„Wir könnten so viel von der Natur lernen, stattdessen versuchen wir, sie zu bezwingen. Das Ergebnis: die natürliche Vielfalt zerfällt. Die Würde der Natur gehört ins Grundgesetz – jetzt.“ So Harald Lesch.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Den Satz können wir schon nicht mehr hören, denn unser – allseits weitgehend akzeptierter – ganz normaler Alltag überzieht ihn mit Spott und Hohn. Beispielsweise endet die Würde des Menschen an den Türen der meisten Pflegeheime an den meisten Tagen des Jahres. Oder an den Gefängnistüren von Julian Assange und Millionen anderer Gefangener. Aber das ist hier nicht Thema.
Der Natur Würde zuzugestehen – das ist eine starke Forderung. Man könnte auch sagen: ein starkes Stück. Denn schon den Satz zu Ende zu denken, verursacht mir existenzielle Verunsicherung. Wie geht es erst Mitmenschen, für die die Natur bestenfalls eine kostenlose oder billige Ressource ist?

Das Recht auf körperliche Unversehrheit

Heute meinte ein Freund, zur Würde gehöre das Recht auf körperliche Unversehrheit. Hm, ich schaue mal besser nach der Definition. „Unversehrt“ heißt unverletzt, heil. Irgendwie einfach und naheliegend: Gestehe ich jemandem Würde zu, dann verzichte ich darauf, ihm Schaden zuzufügen. Meinen Kindern zum Beispiel, meinen Freunden, meinen Mitmenschen. Menschenrechte und Menschenwürde scheinen eng gekoppelt zu sein.
Da bin ich noch beim Menschen. Aber: Können Tiere „Menschenrechte“ haben? Oder gar Pflanzen? Nein, das ist natürlich Unsinn. „Würde“ aber sehr wohl. Im Augenblick, da sich eine Subjekt-Subjekt-Beziehung zu einem Tier – zum Beispiel meiner Katze – oder einer Pflanze – zum Beispiel meiner Lieblingsorchidee – eingestellt hat, gehört, quasi automatisch, deren Recht auf Unversehrheit dazu. Das bezieht mich auch emotional ein, weckt mein Mitgefühl. Wenn es meiner Katze schlecht geht, dann bin ich bereit, die Tierarztkosten zu übernehmen, und wenn meine Orchidee kränkelt, dann recherchiere ich, woran das liegen könnte.

Im Objekt nehmen wir dem Subjekt seine Würde

Subjekt-Subjekt-Beziehung – vielleicht ist es tatsächlich das, womit sich „Würde“ verstehen lässt. Genauer noch: die Möglichkeit dazu. Trete ich einem Wesen auf Augenhöhe gegenüber, öffnet sich der Raum der Würde. Zu meinem Handy oder zu meinem Auto oder zu meiner Nagelschere kann ich allenfalls in der Fantasie eine Subjekt-Subjekt-Beziehung aufbauen. In Wirklichkeit bleiben sie immer Objekt. Indem mein Gegenüber aber einzigartig ist, unwiederholbar er, sie oder es selbst, gewinnt er, sie oder es die Würde, die ich meine. Das gilt nicht nur für alles Lebendige, sondern auch für manches Mineralische (oder alles?). Blicken wir auf eine schöne Landschaft, auf ihr Farbenspiel, ihre Linien und Formen, dann käme uns ein Eingriff in dieses Bild, etwa in Form einer Autobahn, einer Verletzung gleich. Zwar würden wir nicht von der Würde einer Landschaft sprechen, sondern eher von ihrer Einzigartigkeit, aber siehe da: Da taucht es wieder auf, dieses Merkmal des Besonderen, das der Würde wesensgemäß ist. Noch einfacher ist das zu verstehen, wenn wir an einen alten, knorrigen Baum denken. Zögen wir seinen Stamm gerade und machten ihn zu einem Bilderbuch-Baum, nähmen wir ihm seine Würde. Warum erreicht ein synthetischer Diamant nicht den Wert eines natürlich gewachsenen Diamanten? Weil er reproduzierbar ist, käuflich, verkäuflich, verwechsel- und auswechselbar. Eben deshalb ist uns die käufliche Liebe weniger würdevoll als die individuell erlebte, einzigartige. Verwandle ich einen Baum in ein paar Festmeter Holz, dann nehme ich ihm die Würde. Dann bereichere ich mich an seinem Reichtum. Gestehe ich der Natur keine Würde zu, stelle ich sie mit Industrieprodukten auf eine Ebene. So erscheint es mir auf einmal ganz selbstverständlich, dass Würde aller Natur zu eigen ist. Käufliche Natur ist prostituierte Natur. Entwürdigt.

