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Dies ist eine Fortsetzung einer mehrteiligen Artikelserie.

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Siebenter Teil: Druckanfragen für die Idee des Obdachlosengeldes

von Kilian Manger

Im letzten Artikel habe ich von meiner Idee eines solidarischen Regionalwährungsexperiments erzählt. Ich stand vor der Aufgabe, Spielgeldscheine drucken zu lassen, die ein einfaches Sicherheitsmerkmal besitzen, sodass sie sich nicht völlig einfach mit einem Farbkopierer vervielfältigen lassen.

In irgendeinem Gespräch mit Fachleuten, die Erfahrungen mit Regionalwährungen haben, hatte ich wohl den Begriff “Sicherheitsdruckerei” aufgeschnappt. Ach ja, dabei muss es sich wohl um Druckereien handeln, die fälschungssichere Geldscheine herstellen. Ich bediente eine Internetsuchmaschine mit diesem Stichwort und bekam sofort die Internetauftritte einiger Sicherheitsdruckereien geliefert. Als ich am Telefon von meiner Idee des solidarischen Regionalwährungsexperiments erzählte und den Begriff „Spielgeld“ aussprach, kam mir prompt eine entsetzte Antwort entgegen: „Höre ich da Falschgeld? Wenn Sie vorhaben, irgendwelche Scheine zu drucken, die in ihrem Aussehen den Banknoten einer existierenden Währung auch nur ähneln, werden wir Ihnen dabei sicherlich nicht weiterhelfen. Wenn Sie Geld fälschen, dann steht die Kriminalpolizei schneller vor Ihrer Haustüre als Sie denken.“ Kurz darauf war unsere Telefonverbindung unterbrochen. Ich denke, mein Gesprächspartner hatte das Telefonat bewusst unangekündigt abgebrochen.

Da hatte mich der Mitarbeiter der Sicherheitsdruckerei falsch verstanden. Bei meinem Projekt geht es nicht darum, das gesetzliche Zahlungsmittel zu kopieren, sondern darum, eine andersartige Alternative vorzustellen, auf die Lebenssituation finanziell benachteiligter Menschen aufmerksam zu machen sowie Fehler in der Architektur des Weltfinanzsystems in die öffentliche Diskussion zu tragen. Abgesehen von den Missverständnissen war ich bei dieser Sicherheitsdruckerei sowieso an der falschen Adresse. Sie vermarkten nur Sicherheitspapier im vierzig-Tonnen-Maßstab. Mit einer solchen Sicherheitsdruckerei arbeiten also nur Unternehmen zusammen, die LKW-Ladungen voller Papier brauchen. Wieder etwas gelernt. Ich bekam im Telefonat noch den Tipp, mich bei einer normalen kleineren Druckerei zu melden. Das half mir weiter.

Durch kurze Internetrecherche wurde mir klar, dass die üblich bekannten Druckereien, die man normalerweise für den Druck von Hochzeits-Einladungskarten oder Visitenkarten beauftragen würde, passende Ansprechpartner für mich darstellen. Hier lassen sich Scheine mit silbrigen Glitzereffekten drucken, die dadurch zumindest vor der Vervielfältigung durch einen Farbkopierer geschützt sind.

Bei meinem ersten Druckauftrag erfuhr ich, dass meine Druckdaten zur Verarbeitung in der Druckerei nicht wirklich geeignet sind. Die Druckerei war so kulant, mir die Druckdaten kostenlos anzupassen, teilte mir aber mit, ich solle bei weiteren Aufträgen nur Bilddateien im CMYK-Farbraum einschicken. Auch was mit diesem Fachbegriff gemeint ist, wurde mir sehr freundlich erklärt. Mit etwas Unterstützung einer Mitarbeiterin des Rechenzentrums unserer Universität und eines Studenten aus der Informatik-Fachschaft fand ich daraufhin auch das Open-Source-Zeichenprogramm „Krita“. Dieses läuft sogar auf meinem Laptop mit Linux-Betriebssystem einwandfrei, unterstützt die Anfertigung von Grafiken im CMYK-Farbraum und kann die für den Heißfoliendruck benötigten speziellen Farbpixel mit einem Farbauftrag von 400 % Farbwert in Bilddateien einbauen.

Mir ist es also mittlerweile gelungen, ein paar erste, leicht kopiergeschützte Scheine anfertigen zu lassen, die sich theoretisch für meine Idee eines sehr klein skalierten solidarischen Regionalwährungsexperiments eignen. Sicherlich ist die zwischenmenschliche Arbeit bei der Umsetzung meiner Projektidee wichtiger und schwieriger als die nun gelöste technische Herausforderung des Scheinedruckens. Meine ersten Anfragen bei den Inhabern kleiner Geschäfte in Würzburg wurden zumindest mit Rückfragen und Interesse belohnt. Auch die Erlaubnis, ein Werbeplakat für meine Idee aufzuhängen, wurde mir gegeben. Die Schreinerei der Bentheim Werkstatt des Blindeninstituts Würzburg fertigte mir sogar kleine Holzständer an, die ich nutzen kann, um öffentlich auf die Idee des solidarischen Regionalwährungsexperiments hinzuweisen. Meiner bisherigen Erfahrung nach reagieren sozial angehauchte Menschen und Mitarbeiter in gemeinnützigen Einrichtungen sehr positiv und interessiert auf meine Idee.

Eine tatsächliche Umsetzung des Projekts wird es allerdings nur geben können, wenn sich zumindest ein paar Geschäfte und Einwohner der Stadt bereit erklären, den Versuch zu starten, eine erste Anzahl von vielleicht zwei oder drei Scheinen als Zahlungsmittel zu verwenden. Eine wie im vorigen Artikel erwähnte Einrichtung der niederschwelligen Obdachlosenhilfe, die sich durch die Herausgabe der Scheine an bedürftige Menschen ins Projekt einbringen könnte, habe ich bisher noch nicht angefragt. Auch die Internetseite des Obdachlosengeldes steht noch nicht.

Nächstes Ziel: Menschen, Läden, Gruppen, Initiativen und Einrichtungen finden, die mitmachen. Ob das funktioniert? Keine Ahnung. Ich bin gespannt, wie die Leute auf mein Bildungs-, Aufklärungs- und Mitmachprojekt reagieren.

 

Zeichenprogramm mit Unterstützung des CMYK-Farbraums: https://wiki.ubuntuusers.de/Krita/
Blindeninstitut Würzburg: https://www.blindeninstitut.de/de/wuerzburg/bentheim-werkstatt-gmbh/eingliederung-ins-arbeitsleben/
Regionalwährung bei Dresden: https://stories-of-change.org/filme/elbtaler/

von Maria Schöller

Vor einigen Wochen durfte ich mit einer Gruppe eine Übung machen. In der Zwischenzeit hat die Erinnerung daran immer wieder mein Herz weich und warm werden lassen – und so möchte ich nun auch Dich daran teilhaben lassen.

Die Übung

Bei der Übung (die noch keinen Namen hat) geht es darum, sich in Zweiergruppen in Begriffspaare hineinzuversetzen und diese in einer Haltung oder Geste zum Ausdruck zu bringen. Die Begriffspaare sind dabei Ausdruck polar gegenüberstehender Lebenshaltungen: Getrenntheit vs. Verbundenheit.

Im Wortlaut zum Beispiel: Weiterlesen

Das ist doch mal eine Überschrift. Und könnte sich als Slogan für die gesamte Wandelbewegung eignen!
Dem ist nichts hinzuzufügen. Man braucht sich den Beitrag nur noch anschauen, um sich inspirieren zu lassen. Weiterlesen

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Sechster Teil: Ein Blick in die Zukunft. Wie die nächsten Schritte in meinem Projekt aussehen könnten.

von Kilian Manger

Mein Plan, andere Menschen auf die Thematik Geldsystem aufmerksam zu machen, ist voll und ganz aufgegangen. Seit ich meine eigenen Ideen ins Internet gestellt habe, hatte ich immer einen Anlass, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und mein Thema anzusprechen: Ich erzähle von meinem selbstinitiierten Bildungsprojekt und berichte von meinen bisherigen Erfahrungen. Meistens werden die Menschen dann von ganz alleine neugierig und stellen weitere Fragen.

Vor ein paar Monaten kam mir die Idee, dass ich aus meinem Bildungsprojekt ein „Mitmachprojekt“ erwachsen lassen könnte. Wenn ich eine Art Spiel starte, bei dem Geschäfte, Initiativen, Vereine, Gruppen und Einwohner der Stadt Würzburg mitmachen können, wird das vielleicht dazu beitragen, noch schneller bei einer noch größeren Anzahl möglicher Interessenten Begeisterung zu wecken. Ein spielerischer Einstieg könnte für viele Menschen ein leichter Weg sein, sich mit den Fehlern in der Architektur unseres bestehenden Geldsystems vertraut zu machen.

