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Von der Existenzangst zur Selbstversorgung – eine Einladung
Selbstversorgung – davon träumen viele, schrecken dann letzten Endes doch meistens davor zurück. Evelin Rosenfeld hat sich sehr konkret damit auseinandergesetzt. Der Name des ausgedehnten Landes, auf dem sie ihren Weg der Kreislaufwirtschaft praktiziert bezieht sich auf Aditi, die vedische Schöpfungsgöttin. Um bei so einem Projekt vorwärtszukommen und nicht einzuknicken, braucht es „Wild Natural Spirit“ (so heißt die Kräutermanufaktur, mit der Evelin das Projekt finanziert)***. „Spirit“ hat die Pionierin, dennoch meint sie, dass einerseits die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Mitteleuropa echte Autarkie verhindern, andererseits, dass die Idee von Autarkie dem Gedanken der Verbundenheit widerspricht.
Ökoligenta: Vielleicht schilderst du erst einmal, wie weit du mit deinem Projekt gekommen bist.
Nun, das Wichtigste ist wohl, dass ich es geschafft habe, 55.000 Quadratmeter Brach- und Ackerland in einen riesigen Permakulturgarten zu verwandeln, in dem nicht nur seltene Arten aus Fauna und Flora in Fülle leben, sondern der auch wertvolle Lebensmittel für viel mehr Menschen hervorbringt, als derzeit von dem Projekt wissen. Damit ist es gelungen, eine Vollerwerbs-Landwirtschaft untrennbar mit Naturschutz zu verbinden. Auch zeige ich ein Wirtschaften auf, das eben nicht ausbeutet und Lateralschäden vergesellschaftet, sondern im Gegenteil: ein Wirtschaften, das maßgeblich und nachhaltig zum Gemeinwohl beiträgt, während es gleichzeitig einen Lebensunterhalt eigenständig erwirtschaftet.
Zudem konnte ich das Projekt (einigermaßen) harmonisch in das herrschende Behördensystem integrieren. Mit insgesamt 11 Aufsichtsbehörden ist das eine echte Nervensache und Geduldsfrage. Auch die Beteiligten in den Behörden mussten an einigen Stellen das auf landwirtschaftliche Großbetriebe ausgelegte Regelwerk irgendwie in Einklang bringen mit dem, was ich hier mache. Wirklich erkennen, welche Chancen in diesem Projekt für die drängenden Fragen für uns alle liegen, tun aber wenige.
Ökoligenta: Momentan schaffst du das alles mit 1 Woman-Power, eigentlich unglaublich. Aus welchen Quellen sprudelt deine Energie?
Ich bin mit 33 Jahren, zwei akademischen Abschlüssen und einer bereits beachtlichen Karriere in der Wirtschaft „ausgestiegen“, weil ich die Rücksichtslosigkeit und Kurzsichtigkeit, die in Konzernen und auf Verwaltungsebene herrschen, nicht ertragen konnte. Dieser Ausstieg brachte mich in eine Lebenskrise, in der ich mich fragte, wie ich mein Leben, meine Gaben so einbringen kann, dass nicht nur noch mehr Schaden entsteht, sondern dass vor allem das Gefüge aus Angst und Gier durchbrochen werden kann; dass Wege sichtbar werden, wie wir in Frieden und in Fülle mit unserer Mitwelt leben können. Dazu braucht es ein tiefes Hinterfragen der Grundannahmen unserer Gesellschaft: von Familiengründung bis abhängiger Erwerbsarbeit, von Ressourcenkreisläufen bis hin zu spirituellen Zusammenhängen. All dem habe ich mich gestellt und Schritt für Schritt Antworten und Resonanz gefunden.
Mein unerschütterlicher Glaube an die Liebe in jedem Menschen und an eine göttliche Führung sind der Quell meiner Kraft – zudem meine besondere Beziehung zu diesem außergewöhnlich kraftvollen Ort hier.
Ökoligenta: In den Städten mieten sich Menschen bei SoLaWis am Stadtrand ein. Könnte dieses Modell auch für Aditi funktionieen ?
Nein, eher nicht. Die SoLaWis – für die es mittlerweile sogar eigene landwirtschaftliche und steuerrechtliche Regeln gibt, funktionieren normalerweise so, dass ein Landwirt die Flächen mit Maschinen vorbereitet und kleine Parzellen an Städter vermietet, die dann ihren Salat oder Rosenkohl oder was sie eben wollen, am Wochenende anbauen. Aditi in Parzellen aufzuteilen widerspricht meinem Anliegen, sie als Ganzheit zu fördern. Zudem nutze ich ja keine Maschinen und arbeite in Permakultur. Wenn, dann würde sich eine Gruppe von Menschen um die ganze Aditi kümmern, mit ihrem Wald, ihrem Beeren- und Saatgutgarten, mit den Kräutergärten, Obstbäumen und dem großen Gemüsegarten. Die Intention von Aditi geht über das „ich mach mein eigenes Gemüse“ hinaus.
Ökoligenta: Gibt es diese Gruppe schon? Wie können Menschen sich in das Projekt einbringen?
In 2022 waren wir ein starkes Team von sechs Menschen, die sich regelmäßig und aus verschiedenen Konstellationen auf Aditi eingebracht haben. Das Ergebnis war phänomenal: Für die überbordende Gemüseernte brauchten wir sogar einen Erdkeller über den Winter, das in 2022 geerntete Saatgut hat auch in diesem Jahr, 2025, gereicht, um ohne Zukäufe die Gärten zu bestücken. Das waren alles Leute hier aus der Gegend, die einfach Freude daran hatten, auf Aditi zu sein, zusammen zu arbeiten und die Abende gemeinsam am Feuer zu verbringen.
Einige waren bei mir „zwischengelandet“ wegen der Corona-Restriktionen und sind nun zurückgekehrt in ihre Ursprungsberufe. Aber so könnte es gehen.
Zudem habe ich immer mal wieder Lehrlinge für eine begrenzte Zeit, die sich mit der Anbau- und Lebensweise vertraut machen wollen.
Doch mittelfristig wünsche ich mir schon zwei bis vier Menschen, die hier oder in der Nähe wohnen und sich dauerhaft und hauptberuflich in das Projekt einbringen.
Dazu braucht es nicht nur etwas Kapital, sondern vor allem die Bereitschaft, eine körperlich doch recht anspruchsvolle Arbeit zu machen für ein sehr überschaubares Einkommen. Doch der „Lohn“ besteht ja letztlich darin, vollkommen selbstbestimmt inmitten überbordender Natur zu sein, Lebensmittel von höchster Qualität für sich und andere zu gewinnen und seine Lebensenergie in etwas fließen zu lassen, das Lebendigkeit schafft.
Die Zeit ist gut, denn mehr und mehr Menschen merken auf: Statt ein Online-Coaching, um eine Depression, eine Lebenskrise, einen Burn-Out zu „besprechen“, beginnen sie, neu Kontakt mit den wirklich heilenden Kräften der Natur aufzunehmen, lauschen den Bäumen, beobachten die Insekten. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, die Hacke in die Hand zu nehmen und nährende oder heilsame Pflanzen zu pflanzen, zu pflegen … und sich dabei ganz von allein mit kostbarer Lebensenergie aufzuladen.
Ich lade jedes Jahr zur Blütenernte ein. Das ist eine kleine Chance zu erleben, wovon ich hier spreche.
