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von Bobby Langer

Zufriedene Menschen haben keinen guten Ruf. Sie gelten bestenfalls als naiv, schlimmstenfalls als dumm. Zufrieden sind Tiere in Käfighaltung, die es nicht besser wissen, zufrieden sind aber auch freilebende Tiere in einer relativ unbedrohten Natur. Zufrieden sind Geisteskranke und Säuglinge an der Mutterbrust.

Eine schauerliche Beschreibung von Zufriedenheit liefert Wikipedia: „Die Zufriedenheit tritt im Leben nicht automatisch ein, sondern sie muss sich in der ständigen Auseinandersetzung mit der Unzufriedenheit behaupten.“ Mit anderen Worten: Es gibt keine grundsätzlich zufriedenen Menschen (es sei denn die Unzurechnungsfähigen). Unzufriedenheit ist also der vorherrschende Seinszustand.

Ist Zufriedenheit weiblich?

Tatsächlich habe ich schon eine Reihe zufriedener Menschen kennengelernt: meine Großmutter zum Beispiel, die aus Schlesien vertrieben war und doch in eine geradezu provokative Zufriedenheit fand; zwei alte österreichische Sennerinnen, die sich von einem 14-Stunden-Arbeitstag nicht aus der Ruhe bringen ließen; eine junge Mutter, obwohl der Erzeuger sich weigerte, die Vaterrolle zu übernehmen; ein schottischer Landwirt, der seine Heimat nie verlassen hatte und mit 16 Arbeitsstunden einverstanden war – am Sonntag genehmigte er sich zwei, drei Stunden weniger. Würde ich mir das Gedächtnis ein wenig mehr zermartern, fände ich sicherlich einige zufriedene Menschen mehr. Auffällig an meiner zufälligen Zusammenstellung ist die weibliche Häufung.

Zufriedenheit, nicht Befriedigung

Eins sei grundsätzlich angemerkt: Zufriedenheit darf nicht verwechselt werden mit Befriedigung. Nun geht es mir hier gar nicht um eine genauere Betrachtung der Zufriedenheit, sondern mehr um die Konsequenzen von Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit. Der Frieden bildet nicht umsonst den Kern des Wortes Zufriedenheit. Frieden ist keine kurzfristige Situation, sondern ein anhaltender Zustand. Zufriedene Menschen sind tendenziell friedliche Menschen. Sie lieben fröhliche oder auch stille Geselligkeit, den Kreis der Familie oder von Freunden. Konflikte hingegen meiden zufriedene Menschen tunlichst; lieber beschäftigen sie sich damit, den Zustand ihrer inneren Ruhe auszugestalten und das vorhandene Gute zu ergänzen und auszubauen. Streitlustigen gehen sie aus dem Weg oder sie wenden sich von ihnen ab.

Das Bewusstsein der Lücke

Streit ist dem Zufriedenen ein fremder und befremdlicher Zustand. Wird der Zufriedene zum Streit gezwungen, dann kann er zwar hart kämpfen, aber er kämpft nicht um Sieg, sondern um die Wiederherstellung der Zufriedenheit. Man könnte geradezu sagen: Im Kampf zwischen bedrohten Zufriedenen und bedrohenden Unzufriedenen kämpfen beide Parteien aneinander vorbei. Weil der Unzufriedene sich Zufriedenheit wünscht, jagt er ihr hinterher und versucht, sie zu erzwingen. Der mentale Grundzustand des Unzufriedenen ist das Bewusstsein einer unerklärlichen Lücke, die er ständig zu füllen versucht. Dem Zufriedenen ist dieser mentale Grundzustand fremd.

Bedeutungsfelder

Über Zufriedenheit und ihr Gegenteil habe ich bisher nur auf der individuellen Ebene gesprochen. Übergangsweise kann man sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn eine ganze Gruppe von Zufriedenen zusammenlebt. Dabei entstehen Bedeutungsfelder wie Beistand, Glück, Harmonie, Heimat, Vertrauen und Frieden, allesamt mit dem Verdacht kritikloser Naivität belastet. Andererseits kann man sich die Folgen ausmalen, wenn eine Gruppe von Unzufriedenen zusammenkommt. Dabei werden Streit entstehen, Auseinandersetzung, Dominanz, Hierarchie, Gewalt und Krieg.

