Permakultur lässt sich aufs eigene Leben übertragen

“We are all elders in training …”
Mala Spotted Eagle

Mit „Krisen-Fest – wie wir aus Lebenslust die Welt retten. Eine Ode an unsere natürliche Resilienz“ schreibt Marit Marschall ein Handbuch für alle Menschen, die nicht „in Jammern und Leiden“ verharren wollen. „Wir Menschen haben Mist gebaut, und jetzt machen wir es besser“, konstatiert sie. Krisen-Fest ist ein poetisches, kluges Lehrbuch für all jene, die nach einer Methode suchen, wie sie in einer krisengeschüttelten Zeit persönlich als Mensch, aber auch – sofern sie das wollen – gärtnerisch, stabil werden und bleiben können.

Von Bobby Langer

Wie kann es sein, dass ein Ökosystem Jahrhunderte, ja Jahrtausende funktioniert, so lange der Mensch es in Ruhe lässt? Was sind die ineinandergreifenden Prinzipien eines solchen „Wunders“, haben sich die beiden Australier Bill Mollison und David Holmgren vor ein paar Jahrzehnten gefragt und haben sich auf die Suche nach Antworten gemacht. Heraus kam die „Permakultur“ mit Erkenntnissen, die sich in Windeseile über den Erdball verbreitet haben. Auch in Deutschland gibt es inzwischen Tausende von Anwendern der Permakultur-Prinzipien, die in Hausgärten ebenso gut funktionieren wie auf dem Bauernhof.

Längst hat sich Permakultur zu einer Agrar-Systemwissenschaft entwickelt, die die Grundlagen des biologischen Anbaus sowohl vervollständigt als auch erweitert. Und Permakultur lässt sich erlernen, in Deutschland in privaten Akademien, in Österreich sogar an der Universität für Bodenkultur Wien. Nach einer mehrjährigen Ausbildung erhält man den Abschluss als Permakultur-Designer/in.

Auch Marit Marschall hat auf der Suche nach der Quelle unserer natürlichen Resilienz diesen Weg gewählt. In ihrer Abschlussarbeit hat sie dargelegt, dass sich die „geistigen Werkzeuge“ der Permakultur auch auf die menschliche Lebensplanung anwenden lassen, als Design für die innere Landschaft. „Wir können uns ausprobieren als innerer Gärtner und Designer unseres Lebens“, sagt Marit Marschall. Dazu hat sie den „Baumplan“ entwickelt und seine Verwendung in ihrem Buch leicht verständlich, übersichtlich und kleinschrittig nachvollziehbar beschrieben. Die anmutigen und überraschenden Farbbilder der englischen Naturkünstlerin Amber Woodhouse verleihen dem Buch schon beim ersten Durchblättern einen gewissen Zauber.

„Krisen-Fest“ – die Schreibweise verweist auf eine Doppelbedeutung: Einerseits unterstützt die Autorin psychologisch wie permakulturell sachkundig dabei, krisenfest zu werden; dies aber nicht in einem statischen Sinn, sondern flexibel und widerstandfähig wie die Natur, in der jede Krise das Potential zu Entwicklung und Wachstum birgt.

Schritt für Schritt führt dieses Kompendium der Achtsamkeit aus der Permakultur-Perspektive die LeserInnen voran: vom sinnvollen Aufbau der eigenen Resilienzwurzeln über den Stamm des persönlichen Lebensbaums – die Analyse – bis hin zur zuverlässigen Ernte der Früchte: des eigenen Lebensertrags. Dabei gelingt Marit Marschall die Gratwanderung zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und spirituellen Einsichten. Krisen-Fest ist kein Aufruf „Zurück auf die Bäume“, sondern vielmehr die Vision eines indigenen europäischen Lebens, bei dem Mitwelt und Mensch harmonisch klug miteinander verschmelzen. „Du lebst mehr im Einklang mit deinen Bedürfnissen und denen aller Lebewesen. Nicht mehr als Ausbeuter und ignoranter ‚Mensch‘, sondern als integrierter Bewohner des Planeten. So wie du es dir immer gewünscht hast.“

Im Kapitel „Die Wurzeln der Bedürfnisse“ zitiert die Autorin en berühmten Erfinder und Architekten R. Buckminster Fuller:

„Ich glaube, wir befinden uns in einer Art Abschlussprüfung, ob der Mensch mit dieser Fähigkeit zur Informationsbeschaffung und Kommunikation jetzt wirklich qualifiziert ist, die Verantwortung zu übernehmen, die uns übertragen werden soll. Und es geht hier nicht um eine Prüfung der Regierungsformen, es geht nicht um Politik, es geht nicht um Wirtschaftssysteme. Es hat etwas mit dem Individuum zu tun. Hat der Einzelne den Mut, sich wirklich auf die Wahrheit einzulassen?“

Krisen-Fest ist ein Mut-Buch in diesem Sinn, und ein Aufbruchsbuch für alle, die vielleicht noch einen letzten Impuls brauchen, um sich auf den Weg zu machen; ein Aufruf, die uns mögliche Souveränität anzunehmen und damit Verantwortung für unseren Lebensstil. Es ist aber auch eine detaillierte Aufmunterung voller gärtnerischer und permakultureller Details für alle, deren Weg sich manchmal beschwerlich anfühlt. „Handlungsfähig werden im individuellen wie im globalen Sinn“ – darum geht es hier. „Unsere innere Ausrichtung auf die konsequente Lebensqualität ist, was uns noch fehlt“, sagt Marit Marschall. „Mit diesem Buch kannst du dich darin schulen und ausbilden, deine Bedürfnisse als gesundes Ökosystem wieder zu spüren, deine Gedanken, dein Fühlen und Handeln an dem Maßstab der Prinzipien der Ökosystem zu prüfen und auszurichten. Du kannst damit deine ganze Qualität auf diesem schönen Planeten ohne Reue ausleben und verschenken.“

KRISEN-FEST – wie wir aus Lebenslust die Welt retten. Eine Ode an unsere natürliche Resilienz. Von Marit Marschall. Mit einem Interview mit Gerald Hüther.
310 S., 21,90 Euro, Europa Verlagsgruppe, ISBN 979-1-220-11656-5

 

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Kein Geringerer als Fritjof Capra meinte zu dem im Folgenden besprochenen Buch „Regenerative Kulturen gestalten“: „Dieses Buch ist ein wertvoller Beitrag zu der Diskussion über die Weltanschauung, die wir brauchen, um unsere gesamte Kultur so zu gestalten, dass sie sich regeneriert und nicht zerstört.“

Rezension von Bobby Langer

Womit Fritjof Capra die Aufgabenstellung, um die es geht, auf den Punkt gebracht hat: „unsere gesamte Kultur so zu gestalten, dass sie sich regeneriert und nicht zerstört.“ Die Betonung liegt auf „gesamte Kultur“. Kein Mensch, auch keine Organisation könnte diese Mammut-Aufgabe schaffen. Und doch muss sie sein, wenn wir nicht im größten anzunehmenden Unglück landen wollen, das dereinst die Menschheit ereilen wird.

Richtige Fragen statt richtiger Antworten

Daniel Christian Wahl (DCW) hat diese ungeheure Aufgabe mit seinem Buch in den Blick genommen. Nicht weil er wüsste, wie es geht, sondern weil er zumindest ganz gut weiß, wie es nicht geht: mit business as usual. So besteht seine Leistung letztlich aus einer gedanklichen Doppelarbeit: einerseits die ausgetretenen Pfade der Irrtümer und zuverlässigen Zerstörungen zu analysieren und andererseits Mittel und Methoden zu beschreiben, mit denen sich erstere vermeiden lassen. Die wichtigste Methode dabei lässt sich mit Rilkes berühmtem Satz zusammenfassen: „Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“ Es geht also nicht darum, die richtigen Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Erst wenn es uns gelingt, die Richtung zu ändern, mit der wir uns in die Zukunft bewegen, können sich brauchbare Erfolge einstellen. Was geschieht, wenn wir das nicht tun, beschreibt ein chinesisches Sprichwort: „Wenn wir unsere Richtung nicht ändern, werden wir wahrscheinlich genau dort landen, wo wir gerade hingehen.“

Aber lohnt es sich denn überhaupt, die Richtung zu ändern, um die kulturellen Errungenschaften der Menschheit zu erhalten? Immer wieder taucht diese Frage auf, die wohl die gesamte Transformationsbewegung weltweit umtreibt. DCW hat darauf eine klare Antwort:

„Wir wissen weder, dass eine andere Spezies Gedichte schreibt oder Musik komponiert, um das verbindende Gefühl, das wir Liebe nennen, widerzuspiegeln, noch wissen wir, wie sich das Vergehen der Jahreszeiten für einen Mammutbaum anfühlt oder wie ein Kaiserpinguin subjektiv die ersten Sonnenstrahlen nach dem antarktischen Winter erlebt. Aber gibt es nicht etwas Schützenswertes an einer Spezies, die sich solche Fragen stellen kann?“

