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von Peter Zettel

Und zwar gewaltig. Da ist von CO2-Steuer die Rede, „gutes Fleisch“ soll teurer werden, Abgaswerte werden eingehalten, indem man trickst – und so weiter und so fort. Und die Politik braucht eine Greta, um zu begreifen, das wir etwas in Sachen „Klimaschutz“ tun sollten. Ein SUV ist besser als ein Kleinwagen, wenn man wenig mit ihm fährt. Soll ein Politiker gesagt haben. Aber ich kann einfach nicht glauben, dass er das wirklich gesagt hat.

Ich glaube es wirklich nicht, ich kann es nicht mehr glauben. Was für eine Verdrehung der Tatsachen. Als ob wir das Klima schützen müssten. Oder die Umwelt. Nein, die Umwelt – schon das Wort sagt alles – als wären wir da außerhalb – und das Klima brauchen wir nicht zu schützen. Wir sollten lieber uns vor uns selbst schützen. Denn das Klima und die Umwelt – das sind doch auch wir selber, oder etwa nicht? Weiterlesen

Wer wagt es, das wahrzuhaben: maximal noch fünf Jahre, bis das Erdklima endgültig entgleist. Wagt man dennoch, der Gefahr ins düstere Auge zu blicken, scheint es nur die drei berühmten Reaktionsmöglichkeiten zu geben: Flucht, Erstarren oder Angriff. Nur: Egal, wie wir reagieren, es wird voraussichtlich zu spät sein.

Dann vielleicht doch mal kurz innehalten und ein Weilchen nachdenken. Es hat Tausende von Versuchen gegeben, die Welt zu einer besseren zu machen. Und praktisch alle sind gescheitert. Die für die Bundesrepublik einst angedachte „soziale Marktwirtschaft“ sollte den Kapitalismus zähmen und in eine heitere Zukunft führen. Heute erntet der Begriff „soziale Marktwirtschaft“ bei denen, für die er gedacht war, bestenfalls ein schmerzliches Lächeln. Auch dieser Versuch ist gescheitert. 2018 meldete die Caritas: 37.000 junge Menschen ohne Zuhause. „Soziale Marktwirtschaft“ ist etwas anderes.

Da unsere Versuche all die letzten Jahrhunderte gescheitert sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch unsere Rettungs- oder Eindämmungsversuche in den nächsten zwei bis fünf Jahren scheitern werden. Warum? Weil wir nicht bereit sind, die Koordinaten unseres Denkens zu verändern. Weil wir nicht bereit sind, die Liebe zum Zentrum unseres Handelns zu machen. Die Alternative „Gott oder Mammon?“ ist falsch. Gott und Mammon haben sich die letzten Jahrtausende hindurch weltweit bestens vertragen. Nein, die Alternative muss heißen: „Liebe oder Mammon?“ Erst, wenn wir uns für die Liebe entscheiden, haben wir eine Chance. Am besten gleich jetzt. Es ist vielleicht unsere letzte.

von Peter Zettel

Teil I

Ob wir wollen oder nicht, da kommen wir nicht raus. Wir sind und bleiben Natur, genauso wie wir sie gestalten und dominieren, angefangen bei uns selbst. Egal, was wir machen, wir kommen da nicht raus. Die Dichotomie [siehe unten] ist für uns existenziell, sie bestimmt, wie wir leben und ob wir überleben können.

Dabei ist es fatal, wenn ich die eine oder die andere Seite bevorzugen und die andere nicht so wichtig nehme oder gar ausblende. Wenn ich es nicht hinbekomme, auf der Klaviatur beider Seiten gleichermaßen spielen zu können, sozusagen vierhändig, dann habe ich ein echtes Problem. Worum geht es also? Dichotomie bezeichnet eine Struktur aus zwei Teilen, die einander ohne eine gemeinsame Schnittmenge gegenüberstehen, aber sie gehören untrennbar zusammen. Sie können einander ergänzen, zum Beispiel ein komplementäres Begriffspaar bilden, oder eine Aufteilung in zwei Teile ausdrücken, zum Beispiel die Aufteilung eines Bereichs in zwei Teilbereiche.