Brutstätte der Unzufriedenheit

Eine Steigerungsform einer solchen dissonanten Situation entsteht, wenn man die Unzufriedenheit zur Grundlage einer Gesellschaftsordnung macht; und wenn sich diese Gesellschaftsordnung einer Wirtschaftsordnung unterwirft, in der es kein Genug gibt, sondern es immer mehr und besser und größer und bequemer werden muss. Die vom kapitalistischen Wirtschaftssystem gezauberte Konsumgesellschaft ist eine Brutstätte der Unzufriedenheit sowie Entfremdung und damit latent gewalttätig. Der Strom der immer neu geweckten Wünsche treibt das Konsumrad an, das so lange in Schwung bleibt, solange es nur zu einer kurzfristigen Befriedigung kommt und keine dauerhafte Zufriedenheit entsteht.

Reizorientiert, fremdbestimmt und krank

Der Drang nach immer mehr erzeugt eine permanente Unzufriedenheit, seelisches Leid und eine Grundstimmung der Friedlosigkeit, wenn nicht der Gewalt bzw. Gewaltbereitschaft. So zurechtgetrimmte Menschen leben reizorientiert und ohne inneres Fundament, sind auf eine geradezu lustvolle Art und Weise fremdgesteuert und deshalb leicht zu (ver)führen. Da dieser „konsumistische Formungsprozess“ in immer jüngeren Jahren beginnt und in seinen Konsequenzen nur von wenigen Eltern durchschaut wird, setzt auch die Anspruchshaltung gegenüber den Lebensumständen immer früher ein. Unzufriedenheit stellt sich schon in der Grundschule ein, wenn nicht bereits im Kindergarten. Einher gehen damit entgleisende kindliche Seelen und gestörte Familien und Beziehungen.

von Peter Zettel

Wir sehen die Fragmentierung in der Welt und suchen, sie zu überwinden. Durch mehr Menschlichkeit, einen anderen Umgang miteinander, humanitäres Verhalten. Doch es wird uns wohl kaum wirklich gelingen, dadurch die Fragmentierung im Denken der Menschen zu überwinden.

Solange wir nach dem Licht streben und der Dunkelheit in uns selbst zu begegnen scheuen, solange werden wir nicht erkennen können, worum es in Wirklichkeit geht. Denn es ist nicht wie in einem Zimmer, wo ich nur das Licht anzumachen brauche, um die Dunkelheit zu vertreiben. Weiterlesen

Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen

Rezension von Bobby Langer

Worum geht es eigentlich? Ich spreche weder von Corona, noch vom Ukrainekrieg, noch von der Klimakrise. Ja, kann man von etwas anderem sprechen? Gibt es etwas Wichtigeres? Ja, nämlich die Ursache für Corona, für den Krieg und die Klimakrise. Wenn es so eine Ursache gäbe, wäre sie es nicht wert, beseitigt zu werden? Prio eins sozusagen? Genau darum geht es in Fabian Scheidlers Buch „Der Stoff, aus dem wir sind“.

Es geht buchstäblich um das „alles oder nichts“. Es geht um „die Ursprünge jener Illusion der Trennung, die tief in der westlichen Zivilisation verankert ist“, es geht um „Auswege aus der gegenwärtigen zivilisatorischen Sackgasse“. Und weil Scheidler durch und durch Journalist ist, kann man dieses Buch auch lesen, ohne Sekundärliteratur zu studieren oder nach fünf Seiten einzuschlafen. Das liest sich dann zum Beispiel so: „Wenn ich einen Apfel esse, dann verwandelt mein Stoffwechsel ihn nicht nur in neues Leber- und Hautgewebe, sondern auch in Gedanken, Träume und Empfindungen. Der Apfel verbrennt zu Geist, zu Gefühl. Was ist das für eine seltsame Substanz, die zugleich Stoff und Nichtstoff, Innen- und Außenwelt, tot und lebendig ist?“ Weiterlesen

Menschen, die es wagen, gegen den Widerstand des griechischen Staates die Insel Samos zu betreten, müssen mit mehrjährigen Gefängnisstrafen rechnen – sofern sie freundlicherweise nicht zuvor im Meer ertrunken sind. Was zunächst wie der legitim hoheitliche Akt eines europäischen Staates anmutet, erweist sich bei näherer Betrachtung als Veitstanz der Gerechtigkeit.

Kann die Überschreitung einer Grenze Unrecht sein? Wird mit solcherlei Gesetzen nicht die Willkür zum Maß der Justiz und die Dummheit ihr Lehrer? Macht die juristische Strafbewehrung im Fall der Übertretung einer abstrakten Linie namens Grenze nicht Justitia zur beliebigen Hure eines jeden Möchtegern-Potentaten, auch wenn er sich „demokratischer Politiker“ oder Nationalstaat nennt? Haben Nationalstaaten ein Anrecht auf Beliebigkeit und Willkür?

