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Heute spricht man irrigerweise noch immer von der Umweltbewegung, die längst zur Mitweltbewegung geworden ist – eine Entwicklung voller Stolpersteine, die keineswegs zu Ende ist und vor neuen, großen Herausforderungen steht. Totschweigen und Künstliche Intelligenz gehören dazu.

Ich habe in meinen Kreisen ein bisschen herumgefragt, ob und wie sich der persönliche Lebensstil in den letzten Jahrzehnten geändert habe, und musste feststellen: Den Wenigsten war eine solche Änderung bewusst; den wenigsten war überhaupt bekannt, dass es so etwas wie den westlichen Lebensstil gibt. Erst im Nachdenken stellten sich etliche Antworten ein. Dafür musste aber zunächst geklärt werden, was Lebensstil eigentlich ist. Ein alter Freund, bekannt für seine nüchterne Weltsicht, fasste „Lebensstil“ so zusammen: „Dein Lebensstil ist das, was übrigbleibt, wenn man deine Ausreden abzieht.“ Das gefällt mir schon ganz gut, nur scheint mir, kann die Frage nicht ausschließlich so subjektiv flott beantwortet werden.

Hybris war selbstverständlich

Objektiv gehören zum Lebensstil mein Umgang mit Stress, Geld, Arbeit, Zeit und Freizeit, mein Verhalten in alltäglichen und in Ausnahmesituationen, außerdem meine sozialen und die Mitweltbeziehungen. Wollte ich das alles im Detail behandeln, müsste ich dazu ein Buch verfassen und keinen Essay. Da das aber auf beinahe alle relevanten Fragen zutrifft, will ich es dennoch versuchen.

Allein, dass ich bei meiner Aufzählung den Begriff „Mitwelt“ überhaupt in den Blick nehmen konnte, zeugt von meinem geänderten Lebensstil. Vor 50 Jahren war mein Bezug zur Mitwelt ein rein naturschützerischer. Damals ging es zum Beispiel um Bachreinigung, Vogel- oder Krötenschutz, irgendwann auch um Regenwaldschutz. Ich will diese Themen damit nicht kleinreden – im Gegenteil, sie liegen mir am Herzen –, aber es war doch ein verhältnismäßig enger Blickwinkel damals. Das Wort Mitwelt existierte ebenso wenig wie der christliche Anspruch „Schöpfung bewahren“. Natur: Das war die Welt um den Menschen herum, die Umwelt. Die menschliche Hybris blieb vom Umweltschutz unangetastet.

Vom punktuellen zum systemischen Denken

Noch weiter zurück gehörten weder der Begriff „Umwelt“ noch „Ökologie“ zum Alltagswortschatz. Die Thesen ihrer frühen Denker wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt wurden gelegentlich in Fachkreisen diskutiert, zum Bildungsfundus der Gymnasien zählten sie nicht. Studiengänge zum Thema Ökologie entstanden erst in den 90er Jahren, so zum Beispiel der weltweit erste universitäre Studiengang für „Ökologische Agrarwissenschaften“ 1995 an der Universität Kassel/Witzenhausen.

Erst damit begann sich der westliche Blick auf die Welt zu verändern. Ökologie verstand sich zunehmend als Systemwissenschaft. Es ging nicht mehr darum, vereinzelte Phänomene zu analysieren, sondern Systemzusammenhänge zu verstehen. Die Natur bzw. Schöpfung war auf einmal keine Addition von Dingen mehr (zu denen auch Pflanzen und Tiere zählten), sondern ein lebendiges Miteinander, zu dem auch der Mensch gehörte.

Und dann kam Tschernobyl

Und damit veränderte sich unser Blick auf unser Sein und Handeln – und damit unser Lebensstil. Erich Fromms Buch „Haben oder Sein“ entstand nicht zufällig 1976. Denn der neue Blick auf die Welt begann den naiven Subjekt-Objekt-Bezug „Mensch-Umwelt“ sowohl wissenschaftlich als auch ethisch als „irrig“ einzuschätzen. Es gab keine Handlung mehr ohne Relevanz für die Welt. Der Lebensstil war keine Privatsache, er hatte politische Bedeutung. So manches Jahr war ich in den 70er Jahren als Student die 160 Kilometer zu meinen Eltern mit dem Auto gefahren; alles, was für mich zählte, waren die Spritkosten. 1979 – ich hatte nicht nur Fromm gelesen, sondern auch Rachel Carsons „Silent Spring“ – war das schon anders. Ich wurde mir meines umweltbelastenden Lebensstils allmählich bewusst. Bei der Bundestagswahl 1980 erhielten die Grünen 1,5 Prozent der Stimmen; zehn Jahre später waren es sechs Prozent. Die Umweltbewegung war entstanden, und die Anti-Atomkraft-Bewegung ebenfalls. Atommüll, einst achselzuckend hingenommen, wurde als Problem erkannt. 1986 zog die radioaktive Wolke von Tschernobyl nach Westen, und wir mussten unsere Gemüsebeete umgraben. Mein Ältester, 1979 geboren, erinnert sich noch daran. Der Welthorizont hatte sich verdüstert, aber gleichzeitig gab es Hoffnung.

System Change lag in der Luft

Denn die Umweltbewegung wuchs weltweit. In Russland hatte sich eine Greenpeace-Sektion gegründet, 1997 eröffnete Greenpeace in Hongkong, 2002 in Peking. „Umweltfreundliches“ Verhalten war zur Gewissenssache geworden, ebenso niedriger Energieverbrauch, Vermeiden von Flugreisen und die Unterstützung der ökologischen Landwirtschaft. Im Jahr 2000 wurde die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“ gegründet, die heute in die „Ökologische Initiative Eine Welt“ integriert ist. Entstanden war der „Aufbruch“, so die Kurzform, aus dem christlichen Netzwerk für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sowie durch Engagement aus dem Umfeld des Ökodorfs Sieben Linden. Jetzt ging es darum, den persönlichen Lebensstil mit politischem Wandel zu verbinden – ein damals ganz neuer Gedanke. Die grundlegende Aufbruch-Erkenntnis: „Wer politische Forderungen stellt, ohne sein eigenes Leben zu verändern, wird zum Heuchler; wer nur sein eigenes Leben verändert, ohne sich für politische Veränderungen einzusetzen, bleibt ein Träumer.“

Ergänzend zum ältesten Öko-Anbauverband Demeter hatten sich in den 70ern die inzwischen großen Verbände Bioland und Naturland gegründet. 1991 wurden EU-weit rechtsverbindliche Vorschriften für Bioanbau und biologische Lebensmittel erlassen. 1990 entstand der Bundesverband Naturkost Naturwaren. Aus kleinen Bioläden mit minimalen Umsätzen wurden im Laufe der Jahre umsatzstarke Bio-Supermärkte: Die Ökos waren im Kapitalismus gelandet, wurden sich dessen aber auch zunehmend bewusst. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien der Westen auf ganzer Linie gesiegt zu haben, die kommunistische Idee schien tot. Doch damit war ein ideelles Vakuum entstanden, System Change lag in der Luft.

Die Geschichte des CO2-Fußabdrucks

Also kam, was kommen musste: Das „System“ wehrte sich vehement. Mitte der 90er Jahre hatten ein Schweizer und ein kanadischer Ökologe den Begriff des ökologischen Fußabdrucks erfunden, zunächst als wissenschaftliche Maßeinheit für den Ressourcenverbrauch von Nationen, Städten oder Lebensstilen. British Petroleum (BP), das wegen seiner hohen Mitweltbelastung massiv in der Kritik stand, aber im Jahr 2004 einen Rekordumsatz von 285 Milliarden US-Dollar einfuhr und 5,5 Milliarden Dollar an seine Aktionäre ausschütten konnte, erblickte eine einmalige Chance. Der Ölmulti beauftragte die Werbeagentur Ogilvy & Mather, eine Kampagne mit dem Ziel zu entwickeln, die Verantwortung für den Klimawandel von den Ölkonzernen auf den einzelnen Verbraucher zu schieben. Statt über einen Strukturwechsel in der Wirtschaft nachzudenken, sollten wir an Glühbirnen denken. Budget der Kampagne: rund 200 Millionen Dollar. Damit die Verbraucher das eigene Fehlverhalten Schwarz auf Weiß berechnen konnten, ließ BP auch gleich einen praktischen CO2-Rechner programmieren. Der Plan hinter diesem Ablenkungsmanöver bzw. seiner gezielten Gehirnwäsche ging nahtlos auf; heute stellen die meisten westlichen Länder ihren Bürgern CO2-Rechner kostenlos zur Verfügung, so der Consumer Footprint Calculator der EU, der EPA Greenhouse Gas Equivalencies Calculator in den USA oder der Lifestyle Carbon Footprint Calculator der Vereinten Nationen. Keine Regierung machte und macht hingegen die Industrie für ihre Mitweltschäden ernsthaft verantwortlich.

Hoffnung Internet

Ein zweischneidiges Schwert, was unseren Lebensstil angeht, ist das Internet und – davon nicht zu trennen – das Smartphone. 1995–1996 hatten kommerzielle Anbieter wie AOL, T-Online und CompuServe das Internet, das 1989/90 erfunden worden war, per Modem in die Wohnzimmer gebracht. Immer schnellere Datenübertragung (ISDN, DSL) ermöglichte Multimedia-Inhalte. Am 23. April 2005 ging das erste YouTube-Video online, 2007 schaffte Apple mit dem iPhone den Durchbruch für die Masse, ein Jahr später kam das erste Android-Smartphone auf den Markt. Eine Weile herrschte auch in ökologisch nachdenklichen Kreisen eine gewisse Euphorie: Mittels Internet konnte man wichtige Informationen über Umweltschäden grenzüberschreitend und weltweit verbreiten; Individuen und Organisationen würden sich vernetzen, ohne von Behörden, Unternehmen oder Diktaturen behindert werden zu können; einmalige, internationale und damit schlagkräftige Bündnisse schienen in Reichweite.

Das große Ziel: Verwirrung

Doch auch hier siegte das Kapital. Die freie Verfügbarkeit von Informationen über das Internet hatte nämlich einen entscheidenden Pferdefuß. Da die Zusammenhänge etwa in Sachen Erderwärmung und Umweltzerstörung außerordentlich komplex sind, siegte nicht die Menge an qualitativ hochwertiger Information, sondern die Quantität zurechtgestutzter, massentauglicher Information. Für einen unkundigen Verbraucher war und ist es schier unmöglich, unter 100 scheinwissenschaftlichen Informationen die eine echte auszusortieren.

Tatsächlich überließ es die mitweltzerstörende Industrie nicht dem Zufall, was Menschen glauben sollten, und setzte über Jahrzehnte gezielte Strategien ein, um Klimaschutzmaßnahmen zu verzögern. Hauptziel war, in das Denken von Entscheidungsträgern und Verbrauchern einzugreifen und sie zu verwirren. Dazu dienten folgende Maßnahmen:

1. Gezielte Desinformation und maßgeschneiderter Zweifel [„Manufactured Doubt“]

Zweifel säen: Es wurde suggeriert, die Wissenschaft sei sich uneins, obwohl ein überwältigender Konsens bestand. Think Tanks und Institute wurden finanziert, die Studien mit fragwürdiger, aber für wissenschaftsferne Verbraucher glaubwürdiger Methodik veröffentlichten. Wissenschaftler, oft aus fachfremden Bereichen, wurden großzügig finanziert, um als „unabhängige Skeptiker“ in Medien aufzutreten.

2. Lobbyismus und politische Einflussnahme

Klimaskeptische Politiker und Parteien wurden mit massiven Spenden unterstützt. Mit Gesetzesblockaden wurden CO2-Steuern, Emissionshandel oder strengere Grenzwerte durch massive Lobbyarbeit in Brüssel und Washington bekämpft. Sogenannte „Front Groups“ wurden gegründet. Das waren seriös klingende Organisationen wie etwa die „Global Climate Coalition“, die im Hintergrund Industrieinteressen vertraten.

3. Strategische PR und Framing

Neben dem beschriebenen „CO2-Fußabdruck“ war und ist das vor allem Greenwashing durch umweltfreundliche Alibi-Projekte, während das Kerngeschäft weiterhin zu 95 Prozent aus fossilen Brennstoffen bestand. Ein neuer Zweig der Meinungsbeeinflussung war das sogenannte „Climate Doomism“. Man warnte vor dem wirtschaftlichen Kollaps oder dem Verlust von Arbeitsplätzen durch Klimaschutz.

4. Unterdrückung interner Erkenntnisse

Bester Beleg für dieses Vernebelungsverfahren ist der sogenannte Exxon-Skandal (Exxon-Marken sind ESSO und MOBIL). Es stellte sich heraus, dass dem Großkonzern (Gewinn 2024: 33,7 Mrd. US-Dollar) bereits aus den 1970ern intern Dokumente vorlagen, welche die Erderwärmung präzise vorausberechnet hatten. Doch anstatt die Öffentlichkeit zu warnen, investierte man Millionen, um genau diese Erkenntnisse öffentlich systematisch lächerlich zu machen.

Mit anderen Worten: Die massive Nutzung des Internets öffnete die Tore weit für schwer kontrollierbare, gesteuerte Fehlinformation. Umgekehrt lässt sich nach wie vor sagen, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung auch der Mitwelt zugutekommen KÖNNEN, beispielsweise durch die massive Zunahme von Home-Office-Jobs, die jährlich Millionen gefahrener Kilometer einsparen.

Ökologisches Jiu-Jitsu

Der Erfolg der großindustriellen PR-Maßnahmen war umwerfend. Nicht nur den Regierungskreisen, insbesondere in der westlichen Welt, stiegen und steigen die gezündeten Nebelkerzen ins Gehirn; auch in meinem engen persönlichen Umfeld begannen Menschen zu zweifeln, ob es denn überhaupt so etwas wie Mitweltzerstörung, Erderwärmung oder menschengemachten Klimawandel gebe; und ob nicht tatsächlich der Kapitalismus das beste aller Systeme und die Digitalisierung der Welt ein Segen sei; wenn nicht, könne man immer noch auf den Mars auswandern …

Zweifellos lässt sich der heutige Lebensstil der Industrienationen nicht mehr ohne Digitalisierung denken, zumal deren neueste Entwicklung, die sogenannte künstliche Intelligenz, zu einer weiteren Beschleunigung industrieller Prozesse, zu mehr Raubbau und zu neuen Abhängigkeiten, ja mentaler Versklavung führen wird. Wer sich nicht auf diese neuen Gefahren und Möglichkeiten einstellt, wird zuverlässig abgehängt werden.

Wir werden also unseren Lebensstil weiterentwickeln und vertiefen müssen, gerade auch deswegen, weil die Mitwelt aus dem Blick zu geraten droht – und damit die vitalen Interessen und Bedürfnisse aller Lebewesen auf diesem Planeten. Für unseren Lebensstil hinsichtlich der Implikationen von KI wie für das Internet im Allgemeinen gilt deshalb: Wenn wir ihre Funktionen wie etwa die Polarisierung, die gezielte Herstellung von Echokammern (Bubbles) und die versuchte Gehirnwäsche verstehen bzw. durchschauen, brauchen wir uns nicht von ihnen abhängig machen zu lassen und können sie sogar zu unserem und zum Nutzen von Mensch und Mitwelt einsetzen – eine schwierige Art von ökologischem Jiu-Jitsu, mit dem wir unseren Lebensstil anreichern sollten.