Als Mensch stehe ich nicht mehr in der Harmonie der Natur, ich bin zwar physisch weiterhin von ihr abhängig, doch ich stehe in meinem Bewusstsein über ihr. „Warum“ ist hier nicht die Frage, denn es ist so, ob ich das will oder nicht. Und ich kann das auch nicht mehr rückgängig machen. Von einer Einheit mit der Natur zu träumen, bringt mich nicht weiter, ich muss im Einklang mit ihr sein, aber auch im Einklang mit mir selbst. Diese Dichotomie ist für mich existenziell, wie Erich Fromm sagt. Sie zeigt sich etwa in der gedanklichen Unterscheidung von Leben und Tod, die doch eins sind. Bevorzuge ich eine der beiden Seiten, habe ich ein Problem, nur merke ich das nicht gleich, sondern meist erst, wenn es zu spät ist.

Wie gesagt, wir kommen aus diesem Widerspruch nicht heraus, doch wir können das Dilemma durch Verstand und eine gelebte Kultur auflösen. Tun wir das nicht, werden wir im gewissen Sinn ohnmächtig, wir bekommen nicht mehr mit, was um uns herum geschieht, wir sind uns unserer selbst nicht mehr wirklich bewusst. Erich Fromm hat perfekt beschrieben, wie wir dieses Problem lösen können (das ja nur so lange ein Problem ist, so lange wir es nicht sehen):

„… intensiv zu leben, voll geboren zu werden und voll wach zu sein; von den Ideen eines infantilen Allmachtsgefühls loszukommen und zur Erkenntnis seiner wirklichen, wenngleich begrenzten Kraft zu gelangen; fähig zu werden, das Paradoxon zu akzeptieren, dass ein jeder von uns zugleich das Allerwichtigste auf der Welt und doch nicht wichtiger als eine Fliege oder ein Grashalm ist; fähig zu sein, das Leben zu lieben und trotzdem den Tod furchtlos zu akzeptieren; die Ungewissheit über die wichtigsten Fragen, mit denen das Leben uns konfrontiert, hinzunehmen – und trotzdem an unser Denken und Fühlen, soweit es wirklich ein Stück von uns selbst ist, zu glauben … “

Der „Schlüssel“, der uns diesen Raum öffnet, ist Bewusstheit, doch Bewusstheit bedeutet eben nicht, dass wir es formulieren und einfach so darüber reden könnten. Ein Beispiel davon finden wir etwa in einer japanischen Teezeremonie oder in der Kultur der Samurai. Wenn wir einmal den Glamour weglassen, was bleibt dann? Eine sehr bewusste und absichtsvolle Gestaltung der Natur sowie des eigenen Lebens, eine Bewusstheit, die in Harmonie mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur ist.

Teil II

Bewusstheit braucht Selbstreflexion.

Weiß ich immer, wo ich bin und wo ich sein werde?

Propriozeption bezeichnet die Wahrnehmung der Lage und der Bewegung des Körpers im Raum oder seiner einzelnen Teile zueinander. Das kann man trainieren. Etwa in dem man Übungen auf einem Gymnastikteller macht.

Ich mache das jeden Morgen, wenn ich mich im Stehen anziehe. Oder ich mache Feldenkrais-Übungen. Man  kann auch Kampfkunst praktizieren, wenn einem das mehr zusagt. Aikido geht auch, Kyodo genauso. Im Bereich des Denkens fehlt uns dies meist vollkommen, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst wären. Aber auch das kann man trainieren, etwa im Dialog.

Doch es geht noch weiter. Auch auf dem Motorrad kann ich mir bewusst sein, wo sich mein Vorderrad und mein Hinterrad befinden und was die Maschine gerade macht. Und ich kann es noch auf die Straße ausweiten, etwa auf die Linie, die ich fahre. Also idealerweise. Es geht um die Lage und die Position des Körpers in Beziehung zum Motorrades im Raum, wobei Körper und Motorrad idealerweise eine Einheit sind. Wie gesagt: Idealerweise. Aber auch das kann man trainieren.