Warum die Empörung?

Nun, nehmen wir an, ich wohnte im unterfränkischen Waldbüttelbrunn und wollte die von Julius Echter von Mespelbrunn erbaute gotische Kirche von Gaubüttelbrunn besuchen, so könnte ich die rund 19 Kilometer in, sagen wir einmal, vier Stunden gut bewältigen. Ich durchquerte Eisingen und Kleinrinderfeld und wanderte schließlich, Kirchheim hinter mir lassend, fröhlich singend meinem Ziel entgegen. Doch kurz vor Gaubüttelbrunn versperrt mir ein Schlagbaum den Weg, und auf meine Frage, warum ich nicht weitergehen könne, bescheidet mich ein Uniformierter, hier beginne das Hoheitsgebiet des neuen Warlords von Lauda-Königshofen, das ich nur gegen Vorzeigen eines Visums betreten dürfe.

Mein kurz aufflammender Zorn sinkt angesichts einer drohend auf meine Brust gerichteten Maschinenpistolenmündung in sich zusammen. Ich entschuldige mich untertänigst, freue mich, überlebt zu haben, und mache mich auf den Rückweg, um am Folgetag meinen Visumsantrag im Rathaus von Waldbüttelbrunn zu stellen. Dort erfahre ich, dass ich gegen vorherige Bereitstellung von 10.000 Euro innerhalb von zwei Monaten ein solches Dokument mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg erwerben könne. Ich entschließe mich, dem Warlord von Lauda-Königshofen meine Reverenz nicht zu erweisen und eine weniger bewehrte Kirche zu besichtigen.

Oh Gesetz, du schlotterichte Königin! Verstehen Sie mich? Wären Sie nicht empört an meiner Stelle? Oder sollten es wenigstens sein!

Wurden solche Grenzlinien nicht allesamt (oder doch beinahe alle) in Gewaltprozessen ausgehandelt? Sind sie nicht letzten Endes allesamt (oder doch beinahe alle) die Ergebnisse von Willkür in juristischem Gewand, also letztlich von einer einstigen Rechtsbeugung, die durch Gewaltprozesse Legitimität erhielt? Ja, sind Grenzen wie die erdachte zwischen Kirchheim und Gaubüttelbrunn oder die ebenfalls nur erdachte, aber existierende zwischen der offenen See der Ägäis und der Insel Samos nicht allesamt Beweisstücke real existierenden Unrechts?

Und richtig gefolgert: Gilt dies nicht letztlich für alle nationalstaatlichen Grenzen Europas und der Welt? Sie unterscheiden sich durch nichts von den Grenzen eines von einem Vierjährigen eifersüchtig bewachten Sandkastens im Garten seiner Eltern – außer durch die Machtmöglichkeiten ihrer Verteidigung. Aber schafft meine Möglichkeit, Sie zu erschießen, weil Sie in meinem Sandkasten spielen möchten, bereits Unrecht auf Ihrer Seite und auf der meinen Recht? Legitimität gar? Von Seriosität einmal ganz zu schweigen?

Verschärft muss meine Frage also lauten: Nicht kann, sondern darf die Überschreitung einer Grenze in einem Rechtsstaat, der dieses Namens würdig ist, jemals Unrecht sein? Oder anders herum: Ist die Würde des Menschen durch nationalstaatliche Grenzen eben doch antastbar?

Siehe dazu: The real crime is the border regime sowie https://freethesamostwo.com.

Manchmal verhilft das Alter zu Ansichten, die man in jüngeren Jahren gar nicht gewinnen könnte, zum Beispiel beim Pinkeln. Und von da zum Leben im Allgemeinen.

Pippi kommt bei Buben und Männern aus dem Penis. So weit, so klar. Das trifft auch auf Sperma zu. Wenn sich der Penis auf die Suche nach einer Frau macht, kommt häufig dabei Liebe hinten raus. Oder käufliche Liebe, je nachdem. Aber nur das, was gratis ist, ist wirklich etwas wert, genauer: das, was einem das Leben schenkt. Vielleicht werden deshalb ja Luft und Liebe oft in einem Atemzug genannt. Wobei ich mir bei der Luft schon nicht mehr sicher bin. Eines Tages werden wir auch dafür bezahlen müssen. Weiterlesen

Was hört sich harmloser an als das Wörtchen „Natur“? Das ist doch das, worin wir spazieren gehen, wonach wir uns sehnen, nachdem wir acht Stunden in den Bildschirm gestarrt oder unsere Lebenszeit anderweitig verkauft haben. Natur ist aber auch das, wo Kinder wieder zu sich kommen und Liebespaare eine eigenartige Innigkeit empfinden, die sie in den eigenen vier Wänden nicht so richtig anfliegt.