Für dieses Vorhaben habe ich bisher einen groben Plan entworfen. Das Spiel selbst würde ich als eine Art „solidarisches Regionalwährungsexperiment“ beschreiben, das im Kern von der Großzügigkeit der Mitwirkenden und der Idee des Schenkens getragen wird. Ich denke, viele Menschen freuen sich, wenn man sie dazu einlädt, bei einem Spiel des Schenkens mitzumachen. Vielleicht fühlen sie sich geschmeichelt, wenn man mit einer solchen Einladung offenbart, dass man an ihre Herzlichkeit und Großzügigkeit glaubt.

Wenn mein Plan aufgeht, würde ich bei diesem Regionalwährungsexperiment dafür sorgen, dass eine geringe Anzahl selbst erzeugter Spielgeldscheine, für die mir die Bezeichnung „Obdachlosengeld Würzburg“ eingefallen ist, in den Umlauf kommen. Meiner Einschätzung nach würde eine kleine Anzahl von eins bis zehn Scheinen vollkommen ausreichen, um das Spiel durchzuführen. Im Sinne einer Spielregel würde man unter allen freiwilligen Teilnehmer*innen vereinbaren, jedem solchen Schein anfänglich einen Wert von 2 € zuzuerkennen.

In den Umlauf kommen würden diese Scheine durch eine örtliche Einrichtung der niederschwelligen Wohnungslosenhilfe. Das heißt konkret, finanziell benachteiligte Menschen, die unter Obdachlosigkeit leiden, würden diese neu erzeugten Scheine geschenkt bekommen und hätten die Erlaubnis, damit in teilnehmenden Läden einzukaufen. Die Scheine könnten dort in den teilnehmenden Läden dann zum gleichen Preis an hilfsbereite Kunden weiterverkauft werden, damit die Ladeninhaber nicht auf den Kosten der Geschenke sitzen bleiben. Ein Käufer eines solchen Scheines könnte in einem der beteiligten Geschäfte wieder mit dem Schein einkaufen. Auf diese Weise würde man den Schein von Person zu Person weitergeben und die ursprünglichen Kosten für das Geschenk an den bedürftigen Menschen immer wieder an den jeweils nächsten Beteiligten übertragen. Auf dem Schein sollte eine Tabelle aufgedruckt sein, die vorgibt, dass dieser Komplementärgeld-Schein an gewissen Stichtagen einen Teil seines Werts verliert. Während der Wert des Scheins zu Beginn auf 2 € eingestuft ist, würde er im Laufe der Zeit immer mehr an Kaufkraft verlieren, bis er schließlich nach zwei Jahren seine Wirkung als Zahlungsmittel komplett verloren hätte. Das Spiel mit dem Obdachlosengeld hätte also ein von Beginn an festgelegtes zeitliches Ende. Bis dahin sind die Scheine dann durch mehrere Hände gewandert, konnten ihre Wirkung als Zahlungsmittel entfalten und die Kosten für das kleine Geschenk an einen finanziell benachteiligten Menschen hätten sich auf mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgeteilt.

Beim Obdachlosengeld handelt es sich demnach um Schwundgeld. Diese Idee vom schrumpfenden Geld, die mich aus unterschiedlichen Gründen sehr begeistert, stammt nicht von mir. Ich werfe hier einfach die Stichworte „Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung“ und „Gleichgewichtsgeld“ in den Raum und lege dir ans Herz, einmal im Internet danach zu suchen, wenn du mehr darüber erfahren willst.

Falls sich tatsächlich Menschen für die Teilnahme an einem solchen Spiel gewinnen lassen, würde man dadurch einerseits auf die Lebenssituation obdachloser Menschen und andererseits auf alternative Geldsysteme aufmerksam werden. Das Spiel würde dazu anregen, intensiver über den Mechanismus der Geldschöpfung nachzudenken, denn bei jedem Geldsystem – auch im bestehenden Weltfinanzsystem – gibt es Menschen, die finanziell davon profitieren, wenn neues Geld erzeugt und in den Umlauf gebracht wird. Auch die Möglichkeit des schrumpfenden Geldes und dessen Vorzüge gegenüber dem zinsbehafteten Geld sind sicherlich vielen Menschen bisher unbekannt.

Um mit diesem Spiel beginnen zu können, ist eine technische Herausforderung zu meistern: Es braucht Scheine, die zumindest so fälschungssicher sind, dass sie sich nicht kostengünstig beim nächstgelegenen Copyshop vervielfältigen lassen. Eine solche Möglichkeit der Geldfälschung würde verständlicherweise das Risiko entstehen lassen, dass jemand auf genau diese Weise das Projekt sabotiert, weshalb sich in einem solchen Fall aller Voraussicht nach erst gar keine Mitspieler finden lassen würden.

Von Anfang an war ich sehr zuversichtlich, dass ich eine Möglichkeit finden würde, solche Spielgeldscheine mit Kopierschutz drucken zu lassen, auch wenn ich nicht wusste, welche Firma das wohl für mich machen könnte. Regionalwährungen gibt es an vielen Orten und den daran beteiligten Initiativen ist es schließlich auch gelungen, einigermaßen fälschungssichere Scheine zu erzeugen. Außerdem war mir bewusst, dass es für verschiedenste Veranstaltungen Eintrittskarten sowie für den öffentlichen Nahverkehr Tickets mit silbrigen Glitzerstreifen gibt, die sich der einfachen Vervielfältigung durch Farbdrucker entziehen.

Im nächsten Artikel schreibe ich über meine Versuche, dieses technische Problem der Erzeugung kopiergeschützter Scheine zu lösen.

REGIOS eG: https://www.regios.eu/regiogeld
Regionalentwicklung: http://www.regionalentwicklung.de/regionales-wirtschaften/regionalgeld
Chiemgauer Regiogeld: www.chiemgauer.info

Von Maria Schöller

„Corona“ spaltet die Gesellschaft. Es bilden sich „Corona-Lager“, die ihre jeweiligen Positionen mit Zähnen und Klauen verteidigen. Diese Spaltung macht mir Angst.

Vor wenigen Tagen habe ich zum Austausch darüber eingeladen, in einem Format, welches das Zuhören, das Hinspüren und das Aushalten unterschiedlicher Meinungen und unserer Reaktionen darauf in den Mittelpunkt stellt.

Unter den anwesenden Menschen waren unterschiedliche Standpunkte vertreten – oftmals mehrere innerhalb einer Person. So entschieden wir uns dafür, die Standpunkte zu benennen und ihnen unabhängig voneinander unsere Stimme zu leihen. Was ist mir aus dieser Position heraus wichtig?

Da standen nun also unterschiedliche Einstellungen nebeneinander – so ziemlich gleichwertig! Ich habe sie im Nachhinein ergänzt und teilweise umbenannt, in:

  • Gesundheit und Verantwortung (Alle müssen Verantwortung für die Eindämmung des – für manche Menschen und unser Gesundheitssystem ernsthaft bedrohlichen – Virus übernehmen.)
  • Bevormundet (Ich bin aufgebracht über den Eingriff der Regierungen und Behörden in mein persönliches Leben!)
  • Verarscht (Was geht – im Hintergrund – wirklich vor sich?)
  • Lebendig leben! (Nur der Tod ist sicher. Ich will so richtig leben!)
  • Mitschwimmend (Ich mache für mich das Beste daraus; möchte möglichst unbeeinträchtigt leben, ohne Probleme zu bekommen.)

Wie kann es sein, dass sich all diese Positionen irgendwie richtig und irgendwie unvollständig anfühlen? Bedrohliche Angst hier, ein zusammenkrampfendes Herz da. Ein mulmiges Gefühl dort drüben. Was ist denn nun „richtig“??

Diese Situation kenne ich aus meinem Leben: dass mehrere Standpunkte, die sich scheinbar widersprechen, gleichzeitig wahr sind. Dass es in mehreren Bereichen meines Lebens gleichzeitig knirscht und ich nicht verstehe, warum. Und immer wieder zeigt sich: Wenn dies der Fall ist, liegt die Lösung des Problems auf einer anderen Ebene. Die Sichtweise eines sehr geschätzten Menschen taucht in mir auf:

Das Virus ist eine Art des Lebens, sich selbst zu regulieren und zu entfalten.

Ich spüre in mich hinein und merke ein feines “Einrasten”. Mein System sagt “JA!” Ja, auf dieser Ebene passen all die Positionen zusammen: Das Virus und die globalen Reaktionen konfrontieren uns mit dem, was uns wichtig ist; halten uns einen Spiegel vor, in dem unterschiedliche Menschen – entsprechend ihren Werten – unterschiedliche Dinge sehen.

Ja, mir ist wichtig, rücksichtsvoll miteinander umzugehen; auch auf die Schwächeren und Anfälligeren in unserer Gesellschaft/auf unserem Planeten zu achten und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Ja, ich möchte mich möglichst autonom entfalten. Ich möchte, dass mir zugetraut wird, dass ich selbstverantwortlich gute Einschätzungen und Entscheidungen treffen kann.