Nicht anders ist es beim Autofahren. Auch hier kann ich mir der Lage und der Bewegung meines Autos bewusst sein, jedoch ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Je bewusster ich mir dessen bin, desto besser fahre ich. Die „Herausforderung“ ist nur, dass solche Dinge uns nicht bewusst sein können, sie sind implizit und nicht-bewusst, aber wir könne uns ihrer bewusst werden – um sie dann wieder vergessen zu können.

Es geht also um Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken und eben den sechsten Sinn. Eigentlich wäre es richtiger, von dem siebten Sinn zu sprechen, denn zu den fünf Sinnen kommt noch das Denken als sechster hinzu. Und auch das lässt sich noch um einen Punkt erweitern, nämlich das bewusste nicht-bewusste Bewegen einer Maschine, eines Autos oder eines Motorrades.

Es geht also, wie so oft, darum, uns etwas Implizites und Nicht-Bewusstes erst einmal bewusst zu machen, um es verbessern zu können.


Mehr von Peter Zettel

Wie können wir in ein neues gesellschaftliches Paradigma finden? Haben wir dazu überhaupt die geringste Chance? Ja, sagt Peter Zettel, dessen oftmals provokative Texte aber letztlich den Weg weisen.

Von Peter D. Zettel

Was kann ich tun, wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, wie Theodor Adorno es formuliert hat? Für bare Münze genommen, wäre das ein ziemlich zynischer Satz. So aber kann das Adorno nicht gemeint haben, jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen. Es ist wohl mehr die Herausforderung, der sich jeder stellen muss, der sich bewusst ist, was in unserer Zeit gerade passiert, von Kriegen über Gewalt, Neid, Hass, Gier und Missgunst bis hin zur Zerstörung der Natur und damit unserer eigenen Lebensgrundlage.

Was kann ich also tun, außer den Kopf in den Sand zu stecken? Vielleicht beginnt es bei dem eigenen Verständnis von Macht. Ich bin, 1951 geboren, von der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Der war ja nicht möglich, weil Hitler ein böser Mensch war, sondern weil viele die von ihm zum Ausdruck gebrachten Einstellungen teilten – oder er sie aufgegriffen hatte. Aber etwas Entscheidendes darf man nicht übersehen, nämlich dass er mit demokratischen Mitteln an die Macht kam. Es war die Bereitschaft vieler, sich der aktuellen gesellschaftlichen Situation zu beugen, sich nicht zur Wehr zu setzen, vielleicht sogar zu glauben, sie für eigene Zwecke nutzen zu können. Und wie ist es heute? Viele beklagen sich lautstark über all die Dinge, die falsch laufen, doch haben sie auch den Mut, das Richtige zu tun und zu ihrem Chef „Nein!“ zu sagen, wenn der will, dass sie etwas tun sollen, was „eigentlich“ nicht in Ordnung ist? Oft ist es ein schleichender Prozess, eine leise beginnende Erosion gesellschaftlicher wie persönlichen Werte, die einen auf die schiefe Bahn kommen lässt.

Gerade höre ich von einer Firma, in der sich alle Mitarbeiter über etwas beklagen, weil es schlicht sinnlos ist und nur Zeit kostet – doch keiner sagt etwas, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren. Letztlich beschädigt sie das aber alle, denn es trägt nicht zur Wirtschaftlichkeit bei, im Gegenteil. Doch keiner wagt es, etwas zu sagen, eben aus Angst um die eigene Existenz. Und das ist die Falle, in der sich so viele gefangen sehen. „Die da oben“ heißt es dann, weil man sich ja nicht eingestehen will, dass man das freiwillig mitmacht. Doch die da oben haben genauso Angst um ihren Job, denn sie sind den auch recht schnell los, wenn der Aktienmarkt ihnen nicht mehr zugetan ist. Doch warum gibt es Unternehmen, die solche destruktiven Spiele nicht mehr mitspielen und gerade deswegen und nicht trotzdem wirtschaftlich erfolgreich sind? Weil einem jeder Ökonom erklären kann, dass Wirtschaftlichkeit und Aktienmarkt nicht kompatibel sind. Statt also einfach aufgeben und sich selbst zu korrumpieren – und nicht etwa korrumpieren zu lassen – sich also zusammenzusetzen und zu überlegen, was zu tun ist. Aber einer muss anfangen. Und wenn man das selbst merkt, dann ist man eben selbst dieser eine, der anfangen sollte.