Vier Einsichten für eine lebenswerte Zukunft

Wie ein roter Faden zieht sich eine Kern-Einsicht des Autors durch alle Kapitel: dass wir nämlich nicht wissen können, was auf uns zukommt. Nur wenn wir kokreativ mit dieser Unsicherheit umzugehen bereit sind und unser Verhalten immer wieder neu justieren, haben wir eine echte Chance. Eine zweite Einsicht gesellt sich zur ersten. Sie ist der Natur abgeschaut: Zu schaffen sei ein lebendiger, ein regenerativer Prozess, der bis ins Detail das Leben fördert. Denn Natur ist Leben, das Leben fördert. Und auch mit einem dritten Prinzip ist die Natur als Vorbild zu nehmen: dass sie nämlich ­– so groß sie ist und so universell ihre Gesetze sind – nicht in Monopolen funktioniert, sondern in kleinen, lokalen und regionalen Netzwerken, Netze in Netzen in Netzen. Was wir brauchen, schreibt DCW, ist ein „Feingefühl für den Maßstab, die Einzigartigkeit des Ortes und die lokale Kultur“. Und: „Wir müssen das traditionelle ortsbezogene Wissen und die Kultur wertschätzen, ohne in die Fallen eines wiederauflebenden radikalen Regionalismus und engstirnigen Pfarrei-Denkens zu tappen … Systemische Gesundheit als emergente Eigenschaft regenerativer Kulturen entsteht, wenn lokal und regional angepasste Gemeinschaften lernen, innerhalb der durch die ökologischen, sozialen und kulturellen Bedingungen ihrer lokalen Bioregion gesetzten ‚förderlichen Einschränkungen‘ und Möglichkeiten in einem global kooperativen Kontext zu gedeihen.“

Ein viertes Prinzip lässt sich von diesen drei nicht trennen: das Vorsorgeprinzip, das damit beginnt, für die jederzeit möglichen Änderungen der Umstände vorgesorgt zu haben. Unter Vorsorge versteht DCW aber auch unsere Haltung, mit der wir gestaltend mit der Welt umgehen. „Wir brauchen dringend einen hippokratischen Eid für Design, Technologie und Planung: Do no harm! Um diesen ethischen Imperativ in die Tat umzusetzen, brauchen wir eine salutogene (gesundheitsfördernde) Absicht hinter allem Design, aller Technologie und Planung: Wir müssen Design machen für Menschen, Ökosysteme und die Gesundheit des Planeten.“ Ein solches Design „erkennt die untrennbare Verbindung zwischen menschlicher, ökosystemischer und planetarischer Gesundheit an“. Um da hinzukommen, sei das Meta-Design, das „Narrativ der Trennung“, zu ändern hin zu einem „Narrativ des Interbeing“; Design sei der Ort, an dem sich Theorie und Praxis treffen.

Mit Bescheidenheit und Zukunftsbewusstsein handeln

Auf Basis dieser Überlegungen und Analysen entsteht im Laufe der rund 380 Seiten dann doch eine Art Werkzeugkasten für den Umbau der westlichen Industriekultur. Dazu hat DCW alle gedanklichen und praktischen Ansätze der letzten Jahrzehnte ausgewertet und in seine Überlegungen miteinbezogen. Es geschieht ja schon so viel weltweit auf allen Kontinenten. Nun gilt es, alle diese Bemühungen in einen gemeinsamen Prozess einmünden zu lassen, um „the great turning“, wie Joana Macy das nannte, ins Werk zu setzen.

Konsequenterweise hat DCW zu jedem Kapitel ein Fragenset erarbeitet, das dabei unterstützen soll, den statischen Ist-Zustand des jeweiligen Themas aufzugeben und in einen zukunftsfähigen Prozess zu überführen: die chemisch-pharmazeutische Industrie, die Architektur, die Stadt- und Regionalplanung, die industrielle Ökologie, die Gemeinschaftsplanung, die Landwirtschaft, das Unternehmens- und Produktdesign. Denn „systemisches Denken und systemische Interventionen sind mögliche Gegenmittel für die unbeabsichtigten und gefährlichen Nebenwirkungen der jahrhundertelangen Konzentration auf reduktionistische und quantitative Analysen, die von dem Narrativ der Trennung geprägt sind“. So lautet eine Kernfrage, um die so unabdingbare „transformative Resilienz“ zu erreichen: „Wie können wir angesichts der Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit komplexer dynamischer Systeme mit Bescheidenheit und Zukunftsbewusstsein handeln und vorausschauende und transformative Innovationen anwenden?“

Tatsächlich hat es etwas Entlastendes zu wissen, dass wir keine endgültigen Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit geben müssen bzw. gar nicht geben sollen. „Indem wir die Fragen gemeinsam leben“, schreibt DCW, „anstatt uns mit endgültigen Antworten und dauerhaften Lösungen zu beschäftigen, können wir den vergeblichen Versuch aufgeben, unseren Weg in die Zukunft zu kennen.“ So hat sein Buch letztlich mehrere Wirkungen auf den Leser: Es ist entlastend, inspirierend, informativ, Hoffnung machend und praxisorientiert zugleich – ziemlich viel für ein Buch.

Daniel Christian Wahl, Regenerative Kulturen gestalten, 384 S., 29,95 Euro, Phänomen Verlag, ISBN 978-84-125877-7-7

Von Charles Eisenstein

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Jemand schickte mir am 19. Januar [2021] ein Video, in dem der Gastgeber, unter Berufung auf eine geheime Quelle aus der „White Hat Power“-Fraktion, sagte, dass endgültige Pläne im Gang sind, um den kriminellen Tiefen Staat ein für alle Mal zu stürzen. Die Amtseinführung von Joe Biden werde nicht stattfinden. Die Lügen und Verbrechen der satanischen Menschenhandels-Elite würden offenbar werden. Die Gerechtigkeit werde sich durchsetzen, die Republik wiederhergestellt werden. Vielleicht, sagte er, werde der Tiefe Staat einen letzten verzweifelten Versuch machen, an der Macht zu bleiben, indem er eine gefälschte Einweihung inszeniert, mit Deep-Fake-Videoeffekten, um es so aussehen zu lassen, als würde Chief Justice John Roberts wirklich Joe Biden vereidigen. Lassen Sie sich nicht täuschen, sagte er. Vertrauen Sie dem Plan. Donald Trump wird weiterhin der eigentliche Präsident bleiben, auch wenn die gesamten Mainstream-Medien etwas anderes sagen.

Die Demokratie ist am Ende

Es ist kaum die Zeit wert, das Video an sich zu kritisieren, da es ein unspektakuläres Beispiel für sein Genre ist. Ich schlage nicht vor, dass Sie es sich ansehen. Was ernst genommen werden muss und alarmierend ist, ist Folgendes: Die Zersplitterung der Wissensgemeinschaft in unzusammenhängende Realitäten ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass eine große Anzahl von Menschen bis heute glaubt, Donald Trump sei insgeheim Präsident, während Joe Biden ein als Weißes Haus getarntes Hollywood-Studio bewohnt. Dies ist eine abgeschwächte Version des viel weiter verbreiteten Glaubens (Dutzende von Millionen Menschen), dass die Wahl gestohlen wurde.

In einer funktionierenden Demokratie könnten die beiden Seiten die Frage, ob die Wahl gestohlen wurde, durch Beweise aus für beide Seiten akzeptablen Informationsquellen diskutieren. Heute gibt es keine solche Quelle. Der größte Teil der Medien hat sich in separate und sich gegenseitig ausschließende Ökosysteme aufgespalten, die jeweils die Domäne einer politischen Fraktion sind, was eine Debatte unmöglich macht. Alles, was übrigbleibt, ist, wie Sie vielleicht schon erlebt haben, ein Schrei-Duell. Ohne Debatte muss man zu anderen Mitteln greifen, um in der Politik den Sieg zu erringen: Gewalt statt Überzeugung.

Dies ist ein Grund, warum ich denke, dass die Demokratie am Ende ist. (Ob wir sie jemals hatten, oder wie viel davon, ist eine andere Frage.)

Sieg ist inzwischen wichtiger als Demokratie

Angenommen, ich wollte einen rechtsextremen, Trump-unterstützenden Leser davon überzeugen, dass die Behauptungen über Wahlbetrug unbegründet sind. Ich könnte Berichte und Faktenchecks auf CNN oder der New York Times oder Wikipedia zitieren, aber nichts davon ist für diese Person glaubwürdig, die mit einiger Berechtigung annimmt, dass diese Publikationen gegenüber Trump voreingenommen sind. Das Gleiche gilt, wenn Sie ein Biden-Anhänger sind und ich versuche, Sie von massivem Wahlbetrug zu überzeugen. Beweise dafür finden sich nur in rechten Publikationen, die Sie sofort als unzuverlässig abtun werden.