Ökoligenta: Was ist deiner Erfahrung nach das Haupthindernis für die Umsetzung einer echten Selbstversorgung?
Zuerst: Aufgrund der zahlreichen Systemzwänge – von Pflicht-Versicherungen bis Strom, Wasser, Müllentsorgung, von denen wir uns in Deutschland nicht abmelden können, ist es derzeit gar nicht möglich, wirklich autark zu leben und zu wirtschaften. Wir sind nicht nur gezwungen, System-Leistungen zu kaufen (und damit Geld beschaffen zu müssen) – Autarkie widerspricht auch der Einsicht, dass alles mit allem verbunden ist. Dieser Gedanke – der Gedanke von dynamischen Kreisläufen durch alle Ebenen des Erdenlebens hindurch – ist die Basis der Permakultur. Und er ist auch Tatsache in allen natürlichen Vorgängen.
Von daher bescheide ich mich auf den Anspruch, meinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, das meiner Liebe zur Erde Ausdruck verleiht und den aus meiner Sicht schädlichen Systemwirkungen nicht weiter zuträgt. Dass dabei durch eine einzelne Person 55.000 Quadratmeter Land renaturiert wurden, dass eine Fülle an Heilkräutern, Saatgut und Lebensmitteln bereitgestellt wurde für viele, viele andere Menschen, das macht mich glücklich und stolz.
Ich bin weit entfernt davon, mich „selbstzuversorgen“ – allerdings brauche ich keine moderne Medizin, habe Zugriff auf unbelastetes Gemüse, Obst und Kräuter, lebe in meinem eigenen natürlichen Rhythmus und brauche vergleichsweise wenig Geld – da ich nichts zu kompensieren habe. Ich bin satt und gesund aus dem, was mein täglich Werk ist.
Wenn ich nun auch einige andere Menschen begeistern kann von dieser Arbeit und vielleicht begleite zu ihren eigenen Projekten oder sie integriere in dieses Projekt hier bei mir – und da gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Aufgaben und Ausblicke – dann wirke ich MIT dem bestehenden System, dessen Teil ich ja auch bin.
Ökoligenta: Die Konsumwelt, in der wir aufwachsen und unsere Persönlichkeit ausbilden, ist vielfältig und spricht uns auf den verschiedensten Ebenen an. In den Worten von Günther Anders wird der Mensch schlaraffisiert und zu einem passiven Wesen modelliert. Dein Projekt erwartet ja eher eine Emanzipation von dieser Grundhaltung.
Ja, das ist mein Herzensanliegen an die Menschheit: „Dienst“, „Arbeit“, „Verantwortung“ sind bei vielen Menschen sehr negativ belegt. Weil sie immer in Abhängigkeiten denken, weil sie Arbeit als etwas sehen, was sie ZWANGsläufig tun müssen, weil sie Dienst als Unterwerfung kennen und weil sie „Verantwortung“ mit „Strafe/Konsequenzen“ verbinden.
Damit sind sie zu passiven Sklaven des Ausbeutungssystems geworden und verschanzen sich hinter Ansprüchen, Bequemlichkeit und Konsum.
Es ist so viel lebendiger und befriedigender – und möglich ! –, aus eigener Kraft ein eigenes Feld zu schaffen, in dem wir unsere Lebensenergie freiwillig in etwas geben, das uns am Herzen liegt. Und wem liegt die Natur nicht am Herzen? Welcher Mensch atmet nicht auf, wenn er unter Bäumen steht, welcher Mensch beginnt nicht zu singen, wenn er frische Beeren erntet und gleich in den Mund steckt? Viele kommen gar nicht bis zu dem Erlebnis, ein im eigenen Schweiß bebautes Feld zu betrachten und dabei Stolz und Freude zu empfinden. Und so können sie auch nicht die Früchte ihrer eigenen Arbeit, ihrer freien Entscheidung ernten.
Um diesen Schritt in die Freiheit und in ein sinnstiftendes Leben zu tun, steht noch vor der harten körperlichen Arbeit vor der wirtschaftlichen Ungewissheit ein Schritt im Inneren an: Die Angst, zu wenig abzubekommen, die sich in Gier und Egoismus ausdrückt, muss überwunden werden zugunsten der Einsicht, dass Fülle aus Großzügigkeit und Begeisterung entstehen. Wer (sich) gibt, bekommt alles, was es braucht, um ein friedvolles und lebendiges Leben zu führen.
Doch wie viele Menschen leben das schon ?
Ich bin offen für eine Gruppe von Menschen, die sich gemeinschaftlich um Aditi kümmert und an ihr erfreut. Das wäre eine Erweiterung für alle Beteiligten. Mehr Hände – mehr Ernte – mehr Austausch – mehr Fülle.
Aber brauchen tun wir’s nicht …
Ökoligenta: Du hast angedeutet, mit den Potenzialen von Aditi könnte es in Richtung Binnenwirtschaft weitergehen. Kannst du uns dazu Näheres erzählen?
Es gibt einen Weg, den ich sehe, auf dem eine Gruppe von Menschen, die auf Aditi lebt, sich sehr, sehr weit lösen kann aus den Systemzwängen. Hier gibt es Antworten auf die klassischen Fragen von Gemeinschaftsleben, Arbeitsteilung, die Rolle von Kapital und die führende Kraft einer täglich praktizierten Spiritualität.
Ich schöpfe hier aus 25 Jahren Organisationsberatung und Coaching (siehe insbesondere meine beiden Bücher „Wertebasiertes Management“ und „Was Dir wirklich wichtig ist“) – vor allem aber aus der Beobachtung der Vorgänge in der Natur, der Erfahrungen mit dynamischen Gleichgewichten in der Ökologie.
Wenn die passenden Menschen hier angekommen sind, können wir darüber sprechen.
Für jetzt lade ich jeden, der das liest, herzlich ein, mal für eine Blütenernte oder eines der anderen Seminare nach Aditi zu kommen und sinnlich zu erfahren, wovon ich hier spreche. Eigentlich können wir dann erst sehen, ob eine Resonanz da ist, die das Sein berührt und zum Tun führt.
*** Evelin Rosenfelds Projekt liegt im nordbayerischen Landkreis Coburg.
Evelin Rosenfeld beweist, dass auch eine optimal naturnahe Wirtschaftsweise funktionieren kann
Es gehört zu den beliebten Argumenten der konventionellen Landwirtschaft, man könne nur mit dem Einsatz von Großmaschinen und massiver Schädigung von Mitwelt und Bodenleben wirtschaftlich überleben. Evelin Rosenfeld beweist das Gegenteil. Im Interview ist Ökoligenta ihrem Ansatz nachgegangen.
Ökoligenta: Du betonst auf deiner Homepage die Kreislaufwirtschaft, und zwar nicht nur irgendeine, sondern eine konsequente. Wenn wir die „Kreislaufwirtschaft“ mal als den einen Pol möglichen Wirtschaftens ansehen, wie würdest du denn den anderen Pol beschreiben?
Evelin Rosenfeld: Der andere Pol ist, mit möglichst wenig Eigenleistung möglichst billig irgendwelche Rohstoffe und Vorleistungen zusammenzukaufen und teuer weiterzuverkaufen. Die Bedingungen der Gewinnung, die nicht eingerechneten Verbräuche auf dem Weg zum „Händler“ und die Entsorgung des verbrauchten Produkts spielen dann ebenso wenig eine Rolle wie der immaterielle Aspekt des „Produkts“. Das Produkt ist dann seelenlos.
