Wenn das Menschenbild sich ändert, ändert das alles

Von Astrid Reimann

„Edward Deci, ein junger Psychologe, arbeitete an seiner Doktorarbeit, es war eine Zeit, in der die Psychologie in den Bann des sogenannten Behaviorismus geraten war. Die Theorie ging (wie Frederick Taylor) davon aus, dass Menschen durch und durch passive Wesen waren. Wir würden uns nur für eine Belohnung oder aus Angst vor Strafe in Bewegung setzen.

Aber Deci hatte das Gefühl, dass an dieser Theorie was nicht stimmte. Die Menschen tun ständig seltsame Dinge, die nicht ins behavioristische Weltbild passen Man denke ans Bergsteigen (anstrengend!), Freiwilligenarbeit (unbezahlt!) und Kinderkriegen (heftig!). Wir tun die ganze Zeit Dinge, die kein Geld einbringen und sogar sterbenslangweilig sind, ohne dazu gezwungen zu werden.

In diesem Sommer macht Deci eine seltsame Entdeckung: Manchmal sorgen Zuckerbrot und Peitsche dafür, dass die Leute weniger geben als ihr Bestes. Als er Studenten ein paar Dollar zahlte, um ein Räsel zu lösen, ließ ihr Interesse daran nach.“ (S. 296)

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Das ist aus dem Buch „Im Grunde gut“ von Rutger Bregmann (Rowohlt 2020). Bregman beschreibt zahlreiche Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass Geldanreize und Boni die Motivation zerstören und die Moral abstumpfen und dass Zielvorgaben die Kreativität lahmlegen.

Eigentlich kennen wir das alle. Aber: Niemand will was davon wissen. Peci wurde ausgelacht. Unser Rechtssystem, unsere Wissenschaft, unsere Schulen, unser Wirtschaftssystem, die Politik, unsere ganze Gesellschaft geht davon aus, dass Menschen von Natur aus egoistisch sind und misstrauisch und nur Kontrolle, Strafen und Anreize uns davon abhalten, uns gegenseitig zu belügen, zu betrügen und an die Gurgel zu gehen.

Ich hab das noch nie geglaubt. Nächtelang habe ich mit meinem Vater darüber gestritten. Er war zutiefst davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus böse ist und die Zivilisation nur ein hauchdünner Überzug über unserer gewalttätigen Natur. Das Buch von Rutger Bregman hätte ich ihm gern zu lesen gegeben. Und noch ein anderes: „Gewalt“ von Steven Pinker (Fischer 2013). Beide haben den Untertitel: „Eine neue Geschichte der Menschheit“.

Die Evolution geht nicht in Richtung Gewalt – im Gegenteil

Als ich Pinker las, war ich begeistert: Da bewies ein Wissenschaftler, Psychologe, anhand unzähliger Beispiele und Statistiken aus der gesamten Menschheitsgeschichte, dass die Evolution der Menschheit nicht in Richtung mehr Gewalt, Mord, Vergewaltigung und Krieg geht sondern im Gegenteil die Gewalt immer weiter zurückgegangen ist und immer stärker geächtet wird. Es stimmt ja: wir gehen sonntags nicht mehr mit unseren Kindern zur Hinrichtung. Statt uns Gladiatoren-Kämpfe gegen wilde Tiere anzusehen, sorgen wir uns um Tierrechte und werden Veganer. Und dicke Burgmauern als Schutz vor Räubern brauchen die meisten von uns auch nicht mehr.

Interessant ist Pinkers Gedanke, dass die Erfindung des Buchdrucks, die vielen Menschen das Lesen möglich machte, und das Lesen von Romanen dazu wesentlich beigetragen haben. Wenn man sich mit einem Romanhelden/einer Romanheldin identifiziert und die Welt aus ihrer Perspektive sieht, lernt man, dass man alles auch ganz anders sehen kann. Man versteht andere Menschen besser und übt den Perspektivenwechsel.

Pinker sagt aber auch, dass Empathie nicht reicht – und sogar ungerecht sein kann. Ist es gerecht, wenn ich denen und nur denen helfe, mit denen ich mitfühle, die mir nahe stehen, die besser aussehen, sympathischer sind etc.? Er sagt, dass es für Gerechtigkeit entscheidend ist, einen starken Staat zu haben, mit Gewaltenteilung, Gewaltmonopol und konsequenter Rechtsprechung, mit einem Wort: die Zivilisation.

Pinker zeigt, dass der Einfluss von Frauen in direktem Zusammenhang steht mit Gewaltlosigkeit in einer Gemeinschaft. Er zitiert Tsutomu Yamaguchi, den einzigen Menschen, der zwei Atombombenangriffe überlebt hat: „Die einzigen Menschen, denen man gestatten sollte, Staaten mit Atomwaffen zu regieren, sind Mütter – Frauen, die ihre Babys noch stillen.“ (S. 1016)

Eine weitere Ursache für den Rückgang der Gewalt in der Menschheitsgeschichte sieht Pinker im Rückgang von Religionen, Ideologien, autoritären Strukturen sowie in der Stärkung individueller Freiheit.

Was mich stört an seinem Buch, ist, dass er die 68er dafür verantwortlich macht, dass damals die Gewaltzahlen anstiegen, vor allem in den USA. Der Grund dafür, argumentiert er: Selbstbeherrschung sei zum konservativen, spießigen Wert erklärt worden, den man überwinden wollte, und Regelverletzungen hätten das Rechtsempfinden aufgeweicht. Pinker überschätzt den Einfluss der „68er“. Sie waren eine verschwindend kleine Minderheit, ihr Einfluss war nicht so groß, dass er die Gewaltzahlen in den USA in die Höhe hätte treiben können. Dafür waren andere Faktoren verantwortlich: u.a. eine rigorose Hardliner-Politik, die extrem rassistisch und ideologisch war. Es war ja gerade die 68`er-Bewegung, die die Stärkung individueller Freiheit ein großes Stück vorangebracht hat, nach der Nazizeit und der engstirnig-verlogenen Moral der 50er-Jahre.