Ja, ich möchte, dass wir dort hinschauen, wo’s weh tut. In vielen Lebensbereichen wurden wir über lange Zeit manipuliert, belogen und betrogen. Vieles, was uns als wahr und richtig eingetrichtert wurde, ist so nicht haltbar. Ich denke da auch an endloses Wirtschaftswachstum, an scheinbar unbegrenzte Ressourcen, an die Ausbeutung anderer Menschen/Lebewesen/Ökosysteme zugunsten weniger – weil es „leider geil“ ist, das neueste, billigste Zeug zu kaufen. Es gärt und fault schon lange. Nun fangen immer mehr Menschen an, dies zu riechen und zu spüren. Wir können die Prozesse von Angst, Schmerz, Trauer und Wut durchschreiten und dann mit klarem Blick neue Wege suchen und gehen.

Ja, ich möchte mich auf das Wesentliche besinnen. Was bedeutet Menschsein für mich? Was ist unser Wesenskern? Was ist mir wirklich wichtig im Leben?

So können all diese Positionen (und wahrscheinlich noch weitere) nebeneinanderstehen; sind einander ergänzende Aspekte, die mir alle wichtig sind.

Die bisherige „Integration“ meiner Gedanken und Gefühle – möglichst unbehelligt mitzuschwimmen – stellt sich in diesem Licht als lauwarmer Durchschnitt heraus. Wie könnte eine wahrhafte Integration all dieser Facetten aussehen? Ich weiß es noch nicht. Ich spüre, dass sie alle gemeinsam auf einen Tisch gehören. Dass wir immer Wichtiges übersehen, wenn wir einen oder alle anderen Aspekte ausblenden. Ich möchte uns alle einladen, in jeden dieser Aspekte so richtig einzutauchen. Was sehen wir in welchem Spiegel – und was können wir daraus lernen?

Ich spüre Erleichterung. Genieße die momentane Klarheit. Spüre staunende Bewunderung für die Spielweise des Lebens, uns mit einem Schlag global so vielfältige Spiegel vorzuhalten; uns Impulse zur Besinnung und (Neu-)Orientierung zu geben.

Von Semra Mete

„Teilen ist heilen“ – intuitiv stimme ich der Bedeutung dieses Spruchs zu, doch mein kritischer Verstand möchte genauer wissen, wie das zu verstehen ist. Wann entstand bei mir in der Vergangenheit das Bedürfnis, etwas mit meinen Mitmenschen teilen zu wollen? Es war zumindest immer dann der Fall, wenn ich mit positiven Gefühlen so stark aufgeladen war, so dass es aus mir raus musste. Sei es eine neue Erkenntnis, sei es eine sehr bewegende Geschichte oder eine Nachricht. Auf jeden Fall etwas, was ich schön finde, was mich innerlich in Bewegung setzt, es weiterzugeben.

Metaphorisch kann ich es so beschreiben, dass „etwas“ in mir Wellen schlägt, sich in mir ausdehnt, ähnlich wie Wasserwellen durch mich hindurchgehen und so andere Menschen erreichen können. Also, basierend auf meiner eigenen Erfahrung komme ich zu der Erkenntnis, dass eine auf Liebe, Freude, Schönheit ausgerichtete, von Natur aus hochschwingende Information sich in uns, durch uns so sehr ausdehnt, dass wir das tiefe, starke Bedürfnis spüren, diese „Botschaft“ mit unseren Mitmenschen zu teilen … so im Sinne des Spruchs „Hundert Kerzen lassen sich an einer entzünden. Das Gute nimmt zu, wenn man es teilt.“ Noch klarer kann der Heilungseffekt des Teilens, finde ich, nicht in Worte gefasst werden. Daraus folgt für mich die Erkenntnis, dass Teilen das Wachsen miteinander ist. Der, der das Gute teilt, trägt zum Wachstum anderer bei und wächst dabei selber.

Angst blockiert unser natürliches Bedürfnis nach Teilen

Was ist aber mit Menschen, die das Gute nicht teilen (wollen) bzw. bewusst oder unbewusst Negativität verbreiten? Was für Störfaktoren muss es in solchen Menschen geben, die den natürlichen „Ausdehnungsprozess“ des Guten behindern? Nach langem Überlegen komme ich zu der Ansicht, dass das Schöne, die Liebe, das Freudige in uns sich nicht ausbreiten können, solange wir mit zu Boden drückenden Gefühlen wie Angst, Neid, Zweifel, Scham, Neid oder Gier behaftet sind. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich sehr lange meine Wahrheiten, mein Weltbild, die ich intuitiv eigentlich gerne mit meinen Mitmenschen teilen wollte, aus Angst vor Kritik oder Bloßstellung lieber für mich behalten hatte.

Je mehr wir uns aber unseren Blockaden bewusst werden, uns unseren tief sitzenden Ängsten öffnen und uns mit ihnen bewusst auseinandersetzen, desto mehr Blockaden lösen sich auf und desto freier kann das hochschwingende Gute in uns fließen und Zugang zu unserem Umfeld finden!

Teilen meiner Krankheitsgeschichte

Letztlich war auch die verinnerlichte Botschaft des Spruchs „TEILEN IST HEILEN“ der Beweggrund für mich, meine Krankheitsgeschichte (Neurodermitis/Schuppenflechte) in Form eines kleinen Buches zu verfassen, und meine gewonnenen Erkenntnisse aus meinen Erfahrungen in dieser Zeit mit meinen Mitmenschen zu teilen. Denn ich selbst wurde durch die Heilungsgeschichten anderer Menschen stark inspiriert und gestärkt, meinen Weg zu gehen, auf dem ich die volle Gesundung erfahren habe.
Wie schön es sich doch anfühlt, wenn ich mich auf das mentale Bild fokussiere, wo immer mehr inspirierende Geschichten geteilt werden, die das Licht im Herzen von Hunderten, ja zig Tausenden von Menschen anzünden und so immer höheres Erleuchten auf dieser Erde bewirken. → Semras Buch

Dies ist die Fortsetzung einer mehrteiligen Artikelserie.

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Ein bisschen Kopfzerbrechen und weiter geht’s.

von Kilian Manger

Der vorangegangene vierte Teil dieser Artikelserie machte deutlich, wie ausgesprochen positiv die vielen Reaktionen ausfielen, die mir bei meiner Tätigkeit in der Verbreitung geldreformerischer Ideen entgegengebracht wurden. Dieser fünfte Teil soll nun einen Aspekt in den Mittelpunkt stellen, den ich im Zusammenhang mit meiner geldsystemkritischen Auseinandersetzung als besonders anstrengend empfand.

Die Reaktionen anderer Menschen auf meine Mithilfe in der Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu den Fehlern in der Architektur des bestehenden Geldsystems waren stets von Aufgeschlossenheit und Interesse geprägt. Meine Hinweise auf die Reformvorschläge der Geld-Szene wurden immer wieder gut angenommen. Gemeinsam mit einem Mitstudenten konnte ich in Würzburg eine Film- und eine Diskussionsveranstaltung organisieren, zu der mehr als 20 Gäste erschienen. Die beiden Räume dafür durfte ich dank unserer katholischen Hochschulgemeinde und unserer evangelischen Studentengemeinde kostenlos nutzen. Auch an einer vom Bündnis Grundeinkommen organisierten Konferenz, der BGE-Open, durfte ich teilnehmen und traf dort wieder auf viele interessante Menschen samt ihrer Projekte und Ideen.

Eine kleine Würzburger Gruppe von Verfechtern der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens organisiert regelmäßig Aktionen in der Innenstadt, bei der Fußgänger unter Zuhilfenahme einer „Bodenzeitung“ (siehe Link unten) auf die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens aufmerksam gemacht werden. In dieser Gruppe habe ich guten Anschluss gefunden und tolle Menschen kennengelernt. So auch einen ehemaligen Mitarbeiter eines industrienahen Zeitschriftenverlags, dessen medienkritische und geldpolitische Ansichten mich später noch intensiver begleiteten. Als wir mit unserer Bodenzeitung in der Fußgängerzone standen, kam er mit einem Buch über ein alternatives Geldsystem, von dem ich zuvor schon viel Positives gehört hatte, auf uns zu und fing begeistert an, sich mit uns auszutauschen.

Mir ist es schon mehrfach aufgefallen, dass Gespräche über das sensible Thema Geld hochdynamisch sind. So sprangen wir auch in dieser Begegnung sehr schnell von einem Thema zum nächsten. Ein Gespräch voller Überlegungen, die emotional hoch aufgeladen waren. Unsere Unterhaltung führte uns zum Thema Politik, vom Meinungsaustausch über politische Parteien wechselte das Gespräch auf das Thema Migration und vom Gedankenaustausch zu derzeit weltweit stattfindenden Migrationsbewegungen gelangten wir über den Islam zum Christentum. So entfaltete sich eine angeregte, fast zweistündige Konversation über Jesus, das Christentum und den Islam. Wir tauschten unsere E-Mail-Adressen aus und als ich ihn einige Zeit später kontaktierte, um ihn über eine bevorstehende Abendveranstaltung zu informieren, schickte er mir drei Links zu verschiedenen gefilmten Interviews: „Schau dir mal diese drei Videos an. Ich habe da was in den alternativen Medien gefunden …“ Eigentlich jedes seiner Videos, aber ganz besonders die dreistündige Videoaufzeichnung eines Interviews zwischen Ken Jebsen und Bernd Senf (siehe Link unten) fand ich sehr beeindruckend. Diese Videos waren für mich der Auftakt, mich näher mit machtpolitischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung geldreformerischer Ideen zu beschäftigen.