Lassen Sie mich dem aufgebrachten Leser etwas Zeit ersparen und Ihre vernichtende Kritik des Obigen für Sie formulieren. „Charles, Sie stellen hier eine falsche Gleichsetzung auf, die schockierend ignorant gegenüber bestimmten unbestreitbaren Fakten ist. Fakt eins! Fakt zwei! Fakt drei! Hier sind die Links. Sie erweisen der Öffentlichkeit einen Bärendienst, wenn Sie auch nur die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die andere Seite es wert ist, gehört zu werden.“

Wenn auch nur eine Seite das glaubt, sind wir nicht mehr in einer Demokratie. Mir geht es hier nicht darum, beide Seiten gleich zu behandeln. Mein Punkt ist, dass keine Gespräche stattfinden oder stattfinden können. Wir sind nicht mehr in einer Demokratie. Demokratie hängt von einem gewissen Maß an bürgerlichem Vertrauen ab, von der Bereitschaft, über die Verteilung der Macht durch friedliche, faire Wahlen zu entscheiden, die von einer objektiven Presse begleitet werden. Sie erfordert die Bereitschaft, sich auf Gespräche oder zumindest Debatten einzulassen. Sie erfordert, dass eine wesentliche Mehrheit etwas – die Demokratie selbst – für wichtiger hält als den Sieg. Andernfalls befinden wir uns entweder in einem Zustand des Bürgerkriegs oder, wenn eine Seite dominant ist, in einem Zustand des Autoritarismus und der Rebellion.

So wird die Linke zur Rechten

An diesem Punkt ist es klar, welche Seite die Oberhand hat. Es liegt eine Art poetische Gerechtigkeit darin, dass der rechte Flügel – der die Informationstechnologie der Volksverhetzung und der narrativen Kriegsführung überhaupt erst perfektioniert hat – nun ihr Opfer ist. Konservative Experten und Plattformen werden schnell aus den sozialen Medien, aus den App-Stores und sogar ganz aus dem Internet verdrängt. Wenn ich das in der heutigen Umgebung überhaupt sage, erregt es den Verdacht, dass ich selbst ein Konservativer bin. Ich bin genau das Gegenteil. Aber wie eine Minderheit von linken Journalisten wie Matt Taibbi und Glenn Greenwald bin ich entsetzt über die Löschung, den Ausschluss von sozialen Netzwerken, Zensur und Dämonisierung der Rechten (einschließlich 75 Millionen Trump-Wähler) – etwas, das man nur als Totalen Informationskrieg bezeichnen kann. Im Totalen Informationskrieg (wie in militärischen Konflikten) ist es eine wichtige Taktik, seine Gegner so schlecht wie möglich aussehen zu lassen. Wie können wir eine Demokratie haben, wenn wir von den Medien, auf die wir uns verlassen, um uns zu sagen, was real ist, was „Nachrichten“ sind, und was die Welt ist, dazu aufgehetzt werden, uns gegenseitig zu hassen?

Es sieht heute so aus, als würde die Linke die Rechte in ihrem eigenen Spiel schlagen: dem Spiel der Zensur, des Autoritarismus und der Unterdrückung von Dissens. Aber bevor Sie die Vertreibung der Rechten aus den sozialen Medien und dem öffentlichen Diskurs feiern, verstehen Sie bitte das unvermeidliche Ergebnis: Die Linke wird zur Rechten. Dies ist bereits seit Langem im Gange, wie die überwältigende Präsenz von Neocons, Wall-Street-Insidern und Unternehmensvertretern in der Biden-Administration beweist. Der parteiische Informationskrieg, der als Links-Rechts-Konflikt begann, mit Fox auf der einen Seite und CNN und MSNBC auf der anderen, wandelt sich rasch in einen Kampf zwischen dem Establishment und seinen Herausforderern.

Erzwungene Illegitimität

Wenn Big Tech, Big Pharma und Wall Street auf der gleichen Seite sind wie das Militär, die Geheimdienste und die Mehrheit der Regierungsbeamten, wird es nicht lange dauern, bis diejenigen zensiert sind, die ihre Agenda stören.

Glenn Greenwald bringt es gut auf den Punkt:

 Es gibt Zeiten, in denen sich Repressions- und Zensurmaßnahmen eher gegen die Linke richten, und Zeiten, in denen sie eher gegen die Rechte gerichtet sind, aber es ist weder eine inhärent linke noch eine rechte Taktik. Es ist eine Taktik der herrschenden Klasse, und sie wird gegen jeden eingesetzt, der als Abweichler von den Interessen und Orthodoxien der herrschenden Klasse wahrgenommen wird, ganz gleich, wo auf dem ideologischen Spektrum er sich befindet.

Für das Protokoll: Ich glaube nicht, dass Donald Trump noch Präsident ist, noch glaube ich, dass es massiven Wahlbetrug gegeben hat. Allerdings denke ich auch, dass, wenn es ihn gegeben hätte, wir keine Garantie hätten, das herauszufinden, weil genau die Mechanismen zur Unterdrückung von Wahlbetrugs-Fehlinformationen auch zur Unterdrückung dieser Informationen verwendet werden könnten, falls sie wahr wären. Wenn Konzern-Regierungs-Mächte die Presse und unsere Mittel der Kommunikation (das Internet) gekapert haben, was soll sie davon abhalten, Dissens zu unterdrücken?

Als Autor, der in den letzten zwanzig Jahren gegenkulturelle Ansichten zu vielen Themen vertreten hat, stehe ich vor einem Dilemma. Die Beweise, auf die ich mich berufen kann, um meine Ansichten zu untermauern, verschwinden aus den Wissensbeständen. Die Quellen, die ich verwenden könnte, um dominante Narrative zu untergraben, sind illegitim, weil gerade sie dominante Narrative untergraben. Die Wächter des Internets erzwingen diese Illegitimität durch eine Vielzahl von Mitteln: algorithmische Unterdrückung, tendenziöses automatisches Ausfüllen von Suchbegriffen, Dämonisierung abweichender Kanäle, Kennzeichnung abweichender Ansichten als „falsch“, Löschung von Accounts, Zensur von Bürgerjournalisten und so weiter.

Der Kultcharakter des Mainstreams

Die daraus resultierende Erkenntnisblase belässt den Durchschnittsbürger genauso in der Realitätsferne wie jemanden, der glaubt, Trump sei noch Präsident. Der kultähnliche Charakter von QAnon und der extremen Rechten ist klar erkennbar. Was weniger offensichtlich ist (vor allem für diejenigen, die sich darin befinden), ist der zunehmend kultähnliche Charakter des Mainstreams. Wie können wir es anders nennen als eine Sekte, wenn sie Informationen kontrolliert, abweichende Meinungen bestraft, ihre Mitglieder ausspioniert und ihre physischen Bewegungen kontrolliert, es an Transparenz und Verantwortlichkeit in der Führung mangelt, sie vorschreibt, was ihre Mitglieder sagen, denken und fühlen sollen, sie ermutigt, sich gegenseitig zu denunzieren und auszuspionieren, und eine polarisierte Wir-gegen-die-Mentalität aufrechterhält? Ich sage sicherlich nicht, dass alles, was die Mainstream-Medien, die Wissenschaft und die Akademiker sagen, falsch ist. Wenn jedoch mächtige Interessen Informationen kontrollieren, können sie die Realität ausblenden und die Öffentlichkeit dazu bringen, Absurditäten zu glauben.

Vielleicht geschieht das mit der Kultur im Allgemeinen. „Kultur“ kommt von der gleichen sprachlichen Wurzel wie „Kult“. Sie erzeugt eine gemeinsame Realität, indem sie die Wahrnehmung konditioniert, den Gedanken strukturiert und die Kreativität lenkt. Was heute anders ist, ist, dass etablierte Kräfte verzweifelt versuchen, eine Realität aufrechtzuerhalten, die nicht mehr zum Bewusstsein einer Öffentlichkeit passt, die sich schnell aus dem Zeitalter der Trennung herausbewegt. Die Verbreitung von Sekten und Verschwörungstheorien spiegelt die zunehmend aus den Angeln gehobene Absurdität der offiziellen Realität sowie der Lügen und Propaganda wider, die sie aufrechterhalten.

