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Nur ein echtes Ich kann zu einem echten Du finden.

„Vergiss das Wir, beginne beim Ich.“ Das klingt so befremdlich, dass man den Satz nicht ohne Widerwillen schlucken kann. Und doch könnte er so etwas wie eine neue Formel für kulturelle Transformation sein. Darf eine Aufforderung zum Ich sein, obwohl sich doch der kleinste gemeinsame Nenner der moralischen Erziehung quer durch die westliche Welt in der Mahnung ausdrückt: „Sei nicht so egoistisch.“ Schon Kleinkinder bekommen ihn zu hören, wenn sie im Sandkasten ihr Spielzeug nicht teilen wollen oder das große Brüderchen dem kleinen Schwesterchen die Schokolade wegfuttert. Das bekommt auch der Sohn des Managers zu hören, der am Monatsende 200.000 Euro einstreicht und dem Bettler am Straßenrand keinen einzigen davon gönnt. Weiterlesen

In einer bitteren Stunde habe ich folgende Änderung des Grundgesetzes vorgeschlagen:

“Der Satz ‘Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt’ möge umgeschrieben werden in ‘Die Würde des in Deutschland legal gemeldeten, weißhäutigen, gesunden, heterosexuellen, nicht vorbestraften, stabilen, wohlsituierten und arbeitstüchtigen Menschen unter 60 Jahren ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen behält sich die staatlichen Gewalt bis auf weiteres vor.’ ”

Umso mehr habe ich mich gefreut, kürzlich von Heiko Lietz folgenden Text erhalten zu haben:

Zum Tag des Grundgesetzes, am 23. Mai 2020 Friedensdom

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

wieder haben wir uns zusammengefunden, um an diesem Tag darüber nachzudenken, was es mit der Würde des Menschen auf sich hat. Es zieht sich ja wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit, dass es die Herrschenden mit der Würde des Menschen nie so genau  genommen haben, wenn es um die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen ging. Das war in der Sklavenhaltergesellschaft ähnlich wie im Feudalismus. das setzte sich fort im Kapitalismus und das ist auch im Sozialismus nicht viel anders gewesen. Deswegen stellt sich auch für uns heute die Frage, was wir dazu beitragen können, diese unzureichenden Verhältnisse zum Besseren zu wenden.

Es ist deswegen gut und wichtig, dass wir uns aus Anlass dieses Tages wieder einmal darauf besinnen, was unsere Gesellschaft eigentlich im Innersten zusammenhält. Entstanden ist dieses Grundgesetz aus den bitteren Erfahrungen der schlimmsten, menschenverachtenden Jahre deutscher Geschichte, der Nazidiktatur. In diesen Jahren wurde die Würde der Menschen nicht nur angetastet. Sie wurde verletzt, mit Füßen getreten, stranguliert, wurde für vogelfrei erklärt.  Juden, Sinti und Roma und viel andere wurden vergast, Systemgegner jeder politischen und religiösen Richtung wurden inhaftiert, gefoltert und hingerichtet. Als die Nazis dieses menschenverachtende Regime durch einen mörderischen Krieg über die ganze Welt ausbreiteten, verhinderten dies die Alliierten unter ungeheurem Blutvergießen. 1945 stand die Welt vor einem Scherbenhaufen. Um diesem ungeheuren Ausbruch von Brutalität und Menschenverachtung einen Riegel vorzuschieben, gründeten sie die Vereinten Nationen. Zum obersten Leitmotiv wurde in ihrer Charta die Würde des Menschen. Damit diese aber nicht zu abstrakt bleibt, entfalteten sie diese in überschaubaren Kriterien und verabschiedeten 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Als sich die Bundesrepublik Deutschland 1949 gründete, machte sie diese grundlegenden Einsichten zur Basis des Grundgesetzes.