Ein anderes Beispiel für eine interessante und prägende Begegnung mit einem faszinierenden Menschen entstand auf folgende Weise: Eine katholische Ordensschwester, die ich von einem Silvesterkurs im Kloster kenne, erzählte mir von ihrem Schwager, der genauso wie ich eine große Faszination für alternative Geldsysteme entwickelt hatte. Er sei sogar an der Gründung eines Forschungsinstituts mitbeteiligt gewesen, das sich ganz gezielt der Frage nach den unserem Geldsystem innewohnenden Problemen widmet. Manchmal sei er bis tief in die Nacht wach geblieben, wenn er noch etwas herausfinden oder austüfteln wollte.

Als ich ihn kontaktierte, um mich kurz vorzustellen und ihn darum zu bitten, etwas von seinem Wissen mit mir zu teilen, bekundete er seine Freude über mein Interesse und schickte mir eine Sammlung verschiedener Internetseiten. Er meinte, es handle sich dabei um seine favorisierten Informationsquellen, die ich gerne nutzen könne, wenn ich lernen will, wo die großen Probleme unserer Welt herkommen. Seiner E-Mail fügte er die Warnung hinzu, dass ein zu hoher Konsum der dort verbreiteten Informationen ungesund sei. Er selbst sei einmal depressiv geworden und hatte psychosomatische Gesundheitsstörungen von zu viel Erkenntnis und Problembewusstsein – aber das helfe nicht weiter, um die Welt zu ändern.

Später durfte ich diesen Menschen, ein Informatiker und Experte auf dem Gebiet der Kryptowährungen, auch persönlich kennenlernen. Er habe sich vor einiger Zeit einmal mit politischen Verschwörungstheorien auseinandergesetzt. Er habe vieles, was er damals über die heutige weltpolitische Situation zu hören bekam, für so widerwärtig gehalten, dass er es nicht glauben wollte. Also habe er damit begonnen, gründlich zu recherchieren – mit dem Ziel im Kopf, eine dieser gespenstischen Behauptungen zu falsifizieren. Blöderweise, so erzählte er mir, kam er zu dem Ergebnis, dass sein bisheriges eher naiv-optimistisches Bild von unserer heutigen weltpolitischen Situation falsch sein musste und dass manchen dieser schmerzhaften Theorien tatsächlich ein wahrer Kern innezuwohnen scheint. Diese Erkenntnis schlug sich wohl eine Zeit lang auf seine psychische Gesundheit nieder.

Das Gespräch mit ihm tat mir gut. Er ist ein begnadeter Musiker. Als er nach unserer Diskussion die Gitarre in die Hand nahm und zu singen begann, entstanden bei mir das Gefühl und der Eindruck, dass dieser Mensch mit seinem Scharfsinn und seinem politischen Wissen eine große Last auf seinen Schultern zu tragen scheint: Aus Wissen erwächst Verantwortung.

Ähnlich wie er hatte auch ich ein prägendes, wenn nicht ganz so gravierendes Erlebnis, das mir zumindest drei Tage lang Kopfzerbrechen und leichte Bauchschmerzen verursachte. Es war ein achtstündiges Gespräch bei einem Besuch bei einem Rentner, den ich über meine Begegnungen in geldsystemkritischen Kreisen kennenlernen durfte.

Eines scheint dem Thema Geldsystem innezuwohnen: Wenn man sich damit beschäftigt, stößt man wie von alleine irgendwann auf Menschen, deren sonderbare und aggressive politische Meinungen Unwohlsein verursachen. Wenn man sich mit der Architektur unseres Geldsystems und dessen historischer Entstehung ernsthaft auseinandersetzt, kommt man an machtpolitischen Überlegungen nicht vorbei. Mir scheint unser Geldsystem tatsächlich einer der dunkelsten Flecken unserer heutigen Demokratie zu sein: Den Tag hat es noch nicht gegeben, an dem sich reiche und arme Menschen an einen Tisch setzen, ehrlich über die Verteilung von Eigentum, Vermögen und Besitz diskutieren und einen Plan für ein faires Geldsystem entwerfen, von dem alle Menschen gleichermaßen profitieren – von der politischen Umsetzung ganz zu schweigen.

So waren es immer auch Einzelne mit ihren Ideen, Geschichten und Eigenarten, die mich auf meinem Weg der Beschäftigung mit dem Thema Geldsystem begleitet und motiviert haben.

Link zu meinem Projekt: https://sites.google.com/site/projektzeitschein
Bündnis Grundeinkommen: https://buendnis-grundeinkommen.de
Bodenzeitung: https://www.grundeinkommen.de/15/07/2014/aufmerksamkeit-durch-bodenzeitung.html
alternatives Geldsystem: https://gradido.net
Interviewgespräch zwischen Ken Jebsen und Bernd Senf: https://kenfm.de/bernd-senf
Buchempfehlung: „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ von David Graeber

Drei Beispiele von AkteurInnen der Wandelbewegung, die – vermutlich – nichts von einander wissen:

  • Das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung dürfte kaum Kontakt haben zu
  • SOL – Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil oder zu
  • den Transformativen Theaterworkshops

Alle drei sind natürlich auf ökoligenta vertreten, aber das kann nur ein Anfang sein. Viel besser wäre, sie würden miteinander kommunizieren, sich vielleicht sogar “irgendwie” zusammentun. Damit das immer besser geschehen kann (und sie alle sichtbarer werden), wurde kürzlich das “Wandelbündnis – Gesamtverband für den sozial-ökologischen Wandel” gegründet. Ein klassischer Verband ist das aber nicht. Warum nicht? Weil das Wandelbündnis kein eigenes Thema hat (wie Wirtschaft, Kultur, IT etc.). Alles, worum es geht, ist die sozial-ökologische gesellschaftliche Transformation voranzubringen – auf allen Ebenen, mit allen Themen. Das gelingt am besten, wenn jede/r einzelne AkteurIn mit seinem Thema gestärkt wird.

Die Logik freilich scheint schwer verständlich. Schon geht es los mit Besitzstandswahrung, Ängsten um Terrainverlust etc. Dabei ist und bleibt es so: Je mehr wir uns umeinander kümmern und einander vernetzen, helfen und verstärken, umso stärker wird jede/r Einzelne.

Aber vielleicht tickst Du ja gar nicht so, liebe Leserin, lieber Leser. Vielleicht überlegst Du ja längst, einen Mitgliedsantrag zu stellen? Das würde mich freuen.

Der folgende Gastbeitrag erläutert allgemeinverständlich die geistes- bzw. kulturgeschichtlichen Quellen unseres Weltbildes. Denn nur so lässt sich verstehen, weshalb es zu globalen Krisen kommen muss, aber auch, wie wir unsere Menschheitsprobleme lösen oder doch wenigstens stark abmildern könnten.

Unsere Krisen verstehen – Wege aus den Krisen in eine bessere Welt

von Sepp Stahl, Mai 2020

Die Weltsicht des 17. Jahrhunderts

Das Weltbild der Neuzeit änderte sich in dieser Zeit radikal. Vor allem in Physik und Astronomie kam es zu revolutionären Entwicklungen. Entscheidende Namen: Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton u.a. . Es entstand eine ganz neue Sichtweise der Philosophie und der Naturwissenschaften im Blick auf Mensch, Natur und Universum.

Drei Namen sind hier vordergründig zu nennen: Rene Descartes, Isaac Newton und Francis Bacon.

Rene Descartes (1596 – 1650)

Von diesen dreien war Rene Descartes der zentrale und bedeutendste Geist und Denker in dieser Zeit. Er war gleichzeitig Philosoph und exzellenter Mathematiker und Naturwissenschaftler. Er galt als Gründervater der neuen Philosophie und der modernen Naturwissenschaften. Descartes war Wegbereiter mehrerer Richtungen, so des Rationalismus, des Reduktionismus und der analytischen Methode in den Naturwissenschaften. Er formulierte ein umfassendes, vielfältiges, philosophisches Gesamtwerk – einen radikalen Neubeginn. Da er zeitweise Latein benutzte, gab er sich auch einen lateinischen Namen: Renatus Cartesius. Deshalb wird auch vom cartesianischen Welt- und Menschenbild gesprochen.

Die strikte Trennung, der Dualismus zwischen Körper und Geist war für Descartes zentrale Festlegung. „Der Körper enthält nichts, was dem Geist zugerechnet werden könnte, und der Geist beinhaltet nichts, was zum Körper gehörig wäre“. (F. Capra: Wendezeit, S.58) Diese Unterscheidung von Körper und Geist hat das abendländische Denken tief beeinflusst. Capra zitiert dazu Heisenberg: „Diese Spaltung hat sich in den auf Descartes folgenden drei Jahrhunderten tief im menschlichen Geist eingenistet, und es wird noch viel Zeit vergehen, bis sie durch wirklich andersartige Haltung gegenüber der Wirklichkeit ersetzt wird“. (Capra, S.59) So waren, sind z.B. Ärzte für den Körper zuständig, Psychologen und Psychiater für den Geist und die Seele.

