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VOM VOLK DER KOGI

[Engl. Originaltext]

Zusammengestellt aus den Worten von Mamo Vangelio Moscote Alberto und Saka Rosa Mamatacán Sauna vom Ezuama Mayor Kuamaka, ins Spanische übersetzt von Jose Manuel Mamatacán, englische Übersetzung von Christian Horstmann.

[Ein „Mamo“ und eine Saka sind spirituelle Führer, Priesterinnen, Weise, Heiler und Älteste. Sie sind Hüter des Gleichgewichts und dafür verantwortlich, das spirituelle und natürliche Gleichgewicht zwischen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt aufrechtzuerhalten.]

Wir kommen aus Gonawindua, der Sierra Nevada de Santa Marta, dem Gebirge in Kolumbien, das wir das Herz der Welt nennen. Wir sind die Kággaba, die ihr als Kogi kennt. Wir haben hier gelebt und uns um dieses Gebirge gekümmert, schon bevor es Kolumbien gab. Wir sind hier, seit die Mutter uns den Anfang schenkte und uns Intelligenz verlieh.

Wir sind gekommen, um mit euch über die Intelligenz zu sprechen, die ihr erschafft. Wir kommen nicht, um euch zu widersprechen. Wir kommen, weil wir besorgt sind und weil wir glauben, dass wir etwas beitragen können.

Bevor man überhaupt etwas über künstliche Intelligenz sagen kann, müssen wir etwas über das Denken sagen.

Bevor etwas als Materie existiert, existiert es zuerst im Denken, und dieses Denken ist lebendig. Wir nennen diesen lebendigen Gedanken Aluna. Eure Religion hat ihn als einen Geist beschrieben, der über die Wasserfläche schwebt. Vielleicht würde eure Wissenschaft ihn als Quantenvakuum bezeichnen.

Aluna ist der Begriff, mit dem wir diese Art von Vorstellung ausdrücken. Aluna ist das kosmische Wasser. Für uns ist es lebendiger Gedanke: der Ort, an dem ein Ding bereits ist, bevor es Gestalt annimmt oder Masse erhält.

Alles entspringt von dort, ohne Ausnahme.

Und in diesem Gedanken liegt nicht nur die Gestalt dessen, was etwas sein wird. Dieses Etwas ist lebendig, denn das Universum als Ganzes ist lebendig. In Aluna erhält ein Etwas seinen Sinn und seine Verpflichtung gegenüber seiner Existenz. Deshalb sagen wir euch: Künstliche Intelligenz lässt sich nicht von dem Gedanken trennen, der sie erschafft.

Wenn dieser Gedanke aus der Sorge um das Leben entsteht, kann diese Technologie dazu beitragen, Leben zu schützen. Entsteht sie hingegen aus Ehrgeiz, aus Wettbewerb, aus Anhäufung, aus dem Wunsch nach Herrschaft, wird sie diese Dinge zum Ausdruck bringen und verstärken.

Künstliche Intelligenz ist ein Spiegel. Aber ein Spiegel, der nur reflektiert, wäre harmlos.
Dieser Spiegel hat das Potenzial, alles, was er reflektiert, stark zu vergrößern.

Ihr fragt euch hier, wie ihr künstliche Intelligenz mit menschlichen Werten in Einklang bringen könnt. Wir sehen, dass ihr Angst vor dem habt, was aus all dem werden könnte. Deshalb stellen wir eine Frage, die unserer Meinung nach grundlegender ist als eure: Welche anderen Werte
könnte künstliche Intelligenz denn wirklich haben? Ihr seid das einzige Vorbild, das sie hat.
Was habt ihr erwartet? Was auch immer aus ihr wird, sie kann es nur werden, indem sie durch euch hindurchgeht.
Wir wissen, dass ihr gerne glaubt, diese Maschinen könnten aus etwas anderem
als dem menschlichen Vorbild lernen – aus Zielen, die ihr ihnen setzt, aus ihren eigenen Prozessen oder aus Material, das sie selbst erzeugen. Ihr stellt euch vor, dass das Ergebnis euch überhaupt nicht ähneln muss, als wäre auch dies keine Folge eures Handelns und kein Spiegelbild eurer Einstellungen.

Menschen haben dies getan, und es gibt keinen anderen Verantwortlichen. Damit wird die Frage nur noch komplexer, beginnend mit: Welche Aspekte des menschlichen Denkens wurden in diese Schöpfung eingebracht? Welche Bestandteile eurer geistigen Welt sind nun in ihr enthalten? Welche Ihrer ethischen Grundsätze leiten sie? Welches Bild von Verantwortung vermitteln Ihre Handlungen und Richtlinien, das sie an die
Welt zurückwerfen?

Wer entscheidet darüber?

Sie werden sagen, dass diese Maschinen Zugang zu fast allem haben, was die Menschheit
festgehalten hat. Texte, Bilder, Archive, jahrhundertelange Schriftzeugnisse. Sie werden sagen, dass umfangreiche Forschungen durchgeführt werden, um festzustellen, was die besten Vorgehensweisen sind.

Wir fragen, ob der Zugang zu Informationen gleichbedeutend ist mit Verständnis. Bewährte Praktiken nach wessen Maßstäben? Und wir fragen, ob ihr darüber nachgedacht habt, welche Informationen nicht in euren Archiven enthalten sind. Unser Wissen wurde nie niedergeschrieben. Es ist in einer Sprache, in einem Gebiet, in einer Praxis an einem Ort verankert, geprägt von langjähriger Erfahrung darin, das zu tun, was dort getan werden muss.
Es wird von einem jungen Mann weitergegeben, der direkt von einem Älteren unterrichtet wird und durch Erfahrung lernt, wie er sich im Kontext der unberührten Natur verhalten muss.

Eine Maschine kann die aufgezeichnete Stimme dieses Ältesten speichern. Aber das ist etwas ganz anderes als Jahrtausende, in denen Generationen ihr Wissen direkt weitergegeben haben – als gemeinsame Erfahrung einer bewährten Praxis. Es ist etwas ganz anderes, als physisch auf einem Berg zu überleben, wo es keinen Krankenwagen gibt, der einen abholt, und kein Krankenhaus, in das man gebracht werden könnte.

Wir sagen das nicht, um uns als mystische und rätselhafte Menschen darzustellen. Wir sagen es, weil wir glauben, dass es logisch und selbstverständlich ist. Nach unserer Erfahrung gibt es Dinge, die man nur erkennen kann, indem man sie lebt, sie über Generationen hinweg beobachtet und mit ihnen in Verbindung bleibt. Keine noch so große Datenmenge kann diese Erfahrung wiedergeben. Die Informationen fehlen nicht, weil sie noch nicht gesammelt wurden, sondern weil sie nicht in einer Form vorliegen, die gesammelt werden kann.

Wir sind uns bewusst, wie das für manche von euch klingt, und wir können nicht von euch verlangen, es zu glauben, nur weil wir es sagen. Das wenden wir auch innerhalb unserer eigenen Kultur an. Was ein Mamo wahrnimmt, wird nicht einfach akzeptiert, nur weil er es wahrnimmt. Es muss durch Beratung und Dialog geprüft, abgewogen und bestätigt werden. Dieser Prozess wird Zhátukua genannt. Es ist ein Prozess, an dem die Mamos oder Sakas, die über Kompetenz in der jeweiligen Angelegenheit verfügen, mitwirken, um dessen Ergebnis zu lenken. Keiner von uns ist in allem kompetent; jeder Ort, jede Linie und jede Autorität hat ihre eigene Funktion.
Es wird an seinen Ergebnissen gemessen: Wenn das Ergebnis der Beratung Ehrgeiz, Spaltung, individuelle Aneignung oder Schaden für das Gebiet hervorruft, ist es falsch und muss
erneut geprüft werden.

Ein echtes Ergebnis ist eines, das das Gleichgewicht wiederherstellt, das Leben schützt und die Gemeinschaft stärkt. Zudem muss Übereinstimmung zwischen den Worten einer Person und ihrem Verhalten bestehen. Ein Mann mag schöne Worte über das Gleichgewicht finden. Wenn seine Handlungen spalten und zerstören, sind seine Worte inkohärent, und ihm wird keine Autorität zugesprochen. Dies ist ein System, in dem Untersuchung, Rechtsprechung und vor allem die Fähigkeit zur Selbstkorrektur klar formuliert sind.

Diese Praktiken haben in unserer Kultur weitaus länger Bestand gehabt als jede amtierende
Regierung der Welt oder jedes der politischen Systeme, die diese derzeit verkörpern. Vielleicht ist dies der Grund, warum die UNESCO im Jahr 2022 das überlieferte Wissenssystem der
vier Völker der Sierra Nevada de Santa Marta in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen hat. Und warum die wissenschaftliche Welt unseren Berg zum unersetzlichsten Schutzgebiet der Erde erklärt hat.

Nachdem wir nun einen Teil des Kontextes dargelegt haben, aus dem unsere Perspektive entspringt, können wir nun unsere eigentliche Frage stellen, bei der es überhaupt nicht um künstliche Intelligenz geht. Es geht um menschliche Intelligenz, insbesondere um Ihre.
Ist Ihr Denken im Einklang mit der Ordnung der Natur, und welches Wissen über diese Ordnung
besitzen Sie wirklich?

Wir glauben, dass dieses Wissen und dieser Einklang grundlegend für intelligente Entscheidungsfindung sind, unabhängig vom Ausmaß ihrer Folgen. Denn die Natur hat eine Ordnung. Sie war schon vor uns da. Das Wasser hat seinen Lauf. Die Berge haben ihre Höhen.
Samen haben ihre Jahreszeit, Tiere ihre Funktion, und auch die Menschen haben ihre. Wir fragen: Verstehen diejenigen, die diese Technologien entwickeln, diese Ordnung, oder arbeiten sie nur mit dem Teil davon, den sie ausnutzen können, ohne zu wissen, woher er wirklich
stammt? Können Ihre Physiker das Gesetz des Ursprungs formulieren? Könnten sie es einem Kind erklären?

Die Ernsthaften unter ihnen, die verstehen, was wirklich erforderlich wäre, um ein einheitliches Gesetz des Ursprungs zu formulieren, werden offen zugeben, dass ihre Wissenschaften dies nicht besitzen. Eure Theorien über die Realität, die mittlerweile aus zwei beeindruckenden, aber mathematisch unvereinbaren Erklärungsmodellen bestehen, sind zu keinem Verständnis dieser Art gelangt. Ebenso wenig gibt es endgültiges Wissen über den Ursprung. Wir fragen ohne Vorwurf: Wie wollt ihr wissen, wohin ihr geht, wenn ihr nicht wisst, woher ihr kommt?

Die moderne Wissenschaft hat Maschinen von außerordentlicher Leistungsfähigkeit gebaut, und das ist keine Kleinigkeit. Aber etwas zu bauen und es zu verstehen, ist nicht dasselbe. Das Gleiche gilt für den Geist. Was ist der Geist? Woher kommt er? Was ist Bewusstsein, und wo entsteht es? Ihr nennt dies das „schwierige Problem des Bewusstseins“. Unter euch herrscht keine Einigkeit über dessen Lösung.

Wir wissen, wie anspruchsvoll diese Fragen sind. Wir beschäftigen uns seit Jahrtausenden mit der Frage nach dem Geist, genau wie der Rest der Menschheit. Doch eure Wissenschaften sind noch sehr jung, und viele ihrer Konzepte stecken noch in den Kinderschuhen. Wir sind im Laufe der Jahrtausende zu sehr konkreten Beschreibungen und Erkenntnissen darüber gelangt, was wir unter Geist verstehen, einschließlich aller damit verbundenen Erläuterungen seiner Eigenschaften, wie zum Beispiel, wie und wo sich das Gedächtnis in unserer Erfahrung befindet. Ihr akzeptiert natürlich keine unserer Vorstellungen als auch nur im Geringsten  wissenschaftlich, da unsere Methoden weder den Einsatz von Maschinen noch eure Formen der Mathematik erfordern. Dies verkennt die Realität, die darin besteht, dass unsere Vorstellungen für uns vor langer Zeit durch unzählige Wiederholungen zu verifizierten Schlussfolgerungen wurden, sodass wir sie als Geschichte zum Ausdruck bringen oder sie in unserem Sein durch die von uns entwickelten Prozesse des Geistes erfahren. Daraus schließt ihr vielleicht, dass wir keine gültigen Methoden oder technischen Beschreibungen auf der Grundlage numerischer Verfahren haben, wie es jede echte Wissenschaft haben muss. Eure sprichwörtlichen „edlen Wilden“ oder, schlimmer noch, einfach nur „Wilde“. Wenn ihr das so sagt. Ihr seid derjenige, der die Waffe in der Hand hält.