Folgender Satz wurde zum nicht verhandelbaren Fundament, zum ewigen Bestandteil für das friedliche Zusammenleben aller Menschen in Deutschland:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Es sind jetzt schon 71 Jahre her, seit dieser Artikel zur alleinigen Richtschnur deutscher Politik gemacht wurde. Leider wurden aber nicht alle Menschenrechte als einklagbare Grundrechte in diesem Grundgesetz verankert. Die sozialen wirtschaftlichen und kulturellen Menschenrechte blieben draußen vor, z.B. das Recht auf Arbeit, auf soziale Sicherheit oder das Recht auf Bildung.

Als sich unser Land Mecklenburg-Vorpommern 1994 eine eigene Verfassung gab, stand ebenfalls die Würde des Menschen im Mittelpunkt.

Dort heißt es im Artikel 5: Das Land Mecklenburg-Vorpommern ist um des Menschen willen da; es hat die Würde aller in diesem Land lebenden oder sich hier aufhaltenden Menschen zu achten und zu schützen.

Alle, d. h. nicht nur die deutschen Staatsbürger, sondern genauso auch die Flüchtlinge, Asylantragsteller, Durchreisende und alle, die sich, aus welchen Gründen auch immer, hier bei uns aufhalten. Das ALLLE Menschen damit eingeschlossen sind, ist mir als einer, der diese Verfassung als Mitglied der Kommission mitgeschrieben hat, besonders wichtig gewesen.

Es war aber schon ein Fortschritt gegenüber dem Grundgesetz, dass die sozialen wirtschaftlichen und kulturellen Menschenrechte wenigstens als Staatzielbestimmungen aufgenommen wurden. Aber einklagbar wurden sie deswegen auch nicht.

So besteht die heutige Aufgabe auch weiterhin, sich entschieden für ihre Einklagbarkeit einzusetzen.

Das gilt umso mehr, weil sich in unserem Land schon wieder mehr und mehr Menschen gibt, die diese unveräußerlichen Rechte kappen wollen. Sie verbreiten die Parolen “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus” auf Straßen und Plätzen, in ihren Zeitungen und in sozialen Medien. Sie stecken Flüchtlingsheime an und schrecken inzwischen auch nicht mehr vor Mord und Totschlag zurück. Sie haben sich inzwischen auch in einer Partei eingenistet, um für eine Alternative zu kämpfen, in der die Würde JEDES Menschen nicht mehr gilt. Sie knüpfen dabei in ihrem Reden und Tun immer erkennbarer an Gedanken der Nazis an.  Der Schoß ist schon wieder sehr fruchtbar geworden, aus dem dies aller kriecht. Es ist deswegen höchste Zeit, dass wir uns noch vernehmbarer für diesen Artikel im Grundgesetz und unserer Verfassung einsetzen.

Aber mit der Corona-Epidemie steht dieser Kampf um die Grundrechte wieder ganz neu im Mittelpunkt. Immer wieder haben sich in den letzten Wochen Menschen auf Kundgebungen zusammengetan, um dafür zu kämpfen, dass das Grundgesetz mit seinen Grundrechten nicht auf der Strecke bleibt. Sie fühlen sich ihrer persönlichen Freiheitsrechte beraubt und meinen allen Ernstes, dass wir uns bereits in einer Gesundheitsdiktatur befinden. Auf diesen Kundgebungen haben sich inzwischen aber auch Menschen eingefunden, die das gesamte gesellschaftspolitische System aushebeln wollen. Dazu gehören Neonazis genauso wie Verschwörungstheoretiker.

Ist das wirklich so? Werden die Grundrechte wirklich außer Kraft gesetzt, wenn es darum geht, das Leben vieler Menschen vor dem Tod durch das Virus zu bewahren? Ist es nicht die Pflicht eines Staates, in dieser sehr schwierigen Situation eine Güterabwägung zu treffen? Das ist bei uns in Deutschland auch bei vielen Mängeln im Vergleich zu anderen Staaten wirklich recht gut gelungen. Wer das zu leugnen versucht, handelt unverantwortlich und verdreht die Tatsachen.

Aber wie müssten wir mit denen umgehen, die sich davon nicht überzeugen lassen wollen?