Ö: Um jetzt mal konkret von deiner Branche zu sprechen: Wie funktioniert die konventionelle Pflanzen- und Kräuterproduktion üblicherweise?
E.R.: So viel Land wie möglich pachten um so viel Nutztiere wie möglich unter Leben verachtenden Bedingungen möglichst schnell zu vermehren und die Exkremente auf den Flächen auszubringen (man braucht je Vieheinheit eine bestimmte Fläche). Auf diesen Flächen fahren dann Maschinen von mehreren zig Tonnen und reißen mehrmals zwischen Herbst und Frühjahr den Boden auf.
Das Bodenleben stirbt, der Boden verdichtet und verarmt. Dann wird giftig gebeiztes, oft genmanipuliertes Saatgut ausgebracht, das unter Einsatz von mehreren „Gängen“ Mineraldünger (Wasser und Bodenleben werden geschädigt), den Exkrementen aus dem Stall (s.o.) und Pflanzenschutz (einheimische Pflanzenarten, Insekten, Eidechsen etc. werden mitvernichtet) hochgezogen wird. Wieder mehrfach schwere Maschinen auf dem Boden – und Abgase und Lärm.
Wenn der Bestand erntereif ist, kommt eine noch größere, noch schwerere Maschine, rasiert die „Ware“ ab, die vom Schneidwerk mit Hochdruck in den Tank geschleudert wird. Das so misshandelte Pflanzgut wird zum Hof geschafft und mit Fließbändern, Rüttelsieben und Trockengebläsen erneut so massiv verletzt, dass unweigerlich Oxidation und damit Vergiftung und Zerfall der Pflanzen einsetzt.
Was dann noch übrig und trocken ist, wird maschinell kleingehackt, in Säcke geblasen und auf zum Teil langen Wegen – Abgase – zum Händler geschafft, teils mehrere Handelsetappen, bis zuletzt das mausetote Material wieder maschinell in Verkaufspackungen untergebracht wird und erneut auf den Transport zu Einzelhändlern geht.
Ö: Gibt’s da denn keinerlei Unterschiede zwischen konventionellen und Biobetrieben?
E.R.: Der Unterschied besteht lediglich darin, dass Biobetriebe bestimmte Dünge- und Spritzmittel nicht verwenden dürfen, dafür nur Biosaatgut verwenden dürfen und sich einmal jährlich kontrollieren lassen müssen. Wenn man einmal davon absieht, dass Demeter-Betriebe immerhin das Futter für ihre Tiere selbst anbauen müssen, ist der Unterschied marginal.
Ö: Kreislaufwirtschaft und Cradle to Cradle – sind das verschiedene Ansätze?
E.R.: Kreislaufwirtschaft ist eine Überkategorie. Cradle to cradle fokussiert speziell auf Recycling, soweit ich weiß.
Ö: Gibt’s bei dir gar keine nicht wiederverwertbaren Abfälle?
E.R.: Doch: Die Glasflaschen, die Kartons und die Flyer. Die Flaschen zurückzunehmen, zu reinigen und wiederzuverwenden würde mehr Ressourcen verbrauchen, als sie dem großen Recycling vor Ort bei meinen Kunden zuzuführen. Da meine Kunden ja auch sehr bewusst sind und handeln, finden sie ganz sicher eine Wiederverwendung.
Meine Kunden sind übrigens ein paar eigene Zeilen wert. Denn wer mich findet und Gefallen an den Produkten hat, bleibt und bestellt immer wieder. Es ist wirklich so, dass ein paar tausend Namen mir vertraut sind, wenn eine neue Bestellung kommt. Oft mit ein paar lieben, wertschätzenden Zeilen. Manchmal bekomme ich sogar Post von meinen Kunden: schöne Karten, Bücher – einfach: ganz viel Liebe und Verbundenheit, die da schwingt.
Ö: Die Rohstoffe für deine Produkte entnimmst du dem Boden? Wie kommen die entnommenen Nährstoffe wieder in den Boden zurück? Düngst du, und wenn ja, wie?
E.R.: Es muss viel gejätet werden. Hieraus entsteht Kompost, den ich wieder auf die Flächen bringe. Bei Kulturen, die es vertragen, mulche ich zudem. Dem Boden werden durch Photosynthese und Witterung eine Reihe von Elementen aus der Luft und aus dem Sonnenlicht zugeführt. Zudem führt die unbeschadete Fauna (Kleintiere und Insekten) sowie das Mykorhizza [Red.: das in ungeschädigten Böden vorhandene Pilzgewebe] dem Boden alles zu, was vor Ort gebraucht wird. Zusätzlicher Dünger ist da nicht nötig.
Ö: Verschwendung findet ja üblicherweise im Bereich des Energieeinsatzes und im Ressourcenverbrauch statt. Mit welchen Methoden minimierst du diese beiden Faktoren?
E.R.: Ich mähe drei Hektar von Hand, trockne das Pflanzgut in selbst konstruierten Solardarren (komplett frei von Elektrizität) und destilliere auf offenem Feuer.
Ö: Du brauchst ja auch Verpackungen für deine Produkte, wenn du sie verschicken willst. Die sind vermutlich vom Kreislauf ausgenommen? Oder nicht?
E.R.: Ich hole einen Teil der Versandkartons, die ich brauche, vom Einzelhandel aus Rodach: Da fällt so viel an – das kann ich gut wiederverwenden. Allerdings kaufe ich auch Kartons in Recylingqualität zu.
Ö: Du hast dich ja auf Kräuteranbau spezialisiert. Ich habe den Eindruck, dass sich diese Art von Produktion besonders gut für Kreislaufwirtschaft eignet. Ist denn auch eine Landwirtschaft, die Grundnahrungsmittel wie Getreide, Kartoffeln herstellt, als Kreislaufwirtschaft vorstellbar?
E.R.: Ich habe auch einen 5.000 qm großen Gemüsegarten. Das Gemüse erfreut Menschen und Restaurants im unmittelbaren Umfeld. Also: Ja
Zu beachten ist, dass nachhaltiger Landbau > 60% mit mehrjährigen Lebensmittelpflanzen arbeitet. Also heißt das auch für die Nutznießer der Gärten: Weg von einjährigem und oft auch ökosystemfremdem Gemüse – und zurück zu leckeren Dauerkohlen, Spargel, zahlreichen Beeren und vieljährigen Knollen und Wurzelgemüsen.
Ö: Kann man denn ein auch nur halbwegs modernes Leben führen, wenn man arbeitet und denkt wie du?
E.R.: Klar !
Ö: Warum ist dir das alles so wichtig?
E.R.: Weil ich die Erde liebe. Und weil ich dazu beitragen möchte, dass die Menschen endlich Hass, Gier und Verblendung loslassen, um das Leben im Garten Eden zu feiern, statt immer neues Leid zu erzeugen.
Evelin Rosenfeld betreibt die Homepage Wild Natural Spirit mit so naturnah wie möglich naturreinen Pflanzenpräparaten, die sie in Permakultur auf 55.000 qm Land maschinenfrei anbaut. Darüber hinaus bietet sie Seminare zu Permakultur & Heilkräutern an.
Evelin Rosenfeld studierte Biochemie und Betriebswirtschaft, und verabschiedete sich als Konzernstrategin mit 32 Jahren von einem linearen, mitweltfeindlichen Wirtschaften.