Rutger Bregman, Historiker, Autor und Aktivist, zeigt in seinem Buch „Im Grunde gut“: Pinkers Zahlen stimmen nicht.

Survival of the Friendliest

Bregman akzeptiert nichts unhinterfragt, selbst „gesicherte Erkenntnisse“ wissenschaftlicher Berühmtheiten nicht, die in den Lehrbüchern stehen und als Standard gelten. Detektivisch entlarvt er die Mythen von Mord und Totschlag, die überall für ewige Wahrheiten gehalten werden.

Pinkers Thesen über die extrem gewalttätige Urzeit des Menschen sind durch keinerlei archäologische Funde belegt. Im Gegenteil. Die allererste Zeit der Menschen, der Jäger und Sammler, war wahrscheinlich die friedlichste. Ein Hinweis sind die Jäger- und Sammler-Kulturen, die es heute noch gibt. Und alle „Entdecker“ weltweit haben sich immer wieder gewundert über die Freundlichkeit, Friedlichkeit und Großzügigkeit der sogenannten Naturvölker überall auf der Welt. (Und haben sie übelst ausgenutzt.)

Jäger und Sammler gab es nicht so viele, wir konnten uns aus dem Weg gehen. Wir lebten in Gruppen von höchstens 150 Leuten, die sich alle kannten und hatten ein großes soziales Netzfeld. Wenn man bei der Jagd auf ein Mammut „Fremde“ traf, war es sinnvoller, sich zusammen zu tun zur Jagd. Krieg machte überhaupt keinen Sinn.

Als Jäger und Sammlerinnen sind wir umhergezogen, haben andere Menschen und Kulturen kennengelernt, von denen wir alles Mögliche lernen konnten. So konnten sich Erfindungen und Wissen weiterverbreiten. Nach Bregman war genau DAS der Grund dafür, dass wir Menschen so schlau geworden sind.

Wenn man intelligente Hunde züchten will, muss man die Freundlichsten auswählen. Für Jäger und Sammler hat sich Friedlichkeit gelohnt. Survival of the Friendliest.

Und wofür sollten die Jäger und Sammler auch kämpfen? Es gab noch keinen Besitz, kein Land in Privatbesitz, um das man sich hätte streiten können.

Kain, der Ackerbauer, hat seinem Bruder Abel, dem Nomaden und Viehhirten, die Weideflächen weggenommen und eingezäunt. „Privat“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „geraubt“. Und dann brachte er ihn auch noch um, weil der Nomade dem Gott besser gefiel. Erzählt hier die Bibel vielleicht die Geschichte der Verdrängung der Jäger und Sammler durch die Ackerbauern? Das war so eine Idee, die ich dazu hatte. Aber jetzt weiter mit Bregmans Buch:

Bequemlichkeit erzeugt Gewalt

Die Gewalt fing an mit der Erfindung der Bequemlichkeit. Die ersten Ackerbauern haben gedacht, sie könnten sich Arbeit sparen, wenn sie die Körner nicht mehr sammeln und direkt aufessen, sondern aufbewahren und aussäen. Sie ahnten nicht, dass sie mit dem Bauen von Speichern, Zäunen und Mauern, mit dem Beackern, Wässern und Düngen der Felder und dem Besorgen von Futter für die Tiere viel mehr Zeit mit der Beschaffung von Nahrung verbringen würden als die Jäger und Sammler. Sie wussten auch nicht, dass sie durch das Zusammenleben in den Dörfern und Städten, auf engstem Raum auch mit Tieren, krank werden würden. Masern stammen von der Kuh, die Grippe vom Zusammenleben von Menschen, Schweinen und Enten. Bauern bewegten sich weniger und unnatürlicher und ernährten sich einseitig und ungesünder.

Es gab auf einmal Zäune. Und Besitz. Das Land, auf dem man sitzt. Wer das verteidigen konnte, war der Besitzer.

Noch etwas, das zu Hierarchie, Unterdrückung und Gewalt geführt hat: Während in der Vor-Zeit Männer und Frauen noch so gut wie gleichberechtigt waren und die Erziehung von Kindern als gemeinsame Aufgabe angesehen wurde, wurde beim Ackerbauern die gesicherte Vaterschaft wichtig, und zu seinem Besitz gehörten dann auch bald Frauen und Kinder.

Die Gewalt hat abgenommen von der Antike bis heute, da sind Pinkers Zahlen belegt und der Trend macht Hoffnung. Nur komisch: niemand glaubt daran. Die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, ist eine andere.

Schon in der Schule bekommen wir eine Menschheitsgeschichte von Macht, Gewalt und Kriegen erzählt. Und diese Erzählung geht weiter: Jeden Tag sehen, lesen und hören wir in den Nachrichten von Gewalt. Man zeigt uns fast ausschließlich schlechte Nachrichten.

Ich zitiere nochmal Bregman: „Eine kürzlich durchgeführte britische Studie ergab, dass sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (74 Prozent) eher mit Werten wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit als mit Geld, Status und Macht identifiziert. Aber die Forscher fanden auch heraus, dass der größte Anteil – 78 Prozent – der Meinung ist, dass andere egoistischer sind, als es in Wirklichkeit der Fall war.“ (S. 298)

Die Geschichte des Friedens wird nicht erzählt.

Bregmans Buch ist revolutionär. Er beweist anhand von Erkenntnissen aus Biologie, Psychologie, Soziologie, Geschichte, Archäologie u Ökonomie, dass der Mensch von Natur aus eher gut ist als böse. Bregmann führt die neusten Erkenntnisse aus den verschiedensten Wissenschaften zusammen.

Nur: Jeder, dem ich davon vorschwärme, guckt mich ungläubig an. Das ist doch naiv. Das ist doch unrealistisch.

Von wem stammen wir lieber ab: den Schimpansen oder den Bonobos?