Gut wäre es, wenn wir alle miteinander in ein ehrliches Gespräch kommen könnten, wo wir unsere Meinungen und Ansichten miteinander austauschen, um in diesen Gesprächen gute Antworten auf die enormen Einschränkungen des gesamten gesellschaftlichen Lebens zu finden. Das ist sicher eine außerordentliche Herausforderung, denn keiner von uns ist im Besitz der Wahrheit und weiß schon im Vornherein, was richtig und was falsch ist, was der Würde des Menschen dienlicher ist oder was sie erneut gefährdet. Deswegen ist es umso wichtiger, gerade heute offen miteinander zu reden und gemeinsam gute Lösungen zu finden, damit die Würde des Menschen auch in dieser schwierigen Situation nicht angetastet wird.

 

 

“Ich liebe Kinder. Es gibt kaum etwas Schöneres, als von einem Kind angelacht zu werden und dabei in seine Augen zu schauen, die verzaubern. Der fröhliche Gesichtsausdruck, sobald Kinder sich wohl fühlen, erinnert mich jedes Mal aufs Neue daran, mit welch wunderbarer Natur wir Menschen ausgestattet sind.
Kinder und Jugendliche sollten „der Spiegel“ einer aufrichtigen, menschlichen Gemeinschaft sein. Damit sie genau dazu heranwachsen, brauchen sie wahrhaftige Vorbilder, die ihnen jeden Tag aufs Neue wahre Menschlichkeit vorleben.
Kinder bedeuten Hoffnung und Leben!
Durch sie haben wir die Chance, Wahrheit als wichtigen Inhalt des Daseins zu begreifen. Dieses besondere Gut müssen wir den Kindern lassen, sodass sie mit zunehmender Reife die Wahrheit in die Welt hinaustragen – im Sinne einer gerechten und deutlich menschlicheren Zukunft.”

Aus dem Buch “Zukunft braucht Courage” von Michael Johanni

von Michael Johanni

Vielerorts besteht in Menschen Verwirrung.
Sich wiederholende Gedanken lassen uns an der Menschheit,
auch an uns selbst zweifeln.

Wem kann ich noch glauben?
Alles dreht sich doch nur ums Geld.
Wo gibt es noch Menschlichkeit?
Was wird in der Zukunft auf mich zukommen? Weiterlesen

Folgenden Text schrieb mir Silke Soares David als Geburtstagsgeschenk. Was für eine originelle Idee!

Es gibt heute eine Wandelbewegung, es gibt die Pioniere des Wandels, Wandel-Lokale, doch was ist mit diesem „Wandel“ eigentlich gemeint?

Auch der Schwächste wird gesehen und gehört

Ich glaube, jeder versteht darunter etwas anderes. Ich möchte hier einmal deutlich machen, was ich darunter verstehe. Ich verstehe unter Wandel, dass sich etwas wandelt. Dass wir nicht so bleiben wie wir sind. Und das vor allen Dingen in der Begegnung mit anderen. Dass sich durch die Begegnung mit anderen irgendwas in uns verändert, manche sagen transformiert. Wandel kann dabei in vielfältiger Hinsicht geschehen. Er kann alle Bereiche betreffen. Er ist eigentlich grundlegend. So ist es für mich ein Zeichen des Wandels, wenn sich nicht mehr derjenige durchsetzt, der am lautesten schreien oder sich am besten durchsetzen kann, sondern dass alle gehört werden. Alle bis ins kleinste Glied hinein und bis zum Schwächsten hin. Und dass gerade der Schwächste unter allen Weiterlesen