Um „Natur“ soll es hier also gehen. Bei anderen Begriffen ahnen wir sofort, dass eine nähere Beschäftigung mit ihnen heikel wird: „Mann“ zum Beispiel oder, noch gefährlicher, „Frau“. Noch ehe man sich gedanklich diesen Begriffen genähert hat, bricht schon die Gender-Debatte los. Also nichts wie weg und raus in die Natur.

Raus in die Natur – geht das?

Aha. Da haben wir – leider – gleich das Problem: „raus in die Natur“. Automatisch schwingt hier der Gedanke mit, wir selbst seien keine Natur; die sei eben „um uns“. Manche LeserInnen wird es bei dieser Vorstellung frösteln, die meisten aber noch nicht. An letztere wende ich mich eher denn an erstere.

Was bedeutet es, wenn ich mich nicht als Natur empfinde? Zur Verdeutlichung wähle ich ein anderes Beispiel: Wenn ich mich als Mann empfinde, dann bin ich keine Frau. Und wenn ich mich als Dackel empfinde, dann steht der Einweisung in die Psychiatrie nur mehr wenig im Weg. Also: Wenn ich mich nicht als Natur empfinde, dann bin ich auch keine. Aber was, bitteschön, bin ich dann? Die Antwort liegt nahe: Ich bin ein „Mensch“. Du, liebe Leserin, bist, wie ich, ein Mensch. Beide sind wir weder Lastkraftwagen noch Wellensittich. Wir sind Menschen. Aber keine Natur. Nach der sehnen wir uns, in der machen wir Picknick oder Liebe oder stellen unser Auto auf den Wanderparkplatz.

Bäume sind nicht von unserem Blut

Vielleicht findest du meine Fragestellung ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Du könntest entgegnen, Ausdrücke wie „raus in die Natur“ sage man eben so, sie seien aber nicht so gemeint. Nur stimmt das leider nicht. Richtig ist, dass wir solche Ausdrücke meist gedankenlos hersagen, sie „rutschen uns quasi raus“. Schon bewusster, vielleicht sogar stolz, sagen wir, dass wir die Natur schützen wollen oder müssen. Auch in diesem Fall ist die Natur „draußen“, jenseits von uns. Und wir wollen sie keineswegs in einem Gefühl existenzieller Notwendigkeit schützen, wie wir uns selbst vor Angriffen schützen würden, sondern wir möchten sie bewahren. Im einfachsten Falle tut uns ein Baum leid, der gefällt, oder eine Hecke, die abgeholzt werden soll. Als Regenwaldschützerinnen engagieren wir uns, weil wir verstanden haben, dass Regenwälder eine wichtige Funktion im Klimageschehen spielen. In beiden Fällen fühlen wir uns in der Regel in unseren Wurzeln nicht bedroht. Unsere Kinder würden wir mit weitaus größerer Vehemenz verteidigen als Bäume. Schließlich sind sie Blut von unserem Blut (was auch immer das bedeuten mag – aber das wäre ein anderes Thema), die Bäume sind nicht von unserem Blut, auch nicht die Versuchstiere oder die Hühner in ihren Käfigen. Wir können mit unvermindertem Vergnügen eine Bratwurst essen und gleichzeitig an das Schwein denken, das dafür sein Leben lassen musste. Und warum fällt uns das so leicht? Weil wir uns dem Schwein nicht nahe fühlen. Es gehört zu der Natur „da draußen“.

Ausbeutung – unser gutes Recht?

Aber war das nicht schon immer so? Nein, war es nicht. Ethnologen berichten von indigenen Völkern, die ihre Schuld, die sie bei Jagdzügen durch vielfaches Töten auf sich nahmen, durch Rituale neutralisieren wollten. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Sondern um die Tatsache, dass „Natur“ für uns „draußen“ sein muss, damit wir sie als Ressource betrachten können. So wie ein Berg vielleicht Silber enthält und es darauf ankommt, die Schürfrechte zu bekommen, damit man die Ressource Silber gewinnen kann, so sind uns Wälder Holzressourcen, die Äcker Weizen- oder Kartoffelressourcen, die Flüsse und Meere Fischressourcen und Haustiere Fleischressourcen. Die Natur kann und darf ausgebeutet werden. Dazu ist sie da, finden wir (meist). Die Ausbeutung, der Massenmord an Leben braucht uns nicht zu tangieren, wir gehören ja nicht dazu. Und selbst als Erholungsraum ist uns die Natur noch eine Ressource.