Was ist Natur?

So bleibt zu klären: Was ist „Natur“? Auf den ersten Blick sind das natürlich der Elefantenfuß auf meinem Fensterbrett, die Geranien auf der Terrasse, das Gras und die Gänseblümchen im Rasen davor. Auf den zweiten Blick sind das aber auch alle unabhängig von Menschenhand entstandenen Dinge und Lebewesen dieses Planeten. Also nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch der Berg vor meiner Haustür oder der Bach unten im Tal. Der Planet selbst ist Natur und ich selbst gehöre dazu. Natur lässt sich von mir nicht trennen – und umgekehrt. Kann ich als jemand, der die Würde der Natur akzeptiert und respektiert, einen Steinbruch in einen Berg sprengen? Kann ich als Gastronom „Kalbsniere in Senfsoße“ anbieten, ohne Verantwortung für den Tod dieses Tieres zu übernehmen? Darf ich meinen „Dreck“ einfach so in die Luft blasen? Sofort ist klar: Das sind rhetorische Fragen. Natürlich kann und darf ich das alles nicht. Die „Würde der Natur“ zwingt mich, Natur als Subjekt und nicht als Objekt wahrzunehmen. Vor jedem Eingriff müsste ich sie fragen: Willst du das – und auf ihre Antwort lauschen, die in mir erklingt. Und mich fragen: Würde ich das wollen, wenn ich sie wäre? Would mother earth consent?

Mehr als eine Revolution

So erklärt sich meine anfangs geäußerte existenzielle Verunsicherung. Harald Leschs Forderung, die Würde der Natur in unsere Verfassung aufzunehmen, käme einer Revolution gleich. Aber keiner, bei der das Unterste nach oben gekehrt wird. Vielmehr wäre dazu ein radikaler Paradigmenwechsel notwendig. Bei dem der Mensch seine Rangordnung nicht obenan stellt, sondern Mitglied wird in der Reihe seiner Geschwister: Maus, Hase, Igel, Sperling, Delphin, Hai, Mücke und ja – auch Regenwurm. Eine Gleichstellung wäre notwendig, um endlich die Unterscheidung zwischen wertvollem und unwertem Leben zu beenden. Ich verwende den Begriff „unwertes Leben“ hier ganz bewusst. Denn tatsächlich hat der Nationalsozialismus mit seiner „Rassenhygiene“ eine immanente Tendenz unserer Zivilisation „nur“ konsequent zu Ende gedacht: Dass wir nämlich davon ausgehen, manches Leben dürfe von uns willkürlich beendet werden und manches nicht. Akzeptieren wir aber diesen Gedanken, manches Töten sei legitim und manches Mord, dann akzeptieren wir im selben Moment, dass wir – als Krone der Schöpfung über allem stehend – eben rücksichtlos „unsere“ Maßstäbe nach Belieben setzen. Und wenn wir dann Indianer, Zigeuner oder Tutsi als wertloses Leben einstufen, dann ist das eben so. Dann geben wir das Feuer frei. Oder die Fleischbank.

Kein „easy way out“

Die „Würde der Natur“ zwingt unseren Blick aufs Grundsätzliche. Jedes Säugetier lebt vom Leben anderer in der Nahrungskette vor ihm. Mit anderen Worten: Die Würde der Natur endet dort, wo mein Anspruch auf Überleben beginnt. Das klingt nach einem „easy way out“, ist es aber nicht, denn der „Anspruch auf Überleben“ ist nicht gleichbedeutend mit dem „Anspruch auf Genuss“ oder dem „Anspruch auf Komfort“. Töten ohne Respekt vor der Würde des Opfers ist ruchlos. Denn es ist ein offener Verstoß gegen das Heilige. Das ahnen wir und deshalb widern uns ja Schlachthöfe so an.

[Bild von Bhupendra Shrestha auf Pixabay]

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