„Wir könnten so viel von der Natur lernen, stattdessen versuchen wir, sie zu bezwingen. Das Ergebnis: die natürliche Vielfalt zerfällt. Die Würde der Natur gehört ins Grundgesetz – jetzt.“ So Harald Lesch.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Den Satz können wir schon nicht mehr hören, denn unser – allseits weitgehend akzeptierter – ganz normaler Alltag überzieht ihn mit Spott und Hohn. Beispielsweise endet die Würde des Menschen an den Türen der meisten Pflegeheime an den meisten Tagen des Jahres. Oder an den Gefängnistüren von Julian Assange und Millionen anderer Gefangener. Aber das ist hier nicht Thema.
Der Natur Würde zuzugestehen – das ist eine starke Forderung. Man könnte auch sagen: ein starkes Stück. Denn schon den Satz zu Ende zu denken, verursacht mir existenzielle Verunsicherung. Wie geht es erst Mitmenschen, für die die Natur bestenfalls eine kostenlose oder billige Ressource ist? Weiterlesen

Verschwörungstheorien und Menschenwürde stehen in einem inneren Widerspruch, leben sie doch meist von der verallgemeindernden Verunglimpfung und Trennung der Menschen: Dort sind die Bösen, hier, in unserem Lager die Guten. Leider erweist sich nicht jede Verschwörungstheorie als falsch. Dass sich etwa die Aussage bewahrheiten könnte, der Kriegsanlass für den US-Angriffs auf den Irak sei erstunken und erlogen, hatte eine kurze Weile kaum jemand für möglich gehalten. Und als Verschwörungstheorie abgetan. Heute wissen wir es besser. Besser wissen wir inzwischen aber auch, dass die wirkmächtigste und tödlichste aller Verschwörungstheorien eine infame und gezielt in die Welt gesetzte Lüge war: die Mär von der jüdischen Weltverschwörung.

Wer es mit ihren Verfechtern zu tun hat, der erhält aus folgendem Buch des Berliner Antisemitismusforschers Prof. Wolfgang Benz alle nötigen Gegenargumente: “Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung.”

Das schreibt Peter Zettel (dessen Blog ich sehr schätze). Auch bei ökoligenta spielt das Thema Würde eine große, wenn nicht gar die entscheidende Rolle. Warum? Weil Würde, wenn es sie denn überhaupt gibt, ein innewohnender Wert des Lebens ist. Er verbietet – jedenfalls in meiner Betrachtung – eine Skalierung. Man, etwas, kann nur Würde haben oder eben nicht. Inwieweit ein Kieselstein Würde innewohnt, kann ich nicht beurteilen. Darüber zu diskutieren wäre mal einen Abend wert. Auf jeden Fall aber wohnt allen Pflanzen und Tieren Würde inne. Weshalb wir uns ja auch mit dem Töten schwertun (jedenfalls könnte das ein Grund sein). Das wir beim Thema Würde bei uns selbst anfangen, wird spätestens dann klar, wenn wir uns überlegen, wo die Tötungshemmung am größten ist. Nach den Menschen sind das vor allem Tiere, die uns relativ ähnlich sind. Und je unähnlicher – Insekten zum Beispiel – desto schwerer fällt es uns. Nicht umsonst geht einem Massenmord in der Regel voraus, dass man den zu Ermordenden zunächst ihre Würde nimmt, etwa indem man ihnen tierisches Verhalten vorwirft.

Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht’s zu Peter Zettels Würdebeitrag.

Siehe dazu auch folgenden Satire-Beitrag.

… ist antastbar. So erscheint es mir beinahe täglich. Man stelle sich vor, es gäbe ein Gesetz, das vor allen anderen Gesetzen dieses bestimmte: nämlich “Grundlage JEDER politischen, ökonomischen und juristischen Entscheidung ist die Würde des Menschen”. Aber Träume beiseite: Unser Grundgesetz spiegelt definitiv nicht unsere Verfassungswirklichkeit wieder. Deshalb schlage ich vor, den Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz umzuschreiben und dazu folgende Petition im Bundestag einzubringen:

Der Satz “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt” möge umgeschrieben werden in “Die Würde des in Deutschland legal gemeldeten, weißhäutigen, gesunden, heterosexuellen, nicht vorbestraften, stabilen, wohlsituierten und arbeitstüchtigen Menschen unter 60 Jahren ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen behält sich die staatlichen Gewalt bis auf weiteres vor.”