Doch indem wir uns nicht als Teil der Natur betrachten, die Natur nach außen verlagern, stellen wir ein uraltes, natürliches Machtverhältnis auf den Kopf. Solange wir nämlich Teil der Natur waren, waren wir ihr preisgegeben. Wir mussten uns nach ihren Rhythmen richten, mussten uns ihrem Willen und ihren Launen fügen. Sie war die Macht, die wir mit Gebeten und Ritualen gnädig zu stimmen versuchten – bis wir lernten, sie uns gefügig zu machen. Wir lenkten Flüsse um, verschoben Berge und verwandelten Büffel in Ochsen. All dies in der Meinung, wir seien kein Teil der Natur und seien deshalb dem Unheil, das wir in ihr anrichten, nicht ausgesetzt. Nein, Natur ist kein harmloser Begriff. Egal, ob wir ihn auf ausbeuterische oder romantische Art verwenden, nur selten entkommen wir dem essentiellen Irrtum, wir könnten über „die Natur“ nach Gutdünken verfügen, sie beherrschen; ein Irrtum, der uns in absehbarer Zeit vermutlich Jahrtausende kultureller Entwicklung kosten wird. Denn, so alt und banal der Vergleich ist, er stimmt: Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Der Bumerang der Entfremdung, den wir geworfen haben, kehrt mit Macht zurück.

We take resources from the commons (the earth, water, soil, air, life, plant and animal people), we build things with and from them and then sell them, making money with the money we make from selling what is not ours in the first place, destroy our and other lifeforms’ habitats while doing so in a ruleset of a deeply flawed capitalist system that directs the flow of privilege and status and individual property always to the ones that have more than enough, literally destroying life on the planet trans-forming it into virtual non-matter “money” on virtual non-matter “bank accounts”. Kaa Faensen (fraendi.org/2020/07/05/a-capacity-for-desirable-futures)

Foto: Alexas_Fotos auf Pixabay

Ach, was wir alles haben möchten. Die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Wahrheit, das Rechthaben, die Sicherheit, die Zuwendung, das Verzeihen, den Respekt, die Liebe … Geben wir das alles auch?

Nichts ist sicher. Wirklich nichts. Insbesondere jene Menschen, die das „panta rhei“ (alles fließt) gelegentlich effekthalber ins Gespräch streuen, hüten sich vor dieser Erkenntnis wie die Maus vor der Eule.

Sicher fühlt sich ein geliebtes Kind in den Armen seiner Eltern. Es weiß nichts von der Bedrohung, die seine Eltern erleben, nichts von Gewalt, Krankheit und Not. Schon diese kindliche Sicherheit ist eine Illusion, allerdings eine, die wir um alles in der Welt für unsere Kinder aufrechterhalten müssen. Sie ist die Grundlage ihrer inneren Sicherheit. Gelingt sie uns nicht, sind unsere Kinder verloren.

Das Gefühl der sicheren Aufgehobenseins wandelt sich in der Pubertät in das Gefühl, das auf einen zukommende Leben sicher in den Griff zu bekommen. Irgendwie. Diese nächste Illusion wird ergänzt um die Sicherheit, seine große Liebe gefunden zu haben. Auch sie wird sich abnützen wie Schmirgelpapier. So gut wie immer. Leider.

Als Erwachsener suchen wir Sicherheit in Strukturen, in Karriere und Partnerschaft, in Positionen, Funktionen sowie und politischen und weltanschaulichen Gewissheiten. Bis uns die letzte, die zuverlässige Sicherheit erkennbar wird: unser Sterben, das längst begonnen hat, unser Tod.

Erst wenn wir unsere Schönheit und Kraft, unsere Liebe und unsere Würde in die Opferschale legen und diesem dunklen Gott zu Füßen, werden wir in die Sicherheit finden, die wir von unserem ersten Atemzug an so sehr gesucht haben; die unwiederbringliche Sicherheit des Mutterleibs. Sollten wir also von Mutter Tod sprechen? Für mich ein faszinierender Gedanke. Eingehüllt in die Wolke des Nichtwissens davonzuschweben, von allen Sicherheiten entbunden, die ja jede für sich doch immer wechselhaften, endlichen Bedingungen unterliegen.