Allen Begebenheiten begegnete Descartes mit Skepsis und Zweifel, alles hinterfragte er gründlich. Mit logischen Schlüssen entwickelte er einen eigen klaren und zwingenden Gottesbeweis.

Sein Rationalismus nimmt in seinem Gesamtwerk eine prägende Rolle ein. Berühmt ist sein „Cogito, ergo sum“: Ich denke, also bin ich. „Daraus schloss Descartes, das wesentliche Merkmal der menschlichen Natur liege im Denken und alle Dinge, die wir klar und deutlich denken können, seien wahr“. (Capra,S.58) Die Bezeichnung „mentales Bewusstsein“ wurde hiervon abgeleitet. Die Leistungen des „Cogito“ wurden mehr oder weniger nur den Männern zugetraut. Es ist äußerst interessant, was Charles Darwin (1809-1882) in diesem Zusammenhang einige Zeit später vertritt. „Für ihn war das typische männliche Wesen stark, tapfer und intelligent; das typische weibliche Wesen dagegen war passiv, körperlich schwach und sein Gehirn war nicht voll ausgebildet.“ Der „Mann“, so schrieb er, ist mutiger, kämpferischer und energischer als die Frau und auch geistig einfallsreicher“. (Capra, S. 120) Nicht zugelassen waren beim „Cogito“: Subjektivität, Emotion, Ahnung, Intuition und Vision. Diese wurden als Quelle von Irrtum, Vorurteil und Aberglaube abgetan. Wir erinnern uns: Ein Bub weint nicht, ein Mann zeigt keine Gefühle, Mädchen und Frauen schon! Das starke, das schwache Geschlecht!

Ein weiterer wichtiger Baustein war bei Descartes seine Entwicklung des Reduktionismus. Alle Aspekte komplexer Phänomene können wahrheitsgetreu verstanden werden, wenn man sie auf ihre Einzelteile, Bestandteile zerlegt, reduziert und dann untersucht werden. Ein Ganzes wird in seine Teile zerlegt. Die Ergebnisse daraus werden generalisiert. Die Zerlegung wurde auch auflebende Organismen übertragen, die man als aus getrennten Teilen konstruierte Maschinen ansah. Durch das Zerlegen in die Einzelteile und ihre Gewichtung ging der wichtige Blick aufs Ganze verloren. Heute wissen wir, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Diese Vorgehensweise ist ein Verlust, die koordinierende Aktivität des Ganzen zu verstehen. Noch in unserer Zeit ist diese Form des Reduktionismus tief in unserer Kultur verwurzelt. Der ebenfalls gebräuchliche Begriff „reduktionistisches“ Weltbild ist daher ebenfalls gebräuchlich.

Anschließende Argumente der Philosophie und Sichtweisen von Descartes sind heute nicht mehr nachvollziehbar und befremden sehr.

Alle Abläufe auf der Erde und im gesamten Universum geschehen ohne Ausnahme als mechanische Prozesse. „Dieses mechanische Bild der Natur wurde zum dominierenden Paradigma der Naturwissenschaften und der auf Descartes folgenden Periode“. (Capra, S.58) Alle möglichen Zustände und Seinsweisen waren für ihn Maschinen.

„Für Descartes war das materielle Universum eine Maschine und nichts als eine Maschine“. (Capra, S.59) „Descartes schuf ein kompromissloses Bild der lebenden Organismen als mechanische Systeme …“ (Capra, S.112)  Sie seien nichts anderes als Automaten. Selbst den menschlichen Körper definierte er als Maschine. „In der Tat, ich irre mich nicht, der menschliche Körper ist ein Uhrwerk, … .“ (Capra,S.114) „Für mich ist der menschliche Körper eine Maschine. In Gedanken vergleiche ich einen kranken Menschen und eine schlecht gemachte Uhr mit meiner Idee von einem gesunden Menschen und einer gut gemachten Uhr“. (Capra, S.61) Es ist nur zwingend, dass Descartes Tiere ebenso als Maschinen sah. Auch hier der Vergleich mit einer Uhr, die aus Rädchen und Sprungfedern zusammengesetzt ist. Er glaubte ernsthaft, dass Tiere nicht leiden; er war sogar der Meinung, „ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr als das Quietschen eines Rades“. (Capra,S.123) Er verteidigte deshalb auch das Sezieren von Tieren bei lebendigem Leibe. Laut „Die Zeit“ (26.03.2010) soll er angeblich selber Tiere seziert haben. Wie kann ein höchst anerkannter Philosoph und Wissenschaftler zudem zu folgendem Urteil kommen: „Ich sehe keinerlei Unterschied zwischen Maschinen, die von Handwerkern hergestellt werden, und den Körpern, die allein die Natur zusammengesetzt hat.“ (Capra, S. 61)

Isaac Newton (1642 – 1726)

Isaac Newton war wohl der berühmteste Physiker seine Zeit. Er formulierte als Erster exakte Bewegungsgesetze für alle Körper unter Einfluss der Schwerkraft im gesamten Sonnensystem. Mit seinen Gravitationsgesetzen erklärte er die Bewegungen der Planeten um die Son- ne, die Erscheinungen von Ebbe und Flut, berechnete die Massen des Mondes und der Planeten. „Newtons mathematisches System der Welt erwarb sich schnell den Ruf, die korrekte Theorie der Wirklichkeit zu sein und rief bei Wissenschaftler und Laien gleichermaßen eine  ungeheure Begeisterung hervor. Das Bild von der Welt als eine vollkommene Maschine, das von Descartes eingeführt worden war, galt als bewiesene Tatsache, und Newton wurde zu seinem Symbol“. (Capra, S.67) Sein Universum war ein gewaltiges mechanisches System, das nach exakten mathematischen Gesetzen funktionierte. „Die Physik Newtons, die Krönung der wissenschaftlichen Leistungen des 17. Jahrhunderts, lieferte eine geschlossene mathematische Theorie der Welt, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die solide Grundlage wissenschaftlichen Denkens blieb“. (Capra, S.62) Wie bei Descartes war also auch für Newton „die ganze Welt eine Maschine im Stile des 17. Jahrhunderts, im Wesentlichen ein Uhrwerk“. (Capra, S.296) „Für Newton und Descartes ist das Universum ein gigantisches Uhrwerk, in dem sich das Verhalten jedes einzelnen Objekts präzise vorhersagen lässt, sofern alle erforderlichen Informationen vorliegen“. (Anders Indset: Quantenwirtschaft, S.163)

Die starke Gewichtung des Verstandes bei Descartes war auch für Newton ein zentraler Aspekt. Er war überzeugt, „sein mächtiger Verstand könne dem Universum alle Geheimnisse entreißen“. (Capra, S.62) Die Welt lässt sich restlos rational erklären, alles ist den gleichen Naturgesetzen unterworfen, dem logischen Bauplan eines rein mechanischen Universums. Es herrschte eine gewisse Besessenheit an Messungen und Quantifizierungen. Newton glaubte fest, alles in der Welt sei berechenbar.

Francis Bacon (1561 – 1626)  

Francis Bacon war Philosoph, Jurist, zeitweise Generalstaatsanwalt und Lordkanzler bei König James I. von England. Er vertrat nachdrücklich eine neue Forschungsmethode, die unter Einbeziehung der mathematischen Naturbeschreibung die analytische Denkweise benutzte. Er war auch „der erste, der eine Theorie der induktiven Methode formulierte – Experimente zu machen und aus ihnen allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen, …“ Art und Zielsetzung wissenschaftlicher Forschung wurden dadurch tiefgreifend verändert.

„Seit Bacon ist das Ziel der Wissenschaft, Wissen zu erwerben, das zur Beherrschung und zur Kontrolle der Natur genutzt werden kann“. (Capra, S.54) Diese Auffassung teilte auch Descartes mit Bacon. „Die Ausdrücke, mit denen Bacon seine neue wissenschaftliche Forschungsmethode empfahl, waren nicht nur leidenschaftlich, sondern oft richtig bösartig“.  (Capra, S.54) Hier seine Ausdrücke: Die Natur auf ihren Irrwegen mit Hunden hetzen, sich gefügig und zur Sklavin machen, unter Druck setzen, die Natur auf die Folter spannen, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt. Als Generalbundesanwalt war Bacon unter anderem für die damaligen Hexenverbrennungen im Königreich zuständig. Den Umgang mit diesen Frauen übertrug er anscheinend auch auf die Natur. Er sah in der Natur zudem ein weibliches Wesen. Noch heute sprechen wir von Mutter Natur.