Allen, die sich mit dem Thema intensiver beschäftigen wollen, kann ich das Dokument über „Imperiale Lebensweise“ als eine Art Denkgrundlage empfehlen: Imperiale Lebensweise – zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus.

Warum fällt uns das so schwer? Wie kann es gelingen?

Von Peter vom Zürichsee

Konflikt ist Suche nach Nähe und Verbundenheit. Das hörte ich vor über 30 Jahren von einem Konfliktforscher, der mit Israelis und Palästinensern zusammen Friedensgespräche führte (vermutlich Herbert C. Kelman). Bin ich gerade in einen heftigen Streit verwickelt, bemerke ich «die Suche nach Nähe» bei mir selbst oder meinem Gegenüber kaum. Der kreativ-konstruktive Umgang mit «Konflikten als Lebenskunst» eröffnet uns vielfältige Entdeckungs-, Reflexions- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Peter Wylers vollständigen Artikel findest du HIER.

1. Januar 2076. Vor einem halben Jahrhundert glaubte kaum jemand auf diesem Planeten, dass eine tiefgreifende Transformation der Menschheit möglich sei und gelingen könnte. Was für uns heute, zum Jahresauftakt 2076, völlig «normal» ist, war damals grundlegend anders. Jetzt schauen wir staunend zurück auf die Reise vom inneren und äusseren Wandel – und gehen dankbar den «gemeinsamen Weg des Menschseins» weiter.

Den vollständigen Artikel von Peter Wyler findet du HIER.

[Foto: djovan/pixabay]

Wenn die alte Welt in neuem Gewand zurückkehrt

Von Sanna Radelius, Schweden

Ein guter Freund meinte neulich zu mir: „Nein, ich sehe keinen Grund, mich zu rechtfertigen. Die IDGs [Inner Development Goals, die Red.] sind falsch, und ich mag sie nicht.“ Er ist älter, erfahrener und hat nicht mehr das Bedürfnis, seine Meinung zu erklären. Ich hingegen schon. Um mir selbst klar zu werden. Um die Frauen zu ehren, die vor mir für eine gerechtere Welt gekämpft haben. Und um allen zu antworten, die sich nach meiner letzten Kritik gemeldet und dieselbe Frage gestellt haben:

Warum bist du gegen die Inner Development Goals?

Hier ist also meine Antwort.

Der Fisch und das Wasser

Manchmal beschreibe ich die IDGs so: Man bringt Fischen bei, besser in einem Aquarium zu schwimmen, in dem das Wasser braun wird und immer weniger Sauerstoff enthält.

Die Fische lernen neue Schwimmtechniken. Sie werden widerstandsfähiger, kooperativer und reflektierter. All das ist nicht schlecht. Aber wenn das Wasser selbst verschmutzt ist, hilft besseres Schwimmen nur für eine Weile. Irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, wie sich die Fische verhalten, sondern was mit dem Wasser passiert.

Helfen wir den Fischen, das Gift zu überleben, anstatt zu fragen, warum das Wasser überhaupt giftig ist?

Wenn wir über innere Entwicklung reden, ohne uns ernsthaft mit den Systemen auseinanderzusetzen, die uns prägen, laufen wir Gefahr, genau das zu tun. Gleichzeitig lassen wir vieles unberührt: die wirtschaftlichen Strukturen, die endloses Wachstum verlangen; die historischen Machtverhältnisse, die entscheiden, wessen Wissen zählt; die Ausbeutungsmentalität, die in den Institutionen des Globalen Nordens verankert ist; die patriarchalischen Normen, die Dominanz als Führung legitimiert haben.

Diese Kräfte sind nicht von der inneren Entwicklung zu trennen. Sie prägen, wie innere Entwicklung überhaupt aussieht. Sie bestimmen, wer darüber sprechen darf. Sie entscheiden, wessen Fähigkeiten als „entwickelt” gelten.

Dennoch behandelt das IDG-Framework diese Normen als Hintergrundbedingungen und nicht als Hauptgegenstand der Veränderung. Es hilft den Menschen, sich an ein krankes System anzupassen, anstatt zu fragen, ob nicht das System selbst grundlegend verändert werden muss.

Regeneration beginnt dort, wo Komfort endet

Ich habe Jahre in regenerativen und systemischen Kontexten verbracht. Eines ist mir klar: Regenerative Arbeit beginnt nicht mit einer Liste von Fähigkeiten. Sie beginnt bei den Ursachen. Sie fragt, warum ein System Schaden anrichtet, wer von seiner Stabilität profitiert und wer den Preis dafür zahlt, wenn es sich nicht verändert. Sie besteht darauf, Macht nicht als Anschuldigung zu verstehen, sondern als Struktur, als Landkarte dessen, wie Macht organisiert ist.

In der regenerativen Theorie und Praxis wird Regeneration als ein grundlegend anderes Paradigma verstanden, das in lebenden Systemen verwurzelt ist, die ihre eigene Vitalität und die der anderen wiederherstellen und vertiefen. Es geht nicht um stärkere Nachhaltigkeit, sondern um eine Abkehr von einer extraktiven, wachstumsorientierten Logik hin zu relationalen, ortsbezogenen Formen der Organisation von Leben und Wirtschaft.

Die IDGs beschreiben sich oft als Unterstützer eines Wandels hin zu regenerativeren Kulturen und Systemen. Aus meiner Sicht gehört ihre Kernlogik immer noch zu einem früheren Paradigma.

Sie greifen einige dieser regenerativen Fragen in der Theorie auf, kehren dann aber auf den sichereren Boden der individuellen und kollektiven Fähigkeiten innerhalb der bestehenden Ordnung zurück. Regeneration macht das Gegenteil. Sie bleibt bei der Komplexität. Sie lehnt universelle Rezepte ab. Sie vertraut darauf, dass unterschiedliche Orte, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Kosmologien unterschiedliche Formen des Werdens erfordern.

Deshalb stehen Regeneration und die IDGs in einem Spannungsverhältnis. Die eine schafft Raum für Pluralität und strukturellen Wandel, die andere schreibt vor. Das ist keine Regeneration. Es ist Ausbeutung mit einem besseren Markenauftritt.

Die Struktur, die sich vor aller Augen verbirgt

Zu sagen, dass man mit Macht arbeitet, ist nicht dasselbe wie Macht zu transformieren. Verschiedene Stimmen an einen Tisch zu bringen, ist nicht dasselbe wie zu verändern, wer den Tisch gebaut hat oder über dessen Zweck entscheidet. Kritik einzuladen ist nicht dasselbe wie dieser Kritik zu erlauben, die Architektur neu zu gestalten.

Das ist wichtig, weil die IDGs nicht mehr nur ein kleines nordisches Experiment sind. Sie positionieren sich jetzt und werden immer öfter in Umgebungen eingesetzt, die mit Universitäten, Unternehmen, NGOs und öffentlichen Einrichtungen in vielen Ländern verbunden sind, vor allem in Teilen des Globalen Nordens. Ihr klares Ziel ist es, Einfluss darauf zu nehmen, wie Führungskräfte über Veränderung reden, wie Organisationen über menschliche Entwicklung denken, welche inneren Eigenschaften als legitim angesehen werden und wie „gute Führung” aussieht.

Wenn das Rahmenwerk fehlerhaft ist, wird auch sein Einfluss fehlerhaft sein. Aber es könnte noch schlimmer kommen. Ein fehlerhaftes Rahmenwerk, das global skaliert wird, kann aktiv schädlich werden. Nicht unbedingt durch das, was es lehrt, sondern durch das, was es unberührt lässt. Es gibt den Menschen das Gefühl, an den Ursachen zu arbeiten, während sie in Wirklichkeit immer geschickter darin werden, genau die Systeme aufrechtzuerhalten und zu legitimieren, die transformiert und nicht erhalten werden sollten.

Und für Frauen, für Menschen aus dem Globalen Süden, für indigene Völker, für alle, die von einer anderen Ontologie geprägt sind, bergen die IDGs eine besondere Gefahr. Sie vermitteln den Anschein von Inklusion, während sie gleichzeitig genau die Strukturen aufrechterhalten, die uns schon immer marginalisiert haben. Sie laden uns an den Tisch ein und erwarten dann, dass wir uns innerhalb des von ihnen vorgegebenen Rahmens äußern.

Was passiert, wenn das System in Frage gestellt wird

Ich habe diese Fragen direkt, öffentlich und über Jahre hinweg aufgeworfen. Über Macht. Über dekoloniale Methoden. Darüber, wie sie mit den zugrunde liegenden Strukturen arbeiten, die genau die Probleme immer wieder neu schaffen, die sie angeblich ändern wollen. Die Antworten waren aufschlussreich.

Zuerst Schweigen oder Ausflüchte. Mein Denken wurde als postmodern abgestempelt. Meine Fragen wurden eher als Frage des Tons denn als Frage des Inhalts behandelt. Später kam die Zusicherung, sie würden mit sozialen Strukturen arbeiten, wie es jeder tue, der es mit Systemveränderungen ernst meine. Aber wenn ich frage, welche Strukturen sie identifiziert haben oder was sich dadurch im Rahmen geändert hat, gibt es keine konkreten Beispiele.

Und wenn Kritik anerkannt wird, wird sie als relational umgedeutet: Meine Sprache sei aggressiv, ich hätte privat schreiben sollen, öffentliche Kritik könne Menschen entmutigen.

Das System bleibt unschuldig. Der Kritiker wird zum Störfaktor.

Die patriarchalische Logik hinter der Sprache der Fürsorge

Dieses Muster ist mir als Frau schmerzlich vertraut. Wenn strukturelle Kritik als eine Frage des Tons dargestellt wird, als Aufforderung, sanfter, beziehungsorientierter und weniger direkt zu sein, spiegelt dies eine lange Geschichte wider, in der die Klarheit von Frauen in ähnlicher Weise behandelt wurde. Diese Abmilderungen klingen oberflächlich betrachtet nach Fürsorge. Im Grunde dienen sie jedoch der Kontrolle. Sie lenken die Aufmerksamkeit von der Macht auf die Höflichkeit, vom Inhalt auf den Stil.

Jeder, der im Patriarchat gelebt hat, erkennt dieses Muster. Frauen werden gefeiert, solange wir unterstützend, dankbar, emotional einfühlsam und bereit sind, genau die Strukturen zu stabilisieren, die uns schaden. In dem Moment, in dem wir anfangen, strukturelle Probleme klar zu benennen, ohne jeden Satz abzufedern, werden wir „zu viel”. Zu scharf. Zu emotional. Zu spaltend. Eine Störung, die es zu bewältigen gilt, statt ein Signal, dass etwas nicht stimmt.

Und es gibt noch eine weitere Ebene. Nicht alle Frauen wollen dieses Muster sehen. Denn wir kennen die Geschichte. Weiße Männer nehmen das, was Frauen seit Generationen praktizieren und verkörpern – relationale Intelligenz, emotionale Kompetenz, die Arbeit der Fürsorge – und wenn sie es verpacken, erforschen und in einen Rahmen verwandeln, der durch Forschung und institutionelle Legitimität gestützt wird, wird es plötzlich wertvoll. Plötzlich ist es Führungsstärke. Plötzlich zählt es. Und für viele Frauen kann es einfacher sein, das zu feiern, als sich damit auseinanderzusetzen, was es offenbart. Dass genau die Eigenschaften, für die wir bestraft, herabgewürdigt oder denen wir ohne Anerkennung gerecht werden mussten, erst dann anerkannt werden, wenn Männer sie benennen, verpacken und als Innovation präsentieren. Das ist auch der Grund, warum die IDGs so leicht zu mögen sind: Sie wirken fortschrittlich, obwohl sie größtenteils nur das neu verpacken, was diese Kultur bereits kennt.

Diese Wahrheit zu erkennen, ist schmerzhaft. Und doch hat es auch seinen Preis, sie nicht zu sehen.

Das ist die Falle. Sei sanft. Sei inklusiv. Bring niemanden in Verlegenheit. Und während du all das bist, bleiben die Strukturen genau so, wie sie sind.

Des Kaisers neue Kleider. Nur aus sehr progressivem Stoff.

Wenn koloniales Denken in neuen Formen wieder auftaucht

Das gleiche Muster zeigt sich über Rassen, Geografien und Geschichte hinweg. Die IDGs präsentieren sich als global, mit Hubs, Partnern und Referenten aus der ganzen Welt. Aber schau dir genauer an, woher das Rahmenwerk kommt, wer die Marke hält, wer reist, sich trifft und auf den Hauptbühnen spricht, wessen Pässe und Hautfarben die Räume dominieren, in denen strategische Entscheidungen getroffen werden, wessen Sprache die Bedingungen festlegt. Der Schwerpunkt bleibt der globale Norden.

So sieht Neokolonialismus heute oft aus: keine Eroberungen und Flaggen, sondern Rahmenwerke und Partnerschaften. Keine offene Herrschaft, sondern die stille Forderung, dass sich alle an die liberal-angloamerikanischen und nordeuropäischen Normen anpassen: eine Weltanschauung, die das Problem und die Lösung definiert, während andere als Farbe und Geschichte eingeladen werden, solange sie die bereits festgelegten Bedingungen nicht stören.

Eine Weltanschauung, die behauptet, universell zu sein

Dahinter steckt eine Weltanschauung. Die IDGs basieren auf einem angloamerikanischen und nordeuropäischen liberalen Menschenbild, das den Menschen als individuelle Einheit mit einem inneren Leben sieht, das beschrieben und verbessert werden kann und grundlegend von der Natur getrennt ist. Viele andere Traditionen gehen von etwas anderem aus, von einer relationalen Welt, in der Land, Vorfahren und mehr als menschliche Wesen das Selbst ausmachen, und in der Wissen eher durch lange Beziehungen als durch globale Fragebögen entsteht.

Wenn ein Rahmenwerk verschiedene Perspektiven zulässt, ohne diese zugrunde liegende Weltanschauung zu hinterfragen, praktiziert es keine Pluralität. Es verlangt von anderen Welten, sich in seine Ontologie zu zwängen, und nennt das Inklusion.

Können sich die IDGs ändern?

Manchmal werde ich gefragt, ob die IDGs zu dem werden könnten, was sie zu sein vorgeben. Meine ehrliche Antwort ist einfach: Nein.

Das Problem sind nicht blinde Flecken oder Diversitätskorrekturen. Es ist die Kernlogik.

Die Idee, dass man eine universelle Reihe innerer Fähigkeiten für die Menschheit definieren und sie als Hebel für Systemveränderungen in der Welt verbreiten kann, ist selbst Teil des Paradigmas, das wir hinter uns lassen müssen. Das heißt nicht, dass die IDGs sinnlos sind. Sie übersetzen etwas Weiches und lange Ignoriertes – Innenleben, emotionale Kompetenz und Fähigkeit zu Beziehungen – in eine Form, die Institutionen erkennen und mit der sie arbeiten können. In einem bestimmten historischen Moment und in kulturellen Kontexten wie Schweden hat diese Brücke ihren Wert.

Und auch heute noch können die IDGs als beliebtes psychologisches Instrument für Arbeitsplätze und Organisationen in Teilen des Globalen Nordens, insbesondere in Schweden, wo persönliche Entwicklung manchmal Sprache und Struktur braucht, wirklich nützlich sein. Aber eine Brücke ist nur als Durchgang gedacht, nicht als Modell für die gesamte Landschaft. Das Problem beginnt, wenn ein Rahmen, der für ein bestimmtes kulturelles Segment sinnvoll sein mag, so präsentiert wird, als wäre er ein universeller Weg zu Nachhaltigkeit und menschlicher Entfaltung für alle.