Ein glückliches Kind wagt sich in die Welt, weil es um seinen sicheren Zufluchtsort weiß. Erst, wenn wir endgültig abgenabelt sind und einen solchen Zufluchtsort in uns selbst erlebt und verortet haben, wagen wir uns in die wilde, freie Welt, in wilde, freie Gedanken und Ideen und wilde, freie Beziehungen. Erst dann brauchen wir keinen Deal mehr mit dem Leben, dann sind wir keine Lebensbank mehr, die von ihren Klienten Sicherheiten einfordert, sondern können frei geben und annehmen, verschenken und uns beschenken lassen. Dann werden wir zu Wassertropfen im ewigen Kreislauf des panta rhei, sind Individuum und Teil des nun nicht mehr bestimmbaren Ganzen. Dann, endlich, sind wir frei für einander.

Von Maria Schöller

„Corona“ spaltet die Gesellschaft. Es bilden sich „Corona-Lager“, die ihre jeweiligen Positionen mit Zähnen und Klauen verteidigen. Diese Spaltung macht mir Angst.

Vor wenigen Tagen habe ich zum Austausch darüber eingeladen, in einem Format, welches das Zuhören, das Hinspüren und das Aushalten unterschiedlicher Meinungen und unserer Reaktionen darauf in den Mittelpunkt stellt.

Unter den anwesenden Menschen waren unterschiedliche Standpunkte vertreten – oftmals mehrere innerhalb einer Person. So entschieden wir uns dafür, die Standpunkte zu benennen und ihnen unabhängig voneinander unsere Stimme zu leihen. Was ist mir aus dieser Position heraus wichtig?

Da standen nun also unterschiedliche Einstellungen nebeneinander – so ziemlich gleichwertig! Ich habe sie im Nachhinein ergänzt und teilweise umbenannt, in:

  • Gesundheit und Verantwortung (Alle müssen Verantwortung für die Eindämmung des – für manche Menschen und unser Gesundheitssystem ernsthaft bedrohlichen – Virus übernehmen.)
  • Bevormundet (Ich bin aufgebracht über den Eingriff der Regierungen und Behörden in mein persönliches Leben!)
  • Verarscht (Was geht – im Hintergrund – wirklich vor sich?)
  • Lebendig leben! (Nur der Tod ist sicher. Ich will so richtig leben!)
  • Mitschwimmend (Ich mache für mich das Beste daraus; möchte möglichst unbeeinträchtigt leben, ohne Probleme zu bekommen.)

Wie kann es sein, dass sich all diese Positionen irgendwie richtig und irgendwie unvollständig anfühlen? Bedrohliche Angst hier, ein zusammenkrampfendes Herz da. Ein mulmiges Gefühl dort drüben. Was ist denn nun „richtig“??

Diese Situation kenne ich aus meinem Leben: dass mehrere Standpunkte, die sich scheinbar widersprechen, gleichzeitig wahr sind. Dass es in mehreren Bereichen meines Lebens gleichzeitig knirscht und ich nicht verstehe, warum. Und immer wieder zeigt sich: Wenn dies der Fall ist, liegt die Lösung des Problems auf einer anderen Ebene. Die Sichtweise eines sehr geschätzten Menschen taucht in mir auf:

Das Virus ist eine Art des Lebens, sich selbst zu regulieren und zu entfalten.

Ich spüre in mich hinein und merke ein feines „Einrasten“. Mein System sagt „JA!“ Ja, auf dieser Ebene passen all die Positionen zusammen: Das Virus und die globalen Reaktionen konfrontieren uns mit dem, was uns wichtig ist; halten uns einen Spiegel vor, in dem unterschiedliche Menschen – entsprechend ihren Werten – unterschiedliche Dinge sehen.

Ja, mir ist wichtig, rücksichtsvoll miteinander umzugehen; auch auf die Schwächeren und Anfälligeren in unserer Gesellschaft/auf unserem Planeten zu achten und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Ja, ich möchte mich möglichst autonom entfalten. Ich möchte, dass mir zugetraut wird, dass ich selbstverantwortlich gute Einschätzungen und Entscheidungen treffen kann.

Ja, ich möchte, dass wir dort hinschauen, wo’s weh tut. In vielen Lebensbereichen wurden wir über lange Zeit manipuliert, belogen und betrogen. Vieles, was uns als wahr und richtig eingetrichtert wurde, ist so nicht haltbar. Ich denke da auch an endloses Wirtschaftswachstum, an scheinbar unbegrenzte Ressourcen, an die Ausbeutung anderer Menschen/Lebewesen/Ökosysteme zugunsten weniger – weil es „leider geil“ ist, das neueste, billigste Zeug zu kaufen. Es gärt und fault schon lange. Nun fangen immer mehr Menschen an, dies zu riechen und zu spüren. Wir können die Prozesse von Angst, Schmerz, Trauer und Wut durchschreiten und dann mit klarem Blick neue Wege suchen und gehen.