Was ist denn mit den Schimpansen? Das sind doch unsere engsten Verwandten im Tierreich: die sind aggressiv und führen sogar Kriege. Die Antwort: Wie kommt es, dass auch gebildete Menschen noch nie was von den Bonobos gehört haben? Mit denen sind wir genauso eng verwandt wie mit den Schimpansen – und die bringen sich nicht gegenseitig um sondern regeln ihr Miteinander friedlich. Hauptsächlich mit Kuscheln und Sex.

Und was ist mit den Experimenten: Milgram, Stanford usw., wo berühmte Wissenschaftler „bewiesen“ haben, dass Menschen dazu gebracht werden können, anderen tödliche Stromschläge zu verpassen, und wo willkürlich eingeteilte Studenten zu den grausamsten Gefangenenwärtern wurden? Bregman zeigt: das Stanford-Prison-Experiment ist eine Fälschung. Die „Wärter“ hatten nicht von sich aus die grausamen Regeln aufgestellt – sie wurden angeleitet und unter Druck gesetzt. Zimbardo wurde damit berühmt. Die BBC wollte 2001 das Experiment unter strenger Aufsicht wiederholen – das passte in den Trend des Reality-TV. Es wurde die langweiligste Show der Fernsehgeschichte und sie wurde vorzeitig abgebrochen. Es passierte nämlich: Nichts. Die Wärter und die Gefangenen spielten Karten, gingen zusammen essen und Bier trinken und wollten eine Kommune gründen. Der einzige Unterschied zum Stanford-Experiment: die Psychologen gaben keinerlei Anweisungen.

Menschen sind nicht gehorsam, sondern Mitmacher

Stanley Milgrams Experiment, bei dem 65 % der Teilnehmer den „Schülern“, die nicht lernen wollten, auf Anweisung Stromstöße bis zur tödlichen Dosis von 450 Volt gaben – so wurde ihnen vorgespiegelt -, ist noch berühmter. Das Experiment ging als Sensation durch die Weltpresse, es war die Zeit der Eichmann-Prozesse. Milgram wurde damit berühmt.

Auch er hat manipuliert. Die Versuchspersonen wurden unter Druck gesetzt – und nur die Hälfte glaubte, dass sie dem Schüler wirklich Schmerz zufügten. Trotzdem: es bleiben beunruhigend viele übrig, die bereit waren, auf Anweisung anderen Schmerz zuzufügen. Wie kann das sein? Die Antwort der Psychologen Alex Haslan und Steve Reicher: weil sie Gutes tun wollten!

Solange die Versuchsleiter betonten, dass es für die Wissenschaft notwendig sei, dass sie weitermachten, drückten die Teilnehmer den Knopf, auch gegen größte Bedenken. Sobald die Psychologen aber ruppig wurden und Befehle erteilten, hörten sie sofort auf. Alle. Sie wollten der Wissenschaft weiterhelfen. Es ging in dem Experiment nicht um Gehorsam, es ging um Konformismus.

Die Teilnehmer, die abgebrochen haben, haben

  • mit dem Opfer gesprochen
  • den Versuchsleiter auf seine Verantwortung angesprochen und
    sich mehrmals geweigert weiterzumachen.
  • Widerstand kann man üben. Dabei hilft eine Kultur der Solidarität. Das beste Beispiel ist Dänemark, das in einer beispiellosen Solidaritätsaktion nahezu aller Bürger*innen 99% seiner Juden vor den Nazis gerettet hat.

Auch in den Krieg ziehen Soldaten nur, wenn sie überzeugt sind, ihrem Land etwas Gutes zu tun, Menschen zu retten und zu befreien. Der Feind muss ein Unmensch sein, sonst schießt man nicht auf ihn sondern feiert mit ihm Weihnachten wie 1914 an der Westfront.

Und wie kommt es, dass Menschen andere Menschen in den Krieg schicken?

Kriege werden von denen angezettelt, die Macht haben. In einer hierarchischen Gesellschaft. Es geht immer um Macht. Und Macht korrumpiert. Und es kommen viel zu oft die Falschen an die Macht. Unsere westliche Gesellschaft ist so aufgebaut, dass der Soziopath, der sich nicht um die Meinung Anderer schert und keine Scham kennt, den höchsten Managerposten bekommt und an die Spitze der politischen Macht gelangt. „Survival of the shameless“. Wenn egoistisches Verhalten belohnt wird, ist der Egoist im Vorteil. Unsere Spielregeln sind falsch.

Die Spielregeln ändern

Solange wir die Spielregeln nicht ändern, wird es Gewalt und Kriege geben.

Die gute Nachricht: genau das geschieht gerade überall auf der Welt: Die Spielregeln werden geändert.

  • In Porto Allegre/Venezuela haben die Bürger das Wort und bauen Schulen und Krankenhäuser und legen Strom in die Armenviertel.
  • In Irland regieren Bürgerparlamente, die Mitglieder werden ausgelost. Alle sind sehr zufrieden mit ihrer Arbeit.
  • Die Aktion „Bedingungsloses Grundeinkommen“ berichtet faszinierende Geschichten von ihren Gewinnern.
  • In den Niederlanden hatten ein paar Pfleger die Nase voll vom kommerziellen Pflegebusiness und haben mit ihrer menschlichen und bedürfnisorientierten Alternative „Buurtzorg“ mehrere Preise gewonnen.
  • In Alaska werden die Einnahmen aus den Ölvorkommen bedingungslos an alle Bürger*innen verteilt.
  • Norwegische Gefängnisse betrachten es als ihre Aufgabe, die Insassen auf das normale Leben vorzubereiten. Sie müssen arbeiten, die angenehm eingerichteten Zellen haben Türen statt Gitterstäben, es gibt Freizeitangebote. Die Wärter essen mit den Insassen am selben Tisch. Reden mit ihnen. Norwegen hat die niedrigste Rückfallquote an Schwerverbrechen der Welt.

Das sind nur ein paar Beispiele. Bregmans Buch ist total inspirierend und macht Mut. Es ist ein Sachbuch, Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte, und liest sich spannend wie ein Krimi. Meine Begeisterung würde sich in Grenzen halten, wenn Bregman ein naiver Romantiker wäre. Das ist er nicht.