Anders ausgedrückt: Der Wahnsinn, der die Trump-Präsidentschaft war, war keine Abweichung von einer Entwicklung hin zu immer größerer Vernunft. Sie war kein Stolpern auf dem Weg von mittelalterlichem Aberglauben und Barbarei hin zu einer rationalen, wissenschaftlichen Gesellschaft. Sie bezog ihre Kraft aus einer zunehmenden kulturellen Turbulenz, so wie ein Fluss immer heftigere Gegenströmungen erzeugt, wenn er sich seinem Sturz über den Wasserfall nähert.

Diskreditierende Belege einer anderen Realität

In letzter Zeit hatte ich als Autor das Gefühl, dass ich versuche, einen Verrückten von seinem Wahnsinn abzubringen. Wenn Sie jemals versucht haben, mit einem QAnon-Anhänger zu argumentieren, wissen Sie, wovon ich spreche, wenn ich versuche, mit dem öffentlichen Verstand zu argumentieren. Ich will mich nicht als das einzige vernünftige Individuum in einer verrückt gewordenen Welt darstellen (und damit meine eigene Verrücktheit demonstrieren), sondern vielmehr ein Gefühl ansprechen, das sicher viele Leser teilen: dass die Welt verrückt geworden ist. Dass unsere Gesellschaft in die Unwirklichkeit abgedriftet ist, sich in einer Illusion verloren hat. So sehr wir auch hoffen, den Wahnsinn einer kleinen und beklagenswerten Untergruppe der Gesellschaft zuschreiben zu können, handelt es sich doch um einen allgemeinen Zustand.

Als Gesellschaft sind wir aufgefordert, das Inakzeptable zu akzeptieren: die Kriege, die Gefängnisse, die gezielt herbeigeführte Hungersnot im Jemen, die Vertreibungen, die Landnahmen, die häuslichen Misshandlungen, die rassistische Gewalt, die Kindesmisshandlungen, die Abzocke, die Zwangsfleischfabriken, die Bodenzerstörung, den Ökozid, die Enthauptungen, die Folter, die Vergewaltigungen, die extreme Ungleichheit, die Verfolgung von Whistleblowern… Auf irgendeiner Ebene ist uns allen bewusst, dass es verrückt ist, mit dem Leben fortzufahren, als ob all dies nicht geschehen würde. Zu leben, als ob die Realität nicht real wäre – das ist die Essenz des Wahnsinns.

Ebenfalls an den Rand der offiziellen Realität gedrängt ist ein Großteil der wunderbaren heilenden und schöpferischen Kraft von Menschen und anderen als menschlichen Wesen. Ironischerweise, wenn ich einige Beispiele dieser außergewöhnlichen Technologien erwähne, zum Beispiel in den Bereichen Medizin, Landwirtschaft oder Energie, handle ich mir den Vorwurf ein, „unrealistisch“ zu sein. Ich frage mich, ob der Leser, wie ich, direkte Erfahrungen mit Phänomenen hat, die offiziell nicht real sind?

Ich bin sehr versucht zu behaupten, dass die moderne Gesellschaft auf eine enge Unwirklichkeit beschränkt ist, aber genau das ist das Problem. Alle Beispiele, die ich von jenseits akzeptabler politischer, medizinischer, wissenschaftlicher oder psychologischer (Un-)Realität anführe, diskreditieren automatisch mein Argument und machen mich für jeden, der mir nicht ohnehin zustimmt, zu einer verdächtigen Figur.

Informationskontrolle erzeugt Verschwörungstheorien

Lassen Sie uns ein kleines Experiment machen. Hey, Leute, Geräte mit freier Energie sind echt, ich habe eins gesehen!

Also, vertrauen Sie mir nach dieser Aussage eher mehr oder weniger? Jeder, der die offizielle Realität in Frage stellt, hat dieses Problem. Schauen Sie, was mit Journalisten passiert, die darauf hinweisen, dass Amerika all die Dinge tut, die es Russland und China vorwirft (Einmischung in Wahlen, Sabotage von Stromnetzen, Bau von elektronischen Hintertüren [zum geheimdienstlichen Abhören]). Sie werden nicht oft auf MSNBC oder der New York Times zu finden sein. Die von Herman und Chomsky beschriebene Fabrikation von Zustimmung („manufacture of consent“) geht weit über die Zustimmung zum Krieg hinaus.

Indem die herrschenden Institutionen Informationen kontrollieren, erzeugen sie eine passive öffentliche Zustimmung zu der Wahrnehmungs-Realitäts-Matrix, die ihre Dominanz aufrechterhält. Je erfolgreicher sie bei der Kontrolle der Realität sind, desto unwirklicher wird sie, bis wir das Extrem erreichen, bei dem jeder vorgibt zu glauben, aber niemand es wirklich tut. Wir sind noch nicht so weit, aber wir nähern uns diesem Punkt schnell. Wir sind noch nicht auf dem Stand des späten sowjetischen Russland, als praktisch niemand die Prawda und die Iswestija für bare Münze nahm. Die Irrealität der offiziellen Realität ist noch nicht so vollständig, ebenso wenig wie die Zensur der inoffiziellen Realitäten. Wir befinden uns immer noch in der Phase der verdrängten Entfremdung, in der viele das vage Gefühl haben, in einer VR-Matrix, einer Show, einer Pantomime zu leben.

Was verdrängt wird, neigt dazu, in extremer und verzerrter Form zum Vorschein zu kommen; zum Beispiel Verschwörungstheorien, dass die Erde flach ist, dass die Erde hohl ist, dass sich chinesische Truppen an der US-Grenze sammeln, dass die Welt von babyfressenden Satanisten regiert wird und so weiter. Solche Überzeugungen sind Symptome dafür, dass man die Menschen in eine Matrix von Lügen einsperrt und ihnen vorgaukelt, sie sei real.

Umso strenger die Behörden Informationen kontrollieren, um die offizielle Realität zu bewahren, desto virulenter und verbreiteter werden die Verschwörungstheorien. Schon jetzt schrumpft der Kanon der „autoritären Quellen“ bis zu dem Punkt, an dem Kritiker der US-Außenpolitik, israelische/palästinensische Friedensaktivisten, Impfstoffskeptiker, ganzheitliche Gesundheitsforscher und gewöhnliche Dissidenten wie ich Gefahr laufen, in die gleichen Internet-Ghettos verbannt zu werden wie die Vollblut-Verschwörungstheoretiker. In der Tat tafeln wir zu einem großen Teil am selben Tisch. Welche andere Wahl gibt es, wenn der Mainstream-Journalismus seiner Pflicht, die Macht energisch herauszufordern, nicht nachkommt, als auf Bürgerjournalisten, unabhängige Forscher und anekdotische Quellen zurückzugreifen, um der Welt einen Sinn zu geben?

Suche nach einem kraftvolleren Weg

Ich merke, dass ich übertreibe, dass ich den Sachverhalt überzeichne, um den Grund für meine jüngsten Gefühle von Vergeblichkeit herauszukitzeln. Die uns zum Konsum angebotene Realität ist keineswegs in sich konsistent oder vollständig; ihre Lücken und Widersprüche können ausgenutzt werden, um Menschen dazu einzuladen, ihre Vernünftigkeit in Frage zu stellen. Es geht mir nicht darum, meine Hilflosigkeit zu beklagen, sondern zu erkunden, ob es für mich einen kraftvolleren Weg gibt, das öffentliche Gespräch angesichts der von mir beschriebenen Umnachtung zu führen.

Ich schreibe seit fast 20 Jahren über die bestimmende Mythologie der Zivilisation, die ich das Narrativ des Getrenntseins nenne, und ihre Folgen: das Programm der Kontrolle, die Denkweise des Reduktionismus, den Krieg gegen das Andere, die Polarisierung der Gesellschaft.

Offensichtlich haben meine Essays und Bücher den Anspruch meines naiven Ehrgeizes nicht eingelöst, genau die Umstände zu verhüten, denen wir heute gegenüberstehen. Ich muss gestehen, dass ich müde bin. Ich bin es leid, Phänomene wie den Brexit, die Trump-Wahl, QAnon und den Capitol-Aufstand als Symptome einer viel tieferen Krankheit zu erklären, als es bloßer Rassismus oder Kultismus oder Dummheit oder Wahnsinn ist.

LeserInnen können mit jüngsten Essays extrapolieren

Ich weiß, wie ich diesen Aufsatz schreiben würde: Ich würde die versteckten Annahmen, die verschiedene Seiten teilen, aufdecken und die Fragen, die nur wenige stellen. Ich würde darlegen, wie die Werkzeuge des Friedens und des Mitgefühls die zugrunde liegenden Ursachen der Affäre aufdecken könnten. Ich würde dem Vorwurf der falschen Gleichwertigkeit, des Both-Sideism und des Spirituellen Bypassings zuvorkommen, indem ich beschreibe, wie Mitgefühl uns befähigt, über den endlosen Krieg gegen das Symptom hinauszugehen und die Ursachen zu bekämpfen. Ich würde beschreiben, wie der Krieg gegen das Böse zu der gegenwärtigen Situation geführt hat, wie das Programm der Kontrolle immer virulentere Formen dessen erzeugt, was es auszurotten versucht, weil es nicht die ganze Reihe von Bedingungen sehen kann, die seine Feinde hervorbringen. Diese Bedingungen, so würde ich erklären, beinhalten in ihrem Kern eine tiefgreifende Enteignung, die aus dem Zusammenbruch von definierenden Mythen und Systemen herrührt. Schließlich würde ich beschreiben, wie eine andere Mythologie der Ganzheit, der Ökologie und des Zusammenseins eine neue Politik motivieren könnte.