Ja, ich möchte mich auf das Wesentliche besinnen. Was bedeutet Menschsein für mich? Was ist unser Wesenskern? Was ist mir wirklich wichtig im Leben?

So können all diese Positionen (und wahrscheinlich noch weitere) nebeneinanderstehen; sind einander ergänzende Aspekte, die mir alle wichtig sind.

Die bisherige „Integration“ meiner Gedanken und Gefühle – möglichst unbehelligt mitzuschwimmen – stellt sich in diesem Licht als lauwarmer Durchschnitt heraus. Wie könnte eine wahrhafte Integration all dieser Facetten aussehen? Ich weiß es noch nicht. Ich spüre, dass sie alle gemeinsam auf einen Tisch gehören. Dass wir immer Wichtiges übersehen, wenn wir einen oder alle anderen Aspekte ausblenden. Ich möchte uns alle einladen, in jeden dieser Aspekte so richtig einzutauchen. Was sehen wir in welchem Spiegel – und was können wir daraus lernen?

Ich spüre Erleichterung. Genieße die momentane Klarheit. Spüre staunende Bewunderung für die Spielweise des Lebens, uns mit einem Schlag global so vielfältige Spiegel vorzuhalten; uns Impulse zur Besinnung und (Neu-)Orientierung zu geben.

Anstelle eines Kommentars:

von Peter Zettel

Was für eine Frage! Die Antwort darauf bin ich ja selbst, denn dieser Körper, zu dem ich „ich“ sage, ist ja selbst eine Gemeinschaft aus ganz, ganz vielen Zellen, Bakterien und was weiß ich noch alles. Und da gibt es keinen, der der Chef wäre und das Sagen hätte und bestimmen könnte, was die anderen zu tun haben, nein, den gibt es nicht. Irgendwie machen die das untereinander aus. Selbst darüber, ob eine Katze und eine Maus eine Gemeinschaft sind, wenn sie in freier Wildbahn leben, ja, auch darüber kann man einmal nachdenken. Denn sie bilden wie die ganze Natur definitiv eine Gemeinschaft. Dumm nur, dass die Regeln vielen Menschen so grausig anmuten. Was aber nicht an den Regeln liegt, sondern an der üblichen menschlichen Sichtweise.

Also bleibe ich mal bei mir selbst, genauer bei meinem Körper. Dass der ganz selbstverständlich nicht für sich alleine existieren kann, will ich der Einfachheit halber mal weglassen. Jede einzelne Zelle ist für sich, aber eben nicht alleine, sondern sie lebt in Gemeinschaft mit allen anderen. Dabei praktizieren diese Zellen keine Basisdemokratie, da wäre ich schon längst tot, wenn sie das täten, nein, ich denke die praktizieren eher ein anarchistisches System, wo jeder ganz von alleine weiß, was sein Job ist und was er zu tun hat. Wahrscheinlich ist das auch Ausdruck von Schwarmintelligenz. Wir Menschen schauen ja immer auf das Ganze und wollen die Regeln vom Ganzen her erkennen, dabei funktioniert Schwarmintelligenz ganz anders, sozusagen von innen nach außen: Jeder orientiert sich an denen, die ihm am nächsten sind und fertig. Was ganz offensichtlich funktioniert! Was wahrscheinlich nicht bedeutet, dass das alles ist. Aber die Natur organisiert sich wohl wesentlich einfacher, als viele Menschen denken, weshalb sie möglicherweise auch solche Schwierigkeiten haben, sie zu verstehen.

Wenn nun schon der scheinbar Einzelne tatsächlich kein Einzelner ist, sondern in Wahrheit eine Gemeinschaft, dann gilt das erst recht für alles, womit wir in Beziehung stehen. Nehme ich da nur die allernächsten, wird das Dilemma schon offensichtlich. Jedenfalls meistens. Die Frage ist nämlich, ob ich überhaupt in der Lage bin, eine ernsthafte Beziehung zu leben! Wenn ich mir all die gesellschaftlichen Verwerfungen anschaue, angefangen in den Familien und dann weiter über den Umgang der einzelnen Länder miteinander bis hin zur Wirtschaft, dann wird, zumindest für mich, offensichtlich, dass in unsere menschlichen Gemeinschaften ein Webfehler eingebaut ist. Und wir wissen ja genau, was es für den einzelnen Körper bedeutet, wenn in der Organisation seiner Zellen ein Webfehler enthalten ist. Der kann dann als Ganzes ganz einfach nicht mehr problemlos seinen Job verrichten. Jede Krankheit ist nichts anderes als ein solcher Webfehler, davon bin ich überzeugt. Was jedoch nicht bedeutet, dass das Problem gelöst ist, wenn man eine Pille einwirft. Die kupieren nur die Symptome, sie lösen aber die Ursache nicht auf.