Aus meiner heutigen Sicht sind die IDGs weniger ein Weg in die Zukunft als vielmehr ein klarer Ausdruck des Paradigmas, aus dem wir herauswachsen müssen: der Glaube, dass der richtige Rahmen in den richtigen Händen die Menschheit verbessern kann; die Annahme, dass eine Weltanschauung sicher für uns alle sprechen kann; die Gewohnheit, lebendige, situative Weisheit in übertragbare Modelle und Produkte zu verwandeln.

Könnten die Menschen rund um die IDGs sich dafür entscheiden, etwas anderes zu tun? Ja. Sie könnten beschließen, die Grenzen des Projekts zu benennen, seine Ausweitung zu stoppen und Traditionen und Bewegungen zu unterstützen, die von anderen Weltanschauungen ausgehen, anstatt zu versuchen, diese in ihre eigene zu integrieren. Sie könnten die IDGs zu einem historischen Beispiel dafür werden lassen, wie wir früher über innere Entwicklung gedacht haben, anstatt daran als Antwort festzuhalten.

Ob sie das tun werden, ist eine ganz andere Frage. Alles, was ich in ihren Antworten auf Kritik gesehen habe, deutet darauf hin, dass das Projekt weiterhin seine Kernlogik verteidigen, seine Sprache anpassen, Geschichten und Perspektiven hinzufügen und weitermachen wird. In diesem Sinne ist die wertvollste Rolle, die die IDGs spielen können, genau diese: eine sichtbare, gut vermarktete Veranschaulichung der zugrunde liegenden Logik, die wir erkennen lernen und sanft, aber entschlossen überwinden müssen.

Helft euch gegenseitig, das Wasser zu sehen

Denn die eigentliche Arbeit der Regeneration beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, den Fisch zu perfektionieren, und es wagen, ehrlich auf das Wasser zu schauen.

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Originalartikel: https://sannaradelius.medium.com/why-i-cant-be-silent-about-the-inner-development-goals-6321e262928f

Alle Fotos von https://pixabay.com

Übersetzung mit Einverständnis der Autorin: Bobby Langer

Ein Statement und ein Interview mit Peter Schönhöffer

Sicher: Es gab und gibt stets allerlei Gründe, den jetzt wieder einsetzenden, großen Demonstrationen fernzubleiben, so etwa die Furcht vor Polizeigewalt, den Zweifel an Sinn und Zweck, persönliche Einschränkungen, aber auch Resignation, die zu viele nach wie vor gefangen hält: „Das hat doch alles keinen Zweck. Die da oben – oder die jeweils zum Feind Erkorenen oder wahlweise der Putin oder der Trump oder die EU – machen doch sowieso, was sie wollen.“

Dem engagierten katholischen Theologen Peter Schönhöffer sind alle diese Alltagseinwände nicht fremd, doch stehen ihm andere Einsichten näher. Mit den folgenden, grundlegenden Einsichten im Rücken sieht er Ansätze, um neue bzw. verschüttete Friedenspotenziale zu heben.

Schönhöffer verbindet in seiner Analyse wie in seiner praktischen Tätigkeit Spiritualität mit sozialem Engagement sowie die strikte Zusammengehörigkeit der Themenkreise Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Wichtige Impulse für seine den „gerechten Frieden“ suchende Sozialisation erhielt er in weltumspannenden ökumenischen Gerechtigkeitsbewegungen, insbesondere bei der Stiftung Ökumene, pax christi und Kairos Europa.

Schönhöffer konstatiert „ungeniert manipulierte und vollkommen wahrnehmungsgestörte Öffentlichkeiten sowie eine immer offenkundiger werdende, breit sich entwickelnde Zukunftsvernichtung“. „Vielleicht“, vermutet er, „nimmt die Anzahl und Eindrücklichkeit der Friedensdemonstrationen deswegen so schlagartig zu.“ Doch buchstäblich alles, was jetzt not-wendend werden könnte, geschehe noch immer nahezu unbemerkt von der Einheitslinie des veröffentlichten Meinungskorridors.

Daher dieser kurze Artikel und das darauffolgende Interview.

Ein klarer Blick: Kompromisslos für Frieden – ein Statement von Peter Schönhöffer

Festzuhalten ist: Von den realen Basis-Notwendigkeiten einer internationalen Friedenskoalition zur Beendigung aktueller Kriege kommt in den Top-Themen der Leitmedien noch immer kaum etwas vor. Was zum Frieden ohne Waffengewalt führen könnte, gilt als indiskutabel. Vielmehr richtet sich die Grundwahrnehmung der Situationen in der Ukraine und im Gaza-Streifen auf strukturelle und situative Eskalation oder De-Eskalation bei völkerrechtswidrig und absolut menschenverachtend fortgeschriebener Apartheid (Trump-Plan für Gaza). Für eine echte Debatte um eine grundsätzlich notwendige Neuorientierung und praktische Perspektivenauslotung bleibt immer weniger Raum. Eines ist gewiss: dass wir damit die Wahrscheinlichkeit, die Welt zugrunde zu richten, dramatisch erhöhen. Damit aber muss jetzt und hier Schluss sein.

Angesichts der im Raum stehenden Vernichtungspotenziale gegen Menschen und Mitwelt bei gleichzeitiger Wahrnehmungsverweigerung müssen Friedensrationalitäten formuliert und Friedenspotenziale entschieden gehoben werden.

Immerhin: Nach Mobilisierung von 15.000 bis 20.000 Menschen durch BSW plus Dieter Hallervorden, TV-Moderatoren sowie einschlägigen Musik- und Rapper-Promis gingen am 3. Oktober in Berlin 60.000 bis 100.000 Menschen gegen den jede Menschlichkeit verloren habenden Gaza-Krieg auf die Straße. In Barcelona versammelten sich bei Friedensdemonstrationen mehrere zehntausend Menschen, in ganz Italien waren es über eineinhalb Millionen. Auch Stuttgart war groß dabei. In New York organisierten über 1.000 Rabbiner und jüdische Friedensaktivist/innen eine Demonstration, in der sie eine dauerhafte Waffenruhe in Gaza forderten. Eines wird immer deutlicher: Nicht nur die Anzahl und die in wichtigen Ansätzen und weiten Teilen geteilten Grundsatzüberzeugungen, sondern auch die Nachdrücklichkeit der Demonstrationen und mobilisierbaren „Friedensbewegten“ lässt sich nun kaum mehr stoppen. Wann aber werden sie zu mehr als punktuellen Befriedungen bei ungelösten ökonomisch-ökologischen Zangenkrisen beitragen?

Einige wesentliche Anteile öffentlicher deutscher Kräfte sollten die Gunst der geballten herbstlichen Friedensdemonstrationen schnellstmöglich nutzen und zu ernsthaften Friedensverhandlungen drängen: dass es gilt, auf den anderen zuzugehen und die Positionen des anderen verstehen zu wollen; und dass konsequentes und lösungsorientiertes, kleinteiliges Verhandeln reichere Ausbeute hervorbringen wird als europäische Bewegungslosigkeit oder amerikanische Clownerien. Wann, wenn nicht jetzt auf dem Hintergrund des Rückhaltes der Friedensdemonstrationen im Herbst 2025 kann dies öffentlichkeitswirksam ausgesprochen und allgemein gehört werden?

Und die spezifische Rolle der Friedensbewegung? Den jetzt überall aufgepeitschten Eskalationslogiken ist vehement Einhalt zu gebieten. Die sich in der neuen Friedensbewegung plural und nicht faschistisch versammelnden Strömungen sollten orchestriert, klug, nüchtern, eindeutig und eindrücklich, verlässlich und mitvollziehbar vorgehen. Das bedeutet,

  • dem politisch zum Feind Gewordenen gut überlegte und nach Verlässlichkeit und Wechselseitigkeit rufende ökonomische und diplomatische Angebote zu machen (grüner Wasserstoff plus vertrauensbildende OSZE-Verhandlungen plus Wiedereinsetzung eines mehrheitlich von den USA Schritt für Schritt aufgekündigten UN-Waffenkontrollsystems);
  • den Frieden zu proklamieren und auf den jeweiligen Gegenseiten Kräfte zu finden, die dies auch wollen, und dann in Verhandlungen zu gehen, die die Eskalations- und Grausamkeitsdynamik unterbrechen und unterbinden;
  • die Kriegstrommler und Eskalations-Falken in den eigenen wie in den fremden Reihen abzuwehren und das Wagnis eines umfassenden und vor allem ökonomisch bestandsfähigen Friedens einzuläuten.

Biblisch würde man sagen: Von jetzt und hier an weitermachen, ohne noch einmal zurückzuschauen, vorwärtsgehen ohne inneres Wanken. Es ist kein Zufall, dass einem dazu tiefreichende biblische Wegmarken in den Sinn kommen. Sie werden gebraucht werden. Und ihre Zeit wird kommen. Es gilt, wie das Neue Testament schon wusste, nicht nur „arglos wie die (Friedens-)Tauben“ vorzugehen, sondern zugleich auch „klug wie die Schlangen“.

Jetzt, wo die Not übergroß wird, wächst langsam das stille Heer derjenigen, die zuerst tief in sich, später auch nach außen gewandt, das Potenzial der Feindesliebe erkennen werden. Mit ihr kann der dauerhaft fortbestehende Kriegsgrund von vollkommen gespaltenen Öffentlichkeiten in Ost und West doch noch überwunden werden. Möglicherweise erst aus einer solch tiefen Klarheit werden das Potenzial und die Strategiefähigkeit derjenigen kommen, die zuverlässig wissen: Eine realistische Friedensfähigkeit kann die Lagergrenzen zunächst durchlöchern und dann überschreitbar machen. Eine solche Friedensfähigkeit ist die einzige, noch erreichbare Chance für die Menschheit, ohne dass die Ökosysteme vollends sterben und die Migrationswellen aus unzumutbaren Lebenswirklichkeiten vollends über die privilegierten Zonen hereinbrechen.

 

DAS INTERVIEW: Die Frechheit, uns selbst zu trauen!

Bobby Langer: „Friedenspotenzial“, das ist ein schöner, ein hoffnungsvoller Begriff. Stammt er von dir? Und kannst du ihn ein wenig erläutern?

Peter Schönhöffer: Alles andere als das, aber er fühlt sich richtig an, denn Frieden kann „nur gewagt werden“, wie der unvergessene Dietrich Bonhoeffer 1934 aus Anlass der weltweiten, erdumspannenden Ökumene in Fanö (Norwegen) formuliert hat. Frieden sei das einzige große Wagnis. Man komme zu keinem Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Eine solche entschiedene Klarheit gewinnt man erst, wenn man auf das große Ganze schaut und vom Blick auf die gesamte Erde durchdrungen ist. Potenzialentfaltung ist etwas, was in den letzten Jahren unzweifelhaft als Begriff und als Praxis einige Herzen zu erobern begonnen hat. Friedenspotenziale wieder zu heben in uns selber, im Dialog der Generationen, im Aufweichen der sich gerade unglaublich verfestigenden, tief gespaltenen Öffentlichkeiten in Ost und West, die verstörenderweise kaum mehr Berührungspunkte aufweisen.

Und ich sehe es als unsere historische Aufgabe, das Wissen der Friedensbewegung aus den 1980er Jahren zu reaktivieren, das verloren zu gehen droht; hinzu kommen die Erfahrungen der Katastrophe zweier Weltkriege und der Beendigung des Kalten Krieges. Potenzial zeigt sich erst nach und nach. Es will in Mikro-Dosen in und um uns kommunikativ fein und klar gehoben werden – gemeinschaftlich plausibilisiert und zu entfalten im öffentlichen Raum der immer enger abgesteckten Grenzen politischen Denkens und Fühlens. Danach ruft unsere Zeit, um eine berühmte Formulierung von Ernst Bloch wieder in Erinnerung zu rufen. Denn wenn wir nicht öffentlich um Perspektiven ringen, die uns in neue, wechselseitig geteilte Logiken hineinführen, dann schreien buchstäblich die Steine, um noch einmal ein Bibelwort – dieses Mal aus dem Alten Testament – anklingen zu lassen.

BL: Was hat dich bewogen, dich ausgerechnet mit der Frage der Friedenspotenziale zu beschäftigen? Frieden, so das gängige Narrativ, sei gar nicht möglich ohne Krieg.

Sch.: Letztlich kam bei mir die Frage auf: Wie können wir uns in Ost und West neu verbünden und in den unendlichen Traumasümpfen des Nahen Ostens ein verlässlich einschreitender Sicherheitsgarant gegen den fortlaufenden Terror von beiden Seiten sein; und zwar zwingend auf der Basis von Völkerrecht, Rückbau der illegalen Siedlungen und weitestgehender Auseinanderhaltung lebensfähiger Landkorridore. Dazu aber gilt es, nicht nur Empörungs- oder Einzelaktivismus zu kultivieren, sondern breite Mehrheiten zu organisieren.

Notwendige Voraussetzung dafür ist es, so viel wie möglich Fühllosigkeit, Ressentiment und die Leitplanken unserer Vorurteile in uns selber auf- und abzuräumen. So können wir einander zur Hoffnung werden. Mit Friedensdemonstrationen in kurzen Abfolgen, mit dem Hören auf Friedensforschung und Friedensbewegung sowie durch beständigen Druck auf die politisch Handelnden vermögen wir vielleicht, den beispiellos fugendichten öffentlichen Diskursraum zu öffnen, zu kultivieren und eine Friedenslogik (Hanne Bickenbach) zu halten; so können wir jene „Hoffnung schaffen und verkörpern“, wozu Norbert Copray einmal ein schönes Buch geschrieben hat, die in immer weitere Ferne gerückt erschien.

Fugendicht: Das bedeutete u. a., dass Matthias Platzeck, Harald Welzer und Richard David Precht (mit ihrem Buch über die vierte Gewalt), der Erhard-Eppler-Kreis, aber auch Positionen von Gabriele Krone-Schmalz oder Sarah Wagenknecht allesamt für nicht mehr diskussionswürdig erachtet und moralisch abqualifiziert wurden. Da ist mir schlagartig etwas Grundsätzliches klar geworden. Die Kontrolle des öffentlichen Raumes mit einer reichlich einseitigen, wenig informierten, über die Expertise von Bundeswehrhistorikern (Sönke Neitzel) und Bundeswehrpolitologen (Carlo Masala) gesteuerten Stoßrichtung droht komplett versiegelt zu werden, zumal sie durch von langer Hand voreingerichtete Osteuropa-Forschungs-Expert/innen fortlaufend untermauert wird. Einwände der Friedensbewegten wie Andreas Zumach, Clemens Ronnefeldt, Fernando Enns oder Wolfgang Palaver werden systematisch gar nicht mehr erst öffentlich zugelassen.