Es ist, zwar auf einer ganz anderen Ebene, die selbe Dynamik, die auch in Politik und Gesellschaft Alltag ist. Dazu ein Zitat von Albrecht Mahr: „Die Kraft, derer sich der Nationalsozialismus bemächtigt hat – oder besser: das versucht hat – ist vergleichbar mit der Atomkraft, die unvorstellbar destruktiv sein kann, aber eben auch sehr nützlich. Im Nationalsozialismus waren die Bereitschaft des Dienens, des Verzichts auf persönliche Vorteile, die große Entschlossenheit etc. aufgerufen – alles gute Dinge – und sie waren in den Dienst einer vernichtenden rassischen Ideologie gestellt, die von Abermillionen mitgetragen wurde. Die destruktive Ideologie und die von ihr missbrauchten Kräfte sind aber nicht das Gleiche, und wir sind da zur Klarheit der Unterscheidung aufgefordert. Das heißt, wir müssen uns der mächtigen Kräfte, etwa unbedingter Entschlossenheit und der Willenskraft, für die Wahrheit einzutreten, bewusst werden und lernen, sie für die Ziele einzusetzen, die allen Menschen dienen und niemanden ausschließen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Verquickung von Macht und Ideologie in Deutschland eine „pazifistische Versuchung“ nach sich gezogen hat, das heißt Aggression in jeder Form zu vermeiden, weil sie mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Diese Art der Friedfertigkeit führt zu Kraftlosigkeit – wir werden dann ‚wie gekochtes Gemüse‘, hat mal jemand gesagt.“

Es hilft also nichts, wir müssen uns mit all diesen Seelenkräften vertraut machen. An der Grausamkeit des Nationalsozialismus gibt es nichts zu deuteln, aber auch nicht daran, dass viele – scheinbar sehenden Auges – in den Abgrund geraten sind. Die Fokussierung auf nur wenige hat den fatalen Effekt, dass man dann schnell bereit ist, die Anteile und das Verhalten anderer auszublenden. Beispielsweise, dass Höß, der Lagerverwalter von Auschwitz-Birkenau, ein liebevoller Vater und freundlicher Ehemann war. Hanna Arendt hat es in ihrem Text über die Banalität des Bösen klar herausgestellt, eine Betrachtung über Adolf Eichmann. Was ihr aber keine Freunde eingebracht hat, denn das bedeutet letztlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, ausnahmslos jeder; wenn er nicht seine Haltung, sein Denken und sein Tun permanent reflektiert und sich wirklich bewusst ist, was gerade in ihm vorgeht. Das ist auch gut beschrieben in dem Video „Das radikal Böse“ oder in dem „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész. Doch wenn wir bereit sind, uns gerade auch mit dem ungern Gesehenen zu beschäftigen, nämlich mit den aggressiven Aspekten in uns wie mit unserer Wortwahl, in der oft die Keime zu Gewalttätigkeit enthalten sind und die scheinbar zu unserer Grundausstattung gehören – warum auch immer. Das heißt, wir selbst sind aufgefordert, uns auf einem anderen Bewusstseinsniveau anzusiedeln. Das lässt uns am Ende friedfertiger und zugleich kraftvoller werden – und wir brauchen beides.

Es kann also nicht sein, dass mir die Möglichkeit richtigen Lebens verstellt ist, gleichgültig, wie ich mein Leben gestalte. Das ist in meinen Augen nichts anderes als eine Ausrede. Adorno aber meint das Gegenteil. Anstatt sie aufzuheben, bekräftigt er die Differenz von Richtig und Falsch. Auch wenn ein im Ganzen richtiges Leben unmöglich ist, so ist es für ein unverblendetes Dasein äußerst wichtig, sich denn Sinn für das Richtige nicht abkaufen zu lassen. Und genau deswegen überlegt Adorno immer wieder, wie es am besten wäre, sich in schwieriger Lage zu verhalten, weil er einerseits die destruktiven Tendenzen der Moderne klar sieht, er aber andererseits den „Traum eines Daseins ohne Schande“ nicht aufgibt.

Mit diesem Traum freilich hat es eine besondere Bewandtnis. Adorno lässt sich von einem außerordentlich extremen Ideal des individuellen und gesellschaftlichen Lebens leiten. Dem Modell der Produktion, von dem er alles Leben – und Morden – unter den Bedingungen der Moderne geleitet sieht, stellt er ein Modell der Kontemplation gegenüber, unter dem Menschen und Dinge einander in unwillkürlicher Aufmerksamkeit begegnen könnten. Nur vom Unmöglichen her können wir seiner Ansicht nach unsere Möglichkeiten verstehen. Ich denke, dass es genau so ist.

Dabei gilt es, zwei ganz wesentlichen Dingen gerecht zu werden. Zum einen sind wir nur zu einem sehr geringen Prozentsatz unserer selbst bewusst. Wir können uns also nie sicher sein, dass wir alle Aspekte einer Sache sehen können, auch bei uns selbst nicht. Dieser fehlenden Bewusstheit für uns selbst können wir nur durch einen sehr bewusst gestalteten Alltag begegnen. Krishnamurti hat es treffend formuliert, nämlich dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist. Doch das bedeutet eben nicht, alles laufen zu lassen, sondern den Alltag sehr bewusst und klar zu gestalten.

So wie man Kindern eine aus Orten, Zeiten und Gesten bezeichnete Welt baut, damit diese bezeichnete Welt sie die ersten Wichtigkeiten lehrt, genauso machen es auch Zen-Menschen. Sie bauen sich eine absolut klare und einfache, aber auch sehr strikte Alltagswelt auf, denn die ermöglicht es ihnen, die Leerheit zu erfahren. Christliche Mönche machen es übrigens genauso. Erst der klar strukturierte Alltag macht Kreativität, Kontemplation und Reflexion wie geistige Versenkung überhaupt möglich. Je geordneter mein Bücherregal ist, desto leichter finde ich mich darin zurecht. Und dann bin ich nicht mit Suchen beschäftigt, sondern kann lesen. Entsprechend ist es auch mit dem Alltag. Je klarer der strukturiert ist, desto mehr Zeit habe ich für mich selbst. Keine Ablenkung.

Dazu kommt, dass ich ja nur das erreichen kann, was ich mir auch vorstellen kann. Andererseits kann ich mir gar nicht vorstellen, wie gefangen ich normalerweise in Vorstellungen bin. Doch dazu brauche ich ein klares Umfeld, so wie ein guter Designer einen leeren Schreibtisch hat. Je mehr rumliegt, desto weniger kreativ ist er. Ich muss mir also einen Raum schaffen, in dem Neues generiert werden kann. Und je mehr in dem Raum schon vorhanden ist, desto schwieriger ist das für mich. Ich brauche also den leeren Raum mit möglichst geringer Ablenkung, um in mir eine Vorstellung von Leerheit entstehen lassen zu können. Denn auch die Leerheit kann ich mir vorstellen, es ist der Raum des Möglichen.

Gerade habe ich eine Website gefunden, in der es einerseits um Zen, wie um das Kochen in einem Zen-Kloster, und um Kyodo geht, das von Zen geprägte Bogenschießen. Dabei kam mir der Gedanke, der wohl schon lange in mir geschlummert hat, warum nicht Zen mit einem Leben im Alltag und Bogenschießen mit etwas zu tauschen, was man öfters tut, etwa Motorradfahren? Und das Kochen zum Ritual zu machen, wie es ein Zen-Meisters macht? Das würde Zen von dem exotischen Touch befreien, den es dank der Roben und Rituale nun einmal hat. Aber die Haltung bliebe. Und auf die kommt es an. Wir wissen, dass Form den Inhalt generiert. Will ich also eine spezifische Haltung leben, brauche ich die dementsprechende Form. Und weil ich weiß, dass ich einen direkten Einfluss auf Äußerlichkeiten habe, nicht aber auf die Grundlagen dessen, was ich denke und damit auch nicht auf das, was ich tue, denn das ist mir im Wesentlichen nicht bewusst.

Es ist die alte Gretchenfrage: »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« Religion steht hier für all das, was Gretchen in ihrem Leben als Maßstab des Handelns ansieht, als Orientierung in ethischen Fragen und im ganz alltäglichen Leben. Es geht in der Gretchenfrage also um das Selbstverständnis Fausts als Menschen. Es ist keine »Gewissensfrage« im traditionellen Sinn, sondern die Frage nach der Norm, nach der ein Mensch sein Leben ausrichtet. Und das ist genau die Frage, der wir uns immer wieder stellen müssen, wollen wir wesentlich und wahrhaftig sein und wenn es nicht bei den philosophischen Gedanken und Reflexionen bleiben soll.

Doch was prägt meine Gedanken, meine Haltung und mein Welt- wie mein Selbstbild? (Immer in dieser Reihenfolge!) Ganz einfach, das ist das, worauf ich mich konzentriere, womit ich mich beschäftige und wie ich letztlich lebe. Und am Anfang steht ein Gefühl, mein Lebensgefühl. In meinem Lebensgefühl wird mein implizites Welt- und Selbstbild sichtbar, es zeigt sich in meiner Lebensweise. Es fängt ganz banal an: Warum fahre ich dieses und kein anderes Motorrad oder Auto? Warum esse ich lieber so und nicht anders? Weshalb mache ich diesen Urlaub und keinen anderen? Oder warum kaufe ich mir lieber eine CD von Sting als in ein Konzert mit ihm zu gehen? In meiner Lebensart und meinem Lebensgefühl ist mein implizites Inneres sichtbar, auch für mich selbst, wenn ich bereit bin, mich darauf einzulassen. Das ist gar nicht so leicht, denn das bedeutet die hellen und die dunklen Seiten gleichermaßen zu sehen. Nur zusammen ergeben sie ein Bild meiner selbst. Immer wieder muss ich mich fragen, ob ich nicht doch wieder einmal an etwas Vordergründigem und an der Oberfläche hängen geblieben bin. Ein Beispiel: Über lange Zeit habe ich von der „Macht der Gedanken“ gesprochen, bis ich irgendwann endlich begriffen hatte, dass die gar keine Macht haben. Persönliche Macht setzt sich nämlich zusammen aus Lebenskraft und einer Ideologie.

Gedanken sind nichts anderes als die Exekutive, die mittels meiner Lebenskraft das umsetzen, was ihnen meine Haltung vorgibt. Und meine Haltung ist nichts anderes als das Spiegelbild meines Welt- und Selbstbildes. Die beiden sind mir aber nicht bewusst, sondern schlummern in den Tiefen meines Nicht-Bewussten. Gehe ich aber davon aus, dass Gedanken selbst Macht hätten, dann sitze ich einer Illusion auf. Und darum funktioniert das mit der Gedankenkontrolle auch nicht, denn über mein Gehirn habe ich nun einmal keine Kontrolle. Und auch mein Welt- und Selbstbild kann ich nicht so einfach mal austauschen, wenn ich einen Fehler darin entdeckt habe, denn es ist ja mehrheitlich nicht bewusst. Damit stellt sich die Frage, was mein Welt- und auch mein Selbstbild eigentlich prägt. Ganz einfach, es wird durch das geprägt, womit ich mich beschäftige und wie ich lebe.