Auf Seite 118 schreibt er: „Es wäre nämlich falsch, unsere Vorfahren übermäßig zu romantisieren. Der Mensch war noch nie ein Engel.“ Und weiter: „Natürlich hat es immer Menschen gegeben, die sich nicht an diese Ehrlich-teilen-Etikette gehalten haben. Aber damit gingen sie ein hohes Risiko ein, denn wer sich arrogant oder gierig verhielt, konnte verbannt werden.“

… und das war meistens tödlich. Das waren die Spielregeln. Unsere Spielregeln bringen die Gierigen und Gewalttätigen an die Macht. Lasst uns die Spielregeln ändern.

Und was hat das nun alles nun mit Corona und dem Einkaufswagen zu tun?

Fritz Breithaupt, Literatur-, Kultur- und Kognitionswissenschaftler an der Indiana University Bloomington, schreibt in der ZEIT vom 23.4.2020: „Wir wissen von Krisen der Vergangenheit, dass sie zumeist genau dann vorbei sind, wenn sich ein Narrativ durchsetzt, das die Ereignisse zusammenfasst. Diese erzählerische Sinngebung entfaltet eine Langzeitwirkung, die stärker als die Krise sein kann.“

Er benennt fünf Geschichten über die Corona-Krise, die gerade erzählt werden:

„Alles soll schnell wieder sein wie zuvor.“
„Aufstieg der totalen Kontrolle – (…) Apps kontrollieren jede Bewegung, (…) Gesetze zum Datenschutz werden aufgeweicht.“
„Die Stärke der kollektiven Aktion (…) Wir leisten freiwillig, was andernorts harschen Zwang erfordert und überwinden so gemeinsam die Krise. Gewinner ist eine Menschlichkeit, die Verwundbarkeit zulässt.“
„Das Narrativ der Depression“ „Bilder des Leidens. Menschen sterben allein; die Städte sind leer; Menschen haben keine Aufgabe…“
„(Das) Versagen(s) der egomanischen Mächtigen (…) Trump, Orban, Putin und Bolsonaro: die falschen Helden fallen. Und die Krise führt zu einem globalen Umdenken. Befürworter der weltweiten Kooperation werden stärker; Wissenschaft und Vernunft gewinnen. Was nahezu unmöglich erschien, wird wahr: Die Welt beschließt Klimaschutz.“
Welche Geschichte wird sich durchsetzen? Welche Geschichte wollen wir erzählen? Wir haben es in der Hand.

Stell Dir vor, jeder Mensch lebt in Würde und unser wundervoller Planet atmet auf

von Dieter Höntsch

– es ist Frieden auf der Welt, die Menschen gehen wertschätzend miteinander um, egal welche Hautfarbe sie haben, egal welche Bildung sie haben,
– jeder Mensch hat, was er braucht zum Leben, keiner leidet mehr Not,
– die Tiere und Pflanzen gedeihen in all ihrer Vielfalt,
– die Landschaften und Meere sind sauber und entfalten ihre Faszination,
– das Klima ist im Gleichgewicht, keine in einem erdgeschichtlich unvorstellbaren Tempo schwindenden Gletscher, kein anwachsender Meeresspiegel,
– wir Menschen leben in einer lebenswerten und menschenwürdigen Welt, wir sind gesund dank gesunderhaltender Lebensweise, wir sind voller Leistungsfähigkeit, voller Lebensfreude und entfalten unsere Potenziale,
– wir haben die Möglichkeit, zum Gemeinwohl beizutragen, was uns erfüllt, ohne Druck,
– wir sind zufrieden und dankbar für alles, was uns an Wundervollem vergönnt ist,
– wir können uns glücklich fühlen, gemeinsam mit dem Partner, mit Kindern, Enkeln, Urenkeln und anderen Familienangehörigen, mit Freunden, mit Arbeitskollegen, mit Menschen, die uns sonst noch nah sind oder uns begegnen.

Alles nur ein Traum?

Nein, es ist möglich! Nicht gleich morgen, denn es ist schon ein großes Stück Weg, das wir gemeinsam gehen müssen. Es liegt an uns, wie lange wir für den Weg brauchen, wie lange es braucht, bis immer mehr von uns gelernt haben, umzudenken und eigenes Handeln zu verändern.

Nur Hirngespinnste, sagt der Pessimist

Die Mächtigen streben eher nach immer mehr Macht, als dass sie etwas davon abgeben, die meisten Wohlhabenden sind voller Gier nach mehr und klammern sich an ihren Reichtum. Und all die anderen müssen die Leere in ihrem Leben immer wieder füllen, indem sie konsumieren, um wenigstens Augenblicke des Glücks zu erleben, um nicht etwa weniger zu besitzen, als der Nachbar.

Ein realistischer und in naher Zukunft erreichbarer Traum, meine ich

Warum streben die Mächtigen nach immer mehr Macht, die Wohlhabenden nach immer mehr Reichtum und all die anderen nach mehr Konsum? Weil sie wie jeder Mensch Bedürfnisse haben, die sie sich erfüllen möchten. So lehrt es u.a. Marshall B. Rosenberg, der die Methode der Gewaltfreien Kommunikation entwickelt hat.

Menschen wollen unter anderem
– bedeutsam sein,
– Bestätigung erfahren,
– Erfolg haben,
– dazu gehören oder
– wertgeschätzt werden.

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich wirksam sein möchte, weil mir Frieden, Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit besonders wichtig sind. Texte zu schreiben, ist eine meiner Strategien, um mir Bedürfnisse zu erfüllen.

Leider haben die Strategien, mit denen sich Menschen Bedürfnisse erfüllen wollen nicht selten einen sehr hohen Preis – Menschenleben, menschliches Leid, Verlust an Lebensqualität, Verlust an Artenvielfalt und vieles mehr.

Lassen sich durch Erweiterung von Macht, Anhäufung von Reichtum oder dauerndem Konsum wirklich Bedürfnisse erfüllen? Was wir mit diesen Strategien erreichen können, das sind bestenfalls Momente des Glücks, Glückssternschnuppen vielleicht. Um Glücklichsein als andauerndes Lebensgefühl, die Sterne des Glücks, zu erfahren, braucht es andere Strategien.