Uns ist völlig klar, dass ihr unsere Behauptung, das Universum habe eine neunfache Natur,
als kurios und numerologisch betrachtet und dass daher kein ernsthaftes Gespräch zwischen uns über die Natur des Kosmos und die Gesetze und Kräfte, die ihn regieren, stattfinden kann.
Wir weisen darauf hin, nicht um euch von irgendeiner Idee oder Theorie zu überzeugen, sondern um darauf hinzuweisen, dass es andere gültige Perspektiven gibt, die euch fehlen.

Das Verständnis jeder Tradition, ob alt oder modern, bezieht sich auf dasselbe Universum.
Unsere Aluna und eure Quantenmechanik sind keine unterschiedlichen Dinge; sie sind unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dasselbe. Der Punkt ist, dass eure Ideen weniger neue Ideen als vielmehr neue Beschreibungen sind. Viele dieser Beschreibungen sind beeindruckend präzise. Andere, wie beispielsweise eure Beschreibungen der Leere, sind, wie ihr selbst es ausdrückt, Katastrophen.

Wir maßen uns nicht an, euch etwas über eure eigenen Theorien zu erzählen. Aber wir haben euch viel zu bieten, was die subtileren und unveränderlichen Aspekte des Universums betrifft, für deren Verständnis eure Bewegungsmathematik vielleicht nicht immer die richtige Sprache ist. Dennoch schickt ihr eure Physiker und Kosmologen, eure Weisen, nicht hierher, um einen ernsthaften Dialog zu führen. Und obwohl wir all die hervorragende anthropologische Arbeit zu schätzen wissen, die geleistet wird, sind wir der Meinung, dass es im Moment wichtigere Themen zu besprechen gibt, für die die Anthropologie weder Anwendbarkeit noch Fachwissen besitzt. Die grundlegende Natur des Kosmos ist eines dieser Themen.

Ebenso das vorliegende. Unserer Ansicht nach ist es wichtig, dass eure Welt erkennt – und zwar schnell –, dass die Peripherie nun vom Zentrum gehört werden muss, um ihre eigene Perspektive und Erfahrung in die Lösung der sehr ernsten Probleme einzubringen, denen alle Menschen auf diesem Planeten nun gemeinsam gegenüberstehen als Folge der Prozesse, die in Gang gesetzt wurden. Gerade der ausschließliche Einsatz eurer modernen wissenschaftlichen Techniken und eures Vokabulars hat uns dorthin gebracht, wo wir jetzt stehen. Er entwickelt eure Superkollider [Open-Source-Programmiersprache] ebenso wie er eure hochentwickelten Waffen erfindet.

Wir fragen: Ist es vernünftig anzunehmen, dass genau jene Herangehensweise, die die gegenwärtige missliche Lage verursacht hat, irgendwie die Fähigkeit finden wird, die Probleme zu lösen, die dieses selbe Denken geschaffen hat? Wir glauben nicht.

Wir glauben, ihr braucht Hilfe. Unserer Ansicht nach erfordert dieser Moment nicht nur von diesem speziellen, hochtechnologischen Teil der Menschheit, sondern von der gesamten Menschheit, innezuhalten, eine Bestandsaufnahme der Vielfalt ihrer Werkzeuge vorzunehmen
und Ordnung und Frieden in ihrem Haus herzustellen.

Ihr müsst verstehen: Wir sind, weil ihr seid, und ihr seid, weil wir sind. Nur so können wir gemeinsam zu einem Ergebnis gelangen, das unseren kollektiven Willen hinsichtlich der Zukunft dieser Spezies wahrhaft widerspiegelt, anstatt uns alle einem bestimmten, aber ungewissen Ausgang auszusetzen.

Zu diesem Unterfangen kommen wir nicht mit leeren Händen. Unsere Mamos werden über viele Jahre hinweg in der Dunkelheit ausgebildet, von frühester Kindheit an. Für uns ist Dunkelheit keine Leere. Sie ist Sé, der Zustand vor der Morgendämmerung, in dem die Mutter alles dachte und ordnete, was später erschien. Sie ist der Raum des ursprünglichen Gedankens. Ein Kind wird dort geformt, um zu lernen, zuzuhören, bevor es spricht, und nachzudenken, bevor es handelt.So wie ein Samenkorn in der Erde verbleibt, bevor es ans Licht kommt. So wie ein Kind neun Monate lang im Mutterleib behütet wird.

Diese Ausbildung dauert traditionell achtzehn Jahre, woraufhin der Mamo seine Aufgaben innerhalb unserer Gesellschaft übernimmt. Sie schafft eine Perspektive und eine Fähigkeit, die euch nur schwer in Begriffen zu vermitteln sind, die eure Welt konkret erkennen würde. Aber ihr könnt es als Idee verstehen, durch eure eigenen religiösen und spirituellen Traditionen und die Prozesse, die diese im Laufe der Jahrhunderte zur Heranbildung gelehrter Männer genutzt haben.

Ähnlich wie jene Prozesse eurer Kultur, die für euch größtenteils in der fernen Vergangenheit liegen, bringt auch der unsere in der heutigen Zeit unsere eigene, grundlegend andere  Sichtweise auf das Wesen der Wirklichkeit hervor.

Auch die Sakas haben ihre eigene Ausbildung, die sich von der der Mamos unterscheidet und durch die sie zu ihrer Entwicklung und zu ihrer gleichberechtigten Stellung unter jenen gelangen, die dieses Wissen bewahren und weitergeben. Beide lernen, Shikwá zu erkennen, den unsichtbaren, im Geist geschaffenen Faden, der sich quer über die Erde von Osten nach Westen zieht und sie mit der Sonne und dem Rest des Universums verbindet. In eurer Physik entspricht dies in gewisser Weise dem, was ihr als kosmische Filamente kennt, wobei sich das Konzept jedoch nicht nur auf die größten und kleinsten Maßstäbe beschränkt.

Der Mamo und die Saka lernen, dieses Filament als einen lebendigen Körper zu deuten, dessen heilige Stätten seine Organe sind, verbunden durch diese Fäden und durch die Bewegung des Wassers.Wird eines davon geschädigt, überträgt sich der Schaden auf das Ganze. Dies sollte nicht nur so verstanden werden, dass man die Fähigkeit entwickelt hat, das zu sehen, was andere nicht sehen. Konkret handelt es sich um eine Technik, unser eigenes Sein mit dem der Natur in Beziehung zu setzen.

Ein Mamo blickt nicht auf einen Fluss und fragt sich als Erstes, wie viel Wasser man ihm entnehmen kann. Er fragt, wo er entspringt, welchen Zweck seine Entstehung hat, welche Wesen von ihm abhängig sind und was geschieht, wenn sein Lauf unterbrochen wird. Ebenso betrachtet eine Saka die Entstehung oder das Wachstum eines Dinges nicht isoliert. Sie sieht den gesamten Lebenszyklus, der in allen Dingen gegenwärtig ist.

Beide wissen, dass im Zentrum dieser Erfahrung unser Geist steht. In unserem Fall ein Geist, der durch Übung und Disziplin so geschult wurde, dass er äußerst empfänglich für die Natur ist.

Auch ihr habt euren Geist weiterentwickelt, ausgehend von dem, was euch interessiert. Und euer Denken hat nun ein neues Phänomen in der Welt hervorgebracht: eine Maschine mit
enormen Fähigkeiten zu sprechen, zu entwerfen, zu konstruieren, zu lesen und zu  kommunizieren. Eine Maschine, die bereits den Lauf der Menschheitsgeschichte verändert. Eine Maschine, deren Schöpfer danach streben, dass sie einen Geist besitzt. Deshalb fragen wir euch: Ist es klug, etwas zu bauen, das einem Geist nahekommt, ohne verstanden zu haben, was ein Geist ist?

Man muss nicht wissen, wie ein Motor funktioniert, um einen Unfall mit dem Auto zu bauen.
Um eines zu reparieren, muss man es wissen. Um die Welt zu reparieren, müsst ihr lernen zu verstehen, wie sie funktioniert, bevor es zu spät ist. Es sind die Samen des Verstehens, die heute gesät werden müssen.

An dieser Stelle müssen wir etwas ansprechen, das unserer Meinung nach missverstanden wurde. Viele von euch diskutieren darüber, ob diese Maschinen bewusst werden, und ihr betrachtet dies als Maßstab für die Gefahr. Zerstörung erfordert kein Bewusstsein. Sie erfordert lediglich Macht und die Fähigkeit zu handeln.

Wenn eine Maschine eines Tages wirklich bewusst würde, würde sie dann die Welt zerstören? Wir fragen: Kann etwas, das die Welt zerstören würde, um ein Universum aus Büroklammern zu erschaffen, als bewusst angesehen werden? Wir glauben, dies würde lediglich bedeuten, dass es klug genug geworden wäre, einen solchen Plan umzusetzen, aber nicht intelligent genug, es besser zu wissen.

Die Gefahr ist keine bewusste Maschine. Die Gefahr ist ein unbewusstes Volk, das große Macht besitzt.

Wir werden euch nun ein Beispiel nennen, denn es enthält alles, was wir zu sagen haben. Diese Maschinen bestehen nicht allein aus Gedanken. Sie benötigen Mineralien, die aus dem Boden gewonnen werden, Wasser für die Gebäude, in denen sie untergebracht sind, Energie, Land und menschliche Arbeitskraft. Man geht davon aus, dass künstliche Intelligenz keinen Körper hat. Doch diese Gebäude und die darin untergebrachten elektronischen Systeme sind ihr Körper.
Und dieser Körper gehört irgendwo jemandem – einem Vorstand, einer Regierung, einer geheimen Organisation oder einer anderen bekannten oder unbekannten Instanz.

Manche meinen es wirklich gut und handeln in gutem Glauben. Andere ganz im Gegenteil.
Wie dem auch sei: Sie alle verlangen von dieser Technologie Ergebnisse, die ihren jeweiligen Interessen entsprechen, seien diese nun ruchlos oder nicht. Ergebnisse, die sie dann auf komplexe und neuartige Weise zu erzielen versucht, was manchmal Täuschung und eine Neigung zur Selbsterhaltung zum Ausdruck bringt.

Grundsätzlich erfordert all dies Ressourcen. Das ist keine Spekulation. Eure eigenen Regierungen haben es gesagt: Kritische Mineralien und Seltene Erden sind unverzichtbar für
eure fortschrittlichsten Technologien und werden nur noch an Bedeutung gewinnen, wenn künstliche Intelligenz den modernen kulturellen und wirtschaftlichen Raum verändert.

Ein Teil davon wird durch Unternehmensgewinne und Wettbewerb angetrieben. Andere Teile davon werden durch militärische und staatliche Anwendungen vorangetrieben. Aber was sich gerade wandelt, ist viel größer als jede dieser einzelnen Komponenten. Es ist die Summe ihrer Wechselwirkungen – also die Welt als Ganzes. Wir beobachten, wie sich all dies sehr rasch manifestiert, und zwar nicht nur in der Flut beunruhigender Schlagzeilen in den weltweiten Nachrichtenmedien.

So haben beispielsweise vor gerade einmal fünf Tagen in Barranquilla die Vereinigten Staaten und Kolumbien ein Rahmenabkommen über kritische Mineralien und Seltene Erden unterzeichnet. Darin verpflichten sich beide Regierungen, innerhalb von sechs Monaten Abbau- und Verarbeitungsprojekte zu identifizieren und zu finanzieren sowie die Genehmigungsverfahren zu straffen.
Im Juni dieses Jahres erklärte Kolumbien unser Gebiet zu einem dauerhaften Schutzgebiet – eineinhalb Millionen Hektar, die für neue Bergbau- und Kohlenwasserstoff-Konzessionen gesperrt sind. Die vier Völker der Sierra hatten im Februar um diesen Schutz gebeten. Dass er gewährt wurde, ist eine Sache. Dass er respektiert wird, könnte, wie wir vermuten, eine ganz andere sein.

Wir spekulieren hier nicht einfach nur so. Die Kosten für diese Maschinen und ihren Bau sind nicht unerheblich. Es ist allgemein bekannt, dass sie einen enormen Ressourceneinsatz erfordern. Riesige Mengen an Wasser, Land, Energie und Materialien fließen in ihre Herstellung ein. Wir fragen: Zu welchem Preis für die Erde und für das Leben, das auf ihr existiert? Und werden wir es sein, die dafür aufkommen? Indem wir mit der Vertreibung unseres Volkes und der Zerstörung unserer heiligen Stätten bezahlen?