Wie also will ich leben? Auf diese Frage eine sehr bewusste, klare und überlegte Antwort ohne jegliche Spur von Oberflächlichkeit oder Populismus zu geben – das ist die Quintessenz. Manche Menschen denken ja, wir würden uns zu viele Gedanken machen angesichts all der Dinge, die wir nicht wissen. Es ist richtig, wir wissen sehr, sehr vieles nicht. Aber wie es auch ist, wir sollten von dem ausgehen, was wir wissen und das Beste daraus machen. Denn einfach nur fatalistisch die Hände zu falten und nichts zu tun ist exakt die Option, die Adornos für zynisch hält. Fatalismus ist definitiv zynisch und für mich absolut keine Option.

Heißt, ich setze das Thema Zen & Alltag für mich um, so gut es mir gelingt.

 

„Divide et impera“ – teile und herrsche –, so lautete eine Herrschaftsregel der altrömischen Oberschicht. Sie funktioniert bis heute.

Je mehr wir uns auseinanderdividieren lassen, desto einfacher hat es die „andere Seite“. Was man unter der „anderen Seite“ versteht, kann jeder für sich definieren. Darüber zu streiten, würde bereits dem Wunschprinzip des Teilens in die Hände spielen. Wir meinen, dass wir uns am besten auf das konzentrieren, was wir gemeinsam haben.

Bei der Wandelkonferenz in der Gemeinschaft Sulzbrunn im Oktober 2018 haben deshalb 15 Organisationen und Akteure des Wandels ein gemeinsames „Memorandum of Understanding“ formuliert. Es ist Vision, Wertebasis und Zielformulierung in einem. Und wir finden, dass man darauf gut und gemeinsam stehen und handeln kann. Vielleicht habt Ihr Lust, es mal zu lesen → und HIER zu unterschreiben.

In meinen Kreisen sagt man ja gerne: „Man sollte nicht bewerten.“ Ich tu’s jetzt aber doch. Und zwar so: Es gibt dumme und es gibt kluge Bakterien. Wie komme ich zu dieser Aussage? In meinem Darm leben Milchsäurebakterien. Sie sorgen unter anderem dafür, dass ich gesund bleibe. Damit sorgen sie aber auch dafür, dass ihre Welt – mein Darm – erhalten bleibt und es ihnen gutgeht, solange ich lebe. Das ist klug. Ihnen gegenüber stehen zum Beispiel so dumme Bakterien wie die Cholerabakterien. Weiterlesen

Zu den unverzichtbaren Grundlagen menschlicher Dummheit, Feindseligkeit, Eifersucht, Gier und von Gewalt gehört die blinde Identifikation mit dem Ich. Sie ist die am schwersten überwindbare Blockade auf dem Weg zu einem „guten Leben für alle“. Einen gleichermaßen kostbaren wie köstlichen Beitrag dazu hat Wolf Schneider verfasst (danke für die Genehmigung der Übernahme):

Ich und das andere

Wenn ich so dahingehe, durchs Haus oder eine Straße lang, was beschäftigt mich da? Ich beobachte mein Bewusstsein. Ich verfolge, worauf es sich richtet. Wohin es schweift, wo es hängenbleibt und wann es ein Objekt wieder loslässt. Wie es sich einnistet, wenn ich an einem Objekt bleiben will oder dies zulasse. Dort verweile ich dann. Erstaunlich, wie leicht »ich« steuern kann, wo »ich« verweile. »Ich bin das dann«, kommt mir als dies beschreibender Satz in den Sinn, wenn ich diesen Vorgang denn benennen muss.

Da die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ in mir sowieso fast beliebig fluktuiert, kann ich sie ebenso gut zu dem hin fluktuieren lassen, was ich gerade wahrnehme. Weiterlesen

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: So kann es nicht weitergehen. Die Meeresspiegel steigen, und die Angstspiegel steigen.