Fünf Jahre lang habe ich für Frieden und Mitgefühl plädiert – nicht als moralische Gebote, sondern als praktische Notwendigkeiten. Ich habe wenig Neues über die gegenwärtigen internen Auseinandersetzungen in meinem Land [USA] zu sagen. Ich könnte die grundlegenden konzeptionellen Werkzeuge meiner früheren Arbeit nehmen und sie auf die gegenwärtige Situation anwenden, aber stattdessen mache ich eine Atempause, um zu hören, was unter der Erschöpfung und dem Gefühl der Vergeblichkeit liegen könnte. LeserInnen, die von mir einen detaillierteren Blick auf die aktuelle Politik wünschen, können aus den jüngsten Essays über Frieden, Kriegsmentalität, Polarisierung, Mitgefühl und Entmenschlichung extrapolieren. Es ist alles da in Building a Peace Narrative, The Election: Hate, Grief, and a New Story, QAnon: A Dark Mirror, Making the Universe Great Again, The Polarization Trap und anderem.

Wende zu einer tiefen Auseinandersetzung mit der Realität

Also, ich nehme eine Auszeit vom Schreiben erklärender Prosa oder zumindest eine Verlangsamung. Das heißt nicht, dass ich aufgebe und in den Ruhestand gehe. Ganz im Gegenteil. Indem ich auf meinen Körper und seine Gefühle höre, bereite ich mich nach tiefer Meditation, Beratung und medizinischer Arbeit darauf vor, etwas zu tun, was ich bisher noch nicht versucht habe.

In „Der Verschwörungsmythos“ habe ich die Idee erforscht, dass die Kontrolleure der „Neuen Weltordnung“ keine bewusste Gruppe von menschlichen Übeltätern sind, sondern Ideologien, Mythen und Systeme, die ein Eigenleben entwickelt haben. Es sind diese Wesen, die die Marionettenfäden derer ziehen, von denen wir normalerweise glauben, dass sie die Macht haben. Hinter dem Hass und der Spaltung, hinter dem unternehmerischen Totalitarismus und dem Informationskrieg, der Zensur und dem permanenten Biosicherheitsstaat sind mächtige mythische und archetypische Wesen im Spiel. Sie können nicht direkt wörtlich angegangen werden, sondern nur in ihrer eigenen Sphäre.

Ich beabsichtige, das durch eine Geschichte zu tun, wahrscheinlich in Form eines Drehbuchs, aber möglicherweise auch mit einem anderen Medium der Fiktion. Einige der Szenen, die mir eingefallen sind, sind atemberaubend. Mein Bestreben ist ein Werk, das so schön ist, dass die Leute weinen, wenn es vorbei ist, weil sie nicht wollen, dass es aufhört. Keine Flucht vor der Realität, sondern eine Wende hin zu einer tieferen Auseinandersetzung mit ihr. Denn das, was real und möglich ist, ist viel größer, als der Kult der Normalität uns glauben machen will.

Ein Ausweg aus der kulturellen Sackgasse

Ich gebe freimütig zu, dass ich wenig Grund habe zu glauben, dass ich in der Lage bin, so etwas zu schreiben. Ich hatte nie viel Talent für Fiktion. Ich werde mein Bestes tun und vertraue darauf, dass mir eine so durchdringend schöne Vision nicht gezeigt worden wäre, wenn es keinen Weg dorthin gäbe.

Seit Jahren schreibe ich über die Macht der Geschichte. Es ist an der Zeit für mich, diese Technik voll einzusetzen, im Dienst einer neuen Mythologie. Ausführliche Prosa erzeugt Widerstand, aber Geschichten berühren einen tieferen Ort in der Seele. Sie fließen wie Wasser um die intellektuellen Abwehrkräfte herum und weichen den Boden auf, so dass schlummernde Visionen und Ideale Wurzeln schlagen können. Ich wollte gerade sagen, dass es mein Ziel ist, die Ideen, mit denen ich gearbeitet habe, in fiktionale Form zu bringen, aber das ist es nicht ganz. Es geht darum, dass das, was ich ausdrücken möchte, größer ist, als es in erklärender Prosa untergebracht werden kann. Fiktion ist größer und wahrhaftiger als Sachtexte, und jede Erklärung einer Geschichte ist weniger als die Geschichte selbst.

Die Art der Geschichte, die mich aus meiner persönlichen Sackgasse befreien kann, könnte auch für die größere kulturelle Sackgasse von Bedeutung sein. Was kann die Kluft überbrücken in einer Zeit, in der die Uneinigkeit über eine gültige Quelle von Fakten eine Debatte unmöglich macht? Vielleicht sind es auch hier Geschichten: sowohl fiktionale Geschichten, die Wahrheiten transportieren, die sonst durch die Barrieren der Faktenkontrolle unzugänglich sind, als auch persönliche Geschichten, die uns gegenseitig wieder menschlich machen.

Die Wissensallmende des Internets ausschöpfen

Zu Ersterem gehört die Art von gegen-dystopischer Fiktion, die ich schaffen will (nicht unbedingt ein Bild von Utopia malen, aber einen Ton der Heilung anschlagen, den das Herz als authentisch erkennt). Wenn dystopische Fiktion als eine „prädiktive Programmierung“ dient, die das Publikum auf eine hässliche, brutale oder zerstörte Welt vorbereitet, können wir auch das Gegenteil erreichen, indem wir Heilung, Erlösung, Sinneswandel und Vergebung beschwören und normalisieren. Wir brauchen dringend Geschichten, in denen die Lösung nicht darin besteht, dass die Guten die Bösen in ihrem eigenen Spiel (Gewalt) schlagen. Die Geschichte lehrt uns, was unweigerlich darauf folgt: Die Guten werden zu den neuen Bösen, genau wie in der Informationsschlacht, die ich oben erörtert habe.

Mit der letzteren Art von Erzählung, der der persönlichen Erfahrung, können wir einander auf einer zentralen menschlichen Ebene begegnen, die sich nicht widerlegen oder leugnen lässt. Man kann über die Interpretation einer Geschichte streiten, aber nicht über die Geschichte selbst. Mit der Bereitschaft, die Geschichten derer zu suchen, die außerhalb der eigenen vertrauten Ecke der Realität stehen, können wir das Potenzial des Internets zur Wiederherstellung der Wissensallmende ausschöpfen. Dann werden wir die Zutaten für eine demokratische Renaissance haben. Demokratie hängt von einem gemeinsamen Gefühl von „Wir, das Volk“ ab. Es gibt kein „Wir“, wenn wir uns gegenseitig durch parteipolitische Karikaturen sehen und uns nicht direkt engagieren. Wenn wir die Geschichten der anderen hören, wissen wir, dass im wirklichen Leben Gut gegen Böse selten die Wahrheit ist, und dass Herrschaft selten die Antwort ist.

Wenden wir uns einem gewaltfreien Umgang mit der Welt zu

[…]

So begeistert habe ich mich noch nie bei einem kreativen Projekt gefühlt, seit ich 2003–2006 „The Ascent of Humanity“ geschrieben habe. Ich fühle, dass sich das Leben regt, Leben und Hoffnung. Ich glaube, dass in Amerika und wahrscheinlich auch an vielen anderen Orten dunkle Zeiten auf uns zukommen. Im vergangenen Jahr habe ich Phasen tiefer Verzweiflung durchlebt, als Dinge eintraten, die ich zwanzig Jahre lang zu verhindern versucht hatte. All meine Bemühungen schienen vergeblich. Doch jetzt, da ich eine neue Richtung einschlage, erblüht in mir die Hoffnung, dass andere das Gleiche tun werden, und das menschliche Kollektiv ebenso. Denn haben sich nicht auch unsere furiosen Bemühungen, eine bessere Welt zu schaffen, als vergeblich erwiesen, wenn man den aktuellen Zustand von Ökologie, Wirtschaft und Politik betrachtet? Sind wir als Kollektiv nicht alle erschöpft von dem Kampf?