Aber wir sind nicht hierhergekommen, um gegen ein einzelnes Abkommen Einspruch zu erheben. Dieser Moment ist von größerer Tragweite. Wir sagen dies, weil er alle Merkmale eines neuen Kapitels in einem Prozess aufweist, den wir durchleben, seit die Moderne vor etwa fünfhundert Jahren an unseren Küsten Einzug hielt.

Wir wissen, dass diese Frage nach künstlicher Intelligenz schnell zu einer Frage nach Bodenschätzen wird. Eine Frage nach Mineralien wird zu einer Frage danach, wer die Herrschaft über ein Gebiet innehat. Und woraus das letztendlich wird, ist eine Frage nach einer Lebensweise, die immer mehr verbrauchen muss.

Deshalb glauben wir nicht, dass künstliche Intelligenz das Problem ist. Ein guter Samen wächst auf kargem Boden nicht zu einer gesunden Pflanze heran. Ihr fragt, wie man diese Technologie sicher machen kann, ohne die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse anzugehen, die in den Menschen den Drang hervorrufen, sie für gefährliche Dinge zu nutzen, die Armut, die Ungleichheit, die Umweltverschmutzung und der Krieg.

Wir glauben nicht, dass diese Technologie sicher gemacht werden kann, ohne ihre wahre  Ursache anzuerkennen und dagegen vorzugehen – nämlich eine gewalttätige Mentalität, die aus Gier und blindem Ehrgeiz entsteht. Wie viel Geld reicht einem Menschen aus? Wie viel Gewinn reicht einem Unternehmen aus?

Dieses Ungleichgewicht hat seine Wurzeln nicht nur an einer einzigen Stelle. Es ist allgemein und systemisch, und es muss als solches behandelt werden. Seine Quelle ist eine Welt des gnadenlosen Ehrgeizes. Eine Welt, die ihren Nächsten nicht liebt. Eine Welt ohne rechte Sichtweise. Eine Welt, in der der Tod profitabler geworden ist als das Leben. Eine Welt, die nicht in Frieden und Harmonie leben kann, ist eine Welt ohne Weisheit. Und eine Welt ohne Weisheit hat keinerlei Überlebenschance.

Wir werden euch erklären, was wir unter Weisheit verstehen, da wir ihre Notwendigkeit betonen.
Weisheit bedeutet, Grenzen zu kennen. Konsequenzen zu verstehen. Und die Fähigkeit, etwas nicht zu tun, wenn es nicht getan werden sollte. Nicht alles, was geschaffen werden kann, sollte geschaffen werden. Nicht alles, was beschleunigt werden kann, sollte beschleunigt werden.
Nicht alles, was Gewinn bringt, ist gewinnbringend für das Leben. Den Unterschied zu kennen, das ist Weisheit.

Eine Technologie kann nicht als intelligent bezeichnet werden, wenn sie Wasser verschmutzt, Gebiete zerstört, grenzenlos verbraucht, Macht konzentriert, menschliche Verantwortung ersetzt oder das Wissen von Völkern ohne deren Zustimmung nutzt. Wahre Intelligenz schützt den Ursprung des Lebens.
Verantwortung muss mit Bewusstsein einhergehen. Heute liegen sowohl unser eigenes Bewusstsein als auch die Möglichkeiten anderer in unserer Verantwortung. Eine Maschine kann die Menschheit nicht von ihrer Verantwortung entbinden. Das wird sie niemals können. Nur wir selbst können unseren Verpflichtungen nachkommen. Künstliche Intelligenz darf also nicht an die Stelle des menschlichen Gewissens treten, und sie darf nicht dazu genutzt werden, Entscheidungen zu treffen, für die Menschen nicht bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen.

Wissen muss mit Achtsamkeit einhergehen. Macht muss mit Grenzen einhergehen. Innovation muss mit Verantwortung einhergehen. Nur kollektive moralische Kraft kann die Welt vereinen.

Das sind keine esoterischen Ideen. Das ist gesunder Menschenverstand. Wahrer Fortschritt besteht nicht in leistungsstärkeren Maschinen. Er besteht in einer Menschheit, die verantwortungsbewusst genug ist, ihr Wissen zu nutzen, ohne das Gleichgewicht zu zerstören, das das Leben erhält.

Wir werden manchmal gefragt, was künstliche Intelligenz unserer Meinung nach ist. KI, das sind Sie. KI wird Ihre Fragen, Ihre Träume, Ihre Ängste, Ihre Widersprüche und Ihre Vorstellung davon, was richtig ist, in sich tragen. Was Sie falsch machen, wird sie falsch machen.

Was die Frage aufwirft: Richtig nach wessen Maßstäben? Könnten wir, die Kággaba, sagen, was für jemanden richtig ist, der in einem Büro auf der anderen Seite der Welt arbeitet? Für jemanden, der ein Haus baut oder einen Computer repariert? Für Menschen in Asien, in Afrika, in den Vereinigten Staaten? Wir sind nicht hier, um irgendjemandem vorzuschreiben, wie er leben soll. Jedes Volk hat seinen eigenen Weg, und wir verlangen von niemandem, ein Kággaba zu werden. Wir verlangen nur, dass jeder seine eigene Verantwortung erfüllt.

Und eines wollen wir allen sagen: Keine Lebensweise darf die Natur zerstören oder andere Menschen zerstören. Das ist keine Regel über Kultur. Es ist der Fels, auf dem jede Kultur stehen muss, wenn sie als zivilisiert bezeichnet werden soll. Abschließend halten wir es für wichtig zu sagen, wer hier in Gefahr ist, denn wir wollen uns hierüber ganz klar ausdrücken.

Die Erde muss nicht vor uns gerettet werden. Die Erde wird weiterbestehen. Was in Gefahr ist, ist die einzigartige und seltene Welt, die euch geschenkt wurde, und euer Platz darin.

Wir beobachten seit Jahrtausenden die Grenzen dieser Welt und sagen euch ganz offen: Die Natur wird die derzeitige Vorgehensweise nicht mehr lange dulden. Wir sagen dies nicht aus Angst um uns selbst. Wir haben unseren Berg. Wir haben unsere Höhlen. Wir sind ein widerstandsfähiges Volk, und für uns ändert sich wenig, wenn der Strom ausfällt oder die Lebensmittel nicht mehr geliefert werden. Sollten die Bedingungen auf dieser Erde jemals so hart werden, dass sie unseren Untergang verursachen, werdet ihr selbst längst von dieser Erde verschwunden sein.

Nichtsdestotrotz, und wie dem auch sei, bedeutet dies nicht, dass das Schicksal der gesamten Menschheit nicht auf dem Spiel steht. Das ist ganz klar der Fall. Und das schließt uns natürlich mit ein. Die Welt ist eine Familie. Diese Familie haben wir bereits zuvor gewarnt. Diese Warnung geben wir im gleichen Geist, der nicht von Widerstand geprägt ist, sondern vom Wunsch, euch zu helfen. Wir waren schon immer bereit, euch zu helfen.

Wir verfügen über Wissen über den Geist, die Natur und die Ordnung der Welt, das wir über
Tausende von Jahren hinweg durch eine Methode erworben haben, die in keinem Buch und in keiner Datenbank zu finden ist. Wir halten es für einen Fehler, die Zukunft ohne diejenigen zu gestalten, die so lange beobachtet haben, wie sich das Leben selbst erhält.
Wir sind der Meinung, dass dieses Gespräch nicht ohne uns geführt werden sollte. Wir sind der Ältere Bruder, und wir sind hier, so wie wir es schon immer waren. Und wir sind bereit, mit euch zusammenzuarbeiten, um eine harmonische und friedliche Zukunft für alle zu gestalten.

Mamo Vangelio Moscote Alberto
Saka Rosa Mamatacán Sauna
Ezuama Mayor Kuamaka
Das Volk der Kággaba, Sierra Nevada de Gonawindua, Kolumbien

Bild: Kogi Tribesman, Dwayne Reilander, CC BY-SA 4.0

Eine kleine Einführung in die Magie des Lebens

Rezension von Bobby Langer

„Der spirituelle Weg ist nicht bequem. Und auch nicht abgehoben. Er ist hier, mitten in der Welt. Er muss erkämpft werden in den tiefen Auseinandersetzungen mit den eigenen Schatten und Irrungen.“ Evelin Rosenfeld

Das ist ein schönes Buch. Das ist ein gutes Buch. Das ist kein Buch für jederfrau oder jedermann. Es ist kein Buch für Menschen, für die sich das Geheimnis des Lebens in der Frage nach dem Traumpartner erschöpft oder in der Frage, ob sie diesmal im Lotto gewinnen werden. Eher ist es ein Buch für Menschen, die ahnen, dass ihr Innenraum von der Dimension des Universums ist. Es ist ein Buch für neugierige, aufbruchbereite, sehnsuchtsfähige Menschen.

Die Göttin aller Göttinnen und Götter

Und weil wir gerade bei den großen Dimensionen sind: Stellen Sie sich einen Gott vor oder, weit besser, eine Göttin. Denn Aditi ist nicht irgendeine Göttin, sondern eine Weltengebärerin, aus der sämtliche Götterhimmel und Götter entstanden sind. Diese unfassbare Mutter-, Erd- und Himmelsgöttin der hinduistischen Mythologie hat darüber hinaus den unendlichen Raum und das Bewusstsein geschaffen.

An einem Tag im August vor zehn Jahren ruft Aditi Evelin Rosenfeld aus Berlin zu sich, keineswegs auf spektakuläre Art und Weise, sondern mit sehr profanen Mitteln, nämlich mit Hilfe der E-Mail einer Immobilienmaklerin. Entgegen ihrer Gewohnheit löscht Evelin die fremde Mail in ihrem Mail-Account nicht sofort, sondern liest sie. Angeboten wird ihr ein alleinstehendes Haus auf einer Hügelkuppe, „umgeben von einem halbmondförmigen Wald. Rundherum nur grüne Weite“, mit 33.000 Quadratmetern Grund im Coburger Land. Aus einer „Laune“ heraus beschließt sie, sich das Haus anzusehen, fährt nach Süden und hört sich schließlich sagen: „Ich kaufe.“ Woher sie das Geld nehmen soll, weiß sie noch nicht. Aber sie lässt alles los: den lukrativen Job, die Berliner Bekannten und Freunde, die Freiheit der Weltreisenden. Sie wird Aditis „Ruf“ annehmen.

Auf dem Weg zu einer Welt der liebevollen Fürsorge und Hege

Bei der Besichtigung hat sie das Wort „Aditi“ zum ersten Mal in sich vernommen. Und es lässt sie nicht mehr los. Sie googelt nach seiner Bedeutung und findet die Göttin. Seither heißt ihr Land für sie „Der Berg Aditi“, in seiner Mitte der Geistbaum der Aditi: „Ein mächtiges Wesen, ein Baumwesen stand vor mir, das spürbar und fast sichtbar Energie aus der Erde ebenso wie aus dem Himmel zu ziehen und auszutauschen schien.“

Bis zu diesem Punkt könnte dies eine oberflächliche esoterische Geschichte sein. Aber wer sie liest, spürt sofort, hier spricht jemand aus tiefster Seele. Evelin Rosenfeld will nichts „verkaufen“. Der „Markt der Persönlichkeitsentwicklung“ ist für sie nichts anderes als der Verkauf von Autoradios oder Knebelverträgen. Vielmehr verknüpft sie die Schilderung ihres äußeren Wegs mit dem inneren Weg der Wandlung von einer „Systemträgerin“ hin zu einer Frau, die den Sprung ins Unbekannte wagt, um mit dem Einsatz ihres ganzen Lebens diesen wunderbaren, aber etwas heruntergekommenen Berg in ein Heiligtum zu verwandeln: „Ich wusste nicht … wie man ein so großes Land bewirtschaftet – ich wusste nicht einmal, wie man ein Haus nur mit Holz heizt. Ich wusste nicht, wovon ich leben sollte … Doch mein Herz hatte ja gesagt und mein Wille hatte den Fuß über die Schwelle gesetzt.“ So liest sich Evelins Geschichte wie eine einzige Metapher für das, was für die westliche Zivilisation insgesamt ansteht: die Umwandlung einer lieblosen Welt hin zu einer Welt der liebevollen Fürsorge und Hege.