Aus aller Welt flüchten Menschen in Länder, in denen sie hoffentlich überleben können. Und aus dem CDU-CSU-SPD-Mainstream fliehen Menschen in zwei Richtungen: in Gedankenwelten, die nicht rund, sondern rechteckig sind und wo Sicherheit durch Schwarz-Weiß-Denken geboten wird; und in Geisteswelten, wo man weiß, dass man neuen Herausforderungen der Zeit nicht mit alten Rezepten begegnen kann. Wo man weiß: eine große sozial-ökologische Wende steht an; nicht nur hier bei uns, sondern tatsächlich auf globaler Ebene. Und wir alle wollen das Unsere dazutun, dass sie geschehen kann.

Dazu gehört auch, das Angst-Gedankengut der – kein Wunder – erstarkenden politischen Rechten letztlich überflüssig zu machen. Solidarität ist eine unglaublich schöne, menschliche, vermutlich sogar genetisch verankerte Fähigkeit, die mit nationalem Denken nichts zu tun hat. Und Solidarität für Menschen, denen es nicht gut bzw. denen es schlecht geht, ist unsere Aufgabe. Dazu gehören übrigens auch viele Menschen in Deutschland, die von den Altparteien als quasi politischer Abfall behandelt wurden.

Heinz Ratz, bekannter Liedermacher mit einem großen Herzen für menschliche Nöte, hat kürzlich eine Kampagne gestartet, die wir gerne unterstützen wollen: 1 Million gegen Rechts. Und damit ist nicht gemeint „gegen Menschen“, sondern gegen ein Denken, das die Probleme auf unserem Planeten weiter verschärfen wird.

Flasche statt Mama

Mutterliebe bzw. die Liebe und Zuwendung einer Bezugsperson stellt zweifellos eine Säule unserer Liebesfähigkeit dar. An die zweite „Säule“ denken wir nur selten. Nicht einmal in der Wandelbewegung.

Liebe auf dem Mutterplaneten

Wir werden also geboren. Neun Monate wurden unsere Sinne optimiert und unser Gehirn ist voller Erwartung auf die Fülle des Neuen, das ihm nach dem „Planeten Mutter“ seit Jahrtausenden auf dem „Planeten Erde“ geboten wird. Und da sind sie: die zärtlichen Stimmen meiner Mutter, meines Vaters, meiner Großmutter, meines Großvaters, meiner Verwandten, meines Stammes. Sie alle nehmen mich in den Arm, liebkosen mich, geben wir die erste Sicherheit, gut und richtig angekommen zu sein, nicht den Planeten verfehlt zu haben. Und in Augenblicken der Stille höre ich den Bach rauschen, den Wind in den Bäumen flüstern, das Kochgeschirr aus der Küche, den Atem meiner Mutter, die mich auf ihrem Rücken trägt, das aufgeregte Fiepen und Bellen der Hunde; Vögel zwitschern und Schmetterlinge und Sonnenstrahlen tanzen auf meiner Haut. Und immer wieder und wieder der Urquell meiner Lust: die Brust meiner Mutter.

Fachleute statt Liebe

Wir merken schon: An dieser Schilderung stimt etwas nicht. Weiterlesen

Verantworung interessiert nur privat

Verantwortung – der Begriff macht uns zunehmend zu schaffen. Eindeutig hat der Begriff etwas mit antworten zu tun; nur: Worauf antworten wir, wenn wir Verantwortung übernehmen?

Mein Stamm und ich – die Verantwortung war gegenseitig

Wenn ich zu den Anfängen der Menschheit hinspüre, dann ist da zunächst die Verantwortung des Stammes für seine Mitglieder, zuvorderst seine Kinder, die das gemeinsame Überleben sichern. Eltern und Stamm lassen sich in der Frühzeit nicht voneinander trennen, denn die längste Zeit der Menschheitsgeschichte wusste niemand, dass das Vergnügen des Mannes am Geschlechtsakt zur Entstehung eines Kindes führen kann. Die Mutter war also primär eingebettet in den Stamm als „soziales Nest“ und sekundär in den Kreis beider Familien.

Verantwortung ging also primär vom Stamm aus. Weiterlesen