Folgen und Auswirkungen

Bis in unsere Zeit ist der Einfluss von Descartes, Newton und Bacon noch spür- und erkennbar. Dies gilt für alle Lebens- und wissenschaftlichen Bereiche, für die Natur- und Geisteswissenschaften, für Medizin, Psychologie und die Wirtschaftswissenschaften. Eine ganze Reihe von Aussagen müssen wir gar nicht kommentieren. Sie sind für uns heute in keiner Weise verständlich und können spontan als falsch erkannt werden. Wir fragen uns heute, wie kann man überhaupt auf solche Gedanken kommen: Die strikte Trennung von Körper und Geist, alle lebenden Organismen, die Natur, das Universum eine Maschine, meine Existenz als Person ausschließlich durch das Denkvermögen begründet. Die Denkfähigkeit, die nur Männern vorbehalten ist. Frauen sind dazu weniger fähig. Dieser Bestand über mehr als zwei Jahrhunderte verwundert doch sehr.

Newton gilt immer noch als einer der größten Physiker aller Zeiten. Mit seinen Gravitationsgesetzen schenkte er der Menschheit ein absolut neues, vertiefendes Verständnis der Welt mit seinen mechanischen Prozessen. Aber aus Newtons Arbeiten entwickelten sich eine Gewissheit, gar Überheblichkeit, alles ist mit mathematischen Gleichungen zu berechnen und zu beherrschen. Die Welt lässt sich mit Naturgesetzen restlos erklären und verstehen. Der entscheidende Zugang zum Universum als ein mechanisches System ist gefunden. Die letzten Geheimnisse sind gelüftet. Aus diesen Einstellungen leitete sich eine gewisse Form von Herrschaft, vor allem gegenüber der Natur ab. Der Mensch ist im Besitz der Wahrheit, auch der letzten Dinge.

Bei Bacon fällt sein feindliches Verhalten der Natur gegenüber sofort in den Blick. Ziel seiner Wissenschaft war für ihn vordergründig die Kontrolle und Beherrschung der Natur. Uns sind wohl in den Wissenschaften keine so krassen Aussagen und Vorgehensweisen gegen die Natur bekannt. Einmal spricht er auch davon, die Natur auszupressen wie eine Zitrone. Sein Bild von der Frau war ähnlich abschätzend geprägt, wahrscheinlich als Ergebnis seiner Hexenprozesse. Die Ausbeutung der Natur, die bis heute so typisch für die abendländische und globale Kultur geworden ist, hat in Bacon wohl einen entscheidenden Ursprung.

Bereich Medizin

Die cartesianische Weltanschauung hat wie viele andere Bereiche zu lange die medizinischen Behandlungen bestimmt. „In den vergangenen dreihundert Jahren wurde unsere Kultur von der Anschauung beherrscht, unser menschlicher Körper sei eine Maschine, die man aus Sicht ihrer Einzelteile analysieren müsse. Geist und Körper sind getrennt, die Krankheit gilt als Fehlfunktion eines biologischen Mechanismus …“ (Capra,S.359) Für jeden Körperbereich gibt es daher ärztliche Spezialisten. „Das Zerlegen von Organismen in ihre Einzelteile führe nicht dazu zu verstehen, was Leben ist. Es reiche nicht, Lebewesen nur als Objekte zu sehen, sondern auch als Subjekte mit Intentionen und Bedürfnissen. Es gelte, sich in die Lebewesen hineinzuversetzen, das zu sehen, was alles Leben verbindet.“ (Gerald Hüther, Wikipedia) Durch die Konzentration auf die körperlichen Einzelteile hat die Medizin aus den Augen verloren, dass der Mensch ein durch und durch ganzheitliches Wesen ist. Allmählich gewinnt eine ganzheitliche und ökologische Gewissheit Raum in der Medizin. „Im engeren Sinn bedeutet Ganzheitlichkeit in der Medizin, dass der menschliche Organismus als ein System angesehen wird, dessen sämtliche Teile miteinander verbunden und voneinander abhängig sind“. (Capra, S.354) Der Begriff der Ganzheitlichkeit der menschlichen Person weitet sich und wird integraler Bestandteil weiterer umfassender Systeme. Dies bedeutet, „dass der individuelle Organismus sich in ständiger Wechselwirkung mit seiner physischen und gesellschaftlichen Umwelt befindet, …“ (Capra, S.355) Der Körper ist das Spiegelbild der Psyche und wer ihn beeinflusst, verändert damit auch sie und umgekehrt. „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Behinderung.“ (Weltgesundheitsorganisation, WHO)

Bereich Frauen, Natur, Naturvölker, Klima

Die Festlegungen im 17. Jahrhundert zu Natur, Frauen, menschlichem Körper und Universum haben bis heute Bestand. Das Patriarchat war ja schon Jahrhunderte, besser Jahrtausende fest etabliert. Descartes und Bacon haben es noch weiter gefestigt. Bei Frauen und dem menschlichen Körper sind Fortschritte vorhanden. Frauen haben in ihren langen Kämpfen einiges erreicht, das Stimmrecht z.B. Aber von echter Gleichberechtigung kann noch keineswegs gesprochen werden. Der Familienrechtler F. W. Bosch hat 1953 noch formuliert: „Träger familiärer Autorität ist der Mann und Vater, natürlicher Wirkungskreis der Frau ist der häusliche Bereich.“ (Prantls-Blick, 08.09.2019) Die Doppelbelastung ist ausschließlich bei Frauen zu finden.

Die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern beträgt bei gleicher Arbeit immer noch 21 Prozent. (Hans-Böckler-Stiftung, 2/2020) Der Anteil der Frauen im Bundestag liegt momentan bei 31,2 Prozent, anzustreben wären natürlich 50 zu 50. In der Wirtschaft ist der Aufholbedarf am größten. 633 Männer saßen z. B. Anfang 2020 bei den 160 größten börsennotierten deutschen Konzernen im Vorstand, Frauen nur 64. (Die Zeit, 20.02.2020) Gewalt gegen Frauen ist ein trauriges Thema, bei uns und vor allem weltweit. Neben dem Kampf um die Gleichberechtigung müssen Frauen besonders in bestimmten Ländern die alltägliche sadistische Gewalt ertragen und gegen sie kämpfen. In Chile z. B. werden täglich ca. 10 Frauen ermordet. (taz, 08.03.2020) Es ist ein zäher, sehr langwieriger Kampf und die Frauen müssen ihn alleine führen. Das Postulat der minderen Verstandesleistung und die Zuordnung zur Natur hat für die Frauen fatale Auswirkungen ausgelöst. Es werde noch ca. hundert Jahre dauern, bis das Projekt Gleichberechtigung abgeschlossen ist. (Weltwirtschaftsforum der UN,12/2019)

Wie wir heute mit der Natur, den Tieren umgehen, ist eine direkte Folge der Aussagen von Descartes und Bacon. Es gibt keine Sprache von Lebewesen, nur die Sprache von Maschinen, Uhrwerken, von Folter, Hetze, Auspressen und Ausbeuten. Der Gipfel: Tiere kennen keinen Schmerz. Einfach nicht mehr zu verstehen.

Die Situation heute: Das Leiden der Tiere in der Massentierhaltung, die überlangen Tier-Transporte, das Schreddern der männlichen Küken (zu geringe Gewinnspanne), das Kastrieren der Ferkel mit dem Taschenmesser, das massive Artensterben in der Tier- und Pflanzenwelt (in der Evolution das 6. Massensterben, diesmal menschengemacht). Die großen Probleme, die wir mit der Luft, dem Wasser, den Meeren, den Böden haben, müssen hier ebenso erwähnt werden.

Das Bild und der Umgang mit und von der Natur wurden analog auf die Naturvölker übertragen. Nach der Entdeckung Amerikas haben die Spanier die sog. Indianer nicht dem Menschengeschlecht zugeordnet. Erst ein Papst hat das in einer Bannbulle kritisiert und korrigiert. Das grausame Schicksal und die Zerstörung ihrer Reiche sind bekannt.

Rinder- und Sojabarone vertreiben Ureinwohner in Brasilien aus ihren angestammten Lebensräumen. Der brasilianischen Präsidenten Bolsonaro hat die Vertreibung der indigenen Bevölkerung zu seinem Regierungsprogramm erhoben. Dabei spielt die EU mit ihrem neuen Freihandelsabkommen „Mercosur“ kräftig mit. Wie überall versuchen sich die Volksgruppen zu wehren. Ein Bündnis aus 45 indigenen Völkern in Brasilien spricht von Genozid, Ethnozid und Ökozid. (Publik-Forum,2/2020) Die Aktivistinnen und Aktivisten erleben Drohungen, Gewalt und auch Mord. „Allein 2019 waren acht Anführer ermordet worden“. (Publik-Forum, 2/2020) Nicht wenige, mutige Frauenrechtlerinnen und mutige Naturschützer weltweit bezahlen ihren Einsatz mit ihrem Leben. So wurden im Februar 2020 erst wieder zwei Naturschützer tot aufgefunden. (Greenpeace-Magazin, 06.02.2020)

Die Klimakatastrophe wird um ein Vielfaches größer werden als die aktuelle Corona-Krise. Durch letztere wird die Klimadebatte völlig verdrängt. Aber das Verhungern, Verdursten, Vertreiben, die Wetterextreme, das Leid und das Sterben werden Ausmaße erreichen, die wir uns nicht vorstellen können oder wollen.