Zum Glück gibt es Strategien, mit denen wir uns unsere Bedürfnisse nachhaltig erfüllen können. Sie kosten in der Regel kaum etwas und sind ausgesprochen erfolgversprechend. Meist sind diese Strategien ganz einfach. Ich bin zum Beispiel zu tiefst glücklich, wenn ich mich auf das Spiel meiner Enkel einlasse, einfach nur Zeit investiere. Dadurch erfüllen sich meine Bedürfnisse nach Freude, Liebe, Spiel, Unterstützung, Ausgelassenheit, Leichtigkeit und Spaß. Wir können natürlich auch Großes vollbringen, um uns Bedürfnisse zu erfüllen, beispielsweise die Not anderer Menschen lindern. Doch selbst das so selten gewordene „Danke!“ wieder in unseren Alltag zu integrieren, hilft uns, uns Bedürfnisse zu erfüllen, die nach Freundlichkeit und Wertschätzung im Miteinander zum Beispiel. Probieren Sie es aus, es tut wirklich gut.

Klingt zu einfach, um wahr zu sein? Übung macht dem Meister. Üben Sie sich darin, Strategien für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu finden, die kaum etwas kosten, die Ihr Leben jedoch wahrhaft bereichern. Und praktizieren Sie das, was Sie finden immer öfter. Solches Verhalten in sein Alltagsleben zu integrieren, braucht allerdings doch etwas mehr, es braucht die Bereitschaft, immer wieder hinzuzulernen und die Beharrlichkeit, das Erlernte zu leben. Wer in solches Lernen und Handeln investiert, der erzielt eine wahrlich hohe Rendite, die eines erfüllten Lebens. Und er gesellt sich zu jenen, die sich auf den Weg in eine lebenswerte und menschenwürdige Zukunft begeben. Ich meine, Heinz Rudolf Kunze hat recht, wenn er singt:

„Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen.“

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

Die Chancen der Krise JETZT! nutzen

Der Herr sprach: Und am siebten Tag sollst Du ruhen…
Keine Angst, jetzt kommt keine Predigt. Eher ein Gedankenspiel über die unglaublichen Chancen der aktuellen C-Krise, über ein Jahr der Ruhe und über den konkreten Vorschlag für ein Sabbatjahr, für eine kleine Revolution …

Von Fritz Lietsch

Fritz Lietsch ist seit über 30 Jahren aktiver Zukunftsgestalter, Chefredakteur des Entscheidermagazins forum nachhaltig Wirtschaften, gefragter Moderator und Key Note Speaker sowie Initiator der Kampagne #VerantwortungJetzt!
Er will die Coronakrise zur Chance machen und fordert: „Rettungsgelder richtig nutzen!“ Finanzhilfen ja. Aber nicht, um nach der Krise genauso weiterzumachen, wie vorher. Helfen Sie mit, die Krise als Chance für den Wandel zu nutzen. Seine Forderung: „Nachhaltiges Leben und Wirtschaften muss zum Standard für die Zukunft werden.“

Kontaktiert ihn bei Fragen gerne unter f.lietsch@forum-csr.net bzw.  +49 (0)171-211 8884.


Für viele Menschen ist jetzt Ruhe eingetreten. Leider ungewollt, verursacht durch einen Virus. Für manchen ist dieser Zustand der Ruhe beängstigend. Aber vielleicht ist das, was uns die gegenwärtige Krise zeigt, ein großes Geschenk. Eine Chance für einen Neubeginn.

Wer mit mir die Chancen dieser Krise untersuchen und helfen will, die daraus entstehenden Möglichkeiten zu ergreifen, sollte weiterlesen und dabei sein bei  #VerantwortungJetzt! Weiterlesen

von Peter Zettel

Was für eine Frage! Die Antwort darauf bin ich ja selbst, denn dieser Körper, zu dem ich „ich“ sage, ist ja selbst eine Gemeinschaft aus ganz, ganz vielen Zellen, Bakterien und was weiß ich noch alles. Und da gibt es keinen, der der Chef wäre und das Sagen hätte und bestimmen könnte, was die anderen zu tun haben, nein, den gibt es nicht. Irgendwie machen die das untereinander aus. Selbst darüber, ob eine Katze und eine Maus eine Gemeinschaft sind, wenn sie in freier Wildbahn leben, ja, auch darüber kann man einmal nachdenken. Denn sie bilden wie die ganze Natur definitiv eine Gemeinschaft. Dumm nur, dass die Regeln vielen Menschen so grausig anmuten. Was aber nicht an den Regeln liegt, sondern an der üblichen menschlichen Sichtweise.

Also bleibe ich mal bei mir selbst, genauer bei meinem Körper. Dass der ganz selbstverständlich nicht für sich alleine existieren kann, will ich der Einfachheit halber mal weglassen. Jede einzelne Zelle ist für sich, aber eben nicht alleine, sondern sie lebt in Gemeinschaft mit allen anderen. Dabei praktizieren diese Zellen keine Basisdemokratie, da wäre ich schon längst tot, wenn sie das täten, nein, ich denke die praktizieren eher ein anarchistisches System, wo jeder ganz von alleine weiß, was sein Job ist und was er zu tun hat. Wahrscheinlich ist das auch Ausdruck von Schwarmintelligenz. Wir Menschen schauen ja immer auf das Ganze und wollen die Regeln vom Ganzen her erkennen, dabei funktioniert Schwarmintelligenz ganz anders, sozusagen von innen nach außen: Jeder orientiert sich an denen, die ihm am nächsten sind und fertig. Was ganz offensichtlich funktioniert! Was wahrscheinlich nicht bedeutet, dass das alles ist. Aber die Natur organisiert sich wohl wesentlich einfacher, als viele Menschen denken, weshalb sie möglicherweise auch solche Schwierigkeiten haben, sie zu verstehen.