Das „System“ schlägt zurück

Mit einem unvorstellbaren Kraftaufwand, getragen von Mächten, die größer sind als sie, widmet sich Evelin der neuen Aufgabe, arbeitet bis zur Erschöpfung und findet dank ihrer Begeisterung auch zahlreiche Helferinnen und Unterstützer. Das funktioniert ein paar Jahre ganz gut; so gut, dass der Erfolg der Arbeit den Ruf der Göttin Aditi nicht verschwinden, aber doch verblassen lässt, bis eines Tages die „kalte Machtausübung“ des „Systems“ mit ahrimanischer Gewalt zuschlägt: „Vor mir standen elf Personen in schwarzen Uniformen, mit Schusswesten und mit Schusswaffen. Eine Frau … las einen Durchsuchungsbefehl vor … Sie stampften über meine weißen Wollteppiche, rissen die Schränke auf, forderten mich auf, Schachteln, Taschen, Vorratsgefäße zu öffnen … Letztlich beschlagnahmten sie das Ergebnis wochenlanger Arbeit und nahmen betriebliche Aufzeichnungen mit … Ich war so verängstigt, dass ich mich wochenlang fürchtete, wenn es an der Tür klingelte … Ich war einer Brutalität ausgesetzt, aus der es kein Entrinnen gab.“

Statt sich an das noch Vorhandene zu klammern und sich heillos in das ihr angetane Unrecht zu verbeißen, gelingt es Evelin im Lauf der Monate, noch ein Stück mehr von sich loszulassen und sich ganz den Kräften Aditis anzuvertrauen: „Meine Ganzheit war wiederhergestellt: Meine Rolle in der Welt war erneuert und gefestigt und meine Beziehung zu Gott pulsierte wieder.“ Sie hat jetzt gelernt, „die Maschine“ richtig einzuschätzen: „Fest vorgegebene Rollenmodelle und die Verherrlichung stumpfen Konsums lenken ab von der Verarmung an Lebendigkeit. Stupide, auf Wiederholungen reduzierte Arbeit wird mit der Sicherheit fester Löhne und vereinheitlichter Sozialstandards belohnt … Unsere Seele überlebt in diesem Umfeld nur“, wenn uns klar ist, „dass die Seele der Maschine keine Energie zuführen darf. Die Maschine nährt sich von den Geistesgiften: Hass, Gier und Verblendung“ …, „weniger drastisch: Ablehnung, Verlangen, Unwissenheit“.

Perlen am Wegesrand

Der Leser, die Leserin folgt Evelins Weg, der sie bis zur Frage nach dem tieferen Sinn des Todes führt, und bringt sie dabei in Kontakt mit Erkenntnissen der abrahamitischen und der moslemischen sowie der buddhistischen, hinduistischen und taoistischen Mystik, aber auch mit schamanischen Ansätzen im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens, „Wahrheiten, die sich in verschiedensten Kulturräumen zu verschiedensten Zeiten herauskristallisiert haben … ich lege Spuren, ich deute auf Türen in den Traditionen, die hilfreich sein können für den individuellen Weg“. So finden die Leser am Wegrand – in den rund 300 Seiten des angenehm lesbaren Buches – eine Menge Perlen zur eigenen Verwendung. „Diese zehn Jahre auf dem heiligen Berg ‚Aditi‘“, schreibt sie, „enthalten viele wichtige Lektionen, die ein Mensch durchleben wird, wenn er auf der Suche nach Gott ist … Dieser Weg … beschreibt, wie ein Traum in die Manifestation mündet und … gibt Aufschluss über den Zusammenhang von Intention und Erfolg, Hingabe und Fülle, Dienst und Selbstbestimmtheit. “

Einen roten Perlenfaden bilden Evelins wunderschöne, oft poetische, manchmal geradezu hymnische Passagen, mit denen sie die sie umkränzende Natur von Aditi schildert, Passagen die der Leserin die Augen öffnen und sie inspirieren, die Mitwelt um sich herum mit einem neuen Staunen wahrzunehmen als das, was sie ist: ein Wunder am Rande des Untergangs, für das sich einzusetzen jede Mühe und  Arbeit lohnt: „Durch die Hingabe … weben wir uns in die Gegenwart hinein, wir verbinden uns mit allen Sinnen mit dem, was gerade ist. Das ist die eigentliche Ebene, auf die es ankommt.“

Das Buch Aditi, ein stattliches Hardcover mit 340 Seiten, kostet 39 Euro und ist direkt bei der Autorin zu bestellen.

 

 

Der Ruf nach DER Revolution kann gar nicht laut genug sein

Wir brauchen eine Revolution. Wir brauchen keine Revolution, sondern eine – ja was? Der Impuls, der dringliche Impuls hinter dem Begriff der Revolution stimmt. Er erklingt immer öfter, und er kann gar nicht laut und stark genug sein. Im selben Zug läuten die Alarmglocken, erstens weil ich Deutscher bin und zweitens, weil Revolution beinahe schon synonym steht für „schiefgehen“. Und doch beharrt das Wort auf Bedeutung und Wichtigkeit.

⇒ Vollständiger Text  …

Über die Grundlagen unsres Widerstands

Die Begriffe Wolkenkuckucksheim und Widerstand beginnen nicht nur beide mit einem W, sie haben auch mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte.

Wir alle kennen, wenn auch selten, diese besondere Wahrnehmung der Welt. Befinden wir uns darin, dann ist das für andere nicht wahrnehmbar. Wir wirken wie sonst auch, allenfalls weniger distanziert, eher allem verwandter und näher. Es ist eine kindlich-freundliche Wahrnehmung, ein Mit-der-Welt-Sein. Dann fühlen wir uns in der Welt zu Hause und geborgen, so als zwitscherten die Vögel und blühten die Blumen und rauschten die Bäume für uns; so, als seien wir gemeint. Dann begegnen wir dem Blick der Wolken, die zu uns herabschauen und nicht fremd und sinnlos dort oben herumziehen, dann laden sie uns ein zu ihrem Wolkenrücken, auf dass wir wie Nils Holgerson in eine Ferne ziehen, die erreichbar in uns wohnt. Das fühlt sich an, als hätte sich eine Tür aufgetan, von der wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt, eine Himmelstür, eine Erdentür.

Auch wenn wir so einen Zustand kennen – ist das keine Spintisiererei? Die Fakten, die sind doch nicht so! Können nicht schon wenige Stichworte wie Donald Trump, Benjamin Netanjahu oder Friedrich Merz dieses Wolkenschloss zum Einsturz bringen? Bräuchten wir nicht vielmehr Widerstand gegen einen Staat, der zu seiner Verfassungsgrundlage zunehmend auf Distanz geht, bräuchten wir nicht lieber einen Generalstreik, eine Besetzung der Rüstungsfabriken, Aufstände, Straßenkämpfe, eine Revolution, Anarchie? Selbst wenn du jetzt eine dieser Fragen im Stillen mit Ja beantwortet haben solltest – hast du dich schon einmal gefragt, warum nichts davon nicht einmal ansatzweise geschieht? Woher diese Cocacola-trunkene, Handy-beduselte Kraftlosigkeit kommt?

Mit dem E-Bike gegen Panzer?

Darauf gibt es eine Menge Antworten, beispielsweise: weil die meisten von uns hoffen, dass „sich das alles schon wieder einrenkt“ (was es m. E. nicht tun wird); weil wir von dem System immer noch ordentlich profitieren (was auf die meisten Menschen, die zwischen 1939 und 1945 nicht an die Fronten mussten, ebenfalls zutraf) – weil wir also mehr zu verlieren als zu gewinnen haben; weil wir zwar wissen, was stattfindet, aber uns jeder Widerstand zwecklos erscheint; weil wir nicht einmal bemerken, was in Deutschland, Europa und der westlichen Welt vorgeht; weil wir so vom System vereinnahmt sind, dass wir nicht einmal das System bemerken – siehe das berühmte Beispiel vom Fisch, der nichts vom Wasser weiß? Oder weil wir ganz einfach feige sind?
Ich fürchte, keiner dieser Gründe stimmt für sich. Auch die größten Mitschwimmer haben eine Ahnung, dass das Wasser, das sie trägt, Gift enthält. Vermutlich sind die meisten von uns Mischtypen. Aber dann gibt es noch einen, bisher nicht genannten Grund, weshalb wir uns nicht laut empören. Und der hat jede Menge mit Realismus zu tun. Wer zur Gewalt greift, der scheint mir wie jemand, der mit Tränen in den Augen mit seinem E-Bike gegen Panzer anrennt. Schon die Machtmittel, welche die Bundesrepublik gegen Aufständische einsetzen könnte und würde, sind furchterregend; die der kognitiven Kriegsführung der NATO sind noch weit wirkungsvoller, weil sie direkt unser Denken angreifen (übrigens ein weiterer „weil“-Grund); von den Möglichkeiten eines Peter Thiel einmal ganz abgesehen.

Unsichtbar werden

Realismus hat aber nichts damit zu tun, die Flinte ins Korn zu werfen. Er lässt uns nach anderen Wegen suchen. Die beste Möglichkeit, einen Panzer zu entschärfen, besteht darin, ihm den Feind zu nehmen; wenn der Richtschütze niemanden mehr hat, auf den er schießen kann, wird er arbeitslos. Das mag vielleicht nicht die beste Metapher sein, aber doch eine, die es nachvollziehbar macht, wenn ich die Position vertrete: Wir müssen dieses System überflüssig machen. Dagegen zu kämpfen, ist nicht nur zwecklos, sondern auch sinnlos. Warum, das wäre ein anderes Thema. Erst wenn wir, ohne allen Kampf, aber mit aller Kraft und mit allen uns gegebenen Mitteln ein Parallelsystem errichten, das nicht mehr statisch, sondern fluide ist; das nicht mehr auf Wachstum, sondern auf Verbindung setzt; das nicht mehr auf Raffen, sondern auf Teilen setzt; das uns nicht als Herrscher der Welt, sondern als Mitbewohner des „Biotops Erde“ versteht – erst dann haben wir eine echte Chance. Denn ein solches Parallelsystem ist mit jeder einzelnen seiner Variablen vom alten, tödlichen System so weit entfernt, dass es wie Alberichs Tarnkappe wirkt. Wir werden so gut wie unsichtbar bzw. werden – selbst, wenn sie uns vom Kopf gerissen wird – nicht ernst genommen.

„Mitwelt“ als Denkgrundlage

Aber, wirst du dich jetzt vielleicht oder hoffentlich fragen: Wie war das noch mal mit dieser eingangs erwähnten „besonderen Wahrnehmung der Welt“, mit diesem Wolkenkuckucksheim? Was hat das alles mit Widerstand zu tun? Mehr als du denkst. Denn das ist kein Traumzustand, sondern eine ganz andere, erweiterte, intensivere Form von Wachheit, in der wir rechnen und schreiben, arbeiten und programmieren können, nur stärker und unbegrenzter als sonst, weil wir mehr, ja ganz bei uns sind. Es ist ein Zustand, in dem wir nicht mehr kämpfen müssen, sondern in dem sich die Dinge fügen. Und ein Zustand, in dem wir wirklich lieben und ganz sein können für das große Fernziel. Denn ohne die Vision einer nicht nur besseren, sondern tatsächlich guten Welt, in der der Begriff der „Mitwelt“ nicht Fremdwort, sondern Denkgrundlage ist, geht uns seelisch schnell die Luft aus. Aber selbst Mitmenschen, denen Bruder Maulwurf, Cousin Sperling oder Großvater Wal fremdes Gedankengut ist, können ja vielleicht mit Schillers „Alle Menschen werden Brüder“ etwas anfangen. Solange wir nicht diesen großen Traum zu träumen wagen, bleibt alles andere Illusion.

Bild: pixabay.de

Transkript und Übersetzung des gleichnamigen Videos
von Charles Eisenstein vom 23.5.2026

Es scheint – besonders wenn man den Expertinnen und Experten aus der Öl- und Gasbranche zuhört –, dass wir auf wirklich ernste Zeiten zusteuern. Deshalb spreche ich mit Menschen, die ähnlich empfinden wie ich: mit Menschen, die den praktischen Impuls verspüren, sich auf mögliche massive Treibstoff-Engpässe und Unterbrechungen der Lieferketten vorzubereiten. Gleichzeitig versuche ich, inneren Frieden zu finden und Vertrauen darin zu entwickeln, dass sich die Dinge so entfalten, wie sie sich eben entfalten. Irgendwie damit einverstanden zu werden. Es gibt also dieses Hin und Her, diesen Zug in zwei Richtungen, und meistens habe ich das Gefühl, irgendwo in der Mitte festzustecken.

