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Eine kleine Einführung in die Magie des Lebens

Rezension von Bobby Langer

„Der spirituelle Weg ist nicht bequem. Und auch nicht abgehoben. Er ist hier, mitten in der Welt. Er muss erkämpft werden in den tiefen Auseinandersetzungen mit den eigenen Schatten und Irrungen.“ Evelin Rosenfeld

Das ist ein schönes Buch. Das ist ein gutes Buch. Das ist kein Buch für jederfrau oder jedermann. Es ist kein Buch für Menschen, für die sich das Geheimnis des Lebens in der Frage nach dem Traumpartner erschöpft oder in der Frage, ob sie diesmal im Lotto gewinnen werden. Eher ist es ein Buch für Menschen, die ahnen, dass ihr Innenraum von der Dimension des Universums ist. Es ist ein Buch für neugierige, aufbruchbereite, sehnsuchtsfähige Menschen.

Die Göttin aller Göttinnen und Götter

Und weil wir gerade bei den großen Dimensionen sind: Stellen Sie sich einen Gott vor oder, weit besser, eine Göttin. Denn Aditi ist nicht irgendeine Göttin, sondern eine Weltengebärerin, aus der sämtliche Götterhimmel und Götter entstanden sind. Diese unfassbare Mutter-, Erd- und Himmelsgöttin der hinduistischen Mythologie hat darüber hinaus den unendlichen Raum und das Bewusstsein geschaffen.

An einem Tag im August vor zehn Jahren ruft Aditi Evelin Rosenfeld aus Berlin zu sich, keineswegs auf spektakuläre Art und Weise, sondern mit sehr profanen Mitteln, nämlich mit Hilfe der E-Mail einer Immobilienmaklerin. Entgegen ihrer Gewohnheit löscht Evelin die fremde Mail in ihrem Mail-Account nicht sofort, sondern liest sie. Angeboten wird ihr ein alleinstehendes Haus auf einer Hügelkuppe, „umgeben von einem halbmondförmigen Wald. Rundherum nur grüne Weite“, mit 33.000 Quadratmetern Grund im Coburger Land. Aus einer „Laune“ heraus beschließt sie, sich das Haus anzusehen, fährt nach Süden und hört sich schließlich sagen: „Ich kaufe.“ Woher sie das Geld nehmen soll, weiß sie noch nicht. Aber sie lässt alles los: den lukrativen Job, die Berliner Bekannten und Freunde, die Freiheit der Weltreisenden. Sie wird Aditis „Ruf“ annehmen.

Auf dem Weg zu einer Welt der liebevollen Fürsorge und Hege

Bei der Besichtigung hat sie das Wort „Aditi“ zum ersten Mal in sich vernommen. Und es lässt sie nicht mehr los. Sie googelt nach seiner Bedeutung und findet die Göttin. Seither heißt ihr Land für sie „Der Berg Aditi“, in seiner Mitte der Geistbaum der Aditi: „Ein mächtiges Wesen, ein Baumwesen stand vor mir, das spürbar und fast sichtbar Energie aus der Erde ebenso wie aus dem Himmel zu ziehen und auszutauschen schien.“

Bis zu diesem Punkt könnte dies eine oberflächliche esoterische Geschichte sein. Aber wer sie liest, spürt sofort, hier spricht jemand aus tiefster Seele. Evelin Rosenfeld will nichts „verkaufen“. Der „Markt der Persönlichkeitsentwicklung“ ist für sie nichts anderes als der Verkauf von Autoradios oder Knebelverträgen. Vielmehr verknüpft sie die Schilderung ihres äußeren Wegs mit dem inneren Weg der Wandlung von einer „Systemträgerin“ hin zu einer Frau, die den Sprung ins Unbekannte wagt, um mit dem Einsatz ihres ganzen Lebens diesen wunderbaren, aber etwas heruntergekommenen Berg in ein Heiligtum zu verwandeln: „Ich wusste nicht … wie man ein so großes Land bewirtschaftet – ich wusste nicht einmal, wie man ein Haus nur mit Holz heizt. Ich wusste nicht, wovon ich leben sollte … Doch mein Herz hatte ja gesagt und mein Wille hatte den Fuß über die Schwelle gesetzt.“ So liest sich Evelins Geschichte wie eine einzige Metapher für das, was für die westliche Zivilisation insgesamt ansteht: die Umwandlung einer lieblosen Welt hin zu einer Welt der liebevollen Fürsorge und Hege.

Das „System“ schlägt zurück

Mit einem unvorstellbaren Kraftaufwand, getragen von Mächten, die größer sind als sie, widmet sich Evelin der neuen Aufgabe, arbeitet bis zur Erschöpfung und findet dank ihrer Begeisterung auch zahlreiche Helferinnen und Unterstützer. Das funktioniert ein paar Jahre ganz gut; so gut, dass der Erfolg der Arbeit den Ruf der Göttin Aditi nicht verschwinden, aber doch verblassen lässt, bis eines Tages die „kalte Machtausübung“ des „Systems“ mit ahrimanischer Gewalt zuschlägt: „Vor mir standen elf Personen in schwarzen Uniformen, mit Schusswesten und mit Schusswaffen. Eine Frau … las einen Durchsuchungsbefehl vor … Sie stampften über meine weißen Wollteppiche, rissen die Schränke auf, forderten mich auf, Schachteln, Taschen, Vorratsgefäße zu öffnen … Letztlich beschlagnahmten sie das Ergebnis wochenlanger Arbeit und nahmen betriebliche Aufzeichnungen mit … Ich war so verängstigt, dass ich mich wochenlang fürchtete, wenn es an der Tür klingelte … Ich war einer Brutalität ausgesetzt, aus der es kein Entrinnen gab.“

Statt sich an das noch Vorhandene zu klammern und sich heillos in das ihr angetane Unrecht zu verbeißen, gelingt es Evelin im Lauf der Monate, noch ein Stück mehr von sich loszulassen und sich ganz den Kräften Aditis anzuvertrauen: „Meine Ganzheit war wiederhergestellt: Meine Rolle in der Welt war erneuert und gefestigt und meine Beziehung zu Gott pulsierte wieder.“ Sie hat jetzt gelernt, „die Maschine“ richtig einzuschätzen: „Fest vorgegebene Rollenmodelle und die Verherrlichung stumpfen Konsums lenken ab von der Verarmung an Lebendigkeit. Stupide, auf Wiederholungen reduzierte Arbeit wird mit der Sicherheit fester Löhne und vereinheitlichter Sozialstandards belohnt … Unsere Seele überlebt in diesem Umfeld nur“, wenn uns klar ist, „dass die Seele der Maschine keine Energie zuführen darf. Die Maschine nährt sich von den Geistesgiften: Hass, Gier und Verblendung“ …, „weniger drastisch: Ablehnung, Verlangen, Unwissenheit“.

Perlen am Wegesrand

Der Leser, die Leserin folgt Evelins Weg, der sie bis zur Frage nach dem tieferen Sinn des Todes führt, und bringt sie dabei in Kontakt mit Erkenntnissen der abrahamitischen und der moslemischen sowie der buddhistischen, hinduistischen und taoistischen Mystik, aber auch mit schamanischen Ansätzen im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens, „Wahrheiten, die sich in verschiedensten Kulturräumen zu verschiedensten Zeiten herauskristallisiert haben … ich lege Spuren, ich deute auf Türen in den Traditionen, die hilfreich sein können für den individuellen Weg“. So finden die Leser am Wegrand – in den rund 300 Seiten des angenehm lesbaren Buches – eine Menge Perlen zur eigenen Verwendung. „Diese zehn Jahre auf dem heiligen Berg ‚Aditi‘“, schreibt sie, „enthalten viele wichtige Lektionen, die ein Mensch durchleben wird, wenn er auf der Suche nach Gott ist … Dieser Weg … beschreibt, wie ein Traum in die Manifestation mündet und … gibt Aufschluss über den Zusammenhang von Intention und Erfolg, Hingabe und Fülle, Dienst und Selbstbestimmtheit. “

Einen roten Perlenfaden bilden Evelins wunderschöne, oft poetische, manchmal geradezu hymnische Passagen, mit denen sie die sie umkränzende Natur von Aditi schildert, Passagen die der Leserin die Augen öffnen und sie inspirieren, die Mitwelt um sich herum mit einem neuen Staunen wahrzunehmen als das, was sie ist: ein Wunder am Rande des Untergangs, für das sich einzusetzen jede Mühe und  Arbeit lohnt: „Durch die Hingabe … weben wir uns in die Gegenwart hinein, wir verbinden uns mit allen Sinnen mit dem, was gerade ist. Das ist die eigentliche Ebene, auf die es ankommt.“

Das Buch Aditi, ein stattliches Hardcover mit 340 Seiten, kostet 39 Euro und ist direkt bei der Autorin zu bestellen.

 

 

Der Ruf nach DER Revolution kann gar nicht laut genug sein

Wir brauchen eine Revolution. Wir brauchen keine Revolution, sondern eine – ja was? Der Impuls, der dringliche Impuls hinter dem Begriff der Revolution stimmt. Er erklingt immer öfter, und er kann gar nicht laut und stark genug sein. Im selben Zug läuten die Alarmglocken, erstens weil ich Deutscher bin und zweitens, weil Revolution beinahe schon synonym steht für „schiefgehen“. Und doch beharrt das Wort auf Bedeutung und Wichtigkeit.

Vollständiger Text  …

Über die Grundlagen unsres Widerstands

Die Begriffe Wolkenkuckucksheim und Widerstand beginnen nicht nur beide mit einem W, sie haben auch mehr miteinander zu tun, als man zunächst glauben möchte.

Wir alle kennen, wenn auch selten, diese besondere Wahrnehmung der Welt. Befinden wir uns darin, dann ist das für andere nicht wahrnehmbar. Wir wirken wie sonst auch, allenfalls weniger distanziert, eher allem verwandter und näher. Es ist eine kindlich-freundliche Wahrnehmung, ein Mit-der-Welt-Sein. Dann fühlen wir uns in der Welt zu Hause und geborgen, so als zwitscherten die Vögel und blühten die Blumen und rauschten die Bäume für uns; so, als seien wir gemeint. Dann begegnen wir dem Blick der Wolken, die zu uns herabschauen und nicht fremd und sinnlos dort oben herumziehen, dann laden sie uns ein zu ihrem Wolkenrücken, auf dass wir wie Nils Holgerson in eine Ferne ziehen, die erreichbar in uns wohnt. Das fühlt sich an, als hätte sich eine Tür aufgetan, von der wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt, eine Himmelstür, eine Erdentür.

Auch wenn wir so einen Zustand kennen – ist das keine Spintisiererei? Die Fakten, die sind doch nicht so! Können nicht schon wenige Stichworte wie Donald Trump, Benjamin Netanjahu oder Friedrich Merz dieses Wolkenschloss zum Einsturz bringen? Bräuchten wir nicht vielmehr Widerstand gegen einen Staat, der zu seiner Verfassungsgrundlage zunehmend auf Distanz geht, bräuchten wir nicht lieber einen Generalstreik, eine Besetzung der Rüstungsfabriken, Aufstände, Straßenkämpfe, eine Revolution, Anarchie? Selbst wenn du jetzt eine dieser Fragen im Stillen mit Ja beantwortet haben solltest – hast du dich schon einmal gefragt, warum nichts davon nicht einmal ansatzweise geschieht? Woher diese Cocacola-trunkene, Handy-beduselte Kraftlosigkeit kommt?

Mit dem E-Bike gegen Panzer?