Nun braucht es in erster Linie klare und realisierbare Perspektiven. Denn noch immer kann jederzeit wieder aufploppen, was historisch, wenn es hervorkam, fast immer verheerend gewesen ist: Siegeslogiken, Auslöschungsfantasien, selbstverständlich auch von Seiten Russlands oder der Hamas, Eskalationslogiken aus der Position wirtschaftspolitischer Ignoranz und ökologisch-weltgesellschaftlicher „Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität“, gespeist aus unerlöst-selbstherrlichem Nato-Siegestaumel oder fehlender historischer Klugheit und aus vermeintlicher moralischer Gewissheit oder im Gaza-Konflikt auch aufgrund unlösbarer Dilemmata: Die Alternativen, die unbedingt erzwungen werden müssen, werden gar nicht erst im Diskurs zugelassen.

BL: Was vermisst du im öffentlichen Krieg-Frieden-Diskurs?

Sch.: Am 26. Januar 2017 warnte Ex-Präsident Gorbatschow in einem Gastbeitrag für das Magazin Time: „Immer mehr Truppen und Panzer werden in Europa in Stellung gebracht.“ Als ob er den jetzt gerade massiv vorangetriebenen Ausbau der zentralen US-amerikanischen Basis für Europa im pfälzischen Ramstein und das deutsche Bataillon in Litauen vor Augen gehabt hätte. Die Nato und die russische Armee, so warnte er, rückten immer näher aufeinander zu, sie stünden sich inzwischen in Schlagdistanz gegenüber.

„In den Staatshaushalten, die kaum noch ihre sozialen Aufgaben bewältigen, wachsen die Militärausgaben“, befand Gorbatschow. Für moderne Waffen, manche mit der Schlagkraft früherer Massenvernichtungswaffen, sitze hingegen das Geld locker. „Es sieht aus, als ob sich die Welt auf einen Krieg vorbereitet.“

Heute erscheint diese Ansage wie eine frühe Prophetie, die jetzige Lage wirkt allerdings um ein Vielfaches angespannter, besonders wenn man mit hinzuzieht, dass das exorbitante Aufblähen des deutschen Rüstungsetats, das den Haushalt und mit ihm den sozialen Frieden im Land innerhalb nur sehr weniger Jahre mit übergroßer Wahrscheinlichkeit in Stücke reißen wird, jetzt schon durch eine wohlfeile, selbstgefällige, breitflächig betriebene oder ahnungslos übernommene Polemik gegen Bürgergeldempfänger, gegen Faule oder gegen „Kriegsmüde“ bei weiterer Ausklammerung der „Superreichen“ orchestriert wird.

BL: Gibt es bestimmte Zielgruppen, an die du dich besonders wendest, und wo du noch Hoffnung siehst?

Sch.: Zielgruppen werden nicht reichen. Wir brauchen umfassende Programme und tiefgreifende Basis-Veränderungen, wenn wir noch eine Chance haben wollen. So etwa, wie Adelheid Biesecker, eine der großen Vordenkerinnen feministischen Wirtschaftens, immer wieder betont hat, einen Dreiklang aus Care-Revolution, Reproduktionsverschiebungen und eine darauf aufbauende friedensfähige Ökonomie. Der Weg dahin ist weit und steinig. Ohne dass wir ihn sehr real und sehr umfassend und umsichtig mit kommunikativer Klugheit begehen, werden unsere Friedensbotschaften verklingen. Sie werden in den Ohren der sozial-emotional taub gemachten Mehrheiten als idealistisch oder naiv erscheinende Friedensappelle wahrgenommen. Deswegen gehört es zum notwendigen Überlebensprogramm, Seelenkräfte aufbauende Resonanz-Räume und Resonanz-Zeiten zu erschaffen, horizontal, vertikal und diagonal (Hartmut Risa), und zwar vielfältig, freundschaftlich, Verbundenheit stiftend.

Was wir wirklich brauchen, ist mehr als zielgruppengerechte Ansprache, wir benötigen vielmehr gut informierte, historisch versierte und abrüstungstechnisch auf der Höhe der Zeit befindliche Journalist/innen, die neue Diskursräume allererst eröffnen und dauerhafte Friedenslogiken plausibel begründen können – und zwar für die nachwachsende Generation so passend, dass sie in den dortigen Rezeptionsmustern von Influencer/innen verarbeitet werden können. Ganz wichtig auch: reale Friedensperspektiven, gekoppelt mit Aussöhnung und wirtschaftlichen Entfeindungs-Angeboten.

BL: Wenn du von „Friedenspotenzialen“ sprichst, steht im Hintergrund die Idee der „Kriegspotenziale“. Wer treibt diese voran und warum? Gibt es gar eine Zielgruppe, wo „Hopfen und Malz verloren“ sind?

Sch.: Nun, es gibt die TV-Experten und Welterklärer/innen, die nun immer wieder aufs Neue herangezogen werden, egal ob die vollständig in Lobbyismus verstrickte FDP-Expertin Strack-Zimmermann, der Bundeswehr-Hochschul-Wissenschaftler Carlo Masala, die Generalität oder die von interessierter Seite von langer Hand aufgebauten Osteuropa-Studien-Experten an den Universitäten. Sie haben nichts anderes zu tun, als den absolut (nicht relativ!) verhängnisvollen Pfad der weitergeführten gegenseitigen Eskalation aus Panik, historischer und sachlicher Unkenntnis oder welchen Motiven auch immer ins Extrem zu führen und die öffentliche Meinung dadurch entscheidend zu beeinflussen. Auch die Auswahl der zugelassenen Gesprächspartner in den wichtigen Talkshows lässt gar keinen anderen Schluss mehr zu, als dass man Sprecherpositionen in der Öffentlichkeit (fast) nur noch an handverlesene Bellizisten vergibt. Besonders fatal: An ökonomische Analysen internationaler Beziehungen traut man sich gar nicht mehr heran. Die durchaus vorhandenen, wirklich kontroversen Sachmeinungen sind schon lange vorab als nicht publizierbar ausgeschieden und fugendicht für indiskutabel erklärt, wenn nötig öffentlich ehrabschneidend ausgegrenzt worden.

Was in unserer jetzigen historisch zu werden drohenden Situation wirklich zu denken gibt: All dies geschieht nicht orchestriert oder aufoktroyiert, sondern smart und freiwillig, aufgrund eingeengter Gesichtsfelder der entscheidenden Gremien, Quotendruck, nicht mehr vorhandener klarer Horizonte bei Berater/innen und handelnden Personen in Parteipolitik und Medienlandschaft und ja, auch einem ganz allgemein verloren gegangenen historisch-politischen Bewusstsein und den entsprechenden Wissensschätzen. Man muss auch das einmal nüchtern aussprechen: Ja, wir haben auch ein Journalisten- und ein Netzwerkproblem. Und zu allem Überfluss auch noch ein Uneinigkeitsproblem in der Friedensbewegung, das wir erst im Zuge der Demonstrationen vom 3.10.2025 jetzt wieder zu überwinden uns anschicken.

BL: Du sprichst von einer Verengung des Denkens, ja geradezu einer „Verblendung“. Kannst du das näher ausführen?

Sch.: Was als Schlüsselbegriff der Frankfurter Schule einmal „Verblendung“ hieß, lässt sich nun wirklich exemplarisch mit Händen greifen. Die Scharfmacher auf beiden Seiten des neuen Kalten Krieges und der sie verschlimmernden „cultural wars“ wetzen wie gewohnt ihre Messer, Demagogen wie Trump, Bolsonaro, Erdogan, früher Duterte und heute Bukele greifen mit immer rabiateren und unappetitlicheren Mitteln in ein ideologisches Vakuum, und zunehmend ist nicht nur den Putins, Orbans und Ficos dieser Welt jedes noch so demokratieverachtende Mittel recht, bedienen sie sich immer abenteuerlicherer und niederträchtigerer Vorgehensweisen. Die Zivilgesellschaften werden zu „shrinking spaces“. Die sie bislang aufhaltenden weitblickenden Beobachter und Berater, gut ausgebildete Konfliktbearbeiter, das Fachpersonal für die OSZE- und UN-Verhandlungsarenen – alle diese Personengruppen wachsen in den jüngeren Generationen nicht mehr nach, auch die politischen Entscheidungsträger verlieren sichtbar an Kontur und vor allem an intellektuellem Format. Folglich wittern die einfacher gestrickten Rüstungsbauer und ihre Verkäufer ihre Chance, bringen sich in Stellung und verzwanzigfachen binnen der Jahre des Russland-Ukraine-Krieges ihre Aktienwerte (Rheinmetall). Auch die Berufsgruppen der Politikberater/innen, Journalist/innen und Influencer/innen nutzen ihre Spielräume nicht, weil sie sich geistig nicht breit und ausgewogen genug ernährt haben. Den Gesamtzusammenhang davon kann man mit Fug und Recht „Verblendung“ nennen.

BL: Bellizisten unterstellen Friedensfreunden regelmäßig Naivität bzw. mangelnden Realismus. Welche realistischen Friedensperspektiven haben eine Chance, zu umsetzbaren Friedenspotenzialen zu werden?

Sch.: Der Kern wird immer sein, das Leid des jeweils anderen anzuerkennen, seine Lesart der Geschichte miteinzubeziehen; ökonomisch und ohne Gesichtsverlust muss es für beide einen Weg nach vorne geben. Ohne das geht es nicht. Man muss die Beweislogik umkehren. Nicht die Friedensbewegten haben eine Nachweispflicht, nicht naiv zu sein, sondern die systematisch und jahrzehntelang Herrschaftsverliebten und Terrorbefürworter, die Aufrüster und Kriegspropheten. Wie viel Leid haben sie jetzt schon verursacht, welche Perspektiven sollen nach dem Zeitalter der angekündigten Kriege, Geißelnahmen und Vernichtungsfeldzüge noch möglich sein? Vielleicht geht es jetzt wirklich um die schrittweise Abschaffung der Institution des Krieges. Und zwar auf breiter Linie: von gewaltfreier Kommunikation als verpflichtendem Schulfach, einer Erinnerungskultur, die das Eingedenken fremden Leids obenan stellt, verbindlichen Streitschlichterprogrammen schon in früher Jugend, in Deutschland aufbauend auf den ökumenischen Erfahrungen von „Schritte gegen Tritte“, Bündnissen wie „Nein zur Wehrplicht“ bis hin zur rechtlichen Abschaffung der Institution des Krieges. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, die Unesco, fördert bereits seit einiger Zeit Programme und Projekte zu umfassenderen Kulturen des Friedens. Das wäre jetzt dran. Denn das ist auch kulturgeschichtlich in der großen Entwicklungsrichtung.

Die interreligiös geweitete ökumenische Bewegung koordinierte Aufrufe von Leonardo Boff und anderen und bildete Erdcharta-Botschafter/innen aus. Einige Jahrzehnte später erblickten die „Peace for future“-Aktivist/innen das Licht der Welt, wiederum junge Menschen, die von einer ökumenisch-christlichen Initiative, nämlich Ralf Beckers „Sicherheit neu denken“, ausgebildet worden waren. Wir brauchen jetzt das Zusammenschnüren all dieser Aufbrüche zu einem Gesamtprogramm. So wie Kairos Europa immer eine neue Zivilisation gefordert und gefördert hat, die ökonomisch, ökologisch und kulturell-spirituell aufbauend unterwegs ist. Die „old player“ – GEW, DFGVK, Stadtschüler/innenräte, pax christi – sind mit den „new playern“ der neuen kulturellen Bewegungen, der „Together for future“-Familie, den „scientist und christian rebellions“ zu vernetzen. Nur so kann ein Umdenken breit und tief Raum greifen und mehrheitsfähig werden.

Es braucht jetzt Weitblick, Vorausblick, Scharfblick, Einblick und feinfühliges Mehrebenendenken. Und dazu die Nutzung neuer interkulturell validierter Kulturtechniken wie „art of hosting“, „interbeing“, „emergent dialogues“ sowie weitgreifender global bereits im „pocket project“ Traumaheilungsbewegungen.

BL: Demgegenüber steht die notwendige Weitung im Geist, nicht wahr?

Sch.: Auch auf einer individuellen Ebene muss gearbeitet werden. Hier gilt: Alles, was wir in Bewegung bringen, kann sich transformieren. Was wir festhalten, bleibt fest und macht fest. Im Denken, im Fühlen. In den denkbaren, fühlbaren Perspektiven. Erlauben wir dem Stress, den die Kriegssituationen und der Verlust an Anstand in uns auslösen, durch uns hindurchzufließen. Es darf uns bewegen. Die Aufrechten schüttelt er eh bereits von innen durch. Kannst du das erlauben? Lass diesen Stress zu als ein Schütteln von innen. Nutze ihn. Geh ihm nicht aus dem Weg, bleib dran! Und schüttle dich mal so in diesen Stress rein, bis es anfängt, dir Spaß zu machen. Öffne dich körperlich für das Erleben von Stress, von Angst, von Sorgen. Fall nicht aus dir selbst raus. Die Welt darf dich sehen. Du verlierst keine Energie. Und du bleibst dieses strömende, pulsierende Körper-Tier. Alles an dir ist wichtig, lebendig. Bleib da, bleib präsent. Solange du etwas spürst, ist das eine gute Nachricht. Was wir wirklich zu fürchten haben, ist die Hölle des Nicht-Spürens. Weil wir nicht mehr spüren, dass wir nicht spüren. Ilan Stephanie spurt hier die Wege für neue kulturelle Substanzbildung.

Wenn wir das alles nicht tun und uns verkriechen, uns in Ideologien oder Fundamentalismus oder Selbsthass einbuddeln, kostet uns dies Kraft, Lebensfreude und mit ihr „soziale Fantasie“, wie Oskar Negt nie müde wurde zu betonen. Auf diese Weise einen „gamechanger“ einzubauen, damit wir interkulturell beziehungsfähig und beweglich werden, das wird möglicherweise unerlässlich werden in diesen Vor-Kollaps-Situationen, die, sich verstärkend, auf vielerlei Ebenen abgleiten. Geist und Wahrheit kommen selten wie von Zauberhand. Der Mensch muss sich darauf vorbereiten, damit er sie empfangen und kultivieren kann. Körperarbeit und Traumaheilung verbinden wirklich. Das bedeutet, er muss zu einer Einstellung finden in der Art: Die Herausforderungen meines Lebens machen mich energetischer, geben so Kraft, statt sie zu rauben.

BL: Welches Friedenspotenzial billigst du jungen Leuten zu? In Sachen Ökologie haben sie in den letzten Jahren die Politik ja schon mal ordentlich aufgemischt.

Sch.: Das Friedenspotenzial junger Leute müssen die jungen Leute selbst in sich freilegen. „Peace for future“ ist von der mittleren Generation aus „Sicherheit neu denken“ ausgebildet worden, steht aber jetzt zunehmend vor eigenen Projekten und arbeitet auch methodisch auf ganz eigenen Füßen. So könnte die Weitergabe von Know-how, Haltungen und Kenntnissen funktionieren. Inklusive des Loslassens und Freilassens der Jüngeren, wenn sie so weit sind. Aber sie müssen unbedingt den Kontakt und Austausch zwischen den Generationen halten.