Für diejenigen, die es nicht verfolgt haben: Der Irankrieg hat bereits Störungen verursacht, die sich vielleicht vorübergehend überdecken oder hinauszögern lassen, die aber wahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf die Lieferketten haben werden. Es dauert eine Weile, bis sich ein solcher Schock durch die Versorgungssysteme bewegt: Düngemittelknappheit, geringere Ernten, mögliche Diesel-Engpässe. Und wenn Diesel knapp wird – wie transportieren wir dann Lebensmittel und Materialien? Wie halten wir das gesamte Just-in-time-System am Laufen? Es gibt heute kaum noch Lagerhäuser voller Vorräte. Lagerhäuser sind eher Umschlagplätze als Orte der Lagerung. Die gesamte Wirtschaft ist extrem eng verflochten. Wenn ein Teil ausfällt, wirkt sich das auf alles andere aus. Deshalb sagen viele Menschen Lebensmittelknappheit, Stromausfälle und massive Störungen voraus und rufen dazu auf, sich vorzubereiten.

Auch ich rate dazu, sich vorzubereiten. Aber die eigentliche Frage lautet: Worauf bereiten wir uns vor – und warum? Worauf genau bereiten wir uns vor?

Jetzt werde ich wieder ziemlich „New Age“, aber ich sage es trotzdem: Wir bereiten uns auf eine vollkommen verwandelte Welt vor. Die Grundlage dieser Transformation ist – und ich weiß, ich wiederhole mich – eine neue Geschichte, eine neue Mythologie: die Geschichte des Verbundenseins, der Wiedervereinigung, die die Geschichte der Trennung ersetzt. Darauf bereiten wir uns vor.

Wenn du dich jedoch auf Grundlage der alten Geschichte vorbereitest, dann wirst du vor allem dafür sorgen wollen, dass es dir selbst gut geht. Und alle anderen? Nun ja, vielleicht hilft man ein bisschen, aber an erster Stelle steht man selbst. Ich und meine Familie – wir lagern Essen ein. Aber was, wenn jemand kommt und das Essen nimmt? Dann brauche ich wohl auch Waffen, Munition, Goldbarren, einen Bunker, ein abgeschottetes Gelände. Wenn alle so handeln, dann werden wir diese Zeit nicht gemeinsam überstehen.

Eine Möglichkeit, sich auf die Welt vorzubereiten, die wir tatsächlich wollen – und sie durch diese Vorbereitung zugleich zu erschaffen –, besteht darin, sich darauf einzustellen, anderen in den kommenden Zeiten etwas geben zu können. Sich darauf vorzubereiten, die Mittel zum Teilen zu haben. Sich psychologisch, mental und sozial auf diese Zeiten vorzubereiten. Verbindungen aufzubauen. Geschenke und Unterstützung in Gemeinschaft zirkulieren zu lassen.

Es gibt noch einen anderen, subtileren Aspekt. Er hat mit einigen dieser ungewöhnlichen Phänomene zu tun, die bestehende Weltbilder infrage stellen und die wir zunehmend wahrnehmen. Ich erwähne sie fast in jedem Gespräch. Letztes Mal sprach ich über Ediths Workshop, über Dinge wie „blindes Sehen“. Dann gibt es diese Berichte über Telepathie – all das scheint plötzlich überall aufzutauchen.

Deshalb glaube ich nicht, dass die Herausforderung, vor der wir stehen, letztlich materielle Knappheit sein wird. Nicht zu wenig Nahrung, nicht zu wenig Strom, nicht zu wenig Dinge. Wir befinden uns bereits in einer Krise. Ja, es gibt Hunderte Millionen Menschen auf der Erde, die nicht genug Nahrung haben. Aber das liegt nicht an einem globalen Mangel an Lebensmitteln. Es liegt an der Art, wie wir verteilen. Es liegt – letztlich – an der Geschichte der Trennung: daran, dass nicht geteilt wird.

Und das Elend in meinem Land und in den meisten entwickelten Ländern entsteht für die meisten Menschen nicht aus einem Mangel an Menge, sondern aus einem Mangel an Qualität. Deshalb baue ich meinen Garten aus. Nicht, weil ich Angst habe, nicht genug zu essen zu haben. Sondern weil bestimmte Qualitäten in den Lebensmitteln fehlen, die ich im Supermarkt kaufe. Auf dem Bauernmarkt sind sie schon eher vorhanden. Aber noch viel stärker sind sie da, wenn ich eine Erdbeere direkt von meiner eigenen Pflanze pflücke und sie – noch warm von der Sonne – in den Mund nehme. Da gibt es nährende Qualitäten, die jene Dimensionen unseres Seins ansprechen, die für die kommende Welt wichtig sind – für jene Welt, auf die wir uns vorbereiten.

Das ist die Welt, auf die ich mich vorbereiten möchte. Nicht auf einen Kampf ums Überleben – weder individuell noch kollektiv. Denn ich glaube nicht, dass das die eigentliche Herausforderung sein wird. Es mag Episoden echter Not geben, und die wird es wahrscheinlich auch geben. Aber die Natur der Krise, in der wir uns bereits befinden, ist im Allgemeinen kein materieller Mangel.

Und der Heilungsweg der Menschheit wird nicht durch immer höhere Produktivität erreicht werden. Die materielle Knappheit, die viele Menschen auf dieser Erde erleben, entsteht nicht deshalb, weil insgesamt zu wenig produziert wird. Warum glauben wir also, dass eine Verdoppelung oder Verzehnfachung der Produktion Knappheit lösen würde? Seit dem 18. Jahrhundert hat wir unsere Produktion bereits tausendfach gesteigert – und dennoch gibt es weiterhin Mangel.

Aber dieser Mangel ist künstlich. Er entsteht aus unseren grundlegenden Überzeugungen, aus den Geschichten, die wir uns erzählen, und aus der Art, wie diese Geschichten in unsere Systeme eingebettet sind. Solange sich das nicht ändert, wird es immer Knappheit geben. Doch wir bereiten uns auf eine Welt des Überflusses vor.

Es gibt dabei zwei Ebenen der Vorbereitung. Die erste ist: Bereite dich darauf vor zu teilen. Bereite dich darauf vor, eine Ressource für andere zu sein. Die zweite ist: Bereite jene Dinge vor, die jene qualitativen Bedürfnisse erfüllen, die bislang unerfüllt geblieben sind – Bedürfnisse, die notwendig sind, damit wir auf einer höheren Ebene des Menschseins existieren können.

Man kann die Weltkrise durch die Linse der Untergangspropheten im Internet betrachten. Auf diese Weise versteht man bestimmte Dinge. Man kann sich in diesen Zustand des Seins begeben, und aus diesem Ort heraus gibt es Dinge, die getan werden müssen. Ich sage also nicht, dass das schlecht ist, wenn jemand sich dazu berufen fühlt. Aber gleichzeitig laufen auf der Erde viele andere Prozesse ab, die für jene Menschen unsichtbar bleiben, die nur die Barrel Öl zählen oder die Menge an Dünger berechnen.

Es gibt Prozesse des Wandels, die Fähigkeiten hervorbringen, die wir uns bisher kaum vorstellen konnten – Fähigkeiten, die die gesamte Gleichung verändern. Aber diese Möglichkeiten werden uns nicht zugänglich sein, solange wir in der Denkweise der Trennung verharren. Dann bleiben sie unsichtbar.

Darin liegt ein Paradox. Die materielle und immaterielle Fülle, die wir suchen, um Knappheit zu überwinden, wird uns nicht zugänglich werden, solange wir selbst in der Denkweise der Knappheit verharren.

Und was hat es mit dieser Denkweise der Knappheit auf sich? Es ist nicht einfach nur die tief verankerte Überzeugung: „Es gibt nicht genug.“ Eigentlich lautet sie: „Es gibt nicht genug, um zu teilen.“ Und man kann spüren, wie sich etwas öffnet, wenn sich diese Haltung verändert.

Wahrer Überfluss beginnt dort, wo man sich frei fühlt zu teilen.

Stella erzählte mir von etwas, das sie online gelesen hatte: Eine Gruppe von Menschen besuchte Kurdinnen und Kurden in einem Flüchtlingslager. Diese Menschen bildeten eine Art Kreis um ihr Lager, holten Musikinstrumente hervor, begrüßten die Helfenden, luden sie ein und versuchten sogar, sie zu bewirten. Und das waren Menschen, die selbst fast nichts hatten – die kaum genug Nahrung besaßen, um sich selbst zu versorgen. Und doch war ihr erster Impuls, Gäste willkommen zu heißen, sie zu unterhalten und mit ihnen zu teilen.

Das ist Überfluss.

Überfluss bedeutet, sich frei zu fühlen, großzügig zu sein. Sich frei zu fühlen zu teilen.

Das ist Vorbereitung. Den Teil in sich selbst zu finden, der teilen kann, und ihn zu stärken. Ihn einzuüben. Ihn zu bewohnen.

So bereiten wir uns vor.

Worauf bereiten wir uns vor?

Auf die Welt, die wir erschaffen werden. Denn die Welt, auf die wir uns vorbereiten, wird die Welt sein, die wir hervorbringen. Wir bereiten uns nicht nur selbst auf diese Welt vor – wir bereiten auch die Bedingungen für diese Welt vor.

Die Zukunft ist nichts Vorgegebenes.

Sie lässt sich nicht einfach aus Wahrscheinlichkeiten vorhersagen. Sie wird erschaffen.

Und wir erschaffen sie durch die Entscheidung, worauf wir uns vorbereiten.

https://www.youtube.com/watch?v=pB7VgGekudQ

 

In Paris gibt es einen Ort, der Frieden nicht predigt, sondern lebt – und zeigt, wie gesellschaftliches Engagement im Alltag funktioniert.

Oft leben Studierende relativ vereinzelt in ihrer Universitätsstadt, wenn sie es nicht geschafft haben, in Wohngemeinschaften oder Studentenwohnheime hineinzukommen. In Paris gibt es seit 100 Jahren einen Ort des Zusammenlebens für Tausende Studierende, der Elemente alternativer Lebensformen enthält – die Cité internationale universitaire. Ein Projekt, das auch in schwierigen Zeiten Mut machen kann …

⇒ Vollständiger Artikel

Wenn die alte Welt in neuem Gewand zurückkehrt

Von Sanna Radelius, Schweden

Ein guter Freund meinte neulich zu mir: „Nein, ich sehe keinen Grund, mich zu rechtfertigen. Die IDGs [Inner Development Goals, die Red.] sind falsch, und ich mag sie nicht.“ Er ist älter, erfahrener und hat nicht mehr das Bedürfnis, seine Meinung zu erklären. Ich hingegen schon. Um mir selbst klar zu werden. Um die Frauen zu ehren, die vor mir für eine gerechtere Welt gekämpft haben. Und um allen zu antworten, die sich nach meiner letzten Kritik gemeldet und dieselbe Frage gestellt haben:

Warum bist du gegen die Inner Development Goals?

Hier ist also meine Antwort.

Der Fisch und das Wasser

Manchmal beschreibe ich die IDGs so: Man bringt Fischen bei, besser in einem Aquarium zu schwimmen, in dem das Wasser braun wird und immer weniger Sauerstoff enthält.

Die Fische lernen neue Schwimmtechniken. Sie werden widerstandsfähiger, kooperativer und reflektierter. All das ist nicht schlecht. Aber wenn das Wasser selbst verschmutzt ist, hilft besseres Schwimmen nur für eine Weile. Irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, wie sich die Fische verhalten, sondern was mit dem Wasser passiert.

Helfen wir den Fischen, das Gift zu überleben, anstatt zu fragen, warum das Wasser überhaupt giftig ist?

Wenn wir über innere Entwicklung reden, ohne uns ernsthaft mit den Systemen auseinanderzusetzen, die uns prägen, laufen wir Gefahr, genau das zu tun. Gleichzeitig lassen wir vieles unberührt: die wirtschaftlichen Strukturen, die endloses Wachstum verlangen; die historischen Machtverhältnisse, die entscheiden, wessen Wissen zählt; die Ausbeutungsmentalität, die in den Institutionen des Globalen Nordens verankert ist; die patriarchalischen Normen, die Dominanz als Führung legitimiert haben.

Diese Kräfte sind nicht von der inneren Entwicklung zu trennen. Sie prägen, wie innere Entwicklung überhaupt aussieht. Sie bestimmen, wer darüber sprechen darf. Sie entscheiden, wessen Fähigkeiten als „entwickelt” gelten.

Dennoch behandelt das IDG-Framework diese Normen als Hintergrundbedingungen und nicht als Hauptgegenstand der Veränderung. Es hilft den Menschen, sich an ein krankes System anzupassen, anstatt zu fragen, ob nicht das System selbst grundlegend verändert werden muss.

Regeneration beginnt dort, wo Komfort endet

Ich habe Jahre in regenerativen und systemischen Kontexten verbracht. Eines ist mir klar: Regenerative Arbeit beginnt nicht mit einer Liste von Fähigkeiten. Sie beginnt bei den Ursachen. Sie fragt, warum ein System Schaden anrichtet, wer von seiner Stabilität profitiert und wer den Preis dafür zahlt, wenn es sich nicht verändert. Sie besteht darauf, Macht nicht als Anschuldigung zu verstehen, sondern als Struktur, als Landkarte dessen, wie Macht organisiert ist.

In der regenerativen Theorie und Praxis wird Regeneration als ein grundlegend anderes Paradigma verstanden, das in lebenden Systemen verwurzelt ist, die ihre eigene Vitalität und die der anderen wiederherstellen und vertiefen. Es geht nicht um stärkere Nachhaltigkeit, sondern um eine Abkehr von einer extraktiven, wachstumsorientierten Logik hin zu relationalen, ortsbezogenen Formen der Organisation von Leben und Wirtschaft.

Die IDGs beschreiben sich oft als Unterstützer eines Wandels hin zu regenerativeren Kulturen und Systemen. Aus meiner Sicht gehört ihre Kernlogik immer noch zu einem früheren Paradigma.

Sie greifen einige dieser regenerativen Fragen in der Theorie auf, kehren dann aber auf den sichereren Boden der individuellen und kollektiven Fähigkeiten innerhalb der bestehenden Ordnung zurück. Regeneration macht das Gegenteil. Sie bleibt bei der Komplexität. Sie lehnt universelle Rezepte ab. Sie vertraut darauf, dass unterschiedliche Orte, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Kosmologien unterschiedliche Formen des Werdens erfordern.

Deshalb stehen Regeneration und die IDGs in einem Spannungsverhältnis. Die eine schafft Raum für Pluralität und strukturellen Wandel, die andere schreibt vor. Das ist keine Regeneration. Es ist Ausbeutung mit einem besseren Markenauftritt.

Die Struktur, die sich vor aller Augen verbirgt

Zu sagen, dass man mit Macht arbeitet, ist nicht dasselbe wie Macht zu transformieren. Verschiedene Stimmen an einen Tisch zu bringen, ist nicht dasselbe wie zu verändern, wer den Tisch gebaut hat oder über dessen Zweck entscheidet. Kritik einzuladen ist nicht dasselbe wie dieser Kritik zu erlauben, die Architektur neu zu gestalten.

Das ist wichtig, weil die IDGs nicht mehr nur ein kleines nordisches Experiment sind. Sie positionieren sich jetzt und werden immer öfter in Umgebungen eingesetzt, die mit Universitäten, Unternehmen, NGOs und öffentlichen Einrichtungen in vielen Ländern verbunden sind, vor allem in Teilen des Globalen Nordens. Ihr klares Ziel ist es, Einfluss darauf zu nehmen, wie Führungskräfte über Veränderung reden, wie Organisationen über menschliche Entwicklung denken, welche inneren Eigenschaften als legitim angesehen werden und wie „gute Führung” aussieht.

Wenn das Rahmenwerk fehlerhaft ist, wird auch sein Einfluss fehlerhaft sein. Aber es könnte noch schlimmer kommen. Ein fehlerhaftes Rahmenwerk, das global skaliert wird, kann aktiv schädlich werden. Nicht unbedingt durch das, was es lehrt, sondern durch das, was es unberührt lässt. Es gibt den Menschen das Gefühl, an den Ursachen zu arbeiten, während sie in Wirklichkeit immer geschickter darin werden, genau die Systeme aufrechtzuerhalten und zu legitimieren, die transformiert und nicht erhalten werden sollten.

Und für Frauen, für Menschen aus dem Globalen Süden, für indigene Völker, für alle, die von einer anderen Ontologie geprägt sind, bergen die IDGs eine besondere Gefahr. Sie vermitteln den Anschein von Inklusion, während sie gleichzeitig genau die Strukturen aufrechterhalten, die uns schon immer marginalisiert haben. Sie laden uns an den Tisch ein und erwarten dann, dass wir uns innerhalb des von ihnen vorgegebenen Rahmens äußern.

Was passiert, wenn das System in Frage gestellt wird

Ich habe diese Fragen direkt, öffentlich und über Jahre hinweg aufgeworfen. Über Macht. Über dekoloniale Methoden. Darüber, wie sie mit den zugrunde liegenden Strukturen arbeiten, die genau die Probleme immer wieder neu schaffen, die sie angeblich ändern wollen. Die Antworten waren aufschlussreich.

Zuerst Schweigen oder Ausflüchte. Mein Denken wurde als postmodern abgestempelt. Meine Fragen wurden eher als Frage des Tons denn als Frage des Inhalts behandelt. Später kam die Zusicherung, sie würden mit sozialen Strukturen arbeiten, wie es jeder tue, der es mit Systemveränderungen ernst meine. Aber wenn ich frage, welche Strukturen sie identifiziert haben oder was sich dadurch im Rahmen geändert hat, gibt es keine konkreten Beispiele.

Und wenn Kritik anerkannt wird, wird sie als relational umgedeutet: Meine Sprache sei aggressiv, ich hätte privat schreiben sollen, öffentliche Kritik könne Menschen entmutigen.

Das System bleibt unschuldig. Der Kritiker wird zum Störfaktor.

Die patriarchalische Logik hinter der Sprache der Fürsorge

Dieses Muster ist mir als Frau schmerzlich vertraut. Wenn strukturelle Kritik als eine Frage des Tons dargestellt wird, als Aufforderung, sanfter, beziehungsorientierter und weniger direkt zu sein, spiegelt dies eine lange Geschichte wider, in der die Klarheit von Frauen in ähnlicher Weise behandelt wurde. Diese Abmilderungen klingen oberflächlich betrachtet nach Fürsorge. Im Grunde dienen sie jedoch der Kontrolle. Sie lenken die Aufmerksamkeit von der Macht auf die Höflichkeit, vom Inhalt auf den Stil.

Jeder, der im Patriarchat gelebt hat, erkennt dieses Muster. Frauen werden gefeiert, solange wir unterstützend, dankbar, emotional einfühlsam und bereit sind, genau die Strukturen zu stabilisieren, die uns schaden. In dem Moment, in dem wir anfangen, strukturelle Probleme klar zu benennen, ohne jeden Satz abzufedern, werden wir „zu viel”. Zu scharf. Zu emotional. Zu spaltend. Eine Störung, die es zu bewältigen gilt, statt ein Signal, dass etwas nicht stimmt.

Und es gibt noch eine weitere Ebene. Nicht alle Frauen wollen dieses Muster sehen. Denn wir kennen die Geschichte. Weiße Männer nehmen das, was Frauen seit Generationen praktizieren und verkörpern – relationale Intelligenz, emotionale Kompetenz, die Arbeit der Fürsorge – und wenn sie es verpacken, erforschen und in einen Rahmen verwandeln, der durch Forschung und institutionelle Legitimität gestützt wird, wird es plötzlich wertvoll. Plötzlich ist es Führungsstärke. Plötzlich zählt es. Und für viele Frauen kann es einfacher sein, das zu feiern, als sich damit auseinanderzusetzen, was es offenbart. Dass genau die Eigenschaften, für die wir bestraft, herabgewürdigt oder denen wir ohne Anerkennung gerecht werden mussten, erst dann anerkannt werden, wenn Männer sie benennen, verpacken und als Innovation präsentieren. Das ist auch der Grund, warum die IDGs so leicht zu mögen sind: Sie wirken fortschrittlich, obwohl sie größtenteils nur das neu verpacken, was diese Kultur bereits kennt.

Diese Wahrheit zu erkennen, ist schmerzhaft. Und doch hat es auch seinen Preis, sie nicht zu sehen.

Das ist die Falle. Sei sanft. Sei inklusiv. Bring niemanden in Verlegenheit. Und während du all das bist, bleiben die Strukturen genau so, wie sie sind.

Des Kaisers neue Kleider. Nur aus sehr progressivem Stoff.

Wenn koloniales Denken in neuen Formen wieder auftaucht

Das gleiche Muster zeigt sich über Rassen, Geografien und Geschichte hinweg. Die IDGs präsentieren sich als global, mit Hubs, Partnern und Referenten aus der ganzen Welt. Aber schau dir genauer an, woher das Rahmenwerk kommt, wer die Marke hält, wer reist, sich trifft und auf den Hauptbühnen spricht, wessen Pässe und Hautfarben die Räume dominieren, in denen strategische Entscheidungen getroffen werden, wessen Sprache die Bedingungen festlegt. Der Schwerpunkt bleibt der globale Norden.

So sieht Neokolonialismus heute oft aus: keine Eroberungen und Flaggen, sondern Rahmenwerke und Partnerschaften. Keine offene Herrschaft, sondern die stille Forderung, dass sich alle an die liberal-angloamerikanischen und nordeuropäischen Normen anpassen: eine Weltanschauung, die das Problem und die Lösung definiert, während andere als Farbe und Geschichte eingeladen werden, solange sie die bereits festgelegten Bedingungen nicht stören.

Eine Weltanschauung, die behauptet, universell zu sein

Dahinter steckt eine Weltanschauung. Die IDGs basieren auf einem angloamerikanischen und nordeuropäischen liberalen Menschenbild, das den Menschen als individuelle Einheit mit einem inneren Leben sieht, das beschrieben und verbessert werden kann und grundlegend von der Natur getrennt ist. Viele andere Traditionen gehen von etwas anderem aus, von einer relationalen Welt, in der Land, Vorfahren und mehr als menschliche Wesen das Selbst ausmachen, und in der Wissen eher durch lange Beziehungen als durch globale Fragebögen entsteht.

Wenn ein Rahmenwerk verschiedene Perspektiven zulässt, ohne diese zugrunde liegende Weltanschauung zu hinterfragen, praktiziert es keine Pluralität. Es verlangt von anderen Welten, sich in seine Ontologie zu zwängen, und nennt das Inklusion.

Können sich die IDGs ändern?

Manchmal werde ich gefragt, ob die IDGs zu dem werden könnten, was sie zu sein vorgeben. Meine ehrliche Antwort ist einfach: Nein.

Das Problem sind nicht blinde Flecken oder Diversitätskorrekturen. Es ist die Kernlogik.

Die Idee, dass man eine universelle Reihe innerer Fähigkeiten für die Menschheit definieren und sie als Hebel für Systemveränderungen in der Welt verbreiten kann, ist selbst Teil des Paradigmas, das wir hinter uns lassen müssen. Das heißt nicht, dass die IDGs sinnlos sind. Sie übersetzen etwas Weiches und lange Ignoriertes – Innenleben, emotionale Kompetenz und Fähigkeit zu Beziehungen – in eine Form, die Institutionen erkennen und mit der sie arbeiten können. In einem bestimmten historischen Moment und in kulturellen Kontexten wie Schweden hat diese Brücke ihren Wert.

Und auch heute noch können die IDGs als beliebtes psychologisches Instrument für Arbeitsplätze und Organisationen in Teilen des Globalen Nordens, insbesondere in Schweden, wo persönliche Entwicklung manchmal Sprache und Struktur braucht, wirklich nützlich sein. Aber eine Brücke ist nur als Durchgang gedacht, nicht als Modell für die gesamte Landschaft. Das Problem beginnt, wenn ein Rahmen, der für ein bestimmtes kulturelles Segment sinnvoll sein mag, so präsentiert wird, als wäre er ein universeller Weg zu Nachhaltigkeit und menschlicher Entfaltung für alle.

Aus meiner heutigen Sicht sind die IDGs weniger ein Weg in die Zukunft als vielmehr ein klarer Ausdruck des Paradigmas, aus dem wir herauswachsen müssen: der Glaube, dass der richtige Rahmen in den richtigen Händen die Menschheit verbessern kann; die Annahme, dass eine Weltanschauung sicher für uns alle sprechen kann; die Gewohnheit, lebendige, situative Weisheit in übertragbare Modelle und Produkte zu verwandeln.

Könnten die Menschen rund um die IDGs sich dafür entscheiden, etwas anderes zu tun? Ja. Sie könnten beschließen, die Grenzen des Projekts zu benennen, seine Ausweitung zu stoppen und Traditionen und Bewegungen zu unterstützen, die von anderen Weltanschauungen ausgehen, anstatt zu versuchen, diese in ihre eigene zu integrieren. Sie könnten die IDGs zu einem historischen Beispiel dafür werden lassen, wie wir früher über innere Entwicklung gedacht haben, anstatt daran als Antwort festzuhalten.

Ob sie das tun werden, ist eine ganz andere Frage. Alles, was ich in ihren Antworten auf Kritik gesehen habe, deutet darauf hin, dass das Projekt weiterhin seine Kernlogik verteidigen, seine Sprache anpassen, Geschichten und Perspektiven hinzufügen und weitermachen wird. In diesem Sinne ist die wertvollste Rolle, die die IDGs spielen können, genau diese: eine sichtbare, gut vermarktete Veranschaulichung der zugrunde liegenden Logik, die wir erkennen lernen und sanft, aber entschlossen überwinden müssen.

Helft euch gegenseitig, das Wasser zu sehen

Denn die eigentliche Arbeit der Regeneration beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, den Fisch zu perfektionieren, und es wagen, ehrlich auf das Wasser zu schauen.

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Originalartikel: https://sannaradelius.medium.com/why-i-cant-be-silent-about-the-inner-development-goals-6321e262928f

Alle Fotos von https://pixabay.com

Übersetzung mit Einverständnis der Autorin: Bobby Langer

Von der Existenzangst zur Selbstversorgung – eine Einladung

Selbstversorgung – davon träumen viele, schrecken dann letzten Endes doch meistens davor zurück. Evelin Rosenfeld hat sich sehr konkret damit auseinandergesetzt. Der Name des ausgedehnten Landes, auf dem sie ihren Weg der Kreislaufwirtschaft praktiziert bezieht sich auf Aditi, die vedische Schöpfungsgöttin. Um bei so einem Projekt vorwärtszukommen und nicht einzuknicken, braucht es „Wild Natural Spirit“ (so heißt die Kräutermanufaktur, mit der Evelin das Projekt finanziert)***. „Spirit“ hat die Pionierin, dennoch meint sie, dass einerseits die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Mitteleuropa echte Autarkie verhindern, andererseits, dass die Idee von Autarkie dem Gedanken der Verbundenheit widerspricht.

Ökoligenta: Vielleicht schilderst du erst einmal, wie weit du mit deinem Projekt gekommen bist.

Nun, das Wichtigste ist wohl, dass ich es geschafft habe, 55.000 Quadratmeter Brach- und Ackerland in einen riesigen Permakulturgarten zu verwandeln, in dem nicht nur seltene Arten aus Fauna und Flora in Fülle leben, sondern der auch wertvolle Lebensmittel für viel mehr Menschen hervorbringt, als derzeit von dem Projekt wissen. Damit ist es gelungen, eine Vollerwerbs-Landwirtschaft untrennbar mit Naturschutz zu verbinden. Auch zeige ich ein Wirtschaften auf, das eben nicht ausbeutet und Lateralschäden vergesellschaftet, sondern im Gegenteil: ein Wirtschaften, das maßgeblich und nachhaltig zum Gemeinwohl beiträgt, während es gleichzeitig einen Lebensunterhalt eigenständig erwirtschaftet.
Zudem konnte ich das Projekt (einigermaßen) harmonisch in das herrschende Behördensystem integrieren. Mit insgesamt 11 Aufsichtsbehörden ist das eine echte Nervensache und Geduldsfrage. Auch die Beteiligten in den Behörden mussten an einigen Stellen das auf landwirtschaftliche Großbetriebe ausgelegte Regelwerk irgendwie in Einklang bringen mit dem, was ich hier mache. Wirklich erkennen, welche Chancen in diesem Projekt für die drängenden Fragen für uns alle liegen, tun aber wenige.

Ökoligenta: Momentan schaffst du das alles mit 1 Woman-Power, eigentlich unglaublich. Aus welchen Quellen sprudelt deine Energie?

Ich bin mit 33 Jahren, zwei akademischen Abschlüssen und einer bereits beachtlichen Karriere in der Wirtschaft „ausgestiegen“, weil ich die Rücksichtslosigkeit und Kurzsichtigkeit, die in Konzernen und auf Verwaltungsebene herrschen, nicht ertragen konnte. Dieser Ausstieg brachte mich in eine Lebenskrise, in der ich mich fragte, wie ich mein Leben, meine Gaben so einbringen kann, dass nicht nur noch mehr Schaden entsteht, sondern dass vor allem das Gefüge aus Angst und Gier durchbrochen werden kann; dass Wege sichtbar werden, wie wir in Frieden und in Fülle mit unserer Mitwelt leben können. Dazu braucht es ein tiefes Hinterfragen der Grundannahmen unserer Gesellschaft: von Familiengründung bis abhängiger Erwerbsarbeit, von Ressourcenkreisläufen bis hin zu spirituellen Zusammenhängen. All dem habe ich mich gestellt und Schritt für Schritt Antworten und Resonanz gefunden.
Mein unerschütterlicher Glaube an die Liebe in jedem Menschen und an eine göttliche Führung sind der Quell meiner Kraft – zudem meine besondere Beziehung zu diesem außergewöhnlich kraftvollen Ort hier.

Ökoligenta: In den Städten mieten sich Menschen bei SoLaWis am Stadtrand ein. Könnte dieses Modell auch für Aditi funktionieen ?

Nein, eher nicht. Die SoLaWis – für die es mittlerweile sogar eigene landwirtschaftliche und steuerrechtliche Regeln gibt, funktionieren normalerweise so, dass ein Landwirt die Flächen mit Maschinen vorbereitet und kleine Parzellen an Städter vermietet, die dann ihren Salat oder Rosenkohl oder was sie eben wollen, am Wochenende anbauen. Aditi in Parzellen aufzuteilen widerspricht meinem Anliegen, sie als Ganzheit zu fördern. Zudem nutze ich ja keine Maschinen und arbeite in Permakultur. Wenn, dann würde sich eine Gruppe von Menschen um die ganze Aditi kümmern, mit ihrem Wald, ihrem Beeren- und Saatgutgarten, mit den Kräutergärten, Obstbäumen und dem großen Gemüsegarten. Die Intention von Aditi geht über das „ich mach mein eigenes Gemüse“ hinaus.

Ökoligenta: Gibt es diese Gruppe schon? Wie können Menschen sich in das Projekt einbringen?

In 2022 waren wir ein starkes Team von sechs Menschen, die sich regelmäßig und aus verschiedenen Konstellationen auf Aditi eingebracht haben. Das Ergebnis war phänomenal: Für die überbordende Gemüseernte brauchten wir sogar einen Erdkeller über den Winter, das in 2022 geerntete Saatgut hat auch in diesem Jahr, 2025, gereicht, um ohne Zukäufe die Gärten zu bestücken. Das waren alles Leute hier aus der Gegend, die einfach Freude daran hatten, auf Aditi zu sein, zusammen zu arbeiten und die Abende gemeinsam am Feuer zu verbringen.
Einige waren bei mir „zwischengelandet“ wegen der Corona-Restriktionen und sind nun zurückgekehrt in ihre Ursprungsberufe. Aber so könnte es gehen.
Zudem habe ich immer mal wieder Lehrlinge für eine begrenzte Zeit, die sich mit der Anbau- und Lebensweise vertraut machen wollen.
Doch mittelfristig wünsche ich mir schon zwei bis vier Menschen, die hier oder in der Nähe wohnen und sich dauerhaft und hauptberuflich in das Projekt einbringen.
Dazu braucht es nicht nur etwas Kapital, sondern vor allem die Bereitschaft, eine körperlich doch recht anspruchsvolle Arbeit zu machen für ein sehr überschaubares Einkommen. Doch der „Lohn“ besteht ja letztlich darin, vollkommen selbstbestimmt inmitten überbordender Natur zu sein, Lebensmittel von höchster Qualität für sich und andere zu gewinnen und seine Lebensenergie in etwas fließen zu lassen, das Lebendigkeit schafft.

Die Zeit ist gut, denn mehr und mehr Menschen merken auf: Statt ein Online-Coaching, um eine Depression, eine Lebenskrise, einen Burn-Out zu „besprechen“, beginnen sie, neu Kontakt mit den wirklich heilenden Kräften der Natur aufzunehmen, lauschen den Bäumen, beobachten die Insekten. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, die Hacke in die Hand zu nehmen und nährende oder heilsame Pflanzen zu pflanzen, zu pflegen … und sich dabei ganz von allein mit kostbarer Lebensenergie aufzuladen.
Ich lade jedes Jahr zur Blütenernte ein. Das ist eine kleine Chance zu erleben, wovon ich hier spreche.

Ökoligenta: Was ist deiner Erfahrung nach das Haupthindernis für die Umsetzung einer echten Selbstversorgung?

Zuerst: Aufgrund der zahlreichen Systemzwänge – von Pflicht-Versicherungen bis Strom, Wasser, Müllentsorgung, von denen wir uns in Deutschland nicht abmelden können, ist es derzeit gar nicht möglich, wirklich autark zu leben und zu wirtschaften. Wir sind nicht nur gezwungen, System-Leistungen zu kaufen (und damit Geld beschaffen zu müssen) – Autarkie widerspricht auch der Einsicht, dass alles mit allem verbunden ist. Dieser Gedanke – der Gedanke von dynamischen Kreisläufen durch alle Ebenen des Erdenlebens hindurch – ist die Basis der Permakultur. Und er ist auch Tatsache in allen natürlichen Vorgängen.

Von daher bescheide ich mich auf den Anspruch, meinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, das meiner Liebe zur Erde Ausdruck verleiht und den aus meiner Sicht schädlichen Systemwirkungen nicht weiter zuträgt. Dass dabei durch eine einzelne Person 55.000 Quadratmeter Land renaturiert wurden, dass eine Fülle an Heilkräutern, Saatgut und Lebensmitteln bereitgestellt wurde für viele, viele andere Menschen, das macht mich glücklich und stolz.
Ich bin weit entfernt davon, mich „selbstzuversorgen“ – allerdings brauche ich keine moderne Medizin, habe Zugriff auf unbelastetes Gemüse, Obst und Kräuter, lebe in meinem eigenen natürlichen Rhythmus und brauche vergleichsweise wenig Geld – da ich nichts zu kompensieren habe. Ich bin satt und gesund aus dem, was mein täglich Werk ist.

Wenn ich nun auch einige andere Menschen begeistern kann von dieser Arbeit und vielleicht begleite zu ihren eigenen Projekten oder sie integriere in dieses Projekt hier bei mir – und da gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Aufgaben und Ausblicke – dann wirke ich MIT dem bestehenden System, dessen Teil ich ja auch bin.

Ökoligenta: Die Konsumwelt, in der wir aufwachsen und unsere Persönlichkeit ausbilden, ist vielfältig und spricht uns auf den verschiedensten Ebenen an. In den Worten von Günther Anders wird der Mensch schlaraffisiert und zu einem passiven Wesen modelliert. Dein Projekt erwartet ja eher eine Emanzipation von dieser Grundhaltung.

Ja, das ist mein Herzensanliegen an die Menschheit: „Dienst“, „Arbeit“, „Verantwortung“ sind bei vielen Menschen sehr negativ belegt. Weil sie immer in Abhängigkeiten denken, weil sie Arbeit als etwas sehen, was sie ZWANGsläufig tun müssen, weil sie Dienst als Unterwerfung kennen und weil sie „Verantwortung“ mit „Strafe/Konsequenzen“ verbinden.
Damit sind sie zu passiven Sklaven des Ausbeutungssystems geworden und verschanzen sich hinter Ansprüchen, Bequemlichkeit und Konsum.
Es ist so viel lebendiger und befriedigender – und möglich ! –, aus eigener Kraft ein eigenes Feld zu schaffen, in dem wir unsere Lebensenergie freiwillig in etwas geben, das uns am Herzen liegt. Und wem liegt die Natur nicht am Herzen? Welcher Mensch atmet nicht auf, wenn er unter Bäumen steht, welcher Mensch beginnt nicht  zu singen, wenn er frische Beeren erntet und gleich in den Mund steckt? Viele kommen gar nicht bis zu dem Erlebnis, ein im eigenen Schweiß bebautes Feld zu betrachten und dabei Stolz und Freude zu empfinden. Und so können sie auch nicht die Früchte ihrer eigenen Arbeit, ihrer freien Entscheidung ernten.