Darauf gibt es eine Menge Antworten, beispielsweise: weil die meisten von uns hoffen, dass „sich das alles schon wieder einrenkt“ (was es m. E. nicht tun wird); weil wir von dem System immer noch ordentlich profitieren (was auf die meisten Menschen, die zwischen 1939 und 1945 nicht an die Fronten mussten, ebenfalls zutraf) – weil wir also mehr zu verlieren als zu gewinnen haben; weil wir zwar wissen, was stattfindet, aber uns jeder Widerstand zwecklos erscheint; weil wir nicht einmal bemerken, was in Deutschland, Europa und der westlichen Welt vorgeht; weil wir so vom System vereinnahmt sind, dass wir nicht einmal das System bemerken – siehe das berühmte Beispiel vom Fisch, der nichts vom Wasser weiß? Oder weil wir ganz einfach feige sind?
Ich fürchte, keiner dieser Gründe stimmt für sich. Auch die größten Mitschwimmer haben eine Ahnung, dass das Wasser, das sie trägt, Gift enthält. Vermutlich sind die meisten von uns Mischtypen. Aber dann gibt es noch einen, bisher nicht genannten Grund, weshalb wir uns nicht laut empören. Und der hat jede Menge mit Realismus zu tun. Wer zur Gewalt greift, der scheint mir wie jemand, der mit Tränen in den Augen mit seinem E-Bike gegen Panzer anrennt. Schon die Machtmittel, welche die Bundesrepublik gegen Aufständische einsetzen könnte und würde, sind furchterregend; die der kognitiven Kriegsführung der NATO sind noch weit wirkungsvoller, weil sie direkt unser Denken angreifen (übrigens ein weiterer „weil“-Grund); von den Möglichkeiten eines Peter Thiel einmal ganz abgesehen.

Unsichtbar werden

Realismus hat aber nichts damit zu tun, die Flinte ins Korn zu werfen. Er lässt uns nach anderen Wegen suchen. Die beste Möglichkeit, einen Panzer zu entschärfen, besteht darin, ihm den Feind zu nehmen; wenn der Richtschütze niemanden mehr hat, auf den er schießen kann, wird er arbeitslos. Das mag vielleicht nicht die beste Metapher sein, aber doch eine, die es nachvollziehbar macht, wenn ich die Position vertrete: Wir müssen dieses System überflüssig machen. Dagegen zu kämpfen, ist nicht nur zwecklos, sondern auch sinnlos. Warum, das wäre ein anderes Thema. Erst wenn wir, ohne allen Kampf, aber mit aller Kraft und mit allen uns gegebenen Mitteln ein Parallelsystem errichten, das nicht mehr statisch, sondern fluide ist; das nicht mehr auf Wachstum, sondern auf Verbindung setzt; das nicht mehr auf Raffen, sondern auf Teilen setzt; das uns nicht als Herrscher der Welt, sondern als Mitbewohner des „Biotops Erde“ versteht – erst dann haben wir eine echte Chance. Denn ein solches Parallelsystem ist mit jeder einzelnen seiner Variablen vom alten, tödlichen System so weit entfernt, dass es wie Alberichs Tarnkappe wirkt. Wir werden so gut wie unsichtbar bzw. werden – selbst, wenn sie uns vom Kopf gerissen wird – nicht ernst genommen.

„Mitwelt“ als Denkgrundlage

Aber, wirst du dich jetzt vielleicht oder hoffentlich fragen: Wie war das noch mal mit dieser eingangs erwähnten „besonderen Wahrnehmung der Welt“, mit diesem Wolkenkuckucksheim? Was hat das alles mit Widerstand zu tun? Mehr als du denkst. Denn das ist kein Traumzustand, sondern eine ganz andere, erweiterte, intensivere Form von Wachheit, in der wir rechnen und schreiben, arbeiten und programmieren können, nur stärker und unbegrenzter als sonst, weil wir mehr, ja ganz bei uns sind. Es ist ein Zustand, in dem wir nicht mehr kämpfen müssen, sondern in dem sich die Dinge fügen. Und ein Zustand, in dem wir wirklich lieben und ganz sein können für das große Fernziel. Denn ohne die Vision einer nicht nur besseren, sondern tatsächlich guten Welt, in der der Begriff der „Mitwelt“ nicht Fremdwort, sondern Denkgrundlage ist, geht uns seelisch schnell die Luft aus. Aber selbst Mitmenschen, denen Bruder Maulwurf, Cousin Sperling oder Großvater Wal fremdes Gedankengut ist, können ja vielleicht mit Schillers „Alle Menschen werden Brüder“ etwas anfangen. Solange wir nicht diesen großen Traum zu träumen wagen, bleibt alles andere Illusion.

Bild: pixabay.de

Transkript und Übersetzung des gleichnamigen Videos
von Charles Eisenstein vom 23.5.2026

Es scheint – besonders wenn man den Expertinnen und Experten aus der Öl- und Gasbranche zuhört –, dass wir auf wirklich ernste Zeiten zusteuern. Deshalb spreche ich mit Menschen, die ähnlich empfinden wie ich: mit Menschen, die den praktischen Impuls verspüren, sich auf mögliche massive Treibstoff-Engpässe und Unterbrechungen der Lieferketten vorzubereiten. Gleichzeitig versuche ich, inneren Frieden zu finden und Vertrauen darin zu entwickeln, dass sich die Dinge so entfalten, wie sie sich eben entfalten. Irgendwie damit einverstanden zu werden. Es gibt also dieses Hin und Her, diesen Zug in zwei Richtungen, und meistens habe ich das Gefühl, irgendwo in der Mitte festzustecken.

Für diejenigen, die es nicht verfolgt haben: Der Irankrieg hat bereits Störungen verursacht, die sich vielleicht vorübergehend überdecken oder hinauszögern lassen, die aber wahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf die Lieferketten haben werden. Es dauert eine Weile, bis sich ein solcher Schock durch die Versorgungssysteme bewegt: Düngemittelknappheit, geringere Ernten, mögliche Diesel-Engpässe. Und wenn Diesel knapp wird – wie transportieren wir dann Lebensmittel und Materialien? Wie halten wir das gesamte Just-in-time-System am Laufen? Es gibt heute kaum noch Lagerhäuser voller Vorräte. Lagerhäuser sind eher Umschlagplätze als Orte der Lagerung. Die gesamte Wirtschaft ist extrem eng verflochten. Wenn ein Teil ausfällt, wirkt sich das auf alles andere aus. Deshalb sagen viele Menschen Lebensmittelknappheit, Stromausfälle und massive Störungen voraus und rufen dazu auf, sich vorzubereiten.

Auch ich rate dazu, sich vorzubereiten. Aber die eigentliche Frage lautet: Worauf bereiten wir uns vor – und warum? Worauf genau bereiten wir uns vor?

Jetzt werde ich wieder ziemlich „New Age“, aber ich sage es trotzdem: Wir bereiten uns auf eine vollkommen verwandelte Welt vor. Die Grundlage dieser Transformation ist – und ich weiß, ich wiederhole mich – eine neue Geschichte, eine neue Mythologie: die Geschichte des Verbundenseins, der Wiedervereinigung, die die Geschichte der Trennung ersetzt. Darauf bereiten wir uns vor.

Wenn du dich jedoch auf Grundlage der alten Geschichte vorbereitest, dann wirst du vor allem dafür sorgen wollen, dass es dir selbst gut geht. Und alle anderen? Nun ja, vielleicht hilft man ein bisschen, aber an erster Stelle steht man selbst. Ich und meine Familie – wir lagern Essen ein. Aber was, wenn jemand kommt und das Essen nimmt? Dann brauche ich wohl auch Waffen, Munition, Goldbarren, einen Bunker, ein abgeschottetes Gelände. Wenn alle so handeln, dann werden wir diese Zeit nicht gemeinsam überstehen.

Eine Möglichkeit, sich auf die Welt vorzubereiten, die wir tatsächlich wollen – und sie durch diese Vorbereitung zugleich zu erschaffen –, besteht darin, sich darauf einzustellen, anderen in den kommenden Zeiten etwas geben zu können. Sich darauf vorzubereiten, die Mittel zum Teilen zu haben. Sich psychologisch, mental und sozial auf diese Zeiten vorzubereiten. Verbindungen aufzubauen. Geschenke und Unterstützung in Gemeinschaft zirkulieren zu lassen.

Es gibt noch einen anderen, subtileren Aspekt. Er hat mit einigen dieser ungewöhnlichen Phänomene zu tun, die bestehende Weltbilder infrage stellen und die wir zunehmend wahrnehmen. Ich erwähne sie fast in jedem Gespräch. Letztes Mal sprach ich über Ediths Workshop, über Dinge wie „blindes Sehen“. Dann gibt es diese Berichte über Telepathie – all das scheint plötzlich überall aufzutauchen.

Deshalb glaube ich nicht, dass die Herausforderung, vor der wir stehen, letztlich materielle Knappheit sein wird. Nicht zu wenig Nahrung, nicht zu wenig Strom, nicht zu wenig Dinge. Wir befinden uns bereits in einer Krise. Ja, es gibt Hunderte Millionen Menschen auf der Erde, die nicht genug Nahrung haben. Aber das liegt nicht an einem globalen Mangel an Lebensmitteln. Es liegt an der Art, wie wir verteilen. Es liegt – letztlich – an der Geschichte der Trennung: daran, dass nicht geteilt wird.

Und das Elend in meinem Land und in den meisten entwickelten Ländern entsteht für die meisten Menschen nicht aus einem Mangel an Menge, sondern aus einem Mangel an Qualität. Deshalb baue ich meinen Garten aus. Nicht, weil ich Angst habe, nicht genug zu essen zu haben. Sondern weil bestimmte Qualitäten in den Lebensmitteln fehlen, die ich im Supermarkt kaufe. Auf dem Bauernmarkt sind sie schon eher vorhanden. Aber noch viel stärker sind sie da, wenn ich eine Erdbeere direkt von meiner eigenen Pflanze pflücke und sie – noch warm von der Sonne – in den Mund nehme. Da gibt es nährende Qualitäten, die jene Dimensionen unseres Seins ansprechen, die für die kommende Welt wichtig sind – für jene Welt, auf die wir uns vorbereiten.

Das ist die Welt, auf die ich mich vorbereiten möchte. Nicht auf einen Kampf ums Überleben – weder individuell noch kollektiv. Denn ich glaube nicht, dass das die eigentliche Herausforderung sein wird. Es mag Episoden echter Not geben, und die wird es wahrscheinlich auch geben. Aber die Natur der Krise, in der wir uns bereits befinden, ist im Allgemeinen kein materieller Mangel.

Und der Heilungsweg der Menschheit wird nicht durch immer höhere Produktivität erreicht werden. Die materielle Knappheit, die viele Menschen auf dieser Erde erleben, entsteht nicht deshalb, weil insgesamt zu wenig produziert wird. Warum glauben wir also, dass eine Verdoppelung oder Verzehnfachung der Produktion Knappheit lösen würde? Seit dem 18. Jahrhundert hat wir unsere Produktion bereits tausendfach gesteigert – und dennoch gibt es weiterhin Mangel.

Aber dieser Mangel ist künstlich. Er entsteht aus unseren grundlegenden Überzeugungen, aus den Geschichten, die wir uns erzählen, und aus der Art, wie diese Geschichten in unsere Systeme eingebettet sind. Solange sich das nicht ändert, wird es immer Knappheit geben. Doch wir bereiten uns auf eine Welt des Überflusses vor.

Es gibt dabei zwei Ebenen der Vorbereitung. Die erste ist: Bereite dich darauf vor zu teilen. Bereite dich darauf vor, eine Ressource für andere zu sein. Die zweite ist: Bereite jene Dinge vor, die jene qualitativen Bedürfnisse erfüllen, die bislang unerfüllt geblieben sind – Bedürfnisse, die notwendig sind, damit wir auf einer höheren Ebene des Menschseins existieren können.

Man kann die Weltkrise durch die Linse der Untergangspropheten im Internet betrachten. Auf diese Weise versteht man bestimmte Dinge. Man kann sich in diesen Zustand des Seins begeben, und aus diesem Ort heraus gibt es Dinge, die getan werden müssen. Ich sage also nicht, dass das schlecht ist, wenn jemand sich dazu berufen fühlt. Aber gleichzeitig laufen auf der Erde viele andere Prozesse ab, die für jene Menschen unsichtbar bleiben, die nur die Barrel Öl zählen oder die Menge an Dünger berechnen.

Es gibt Prozesse des Wandels, die Fähigkeiten hervorbringen, die wir uns bisher kaum vorstellen konnten – Fähigkeiten, die die gesamte Gleichung verändern. Aber diese Möglichkeiten werden uns nicht zugänglich sein, solange wir in der Denkweise der Trennung verharren. Dann bleiben sie unsichtbar.

Darin liegt ein Paradox. Die materielle und immaterielle Fülle, die wir suchen, um Knappheit zu überwinden, wird uns nicht zugänglich werden, solange wir selbst in der Denkweise der Knappheit verharren.

Und was hat es mit dieser Denkweise der Knappheit auf sich? Es ist nicht einfach nur die tief verankerte Überzeugung: „Es gibt nicht genug.“ Eigentlich lautet sie: „Es gibt nicht genug, um zu teilen.“ Und man kann spüren, wie sich etwas öffnet, wenn sich diese Haltung verändert.

Wahrer Überfluss beginnt dort, wo man sich frei fühlt zu teilen.

Stella erzählte mir von etwas, das sie online gelesen hatte: Eine Gruppe von Menschen besuchte Kurdinnen und Kurden in einem Flüchtlingslager. Diese Menschen bildeten eine Art Kreis um ihr Lager, holten Musikinstrumente hervor, begrüßten die Helfenden, luden sie ein und versuchten sogar, sie zu bewirten. Und das waren Menschen, die selbst fast nichts hatten – die kaum genug Nahrung besaßen, um sich selbst zu versorgen. Und doch war ihr erster Impuls, Gäste willkommen zu heißen, sie zu unterhalten und mit ihnen zu teilen.

Das ist Überfluss.

Überfluss bedeutet, sich frei zu fühlen, großzügig zu sein. Sich frei zu fühlen zu teilen.

Das ist Vorbereitung. Den Teil in sich selbst zu finden, der teilen kann, und ihn zu stärken. Ihn einzuüben. Ihn zu bewohnen.

So bereiten wir uns vor.

Worauf bereiten wir uns vor?

Auf die Welt, die wir erschaffen werden. Denn die Welt, auf die wir uns vorbereiten, wird die Welt sein, die wir hervorbringen. Wir bereiten uns nicht nur selbst auf diese Welt vor – wir bereiten auch die Bedingungen für diese Welt vor.

Die Zukunft ist nichts Vorgegebenes.

Sie lässt sich nicht einfach aus Wahrscheinlichkeiten vorhersagen. Sie wird erschaffen.

Und wir erschaffen sie durch die Entscheidung, worauf wir uns vorbereiten.

https://www.youtube.com/watch?v=pB7VgGekudQ

 

Heute spricht man irrigerweise noch immer von der Umweltbewegung, die längst zur Mitweltbewegung geworden ist – eine Entwicklung voller Stolpersteine, die keineswegs zu Ende ist und vor neuen, großen Herausforderungen steht. Totschweigen und Künstliche Intelligenz gehören dazu.

Ich habe in meinen Kreisen ein bisschen herumgefragt, ob und wie sich der persönliche Lebensstil in den letzten Jahrzehnten geändert habe, und musste feststellen: Den Wenigsten war eine solche Änderung bewusst; den wenigsten war überhaupt bekannt, dass es so etwas wie den westlichen Lebensstil gibt. Erst im Nachdenken stellten sich etliche Antworten ein. Dafür musste aber zunächst geklärt werden, was Lebensstil eigentlich ist. Ein alter Freund, bekannt für seine nüchterne Weltsicht, fasste „Lebensstil“ so zusammen: „Dein Lebensstil ist das, was übrigbleibt, wenn man deine Ausreden abzieht.“ Das gefällt mir schon ganz gut, nur scheint mir, kann die Frage nicht ausschließlich so subjektiv flott beantwortet werden.

Hybris war selbstverständlich

Objektiv gehören zum Lebensstil mein Umgang mit Stress, Geld, Arbeit, Zeit und Freizeit, mein Verhalten in alltäglichen und in Ausnahmesituationen, außerdem meine sozialen und die Mitweltbeziehungen. Wollte ich das alles im Detail behandeln, müsste ich dazu ein Buch verfassen und keinen Essay. Da das aber auf beinahe alle relevanten Fragen zutrifft, will ich es dennoch versuchen.

Allein, dass ich bei meiner Aufzählung den Begriff „Mitwelt“ überhaupt in den Blick nehmen konnte, zeugt von meinem geänderten Lebensstil. Vor 50 Jahren war mein Bezug zur Mitwelt ein rein naturschützerischer. Damals ging es zum Beispiel um Bachreinigung, Vogel- oder Krötenschutz, irgendwann auch um Regenwaldschutz. Ich will diese Themen damit nicht kleinreden – im Gegenteil, sie liegen mir am Herzen –, aber es war doch ein verhältnismäßig enger Blickwinkel damals. Das Wort Mitwelt existierte ebenso wenig wie der christliche Anspruch „Schöpfung bewahren“. Natur: Das war die Welt um den Menschen herum, die Umwelt. Die menschliche Hybris blieb vom Umweltschutz unangetastet.

Vom punktuellen zum systemischen Denken

Noch weiter zurück gehörten weder der Begriff „Umwelt“ noch „Ökologie“ zum Alltagswortschatz. Die Thesen ihrer frühen Denker wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt wurden gelegentlich in Fachkreisen diskutiert, zum Bildungsfundus der Gymnasien zählten sie nicht. Studiengänge zum Thema Ökologie entstanden erst in den 90er Jahren, so zum Beispiel der weltweit erste universitäre Studiengang für „Ökologische Agrarwissenschaften“ 1995 an der Universität Kassel/Witzenhausen.

Erst damit begann sich der westliche Blick auf die Welt zu verändern. Ökologie verstand sich zunehmend als Systemwissenschaft. Es ging nicht mehr darum, vereinzelte Phänomene zu analysieren, sondern Systemzusammenhänge zu verstehen. Die Natur bzw. Schöpfung war auf einmal keine Addition von Dingen mehr (zu denen auch Pflanzen und Tiere zählten), sondern ein lebendiges Miteinander, zu dem auch der Mensch gehörte.

Und dann kam Tschernobyl

Und damit veränderte sich unser Blick auf unser Sein und Handeln – und damit unser Lebensstil. Erich Fromms Buch „Haben oder Sein“ entstand nicht zufällig 1976. Denn der neue Blick auf die Welt begann den naiven Subjekt-Objekt-Bezug „Mensch-Umwelt“ sowohl wissenschaftlich als auch ethisch als „irrig“ einzuschätzen. Es gab keine Handlung mehr ohne Relevanz für die Welt. Der Lebensstil war keine Privatsache, er hatte politische Bedeutung. So manches Jahr war ich in den 70er Jahren als Student die 160 Kilometer zu meinen Eltern mit dem Auto gefahren; alles, was für mich zählte, waren die Spritkosten. 1979 – ich hatte nicht nur Fromm gelesen, sondern auch Rachel Carsons „Silent Spring“ – war das schon anders. Ich wurde mir meines umweltbelastenden Lebensstils allmählich bewusst. Bei der Bundestagswahl 1980 erhielten die Grünen 1,5 Prozent der Stimmen; zehn Jahre später waren es sechs Prozent. Die Umweltbewegung war entstanden, und die Anti-Atomkraft-Bewegung ebenfalls. Atommüll, einst achselzuckend hingenommen, wurde als Problem erkannt. 1986 zog die radioaktive Wolke von Tschernobyl nach Westen, und wir mussten unsere Gemüsebeete umgraben. Mein Ältester, 1979 geboren, erinnert sich noch daran. Der Welthorizont hatte sich verdüstert, aber gleichzeitig gab es Hoffnung.

System Change lag in der Luft

Denn die Umweltbewegung wuchs weltweit. In Russland hatte sich eine Greenpeace-Sektion gegründet, 1997 eröffnete Greenpeace in Hongkong, 2002 in Peking. „Umweltfreundliches“ Verhalten war zur Gewissenssache geworden, ebenso niedriger Energieverbrauch, Vermeiden von Flugreisen und die Unterstützung der ökologischen Landwirtschaft. Im Jahr 2000 wurde die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“ gegründet, die heute in die „Ökologische Initiative Eine Welt“ integriert ist. Entstanden war der „Aufbruch“, so die Kurzform, aus dem christlichen Netzwerk für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sowie durch Engagement aus dem Umfeld des Ökodorfs Sieben Linden. Jetzt ging es darum, den persönlichen Lebensstil mit politischem Wandel zu verbinden – ein damals ganz neuer Gedanke. Die grundlegende Aufbruch-Erkenntnis: „Wer politische Forderungen stellt, ohne sein eigenes Leben zu verändern, wird zum Heuchler; wer nur sein eigenes Leben verändert, ohne sich für politische Veränderungen einzusetzen, bleibt ein Träumer.“

Ergänzend zum ältesten Öko-Anbauverband Demeter hatten sich in den 70ern die inzwischen großen Verbände Bioland und Naturland gegründet. 1991 wurden EU-weit rechtsverbindliche Vorschriften für Bioanbau und biologische Lebensmittel erlassen. 1990 entstand der Bundesverband Naturkost Naturwaren. Aus kleinen Bioläden mit minimalen Umsätzen wurden im Laufe der Jahre umsatzstarke Bio-Supermärkte: Die Ökos waren im Kapitalismus gelandet, wurden sich dessen aber auch zunehmend bewusst. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien der Westen auf ganzer Linie gesiegt zu haben, die kommunistische Idee schien tot. Doch damit war ein ideelles Vakuum entstanden, System Change lag in der Luft.

Die Geschichte des CO2-Fußabdrucks

Also kam, was kommen musste: Das „System“ wehrte sich vehement. Mitte der 90er Jahre hatten ein Schweizer und ein kanadischer Ökologe den Begriff des ökologischen Fußabdrucks erfunden, zunächst als wissenschaftliche Maßeinheit für den Ressourcenverbrauch von Nationen, Städten oder Lebensstilen. British Petroleum (BP), das wegen seiner hohen Mitweltbelastung massiv in der Kritik stand, aber im Jahr 2004 einen Rekordumsatz von 285 Milliarden US-Dollar einfuhr und 5,5 Milliarden Dollar an seine Aktionäre ausschütten konnte, erblickte eine einmalige Chance. Der Ölmulti beauftragte die Werbeagentur Ogilvy & Mather, eine Kampagne mit dem Ziel zu entwickeln, die Verantwortung für den Klimawandel von den Ölkonzernen auf den einzelnen Verbraucher zu schieben. Statt über einen Strukturwechsel in der Wirtschaft nachzudenken, sollten wir an Glühbirnen denken. Budget der Kampagne: rund 200 Millionen Dollar. Damit die Verbraucher das eigene Fehlverhalten Schwarz auf Weiß berechnen konnten, ließ BP auch gleich einen praktischen CO2-Rechner programmieren. Der Plan hinter diesem Ablenkungsmanöver bzw. seiner gezielten Gehirnwäsche ging nahtlos auf; heute stellen die meisten westlichen Länder ihren Bürgern CO2-Rechner kostenlos zur Verfügung, so der Consumer Footprint Calculator der EU, der EPA Greenhouse Gas Equivalencies Calculator in den USA oder der Lifestyle Carbon Footprint Calculator der Vereinten Nationen. Keine Regierung machte und macht hingegen die Industrie für ihre Mitweltschäden ernsthaft verantwortlich.

Hoffnung Internet

Ein zweischneidiges Schwert, was unseren Lebensstil angeht, ist das Internet und – davon nicht zu trennen – das Smartphone. 1995–1996 hatten kommerzielle Anbieter wie AOL, T-Online und CompuServe das Internet, das 1989/90 erfunden worden war, per Modem in die Wohnzimmer gebracht. Immer schnellere Datenübertragung (ISDN, DSL) ermöglichte Multimedia-Inhalte. Am 23. April 2005 ging das erste YouTube-Video online, 2007 schaffte Apple mit dem iPhone den Durchbruch für die Masse, ein Jahr später kam das erste Android-Smartphone auf den Markt. Eine Weile herrschte auch in ökologisch nachdenklichen Kreisen eine gewisse Euphorie: Mittels Internet konnte man wichtige Informationen über Umweltschäden grenzüberschreitend und weltweit verbreiten; Individuen und Organisationen würden sich vernetzen, ohne von Behörden, Unternehmen oder Diktaturen behindert werden zu können; einmalige, internationale und damit schlagkräftige Bündnisse schienen in Reichweite.

Das große Ziel: Verwirrung

Doch auch hier siegte das Kapital. Die freie Verfügbarkeit von Informationen über das Internet hatte nämlich einen entscheidenden Pferdefuß. Da die Zusammenhänge etwa in Sachen Erderwärmung und Umweltzerstörung außerordentlich komplex sind, siegte nicht die Menge an qualitativ hochwertiger Information, sondern die Quantität zurechtgestutzter, massentauglicher Information. Für einen unkundigen Verbraucher war und ist es schier unmöglich, unter 100 scheinwissenschaftlichen Informationen die eine echte auszusortieren.

Tatsächlich überließ es die mitweltzerstörende Industrie nicht dem Zufall, was Menschen glauben sollten, und setzte über Jahrzehnte gezielte Strategien ein, um Klimaschutzmaßnahmen zu verzögern. Hauptziel war, in das Denken von Entscheidungsträgern und Verbrauchern einzugreifen und sie zu verwirren. Dazu dienten folgende Maßnahmen:

1. Gezielte Desinformation und maßgeschneiderter Zweifel [„Manufactured Doubt“]

Zweifel säen: Es wurde suggeriert, die Wissenschaft sei sich uneins, obwohl ein überwältigender Konsens bestand. Think Tanks und Institute wurden finanziert, die Studien mit fragwürdiger, aber für wissenschaftsferne Verbraucher glaubwürdiger Methodik veröffentlichten. Wissenschaftler, oft aus fachfremden Bereichen, wurden großzügig finanziert, um als „unabhängige Skeptiker“ in Medien aufzutreten.

2. Lobbyismus und politische Einflussnahme

Klimaskeptische Politiker und Parteien wurden mit massiven Spenden unterstützt. Mit Gesetzesblockaden wurden CO2-Steuern, Emissionshandel oder strengere Grenzwerte durch massive Lobbyarbeit in Brüssel und Washington bekämpft. Sogenannte „Front Groups“ wurden gegründet. Das waren seriös klingende Organisationen wie etwa die „Global Climate Coalition“, die im Hintergrund Industrieinteressen vertraten.

3. Strategische PR und Framing

Neben dem beschriebenen „CO2-Fußabdruck“ war und ist das vor allem Greenwashing durch umweltfreundliche Alibi-Projekte, während das Kerngeschäft weiterhin zu 95 Prozent aus fossilen Brennstoffen bestand. Ein neuer Zweig der Meinungsbeeinflussung war das sogenannte „Climate Doomism“. Man warnte vor dem wirtschaftlichen Kollaps oder dem Verlust von Arbeitsplätzen durch Klimaschutz.

4. Unterdrückung interner Erkenntnisse

Bester Beleg für dieses Vernebelungsverfahren ist der sogenannte Exxon-Skandal (Exxon-Marken sind ESSO und MOBIL). Es stellte sich heraus, dass dem Großkonzern (Gewinn 2024: 33,7 Mrd. US-Dollar) bereits aus den 1970ern intern Dokumente vorlagen, welche die Erderwärmung präzise vorausberechnet hatten. Doch anstatt die Öffentlichkeit zu warnen, investierte man Millionen, um genau diese Erkenntnisse öffentlich systematisch lächerlich zu machen.

Mit anderen Worten: Die massive Nutzung des Internets öffnete die Tore weit für schwer kontrollierbare, gesteuerte Fehlinformation. Umgekehrt lässt sich nach wie vor sagen, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung auch der Mitwelt zugutekommen KÖNNEN, beispielsweise durch die massive Zunahme von Home-Office-Jobs, die jährlich Millionen gefahrener Kilometer einsparen.

Ökologisches Jiu-Jitsu

Der Erfolg der großindustriellen PR-Maßnahmen war umwerfend. Nicht nur den Regierungskreisen, insbesondere in der westlichen Welt, stiegen und steigen die gezündeten Nebelkerzen ins Gehirn; auch in meinem engen persönlichen Umfeld begannen Menschen zu zweifeln, ob es denn überhaupt so etwas wie Mitweltzerstörung, Erderwärmung oder menschengemachten Klimawandel gebe; und ob nicht tatsächlich der Kapitalismus das beste aller Systeme und die Digitalisierung der Welt ein Segen sei; wenn nicht, könne man immer noch auf den Mars auswandern …

Zweifellos lässt sich der heutige Lebensstil der Industrienationen nicht mehr ohne Digitalisierung denken, zumal deren neueste Entwicklung, die sogenannte künstliche Intelligenz, zu einer weiteren Beschleunigung industrieller Prozesse, zu mehr Raubbau und zu neuen Abhängigkeiten, ja mentaler Versklavung führen wird. Wer sich nicht auf diese neuen Gefahren und Möglichkeiten einstellt, wird zuverlässig abgehängt werden.

Wir werden also unseren Lebensstil weiterentwickeln und vertiefen müssen, gerade auch deswegen, weil die Mitwelt aus dem Blick zu geraten droht – und damit die vitalen Interessen und Bedürfnisse aller Lebewesen auf diesem Planeten. Für unseren Lebensstil hinsichtlich der Implikationen von KI wie für das Internet im Allgemeinen gilt deshalb: Wenn wir ihre Funktionen wie etwa die Polarisierung, die gezielte Herstellung von Echokammern (Bubbles) und die versuchte Gehirnwäsche verstehen bzw. durchschauen, brauchen wir uns nicht von ihnen abhängig machen zu lassen und können sie sogar zu unserem und zum Nutzen von Mensch und Mitwelt einsetzen – eine schwierige Art von ökologischem Jiu-Jitsu, mit dem wir unseren Lebensstil anreichern sollten.

Allen, die sich mit dem Thema intensiver beschäftigen wollen, kann ich das Dokument über „Imperiale Lebensweise“ als eine Art Denkgrundlage empfehlen: Imperiale Lebensweise – zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus.

Warum fällt uns das so schwer? Wie kann es gelingen?

Von Peter vom Zürichsee

Konflikt ist Suche nach Nähe und Verbundenheit. Das hörte ich vor über 30 Jahren von einem Konfliktforscher, der mit Israelis und Palästinensern zusammen Friedensgespräche führte (vermutlich Herbert C. Kelman). Bin ich gerade in einen heftigen Streit verwickelt, bemerke ich «die Suche nach Nähe» bei mir selbst oder meinem Gegenüber kaum. Der kreativ-konstruktive Umgang mit «Konflikten als Lebenskunst» eröffnet uns vielfältige Entdeckungs-, Reflexions- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Peter Wylers vollständigen Artikel findest du HIER.

1. Januar 2076. Vor einem halben Jahrhundert glaubte kaum jemand auf diesem Planeten, dass eine tiefgreifende Transformation der Menschheit möglich sei und gelingen könnte. Was für uns heute, zum Jahresauftakt 2076, völlig «normal» ist, war damals grundlegend anders. Jetzt schauen wir staunend zurück auf die Reise vom inneren und äusseren Wandel – und gehen dankbar den «gemeinsamen Weg des Menschseins» weiter.

Den vollständigen Artikel von Peter Wyler findet du HIER.

[Foto: djovan/pixabay]

Wenn die alte Welt in neuem Gewand zurückkehrt

Von Sanna Radelius, Schweden

Ein guter Freund meinte neulich zu mir: „Nein, ich sehe keinen Grund, mich zu rechtfertigen. Die IDGs [Inner Development Goals, die Red.] sind falsch, und ich mag sie nicht.“ Er ist älter, erfahrener und hat nicht mehr das Bedürfnis, seine Meinung zu erklären. Ich hingegen schon. Um mir selbst klar zu werden. Um die Frauen zu ehren, die vor mir für eine gerechtere Welt gekämpft haben. Und um allen zu antworten, die sich nach meiner letzten Kritik gemeldet und dieselbe Frage gestellt haben:

Warum bist du gegen die Inner Development Goals?

Hier ist also meine Antwort.

Der Fisch und das Wasser

Manchmal beschreibe ich die IDGs so: Man bringt Fischen bei, besser in einem Aquarium zu schwimmen, in dem das Wasser braun wird und immer weniger Sauerstoff enthält.

Die Fische lernen neue Schwimmtechniken. Sie werden widerstandsfähiger, kooperativer und reflektierter. All das ist nicht schlecht. Aber wenn das Wasser selbst verschmutzt ist, hilft besseres Schwimmen nur für eine Weile. Irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, wie sich die Fische verhalten, sondern was mit dem Wasser passiert.

Helfen wir den Fischen, das Gift zu überleben, anstatt zu fragen, warum das Wasser überhaupt giftig ist?

Wenn wir über innere Entwicklung reden, ohne uns ernsthaft mit den Systemen auseinanderzusetzen, die uns prägen, laufen wir Gefahr, genau das zu tun. Gleichzeitig lassen wir vieles unberührt: die wirtschaftlichen Strukturen, die endloses Wachstum verlangen; die historischen Machtverhältnisse, die entscheiden, wessen Wissen zählt; die Ausbeutungsmentalität, die in den Institutionen des Globalen Nordens verankert ist; die patriarchalischen Normen, die Dominanz als Führung legitimiert haben.

Diese Kräfte sind nicht von der inneren Entwicklung zu trennen. Sie prägen, wie innere Entwicklung überhaupt aussieht. Sie bestimmen, wer darüber sprechen darf. Sie entscheiden, wessen Fähigkeiten als „entwickelt” gelten.

Dennoch behandelt das IDG-Framework diese Normen als Hintergrundbedingungen und nicht als Hauptgegenstand der Veränderung. Es hilft den Menschen, sich an ein krankes System anzupassen, anstatt zu fragen, ob nicht das System selbst grundlegend verändert werden muss.

Regeneration beginnt dort, wo Komfort endet

Ich habe Jahre in regenerativen und systemischen Kontexten verbracht. Eines ist mir klar: Regenerative Arbeit beginnt nicht mit einer Liste von Fähigkeiten. Sie beginnt bei den Ursachen. Sie fragt, warum ein System Schaden anrichtet, wer von seiner Stabilität profitiert und wer den Preis dafür zahlt, wenn es sich nicht verändert. Sie besteht darauf, Macht nicht als Anschuldigung zu verstehen, sondern als Struktur, als Landkarte dessen, wie Macht organisiert ist.

In der regenerativen Theorie und Praxis wird Regeneration als ein grundlegend anderes Paradigma verstanden, das in lebenden Systemen verwurzelt ist, die ihre eigene Vitalität und die der anderen wiederherstellen und vertiefen. Es geht nicht um stärkere Nachhaltigkeit, sondern um eine Abkehr von einer extraktiven, wachstumsorientierten Logik hin zu relationalen, ortsbezogenen Formen der Organisation von Leben und Wirtschaft.

Die IDGs beschreiben sich oft als Unterstützer eines Wandels hin zu regenerativeren Kulturen und Systemen. Aus meiner Sicht gehört ihre Kernlogik immer noch zu einem früheren Paradigma.

Sie greifen einige dieser regenerativen Fragen in der Theorie auf, kehren dann aber auf den sichereren Boden der individuellen und kollektiven Fähigkeiten innerhalb der bestehenden Ordnung zurück. Regeneration macht das Gegenteil. Sie bleibt bei der Komplexität. Sie lehnt universelle Rezepte ab. Sie vertraut darauf, dass unterschiedliche Orte, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Kosmologien unterschiedliche Formen des Werdens erfordern.

Deshalb stehen Regeneration und die IDGs in einem Spannungsverhältnis. Die eine schafft Raum für Pluralität und strukturellen Wandel, die andere schreibt vor. Das ist keine Regeneration. Es ist Ausbeutung mit einem besseren Markenauftritt.

Die Struktur, die sich vor aller Augen verbirgt

Zu sagen, dass man mit Macht arbeitet, ist nicht dasselbe wie Macht zu transformieren. Verschiedene Stimmen an einen Tisch zu bringen, ist nicht dasselbe wie zu verändern, wer den Tisch gebaut hat oder über dessen Zweck entscheidet. Kritik einzuladen ist nicht dasselbe wie dieser Kritik zu erlauben, die Architektur neu zu gestalten.

Das ist wichtig, weil die IDGs nicht mehr nur ein kleines nordisches Experiment sind. Sie positionieren sich jetzt und werden immer öfter in Umgebungen eingesetzt, die mit Universitäten, Unternehmen, NGOs und öffentlichen Einrichtungen in vielen Ländern verbunden sind, vor allem in Teilen des Globalen Nordens. Ihr klares Ziel ist es, Einfluss darauf zu nehmen, wie Führungskräfte über Veränderung reden, wie Organisationen über menschliche Entwicklung denken, welche inneren Eigenschaften als legitim angesehen werden und wie „gute Führung” aussieht.

Wenn das Rahmenwerk fehlerhaft ist, wird auch sein Einfluss fehlerhaft sein. Aber es könnte noch schlimmer kommen. Ein fehlerhaftes Rahmenwerk, das global skaliert wird, kann aktiv schädlich werden. Nicht unbedingt durch das, was es lehrt, sondern durch das, was es unberührt lässt. Es gibt den Menschen das Gefühl, an den Ursachen zu arbeiten, während sie in Wirklichkeit immer geschickter darin werden, genau die Systeme aufrechtzuerhalten und zu legitimieren, die transformiert und nicht erhalten werden sollten.

Und für Frauen, für Menschen aus dem Globalen Süden, für indigene Völker, für alle, die von einer anderen Ontologie geprägt sind, bergen die IDGs eine besondere Gefahr. Sie vermitteln den Anschein von Inklusion, während sie gleichzeitig genau die Strukturen aufrechterhalten, die uns schon immer marginalisiert haben. Sie laden uns an den Tisch ein und erwarten dann, dass wir uns innerhalb des von ihnen vorgegebenen Rahmens äußern.

Was passiert, wenn das System in Frage gestellt wird

Ich habe diese Fragen direkt, öffentlich und über Jahre hinweg aufgeworfen. Über Macht. Über dekoloniale Methoden. Darüber, wie sie mit den zugrunde liegenden Strukturen arbeiten, die genau die Probleme immer wieder neu schaffen, die sie angeblich ändern wollen. Die Antworten waren aufschlussreich.

Zuerst Schweigen oder Ausflüchte. Mein Denken wurde als postmodern abgestempelt. Meine Fragen wurden eher als Frage des Tons denn als Frage des Inhalts behandelt. Später kam die Zusicherung, sie würden mit sozialen Strukturen arbeiten, wie es jeder tue, der es mit Systemveränderungen ernst meine. Aber wenn ich frage, welche Strukturen sie identifiziert haben oder was sich dadurch im Rahmen geändert hat, gibt es keine konkreten Beispiele.

Und wenn Kritik anerkannt wird, wird sie als relational umgedeutet: Meine Sprache sei aggressiv, ich hätte privat schreiben sollen, öffentliche Kritik könne Menschen entmutigen.

Das System bleibt unschuldig. Der Kritiker wird zum Störfaktor.

Die patriarchalische Logik hinter der Sprache der Fürsorge

Dieses Muster ist mir als Frau schmerzlich vertraut. Wenn strukturelle Kritik als eine Frage des Tons dargestellt wird, als Aufforderung, sanfter, beziehungsorientierter und weniger direkt zu sein, spiegelt dies eine lange Geschichte wider, in der die Klarheit von Frauen in ähnlicher Weise behandelt wurde. Diese Abmilderungen klingen oberflächlich betrachtet nach Fürsorge. Im Grunde dienen sie jedoch der Kontrolle. Sie lenken die Aufmerksamkeit von der Macht auf die Höflichkeit, vom Inhalt auf den Stil.

Jeder, der im Patriarchat gelebt hat, erkennt dieses Muster. Frauen werden gefeiert, solange wir unterstützend, dankbar, emotional einfühlsam und bereit sind, genau die Strukturen zu stabilisieren, die uns schaden. In dem Moment, in dem wir anfangen, strukturelle Probleme klar zu benennen, ohne jeden Satz abzufedern, werden wir „zu viel”. Zu scharf. Zu emotional. Zu spaltend. Eine Störung, die es zu bewältigen gilt, statt ein Signal, dass etwas nicht stimmt.

Und es gibt noch eine weitere Ebene. Nicht alle Frauen wollen dieses Muster sehen. Denn wir kennen die Geschichte. Weiße Männer nehmen das, was Frauen seit Generationen praktizieren und verkörpern – relationale Intelligenz, emotionale Kompetenz, die Arbeit der Fürsorge – und wenn sie es verpacken, erforschen und in einen Rahmen verwandeln, der durch Forschung und institutionelle Legitimität gestützt wird, wird es plötzlich wertvoll. Plötzlich ist es Führungsstärke. Plötzlich zählt es. Und für viele Frauen kann es einfacher sein, das zu feiern, als sich damit auseinanderzusetzen, was es offenbart. Dass genau die Eigenschaften, für die wir bestraft, herabgewürdigt oder denen wir ohne Anerkennung gerecht werden mussten, erst dann anerkannt werden, wenn Männer sie benennen, verpacken und als Innovation präsentieren. Das ist auch der Grund, warum die IDGs so leicht zu mögen sind: Sie wirken fortschrittlich, obwohl sie größtenteils nur das neu verpacken, was diese Kultur bereits kennt.

Diese Wahrheit zu erkennen, ist schmerzhaft. Und doch hat es auch seinen Preis, sie nicht zu sehen.

Das ist die Falle. Sei sanft. Sei inklusiv. Bring niemanden in Verlegenheit. Und während du all das bist, bleiben die Strukturen genau so, wie sie sind.

Des Kaisers neue Kleider. Nur aus sehr progressivem Stoff.

Wenn koloniales Denken in neuen Formen wieder auftaucht

Das gleiche Muster zeigt sich über Rassen, Geografien und Geschichte hinweg. Die IDGs präsentieren sich als global, mit Hubs, Partnern und Referenten aus der ganzen Welt. Aber schau dir genauer an, woher das Rahmenwerk kommt, wer die Marke hält, wer reist, sich trifft und auf den Hauptbühnen spricht, wessen Pässe und Hautfarben die Räume dominieren, in denen strategische Entscheidungen getroffen werden, wessen Sprache die Bedingungen festlegt. Der Schwerpunkt bleibt der globale Norden.

So sieht Neokolonialismus heute oft aus: keine Eroberungen und Flaggen, sondern Rahmenwerke und Partnerschaften. Keine offene Herrschaft, sondern die stille Forderung, dass sich alle an die liberal-angloamerikanischen und nordeuropäischen Normen anpassen: eine Weltanschauung, die das Problem und die Lösung definiert, während andere als Farbe und Geschichte eingeladen werden, solange sie die bereits festgelegten Bedingungen nicht stören.

Eine Weltanschauung, die behauptet, universell zu sein

Dahinter steckt eine Weltanschauung. Die IDGs basieren auf einem angloamerikanischen und nordeuropäischen liberalen Menschenbild, das den Menschen als individuelle Einheit mit einem inneren Leben sieht, das beschrieben und verbessert werden kann und grundlegend von der Natur getrennt ist. Viele andere Traditionen gehen von etwas anderem aus, von einer relationalen Welt, in der Land, Vorfahren und mehr als menschliche Wesen das Selbst ausmachen, und in der Wissen eher durch lange Beziehungen als durch globale Fragebögen entsteht.

Wenn ein Rahmenwerk verschiedene Perspektiven zulässt, ohne diese zugrunde liegende Weltanschauung zu hinterfragen, praktiziert es keine Pluralität. Es verlangt von anderen Welten, sich in seine Ontologie zu zwängen, und nennt das Inklusion.

Können sich die IDGs ändern?

Manchmal werde ich gefragt, ob die IDGs zu dem werden könnten, was sie zu sein vorgeben. Meine ehrliche Antwort ist einfach: Nein.

Das Problem sind nicht blinde Flecken oder Diversitätskorrekturen. Es ist die Kernlogik.

Die Idee, dass man eine universelle Reihe innerer Fähigkeiten für die Menschheit definieren und sie als Hebel für Systemveränderungen in der Welt verbreiten kann, ist selbst Teil des Paradigmas, das wir hinter uns lassen müssen. Das heißt nicht, dass die IDGs sinnlos sind. Sie übersetzen etwas Weiches und lange Ignoriertes – Innenleben, emotionale Kompetenz und Fähigkeit zu Beziehungen – in eine Form, die Institutionen erkennen und mit der sie arbeiten können. In einem bestimmten historischen Moment und in kulturellen Kontexten wie Schweden hat diese Brücke ihren Wert.

Und auch heute noch können die IDGs als beliebtes psychologisches Instrument für Arbeitsplätze und Organisationen in Teilen des Globalen Nordens, insbesondere in Schweden, wo persönliche Entwicklung manchmal Sprache und Struktur braucht, wirklich nützlich sein. Aber eine Brücke ist nur als Durchgang gedacht, nicht als Modell für die gesamte Landschaft. Das Problem beginnt, wenn ein Rahmen, der für ein bestimmtes kulturelles Segment sinnvoll sein mag, so präsentiert wird, als wäre er ein universeller Weg zu Nachhaltigkeit und menschlicher Entfaltung für alle.

Aus meiner heutigen Sicht sind die IDGs weniger ein Weg in die Zukunft als vielmehr ein klarer Ausdruck des Paradigmas, aus dem wir herauswachsen müssen: der Glaube, dass der richtige Rahmen in den richtigen Händen die Menschheit verbessern kann; die Annahme, dass eine Weltanschauung sicher für uns alle sprechen kann; die Gewohnheit, lebendige, situative Weisheit in übertragbare Modelle und Produkte zu verwandeln.

Könnten die Menschen rund um die IDGs sich dafür entscheiden, etwas anderes zu tun? Ja. Sie könnten beschließen, die Grenzen des Projekts zu benennen, seine Ausweitung zu stoppen und Traditionen und Bewegungen zu unterstützen, die von anderen Weltanschauungen ausgehen, anstatt zu versuchen, diese in ihre eigene zu integrieren. Sie könnten die IDGs zu einem historischen Beispiel dafür werden lassen, wie wir früher über innere Entwicklung gedacht haben, anstatt daran als Antwort festzuhalten.

Ob sie das tun werden, ist eine ganz andere Frage. Alles, was ich in ihren Antworten auf Kritik gesehen habe, deutet darauf hin, dass das Projekt weiterhin seine Kernlogik verteidigen, seine Sprache anpassen, Geschichten und Perspektiven hinzufügen und weitermachen wird. In diesem Sinne ist die wertvollste Rolle, die die IDGs spielen können, genau diese: eine sichtbare, gut vermarktete Veranschaulichung der zugrunde liegenden Logik, die wir erkennen lernen und sanft, aber entschlossen überwinden müssen.

Helft euch gegenseitig, das Wasser zu sehen

Denn die eigentliche Arbeit der Regeneration beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, den Fisch zu perfektionieren, und es wagen, ehrlich auf das Wasser zu schauen.

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Originalartikel: https://sannaradelius.medium.com/why-i-cant-be-silent-about-the-inner-development-goals-6321e262928f

Alle Fotos von https://pixabay.com

Übersetzung mit Einverständnis der Autorin: Bobby Langer

Ein Statement und ein Interview mit Peter Schönhöffer

Sicher: Es gab und gibt stets allerlei Gründe, den jetzt wieder einsetzenden, großen Demonstrationen fernzubleiben, so etwa die Furcht vor Polizeigewalt, den Zweifel an Sinn und Zweck, persönliche Einschränkungen, aber auch Resignation, die zu viele nach wie vor gefangen hält: „Das hat doch alles keinen Zweck. Die da oben – oder die jeweils zum Feind Erkorenen oder wahlweise der Putin oder der Trump oder die EU – machen doch sowieso, was sie wollen.“

Dem engagierten katholischen Theologen Peter Schönhöffer sind alle diese Alltagseinwände nicht fremd, doch stehen ihm andere Einsichten näher. Mit den folgenden, grundlegenden Einsichten im Rücken sieht er Ansätze, um neue bzw. verschüttete Friedenspotenziale zu heben.

Schönhöffer verbindet in seiner Analyse wie in seiner praktischen Tätigkeit Spiritualität mit sozialem Engagement sowie die strikte Zusammengehörigkeit der Themenkreise Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Wichtige Impulse für seine den „gerechten Frieden“ suchende Sozialisation erhielt er in weltumspannenden ökumenischen Gerechtigkeitsbewegungen, insbesondere bei der Stiftung Ökumene, pax christi und Kairos Europa.

Schönhöffer konstatiert „ungeniert manipulierte und vollkommen wahrnehmungsgestörte Öffentlichkeiten sowie eine immer offenkundiger werdende, breit sich entwickelnde Zukunftsvernichtung“. „Vielleicht“, vermutet er, „nimmt die Anzahl und Eindrücklichkeit der Friedensdemonstrationen deswegen so schlagartig zu.“ Doch buchstäblich alles, was jetzt not-wendend werden könnte, geschehe noch immer nahezu unbemerkt von der Einheitslinie des veröffentlichten Meinungskorridors.

Daher dieser kurze Artikel und das darauffolgende Interview.

Ein klarer Blick: Kompromisslos für Frieden – ein Statement von Peter Schönhöffer

Festzuhalten ist: Von den realen Basis-Notwendigkeiten einer internationalen Friedenskoalition zur Beendigung aktueller Kriege kommt in den Top-Themen der Leitmedien noch immer kaum etwas vor. Was zum Frieden ohne Waffengewalt führen könnte, gilt als indiskutabel. Vielmehr richtet sich die Grundwahrnehmung der Situationen in der Ukraine und im Gaza-Streifen auf strukturelle und situative Eskalation oder De-Eskalation bei völkerrechtswidrig und absolut menschenverachtend fortgeschriebener Apartheid (Trump-Plan für Gaza). Für eine echte Debatte um eine grundsätzlich notwendige Neuorientierung und praktische Perspektivenauslotung bleibt immer weniger Raum. Eines ist gewiss: dass wir damit die Wahrscheinlichkeit, die Welt zugrunde zu richten, dramatisch erhöhen. Damit aber muss jetzt und hier Schluss sein.

Angesichts der im Raum stehenden Vernichtungspotenziale gegen Menschen und Mitwelt bei gleichzeitiger Wahrnehmungsverweigerung müssen Friedensrationalitäten formuliert und Friedenspotenziale entschieden gehoben werden.

Immerhin: Nach Mobilisierung von 15.000 bis 20.000 Menschen durch BSW plus Dieter Hallervorden, TV-Moderatoren sowie einschlägigen Musik- und Rapper-Promis gingen am 3. Oktober in Berlin 60.000 bis 100.000 Menschen gegen den jede Menschlichkeit verloren habenden Gaza-Krieg auf die Straße. In Barcelona versammelten sich bei Friedensdemonstrationen mehrere zehntausend Menschen, in ganz Italien waren es über eineinhalb Millionen. Auch Stuttgart war groß dabei. In New York organisierten über 1.000 Rabbiner und jüdische Friedensaktivist/innen eine Demonstration, in der sie eine dauerhafte Waffenruhe in Gaza forderten. Eines wird immer deutlicher: Nicht nur die Anzahl und die in wichtigen Ansätzen und weiten Teilen geteilten Grundsatzüberzeugungen, sondern auch die Nachdrücklichkeit der Demonstrationen und mobilisierbaren „Friedensbewegten“ lässt sich nun kaum mehr stoppen. Wann aber werden sie zu mehr als punktuellen Befriedungen bei ungelösten ökonomisch-ökologischen Zangenkrisen beitragen?

Einige wesentliche Anteile öffentlicher deutscher Kräfte sollten die Gunst der geballten herbstlichen Friedensdemonstrationen schnellstmöglich nutzen und zu ernsthaften Friedensverhandlungen drängen: dass es gilt, auf den anderen zuzugehen und die Positionen des anderen verstehen zu wollen; und dass konsequentes und lösungsorientiertes, kleinteiliges Verhandeln reichere Ausbeute hervorbringen wird als europäische Bewegungslosigkeit oder amerikanische Clownerien. Wann, wenn nicht jetzt auf dem Hintergrund des Rückhaltes der Friedensdemonstrationen im Herbst 2025 kann dies öffentlichkeitswirksam ausgesprochen und allgemein gehört werden?

Und die spezifische Rolle der Friedensbewegung? Den jetzt überall aufgepeitschten Eskalationslogiken ist vehement Einhalt zu gebieten. Die sich in der neuen Friedensbewegung plural und nicht faschistisch versammelnden Strömungen sollten orchestriert, klug, nüchtern, eindeutig und eindrücklich, verlässlich und mitvollziehbar vorgehen. Das bedeutet,

  • dem politisch zum Feind Gewordenen gut überlegte und nach Verlässlichkeit und Wechselseitigkeit rufende ökonomische und diplomatische Angebote zu machen (grüner Wasserstoff plus vertrauensbildende OSZE-Verhandlungen plus Wiedereinsetzung eines mehrheitlich von den USA Schritt für Schritt aufgekündigten UN-Waffenkontrollsystems);
  • den Frieden zu proklamieren und auf den jeweiligen Gegenseiten Kräfte zu finden, die dies auch wollen, und dann in Verhandlungen zu gehen, die die Eskalations- und Grausamkeitsdynamik unterbrechen und unterbinden;
  • die Kriegstrommler und Eskalations-Falken in den eigenen wie in den fremden Reihen abzuwehren und das Wagnis eines umfassenden und vor allem ökonomisch bestandsfähigen Friedens einzuläuten.

Biblisch würde man sagen: Von jetzt und hier an weitermachen, ohne noch einmal zurückzuschauen, vorwärtsgehen ohne inneres Wanken. Es ist kein Zufall, dass einem dazu tiefreichende biblische Wegmarken in den Sinn kommen. Sie werden gebraucht werden. Und ihre Zeit wird kommen. Es gilt, wie das Neue Testament schon wusste, nicht nur „arglos wie die (Friedens-)Tauben“ vorzugehen, sondern zugleich auch „klug wie die Schlangen“.

Jetzt, wo die Not übergroß wird, wächst langsam das stille Heer derjenigen, die zuerst tief in sich, später auch nach außen gewandt, das Potenzial der Feindesliebe erkennen werden. Mit ihr kann der dauerhaft fortbestehende Kriegsgrund von vollkommen gespaltenen Öffentlichkeiten in Ost und West doch noch überwunden werden. Möglicherweise erst aus einer solch tiefen Klarheit werden das Potenzial und die Strategiefähigkeit derjenigen kommen, die zuverlässig wissen: Eine realistische Friedensfähigkeit kann die Lagergrenzen zunächst durchlöchern und dann überschreitbar machen. Eine solche Friedensfähigkeit ist die einzige, noch erreichbare Chance für die Menschheit, ohne dass die Ökosysteme vollends sterben und die Migrationswellen aus unzumutbaren Lebenswirklichkeiten vollends über die privilegierten Zonen hereinbrechen.

 

DAS INTERVIEW: Die Frechheit, uns selbst zu trauen!

Bobby Langer: „Friedenspotenzial“, das ist ein schöner, ein hoffnungsvoller Begriff. Stammt er von dir? Und kannst du ihn ein wenig erläutern?

Peter Schönhöffer: Alles andere als das, aber er fühlt sich richtig an, denn Frieden kann „nur gewagt werden“, wie der unvergessene Dietrich Bonhoeffer 1934 aus Anlass der weltweiten, erdumspannenden Ökumene in Fanö (Norwegen) formuliert hat. Frieden sei das einzige große Wagnis. Man komme zu keinem Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Eine solche entschiedene Klarheit gewinnt man erst, wenn man auf das große Ganze schaut und vom Blick auf die gesamte Erde durchdrungen ist. Potenzialentfaltung ist etwas, was in den letzten Jahren unzweifelhaft als Begriff und als Praxis einige Herzen zu erobern begonnen hat. Friedenspotenziale wieder zu heben in uns selber, im Dialog der Generationen, im Aufweichen der sich gerade unglaublich verfestigenden, tief gespaltenen Öffentlichkeiten in Ost und West, die verstörenderweise kaum mehr Berührungspunkte aufweisen.

Und ich sehe es als unsere historische Aufgabe, das Wissen der Friedensbewegung aus den 1980er Jahren zu reaktivieren, das verloren zu gehen droht; hinzu kommen die Erfahrungen der Katastrophe zweier Weltkriege und der Beendigung des Kalten Krieges. Potenzial zeigt sich erst nach und nach. Es will in Mikro-Dosen in und um uns kommunikativ fein und klar gehoben werden – gemeinschaftlich plausibilisiert und zu entfalten im öffentlichen Raum der immer enger abgesteckten Grenzen politischen Denkens und Fühlens. Danach ruft unsere Zeit, um eine berühmte Formulierung von Ernst Bloch wieder in Erinnerung zu rufen. Denn wenn wir nicht öffentlich um Perspektiven ringen, die uns in neue, wechselseitig geteilte Logiken hineinführen, dann schreien buchstäblich die Steine, um noch einmal ein Bibelwort – dieses Mal aus dem Alten Testament – anklingen zu lassen.

BL: Was hat dich bewogen, dich ausgerechnet mit der Frage der Friedenspotenziale zu beschäftigen? Frieden, so das gängige Narrativ, sei gar nicht möglich ohne Krieg.

Sch.: Letztlich kam bei mir die Frage auf: Wie können wir uns in Ost und West neu verbünden und in den unendlichen Traumasümpfen des Nahen Ostens ein verlässlich einschreitender Sicherheitsgarant gegen den fortlaufenden Terror von beiden Seiten sein; und zwar zwingend auf der Basis von Völkerrecht, Rückbau der illegalen Siedlungen und weitestgehender Auseinanderhaltung lebensfähiger Landkorridore. Dazu aber gilt es, nicht nur Empörungs- oder Einzelaktivismus zu kultivieren, sondern breite Mehrheiten zu organisieren.

Notwendige Voraussetzung dafür ist es, so viel wie möglich Fühllosigkeit, Ressentiment und die Leitplanken unserer Vorurteile in uns selber auf- und abzuräumen. So können wir einander zur Hoffnung werden. Mit Friedensdemonstrationen in kurzen Abfolgen, mit dem Hören auf Friedensforschung und Friedensbewegung sowie durch beständigen Druck auf die politisch Handelnden vermögen wir vielleicht, den beispiellos fugendichten öffentlichen Diskursraum zu öffnen, zu kultivieren und eine Friedenslogik (Hanne Bickenbach) zu halten; so können wir jene „Hoffnung schaffen und verkörpern“, wozu Norbert Copray einmal ein schönes Buch geschrieben hat, die in immer weitere Ferne gerückt erschien.

Fugendicht: Das bedeutete u. a., dass Matthias Platzeck, Harald Welzer und Richard David Precht (mit ihrem Buch über die vierte Gewalt), der Erhard-Eppler-Kreis, aber auch Positionen von Gabriele Krone-Schmalz oder Sarah Wagenknecht allesamt für nicht mehr diskussionswürdig erachtet und moralisch abqualifiziert wurden. Da ist mir schlagartig etwas Grundsätzliches klar geworden. Die Kontrolle des öffentlichen Raumes mit einer reichlich einseitigen, wenig informierten, über die Expertise von Bundeswehrhistorikern (Sönke Neitzel) und Bundeswehrpolitologen (Carlo Masala) gesteuerten Stoßrichtung droht komplett versiegelt zu werden, zumal sie durch von langer Hand voreingerichtete Osteuropa-Forschungs-Expert/innen fortlaufend untermauert wird. Einwände der Friedensbewegten wie Andreas Zumach, Clemens Ronnefeldt, Fernando Enns oder Wolfgang Palaver werden systematisch gar nicht mehr erst öffentlich zugelassen.

Nun braucht es in erster Linie klare und realisierbare Perspektiven. Denn noch immer kann jederzeit wieder aufploppen, was historisch, wenn es hervorkam, fast immer verheerend gewesen ist: Siegeslogiken, Auslöschungsfantasien, selbstverständlich auch von Seiten Russlands oder der Hamas, Eskalationslogiken aus der Position wirtschaftspolitischer Ignoranz und ökologisch-weltgesellschaftlicher „Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität“, gespeist aus unerlöst-selbstherrlichem Nato-Siegestaumel oder fehlender historischer Klugheit und aus vermeintlicher moralischer Gewissheit oder im Gaza-Konflikt auch aufgrund unlösbarer Dilemmata: Die Alternativen, die unbedingt erzwungen werden müssen, werden gar nicht erst im Diskurs zugelassen.

BL: Was vermisst du im öffentlichen Krieg-Frieden-Diskurs?

Sch.: Am 26. Januar 2017 warnte Ex-Präsident Gorbatschow in einem Gastbeitrag für das Magazin Time: „Immer mehr Truppen und Panzer werden in Europa in Stellung gebracht.“ Als ob er den jetzt gerade massiv vorangetriebenen Ausbau der zentralen US-amerikanischen Basis für Europa im pfälzischen Ramstein und das deutsche Bataillon in Litauen vor Augen gehabt hätte. Die Nato und die russische Armee, so warnte er, rückten immer näher aufeinander zu, sie stünden sich inzwischen in Schlagdistanz gegenüber.

„In den Staatshaushalten, die kaum noch ihre sozialen Aufgaben bewältigen, wachsen die Militärausgaben“, befand Gorbatschow. Für moderne Waffen, manche mit der Schlagkraft früherer Massenvernichtungswaffen, sitze hingegen das Geld locker. „Es sieht aus, als ob sich die Welt auf einen Krieg vorbereitet.“

Heute erscheint diese Ansage wie eine frühe Prophetie, die jetzige Lage wirkt allerdings um ein Vielfaches angespannter, besonders wenn man mit hinzuzieht, dass das exorbitante Aufblähen des deutschen Rüstungsetats, das den Haushalt und mit ihm den sozialen Frieden im Land innerhalb nur sehr weniger Jahre mit übergroßer Wahrscheinlichkeit in Stücke reißen wird, jetzt schon durch eine wohlfeile, selbstgefällige, breitflächig betriebene oder ahnungslos übernommene Polemik gegen Bürgergeldempfänger, gegen Faule oder gegen „Kriegsmüde“ bei weiterer Ausklammerung der „Superreichen“ orchestriert wird.

BL: Gibt es bestimmte Zielgruppen, an die du dich besonders wendest, und wo du noch Hoffnung siehst?

Sch.: Zielgruppen werden nicht reichen. Wir brauchen umfassende Programme und tiefgreifende Basis-Veränderungen, wenn wir noch eine Chance haben wollen. So etwa, wie Adelheid Biesecker, eine der großen Vordenkerinnen feministischen Wirtschaftens, immer wieder betont hat, einen Dreiklang aus Care-Revolution, Reproduktionsverschiebungen und eine darauf aufbauende friedensfähige Ökonomie. Der Weg dahin ist weit und steinig. Ohne dass wir ihn sehr real und sehr umfassend und umsichtig mit kommunikativer Klugheit begehen, werden unsere Friedensbotschaften verklingen. Sie werden in den Ohren der sozial-emotional taub gemachten Mehrheiten als idealistisch oder naiv erscheinende Friedensappelle wahrgenommen. Deswegen gehört es zum notwendigen Überlebensprogramm, Seelenkräfte aufbauende Resonanz-Räume und Resonanz-Zeiten zu erschaffen, horizontal, vertikal und diagonal (Hartmut Risa), und zwar vielfältig, freundschaftlich, Verbundenheit stiftend.

Was wir wirklich brauchen, ist mehr als zielgruppengerechte Ansprache, wir benötigen vielmehr gut informierte, historisch versierte und abrüstungstechnisch auf der Höhe der Zeit befindliche Journalist/innen, die neue Diskursräume allererst eröffnen und dauerhafte Friedenslogiken plausibel begründen können – und zwar für die nachwachsende Generation so passend, dass sie in den dortigen Rezeptionsmustern von Influencer/innen verarbeitet werden können. Ganz wichtig auch: reale Friedensperspektiven, gekoppelt mit Aussöhnung und wirtschaftlichen Entfeindungs-Angeboten.

BL: Wenn du von „Friedenspotenzialen“ sprichst, steht im Hintergrund die Idee der „Kriegspotenziale“. Wer treibt diese voran und warum? Gibt es gar eine Zielgruppe, wo „Hopfen und Malz verloren“ sind?

Sch.: Nun, es gibt die TV-Experten und Welterklärer/innen, die nun immer wieder aufs Neue herangezogen werden, egal ob die vollständig in Lobbyismus verstrickte FDP-Expertin Strack-Zimmermann, der Bundeswehr-Hochschul-Wissenschaftler Carlo Masala, die Generalität oder die von interessierter Seite von langer Hand aufgebauten Osteuropa-Studien-Experten an den Universitäten. Sie haben nichts anderes zu tun, als den absolut (nicht relativ!) verhängnisvollen Pfad der weitergeführten gegenseitigen Eskalation aus Panik, historischer und sachlicher Unkenntnis oder welchen Motiven auch immer ins Extrem zu führen und die öffentliche Meinung dadurch entscheidend zu beeinflussen. Auch die Auswahl der zugelassenen Gesprächspartner in den wichtigen Talkshows lässt gar keinen anderen Schluss mehr zu, als dass man Sprecherpositionen in der Öffentlichkeit (fast) nur noch an handverlesene Bellizisten vergibt. Besonders fatal: An ökonomische Analysen internationaler Beziehungen traut man sich gar nicht mehr heran. Die durchaus vorhandenen, wirklich kontroversen Sachmeinungen sind schon lange vorab als nicht publizierbar ausgeschieden und fugendicht für indiskutabel erklärt, wenn nötig öffentlich ehrabschneidend ausgegrenzt worden.

Was in unserer jetzigen historisch zu werden drohenden Situation wirklich zu denken gibt: All dies geschieht nicht orchestriert oder aufoktroyiert, sondern smart und freiwillig, aufgrund eingeengter Gesichtsfelder der entscheidenden Gremien, Quotendruck, nicht mehr vorhandener klarer Horizonte bei Berater/innen und handelnden Personen in Parteipolitik und Medienlandschaft und ja, auch einem ganz allgemein verloren gegangenen historisch-politischen Bewusstsein und den entsprechenden Wissensschätzen. Man muss auch das einmal nüchtern aussprechen: Ja, wir haben auch ein Journalisten- und ein Netzwerkproblem. Und zu allem Überfluss auch noch ein Uneinigkeitsproblem in der Friedensbewegung, das wir erst im Zuge der Demonstrationen vom 3.10.2025 jetzt wieder zu überwinden uns anschicken.

BL: Du sprichst von einer Verengung des Denkens, ja geradezu einer „Verblendung“. Kannst du das näher ausführen?

Sch.: Was als Schlüsselbegriff der Frankfurter Schule einmal „Verblendung“ hieß, lässt sich nun wirklich exemplarisch mit Händen greifen. Die Scharfmacher auf beiden Seiten des neuen Kalten Krieges und der sie verschlimmernden „cultural wars“ wetzen wie gewohnt ihre Messer, Demagogen wie Trump, Bolsonaro, Erdogan, früher Duterte und heute Bukele greifen mit immer rabiateren und unappetitlicheren Mitteln in ein ideologisches Vakuum, und zunehmend ist nicht nur den Putins, Orbans und Ficos dieser Welt jedes noch so demokratieverachtende Mittel recht, bedienen sie sich immer abenteuerlicherer und niederträchtigerer Vorgehensweisen. Die Zivilgesellschaften werden zu „shrinking spaces“. Die sie bislang aufhaltenden weitblickenden Beobachter und Berater, gut ausgebildete Konfliktbearbeiter, das Fachpersonal für die OSZE- und UN-Verhandlungsarenen – alle diese Personengruppen wachsen in den jüngeren Generationen nicht mehr nach, auch die politischen Entscheidungsträger verlieren sichtbar an Kontur und vor allem an intellektuellem Format. Folglich wittern die einfacher gestrickten Rüstungsbauer und ihre Verkäufer ihre Chance, bringen sich in Stellung und verzwanzigfachen binnen der Jahre des Russland-Ukraine-Krieges ihre Aktienwerte (Rheinmetall). Auch die Berufsgruppen der Politikberater/innen, Journalist/innen und Influencer/innen nutzen ihre Spielräume nicht, weil sie sich geistig nicht breit und ausgewogen genug ernährt haben. Den Gesamtzusammenhang davon kann man mit Fug und Recht „Verblendung“ nennen.

BL: Bellizisten unterstellen Friedensfreunden regelmäßig Naivität bzw. mangelnden Realismus. Welche realistischen Friedensperspektiven haben eine Chance, zu umsetzbaren Friedenspotenzialen zu werden?

Sch.: Der Kern wird immer sein, das Leid des jeweils anderen anzuerkennen, seine Lesart der Geschichte miteinzubeziehen; ökonomisch und ohne Gesichtsverlust muss es für beide einen Weg nach vorne geben. Ohne das geht es nicht. Man muss die Beweislogik umkehren. Nicht die Friedensbewegten haben eine Nachweispflicht, nicht naiv zu sein, sondern die systematisch und jahrzehntelang Herrschaftsverliebten und Terrorbefürworter, die Aufrüster und Kriegspropheten. Wie viel Leid haben sie jetzt schon verursacht, welche Perspektiven sollen nach dem Zeitalter der angekündigten Kriege, Geißelnahmen und Vernichtungsfeldzüge noch möglich sein? Vielleicht geht es jetzt wirklich um die schrittweise Abschaffung der Institution des Krieges. Und zwar auf breiter Linie: von gewaltfreier Kommunikation als verpflichtendem Schulfach, einer Erinnerungskultur, die das Eingedenken fremden Leids obenan stellt, verbindlichen Streitschlichterprogrammen schon in früher Jugend, in Deutschland aufbauend auf den ökumenischen Erfahrungen von „Schritte gegen Tritte“, Bündnissen wie „Nein zur Wehrplicht“ bis hin zur rechtlichen Abschaffung der Institution des Krieges. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, die Unesco, fördert bereits seit einiger Zeit Programme und Projekte zu umfassenderen Kulturen des Friedens. Das wäre jetzt dran. Denn das ist auch kulturgeschichtlich in der großen Entwicklungsrichtung.

Die interreligiös geweitete ökumenische Bewegung koordinierte Aufrufe von Leonardo Boff und anderen und bildete Erdcharta-Botschafter/innen aus. Einige Jahrzehnte später erblickten die „Peace for future“-Aktivist/innen das Licht der Welt, wiederum junge Menschen, die von einer ökumenisch-christlichen Initiative, nämlich Ralf Beckers „Sicherheit neu denken“, ausgebildet worden waren. Wir brauchen jetzt das Zusammenschnüren all dieser Aufbrüche zu einem Gesamtprogramm. So wie Kairos Europa immer eine neue Zivilisation gefordert und gefördert hat, die ökonomisch, ökologisch und kulturell-spirituell aufbauend unterwegs ist. Die „old player“ – GEW, DFGVK, Stadtschüler/innenräte, pax christi – sind mit den „new playern“ der neuen kulturellen Bewegungen, der „Together for future“-Familie, den „scientist und christian rebellions“ zu vernetzen. Nur so kann ein Umdenken breit und tief Raum greifen und mehrheitsfähig werden.

Es braucht jetzt Weitblick, Vorausblick, Scharfblick, Einblick und feinfühliges Mehrebenendenken. Und dazu die Nutzung neuer interkulturell validierter Kulturtechniken wie „art of hosting“, „interbeing“, „emergent dialogues“ sowie weitgreifender global bereits im „pocket project“ Traumaheilungsbewegungen.

BL: Demgegenüber steht die notwendige Weitung im Geist, nicht wahr?

Sch.: Auch auf einer individuellen Ebene muss gearbeitet werden. Hier gilt: Alles, was wir in Bewegung bringen, kann sich transformieren. Was wir festhalten, bleibt fest und macht fest. Im Denken, im Fühlen. In den denkbaren, fühlbaren Perspektiven. Erlauben wir dem Stress, den die Kriegssituationen und der Verlust an Anstand in uns auslösen, durch uns hindurchzufließen. Es darf uns bewegen. Die Aufrechten schüttelt er eh bereits von innen durch. Kannst du das erlauben? Lass diesen Stress zu als ein Schütteln von innen. Nutze ihn. Geh ihm nicht aus dem Weg, bleib dran! Und schüttle dich mal so in diesen Stress rein, bis es anfängt, dir Spaß zu machen. Öffne dich körperlich für das Erleben von Stress, von Angst, von Sorgen. Fall nicht aus dir selbst raus. Die Welt darf dich sehen. Du verlierst keine Energie. Und du bleibst dieses strömende, pulsierende Körper-Tier. Alles an dir ist wichtig, lebendig. Bleib da, bleib präsent. Solange du etwas spürst, ist das eine gute Nachricht. Was wir wirklich zu fürchten haben, ist die Hölle des Nicht-Spürens. Weil wir nicht mehr spüren, dass wir nicht spüren. Ilan Stephanie spurt hier die Wege für neue kulturelle Substanzbildung.

Wenn wir das alles nicht tun und uns verkriechen, uns in Ideologien oder Fundamentalismus oder Selbsthass einbuddeln, kostet uns dies Kraft, Lebensfreude und mit ihr „soziale Fantasie“, wie Oskar Negt nie müde wurde zu betonen. Auf diese Weise einen „gamechanger“ einzubauen, damit wir interkulturell beziehungsfähig und beweglich werden, das wird möglicherweise unerlässlich werden in diesen Vor-Kollaps-Situationen, die, sich verstärkend, auf vielerlei Ebenen abgleiten. Geist und Wahrheit kommen selten wie von Zauberhand. Der Mensch muss sich darauf vorbereiten, damit er sie empfangen und kultivieren kann. Körperarbeit und Traumaheilung verbinden wirklich. Das bedeutet, er muss zu einer Einstellung finden in der Art: Die Herausforderungen meines Lebens machen mich energetischer, geben so Kraft, statt sie zu rauben.

BL: Welches Friedenspotenzial billigst du jungen Leuten zu? In Sachen Ökologie haben sie in den letzten Jahren die Politik ja schon mal ordentlich aufgemischt.

Sch.: Das Friedenspotenzial junger Leute müssen die jungen Leute selbst in sich freilegen. „Peace for future“ ist von der mittleren Generation aus „Sicherheit neu denken“ ausgebildet worden, steht aber jetzt zunehmend vor eigenen Projekten und arbeitet auch methodisch auf ganz eigenen Füßen. So könnte die Weitergabe von Know-how, Haltungen und Kenntnissen funktionieren. Inklusive des Loslassens und Freilassens der Jüngeren, wenn sie so weit sind. Aber sie müssen unbedingt den Kontakt und Austausch zwischen den Generationen halten.

Und ja, die Fridays haben unendlich viel bewirkt, vordergründig und hintergründig. Aus ihnen ist die „Together for future“-Familie hervorgegangen, mit allein über 20.000 Scientists for Future. Einen Moment lang schienen wir in der CO2-Frage als Gesamtgesellschaft einigermaßen gleichauf mit der drastischen Notwendigkeit schnellen und systematischen Umsteuerns zu kommen. Das alles ist Hoffnung erweckend, dass es gehen kann, mit globalem Horizont und Ausläufern weltweit. Unfassbare Massenmobilisierungen für die richtige Sache sind möglich. Es bleibt ja wahr: Auch der Frieden braucht junge Protagonist/innen, jugendgemäße Mobilisierungen. Sein Themenfeld ist freilich weniger sexy – und, was die Shell-Studien verraten, auch weniger greifbar. Doch das kann sich ändern, wenn noch klarer wird, was auf dem Spiel steht – und wenn die Pionierleistungen der letzten Wochen zügig wahr- und aufgenommen, verstärkt und multipliziert werden.

BL: Wie schätzt du die Initiative „Criminalize War“ des ehemaligen malaysischen Ministerpräsidenten Mahathir bin Mohamad ein? Den Gedanken, dass Mord grundsätzlich eine abscheuliche Handlung darstellt, haben alle großen Religionen gemeinsam – auch wenn gerne mal, nicht nur im Christentum, Ausnahmen zugelassen werden. Könnten nicht Christen sich auf dieser Basis für den Frieden engagieren – ganz unabhängig von Konfession oder obrigkeitlichen Vorgaben?

Sch.: Alles, was den geistigen Raum öffnet und materiell-spirituelle Doppelstrategien hervorgehen lässt, muss, so gut es geht, genutzt werden. Daran wird kein Weg vorbeigehen. Wer immer solche Ansätze erkennt, möge sie ausbuchstabieren und mithelfen, sie groß zu machen.

BL: Bei allem, was du sagst, schwingt – gefühlt – Hoffnung mit. Richtig? Aber vielleicht braucht es ja noch mehr als „Hoffnung“?

Sch.: Menschen sind nicht nennenswert glücklich und ausbalanciert, wenn sie genügend von allem haben und sich mit Unwesentlichem abschießen. Menschliches Sich-lebendig-Fühlen, frei und stark, individuell und kollektiv auf ein paar Lösungen kommen, hängt von ganz anderen Dingen ab: ein spürendes, pulsierendes Nervensystem, das sich entlang seiner Sinne und seines Körpers orientieren darf. Dann entfaltet sich das Gefühlsleben gesund, ohne Drama, ohne Kollaps … Wellen von Durchflutet-Werden, das Kraft gibt. Im wirklichen Sinne intelligent sein, geht über das hinaus, was nur still sitzt und im Kopf klug wird. Wirkliches menschliches Potenzial schaltet sich nur frei, wenn Menschen körperlich sind, ihre Grenzen kennen. Unkörperlichkeit drückt auf alle Lebensbereiche die Bremse. „Wenn wir wieder wahrnehmen“, hat uns Heike Pourian ins Stammbuch geschrieben …

Unser Potenzial zu öffnen, hängt nicht nur von Selbstbildern, Glaubenssätzen, Überzeugungen aus Kindheit oder Traumata ab. Die Ebene, die das Ganze zementiert oder eben verändern kann, ist und bleibt der Körper. Früh schon erkannte der Soziologe Vester, wie die sozialen Schichten im gesellschaftlichen Strukturwandel auf Welt und Weltveränderung eingestellt sind, nämlich zu 60 Prozent apathisch und passiv-aggressiv. Auch Hartmut Rosa erkannte 20 Jahre später die Bedeutsamkeit ablehnender Muster von Weltbegegnung. Wenn wir da nicht herauskommen, kommen wir nicht auf Friedensperspektiven – und erreichen sie erst recht nicht gesellschaftlich. Mittlerweile wissen wir: In Aufrichtung, offener Atmung und Freiheit der Gelenke (als seien wir kostbar, lebendig, liebenswert!), wird mit viermal größerer Wucht vom Körpergehirn zum Kopfgehirn gefunkt als umgekehrt: Wir sind ekstatisch, lebensvoll etc. Es geht also darum, Bewegungsmuster, Körpermuster umzustülpen, damit sie etwas anderes glauben als an die eigene Wertlosigkeit. Kollaps, das heißt, die Arme sind schlapp und leer und meine Beine spüre ich gar nicht mehr so richtig. Der Kollaps der Körper geht dem Kollaps des Geistes und der Kriegsangst voraus.

Geh in die älteste Sprache der Welt: das Vibrieren. Wenn uns das gelingt, dann werden wir das auch glauben. Und fast wie von allein Friedenspotenziale heben. Der neue Weg in die Verkörperung ist nicht gebahnt, oft vernachlässigt. „Die Menschen können es der Wahrheit nicht verzeihen, dass sie so einfach ist“, wusste noch Meister Johann Wolfgang Goethe. Jede Zelle unseres Körpers ist intelligent. Auch wenn das Vibrieren zunächst Angstsignale in unserem bisherigen Wahrnehmungssystem auslöst. Die Welle im Nervensystem wird sich aufbauen und wieder kleiner werden – wie eine Welle sich eben aufbaut. Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben mehr oder weniger im Kollaps: „Mein Leben ist mir zu viel. Ich bin erschöpft. Ich kann nicht mehr.“ Den Kollaps zu spüren und aufzulösen, ist aber eine Goldgrube, weil in diesem Zustand Energien gespeichert und Gefühle zurückgehalten sind. Das Spüren ist die Basis für ein gesundes Spüren. Ausatmen, Parasympaticus: Jetzt kann sich etwas integrieren. Also: Her mit den Triggern!

BL: Von Bonhoeffer und Heribert Prantls neuem Buch „Den Frieden gewinnen“ nimmst du den wichtigen Satz „Frieden sei ein Wagnis“. Ist es erforderlich, dem Wagnis des Friedens das Wagnis des Krieges gegenüberzustellen?

Sch.: Ich bleibe überzeugt davon: Dass die Fundamente der Welt anders aufgestellt werden, ist nötig und möglich. In Zeiten voller Unsicherheit, Selbstrückzug und Energieverlust brauchen wir mehr denn je Klarheit und Orientierung. Das aber entsteht nicht allein im Kopf. Orientierung wächst wieder, wenn wir uns verbinden, aber womit? Wo sind wir abgeschnitten von uns selbst, wo nur noch eine leere Hülle, eine trügerische Art von Stille und Isolation? Also womit? Mit uns selbst, mit unserem inneren Kompass, mit dem Größeren, das uns trägt. Es geht um den Moment, in dem dein Nervensystem neu lernt. Bleib dabei! Die Intensität verbrennt das Alte und bringt dich neu auf die Welt! Überall bricht das Niedergehaltene auf! Flügelschläge in die richtige Richtung. Die Themen lösen sich nicht, wenn wir wohltemperiert isoliert bleiben. Ohne kulturellen Tiefenwandel keine Friedenspotenziale.

Also spür einen Moment hinein in die Kostbarkeit deines Herzens. Etwas in deinen Zellen ist immer intakt geblieben. Dein Leben ist von großem Wert. Dich selber abzulehnen, ist pure Zeitverschwendung. Damit hören wir jetzt gemeinsam auf. Und unterstützen uns dabei. Mit Seelsorge und Körpersorge zur wechselseitig geteilten Wirklichkeitswahrnehmung. Das ermöglicht Friedenstüchtigkeit. Über die Füße geben wir diesen Rhythmus des Friedens in die Welt, tragend mit uns selbst und mit denen, die so komplett anders geworden sind als wir; das Menschsein ist uns allen gemeinsam. Der Raum nach vorne ist groß und leuchtend, und er ist offen. Aber er wird nicht gegeneinander zu gewinnen sein, mit brachial gespaltenen Öffentlichkeiten in Ost und West schon gar nicht, die nichts aber auch gar nichts mehr miteinander zu tun haben und auf krasse Kriegstüchtigkeit getrimmt werden auf beiden Seiten des neuen eisernen Vorhangs – und im Ausagieren von Vernichtungsfantasien im Nahen Osten auch nicht.

Besinnen wir uns auf unsere ganze, wiedergewonnene Würde, den Tortenboden der wechselseitigen echten Wahrnehmung, die Demut vor dem eigenen und dem fremden Herzen, die Selbst- und Fremdliebe, die entparadoxierende Feindesliebe, die Frechheit, uns selbst zu trauen: dem, was wir tief in uns fühlen, erfahren haben und spürbar halten müssen.

Das Gespräch führte Bobby Langer von der Internetplattform Ökoligenta.de