Wenn nun schon der scheinbar Einzelne tatsächlich kein Einzelner ist, sondern in Wahrheit eine Gemeinschaft, dann gilt das erst recht für alles, womit wir in Beziehung stehen. Nehme ich da nur die allernächsten, wird das Dilemma schon offensichtlich. Jedenfalls meistens. Die Frage ist nämlich, ob ich überhaupt in der Lage bin, eine ernsthafte Beziehung zu leben! Wenn ich mir all die gesellschaftlichen Verwerfungen anschaue, angefangen in den Familien und dann weiter über den Umgang der einzelnen Länder miteinander bis hin zur Wirtschaft, dann wird, zumindest für mich, offensichtlich, dass in unsere menschlichen Gemeinschaften ein Webfehler eingebaut ist. Und wir wissen ja genau, was es für den einzelnen Körper bedeutet, wenn in der Organisation seiner Zellen ein Webfehler enthalten ist. Der kann dann als Ganzes ganz einfach nicht mehr problemlos seinen Job verrichten. Jede Krankheit ist nichts anderes als ein solcher Webfehler, davon bin ich überzeugt. Was jedoch nicht bedeutet, dass das Problem gelöst ist, wenn man eine Pille einwirft. Die kupieren nur die Symptome, sie lösen aber die Ursache nicht auf.

Was auf der körperlichen Ebene passieren kann und oft auch passiert, findet sich immer wieder auf der zwischenmenschlichen, der gesellschaftlichen wie der wirtschaftlichen Ebene, nämlich ein Webfehler, ein Organisationsdefizit. Ob in meinem eigenen Körper, in Partnerschaften, in der Gesellschaft wie der Wirtschaft geht es immer nur um Organisationsdefizite, um nicht zu sagen: um entsprechende Fehler. Wir Menschen haben uns ziemlich offensichtlich nach Strukturen zu organisieren gelernt, die anderen als natürliche Interessen dienen. Um das aber auf der zwischenmenschlichen Ebene abzuhalten, haben wir auch noch die dazugehörige Pille erfunden, nämlich die Konvention. Solange wir uns an die Regeln der Konvention halten, treten wir uns sozusagen nicht auf die Füße und merken nicht, was wir da tatsächlich machen. Wir leben deshalb nicht in einer Gemeinschaft, sondern einer Pseudo-Gemeinschaft.

„Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das Geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“ Das schrieb Scott Peck.

Und genau so ist es. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Andere formulieren es ein wenig drastischer, sie vertreten die Ansicht, dass dieses Verhalten schlicht und einfach krank ist. Das sehe ich auch so. Und genau deswegen wäre der Rückzug in das Alleinsein nichts anderes als eine Flucht, denn nichts und niemand existiert nur für sich. Haben wir also den Mut, uns darauf einzulassen! Doch was passiert, wenn wir sozusagen bereit sind, den Fehde-Handschuh anzunehmen, den das „normale“ Leben dem wahrhaftigen Leben hinhält? Bei der Pseudogemeinschaft geht es um das Kaschieren von individuellen Differenzen, im Stadium des Chaos geht es vorrangig um den Versuch, diese Differenzen auszulöschen. Man versucht, einander zu bekehren, zu heilen, auszuschalten oder ansonsten für vereinfachte organisatorische Regeln einzutreten. Es ist ein unsinniger Prozess, ein Nullsummenspiel, bei dem es nur Sieger und Verlierer geben kann und der zu nichts führt.

Doch steht man diese Phase durch, ohne sich das Hirn einzuschlagen oder wieder in die Pseudogemeinschaft zurückzufallen, dann tritt sie allmählich in die „Leere” ein, wenn alles weggeräumt ist, was zwischen den Einzelnen und der Gemeinschaft steht. Und das ist eine Menge, all die Vorurteile, Meinungen oder Erwartungen wie der Wunsch zu bekehren, zu heilen oder auszuschalten, der Drang zu siegen genauso wie die Angst, sich zum Narren zu machen oder das Bedürfnis, die Kontrolle über alles zu haben. Oft geht es aber auch darum, einen verborgenen Kummer, Abscheu oder tiefe Angst vor etwas zuzulassen und sich selbst einzugestehen, bevor der Einzelne für die Gruppe völlig „präsent” sein kann. Ich kann nicht präsent sein, solange ich etwas verberge. Das verlangt fraglos Mut. Hinterher fühlt man sich sehr erleichtert, doch während dieses Prozesses leider oft auch sterbenselend. Es verlangt eine Menge Konsequenz, um nicht schnell das Thema zu wechseln, wenn es unangenehm zu werden droht. Doch schafft man es, das auszuhalten, dann passiert ein Wandel, ein wirklicher Wandel. Wo sich bisher meist jeder hinter einer Maske zu verbergen suchte, sind auf einmal Offenheit, Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit da. Was bisher unmöglich schien, ist mit einem Mal möglich, egal ob es sich um Partnerschaften, Gesellschaften oder wirtschaftliche Organisationen handelt.

Der Weg in das Alleinsein ist also nur da angesagt, wo der Weg in die Gemeinschaft nicht gegangen werden will. Das ist dann der Fall, wenn die Menschen nicht bereit sind, in einen wirklich ernsthaften und wahrhaftigen Dialog einzutreten.

von Elisabeth Voss

Die Bertelsmann-Stiftung führt gemeinsam mit den Vereinten Nationen ein Projekt „Sustainable Development Goals Index“ durch […] Ausgerechnet diese Konzernstiftung, die mit ihrer fast religiösen Ideologie von schlankem Staat und Privatisierungen den neoliberalen Gesellschaftsumbau befürwortet … Weiterlesen

“Ich liebe Kinder. Es gibt kaum etwas Schöneres, als von einem Kind angelacht zu werden und dabei in seine Augen zu schauen, die verzaubern. Der fröhliche Gesichtsausdruck, sobald Kinder sich wohl fühlen, erinnert mich jedes Mal aufs Neue daran, mit welch wunderbarer Natur wir Menschen ausgestattet sind.
Kinder und Jugendliche sollten „der Spiegel“ einer aufrichtigen, menschlichen Gemeinschaft sein. Damit sie genau dazu heranwachsen, brauchen sie wahrhaftige Vorbilder, die ihnen jeden Tag aufs Neue wahre Menschlichkeit vorleben.
Kinder bedeuten Hoffnung und Leben!
Durch sie haben wir die Chance, Wahrheit als wichtigen Inhalt des Daseins zu begreifen. Dieses besondere Gut müssen wir den Kindern lassen, sodass sie mit zunehmender Reife die Wahrheit in die Welt hinaustragen – im Sinne einer gerechten und deutlich menschlicheren Zukunft.”

Aus dem Buch “Zukunft braucht Courage” von Michael Johanni

Warum wir fünf vor 12 beschwören müssen, obwohl es längst fünf nach zwölf ist.

Erstmals seit 66 Jahren gehe ich hoffnungslos in ein Jahr. Und das wird auch so bleiben, allenfalls wird es Steigerungsstufen der Hoffnungslosigkeit geben. Da Hoffnungslosigkeit nun mal politisch inkorrekt ist, sie mir aber als die einzige sachlich angemessene Einschätzung der Wirklichkeit erscheint, möchte ich ihre Hintergründe erläutern.

Enttäuschte Liebe

Die erste große Enttäuschung in der Liebe hat aus uns einen anderen gemacht. Oh ja, wir können auch danach noch lieben, vielleicht sogar noch stärker, und gewiss sogar mit größerer Weit- und Nachsicht, doch die weiche, warme, rundum glühende Zuversicht, mit der geliebten Person werde alles und für immer gut sein, ist nach der ersten großen Liebe vorüber.

Wir haben die Moderne und ihre Versprechen geliebt, ihre Freiheit, ihren Luxus, ihre globale Aussicht auf Erfüllung und Sicherheit. Die Klimakrise und die Dominoreihe der damit verbundenen Einsichten haben uns den Glauben an das Projekt der Moderne endgültig geraubt.

Zuverlässige Vergeblichkeit

Noch 2018 hielt wir uns für Realisten, aufgeklärt, nüchtern und weltzugewandt. Wir waren gesellschaftskritisch, regierungskritisch, kapitalismuskritisch, industrialisierungskritisch, religionskritisch. Bis sich ein Mädchen vor das schwedische Parlament setzte und ohne Wenn und Aber die Einlösung der Pariser Klimavereinbarungen forderte. Nichts weiter. Vielleicht haben wir damals ein wenig gespöttelt. Doch was wir vielleicht als gutgemeinte „Verirrung eines Teenagers“ abtaten, entpuppte sich als gesamtgesellschaftlicher Weckruf.

Was ist seither geschehen? Zig Tausende von Wissenschaftlern haben sich hinter Gretas Thesen gestellt – darunter auch ProfessorInnen von Weltruf. Wir wissen das. Und ahnen doch die zuverlässige Vergeblichkeit ihrer wissenschaftlichen Forderungen.

Ans hohe Ross gebunden

Wie könnte es auch anders sein? Letztlich handelt es sich um den Ruf, das Ruder der westlichen Industriegesellschaft herumzureißen und den rasenden Elefanten zu zähmen, bevor er endgültig alles Geschirr zerschlägt. Es geht nicht mehr nur um einen Paradigmenwechsel*, sondern um einen Ontologie-Wechsel**. Doch schon ersterer ist zu viel verlangt. Zuoberst müssten wir nämlich vom hohen Ross des weißen Mannes herabsteigen, um

  • auf indigenen Schulen zu studieren, wie sich eine ausbeuterische Ökonomie in eine Kreislaufwirtschaft verwandeln ließe;
  • zu lernen, wie wir die vielbeschworene Menschwürde in Alltagshandeln übersetzen: gegenüber Arbeitern, gegenüber Chefs, gegenüber den Alten, den körperlich, geistig und psychisch Kranken, gegenüber all denen, die durch die Raster unseres Sozial- und Rechtssystems fallen, gegenüber allen Minderheiten, Hilflosen und Verlassenen, ja gegenüber ganzen Entwicklungsländern. Mit einem Wort, wie wir die hehre Theorie der Menschenwürde so sehr in eine täglich geübte Praxis der Solidarität verwandeln, dass ein SPDler einem CDU-Abgeordneten applaudieren könnte, ohne das Gesicht zu verlieren, und umgekehrt;
  • die Priorität des Gewinns und der Monetarisierbarkeit gesellschaftlich relevanten Handelns durch die Priorität der Nachhaltigkeit auf allen Gebieten zu ersetzen: ökologisch, ökonomisch, sozial;
  • unsere selbstverständlich gewordenen Zivilisationsstandards in Frage zu stellen: unsere Mobilität, unsere allzeitige Verfügbarkeit von Lebensmitteln und Konsumgütern, den medizinischen Luxus, unsere Raumbedarf, den unbegrenzten Vorrat an Energie;
  • den Naturgütern Erde und Wasser als Subjekten gegenüberzutreten, ihnen also ihre Würde zurückzugeben, indem wir sie weder besitzen noch missbrauchen dürfen;
  • Eigentum als die psychische und mentale Grundlage unseres Strebens und Trachtens in Frage zu stellen; denn Eigentum impliziert die mehr oder weniger beliebige Verfügbarkeit über das Besessene, auch wenn es sich dabei um meine Frau, meine Kinder oder jedwede Natur handelt.

Auch nur einen einzigen dieser sechs ineinandergreifenden Aspekte in absehbarer Zeit, also z.B. innerhalb von 30 Jahren, umzusetzen, erscheint mir als ein Ding der Unmöglichkeit und würde einen gesellschaftlichen Diskurs erfordern, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Und voraussichtlich nicht geben wird. Technische Maßnahmen und ein paar Verordnungen und Gesetzesänderungen – gar nur auf nationaler Ebene – werden ein Schrei gegen den Sturm bleiben, der über uns hereinbricht.

Sogar die Geliebten sind weg

Nun gleichen wir enttäuschten Liebende, denen nicht nur die Liebe, sondern obendrein die Geliebten abhandenkamen. Wir glaubten, eine Geliebte namens Parteiendemokratie könne die gute Zukunft richten, eine Geliebte namens soziale Marktwirtschaft, namens Bildungssystem, namens Sozialsystem, namens Innovationskraft oder namens Technologie. In seinem Buch “Die unbewohnbare Erde” fasst der New Yorker Journalist David Wallace-Wells die Situation so zusammen: “Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie glauben.” Letztlich spielt es nämlich keine Rolle, ob bis zum Zusammenbruch der zivilisatorischen Systeme noch zehn oder 50 Jahre vergehen. The Great Turning wird keiner dieser Geliebten zustande bringen.

Warum? Weil wir diesen Großen Wandel letztlich nicht wollen. Weil wir zu der erforderlichen Großen Solidarität, einer vollumfänglichen Natursolidarität, nicht bereit sind. Sie ginge weit darüber hinaus, einem Bettler ein paar Euro in den Hut zu werfen – was uns meist schon überfordert – oder sorgsam zu Hause unsere Blumen zu gießen. Mit einem Heer von Uneinsichtigen und Unwilligen lässt sich kein Großer Wandel bewerkstelligen. Erst wenn wir nicht mehr – offen oder insgeheim – herablassend schmunzeln, wenn Indigene die Tiere als ihre Geschwister bezeichnen oder ganz selbstverständlich von „Mutter Erde“ sprechen; erst wenn wir menschliche Wärme, Nähe und Zuverlässigkeit höher schätzen als alle Güter dieser Erde; erst wenn wir uns als Teil eines großen Ganzen verstehen, werden wir eine Chance haben. Sie wird unsere einzige sein. Sie IST unsere einzige.

Mit Zweckhoffnung in die Graustufen

Es ist längst fünf nach zwölf. Darf ich also Hoffnung haben? Oder ist Hoffnungslosigkeit die angemessene Haltung? Vielleicht ist es aber die Zweckhoffnung? Wenn es Zweckoptimismus gibt, warum dann nicht auch Zweckhoffnung? Nach dem einen oder anderen Liebeskummer erhielt ich den Hinweis: „Der liebe Gott hat noch mehr schöne Mädchen gemacht.“ Auch wenn es schon halb eins sein sollte, so wird doch der Wandel zum Schlechten und Schlimmen nicht plötzlich kommen, sondern sich so einschleichen wie die Wetterextreme der letzten Jahre. Die fielen uns anfangs ja auch nicht auf. Es wird also auf das Weiß des Status Quo nicht gleich eine schwarze Zukunft folgen, sondern manche Stufen von Grau. Wenn die vielen Geliebten uns verlassen haben, können wir uns immer noch eine/n neue/n suchen – und handeln, als sei es noch fünf vor zwölf. Das ist das einzige, was uns übrigbleibt: Wir haben zwar keine Chance, aber wir nutzen sie.

*Paradigma: Denkmuster, das die Weltsicht einer Zeit prägt
** Ontologie: die Lehre vom Sein

[Bild von Pexels auf Pixabay]

Seit ich weiß, dass es Prostitution gibt, frage ich mich, weshalb es so anrüchtig ist, einen winzigen Teil seines Körpers zu verkaufen, aber völlig akzeptabel, dass man seinen Körper oder Geist vollständig verkauft. Wir alle, die wir als Arbeiter, Angestellte, Beamte oder Selbständige arbeiten, verkaufen uns, und meistens sogar unter Wert.

Wir prostituieren uns

Letzteres ist ein eigenes Thema, das im linken Spektrum rauf und runter diskutiert wurde und wird. Worum es mir hier geht, ist die Tatsache, dass wir uns ganz unhinterfragt, ganz selbstverständlich verkaufen; so dass uns die eigene Verkäuflichkeit so normal vorkommt wie die Jahreszeiten. Doch indem wir uns verkaufen, verbrüdern uns mit den Käufern, begeben uns auf die gleiche Ebene mit ihnen und streiten nur darum, ob wir mehr oder weniger wert sind. Mit anderen Worten: Wir prostituieren uns in einer Tour. Und wir bringen unseren Söhnen und Töchtern von klein auf bei, Weiterlesen

Mit diesem Zitat beginnt Mario Sedlak seinen “Beitrag über Sachargumente contra Gefühlsargumente”.
Warum wir das augerechnet auf ökoligenta empfehlen?

Ganz einfach: Weil ein Paradigmenwechsel ansteht. Nur wenn wir uns ziemlich rasch mental darauf einstellen, dass wir “anders” leben müssen, sprich zukunftsfähig/enkeltauglich/mitweltverträglich, bekommt der düstere Zukunftshorizont einen kleinen rosa Schimmer. Und um uns mental umzustellen, sollten wir erstmal die Fakten zur Kenntnis nehmen. In unseren Reihen meinen nämlich noch immer viele, dass es wohl so schlimm nicht kommen könne. Das ist zwar psychologisch verständlich – wer gibt schon gerne seine existenzielle Gemütlichkeit auf -, entspricht aber eben nicht den Tatsachen. Und die sind nun mal nicht stimmungsaufhellend (siehe Überschrift).

HIER also zu Marios Blogbeitrag …

[Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay]

Leo hält nichts von dem ganzen Öko-Zeugs. Aber er mag Mona, die bei Transition ist und an der Verschönerung ihrer Stadt arbeitet:

Asrid Raimann wollte wissen, was Menschen dazu bewegen könnte, ihre Stadt zu verwandeln: “Ich bin zum Schuster gegangen und habe ihn gefragt, was seiner Meinung nach passieren müsste, damit die Stadt zur Transition Town wird. (Schuster wissen immer alles.) Er meinte: ‘Nix. Da gibts nix. Die werden sich in hundert Jahren nicht ändern. Die sind einfach zu dumm.’ Weil ich das nicht glaube, hab ich einen Comic gemacht: MOSCHBERG. Und darin die Geschichte von Mona und Leo.“