Wege in eine bessere Welt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein grundlegender Paradigmenwechsel statt, es ent stand etwas ganz Neues, was es bisher so nicht gab. Viele sprechen von einem weiteren Epochensprung in der Evolution. Zwei entscheidende Entwicklungen in der Physik, nämlich die Relativitätstheorie Albert Einsteins und die Quantentheorie. Sie beendeten mit einem Schlag die cartesianische Weltanschauung und die Newtonsche Mechanik. Hier weitere bedeutende Namen dieser Zeit: Bohr, Heisenberg, Pauli, Bohm, Grödinger, Plank u. a. Ihre Ergebnisse waren sensationell, haben großes Staunen und Ehrfurcht bei den Wissenschaftlter*innen und in der Bevölkerung ausgelöst. Die neue Physik erforderte tiefgreifende Änderungen in der wissenschaftlichen Sicht auf z.B. Raum, Zeit, Materie, Gegenstand, Ursache und Wirkung. Die neuen Erkenntnisse ergaben eindeutig, „dass die Gesetze der klassischen Physik in atomaren und subatomaren kleinen und astronomisch großen Dimensionen keine Gültigkeit mehr haben“. (Anders Indset S.164) Die Physiker/innen waren selber sehr erstaunt über ihre Entdeckungen und hatten Mühe die Ergebnisse zu verstehen. Werner Heisenberg: „Kann die Natur wirklich so absurd sein, wie sie uns in unseren atomaren Experimenten erscheint, ein Gefühl entsteht, als würde mir der Boden, auf dem die Wissenschaft steht, unter den Füßen weggezogen“. „…unsere Welt ist im Kern eben nicht rational, sondern folgt bizarren, quantistischen Gesetzen, die wir bislang nicht annähernd verstanden haben.“

Im Hinblick auf das Welt- und Menschenbild des 17. Jahrhunderts mit R. Descartes, I. Newton und F.Bacon entdeckten die Wissenschaftler*innen des 20. Jahrhunderts meist genau gegenteilige Ergebnisse. Die Maschinen-Theorien Descartes waren augenblicklich ungültig. „Das Universum wird nicht mehr als Maschine betrachtet, die aus einer Vielzahl von Objekten besteht, muss als ein unteilbares, dynamisches Ganzes beschrieben werden, dessen Teile auf ganz wesentliche Weise in Wechselwirkung stehen“. (Capra, S.80) Um dem Neuen Raum zu geben, “müssen wir uns endgültig vom mechanischen Weltbild der klassischen Physik und vom rein logisch-mathematischen Betrachtungen lösen“. (Indset, S.254) Ebenso ist die Newtonsche Gewissheit, die Natur lasse sich restlos erklären und verstehen, ihre letzten Geheimnisse sind gelüftet, dahin. „Die Physik des 20. Jahrhunderts hat uns sehr deutlich gezeigt, dass es in der Wissenschaft keine absolute Wahrheit gibt, dass alle unsere Vorstellungen und Theorien nur begrenzt gültig sind und sich der Wirklichkeit nur annähern“. (Capra,S.56) Auch hier das Gegenteil. Wir müssen akzeptieren, dass die Welt durch die Quantenphysik seltsam und unvorhersehbar geworden ist. (Indset,S.254) H.P. Dürr: „Im Grunde dominiert die immaterielle Beziehung, reine Verbundenheit, das Dazwischen, die Veränderung, das Prozesshafte, das Werden, eine Wirklichkeit als Potentialität.“ Die Vorstellung von der Ganzheit, von Verbundenheit steht im Zentrum der neuen Erkenntnisse „Alles im Universum ist auf eine merkwürdige Art miteinander verbunden.“ (M. Chown, Physiker) D. Bohm sagt: Die reale Welt sei nach denselben allgemeinen Prinzipien strukturiert, wobei das Ganze jeweils in jedes seiner Teile eingebettet ist.

Nur zwei Beispiele von rätselhaftem Verhalten in der Quantenphysik: „Nichtlokalität: Partikel können gleichzeitig an zwei verschiedenen, beliebig weit auseinander entfernten Orten sein. Teilchen und Welle: Die Partikel sind nicht darauf festgelegt, Materie oder Energie zu sein, sondern können zugleich die Eigenschaften von klassischen Teilchen und von klassischen Wellen haben. Im Experimenten „entscheiden“ sie sich erst dann für einen von beiden, wenn sie durch einen Beobachter dazu „gezwungen“ werden“.(Indset,S.166) Wie und warum das so geschieht, ist bis heute ungelöst. Da bleibt nur Staunen.

„In ihrem Bemühen, diese neue Wirklichkeit zu begreifen, wurden die Wissenschaftler*innen sich schmerzlich dessen bewusst, dass ihre Grundbegriffe, ihre Sprache und ihre ganze Art zu denken nicht ausreichten, die atomaren Phänomene zu beschreiben.“ (Capra,S.78) Im Zuge dieser Grenzerfahrungen knüpfen die Wissenschaftler*innen Verbindung zu spirituellen und transzendenten Elementen. H.P. Dürr hat in diesem Sinne das Buch „Physik und Transendenz“ herausgegeben und bringt darin eine ganze Reihe von Beispielen: D. Bohm: „Die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften werden nur einen Sinn ergeben, wenn wir eine innere, einheitliche und transzendente Wirklichkeit annehmen, die allen äußeren Daten und Fakten zu Grunde liegt.“ A. Einstein: „Das schönste und tiefste Gefühl, das wir erfahren können, ist die Wahrnehmung des Mystischen. Sie ist die Quelle aller wahren Wissenschaft.“ Exemplarisch auch C. Bresch: „Man kommt ins Staunen und kann eigentlich nicht anders, als alles auf einen Ursprung zuführen, das heißt, davon auszugehen, dass im Ursprung des ganzen Universums diese Entwicklung bereits begründet ist. Und dann ist nicht mehr weit, Ehrfurcht vor diesem Geschehen zu verspüren und religiös zu werden.“ (Publik-Forum,  10/1994)

Im Gegensatz zum Dualismus haben die Quantenphysiker*innen die Begriffe Einheit, Ganzheit und Verbundenheit als dominierende Prinzipien ihrer grandiosen Entdeckungen benannt. Und dies als Wissenschaftler*innen. Wir hätten es eher von Psychologen und Philosophen erwartet. Wenn ich mich mit einer Person eng verbunden weiß, spüren wir beide Nähe, Freude, Verstehen, Verlässlichkeit, Sicherheit und Wohlergehen. Wenn einer Probleme, Schwierigkeiten hat, geschieht alles, um Trost, Hilfe Unterstützung zu geben, zum wieder Gutgehen, zur Genesung und erneutem Wohlgefühl. Analog können wir diese Merkmale einer engen menschlichen Beziehung auf die Allverbundenheit in Welt und Universum übertragen. H.P. Dürr geht einen Schritt weiter: „Denn Allverbundenheit, die wir Liebe nennen können und aus der Lebendigkeit sprießt, ist in uns und in allem anderen von Grund auf angelegt.“ Hätten wir längere Zeit schon nach diesen Prinzipien einer tiefen Verbundenheit gelebt, gewirtschaftet, so sähe die Welt wohl anders aus. Wenn es uns gelingt, Allverbundenheit zu verinnerlichen, gehen wir mit uns und allem behutsam, achtsam um. Wenn wir andres schädigen, zerstören, fällt es ja auf uns selber zurück. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, wir sind Teil der Natur, Teil des Ganzen. Dies erkannt, sprechen wir nicht mehr von“ Umwelt“, sondern von „Mitwelt“. Da alles miteinander verbunden ist, wer- den wir ganz andere Einstellungen zu unseren Mitmenschen, zu allen Tieren und Pflanzen, zur gesamten Natur verinnerlichen – Achtsamkeit, Mitgefühl. Achtsamkeit heißt schätzen, schützen, hegen und pflegen. Mit einem solchen Bewusstsein brauchen wir keine ethischen Appelle mehr.

Die gänzlich neuen Erkenntnisse in den verschiedenen Wissenschaftsbereichen haben zudem den verlorengegangenen Vorgang des Staunens wiederbelebt. Je absurder, je rätselhafter ihre Entdeckungen waren, umso größer war ihr Staunen. Staunen über die Rätsel, über die Großartigkeit und Schönheit des Lebens, der Evolution und des Kosmos. Es ist doch interessant, dass für die Mystiker in allen Religionen das Staunen ein wesentlicher Ausdruck ihrer Spiritualität war. Das gilt ebenso für die Naturreligionen.

In den Medien finden sich seit längerer Zeit vermehrt Berichte über die Schönheit, Klugheit und Lebensintelligenz bei Tieren und Pflanzen. Auch das löst Staunen, Bewunderung aus.  Der Biologen Stefano Mancuso betitelt sein Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ und beschreibt darin viele Beispiele. Allseits verblüffende Intelligenzleistungen, um gut zu leben, sich anzupassen, zu überleben.