Heute sucht sie nach einem/r Geschäftspartner/in, der/die sich den Spagat zwischen ökonomischen Sachzwängen und naturnahem Wirtschaften zutraut.
Die vielleicht zentralste Herausforderung für jeden von uns, der hofft, Bürger des Planeten A zu werden, besteht darin, für die Zukunft bereit zu sein. Wie können wir unsere innere Stärke so weit entwickeln, dass wir uns auf die entstehende regenerative Zukunft konzentrieren können?
Dazu gehört auch, dass wir lernen, wie wir konkurrierende Wahrheiten in der Öffentlichkeit verhandeln und wie wir unser Wohlbefinden angesichts einer sich verschlechternden Umwelt fördern können.
Andererseits gibt es Zuversicht, wenn man mit anderen zusammen ist, die die grünen Triebe einer besseren Zukunft sehen können, wo vorher keine war. Neue Formen von Intelligenz und Handlungsfähigkeit zu gewinnen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, belebt jeden Raum. Unsere Erfahrung, auf diesem Planeten zu leben, wird in Echtzeit verändert.
Emotionale Bedürfnisse und Ressourcen
Nach den Human Givens-Prinzipien ist der Mensch so konzipiert, dass er neun wesentliche emotionale Bedürfnisse hat, die ihm helfen, zu überleben, indem er sozial wird. Dies sind die Bedürfnisse nach Status, Zugehörigkeit, Autonomie, Verbundenheit, Privatsphäre, Sinn und Zweck, Leistung und Intimität.
Wir sind auch so konzipiert, dass wir diese Bedürfnisse selbst befriedigen können, indem wir unsere gegebenen Ressourcen nutzen: die Fähigkeit, uns zu erinnern, uns etwas vorzustellen, in Beziehung zu treten, uns einzufühlen und uns selbst zu beobachten. Wenn unsere Gemeinschaften und Arbeitsbereiche so gestaltet sind, dass sie uns helfen, unsere Bedürfnisse im Gleichgewicht zu befriedigen, schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass jeder von uns ansprechbar wird.
Integrales Wachstum
Jeder von uns durchläuft einen Entwicklungsbogen von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter (heute geht man davon aus, dass wir mit 24 Jahren voll entwickelt sind). In gewissem, aber nicht ausschließlichem Zusammenhang damit stehen Fortschritte in der psychosozialen Handlungsfähigkeit – wir bewegen uns wie auf einer Leiter durch verschiedene Reaktionen auf unsere Umwelt und entwickeln langsam neue Handlungsmöglichkeiten.
Als Kinder reagieren wir emotional und stellen unsere eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund. Als junge Erwachsene sind wir oft durch Sicherheit und eine wachsende Fähigkeit zur Strukturierung unseres Lebens motiviert. Später können wir in unseren Beziehungen zu anderen strategischer vorgehen. Um ins volle Erwachsenenalter zu gelangen, werden wir irgendwann auch ein Erwachen für die Rechte aller Menschen erleben, das unsere eigenen Handlungsweisen verändern wird.
Nach der integralen Lehre bedeutet Reife, wenn die Bedingungen es zulassen, dass wir uns dieser verschiedenen Handlungsweisen in uns bewusst werden und lernen, sie zu integrieren. Gleichzeitig können wir die Gesellschaft als eine Gesellschaft sehen, die aus der gleichen Vielfalt von Verhaltensweisen besteht, und neue Arbeitsweisen entwickeln, um dieser Vielfalt gerecht zu werden.
Praxis
Immer mehr Menschen üben sich darin, ihre Aufmerksamkeit zu schulen, die Fähigkeit zu entwickeln, einander zuzuhören und Visionen zu entwickeln. Einige dieser Praktiken werden individuell, andere kollektiv durchgeführt. Die Achtsamkeitspraxis hat in den letzten 20 Jahren auf allen Ebenen der Gesellschaft – von der Schule über die Wirtschaft bis zur Regierung – exponentiell zugenommen.
Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass mehr Achtsamkeit in einer Kultur, die selbst unreflektiert ist – die ihre eigenen grundlegenden Prinzipien nie in Frage stellt und denselben Weg weitergeht -, den Unterschied ausmachen wird, den wir in dieser Zeit der Dringlichkeit brauchen.
Planet A bietet einen Kontext für die Praxis der persönlichen Entwicklung – er hilft jedem, seine Reaktionsfähigkeit zu entwickeln, um gemeinsam mit anderen, die dasselbe tun, handeln zu können.
Aktionspunkte
- Studieren Sie die Wissenschaft der emotionalen Bedürfnisse und Ressourcen (das Human Givens Modell ist eines davon, Damasio und Panksepp sind andere)
- Studieren Sie die integrale Theorie und schließen Sie sich bei Emerge Praktizierenden aller Art an.
- Finden Sie eine Praxis , die Ihnen hilft, in diesem Zeitalter des Chaos und der konkurrierenden Theorien über die Zukunft Ihre eigenen Gedanken zu besitzen und sich zu zentrieren.
Kennen Sie den Begriff der Allmende?
„Die Allmende (auch die Gemeindeflur oder das Gemeindegut) ist ein Teil des Gemeindevermögens (Landfläche, Gewässer, Wald), das als gemeinschaftliches Eigentum von der gesamten Bevölkerung benutzt werden darf“ (Quelle: Wikipedia).
Eine kurze Geschichte dazu:
Auf einer gemeinschaftlich genutzten Weidefläche halten Bauern ihre Rinder. Anfangs passt die Anzahl der Tiere zur Kapazität der Wiese, um Überweidung zu vermeiden. Doch als ein Landwirt mehr Rinder hinzufügt, leidet das Gras und wächst schlechter. Dieser Bauer profitiert finanziell, während die Wiese Schaden nimmt. Obwohl allen klar ist, dass zu viele Tiere die Weide zerstören, überwiegt oft der Eigennutz. Und so fragt sich jeder Einzelne, warum ausgerechnet er sich an die Regeln halten soll, wenn die Weide doch nun ohnehin übernutzt ist. Infolgedessen bringen die Bauern immer mehr Kühe auf die Allmende. Bald hat sich das grüne Grasland in ein Schlammfeld verwandelt, unbrauchbar für die Rinderhaltung. Die Bauern sahen das Ende voraus, aber jeder von ihnen wusste, dass es nichts bringt, als Einziger bescheiden zu bleiben. Denn die Wiese wäre trotzdem von den anderen zerstört worden und man selbst hätte außerdem noch weniger verdient. So haben die Bauern, indem sie die Grenzen nachhaltiger Nutzung missachteten, letztendlich alles verloren – eine wahre Tragödie.
Auch unsere Atmosphäre stellt ein solches gemeinschaftliches Eigentum dar, das jeder nach Gutdünken nutzen und leider auch übernutzen darf. Die Folge dieser Übernutzung ist die globale Klimakrise. Der einzelne Mensch glaubt jedoch, nur einen begrenzten Einfluss beim Thema Klimaschutz zu haben, was zu einem Mangel an Verantwortungsbewusstsein führt. Ähnlich wie die Vernachlässigung öffentlicher Orte, wie etwa herumliegender Abfall in Parks oder die mangelnde Sauberkeit auf Toiletten von Autobahnraststätten. Es handelt sich hierbei um das gleiche Prinzip: die Tragödie der Allmende.