Und ja, die Fridays haben unendlich viel bewirkt, vordergründig und hintergründig. Aus ihnen ist die „Together for future“-Familie hervorgegangen, mit allein über 20.000 Scientists for Future. Einen Moment lang schienen wir in der CO2-Frage als Gesamtgesellschaft einigermaßen gleichauf mit der drastischen Notwendigkeit schnellen und systematischen Umsteuerns zu kommen. Das alles ist Hoffnung erweckend, dass es gehen kann, mit globalem Horizont und Ausläufern weltweit. Unfassbare Massenmobilisierungen für die richtige Sache sind möglich. Es bleibt ja wahr: Auch der Frieden braucht junge Protagonist/innen, jugendgemäße Mobilisierungen. Sein Themenfeld ist freilich weniger sexy – und, was die Shell-Studien verraten, auch weniger greifbar. Doch das kann sich ändern, wenn noch klarer wird, was auf dem Spiel steht – und wenn die Pionierleistungen der letzten Wochen zügig wahr- und aufgenommen, verstärkt und multipliziert werden.

BL: Wie schätzt du die Initiative „Criminalize War“ des ehemaligen malaysischen Ministerpräsidenten Mahathir bin Mohamad ein? Den Gedanken, dass Mord grundsätzlich eine abscheuliche Handlung darstellt, haben alle großen Religionen gemeinsam – auch wenn gerne mal, nicht nur im Christentum, Ausnahmen zugelassen werden. Könnten nicht Christen sich auf dieser Basis für den Frieden engagieren – ganz unabhängig von Konfession oder obrigkeitlichen Vorgaben?

Sch.: Alles, was den geistigen Raum öffnet und materiell-spirituelle Doppelstrategien hervorgehen lässt, muss, so gut es geht, genutzt werden. Daran wird kein Weg vorbeigehen. Wer immer solche Ansätze erkennt, möge sie ausbuchstabieren und mithelfen, sie groß zu machen.

BL: Bei allem, was du sagst, schwingt – gefühlt – Hoffnung mit. Richtig? Aber vielleicht braucht es ja noch mehr als „Hoffnung“?

Sch.: Menschen sind nicht nennenswert glücklich und ausbalanciert, wenn sie genügend von allem haben und sich mit Unwesentlichem abschießen. Menschliches Sich-lebendig-Fühlen, frei und stark, individuell und kollektiv auf ein paar Lösungen kommen, hängt von ganz anderen Dingen ab: ein spürendes, pulsierendes Nervensystem, das sich entlang seiner Sinne und seines Körpers orientieren darf. Dann entfaltet sich das Gefühlsleben gesund, ohne Drama, ohne Kollaps … Wellen von Durchflutet-Werden, das Kraft gibt. Im wirklichen Sinne intelligent sein, geht über das hinaus, was nur still sitzt und im Kopf klug wird. Wirkliches menschliches Potenzial schaltet sich nur frei, wenn Menschen körperlich sind, ihre Grenzen kennen. Unkörperlichkeit drückt auf alle Lebensbereiche die Bremse. „Wenn wir wieder wahrnehmen“, hat uns Heike Pourian ins Stammbuch geschrieben …

Unser Potenzial zu öffnen, hängt nicht nur von Selbstbildern, Glaubenssätzen, Überzeugungen aus Kindheit oder Traumata ab. Die Ebene, die das Ganze zementiert oder eben verändern kann, ist und bleibt der Körper. Früh schon erkannte der Soziologe Vester, wie die sozialen Schichten im gesellschaftlichen Strukturwandel auf Welt und Weltveränderung eingestellt sind, nämlich zu 60 Prozent apathisch und passiv-aggressiv. Auch Hartmut Rosa erkannte 20 Jahre später die Bedeutsamkeit ablehnender Muster von Weltbegegnung. Wenn wir da nicht herauskommen, kommen wir nicht auf Friedensperspektiven – und erreichen sie erst recht nicht gesellschaftlich. Mittlerweile wissen wir: In Aufrichtung, offener Atmung und Freiheit der Gelenke (als seien wir kostbar, lebendig, liebenswert!), wird mit viermal größerer Wucht vom Körpergehirn zum Kopfgehirn gefunkt als umgekehrt: Wir sind ekstatisch, lebensvoll etc. Es geht also darum, Bewegungsmuster, Körpermuster umzustülpen, damit sie etwas anderes glauben als an die eigene Wertlosigkeit. Kollaps, das heißt, die Arme sind schlapp und leer und meine Beine spüre ich gar nicht mehr so richtig. Der Kollaps der Körper geht dem Kollaps des Geistes und der Kriegsangst voraus.

Geh in die älteste Sprache der Welt: das Vibrieren. Wenn uns das gelingt, dann werden wir das auch glauben. Und fast wie von allein Friedenspotenziale heben. Der neue Weg in die Verkörperung ist nicht gebahnt, oft vernachlässigt. „Die Menschen können es der Wahrheit nicht verzeihen, dass sie so einfach ist“, wusste noch Meister Johann Wolfgang Goethe. Jede Zelle unseres Körpers ist intelligent. Auch wenn das Vibrieren zunächst Angstsignale in unserem bisherigen Wahrnehmungssystem auslöst. Die Welle im Nervensystem wird sich aufbauen und wieder kleiner werden – wie eine Welle sich eben aufbaut. Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben mehr oder weniger im Kollaps: „Mein Leben ist mir zu viel. Ich bin erschöpft. Ich kann nicht mehr.“ Den Kollaps zu spüren und aufzulösen, ist aber eine Goldgrube, weil in diesem Zustand Energien gespeichert und Gefühle zurückgehalten sind. Das Spüren ist die Basis für ein gesundes Spüren. Ausatmen, Parasympaticus: Jetzt kann sich etwas integrieren. Also: Her mit den Triggern!

BL: Von Bonhoeffer und Heribert Prantls neuem Buch „Den Frieden gewinnen“ nimmst du den wichtigen Satz „Frieden sei ein Wagnis“. Ist es erforderlich, dem Wagnis des Friedens das Wagnis des Krieges gegenüberzustellen?

Sch.: Ich bleibe überzeugt davon: Dass die Fundamente der Welt anders aufgestellt werden, ist nötig und möglich. In Zeiten voller Unsicherheit, Selbstrückzug und Energieverlust brauchen wir mehr denn je Klarheit und Orientierung. Das aber entsteht nicht allein im Kopf. Orientierung wächst wieder, wenn wir uns verbinden, aber womit? Wo sind wir abgeschnitten von uns selbst, wo nur noch eine leere Hülle, eine trügerische Art von Stille und Isolation? Also womit? Mit uns selbst, mit unserem inneren Kompass, mit dem Größeren, das uns trägt. Es geht um den Moment, in dem dein Nervensystem neu lernt. Bleib dabei! Die Intensität verbrennt das Alte und bringt dich neu auf die Welt! Überall bricht das Niedergehaltene auf! Flügelschläge in die richtige Richtung. Die Themen lösen sich nicht, wenn wir wohltemperiert isoliert bleiben. Ohne kulturellen Tiefenwandel keine Friedenspotenziale.

Also spür einen Moment hinein in die Kostbarkeit deines Herzens. Etwas in deinen Zellen ist immer intakt geblieben. Dein Leben ist von großem Wert. Dich selber abzulehnen, ist pure Zeitverschwendung. Damit hören wir jetzt gemeinsam auf. Und unterstützen uns dabei. Mit Seelsorge und Körpersorge zur wechselseitig geteilten Wirklichkeitswahrnehmung. Das ermöglicht Friedenstüchtigkeit. Über die Füße geben wir diesen Rhythmus des Friedens in die Welt, tragend mit uns selbst und mit denen, die so komplett anders geworden sind als wir; das Menschsein ist uns allen gemeinsam. Der Raum nach vorne ist groß und leuchtend, und er ist offen. Aber er wird nicht gegeneinander zu gewinnen sein, mit brachial gespaltenen Öffentlichkeiten in Ost und West schon gar nicht, die nichts aber auch gar nichts mehr miteinander zu tun haben und auf krasse Kriegstüchtigkeit getrimmt werden auf beiden Seiten des neuen eisernen Vorhangs – und im Ausagieren von Vernichtungsfantasien im Nahen Osten auch nicht.

Besinnen wir uns auf unsere ganze, wiedergewonnene Würde, den Tortenboden der wechselseitigen echten Wahrnehmung, die Demut vor dem eigenen und dem fremden Herzen, die Selbst- und Fremdliebe, die entparadoxierende Feindesliebe, die Frechheit, uns selbst zu trauen: dem, was wir tief in uns fühlen, erfahren haben und spürbar halten müssen.

Das Gespräch führte Bobby Langer von der Internetplattform Ökoligenta.de

Eine Polemik von Bobby Langer und Maria Ghoebel

Nennen wir ihn Franz. Franz wirkt – mal mehr, mal weniger hoffend – seit Jahren auf einen „Wandelfonds“ hin. Diverse Anläufe gingen mit schmerzlicher Regelmäßigkeit schief. Franz zählt sich mit gutem Grund zur „Wandelbewegung“ und macht sich mit mindestens ebenso gutem Grund große Sorgen um die Zukunft, nein die Zukünfte: die Zukunft der versehrten Erde, die Zukunft ihrer hilflosesten, vom Menschen abhängigen Geschöpfe, die Zukunft der Menschheit und – naturgemäß – seine eigene Zukunft. Das alles ist auch eine Klassenfrage. Warum? Um die Antwort geht es hier.

Geräumige, grüne „Bubble“

Ich sehe schon die beim Begriff „Klassenfrage“ hochgezogenen Augenbrauen und gerümpften Nasen. „‚Klassengesellschaft‘, das gibt’s doch nicht. Ist ein Begriff aus der Mottenkiste der Kommunisten.“ So in etwa könnte die süffisante Anmerkung eines standardisierten „Grünen“ lauten. Damit meine ich jene bekennenden Grünen, die in der Mittelschicht (gelegentlich auch der Oberschicht) aufgehoben sind, sich in einer Blase (bubble) bewegen, einer „Echokammer[1]“, die so geräumig ist, dass der Eindruck, gar die Überzeugung entsteht, gepflegte Grünanlagen, Öko-Häuser, Handys, Solarzellen und Elektroautos – und natürlich Facebook, TikTok, Google und Amazon – entstünden von alleine, sozusagen arbeiterfrei. Zu dieser Echokammer gehören genauso Biomärkte, Naturkosmetik, Öko-Kleidung und vegane Schuhe; schöne grüne Welt. Natürlich: Rein theoretisch weiß man, dass sich „da draußen“ Menschen für Hungerlöhne abschuften; dass für unseren westlichen Über-Komfort, diesen elitären Wohlstand, Tag für Tag mehr Natur- und Kulturräume samt zahlreicher Tier- und Pflanzenarten vor die Hunde gehen. Rein praktisch denken wir lieber nicht dran und spenden vorsichtshalber für Greenpeace oder den Regenwald.

Die, die ihre Seele nicht verkaufen wollen

Aber da ist etwas noch Dunkleres, das meistens nicht einmal in der Theorie aufscheint: Dass nämlich diese Echokammer so gut abgeschottet ist, dass für eine enkeltaugliche Welt wenig bis nichts vorangeht; dass nach fünfzig Jahren Umweltbewegung und Hunderten von Konferenzen sich die Erde nach wie vor unnötig erwärmt, nach wie vor täglich Arten sterben, nach wie vor Tausende Quadratkilometer Primärwald abgeholzt, Böden versiegelt und Flüsse von Bergbauminen vergiftet werden. Und dass die SUVs fröhliche Urständ feiern. Der Echokammer gelingt es erfolgreich, dass die eigene Beteiligung an diesen exponentiell wachsenden Verbrechen an der Mitwelt im wahrsten Sinne des Wortes „außen vor“ bleiben kann. Als Mittelklasse definiere ich hier mal all jene, die den Euro nicht umdrehen müssen, wenn es um den Wocheneinkauf oder die Urlaubsplanung geht. Man wirft das Geld zwar nicht zum Fenster raus, aber man hat es in ausreichendem Maße auf der hohen Kante.

Aber wie ist es mit all den zugegebenermaßen wenigen wie Franz, die sich an der Schädigung der Mitwelt nicht beteiligen wollen; die nicht „mitmachen“ wollen; denen es nicht gelingt, den täglich angerichteten Schaden unseres Zivilisationsmodells unter den Gewissensteppich zu kehren; die nicht ihre Seele verkaufen wollen oder können? Das sind naturgemäß die, die keinen einträglichen Job haben, die von der Hand in den Mund leben. Das sind die, die sich bücken und eine Schnecke vom Gehweg aufklauben, ehe sie zertreten wird; das sind die, die nur das Nötigste einkaufen und forschen, wo sie es am günstigsten und am wenigsten schädlich herbekommen. Den Bio-Supermarkt können sie sich leider nicht leisten; und um sich auch mal etwas Gesundes gönnen oder am öffentlichen Kulturleben teilnehmen zu können, müssen sie an Strom, Heizung und Warmwasser sparen.

Kein Budget für Eigen-PR

Verstehen Sie jetzt, weshalb das Thema „Klassengesellschaft“ endlich im „Grünbezirk“ ankommen sollte? Und warum ein „Wandelfonds“ so nützlich wäre? Er könnte all den sensiblen Seelen auf die Beine helfen, denen die Mitwelt WIRKLICH und nicht nur theoretisch am Herzen liegt. Erst dann wären echte Oasen der sozial-ökologischen Transformation möglich und nicht nur solche, in denen sich all jene tummeln, die ein paar zehntausend Euro zur Verfügung haben, um sich in ein Ökodorf einzukaufen. Erst dann käme das Wörtchen „sozial“ auch im Grünbezirk an, könnte der alte Arbeiterbegriff der Solidarität eine neue, zukunftsfreundliche Bedeutung annehmen. Man kann nicht solidarisch sein mit Bienchen und Berggorillas, aber blind sein gegenüber den Menschen im eigenen Grünbezirk und sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Beispiel Ökoligenta: Diese im deutschsprachigen Bereich einzigartige Plattform, die den sozial-ökologischen Wandel so vollständig wie möglich abbildet, gibt es inzwischen seit 2017. Seit 2019 erscheint monatlich der Wandel-Newsletter. In beides sind Aberhunderte von Arbeitsstunden eingeflossen. Aufrufe und Bitten um eine Spende, diese Arbeit zu unterstützen, sind nahezu ausnahmslos verhallt. Nicht etwa, weil all jene, die davon profitieren, keine zehn Euro übrighätten, sondern deshalb, weil ihr Echoraum sie nicht wahrnehmen lässt, dass es „da draußen“ Menschen gibt, die solche Spenden wirklich „brauchen“. Und – entscheidend – die „da draußen“ haben für die Eigen-PR kein Budget, sondern sind froh, wenn ihnen die Waschmaschine nicht kaputt geht. Umgekehrt halten es die Grünbezirkler für selbstverständlich, sich für ihre (oftmals oberflächlichen) Dienstleistungen im Bereich „Wandel“ stattlich bezahlen zu lassen. Für das Wochenend-Seminar „Beziehungen im Einklang mit der Erde“ legt man rund 300 Euro hin, wer bereit ist, im Freien zu übernachten, darf für 200 Euro dabei sein. Das WE-Seminar „Neue Männer für eine neue Epoche“ kostet 360 Euro zuzüglich Übernachtung und Verpflegung. Für einen Online-Kurs zur „Ermächtigung der Weiblichkeit“ darf man gerne 3000 Euro hinlegen. Ein Mensch wie Franz, der aus seinem „indigenen Bewusstsein“ heraus mit Herzblut für die große sozial-ökologische Transformation die eigene Haut aufs Spiel setzt, muss draußen bleiben. Er passt nicht ins System, seine Anwesenheit würde stören. Sie könnte die wohl einstudierte Performance infrage stellen und die sie begleitende Scheinheiligkeit enttarnen. Mit Nachhaltigkeits-Label, Buddhismus, spiritueller Erleuchtung und Selbstversorgung hingegen lässt sich gut locken. Ein Hype. Man brüstet sich zwar mit Permakultur, übersieht aber, dass zur Permakultur eine grundsätzlich demütige und ehrende Haltung gegenüber Natur und Schöpfung gehört. Das wäre dann doch zu anstrengend und umfassend. Aber „Permakultur“ – das klingt halt gut. Der Green New Deal lässt die Kassen klingeln. Mit Chat-GPT sind schnell die richtigen Sätze zusammengebastelt und fertig ist das grüne, spirituelle Image.  Würden all jene, die diese Transformation täglich mit wohlgewählten Worten und schillerndem Halbwissen herbeireden, einen Euro im Monat in einen Wandelfonds einzahlen, dann wäre die Gründung echter Wandel-Oasen ein Kinderspiel. Sie würden dann auch sehen und erleben können, wie sich die eigene Lebensweise verändern lässt, ohne Krieg gegen die Natur zu führen und ohne an Wohlstand zu verlieren. Es würde ein geradezu kraftvoller Ruck durch die Gesellschaft gehen. Der, auf den so viele seit Jahrzehnten warten.

Auch die Zukunft ist eine Klassenfrage

Rein theoretisch gibt es sogar eine „Wandelbewegung“. Zumindest gab es vor ein paar Jahren Ansätze eines breitflächigen Zusammengehörigkeitsgefühls all derer, die den Großen Wandel der westlichen Industriezivilisation für notwendig hielten. Franz zählte sich dazu – und wurde auch da enttäuscht. Es fanden viele akademische und gescheite Grundsatzdebatten statt, aber echte Fortschritte für die „Wandelbewegung“ da draußen gibt es bis heute nicht. Man diskutiert munter Strukturen und Abläufe, als hätte man noch Jahrzehnte Zeit, das Handeln und Wirken der Menschheit zu transformieren. Die Erde, Mutter Natur muss eben warten mit ihrem Kollaps.  Die für ein paar Jahre aufgedämmerte, emotionale Solidarität ist fadenscheinig geworden. Von echter und wirksamer Kooperation im Alltag findet sich kaum eine Spur. Während Deutschland eine Billion Euro und mehr in eine Brutto-Sozial-Produkt-fähige Pseudosicherheit investiert, wird der ökologisch mögliche und wahrscheinliche Super-GAU erfolgreich ausgeblendet. Der findet allenfalls bei „den Wilden“ statt, irgendwo im Kongo, auf Borneo oder am Amazonas, wo wir ihnen die Lebensräume wegholzen, oder in Bolivien, Chile und Argentinien, wo wir ihnen das Lithium stehlen und zum Dank verseuchte Erde hinterlassen. Zukunft ist offenbar das, was wir uns im (digitalisierten) Kopf zurechtzimmern und nicht das, was real stattfindet. Auch die Zukunft ist eine Klassenfrage, aber diesmal auf globaler Ebene.

Ideen und Anregungen bzgl. eines „Wandelfonds“ bitte an info@oekoligenta.de

[1] Der Begriff des Echokammer-Effektes stammt aus der Kommunikationswissenschaft. Gemeint ist hier eine verengte Weltsicht, in der man sich die gemeinsame Weltsicht nur als die einzig richtige bestätigt.

Design für die Rettung der Welt – so der Anspruch eines kürzlich erschienenen Buches

„Wie können wir es schaffen, mit zehn bis zwölf Milliarden Menschen gut auf dieser Erde zu leben? Wie erreichen wir für alle ein Leben in angemessenem Wohlstand, in Frieden und Freiheit und in einem global intakten und vielfältigen Ökosystem?“ Jascha Rohr

Von Bobby Langer

Könnte man den geläufigen Ausdruck „das Buch der Stunde“ auf eine ganze Epoche übertragen, dann träfe er auf dieses Buch zu. Es erhitzt sich nicht an – immer diskutablen – Inhalten, sondern beschäftigt sich klug, systematisch und auf viel Erfahrung zurückgreifend mit den uns bleibenden Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen.

Der Autor Jascha Rohr beschreibt sein Buch folgendermaßen: „Wir haben einen kokreative Werkstatt in Form eines Buches vor uns, die aus einer Reihe von Werkräumen besteht, den Kapiteln dieses Buches. Unser Ziel ist der Entwurf für die große Kokreation.“

Kein Was ohne Wie

Für viele Laien, aber auch Experten in Sachen Nachhaltigkeit, Erderwärmung oder Artensterben sieht es eher hoffnungslos aus. Gleich dem vom Auge der Schlange gebannten Kaninchen stehen sie dem lebensverschlingenden Verhalten der industriellen Zivilisation ratlos gegenüber. Jascha Rohr hat – wenigstens für sich – diesen Bann gebrochen. Statt sich dystopischen Gedanken zu überlassen, überlegt er, wie eine nachhaltige Umgestaltung der Welt funktionieren könnte. Denn, so findet er, ohne über das Wie nachgedacht zu haben, brauchen wir uns über das Was erst gar keine Gedanken zu machen. „Die große Kokreation“ ist für ihn ein „Entwurf darüber, wie wir unsere globalen Probleme besser miteinander lösen können“. Die Zukünftigen lässt er rufen: „Stellt euch den Herausforderungen und Schwierigkeiten, entwickelt positive Wirkung. Baut auf das, was euch Kraft gibt und im besten Sinne wirkmächtig macht – auf eure Lebendigkeit, Kreativität, Freude und Liebe, eure Lust, Begeisterung, Intelligenz und Empathie.“

Nicht nur lesenswert, sondern auch lesbar

Rohrs Buch ist eine „Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen“ – so der Untertitel. Das kann nicht anders als komplex und auf hohem theoretischen Niveau angegangen werden. Und doch gelingt es dem Autor, sich dem großen Thema klar, übersichtlich und auch sehr persönlich und menschlich zu nähern. Mit anderen Worten: Man muss nicht Sozialwissenschaften studiert haben, um es lesen zu können. Dazu trägt bei, dass Jascha Rohr sowohl induktiv wie deduktiv arbeitet; d. h. manchmal begibt er sich von einem praktischen Beispiel ausgehend auf die Metaebene, manchmal startet er gedanklich auf der Metaebene und belegt seine Gedanken durch ein Beispiel. Selbst die Grafiken sind dank ihrer Skizzenhaftigkeit besser nachvollziehbar und einprägsamer, als dies „perfekte“, theoriebezogene Grafiken normalerweise sind. Und noch eines macht sein Buch lesenswert: Es ist getragen von dem unbedingten Willen, Positives in die Welt zu bringen – ohne die Augen vor den drängenden Problemen zu verschließen.

Methoden zur Neuerfindung der planetaren Zivilisation

Entscheidend für Jascha Rohr: Es geht nicht um fertige inhaltliche Lösungen, sondern um die „Beschreibung des Wie …, also eines Prozesses. Dieser Prozess hat im Grunde längst schon begonnen … Es ist ein Prozess, in dem wir miteinander lernen, unsere Probleme ganz anders zu lösen, als wir es bisher versuchen … Das Ziel ist nichts Geringeres als die Neuerfindung unserer planetaren Zivilisation.“ Ein hoher Anspruch.

Die zentrale Methode für dieses „Global Resonance Project“ nennt er „Resonanzarbeit“. Und das ähnelt keiner bekannten Methode, ganz im Gegenteil: „Resonanzarbeit folgt keiner festen Strategie, sondern ist mäandernd, verknüpfend, assoziativ. Sie stellt vielfältige Verbindungen und Beziehungen her, um Kreativität, Ideen und Innovationen anzuregen. Im Idealfall entsteht daraus am Ende ein kokreativer Entwurf.“ Der Prozess ist „entwurfsorientiert. Er ist ein Angebot zum Selbstdenken, zum Entwickeln und Mitgestalten … [Das Buch] bietet die Möglichkeit der Auseinandersetzung in einem Feld – in diesem Fall ist das die planetare Zivilisation –, damit dann aus dem eigenen Impuls heraus und mit den eigenen Potenzialen und Möglichkeiten transformatorische Projekte entwickelt und in die Umsetzung gebracht werden können, sodass am Ende eine reale Veränderung in der Welt entsteht“.

Aus einem alten Hut wird kein neuer

Jascha Rohr geht es um zwei Fragen:

„Wie kann es sein, dass wir als Spezies unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören?“
Und: „Was kann Kokreation dazu beitragen, dass sich diese Dynamik zum Positiven wendet?“

Der Leser kann, wenn er möchte, mitverfolgen und dabei erlernen, wie sich Methoden in kokreativen Prozessen kontextspezifisch aus dem Prozess entwickeln und ist eingeladen, „in der eigenen Praxis mit diesen Ansätzen zu experimentieren“. Personen, die an eigenen Prozessen und Projekten arbeiten, empfiehlt Jascha Rohr, das Buch mit dem eigenen Projektteam zu lesen.

Klar: „Benutzen wir … die Werkzeuge der alten Zivilisation, kann nur eine neue Version der alten Zivilisation dabei herauskommen.“ Um diesem Fehler nicht zu erliegen, kommt die Kokreation ins Spiel, ein Wort, das der „Kooperation“ oder „Kollaboration“ ähnelt, sich aber deutlich davon unterscheidet. So bezieht sich das „Ko“ in Kokreation nicht nur auf Mitmenschen, sondern auf die gesamte Mitwelt, also auf alle Mitgeschöpfe, auch: Mitdinge. Es geht darum, Mittel und Wege zu finden, „mit der gesamten Welt gemeinsam zu gestalten, statt die gesamte Welt als Menschen zu gestalten“. Das klingt in der Tat nicht mehr nach einem „Werkzeug der alten Zivilisation“. Der Wortteil „kreation“ in Kokreation bezieht sich auf Kreativität als Grundlage von Emergenz in Kunst und Kultur, wozu unbedingt auch Architektur, Philosophie, Ingenieurskunst und Wissenschaft gehören. Anders als in der alten Zivilisation lässt sich in einem kokreativen Entwurfsprozess „meist gar kein klares Ergebnis definieren, sondern eher einen Ergebnistyp“. Auf der Suche nach neuen Lösungsansätzen werden „die Themen, Akteure und Kontexte aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und zueinander in Beziehung gesetzt“.

Das ontologische Grundproblem angehen

Der Vater aller Probleme ist der Subjekt-Objekt-Dualismus, den Jascha Rohr als „ontologisches Grundproblem der ökologischen Krise“ identifiziert. Um sich von ihm zu lösen, sind die entscheidenden begrifflichen Werkzeuge:

Das Feld: „die räumliche Konstellation von miteinander interagierenden Partizipateuren und ihre Wirkungen aufeinander“ (auch: „die Wirkungen und Kräfte, die sich zwischen den Elementen aufspannen“). Anders als „Systeme“ sind Felder nicht durchschaubar und nicht steuerbar.

Der Prozess: „die sich zeitlich entfaltende Dynamik eines Feldes“, bestehend „aus allen diesen Prozess prägenden Partizipateuren, deren Wirkungen und Interaktionen sowie der fortschreitenden generativen Entwicklung, die daraus resultiert“. Besonders wichtig und auch schon in kleinem Rahmen anwendbar und aufs Größere übertragbar: „Prozesse sind fraktal und verschachtelt.“ Zur Erklärung des damit Gemeinten: „Unser Leben ist ein Prozess, aber unsere Ausbildung, Beziehungsphasen und die Phasen, in denen wir einer bestimmten Profession nachgehen, sind ebenfalls Prozesse.“

Indem Rohr die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“ abschafft und durch „Partizipateur“ ersetzt, schafft er die gedankliche Voraussetzung für einen tatsächlich ontologischen Paradigmenwechsel: „Alle Dinge der Welt sind Dinge der Welt, weil sie an der Welt teilhaben.“ Folgerichtig können auch „eine Geschichte, eine Kaffeetasse, eine Blume und die Gravitation“ Partizipateure sein: „Alles in der Welt ist Partizipateur, wenn es wirkt und teilhat. Was nicht wirkt und an nichts teilhat, existiert nicht.“

Zusammenfassend: „Ein Feld ist ein Prozess zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ein Prozess ist ein Feld in seiner dynamischen Entfaltung.“ Die große Aufgabe, die Zukunft zu gestalten, kann folglich kein „funktionales Gestalten“ sein – das wäre das Übliche –, sondern „ein generatives, wechselseitiges, fluides Interagieren mit den Prozessen, die uns gestalten, während wir gestalten“. Erst wenn wir „die Dinge in ihrer jeweiligen intrinsischen Eigenart als Gegenüber anerkennen“, wird tatsächlich ein Ausweg aus dem Subjekt-Objekt-Dualismus vorstellbar hin zu einer ökologischen, kokreativen Demokratie.

Die dazu fähige und dafür notwendige Kulturtechnik ist die Kokreation. „Sie ist das Wie: Wie gestalten wir gemeinsam. Das Was ergibt sich dann daraus … das wird synchron passieren: Wir werden diese erst in den Anfängen sichtbare Kulturtechnik entdecken, entwickeln, erfinden, erlernen und trainieren müssen, während wir beginnen, sie anzuwenden und erste Ergebnisse zu produzieren.“

Und das ist dabei die Herausforderung: „Da rollt die phantastischste Wahnsinnswelle auf uns zu, die wir je haben reiten können. Der Einsatz ist hoch, die Welle gefährlich, möglicherweise tödlich, aber der Ritt, den wir nehmen könnten, kann der beste unseres Lebens werden.“ Sich dem zu stellen, ist eine gewaltige und riskante Aufgabe mit ungewissem Ausgang. Das schätzt auch Jascha Rohr so ein und gesteht: „Dieses Buch ist ein Wagnis und der Versuch, eine visionäre Geschichte zu erzählen.“ Ihm zuzuhören, ist fesselnd und lädt ein, dabei zu sein beim „planetaren Fest der Gestaltung“.

Jascha Rohr, Die große Kokreation. Eine Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen. 400 S., 39 Euro, Murmann Verlag, ISBN 978-3-86774-756-1

Interview mit Jascha Rohr

Zusammenstellung der wichtigsten Textpassagen

Internetseite zum Buch

Von der Existenzangst zur Selbstversorgung – eine Einladung

Selbstversorgung – davon träumen viele, schrecken dann letzten Endes doch meistens davor zurück. Evelin Rosenfeld hat sich sehr konkret damit auseinandergesetzt. Der Name des ausgedehnten Landes, auf dem sie ihren Weg der Kreislaufwirtschaft praktiziert bezieht sich auf Aditi, die vedische Schöpfungsgöttin. Um bei so einem Projekt vorwärtszukommen und nicht einzuknicken, braucht es „Wild Natural Spirit“ (so heißt die Kräutermanufaktur, mit der Evelin das Projekt finanziert)***. „Spirit“ hat die Pionierin, dennoch meint sie, dass einerseits die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Mitteleuropa echte Autarkie verhindern, andererseits, dass die Idee von Autarkie dem Gedanken der Verbundenheit widerspricht.

Ökoligenta: Vielleicht schilderst du erst einmal, wie weit du mit deinem Projekt gekommen bist.