Das Staunen-Können löst weitere, äußerst positive Prozesse aus. Was wir bestaunen, bewundern wir, schätzen wir, unterstützen wir, fördern, hegen, pflegen wir. Unser Handeln ist von Mitgefühl und Achtsamkeit getragen. In uns manifestiert sich das, was A. Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ nennt. So spricht er ebenfalls: „Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen.“

Noch ein Anlass zum Staunen: In immer mehr wissenschaftlichen Disziplinen wächst der Konsens, dass jedem Lebewesen die Fähigkeit zur Selbstorganisation gegeben ist. Der Biologe R. Sheldrake war wohl der erste. Er sprach 1981 von morphogenetischen Feldern. Seine Thesen waren umstritten. Der Biologe H. Maturana prägte später den Begriff „Autopoiesis“ (selbst schaffen, bauen). Dies beschreibt eine Selbsterhaltung bei Lebewesen, die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Gerald Hüther in neuerer Zeit: Gemeinsam ist allem Leben eine Fähigkeit zur Selbstorganisation, der Autopoiesis. (Wikipedia) Der Biologe S. Marcuso berichtet in seinem Buch, dass Pflanzen in sich und mit Ihresgleichen kommunizieren. „So hüten sie sich vor Gefahren, sammeln Erfahrungen und erkunden den eigenen Körper und ihre Umwelt.“ (S.85) Mit dieser Lebensintelligenz gelingt es den Lebewesen, ihr Leben zu meistern, gut zu leben, sich anzupassen, zu überleben.

„Die Zukunft ist weiblich“

Die Zukunft kann nicht rein weiblich sein. Aber längst überfällig ist, dass es zu einer echten Balance zwischen Frauen und Männern kommt. Die Männer müssen das endlich zulassen, die Frauen kämpfen schon lange darum. Wenn die Wende zu einer nachhaltigen Zukunft gelingen soll, ist auch diese Änderung essenziell. Der Zustand der Menschheit, der Natur, des Planeten ist rein „männergemacht“. Das Leben, die Menschen, die Natur, die Ressourcen, die Lebensräume, das Klima werden wegen einer immer größeren Gewinnspanne, dem Profit, einem unbegrenzten Wachstum auf einem begrenzten Planeten gnadenlos und unverantwortlich geopfert. Solange Männer alleine entscheiden, wird das so bleiben. A. Indset zitiert den amerikanischen Psychiater D. Amen, der sich mit den Stärken von Frauen beschäftigt. „Amen führt fünf Stärken von Frauen auf, die sie in besonderer Weise als Führungskräfte qualifizieren: Empathie, Zusammenarbeit, Intuition, Selbstkontrolle und Verantwortungsbewusstsein.“ (Indset, S.111) Demnach sind Frauen sogar besonders geeignet Führungsarbeit im 21. Jahrhundert mitzutragen. Hier und überall müssen in den familiären, den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozessen die Frauen gleichgewichtig mit ins Boot genommen werden. Entscheidend wird sein, dass Frauen an allen Entscheidungen mitentscheiden.

Vorsicht ist geboten, da aktuell ein Erstarken des Patriarchats durch die Rechtpopulisten wieder wächst. Grundsätzlich wird es von einem großen Vorteil sein, wenn wir nach einem doch möglichen humanitären und ökologischen „Supergau“ für die Zeit danach mehr oder weniger fertige Konzepte für eine andere, bessere Welt in Händen haben.

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Persönliche Erklärung: Ich bin Laie und engagiere mich seit ca. 40 Jahren in verschiedenen Organisationen – mein Schwerpunkt ist der „Konziliare Prozess“ für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Natur, der Schöpfung. Ich bin Mitglied im „Ökumenischen Netz Bayern“ und war dafür auch bundesweit unterwegs. Bitte auch den Text: „Am Morgen einer besseren Welt“ im NETZ-Info 2020/1 beachten.

Stell Dir vor, jeder Mensch lebt in Würde und unser wundervoller Planet atmet auf

von Dieter Höntsch

– es ist Frieden auf der Welt, die Menschen gehen wertschätzend miteinander um, egal welche Hautfarbe sie haben, egal welche Bildung sie haben,
– jeder Mensch hat, was er braucht zum Leben, keiner leidet mehr Not,
– die Tiere und Pflanzen gedeihen in all ihrer Vielfalt,
– die Landschaften und Meere sind sauber und entfalten ihre Faszination,
– das Klima ist im Gleichgewicht, keine in einem erdgeschichtlich unvorstellbaren Tempo schwindenden Gletscher, kein anwachsender Meeresspiegel,
– wir Menschen leben in einer lebenswerten und menschenwürdigen Welt, wir sind gesund dank gesunderhaltender Lebensweise, wir sind voller Leistungsfähigkeit, voller Lebensfreude und entfalten unsere Potenziale,
– wir haben die Möglichkeit, zum Gemeinwohl beizutragen, was uns erfüllt, ohne Druck,
– wir sind zufrieden und dankbar für alles, was uns an Wundervollem vergönnt ist,
– wir können uns glücklich fühlen, gemeinsam mit dem Partner, mit Kindern, Enkeln, Urenkeln und anderen Familienangehörigen, mit Freunden, mit Arbeitskollegen, mit Menschen, die uns sonst noch nah sind oder uns begegnen.

Alles nur ein Traum?

Nein, es ist möglich! Nicht gleich morgen, denn es ist schon ein großes Stück Weg, das wir gemeinsam gehen müssen. Es liegt an uns, wie lange wir für den Weg brauchen, wie lange es braucht, bis immer mehr von uns gelernt haben, umzudenken und eigenes Handeln zu verändern.

Nur Hirngespinnste, sagt der Pessimist

Die Mächtigen streben eher nach immer mehr Macht, als dass sie etwas davon abgeben, die meisten Wohlhabenden sind voller Gier nach mehr und klammern sich an ihren Reichtum. Und all die anderen müssen die Leere in ihrem Leben immer wieder füllen, indem sie konsumieren, um wenigstens Augenblicke des Glücks zu erleben, um nicht etwa weniger zu besitzen, als der Nachbar.

Ein realistischer und in naher Zukunft erreichbarer Traum, meine ich

Warum streben die Mächtigen nach immer mehr Macht, die Wohlhabenden nach immer mehr Reichtum und all die anderen nach mehr Konsum? Weil sie wie jeder Mensch Bedürfnisse haben, die sie sich erfüllen möchten. So lehrt es u.a. Marshall B. Rosenberg, der die Methode der Gewaltfreien Kommunikation entwickelt hat.

Menschen wollen unter anderem
– bedeutsam sein,
– Bestätigung erfahren,
– Erfolg haben,
– dazu gehören oder
– wertgeschätzt werden.

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich wirksam sein möchte, weil mir Frieden, Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit besonders wichtig sind. Texte zu schreiben, ist eine meiner Strategien, um mir Bedürfnisse zu erfüllen.

Leider haben die Strategien, mit denen sich Menschen Bedürfnisse erfüllen wollen nicht selten einen sehr hohen Preis – Menschenleben, menschliches Leid, Verlust an Lebensqualität, Verlust an Artenvielfalt und vieles mehr.

Lassen sich durch Erweiterung von Macht, Anhäufung von Reichtum oder dauerndem Konsum wirklich Bedürfnisse erfüllen? Was wir mit diesen Strategien erreichen können, das sind bestenfalls Momente des Glücks, Glückssternschnuppen vielleicht. Um Glücklichsein als andauerndes Lebensgefühl, die Sterne des Glücks, zu erfahren, braucht es andere Strategien.

Zum Glück gibt es Strategien, mit denen wir uns unsere Bedürfnisse nachhaltig erfüllen können. Sie kosten in der Regel kaum etwas und sind ausgesprochen erfolgversprechend. Meist sind diese Strategien ganz einfach. Ich bin zum Beispiel zu tiefst glücklich, wenn ich mich auf das Spiel meiner Enkel einlasse, einfach nur Zeit investiere. Dadurch erfüllen sich meine Bedürfnisse nach Freude, Liebe, Spiel, Unterstützung, Ausgelassenheit, Leichtigkeit und Spaß. Wir können natürlich auch Großes vollbringen, um uns Bedürfnisse zu erfüllen, beispielsweise die Not anderer Menschen lindern. Doch selbst das so selten gewordene „Danke!“ wieder in unseren Alltag zu integrieren, hilft uns, uns Bedürfnisse zu erfüllen, die nach Freundlichkeit und Wertschätzung im Miteinander zum Beispiel. Probieren Sie es aus, es tut wirklich gut.

Klingt zu einfach, um wahr zu sein? Übung macht dem Meister. Üben Sie sich darin, Strategien für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu finden, die kaum etwas kosten, die Ihr Leben jedoch wahrhaft bereichern. Und praktizieren Sie das, was Sie finden immer öfter. Solches Verhalten in sein Alltagsleben zu integrieren, braucht allerdings doch etwas mehr, es braucht die Bereitschaft, immer wieder hinzuzulernen und die Beharrlichkeit, das Erlernte zu leben. Wer in solches Lernen und Handeln investiert, der erzielt eine wahrlich hohe Rendite, die eines erfüllten Lebens. Und er gesellt sich zu jenen, die sich auf den Weg in eine lebenswerte und menschenwürdige Zukunft begeben. Ich meine, Heinz Rudolf Kunze hat recht, wenn er singt:

„Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen.“

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay