur für konkrete gesellschaftliche Leistungen und für die Einhaltung sozialer, ökologischer und Tierschutzkriterien gezahlt werden. Wie auch die Grünen will die Linke Glyphosat und Gentechnik in der Landwirtschaft verbieten sowie gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen.

FDP

Die Liberalen betrachten ein „gesundes“ Wirtschaftswachstum als mindestens ebenso wichtig wie Klimaschutz. Maßnahmen zur Minderung der Treibhausgasemissionen sind rein marktwirtschaftlich: Der europäische Emissionshandel allein soll es richten und weltweit und für alle Sektoren gelten. Die FDP versucht hiermit eine Nebelkerze zu werfen, da die Einführung eines globalen Emissionshandels im derzeitigen politischen Klima absolut unrealistisch ist. Die vorgeschlagenen Marktmechanismen, über die Mitgliedstaaten nicht erreichte Klimaziele durch die Finanzierung von Maßnahmen in anderen Ländern ausgleichen können, kommen nicht der globalen Gerechtigkeit nach. Die UN-Nachhaltigkeitsziele werden nur in Bezug auf Entwicklungszusammenarbeit genannt. Zumindest erkennt die FDP die Wichtigkeit von CO2-Senken für den Klimaschutz an. Diese Erkenntnis spiegelt sich jedoch nicht in den Positionen zu Naturschutz und Agrarpolitik wider.

Beim Natur-, Arten- und Ressourcenschutz enttäuschen die Liberalen auf ganzer Linie. Der propagierte Bürokratieabbau bereitet den Weg für Deregulierungen zugunsten der Wirtschaft auf Kosten von Umwelt und VerbraucherInnen. So spricht sich die FDP für eine Aufweichung von Politiken, die wildlebende Arten in Europa schützen sollen, und der Natura-2000-Gebiete aus. Darüber hinaus sollen Agrarsubventionen sukzessive abgebaut werden, was grundsätzlich sinnvoll sein kann. Das Agrarbudget sollte dann allerdings in die Honorierung von Umweltleistungen gesteckt statt – wie von der FDP vorgeschlagen – abgeschafft werden. Außerdem setzt die FDP sich für eine Neuordnung des europäischen Gentechnikrechts ein, bei der die Nutzung von CRISPR/Cas9 in der Landwirtschaft erlaubt werden soll.

Auch beim Tierschutz sieht es bescheiden aus: Die FDP spricht sich nicht für mehr Tierschutz aus, etwa durch ein Verbot von Massentierhaltung oder durch die Begrenzung der Dauer von Tiertransporten.

AfD

Das Wahlprogramm enthält diskriminierende, europafeindliche und menschenverachtende Äußerungen: Grundpfeiler der demokratischen Gesellschaft, die Genfer Flüchtlingskonvention oder die deutsche EU-Mitgliedschaft erkennt die AfD nicht an. Den wissenschaftlich belegten anthropogenen Klimawandel leugnet sie und lehnt das Pariser Klimaabkommen ab. Auf dieser Basis ist kein Natur-, Umwelt- und Tierschutz möglich. Daher verzichten wir auf eine Analyse des Wahlprogramms.