Nun, das Wichtigste ist wohl, dass ich es geschafft habe, 55.000 Quadratmeter Brach- und Ackerland in einen riesigen Permakulturgarten zu verwandeln, in dem nicht nur seltene Arten aus Fauna und Flora in Fülle leben, sondern der auch wertvolle Lebensmittel für viel mehr Menschen hervorbringt, als derzeit von dem Projekt wissen. Damit ist es gelungen, eine Vollerwerbs-Landwirtschaft untrennbar mit Naturschutz zu verbinden. Auch zeige ich ein Wirtschaften auf, das eben nicht ausbeutet und Lateralschäden vergesellschaftet, sondern im Gegenteil: ein Wirtschaften, das maßgeblich und nachhaltig zum Gemeinwohl beiträgt, während es gleichzeitig einen Lebensunterhalt eigenständig erwirtschaftet.
Zudem konnte ich das Projekt (einigermaßen) harmonisch in das herrschende Behördensystem integrieren. Mit insgesamt 11 Aufsichtsbehörden ist das eine echte Nervensache und Geduldsfrage. Auch die Beteiligten in den Behörden mussten an einigen Stellen das auf landwirtschaftliche Großbetriebe ausgelegte Regelwerk irgendwie in Einklang bringen mit dem, was ich hier mache. Wirklich erkennen, welche Chancen in diesem Projekt für die drängenden Fragen für uns alle liegen, tun aber wenige.

Ökoligenta: Momentan schaffst du das alles mit 1 Woman-Power, eigentlich unglaublich. Aus welchen Quellen sprudelt deine Energie?

Ich bin mit 33 Jahren, zwei akademischen Abschlüssen und einer bereits beachtlichen Karriere in der Wirtschaft „ausgestiegen“, weil ich die Rücksichtslosigkeit und Kurzsichtigkeit, die in Konzernen und auf Verwaltungsebene herrschen, nicht ertragen konnte. Dieser Ausstieg brachte mich in eine Lebenskrise, in der ich mich fragte, wie ich mein Leben, meine Gaben so einbringen kann, dass nicht nur noch mehr Schaden entsteht, sondern dass vor allem das Gefüge aus Angst und Gier durchbrochen werden kann; dass Wege sichtbar werden, wie wir in Frieden und in Fülle mit unserer Mitwelt leben können. Dazu braucht es ein tiefes Hinterfragen der Grundannahmen unserer Gesellschaft: von Familiengründung bis abhängiger Erwerbsarbeit, von Ressourcenkreisläufen bis hin zu spirituellen Zusammenhängen. All dem habe ich mich gestellt und Schritt für Schritt Antworten und Resonanz gefunden.
Mein unerschütterlicher Glaube an die Liebe in jedem Menschen und an eine göttliche Führung sind der Quell meiner Kraft – zudem meine besondere Beziehung zu diesem außergewöhnlich kraftvollen Ort hier.

Ökoligenta: In den Städten mieten sich Menschen bei SoLaWis am Stadtrand ein. Könnte dieses Modell auch für Aditi funktionieen ?

Nein, eher nicht. Die SoLaWis – für die es mittlerweile sogar eigene landwirtschaftliche und steuerrechtliche Regeln gibt, funktionieren normalerweise so, dass ein Landwirt die Flächen mit Maschinen vorbereitet und kleine Parzellen an Städter vermietet, die dann ihren Salat oder Rosenkohl oder was sie eben wollen, am Wochenende anbauen. Aditi in Parzellen aufzuteilen widerspricht meinem Anliegen, sie als Ganzheit zu fördern. Zudem nutze ich ja keine Maschinen und arbeite in Permakultur. Wenn, dann würde sich eine Gruppe von Menschen um die ganze Aditi kümmern, mit ihrem Wald, ihrem Beeren- und Saatgutgarten, mit den Kräutergärten, Obstbäumen und dem großen Gemüsegarten. Die Intention von Aditi geht über das „ich mach mein eigenes Gemüse“ hinaus.

Ökoligenta: Gibt es diese Gruppe schon? Wie können Menschen sich in das Projekt einbringen?

In 2022 waren wir ein starkes Team von sechs Menschen, die sich regelmäßig und aus verschiedenen Konstellationen auf Aditi eingebracht haben. Das Ergebnis war phänomenal: Für die überbordende Gemüseernte brauchten wir sogar einen Erdkeller über den Winter, das in 2022 geerntete Saatgut hat auch in diesem Jahr, 2025, gereicht, um ohne Zukäufe die Gärten zu bestücken. Das waren alles Leute hier aus der Gegend, die einfach Freude daran hatten, auf Aditi zu sein, zusammen zu arbeiten und die Abende gemeinsam am Feuer zu verbringen.
Einige waren bei mir „zwischengelandet“ wegen der Corona-Restriktionen und sind nun zurückgekehrt in ihre Ursprungsberufe. Aber so könnte es gehen.
Zudem habe ich immer mal wieder Lehrlinge für eine begrenzte Zeit, die sich mit der Anbau- und Lebensweise vertraut machen wollen.
Doch mittelfristig wünsche ich mir schon zwei bis vier Menschen, die hier oder in der Nähe wohnen und sich dauerhaft und hauptberuflich in das Projekt einbringen.
Dazu braucht es nicht nur etwas Kapital, sondern vor allem die Bereitschaft, eine körperlich doch recht anspruchsvolle Arbeit zu machen für ein sehr überschaubares Einkommen. Doch der „Lohn“ besteht ja letztlich darin, vollkommen selbstbestimmt inmitten überbordender Natur zu sein, Lebensmittel von höchster Qualität für sich und andere zu gewinnen und seine Lebensenergie in etwas fließen zu lassen, das Lebendigkeit schafft.

Die Zeit ist gut, denn mehr und mehr Menschen merken auf: Statt ein Online-Coaching, um eine Depression, eine Lebenskrise, einen Burn-Out zu „besprechen“, beginnen sie, neu Kontakt mit den wirklich heilenden Kräften der Natur aufzunehmen, lauschen den Bäumen, beobachten die Insekten. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, die Hacke in die Hand zu nehmen und nährende oder heilsame Pflanzen zu pflanzen, zu pflegen … und sich dabei ganz von allein mit kostbarer Lebensenergie aufzuladen.
Ich lade jedes Jahr zur Blütenernte ein. Das ist eine kleine Chance zu erleben, wovon ich hier spreche.

Ökoligenta: Was ist deiner Erfahrung nach das Haupthindernis für die Umsetzung einer echten Selbstversorgung?

Zuerst: Aufgrund der zahlreichen Systemzwänge – von Pflicht-Versicherungen bis Strom, Wasser, Müllentsorgung, von denen wir uns in Deutschland nicht abmelden können, ist es derzeit gar nicht möglich, wirklich autark zu leben und zu wirtschaften. Wir sind nicht nur gezwungen, System-Leistungen zu kaufen (und damit Geld beschaffen zu müssen) – Autarkie widerspricht auch der Einsicht, dass alles mit allem verbunden ist. Dieser Gedanke – der Gedanke von dynamischen Kreisläufen durch alle Ebenen des Erdenlebens hindurch – ist die Basis der Permakultur. Und er ist auch Tatsache in allen natürlichen Vorgängen.

Von daher bescheide ich mich auf den Anspruch, meinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, das meiner Liebe zur Erde Ausdruck verleiht und den aus meiner Sicht schädlichen Systemwirkungen nicht weiter zuträgt. Dass dabei durch eine einzelne Person 55.000 Quadratmeter Land renaturiert wurden, dass eine Fülle an Heilkräutern, Saatgut und Lebensmitteln bereitgestellt wurde für viele, viele andere Menschen, das macht mich glücklich und stolz.
Ich bin weit entfernt davon, mich „selbstzuversorgen“ – allerdings brauche ich keine moderne Medizin, habe Zugriff auf unbelastetes Gemüse, Obst und Kräuter, lebe in meinem eigenen natürlichen Rhythmus und brauche vergleichsweise wenig Geld – da ich nichts zu kompensieren habe. Ich bin satt und gesund aus dem, was mein täglich Werk ist.

Wenn ich nun auch einige andere Menschen begeistern kann von dieser Arbeit und vielleicht begleite zu ihren eigenen Projekten oder sie integriere in dieses Projekt hier bei mir – und da gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Aufgaben und Ausblicke – dann wirke ich MIT dem bestehenden System, dessen Teil ich ja auch bin.

Ökoligenta: Die Konsumwelt, in der wir aufwachsen und unsere Persönlichkeit ausbilden, ist vielfältig und spricht uns auf den verschiedensten Ebenen an. In den Worten von Günther Anders wird der Mensch schlaraffisiert und zu einem passiven Wesen modelliert. Dein Projekt erwartet ja eher eine Emanzipation von dieser Grundhaltung.

Ja, das ist mein Herzensanliegen an die Menschheit: „Dienst“, „Arbeit“, „Verantwortung“ sind bei vielen Menschen sehr negativ belegt. Weil sie immer in Abhängigkeiten denken, weil sie Arbeit als etwas sehen, was sie ZWANGsläufig tun müssen, weil sie Dienst als Unterwerfung kennen und weil sie „Verantwortung“ mit „Strafe/Konsequenzen“ verbinden.
Damit sind sie zu passiven Sklaven des Ausbeutungssystems geworden und verschanzen sich hinter Ansprüchen, Bequemlichkeit und Konsum.
Es ist so viel lebendiger und befriedigender – und möglich ! –, aus eigener Kraft ein eigenes Feld zu schaffen, in dem wir unsere Lebensenergie freiwillig in etwas geben, das uns am Herzen liegt. Und wem liegt die Natur nicht am Herzen? Welcher Mensch atmet nicht auf, wenn er unter Bäumen steht, welcher Mensch beginnt nicht  zu singen, wenn er frische Beeren erntet und gleich in den Mund steckt? Viele kommen gar nicht bis zu dem Erlebnis, ein im eigenen Schweiß bebautes Feld zu betrachten und dabei Stolz und Freude zu empfinden. Und so können sie auch nicht die Früchte ihrer eigenen Arbeit, ihrer freien Entscheidung ernten.

Um diesen Schritt in die Freiheit und in ein sinnstiftendes Leben zu tun, steht noch vor der harten körperlichen Arbeit vor der wirtschaftlichen Ungewissheit ein Schritt im Inneren an: Die Angst, zu wenig abzubekommen, die sich in Gier und Egoismus ausdrückt, muss überwunden werden zugunsten der Einsicht, dass Fülle aus Großzügigkeit und Begeisterung entstehen. Wer (sich) gibt, bekommt alles, was es braucht, um ein friedvolles und lebendiges Leben zu führen.

Doch wie viele Menschen leben das schon ?

Ich bin offen für eine Gruppe von Menschen, die sich gemeinschaftlich um Aditi kümmert und an ihr erfreut. Das wäre eine Erweiterung für alle Beteiligten. Mehr Hände – mehr Ernte – mehr Austausch – mehr Fülle.
Aber brauchen tun wir’s nicht …

Ökoligenta: Du hast angedeutet, mit den Potenzialen von Aditi könnte es in Richtung Binnenwirtschaft weitergehen. Kannst du uns dazu Näheres erzählen?

Es gibt einen Weg, den ich sehe, auf dem eine Gruppe von Menschen, die auf Aditi lebt, sich sehr, sehr weit lösen kann aus den Systemzwängen. Hier gibt es Antworten auf die klassischen Fragen von Gemeinschaftsleben, Arbeitsteilung, die Rolle von Kapital und die führende Kraft einer täglich praktizierten Spiritualität.
Ich schöpfe hier aus 25 Jahren Organisationsberatung und Coaching (siehe insbesondere meine beiden Bücher „Wertebasiertes Management“ und „Was Dir wirklich wichtig ist“) – vor allem aber aus der Beobachtung der Vorgänge in der Natur, der Erfahrungen mit dynamischen Gleichgewichten in der Ökologie.
Wenn die passenden Menschen hier angekommen sind, können wir darüber sprechen.

Für jetzt lade ich jeden, der das liest, herzlich ein, mal für eine Blütenernte oder eines der anderen Seminare nach Aditi zu kommen und sinnlich zu erfahren, wovon ich hier spreche. Eigentlich können wir dann erst sehen, ob eine Resonanz da ist, die das Sein berührt und zum Tun führt.

*** Evelin Rosenfelds Projekt liegt im nordbayerischen Landkreis Coburg.

Von Bobby Langer

„Buenos dias, madre. que tal? Wie geht’s, Mutter Erde? Du siehst ein wenig kränklich aus.“

„Es geht so, die meisten meiner Kinder haben mich im Stich gelassen – wer kümmert sich schon um seine alte Mutter – aber wenigstens ein paar von ihnen sorgen sich noch um mich. Immerhin.“

„Am 22. April ist dein Feiertag, so wie jedes Jahr seit 1970. Hast du einen Wunsch?“

„Ja, den habe ich tatsächlich. Damals kam nur ein kleines Häuflein zu meinem Feiertag. Alle dachten: ‚Nichts kann der Alten etwas anhaben.‘ Auch ich hielt mich Jahrmilliarden lang für unverletzlich, aber ich habe euch unterschätzt. Ihr Menschen seid wie Ameisen, die mir bis ins Gehirn, bis in meine Adern und Lungenbläschen vordringen und mir Energie und Atem nehmen. Doch immer mehr von euch beginnen zu verstehen: Werde ich krank, ist es auch um euch geschehen. Ohne mich seid ihr nicht mehr. Heute sind es schon Hunderttausende in 175 Ländern, die mich feiern. Das tut gut und macht mir Hoffnung; deshalb mein Wunsch: Verwandelt die Hunderttausend in Hundertmillionen!“

„Bescheiden bist du nicht gerade, oder?“

„Stimmt, dieser menschliche Begriff ist mir als Planetin fremd. Ich habe schon immer groß gedacht.“

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Gaia, so heißt Mutter Erde – nur wenige Namen haben sich international so durchgesetzt. Seit die Mikrobiologin Lynn Margulis und der Chemiker, Biophysiker und Mediziner James Lovelock Mitte der 1970er-Jahre die Gaia-Hypothese entwickelten, ging der Name Gaia viral. Und dabei gab es noch gar kein Internet. Sogar das Teleskop der Europäischen Weltraumorganisation wurde nach ihr benannt.

Das world-wide Gaia-Web

Natürlich gab es den Namen Gaia lange vor unserer Zeit. Schon in der altgriechischen Mythologie hieß die personifizierte Erde Gaia [Γαῖα]. Aus ihr stammte alles Leben, und alles Leben sank zurück in ihren Schoß. Gaia stand in direkter Verbindung mit der Göttin Kybele, die im westlichen Teil der heutigen Türkei [Kleinasien] verehrt wurde als Herrin der Tiere, als Berg- und Naturgöttin und Erdenmutter. Kybele erhielt in manchen Traditionen auch den Namen „magna mater“, Große Mutter; im Hinduismus hieß sie Parvati, Tochter der Himalaya-Berge; in Lateinamerika trug sie den Ehrennamen Pacha Mama und wurde zum Grundprinzip der aktuellen Verfassung von Ecuador. Nur vor diesem Hintergrund ist die immense Verehrung der „Mutter Gottes“ im Christentum erklärlich.