Wie kann das Dilemma zwischen Eigennutz und Gemeinschaftswohl gelöst werden?
Dazu braucht es verbindliche Spielregeln, die das begrenzte Allgemeingut gerecht aufteilt. Bezogen auf den Klimawandel bedeutet dies, dass das Recht, die Atmosphäre durch klimaschädliche Emissionen zu belasten, einer Rationierung unterliegen sollte. Dabei versteht es sich von selbst, dass jeder Mensch ein gleichberechtigtes Nutzungsrecht an der gemeinsamen Ressource, der Atmosphäre, besitzen sollte.
Wie solch ein Modell auf EU-Ebene aussehen könnte, beschreibt die gemeinnützige Organisation für nachhaltige Ökonomie mit dem Konzept der komplementären Klimawährung ECO (Earth Carbon Obligation). Das Ausgabevolumen des ECO setzt dabei die konsequenten Rahmenbedingungen, die zwingend erforderlich sind, um das Klimaziel zuverlässig einzuhalten. So dient die Klimawährung als ökologisches Grundeinkommen, das jedem Bürger gleichermaßen zusteht und handelbar ist. Es wird sichergestellt, dass niemand über seine Verhältnisse CO2 emittieren kann, zu Lasten aller anderen. Auch dient die ECO-Währung Produkten als zusätzliches Preisschild, das den CO2-Fußabdruck der Produktion widerspiegelt. Damit ermöglicht sie den Verbrauchern, klimafreundliche Entscheidungen zu treffen. So wird ein verantwortungsvoller Umgang mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten gefördert und die Defossilisierung der Industrie beschleunigt.
Erfahren Sie mehr über diesen Vorschlag, der bereits von renommierten Klimawissenschaftlern, wie z.B. Professor Dr. Dr. Hans-Joachim Schellnhuber befürwortet wird: https://www.saveclimate.earth
Im Moment werden Wirtschaft und Umwelt als getrennte Systeme behandelt. Das ist ein großes Problem, denn so konkurrieren sie miteinander, und am Ende gewinnt immer die Ökonomie. Dies ist ein systemimmanentes Problem unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems, das auf Gewinnstreben und Übernutzung natürlicher Ressourcen fixiert ist. Deshalb können wir die Klimakrise nicht innerhalb des bestehenden Geldsystems lösen.
Die vereinfachte Gleichung „Geld = Konsum = Emissionen“ bringt die allgegenwärtige Klima- bzw. Emissionsungerechtigkeit zwischen Arm und Reich anschaulich zu Tage. Zudem beschreibt sie den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Vermögen und klimaschädlichen Emissionen – jedenfalls solange unsere Konsumgüter noch nicht klimaneutral produziert werden.
Also klimaschädliche Produkte verteuern?
Nein, denn eingespartes Geld durch Einschränkung oder Verzicht bzw. wirkungsvollere Technologien an der einen Stelle wird in der Regel an anderer Stelle wieder ausgegeben – z.B. für einen zusätzlichen Urlaub (Rebound-Effekt). Auch deshalb sind wirksamer Klimaschutz bzw. unsere konsumbedingten Emissionen vom Geldsystem abzukoppeln – beispielsweise durch eine komplementäre Klimawährung!
Unser herkömmliches Geld alleine ist ungeeignet, die Belastung der Ökosysteme durch unseren Konsum transparent abzubilden. Es gibt nämlich viele Produkte, die zwar ökonomisch sehr günstig herzustellen sind und folglich auch billig verkauft werden, deren Herstellung oder Betrieb aber ausgesprochen umweltschädlich sind. Auch verhindert der im Produktpreis enthaltene CO2-Preisaufschlag eine wünschenswerte Transparenz, denn dieser geht nahezu gänzlich im Gesamtpreis unter. Dies erschwert den Verbrauchern die Möglichkeit sich für das klimafreundlichere Produkt zu entscheiden.
Deswegen werden wir weder durch den Zertifikatehandel noch über Verteuerungen die notwendige Emissionsreduktion erreichen. Es braucht ein Modell, das nationalstaatliche Interessen mit globalen Notwendigkeiten vereinbaren kann. Denn die Emissionen drastisch zu reduzieren, um planetare Grenzen einzuhalten, ist nicht optional, sondern zwingend notwendig!
„Eine wirkungsvolle und zugleich sozial-gerechte Alternative könnte ein konsequent verursacherbasiertes System auf Konsumentenebene sein.“
Die Einführung persönlicher handelbarer CO2-Budgets würde das Kaufverhalten der großen Menge der Verbraucher verändern. So ließe sich der notwendige Veränderungsdruck auf die Wirtschaft aufbauen, ihre Produktionsprozesse aus eigenem Interesse immer nachhaltiger zu gestalten – hin zu deutlich mehr grünen Alternativen für die Konsumenten. Denn die Industrie produziert das was wir mit unseren begrenzten Budgets kaufen (können).
Die Klimakrise ist ein globales, multikausales und vielschichtiges Problem.
Wir können sie nicht mit Einzelregelungen bekämpfen. Wir brauchen einen mess- und regulierbaren Handlungsrahmen, mit dem wir auf ökologische Herausforderungen zügig und angemessen reagieren können. Nur wenn wir unsere Wirtschafts-, Konsum- und Lebensweise nachhaltig gestalten, und ökologische wie auch soziale Gesichtspunkte gleichrangig zu ökonomischen berücksichtigen, werden wir unserer Verantwortung für zukünftige Generationen gerecht.
Wir brauchen einen Paradigmenwechsel …
- der Treibhausgase im Zusammenhang mit unserem Konsum zugleich lückenlos erfasst, transparent abbildet, und gerecht abrechnet
- hin zu einem System, bei dem der Einzelne frei über sein Konsumverhalten entscheiden kann, allerdings innerhalb klar gesteckter Grenzen für alle
- welcher ein punktgenaues und flexibles Erreichen des Klimaziels garantiert
- hin zu einem Modell, das administrativ relativ unaufwändig ist, und darüber die soziale Ungleichheit reduziert
- weg von Maßnahmen, die überwiegend auf Verteuerung bzw. Einschränkung und Verzicht setzen, überwiegend einkommensschwächere Haushalte überproportional betreffen, und die inländische emissionsintensive Industrie ins Ausland vertreiben, wo weniger strenge Umweltauflagen gelten
- weg von kleinteiligen oft unpopulären Maßnahmen, hin zu persönlichen handelbaren Emissionsbudgets
Mit einer komplementären Klimawährung und persönlichen Emissionsbudgets zum Klimaziel
Eine sozial-gerechte und vor allem effektivere Alternative zu den gängigen Werkzeugen zur Emissionsreduktion könnte eine Klimawährung sein, die parallel zur Landeswährung existiert. Mit einer solchen digitalen Kohlenstoff-Ressourcenwährung könnten die Bürger ihre konsumbasierten CO2-Emissionen bezahlen. Diese Währung würde mittels persönlicher handelbarer Emissionsbudgets das Steuerungspotential für Klimaschutz in die Hände aller Verbraucher legen, und Unternehmen intrinsisch motivieren umweltfreundlicher zu produzieren. Zusätzlich könnte ein solcher Emissionshandel auf Bürgerebene zur Verringerung der Wohlstandsschere beitragen, da unverbrauchtes Budget gegen Geld verkauft werden kann. Einkommensschwächere Haushalte oder Bürger ärmerer Länder, die meist weniger klimaschädlich konsumieren, erhielten so ein zusätzliches finanzielles Einkommen.
Das Modell würde eine sozio-ökologische Transformation fördern, indem es die Verantwortung und das Steuerungspotential für Klimaschutz auf die Konsumenten überträgt, und gleichzeitig ohne zusätzliche ordnungsrechtliche Verteuerungen auskommt. Darüber hinaus entbindet es die Politik kleinteilige und oft unpopuläre Maßnahmen zu verhängen, umzusetzen und kontrollieren zu müssen.
Mehr dazu unter: www.saveclimate.earth
Die auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Bank Triodos legt in ihrem neuen Bericht über die Wirtschaftsaussichten für das Jahr 2024 ein überraschendes Bekenntnis ab: Sie setzt sich nicht für Wirtschaftswachstum um jeden Preis ein. Vielmehr will sie eine „Postwachstumsökonomie“ fördern. Aus ihrem langfristigen Investitionspapier:
Die globalen Volkswirtschaften wachsen. Man schätzt, dass der Durchschnittsbürger heute 1,5 Mal reicher ist als im Jahr 2000. In diesem langfristigen Ausblick erörtern wir, dass Wachstum ein grundlegendes Merkmal von Marktwirtschaften ist, wie wir sie kennen.
Marktwirtschaften in ihrem derzeitigen Aufbau benötigen Wachstum, um stabil zu sein. Aber selbst wenn die fortgeschrittenen Volkswirtschaften Wachstum um jeden Preis anstreben würden, sind die langfristigen Wachstumsaussichten dürftig.
Wir argumentieren, dass Wachstum ein ökologisches Problem darstellt. Wir überschreiten gegenwärtig 6 von 9 planetarischen Grenzen, die durch die Wirtschaftstätigkeit angetrieben werden. Die ökologische Krise verschärft sich. Auch in sozialer Hinsicht hat das Wachstum nicht gefruchtet.
Die Fortschritte bei der nachhaltigen Entwicklung sind ins Stocken geraten, und die Armut hat weltweit zugenommen. Wir zeigen, dass das Vertrauen in die Innovation, um die Wirtschaftstätigkeit vollständig von den ökologischen Auswirkungen zu entkoppeln, nicht evidenzbasiert ist.
Anschließend erörtern wir drei Wege, auf denen eine Wirtschaft aufgebaut werden könnte, die innerhalb der planetarischen Grenzen Wohlstand für alle bietet.
Wir diskutieren
1) eine nachhaltigere Art zu produzieren,
2) eine nachhaltigere Art zu konsumieren und
3) eine kollektive Entscheidung, mehr Freizeit zu haben.
Obwohl wir sie theoretisch voneinander trennen, könnten diese Wege in der Praxis vermischt werden.
Nach einer kurzen Erörterung der Dynamik, die diese Wege mit sich bringen, geben wir eine vorläufige Prognose für ihre Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und die ökologischen Folgen ab. Alle Wege führen zu einer erfolgreichen Verringerung der ökologischen Auswirkungen und zu einer Verkleinerung der Wirtschaft.
Nachdem wir gezeigt haben, dass wir zu einer Postwachstumsökonomie übergehen sollten, erörtern wir, wie wir dies erreichen können. Zunächst erörtern wir einige der politischen Maßnahmen und Denkweisen, die erforderlich sind, um unsere Volkswirtschaften vom Wachstumsimperativ zu befreien.
Dazu gehört eine institutionelle Umgestaltung, die es den Regierungen ermöglicht, ohne Wachstum zu funktionieren, und eine Neuausrichtung der Unternehmen auf die Interessen aller Beteiligten und das Gemeinwohl.
Anschließend wenden wir uns den Auswirkungen auf den Finanzsektor und die Anleger zu. Es ist eine tiefgreifende Überarbeitung des Sektors erforderlich, einschließlich einer größeren Vielfalt und einer Abkehr vom „too big to fail“-Denken.
Wir kommen zu dem Schluss, dass Investoren in der Zeit nach dem Wachstum finanzielle Erträge erzielen können, aber nur, wenn sie die Auswirkungen in den Vordergrund stellen.
Indem sie aktiv in die Realwirtschaft investieren und sich langfristig engagieren, können Anleger den notwendigen Wandel nach dem Wachstum ermöglichen.
Mehr dazu hier. Und aus ihrer Pressemitteilung:
Für wohlhabende Länder ist es nach Ansicht der Triodos Bank wichtig, anzuerkennen, dass zusätzlicher materieller Wohlstand nicht unbedingt zum allgemeinen Wohlbefinden beiträgt. Gleichzeitig wird kein Wachstum oder sogar ein Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in wohlhabenden Ländern den weniger wohlhabenden Ländern Fortschritte ermöglichen, da dort ein höheres integratives Wachstum die Lebensbedingungen positiv beeinflussen kann.
Die Wege in die Postwachstumszeit erfordern radikale Umstellungen. Einige Sektoren müssen auslaufen, während andere florieren müssen. Sektoren mit hohem Verschmutzungsgrad, wie fossile Brennstoffe, Fast Fashion und industrielle Landwirtschaft, mögen zwar finanziellen Wert schaffen, aber sie erodieren ökologische und soziale Werte und schmälern den (zukünftigen) Wohlstand.
In einer Postwachstumsökonomie gibt es Raum für restaurative Unternehmen, die einen positiven Nettowert schaffen, um zu florieren. Die Erleichterung dieses Wandels erfordert erhebliche Veränderungen, die von der Politik bis zu den Verhaltensweisen reichen. Die Triodos Bank hält dies für ein plausibles Unterfangen.
Mehr zum Thema Postwachstum finden Sie in Tim Jacksons Beitrag „Imagining post-growth“ vom Mai dieses Jahres. Ein Auszug:
Wir sollten keinen Zweifel daran haben, dass wir mit einem schwierigen Dilemma konfrontiert sind. Vielleicht dem tiefgreifendsten Dilemma unserer Zeit. Wachstum ist unhaltbar. Aber die Welt nach dem Wachstum ist beängstigend. Wir haben eine Wirtschaft aufgebaut, die auf Wachstum angewiesen ist.
Wir müssen von neuem lernen, wie die Gesellschaft funktioniert, wenn die Wirtschaft nicht wächst. Wie Wohlfahrtssysteme funktionieren. Wie Finanzsysteme funktionieren. Wie die Regierung funktioniert.
Und wir müssen uns mit den Theorien der Unmöglichkeit auseinandersetzen, die uns von denjenigen präsentiert werden, die sich dem Wandel widersetzen.
Wenn Sie glauben, dass Sie ein dysfunktionales System vor sich haben, das niemandem nützt, dann schauen Sie wahrscheinlich nicht genau genug hin. Hinter den schönen Worten und unterstützenden Gesten derer, die sich an die Macht klammern, verbergen sich Interessen, die den Fortschritt sabotieren wollen.
Und genau hier muss unser Bekenntnis zur Fürsorge mit Realismus gemildert werden. Unser Mitgefühl füreinander muss mit eiserner Entschlossenheit gestärkt werden. Unsere grenzenlose Kreativität muss sich auf ein Gefühl des Kampfes gründen.
Jeden Tag mit einem Gefühl der Sicherheit und des Komforts aufzuwachen, ist eine verlockende Vision für unser Leben. Aufzuwachen und das Gefühl zu haben, kämpfen zu müssen, kann uns den Atem rauben. Und doch bietet dieser Kampf eine andere Art von Antwort auf die schwierige Frage, die mir gestern Abend (von einer jungen Frau) gestellt wurde. Wie kann eine Postwachstumsökonomie einer Generation junger Menschen helfen, einer Zukunft voller Ängste und Zweifel entgegenzusehen?
Nicht durch ein rosarotes Gefühl der blinden Hoffnung. Nicht durch ein falsches Versprechen von mehr und mehr. Nicht durch vage Zusicherungen, dass alles gut werden wird. Sondern durch ein Engagement für den Kampf.
Das Gegenmittel zur Verzweiflung liegt nicht in der Hoffnung, sondern im Handeln. Im Handeln. Indem wir uns mit all unserer schöpferischen Energie auf die vor uns liegende Aufgabe einlassen. Ein Weg durch die Grenzen hin zum Unbegrenzten. Ein Wohlstand, der nicht auf Reichtum, sondern auf Gesundheit beruht.
Ein Kampf, um die systematische Verzerrung der Werte zu entwirren, die den Kern eines kaputten Kapitalismus bildet. Und um an seiner Stelle eine Wirtschaft der Fürsorge, des Handwerks und der Kreativität zu schaffen, die auf einem endlichen Planeten ihren Zweck erfüllt.
Eine Rezension von „Schöner grüner Schein“
Von Bobby Langer
„Was auch immer Sie lieben, es ist bedroht. Aber lieben ist ein Tätigkeitswort. Möge diese Liebe uns ins Handeln bringen.“
Es gibt so etwas wie das „fröhliche gute Gewissen der Grünen“. Gemeint sind damit nicht nur die Parteimitglieder, sondern alle, die auf diesem Segelschiff der Illusionen mitschwimmen. Im Schiffsbauch befindet sich die Vorstellung eines Green New Deal, mit dem wir die westliche Industriegesellschaft ohne sonderliche Abstriche retten und weiterbetreiben können.
Die Autoren von „Schöner grüner Schein“, Derrick Jensen, Lierre Keith und Max Wilbert, bezeichnen die Segelmeister und Passagiere dieses Segelschiffs als die „Hellgrünen“. Mit ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch tun sie alles, um Bewegung in die Wogen zu bringen und dieses ruhige Gewissen aufzuscheuchen. Kapitel für Kapitel belegen sie, dass eine „grüne“ Industriegesellschaft nur um den Preis weiterer und unaufhaltsamer Umweltzerstörungen möglich ist. „Hellgrüne Lösungen sind nur dazu da, den lebenden Planeten wieder und immer weiter zu zerstören.“
So sei also an den Anfang dieser Besprechung einerseits eine Warnung gestellt, andererseits ein Versprechen. Eine Warnung, weil die Lektüre der 463 Textseiten einem die „grüne Unschuld“ nimmt und der „deflorierte Leser“ danach ernüchtert seine Positionen überdenken muss; ein Versprechen hingegen für all jene, die schon immer das „Weiter so“ unter grüner Flagge mit Bauchgrimmen wahrgenommen haben. Hier bekommen sie endlich das inhaltliche, argumentative Rüstzeug für die nächste Debatte. Denn wenn in diesem Buch etwas nicht fehlt, dann sind das die Fakten: Fakten zur Solar- und Windindustrie, Fakten zur grünen Energiespeicherung, Fakten zu Recycling und Effizienz, zur grünen Stadt, zum grünen Netz und zur Wasserkraft sowie diversen Scheinlösungen wie Geothermie oder Kohlenstoffabscheidung.
Das Spektrum des Umweltschutzes [aus Sicht der Autoren]
Tiefgrün
Sowohl der lebende Planet als auch die nichtmenschlichen Lebewesen haben das Recht zu existieren. Das menschliche Wohlergehen hängt von einer gesunden Ökologie ab. Um den Planeten zu retten, müssen die Menschen innerhalb der Grenzen der natürlichen Welt leben.
Lifestylisten
Der Mensch ist von der Natur abhängig, und die Technologie wird die Umweltprobleme wahrscheinlich nicht lösen, aber politisches Engagement ist entweder unmöglich oder unnötig. Das Beste, was wir tun können, ist, uns in Eigenverantwortung zu üben … Der Rückzug wird die Welt verändern.
Hellgrüne
Es gibt ernsthafte Umweltprobleme, aber grüne Technologie und grünes Design sowie ethisches Konsumverhalten werden es möglich machen, den modernen, energieintensiven Lebensstil auf unbestimmte Zeit fortzusetzen.
Vernünftige Nutzer
Es gibt zwar ökologische Probleme, aber die meisten davon sind nicht so schlimm und können durch ein angemessenes Management gelöst werden.
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Alles, worum Derrick Jensen bittet, ist „ehrlich mit uns selbst zu sein“. Was er damit meint, zeigt er am Beispiel einer „unschuldigen“ Brille: „Sie besteht aus Plastik, für das Öl und Transportinfrastrukturen benötigt werden, und aus Metall, für das Bergbau, Öl und Transportinfrastrukturen erforderlich sind … und die moderne Glasherstellung erfordert Energie und Transportinfrastruktur. Die Minen, aus denen die Materialien für meine Lesebrille kommen, müssen irgendwo liegen, und die Energie für die Herstellung muss auch irgendwoher kommen.“ Es gibt nun mal kein Abrakadabra-Simsalabim für irgendein Industrieprodukt, auch wenn es uns so vorgespiegelt wird. Wir meinen, wir bräuchten nur das nötige Kleingeld zu haben, und schon „zaubern“ wir uns, ohne Umweltkosten, unseren Komfort herbei – eine kindliche Vorstellung.
Ein kleiner Wermutstropfen angesichts der vielen Fakten ist ihr relatives Alter. Der US-Titel „Bright Green Lies: How the Environmental Movement Lost Its Way and What We Can Do About It” erschien 2021. Die im Buch genannten Zahlen sind also wenigstens fünf Jahre alt. Andersherum wissen wir: So gut wie nichts hat sich seither zum Besseren gewendet.