Um diesen Schritt in die Freiheit und in ein sinnstiftendes Leben zu tun, steht noch vor der harten körperlichen Arbeit vor der wirtschaftlichen Ungewissheit ein Schritt im Inneren an: Die Angst, zu wenig abzubekommen, die sich in Gier und Egoismus ausdrückt, muss überwunden werden zugunsten der Einsicht, dass Fülle aus Großzügigkeit und Begeisterung entstehen. Wer (sich) gibt, bekommt alles, was es braucht, um ein friedvolles und lebendiges Leben zu führen.

Doch wie viele Menschen leben das schon ?

Ich bin offen für eine Gruppe von Menschen, die sich gemeinschaftlich um Aditi kümmert und an ihr erfreut. Das wäre eine Erweiterung für alle Beteiligten. Mehr Hände – mehr Ernte – mehr Austausch – mehr Fülle.
Aber brauchen tun wir’s nicht …

Ökoligenta: Du hast angedeutet, mit den Potenzialen von Aditi könnte es in Richtung Binnenwirtschaft weitergehen. Kannst du uns dazu Näheres erzählen?

Es gibt einen Weg, den ich sehe, auf dem eine Gruppe von Menschen, die auf Aditi lebt, sich sehr, sehr weit lösen kann aus den Systemzwängen. Hier gibt es Antworten auf die klassischen Fragen von Gemeinschaftsleben, Arbeitsteilung, die Rolle von Kapital und die führende Kraft einer täglich praktizierten Spiritualität.
Ich schöpfe hier aus 25 Jahren Organisationsberatung und Coaching (siehe insbesondere meine beiden Bücher „Wertebasiertes Management“ und „Was Dir wirklich wichtig ist“) – vor allem aber aus der Beobachtung der Vorgänge in der Natur, der Erfahrungen mit dynamischen Gleichgewichten in der Ökologie.
Wenn die passenden Menschen hier angekommen sind, können wir darüber sprechen.

Für jetzt lade ich jeden, der das liest, herzlich ein, mal für eine Blütenernte oder eines der anderen Seminare nach Aditi zu kommen und sinnlich zu erfahren, wovon ich hier spreche. Eigentlich können wir dann erst sehen, ob eine Resonanz da ist, die das Sein berührt und zum Tun führt.

*** Evelin Rosenfelds Projekt liegt im nordbayerischen Landkreis Coburg.

Von Bobby Langer

„Buenos dias, madre. que tal? Wie geht’s, Mutter Erde? Du siehst ein wenig kränklich aus.“

„Es geht so, die meisten meiner Kinder haben mich im Stich gelassen – wer kümmert sich schon um seine alte Mutter – aber wenigstens ein paar von ihnen sorgen sich noch um mich. Immerhin.“

„Am 22. April ist dein Feiertag, so wie jedes Jahr seit 1970. Hast du einen Wunsch?“

„Ja, den habe ich tatsächlich. Damals kam nur ein kleines Häuflein zu meinem Feiertag. Alle dachten: ‚Nichts kann der Alten etwas anhaben.‘ Auch ich hielt mich Jahrmilliarden lang für unverletzlich, aber ich habe euch unterschätzt. Ihr Menschen seid wie Ameisen, die mir bis ins Gehirn, bis in meine Adern und Lungenbläschen vordringen und mir Energie und Atem nehmen. Doch immer mehr von euch beginnen zu verstehen: Werde ich krank, ist es auch um euch geschehen. Ohne mich seid ihr nicht mehr. Heute sind es schon Hunderttausende in 175 Ländern, die mich feiern. Das tut gut und macht mir Hoffnung; deshalb mein Wunsch: Verwandelt die Hunderttausend in Hundertmillionen!“

„Bescheiden bist du nicht gerade, oder?“

„Stimmt, dieser menschliche Begriff ist mir als Planetin fremd. Ich habe schon immer groß gedacht.“

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Gaia, so heißt Mutter Erde – nur wenige Namen haben sich international so durchgesetzt. Seit die Mikrobiologin Lynn Margulis und der Chemiker, Biophysiker und Mediziner James Lovelock Mitte der 1970er-Jahre die Gaia-Hypothese entwickelten, ging der Name Gaia viral. Und dabei gab es noch gar kein Internet. Sogar das Teleskop der Europäischen Weltraumorganisation wurde nach ihr benannt.

Das world-wide Gaia-Web

Natürlich gab es den Namen Gaia lange vor unserer Zeit. Schon in der altgriechischen Mythologie hieß die personifizierte Erde Gaia [Γαῖα]. Aus ihr stammte alles Leben, und alles Leben sank zurück in ihren Schoß. Gaia stand in direkter Verbindung mit der Göttin Kybele, die im westlichen Teil der heutigen Türkei [Kleinasien] verehrt wurde als Herrin der Tiere, als Berg- und Naturgöttin und Erdenmutter. Kybele erhielt in manchen Traditionen auch den Namen „magna mater“, Große Mutter; im Hinduismus hieß sie Parvati, Tochter der Himalaya-Berge; in Lateinamerika trug sie den Ehrennamen Pacha Mama und wurde zum Grundprinzip der aktuellen Verfassung von Ecuador. Nur vor diesem Hintergrund ist die immense Verehrung der „Mutter Gottes“ im Christentum erklärlich.

Doch mit Pacha Mama schließt sich der Kreis zum Heute. Die in indigenen Mysterien Amerikas verbreitete Erdmutter-Verehrung konnte durch das Christentum nie vollkommen unterdrückt und ausgemerzt werden und feiert seit Jahren unter dem spanischen Ruf „Buen Vivir“ – gut leben! – eine globale Wiederkehr. Pacha Mama ist die Rebe, die ihr Wasser aus großen Tiefen holt, sie ist der durchs Pflaster wachsende Löwenzahn. Die widerständigen mexikanischen Zapatistas fordern Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Unabhängigkeit, Land, Arbeit, Gesundheit, Bildung und Frieden – und berufen sich auf Pacha Mama. Pacha Mama ist der Ursprung ihrer Identität und Kern eines Bewusstseins, dass alles, was Leben hat, untrennbar miteinander verbunden ist: Tiere, Pflanzen, Insekten, aber auch Berge und Flüsse, Felsen und Himmel. Es ist gut vorstellbar, dass Pacha Mama zum Inbegriff einer Bewegung wird, die gegen alles aufbegehrt, was Gaia Gewalt antut. Die Energie für einen solchen Aufstand für das Leben ist längst – global in uns allen – vorhanden wie die Lava unter einem schlummernden Vulkan.

Gaia – wer oder was ist das?

Doch was ist dran an der Gaia-Hypothese? Durchsetzungsfähig war sie, weil sich in ihr intuitives, archaisches Wissen mit modernem Wissenschaftsverständnis verknüpfte – in der Frage nämlich nach dem Urgrund des Lebens. Leben äußert sich in Form von Lebewesen, die sich in selbstorganisierenden biologischen Rückkopplungsprozessen erhalten, so der wissenschaftliche Blickwinkel. Auch der Planet Erde, Gaia, so Lovelock, lasse sich derart beschreiben. Ganz Naturwissenschaftler, untermauerte er seine Hypothese mit phänomenalen Argumenten. Deren bekanntestes ist der seit ewigen Zeiten gleichbleibende Salzgehalt der Meere, der sich logisch nur erklären lasse, wenn es etwas – nämlich das Wesen Gaia – gebe, das ihn aufrechterhalte: „Obwohl vom Land weiterhin beträchtliche Mengen an Mineralien gelöst und ins Meer verfrachtet werden, ist der Salzgehalt seit Jahrmillionen nicht mehr gestiegen. Nimmt man an, dass die Mineralfracht in früheren Zeiten ähnlich hoch war wie heute, müsste inzwischen so viel Salz in den Meeren sein, dass höhere Lebensformen nicht mehr existieren könnten. Tatsächlich gibt es Prozesse, die Salz auch wieder aus dem Ozean entfernen.“ (Wikipedia)

Obwohl Lovelock selbst sich einer Romantisierung der Gaia-Hypothese widersetzte, hatte er doch viel Verständnis für deren Anhängerinnen:

„Wenn ich von einem lebendigen Planeten spreche, soll das keinen animistischen Beiklang haben; ich denke nicht an eine empfindungsfähige Erde oder an Steine, die sich nach eigenem Willen und eigener Zielsetzung bewegen. Ich denke mir alles, was die Erde tun mag, etwa die Klimasteuerung, als automatisch, nicht als Willensakt; vor allem denke ich mir nichts davon als außerhalb der strengen Grenzen der Naturwissenschaften ablaufend. Ich achte die Haltung derer, die Trost in der Kirche finden und ihre Gebete sprechen, zugleich aber einräumen, dass die Logik allein keine überzeugenden Gründe für den Glauben an Gott liefert. In gleicher Weise achte ich die Haltung jener, die Trost in der Natur finden und ihre Gebete vielleicht zu Gaia sprechen möchten.“

There’s something that calls for you

Obschon sich die Gaia-Hypothese auf naturwissenschaftliche Aspekte berief, hatte sie doch stark spirituelle Auswirkungen, etwa hinein in die Hippie- und New-Age-Bewegung. Doch das ist lange her und hat sich gewissermaßen „überlebt“.  „It’s all over now, baby blue. | Leave your stepping stones behind | There’s something that calls for you“, sang Bob Dylan, der seine mystische Sicht der Welt stets sorgfältig hinter seiner schnarrenden Stimme versteckte.

Der vielleicht wichtigste Aspekt des zunehmenden Gaia-Booms ist seine nicht nur völkerverbindende, sondern menschheitsverbindende Kraft: Wenn wir spüren, dass wir alle Bewohner und Geschöpfe von Gaia sind, dann sind wir ein Volk von Feuerland bis Alaska, von Spitzbergen bis Andalusien, von Cabo da Roca bis Tschuktschen; dann verstehen wir, dass eine Hierarchie innerhalb des Lebens eine absurde Annahme ist; dass wir alle gleichwürdig sind. Gaia wirkt in unseren Kindern, sie ist die große Hebamme aller Menschen und Lebewesen aller Länder.

Aber Gaia macht uns nicht alle gleich; im Gegenteil. Was wäre eine Alpenwiese ohne ihre 5000 Pilzarten, 2500 Flechtenarten, 4500 Gefäßpflanzen und 800 verschiedenen Laubmoose? Sie wäre eine Monokultur, eine menschliche Wahnidee und nicht das Wunderwerk einer durch Jahrmillionen sich steigernden Vielfalt. Gaia, das verstehen immer mehr von uns, ist das Gegenteil industrieller Standardisierungen, Gaia ist Leben pur, das sich in unerreichbarer Individualität ausdrückt, in uns, in dir und in mir.

Gaia lädt uns ein

Und vor allem: Gaia gibt es wirklich. Sie ist keine „Idee“, es sei denn, wir selbst wären Ideen und nicht, von ihr und aus ihr gemacht, aus Fleisch und Blut. Gaia ist der Apfel, in den wir beißen, und der seinen süßen Saft auf unsere Zunge sprüht; Gaia ist die Frühlingswiese, in die wir uns legen und die in uns aufblüht, sobald die Sonne uns strahlend berührt. Gaia ist aber auch der Rost, der am alten, vergessenen Traktor frisst – drüben am Ackerrand. Gaia ist Kraft und Versprechen und Zukunft.

Gaia ist das Ende des gefährlichen Glaubens, hier sei der Mensch und dort die Natur. Gaia ist wir und wir sind Gaia, aber eben nicht exklusiv, sondern im Sinne einer Einladung, einer Ineinsnahme: Der Tag der Erde ist eine Festtagseinladung, bei der uns die Erde zum Feiern ruft, zum Feiern der Geschwister aus Tiefsee und Himmel, zum Feiern unserer Geschwister in und über der Erde, zum Feiern unserer Schwestern und Brüder in Nord und Süd, Ost und West. Denn wir sind ein Volk, Geschwister und Kinder der Erde. Gaia ist Frieden, jeden Tag.

Entnommen aus „(Wandel-) Reiseführer in eine zukunftsfreundliche Lebensweise“ (mit diesem Link copyrightfrei verfügbar)