Doch mit Pacha Mama schließt sich der Kreis zum Heute. Die in indigenen Mysterien Amerikas verbreitete Erdmutter-Verehrung konnte durch das Christentum nie vollkommen unterdrückt und ausgemerzt werden und feiert seit Jahren unter dem spanischen Ruf „Buen Vivir“ – gut leben! – eine globale Wiederkehr. Pacha Mama ist die Rebe, die ihr Wasser aus großen Tiefen holt, sie ist der durchs Pflaster wachsende Löwenzahn. Die widerständigen mexikanischen Zapatistas fordern Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Unabhängigkeit, Land, Arbeit, Gesundheit, Bildung und Frieden – und berufen sich auf Pacha Mama. Pacha Mama ist der Ursprung ihrer Identität und Kern eines Bewusstseins, dass alles, was Leben hat, untrennbar miteinander verbunden ist: Tiere, Pflanzen, Insekten, aber auch Berge und Flüsse, Felsen und Himmel. Es ist gut vorstellbar, dass Pacha Mama zum Inbegriff einer Bewegung wird, die gegen alles aufbegehrt, was Gaia Gewalt antut. Die Energie für einen solchen Aufstand für das Leben ist längst – global in uns allen – vorhanden wie die Lava unter einem schlummernden Vulkan.

Gaia – wer oder was ist das?

Doch was ist dran an der Gaia-Hypothese? Durchsetzungsfähig war sie, weil sich in ihr intuitives, archaisches Wissen mit modernem Wissenschaftsverständnis verknüpfte – in der Frage nämlich nach dem Urgrund des Lebens. Leben äußert sich in Form von Lebewesen, die sich in selbstorganisierenden biologischen Rückkopplungsprozessen erhalten, so der wissenschaftliche Blickwinkel. Auch der Planet Erde, Gaia, so Lovelock, lasse sich derart beschreiben. Ganz Naturwissenschaftler, untermauerte er seine Hypothese mit phänomenalen Argumenten. Deren bekanntestes ist der seit ewigen Zeiten gleichbleibende Salzgehalt der Meere, der sich logisch nur erklären lasse, wenn es etwas – nämlich das Wesen Gaia – gebe, das ihn aufrechterhalte: „Obwohl vom Land weiterhin beträchtliche Mengen an Mineralien gelöst und ins Meer verfrachtet werden, ist der Salzgehalt seit Jahrmillionen nicht mehr gestiegen. Nimmt man an, dass die Mineralfracht in früheren Zeiten ähnlich hoch war wie heute, müsste inzwischen so viel Salz in den Meeren sein, dass höhere Lebensformen nicht mehr existieren könnten. Tatsächlich gibt es Prozesse, die Salz auch wieder aus dem Ozean entfernen.“ (Wikipedia)

Obwohl Lovelock selbst sich einer Romantisierung der Gaia-Hypothese widersetzte, hatte er doch viel Verständnis für deren Anhängerinnen:

„Wenn ich von einem lebendigen Planeten spreche, soll das keinen animistischen Beiklang haben; ich denke nicht an eine empfindungsfähige Erde oder an Steine, die sich nach eigenem Willen und eigener Zielsetzung bewegen. Ich denke mir alles, was die Erde tun mag, etwa die Klimasteuerung, als automatisch, nicht als Willensakt; vor allem denke ich mir nichts davon als außerhalb der strengen Grenzen der Naturwissenschaften ablaufend. Ich achte die Haltung derer, die Trost in der Kirche finden und ihre Gebete sprechen, zugleich aber einräumen, dass die Logik allein keine überzeugenden Gründe für den Glauben an Gott liefert. In gleicher Weise achte ich die Haltung jener, die Trost in der Natur finden und ihre Gebete vielleicht zu Gaia sprechen möchten.“

There’s something that calls for you

Obschon sich die Gaia-Hypothese auf naturwissenschaftliche Aspekte berief, hatte sie doch stark spirituelle Auswirkungen, etwa hinein in die Hippie- und New-Age-Bewegung. Doch das ist lange her und hat sich gewissermaßen „überlebt“.  „It’s all over now, baby blue. | Leave your stepping stones behind | There’s something that calls for you“, sang Bob Dylan, der seine mystische Sicht der Welt stets sorgfältig hinter seiner schnarrenden Stimme versteckte.

Der vielleicht wichtigste Aspekt des zunehmenden Gaia-Booms ist seine nicht nur völkerverbindende, sondern menschheitsverbindende Kraft: Wenn wir spüren, dass wir alle Bewohner und Geschöpfe von Gaia sind, dann sind wir ein Volk von Feuerland bis Alaska, von Spitzbergen bis Andalusien, von Cabo da Roca bis Tschuktschen; dann verstehen wir, dass eine Hierarchie innerhalb des Lebens eine absurde Annahme ist; dass wir alle gleichwürdig sind. Gaia wirkt in unseren Kindern, sie ist die große Hebamme aller Menschen und Lebewesen aller Länder.

Aber Gaia macht uns nicht alle gleich; im Gegenteil. Was wäre eine Alpenwiese ohne ihre 5000 Pilzarten, 2500 Flechtenarten, 4500 Gefäßpflanzen und 800 verschiedenen Laubmoose? Sie wäre eine Monokultur, eine menschliche Wahnidee und nicht das Wunderwerk einer durch Jahrmillionen sich steigernden Vielfalt. Gaia, das verstehen immer mehr von uns, ist das Gegenteil industrieller Standardisierungen, Gaia ist Leben pur, das sich in unerreichbarer Individualität ausdrückt, in uns, in dir und in mir.

Gaia lädt uns ein

Und vor allem: Gaia gibt es wirklich. Sie ist keine „Idee“, es sei denn, wir selbst wären Ideen und nicht, von ihr und aus ihr gemacht, aus Fleisch und Blut. Gaia ist der Apfel, in den wir beißen, und der seinen süßen Saft auf unsere Zunge sprüht; Gaia ist die Frühlingswiese, in die wir uns legen und die in uns aufblüht, sobald die Sonne uns strahlend berührt. Gaia ist aber auch der Rost, der am alten, vergessenen Traktor frisst – drüben am Ackerrand. Gaia ist Kraft und Versprechen und Zukunft.

Gaia ist das Ende des gefährlichen Glaubens, hier sei der Mensch und dort die Natur. Gaia ist wir und wir sind Gaia, aber eben nicht exklusiv, sondern im Sinne einer Einladung, einer Ineinsnahme: Der Tag der Erde ist eine Festtagseinladung, bei der uns die Erde zum Feiern ruft, zum Feiern der Geschwister aus Tiefsee und Himmel, zum Feiern unserer Geschwister in und über der Erde, zum Feiern unserer Schwestern und Brüder in Nord und Süd, Ost und West. Denn wir sind ein Volk, Geschwister und Kinder der Erde. Gaia ist Frieden, jeden Tag.

Entnommen aus „(Wandel-) Reiseführer in eine zukunftsfreundliche Lebensweise“ (mit diesem Link copyrightfrei verfügbar)

Evelin Rosenfeld beweist, dass auch eine optimal naturnahe Wirtschaftsweise funktionieren kann

Es gehört zu den beliebten Argumenten der konventionellen Landwirtschaft, man könne nur mit dem Einsatz von Großmaschinen und massiver Schädigung von Mitwelt und Bodenleben wirtschaftlich überleben. Evelin Rosenfeld  beweist das Gegenteil. Im Interview ist Ökoligenta ihrem Ansatz nachgegangen.

Ökoligenta: Du betonst auf deiner Homepage die Kreislaufwirtschaft, und zwar nicht nur irgendeine, sondern eine konsequente. Wenn wir die „Kreislaufwirtschaft“ mal als den einen Pol möglichen Wirtschaftens ansehen, wie würdest du denn den anderen Pol beschreiben?

Evelin Rosenfeld: Der andere Pol ist, mit möglichst wenig Eigenleistung möglichst billig irgendwelche Rohstoffe und Vorleistungen zusammenzukaufen und teuer weiterzuverkaufen. Die Bedingungen der Gewinnung, die nicht eingerechneten Verbräuche auf dem Weg zum „Händler“ und die Entsorgung des verbrauchten Produkts spielen dann ebenso wenig eine Rolle wie der immaterielle Aspekt des „Produkts“. Das Produkt ist dann seelenlos.

Ö: Um jetzt mal konkret von deiner Branche zu sprechen: Wie funktioniert die konventionelle Pflanzen- und Kräuterproduktion üblicherweise?

E.R.: So viel Land wie möglich pachten um so viel Nutztiere wie möglich unter Leben verachtenden Bedingungen möglichst schnell zu vermehren und die Exkremente auf den Flächen auszubringen (man braucht je Vieheinheit eine bestimmte Fläche). Auf diesen Flächen fahren dann Maschinen von mehreren zig Tonnen und reißen mehrmals zwischen Herbst und Frühjahr den Boden auf.

Das Bodenleben stirbt, der Boden verdichtet und verarmt. Dann wird giftig gebeiztes, oft genmanipuliertes Saatgut ausgebracht, das unter Einsatz von mehreren „Gängen“ Mineraldünger (Wasser und Bodenleben werden geschädigt), den Exkrementen aus dem Stall (s.o.) und Pflanzenschutz (einheimische Pflanzenarten, Insekten, Eidechsen etc. werden mitvernichtet) hochgezogen wird. Wieder mehrfach schwere Maschinen auf dem Boden – und Abgase und Lärm.

Wenn der Bestand erntereif ist, kommt eine noch größere, noch schwerere Maschine, rasiert die „Ware“ ab, die vom Schneidwerk mit Hochdruck in den Tank geschleudert wird. Das so misshandelte Pflanzgut wird zum Hof geschafft und mit Fließbändern, Rüttelsieben und Trockengebläsen erneut so massiv verletzt, dass unweigerlich Oxidation und damit Vergiftung und Zerfall der Pflanzen einsetzt.

Was dann noch übrig und trocken ist, wird maschinell kleingehackt, in Säcke geblasen und auf zum Teil langen Wegen – Abgase – zum Händler geschafft, teils mehrere Handelsetappen, bis zuletzt das mausetote Material wieder maschinell in Verkaufspackungen untergebracht wird und erneut auf den Transport zu Einzelhändlern geht.

Ö: Gibt’s da denn keinerlei Unterschiede zwischen konventionellen und Biobetrieben?

E.R.: Der Unterschied besteht lediglich darin, dass Biobetriebe bestimmte Dünge- und Spritzmittel nicht verwenden dürfen, dafür nur Biosaatgut verwenden dürfen und sich einmal jährlich kontrollieren lassen müssen. Wenn man einmal davon absieht, dass Demeter-Betriebe immerhin das Futter für ihre Tiere selbst anbauen müssen, ist der Unterschied marginal.

Ö: Kreislaufwirtschaft und Cradle to Cradle – sind das verschiedene Ansätze?

E.R.: Kreislaufwirtschaft ist eine Überkategorie. Cradle to cradle fokussiert speziell auf Recycling, soweit ich weiß.

Ö: Gibt’s bei dir gar keine nicht wiederverwertbaren Abfälle?

E.R.: Doch: Die Glasflaschen, die Kartons und die Flyer. Die Flaschen zurückzunehmen, zu reinigen und wiederzuverwenden würde mehr Ressourcen verbrauchen, als sie dem großen Recycling vor Ort bei meinen Kunden zuzuführen. Da meine Kunden ja auch sehr bewusst sind und handeln, finden sie ganz sicher eine Wiederverwendung.
Meine Kunden sind übrigens ein paar eigene Zeilen wert. Denn wer mich findet und Gefallen an den Produkten hat, bleibt und bestellt immer wieder. Es ist wirklich so, dass ein paar tausend Namen mir vertraut sind, wenn eine neue Bestellung kommt. Oft mit ein paar lieben, wertschätzenden Zeilen. Manchmal bekomme ich sogar Post von meinen Kunden: schöne Karten, Bücher – einfach: ganz viel Liebe und Verbundenheit, die da schwingt.

Ö: Die Rohstoffe für deine Produkte entnimmst du dem Boden? Wie kommen die entnommenen Nährstoffe wieder in den Boden zurück? Düngst du, und wenn ja, wie?

E.R.: Es muss viel gejätet werden. Hieraus entsteht Kompost, den ich wieder auf die Flächen bringe. Bei Kulturen, die es vertragen, mulche ich zudem. Dem Boden werden durch Photosynthese und Witterung eine Reihe von Elementen aus der Luft und aus dem Sonnenlicht zugeführt. Zudem führt die unbeschadete Fauna (Kleintiere und Insekten) sowie das Mykorhizza [Red.: das in ungeschädigten Böden vorhandene Pilzgewebe] dem Boden alles zu, was vor Ort gebraucht wird. Zusätzlicher Dünger ist da nicht nötig.

Ö: Verschwendung findet ja üblicherweise im Bereich des Energieeinsatzes und im Ressourcenverbrauch statt. Mit welchen Methoden minimierst du diese beiden Faktoren?

E.R.: Ich mähe drei Hektar von Hand, trockne das Pflanzgut in selbst konstruierten Solardarren (komplett frei von Elektrizität) und destilliere auf offenem Feuer.

Ö: Du brauchst ja auch Verpackungen für deine Produkte, wenn du sie verschicken willst. Die sind vermutlich vom Kreislauf ausgenommen? Oder nicht?

E.R.: Ich hole einen Teil der Versandkartons, die ich brauche, vom Einzelhandel aus Rodach: Da fällt so viel an – das kann ich gut wiederverwenden. Allerdings kaufe ich auch Kartons in Recylingqualität zu.

Ö: Du hast dich ja auf Kräuteranbau spezialisiert. Ich habe den Eindruck, dass sich diese Art von Produktion besonders gut für Kreislaufwirtschaft eignet. Ist denn auch eine Landwirtschaft, die Grundnahrungsmittel wie Getreide, Kartoffeln herstellt, als Kreislaufwirtschaft vorstellbar?

E.R.: Ich habe auch einen 5.000 qm großen Gemüsegarten. Das Gemüse erfreut Menschen und Restaurants im unmittelbaren Umfeld. Also: Ja
Zu beachten ist, dass nachhaltiger Landbau > 60% mit mehrjährigen Lebensmittelpflanzen arbeitet. Also heißt das auch für die Nutznießer der Gärten: Weg von einjährigem und oft auch ökosystemfremdem Gemüse – und zurück zu leckeren Dauerkohlen, Spargel, zahlreichen Beeren und vieljährigen Knollen und Wurzelgemüsen.

Ö: Kann man denn ein auch nur halbwegs modernes Leben führen, wenn man arbeitet und denkt wie du?

E.R.: Klar !

Ö: Warum ist dir das alles so wichtig?

E.R.: Weil ich die Erde liebe. Und weil ich dazu beitragen möchte, dass die Menschen endlich Hass, Gier und Verblendung loslassen, um das Leben im Garten Eden zu feiern, statt immer neues Leid zu erzeugen.

Evelin Rosenfeld betreibt die Homepage Wild Natural Spirit mit so naturnah wie möglich naturreinen Pflanzenpräparaten, die sie in Permakultur auf 55.000 qm Land maschinenfrei anbaut. Darüber hinaus bietet sie Seminare zu Permakultur & Heilkräutern an.
Evelin Rosenfeld studierte Biochemie und Betriebswirtschaft, und verabschiedete sich als Konzernstrategin mit 32 Jahren von einem linearen, mitweltfeindlichen Wirtschaften.
Heute sucht sie nach einem/r Geschäftspartner/in, der/die sich den Spagat zwischen ökonomischen Sachzwängen und naturnahem Wirtschaften zutraut.