Ein Schlüsselthema meiner Arbeit war die Berufung auf andere kausale Prinzipien als Gewalt: Morphogenese, Synchronizität, die Zeremonie, das Gebet, die Geschichte, der Samen. Ironischerweise sind viele meiner Essays selbst von einem gewaltsamen Typus: Sie tragen Beweise zusammen, setzen Logik ein und tragen einen Fall vor. Es ist nicht so, dass Technologien der Gewalt von Natur aus schlecht sind; sie sind nur begrenzt und unzureichend für die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Beherrschung und Kontrolle haben die Zivilisation dorthin gebracht, wo sie heute ist, im Guten wie im Schlechten. Wie sehr wir uns auch an sie klammern mögen, sie werden Autoimmunkrankheiten, Armut, ökologischen Kollaps, Rassenhass oder den Trend zum Extremismus nicht lösen. Diese werden nicht ausgerottet werden. Genauso wird die Wiederherstellung der Demokratie nicht kommen, weil jemand einen Streit gewinnt. Und so erkläre ich gerne meine Bereitschaft, mich dem gewaltfreien Umgang mit der Welt zuzuwenden. Möge diese Entscheidung Teil eines morphischen Feldes sein, in dem die Menschheit kollektiv das Gleiche tut.

Übersetzung: Bobby Langer

Spenden ans gesamte Übersetzerteam werden gerne angenommen:

GLS Bank, DE48430609677918887700, Verwendungszweck: ELINORUZ95YG

 

(Originaltext: https://charleseisenstein.org/essays/to-reason-with-a-madman)

 

Interview mit Bobby Langer im SOL-Magazin 1/2023:

Nur so ist die Transformation unserer Gesellschaft zu einer nachhaltigen möglich, meint Bobby Langer im Interview. Von Mario Sedlak

Bobby Langer arbeitet von Würzburg aus unermüdlich am Wandel. Sein Hauptwerkzeug ist die von ihm mitgegründete Website www.oekoligenta.de.

SOL: „Ökoligenta“ ist die Nachfolge von „intelligenter“?

Bobby Langer: Das ist ein Begriff aus dem Roman Jamilanda von Alander Baltosée, in dem detailliert dargelegt wird, wie eine sozial-ökologische Gesellschaft aussehen könnte. Mit „Ökoligenz“ ist ein Bewusstsein gemeint, das ökologisch wertvoll und kulturell intelligent handelt. Emotionale und rationale Intelligenz werden mit der Intelligenz natürlicher Kreisläufe verbunden. Das ist eine neue Eigenschaft, die der Mensch braucht.

Also wir brauchen einen neuen Menschen?

Nicht einen neuen, sondern einen „erweiterten“ Menschen, der sich seines Eingebettetseins in die großen natürlichen Zusammenhänge bewusst ist und die auch immer mitdenkt.

Wie hat die Ökoligenta-Plattform begonnen?

Vor 4 Jahren ist sie entstanden. Ursprünglich wollten Freunde und ich eine Umweltmesse zur Vernetzung der sozial-ökologischen Bewegungen machen. Leider ist das grandios an Sachzwängen gescheitert. Aber der Gedanke der Zusammensicht der verschiedenen Aspekte der sozial-ökologischen Transformation war da, und daraus haben wir die Seite Ökoligenta gebaut.

Wie habt ihr euch gefunden?

Ich bin seit 1976 in der Umweltbewegung aktiv und habe da 1001 Kontakte. Ungefähr 15 Leute konnte ich für die Idee, Ökoligenta zu gründen, begeistern.

Und heute?

Aktuell sind wir zu sechst. Teamverstärkung wäre dringend gewünscht. Bei vielen Leuten lässt das Engagement erheblich nach, sobald es in Arbeit ausartet.

Einmal im Monat schicken wir einen Wandel-Newsletter. Das sind 30-40 Stunden Arbeit pro Monat. Wir achten darauf, dass in dem Newsletter keine Negativinformationen sind, sondern wirklich nur Aspekte, die zum Wandel beitragen. Über das, was nicht geht, wird ohnehin sehr viel berichtet.

Der Wandel-Newsletter geht auch als Presseaussendung an rund 1000 Redaktionen in Deutschland. Dafür zahle ich 2400 € im Jahr. Da geht’s darum, den Leuten Material an die Hand zu liefern, an das sie sonst häufig gar nicht kommen.

Was wollt ihr erreichen? Was sind eure Erfolge?

Wir wollen die verschiedenen „Blasen“ innerhalb der Transformationsbewegung überbrücken, d. h. die Leute vernetzen und damit den Wandel beschleunigen. Wir haben 350 Organisationen aufgelistet. Oft sage ich Leuten: „Schau in die Liste, da gibt’s noch die und die Organisation!“ In 50 % der Fälle wissen die Leute nicht, dass es noch eine andere Organisation gibt, die das Gleiche macht wie sie selber.

Eine große Kluft gibt es nach wie vor z. B. zwischen Linken und Naturschützern, die einander verachten, obwohl beide eigentlich das Gleiche wollen. Beide haben viel mehr Gemeinsamkeiten, als sie denken.

Ein interessanter Aspekt aus der gewaltfreien Kommunikation ist, dass man in dem Augenblick, wo man ganz bestimmte feste Positionen einnimmt, bereits beginnt, eine Gewaltposition aufzubauen. In der Natur und im gesamten Kosmos gibt’s nie feste Positionen, sondern alles befindet sich in einem ständigen Wandel. Es ist eine jugendliche Form des Denkens, wo man gerne Dinge verabsolutiert, weil man jetzt „weiß“, was die Wahrheit ist. Auch wenn Windräder heute gut sind, könnte es in 5 Jahren was Besseres geben.

Wir dürfen die Leute nicht verschrecken. Dann können wir die kritische Masse erreichen, und die sozial-ökologische Transformation kommt ins Rollen. Man sagt, dass dafür schon 5 % ausreichend wären.

von Frank Braun

Über die Medienberichterstattung zur letzten Generation

Es macht mich unglaublich traurig, wie sie über die letzte Generation berichten. Das ist manipulierend und in der Sache nicht wirklich hilfreich. Da ist kein Versuch zu erkennen, die Frage zu klären, was denn junge Menschen dazu bringt, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen (was übrigens noch nicht einmal eindeutig klar ist, siehe nächster Absatz). Glauben sie wirklich, dass diese Menschen nicht auch lieber glücklich das Leben genießen würden, ohne möglicherweise Gesetze zu brechen? Da ist keine Auseinandersetzung mit der Frage von Recht und Moral, zu der wir durchaus unterschiedliche Meinungen haben dürfen. – Gott sei Dank leben wir in einem Land, wo das möglich ist. –

Nein, all das spielt keine Rolle. Einzig der Fakt, dass hier Menschen Geld erhalten, um möglicherweise damit auch Widerstand zu leisten gegen einen Lebensstil, der Natur und Menschen rund um uns herum aufzehrt, um unsere Wachstumsmaschine zu ölen. Dafür ist jedes Mittel recht, auch der Rechtsbruch gegen Menschenrechte, die SDGs, etc. Ich bin selbst Betriebswirtschaftler. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns über gut bezahlte Manager aufregen, die für Nestle, Monsanto, Apple und Co. Unrecht einfach in unseren toten Winkel verlagern, in sogenannte Länder mit Entwicklungsbedarf, wo Umwelt und Menschenrechte der eigenen Not geopfert werden, da es zunächst einmal darum geht, den Tag zu überleben. Ich habe bis Februar 22 drei Jahre in Peru gelebt und dort gesehen, was unser Lebensstil anrichtet. Dafür ist es ok, Geld zu verdienen?

Und dann ist da die Frage von Recht, die ja hier immer wieder als Argument genommen wird. Niemand von ihnen erwähnt dabei Artikel 20 Absatz 4 unseres Grundgesetzes, der es in bestimmten Situationen erlaubt, sich über geltendes Recht hinwegzusetzen, um Rechtsbruch zu vermeiden. Ich sehe diesen Artikel selbst mit großem Respekt und bin mir bewusst, welche Sprengkraft darin liegt. Aber es gibt diesen Artikel seit den 1968-iger Jahren aus gutem Grund! Auch wird nicht erwähnt, dass sich Deutschland der Menschenrechtscharta, den Nachhaltigen Entwicklungszielen etc. verpflichtet hat und diese bis 2030 umsetzen will. Ziel 13 formuliert hier explizit den Klimaschutz. Es ist also nicht nur ein Recht, sondern sogar eine Pflicht unser aller, für den Klimaschutz, Umwelt- und Menschenrechte einzutreten!

Und nun also dieser Shitstorm, „Klimaaktivisti“ nähmen Geld für ihre Arbeit. Ja und? Das macht mich unglaublich wütend, das als Argument zu verwenden, als ob es für die aktuelle Debatte rund um die Aktionen der Letzten Generation eine Rolle spielen würde, ob die Leute das bezahlt oder unbezahlt täten? Tut es nicht! Also lasst uns bei den Fragen bleiben, die es zu klären gilt, anstatt Menschen zu diskreditieren, weil sie – wie wir alle – Geld zum Leben brauchen!

Die ganze Umwelt-, Klima- und Soziale-Gerechtigkeits-Bewegung, die seit Jahrzehnten unermüdlich daran arbeitet, dass sich daran etwas ändert, arbeitet, so sie es denn nicht ehrenamtlich tut, vorwiegend in befristeten Teilzeitarbeitsverträgen, zu Konditionen, die für die meisten ihrer Leser:innen lächerlich wären. Das gilt für traditionelle Organisationen wie den NABU genauso wie für neue Bewegungen wie die For Future-Bewegung.

Gleichzeitig ist der Wunsch nach Information und Weiterbildung riesig. Täglich bekommen wir Anfragen von Schulen, Konfirmandengruppen, Kirchengemeinden etc., die uns anfragen, ob wir denn mit ihnen Workshops, Seminare, Vorträge etc. zu Fragen wie Fairer Handel, Klima, Ökologie, den SDGs etc. machen könnten. Geld hätten sie aber keines. So machen das Zehntausende von Menschen meist ehrenamtlich oder eben in den wenigen bezahlten Stellen. Selbstausbeutung ist hier tägliche Realität, weil die meisten dieser Menschen im Herzen für ihre Arbeit brennen und sie nicht allein wegen des Geldes verrichten.

Auch die erst seit 2021 existierende Bewegung „Aufstand der Letzten Generation“ versucht, einen Beitrag zu sozialer und ökologischer Gerechtigkeit zu leisten. Deren Forderungen sind übrigens m.E. keineswegs radikal. Bei den Blockadeaktionen im Dezember standen zwei Kernforderungen im Fokus:

  • ein sofortiges Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen, um “jährlich bis zu 5,4 Millionen Tonnen CO2” einzusparen. “Es ist sofort umsetzbar und das nahezu kostenlos.“
  • ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket: “Bezahlbare Bahnen sind in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten nur gerecht! Außerdem würde ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket sogar noch mehr CO2 einsparen als ein Tempolimit.“

Ist das wirklich so wirklichkeitsfern und radikal? Zudem ist das Festkleben auf Straßen oder das beschmieren von Kunst nur ein kleiner Teil der Arbeit, den diese Bewegung leistet.

Ich sehe durchaus auch manche der Aktionsformen der letzten Generation kritisch, aber wir sollten das Kind nicht mit dem Badewasser auskippen, denn eines kann ich gut verstehen: Es gibt eine wachsende Anzahl junger Menschen, die sich nicht erst genommen fühlen, die Angst um ihre Zukunft haben, die verzweifelt sind und nicht mehr weiterwissen. Nun fangen Medien an, diese Menschen lächerlich zu machen, sie an den  Rand zu drängen, anstatt sich mit der eigentlichen Kernfrage zu befassen:
Warum leben wir einfach so weiter, als wüssten wir nicht, dass unser Lebensstil Menschenleben kostet, das Klima verändert, die Biodiversität vernichtet?

Das wiederum liegt meines Erachtens daran, dass wir alle Komplizen dieses Lebensstils sind. Das wohl niemand unter uns Schreibenden von sich sagen könnte, er lebe kompromisslos einen sozial und ökologisch gerechten Lebensstil – auch ich nicht! Das wiederum macht uns Angst, denn eigentlich wissen wir alle, dass FAIRänderungen unabdingbar sind. Es fehlt uns gerade der Mut und die Fantasie zu sehen, wie das gehen könnte, also verharren wir lieber und machen erst einmal weiter so.

Können wir bitte mit dieser verlogenen Doppelmoral aufhören.
Können wir bitte aufhören, die Gesellschaft zu polarisieren. Am Ende wollen wir alle eine gutes Leben leben. Dieses Bedürfnis tragen wir alle in uns!
Können wir bitte endlich anfangen, gemeinsam und ernsthaft an Lösungen zu arbeiten, wie sich das ändern kann. Und ja, für Länder wie Deutschland wird das bedeuten, sich an einigen Stellen radikal zu ändern. Ich bin überzeugt, das ist nicht nur möglich, sondern wird am Ende Raum geben – auch bei uns -, dass die Utopie einer Welt ohne Ausbeutung Realität werden kann.

p.s. Ich bin selbst auch freier Redakteur und habe erst vor kurzem einen Artikel zur Frage von zivilen Widerstand und Recht verfasst.

von Isabel Batista

(zu Teil 1)

Ein eigener Garten am Haus, eine gepachtete Parzelle oder eine klassische Laube, vielleicht auch „nur“ ein Balkon oder ein Hochbeet in einem Gemeinschaftsgarten: Viele Menschen haben das Gärtnern für sich entdeckt.

Es macht Spaß, das eigene angebaute Gemüse und Obst zu ernten und in der Küche zu verarbeiten oder gleich vom Strauch zu naschen. Es bringt uns in Bewegung, senkt unseren Stresspegel und macht uns den Wert von Nahrung wieder bewusst.

Wie es bisher läuft

Weil vom kleinen Setzling bis hin zur Ernte viel Zeit und Mühe vergeht, greifen auch in Privatgärten immer noch viele Menschen zu Pestiziden oder helfen mit künstlichem Dünger nach, um das Wachstum ihrer Nutzpflanzen zu beschleunigen oder die Ernte vor Schädlingen zu schützen.

Wir dürfen hier den Wunsch nach maximaler Kontrolle und Ordnungssinn gerne hinterfragen. Wo bleibt die echte Natur, wenn sie in strikte Abschnitte gedrängt wird, jeder Laubhaufen verschwinden muss und sogar essbare Wildkräuter mit Chemie ausgemerzt werden?

In solch einem Garten finden Nützlinge keinen Anreiz zur Futtersuche oder Aufzucht ihrer Jungen. Eine Abwärtsspirale setzt ein: Schädlinge fallen über die Früchte unserer Arbeit her, und so setzen wir wieder die Chemiekeule ein.

Wir haben ein instabiles System geschaffen, in das wir immer wieder eingreifen müssen.

Es geht auch anders

Ein naturbelassener Garten bedeutet nicht, sich durch wucherndes Gestrüpp zu kämpfen oder jedem Schädling das Feld zu überlassen. Ein naturbelassener Garten bedeutet, dass man den Geschöpfen im und auf dem Boden, in der Luft und in den Zweigen der Bäume einen eigenen Spielplatz einrichtet.

Eine kleine Inspiration aus meinem Roman „Die Systemwandler“:

Im Garten waren die Schmetterlinge und Bienen zurückgekehrt und es summte überall. Die Farbenpracht war ein Genuss. Mit der Wildnisecke, die in jeden ausgewogenen Permakulturgarten gehörte, wollte Kerstin weitere Lebewesen anlocken.

Anja setzte sich nach einer kurzen Pause wieder zu ihr ins Gras und half ihr beim Schichten der Steine. „Wozu machen wir das?“, fragte sie interessiert.

Kerstin antwortete bereitwillig: „Der Steinhaufen ist für verschiedene Wildtiere als Zuflucht gedacht. Insekten, Spinnen, aber am meisten hoffe ich auf den Besuch von Eidechsen.“

„Die habe ich schon lange nicht mehr in freier Wildbahn gesehen“, sagte Anja bedrückt.

[…]

Während sie Stein auf Stein legten und so Stück für Stück ein Refugium für die weniger beachteten Lebewesen aufbauten, malte sich Kerstin im Geiste aus, wie die kleine Landschaft hier im hinteren Abschnitt ihres Gartens bald aussehen würde. „Die Steinburg der Kriech- und Krabbeltiere ist erst der Anfang“, ließ sie Anja an ihrer Vorstellungswelt teilhaben. „Geplant ist noch ein kleiner Tümpel für Frösche und Kröten, eine Ansitzstange für Greifvögel bei den Hochbeeten und ein Nistkasten für Eulen im Geäst des großen Pflaumenbaums.“

[…]

Neben dem Artenschutz hatten auch die Gärtner etwas von den Nützlingen, die durch das Futter- und Versteckangebot angelockt wurden. Sie lieferten einen Beitrag zum Schutz von Gemüse und Kräutern, indem sie die Schädlinge in Schach hielten. Zudem sollten sich einige von ihnen auch als Bestäuber nützlich machen.

“Die Systemwandler” von Isabel Batista

Ein Garten wie dieser fördert das natürliche Gleichgewicht und wird für jeden Menschen zum Abenteuer und Genuss. Unser Wohlbefinden steigt, denn jetzt können wir der echten, ein wenig wilden Natur nahe sein, sie beobachten, erleben und schätzen lernen. Vielleicht entdecken wir darin sogar unsere eigene wilde Natur.