Wie gut, dass das Autorenteam einen nicht im Regen stehen lässt. Auf rund 40 Seiten befasst es sich mit „wirklichen Lösungen“, an denen – zumindest dieser Logik nach – kein Weg vorbeigeht. Letzten Endes gehe es um alles oder nichts. Zu einer zukunftsfähigen Lösung, so die Autoren, werden wir erst kommen, wenn wir bereit sind, „eine Lawine von Wehmut auszuhalten … Aber wenn man diesen Planeten liebt, muss man es tun“. Was anstehe, sei eine Reindigenisierung der westlichen Lebensweise. „Wir müssen erkennen, dass, da die Erde die Quelle allen Lebens ist, die Gesundheit der Erde bei unseren Entscheidungsprozessen an erster Stelle stehen muss … Wenn wir unsere Werte ändern, werden bisher unlösbare Probleme lösbar.“ Wir müssen aufhören, uns die falschen Fragen zu stellen. „‚Wie können wir weiterhin industrielle Energiemengen gewinnen, ohne Schaden anzurichten?‘, ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: ‚Was können wir tun, um der Erde zu helfen, die durch diese Kultur verursachten Schäden zu reparieren?‘“
Zurück zum Einstieg: Dieses Buch ist schwer verdauliche Kost, nicht weil es schwer zu lesen wäre, sondern weil es seinen Leserinnen und Lesern von Kapitel zu Kapitel mehr den Staub der Illusionen aus dem Zivilisationsmäntelchen klopft. „Schöner grüner Schein“, schreibt Vandana Shiva, sei „ein dringend notwendiger Weckruf, wenn wir verhindern wollen, dass wir schlafwandelnd aussterben – und damit den 200 unserer Mitgeschöpfe und Verwandten folgen, die täglich von einer extravistischen, kolonisierenden Geldmaschine in den Tod getrieben werden, die von grenzenloser Gier geschmiert und vom mechanistischen Geist des Industrialismus geleitet wird.“
Schöner grüner Schein. Warum »grüne« Technologien derselbe Irrweg in Grün sind. Von Derrick Jensen, Lierre Keith und Max Wilbert, Verlag Neue Erde, 517 S., 36 Euro, ISBN 978-3-89060-838-9
Rezension von Andreas Chajm Langholf
Abschied vom Größenwahn. Wie wir zu einem menschlichen Maß finden. Von Ute Scheub, Christian Küttner.
22 Euro, ISBN 978-3-96238-205-6, oekom Verlag
„Drei Molkereien reichen aus, um ganz Deutschland mit Milchprodukten zu versorgen.“ Mit dieser Aussage schockierte mich ein sehr freundlicher Vertreter einer großen Molkereikette in einem Gespräch im Rahmen der Recherchen für diese Rezension. Da stellte sich mir die Frage: Woher kommt der Gegensatz zwischen der persönlichen Einstellung und dem Handeln in Großstrukturen?
„Abschied vom Größenwahn. Wie wir zu einem menschlichen Maß finden.“ Schon der etwas sperrig wirkende Titel des fast 300 Seiten dicken, im September 2020 im oekom-Verlag erschienenen Buches wirft Fragen auf, ja mag provozieren.
Ziel des Buches ist es dabei nicht in erster Linie, konkrete Anleitungspunkte für nachhaltiges Handeln zu geben, sondern vielmehr einen reflektierten Überblick. Dabei finden in dem spannend zu lesenden Buch selbst Leute, die sich mit der Materie bereits auskennen – nicht zuletzt dank der aktuellen, exemplarischen positiven Beispiele – noch einiges Interessante, Neue, Überraschende.
Das einleitende Kapitel „Größenwahn oder menschliches Maß“ umfasst das erste Drittel des Buches. Sehr umfangreich wird dort versucht, die vielfältigen Krisen und Probleme unserer Zeit wie Epidemien, Klimakrise und Artensterben in einen Gesamtzusammenhang zu bringen.
Die Autoren, zwei Aktivisten zivilgesellschaftlicher Initiativen und IT-Berater für Organisationen wie den Bundestag, beklagen und beschreiben die größenwahnsinnige Art der gegenwärtigen Globalisierung und die Auswüchse des gegenwärtigen Modells. Dabei werden immer wieder Bezüge zur aktuellen, bedrückenden Corona-Pandemie hergestellt und diese als als Symptom einer Systemkrise beschrieben: Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie verletzlich wir uns mit unserem Zivilisationsmodell gemacht haben, etwa in der Massentierhaltung sowohl mit ihrem Umgang mit den Tieren wie auch den dort Beschäftigten, als auch mit der leichten weltweiten Ausbreitung über die globalen Flug- und Handelsrouten.
Dem werden kleinteilige, selbstorganisierte und lokal angepasste Strukturen entgegengestellt:
Selbstbewusst schreiben die Autoren: „Wir alle sind aufgerufen, liebevolle Sterbebegleitung des alten Systems zu leisten, und dieses Buch will dazu seinen kleinen Beitrag leisten.“
Auf die Schilderung des Verlustes des menschlichen Maßes aufbauend widmen sich fünf Kapitel verschiedenen zentralen Bereichen: Ernährung, Lebensorten, Wirtschaft, Gesundheitssystem und Demokratie. Hier wird nach grundsätzlichen Betrachtungen eine Vielzahl von Initiativen vorgestellt. Das abschließende Kapitel „Abschied vom Größenwahn“ unternimmt den nicht einfachen Versuch eines Resümees.
Auf den ersten Blick fällt die gelungene Gestaltung des Buches in vielerlei Hinsicht auf: So wird jedes Kapitel des Hauptteiles umrahmt von einer einheitlichen Gestaltung. Treffende Zitate zu Beginn und Zukunftsvisionen zum Ende umrahmen die einzelnen Kapitel. Sie liefern eine grundlegende Analyse des jeweiligen Problemfeldes, etwa der „Ernährung“, abgesichert durch eine Vielzahl von Zitaten bekannter und renommierter Autoren. Der emanzipatorische Ansatz der Visionen ist teils inspirierend, schlägt dabei für meinen Geschmack jedoch zuweilen ins gegenteilige Extrem um.
Die meiner Ansicht nach teils zu holzschnittartig bemühten und ideologisch gefärbten Visionen, sowie einigen kleineren logischen Ungereimtheiten, wie etwa der Forderung nach Selbstverwaltung, -organisation und Freiheit einerseits und der nach Großstrukturen wie einem europäischen Stromnetz, Vorgaben und Regeln andererseits sind diese Schwächen jedoch vor dem Hintergrund der Qualitäten des Buches zu vernachlässigen.
Dieses Buch liefert viel Theorie; dabei werden ganz grundsätzliche Fragen etwa nach dem Genug, also Genügsamkeit nicht klar genug gestellt. Stattdessen wird das bestehende System mit ausführlich anekdotenhaft geschilderten Auswüchsen kritisiert. Dem werden eine Vielzahl schon jetzt bestehender Initiativen sowie Visionen für eine nachhaltigere Zukunft entgegengestellt.
Für den nötigen und kommenden großen Wandel mag das vielleicht nicht ausreichend sein, es ist aber nötig und hilfreich. Das macht das Buch zu einem guten Rundumschlag. Es macht Mut und Lust auf die Veränderung. Nicht zuletzt lädt es mit den vielen Zitaten und Kontakten zur weiteren und tiefergehenden Beschäftigung ein.
Übrigens: Die aktuelle Anzahl der Molkereien in Deutschland: unter 100. 1990 waren es noch fünfmal so viele). Wie und wohin wollen wir uns entwickeln?
Wir befinden uns an einer historischen Passage-Stelle. Oder sollte ich sagen: an einem systemischen Netzwerkknoten. Nicht der böse Wille der Menschen bedroht den Planeten mit allen seinen Wesen, sondern widersinnige, gefährliche Strukturen. Allen, zumindest äußerlich, voran die Wirtschaftsstrukturen. Diese müssen – wenn nicht jetzt, wann dann – umstrukturiert werden. Letztlich wissen das sehr viele. Abermillionen Menschen wünschen sich das, wollen das, fragen sich aber: WIE. Könnte da das Netzwerk NOW einen passenderen Namen haben? NOW steht für Netzwerk Oekonomischer Wandel.
Wir können nur alle aufrufen, dieses Netzwerk nach Kräften zu unterstützen, damit diese historisch vermutlich einmalige Chance nicht verlorengeht, bevor die alten Strukturen, noch erbarmungsloser als zuvor, wieder zupacken. Weiterlesen

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