Was auf der körperlichen Ebene passieren kann und oft auch passiert, findet sich immer wieder auf der zwischenmenschlichen, der gesellschaftlichen wie der wirtschaftlichen Ebene, nämlich ein Webfehler, ein Organisationsdefizit. Ob in meinem eigenen Körper, in Partnerschaften, in der Gesellschaft wie der Wirtschaft geht es immer nur um Organisationsdefizite, um nicht zu sagen: um entsprechende Fehler. Wir Menschen haben uns ziemlich offensichtlich nach Strukturen zu organisieren gelernt, die anderen als natürliche Interessen dienen. Um das aber auf der zwischenmenschlichen Ebene abzuhalten, haben wir auch noch die dazugehörige Pille erfunden, nämlich die Konvention. Solange wir uns an die Regeln der Konvention halten, treten wir uns sozusagen nicht auf die Füße und merken nicht, was wir da tatsächlich machen. Wir leben deshalb nicht in einer Gemeinschaft, sondern einer Pseudo-Gemeinschaft.

„Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das Geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.“ Das schrieb Scott Peck.

Und genau so ist es. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Andere formulieren es ein wenig drastischer, sie vertreten die Ansicht, dass dieses Verhalten schlicht und einfach krank ist. Das sehe ich auch so. Und genau deswegen wäre der Rückzug in das Alleinsein nichts anderes als eine Flucht, denn nichts und niemand existiert nur für sich. Haben wir also den Mut, uns darauf einzulassen! Doch was passiert, wenn wir sozusagen bereit sind, den Fehde-Handschuh anzunehmen, den das „normale“ Leben dem wahrhaftigen Leben hinhält? Bei der Pseudogemeinschaft geht es um das Kaschieren von individuellen Differenzen, im Stadium des Chaos geht es vorrangig um den Versuch, diese Differenzen auszulöschen. Man versucht, einander zu bekehren, zu heilen, auszuschalten oder ansonsten für vereinfachte organisatorische Regeln einzutreten. Es ist ein unsinniger Prozess, ein Nullsummenspiel, bei dem es nur Sieger und Verlierer geben kann und der zu nichts führt.

Doch steht man diese Phase durch, ohne sich das Hirn einzuschlagen oder wieder in die Pseudogemeinschaft zurückzufallen, dann tritt sie allmählich in die „Leere” ein, wenn alles weggeräumt ist, was zwischen den Einzelnen und der Gemeinschaft steht. Und das ist eine Menge, all die Vorurteile, Meinungen oder Erwartungen wie der Wunsch zu bekehren, zu heilen oder auszuschalten, der Drang zu siegen genauso wie die Angst, sich zum Narren zu machen oder das Bedürfnis, die Kontrolle über alles zu haben. Oft geht es aber auch darum, einen verborgenen Kummer, Abscheu oder tiefe Angst vor etwas zuzulassen und sich selbst einzugestehen, bevor der Einzelne für die Gruppe völlig „präsent” sein kann. Ich kann nicht präsent sein, solange ich etwas verberge. Das verlangt fraglos Mut. Hinterher fühlt man sich sehr erleichtert, doch während dieses Prozesses leider oft auch sterbenselend. Es verlangt eine Menge Konsequenz, um nicht schnell das Thema zu wechseln, wenn es unangenehm zu werden droht. Doch schafft man es, das auszuhalten, dann passiert ein Wandel, ein wirklicher Wandel. Wo sich bisher meist jeder hinter einer Maske zu verbergen suchte, sind auf einmal Offenheit, Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit da. Was bisher unmöglich schien, ist mit einem Mal möglich, egal ob es sich um Partnerschaften, Gesellschaften oder wirtschaftliche Organisationen handelt.

Der Weg in das Alleinsein ist also nur da angesagt, wo der Weg in die Gemeinschaft nicht gegangen werden will. Das ist dann der Fall, wenn die Menschen nicht bereit sind, in einen wirklich ernsthaften und wahrhaftigen Dialog einzutreten.