Was Du als Systemwandler tun kannst:

  • Richte einen Garten oder Balkon ein, der ALLEN Geschöpfen einen Lebensraum bietet, oder inspiriere einen Gartenbesitzer dazu.
  • Vermeide chemische Mittel und greife für die Schädlingsbekämpfung stattdessen auf natürliche Mittel zurück (z.B. Brennesseljauche gegen Blattläuse oder die Ansiedlung von Nützlingen).
  • Vermeide Kunstdünger und belebe den Boden durch hilfreiche Pflanzen wie Klee oder mit Mulchmaterial.
  • Kaufe Pflanzensetzlinge, die ohne Pestizide herangezogen wurden (insbesondere bei bienenfreundlichen Pflanzen wie z.B. dem Lavendel).
  • Best Tipp: Mache Dich mit Permakultur vertraut (z.B. beim Permakultur-Institut) und gestalte Deinen Garten nach den Prinzipien dieser erstaunlichen Anbautechnik.

Auf diese Weise wirst Du Stück für Stück ein System erschaffen, in dem Du selbst glücklich bist, weil die Natur um Dich herum aufblüht und wirklich lebendig ist.

Wenn Du Interesse an weiteren Impulsen für einen naturbelassenen Garten, nachhaltige Lebensweisen und gute Neuigkeiten aus der Welt des sozial-ökologischen Wandels hast, dann melde Dich zu meinem Newsletter auf „Die Systemwandler“ an. Monatlich wirst Du mit dem Wissen versorgt, das ein Systemwandler zum Wandeln braucht.

Externe Links:

https://www.systemwandler.de
https://www.permakultur.de/home

Beitragsbild: Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, ©Isabel Batista 2019

Von Klemens Jakob

Wenn wir von unserer Natur sprechen, dann denken wir meist an die Natur, die uns umgibt. Doch auch wir sind Natur. Es gibt nur eine Natur und ein Teil davon sind wir. Es gibt auch keine Trennung zwischen der Natur um uns und uns selbst. Jede einzelne Zelle von uns besteht aus den gleichen Bausteinen, aus denen auch die Natur um uns aufgebaut ist.

Täglich gestalten die Kräfte der Natur unseren Körper neu, indem sie ca. 50 Milliarden Zellen unseres Körpers durch neue Zellen ersetzen. Es ist die gleiche Kraft, die im Frühjahr die Pflanzen wachsen lässt und die Sterne am Himmel bewegt und die einen leblosen Körper wieder in fruchtbaren Humus verwandelt; die gleiche Kraft, die aus einem Samenkorn einen Baum wachsen lässt und die einen Embryo in einen erwachsenen Menschen verwandelt.  Diese Kraft, die uns, während wir schlafen, atmen lässt, die unseren Organismus leben lässt, die alles mit allem verbindet – die ist unsere Natur. Unsere Natur ist Leben. Wenn wir diese Kraft bewusst wahrnehmen, dann fühlen wir unsere Verbundenheit, dann fühlen wir uns eingebunden in ein großes Ganzes, dann fühlen wir uns heil und lebendig, dann fühlen wir, dass alles in Ordnung ist und dass wir in Ordnung sind, und wir fühlen uns zu Hause.

In unserer Natur gibt es keine Trennung. In der Natur gibt es auch keine Grenzen, es gibt nur Übergänge. Jegliche Trennung ist eine unnatürliche Einbildung von uns Menschen. Als Menschen haben wir die Möglichkeit, unsere Natur zu verleugnen. Wir können so tun, als wären wir von der Natur unabhängige Wesen. Das funktioniert, wenn wir unsere Sinne, mit denen wir unsere Verbundenheit wahrnehmen können, nicht nutzen. Wenn wir das über einen längeren Zeitraum praktizieren, dann werden diese Sinne immer schwächer.

Aber was haben wir davon, wenn wir unsere Natur verleugnen? Es gibt uns ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Wir können nach Belieben handeln, ohne die Konsequenzen unserer Handlungen spüren zu müssen. Dadurch können wir ohne schlechtes Gewissen auf Kosten der restlichen Welt einen egozentrischen und zerstörerischen Lebensstil praktizieren. Dieses Gefühl der Freiheit ist bei genauerer Betrachtung aber genau das Gegenteil von Freiheit. Es ist die Illusion von Freiheit für einen Teil von uns, der auch nur als Illusion existiert.

Es ändert nichts daran, dass wir Natur sind. Das Einzige, was es verändert, ist, dass wir uns dann nicht mehr verbunden fühlen. Wir verlieren dadurch die Verbindung zu unserer Natur, zu unserer Mutter Erde und zu allen Mitwesen auf der Erde und auch die Verbindung zu unserem eigenen Körper. Wir fühlen uns nicht mehr zu Hause und leiden unter unserer selbst kreierten Einsamkeit. Wir nehmen nicht mehr wahr, wenn wir uns durch ungesunde Nahrungsmittel vergiften, wenn wir unsere Seele durch ein unnatürliches Welt- und Selbstbild niederdrücken, wir nehmen das Leid der Tiere, die wir durch unsere sogenannte Nutztierhaltung quälen, nicht mehr wahr, und wir nehmen nicht mehr wahr, wie wir durch unser zerstörerisches Handeln die Vielfalt des Lebens auf unserer Erde immer weiter reduzieren. Das ist der Preis für das Gefühl scheinbarer Freiheit. Wir bezahlen dafür mit unserer Natur, mit unserem Leben.

Echte Freiheit basiert auf dem Bewusstsein, dass wir Teil von einem größeren Ganzen sind. Wir können dann frei darüber entscheiden, ob wir mit unseren Handlungen zur Heilung oder zur Teilung beitragen möchten. Wir können dann auch frei darüber entscheiden, ob wir unsere Natur erleben wollen oder ob wir unsere Sinne für dieses Erleben ungenutzt verkümmern lassen, wodurch dann auch der Sinn unseres Lebens immer schwerer wahrnehmbar wird.

Das wäre doch ein sinn-voller Vorsatz für das neue Jahr, dass wir unsere Sinne zur Wahrnehmung unserer Verbundenheit stärken und dadurch unsere Natur erlebbar machen.

von Bobby Langer

„I want you to panic!“ Kaum ein anderer Satz von Greta Thunberg hat mehr Kritik und Widerstand ausgelöst. Mir ging es genau umgekehrt. Auf mich wirkte er wie ein Hammer, der alten Mörtel von Ziegeln klopft, inneren Mörtel, versteht sich. Sie sei eben eine Jugendliche, hieß es noch in den freundlichsten Berichten; genau umgekehrt, tönte es, müsse man auf die Klimakrise reagieren, umsichtig, mit Bedacht, erwachsen. Nein, dachte ich, das haben wir die letzten 30 Jahre getan, oder jedenfalls so getan als ob. Und jedes Mal drängten sich andere, emotionale Themen in den Vordergrund. Jeder Faschingszug, jedes Bundesligaspiel, jede Ministerpräsidentenwahl im unbedeutendsten Bundesland war und ist wichtiger, weil emotional besetzt, als die Klimakrise. Die Gesellschaft reagiert eben nicht umsichtig, mit Bedacht und erwachsen, sondern ratlos, neurotisch und kindisch. Von außen gesehen: geistesgestört. Weiterlesen

von Peter Zettel

Falsche Frage! Ich gestehe, ich habe das Buch nicht gelesen, nur das Abstract darüber. Vielleicht ist der Titel ja auch nur der Köder, damit es gekauft wird. Aber darum geht es mir nicht, sondern um eine grundsätzliche Frage. Im Abstract ist unter anderem das zu lesen:

„Immer wieder bekräftigen die Vereinten Nationen und Regierungen, die Biodiversität schützen zu wollen. Doch die politischen Ziele werden immer wieder verfehlt. Kann der Schutz der Biodiversität juristisch erzwungen werden? Dazu wurde schon vor Jahrzehnten die Idee eines Klagerechtes für Tiere und Ökosysteme entwickelt.“ Weiterlesen

von Isabel Batista

(zu Teil 2)

Unsere Welt ist ein lebendiges System aus Zyklen, Rhythmen und Prozessen. Es unterliegt bestimmten Naturgesetzen. Doch mit unserer Art des Lebens und Wirtschaftens verstoßen wir jeden Tag aufs Neue gegen diese Naturgesetze. Das hat schwerwiegende Veränderungen auf dem Planeten Erde verursacht. Um den Prozess der Zerstörung zu stoppen, müssen wir zu Systemwandlern werden. Wir müssen die von uns geschaffenen Systeme wieder in Einklang mit den Naturgesetzen bringen. Eines dieser Systeme ist die Landwirtschaft. Weiterlesen