Seit ich weiß, dass es Prostitution gibt, frage ich mich, weshalb es so anrüchtig ist, einen winzigen Teil seines Körpers zu verkaufen, aber völlig akzeptabel, dass man seinen Körper oder Geist vollständig verkauft. Wir alle, die wir als Arbeiter, Angestellte, Beamte oder Selbständige arbeiten, verkaufen uns, und meistens sogar unter Wert.

Wir prostituieren uns

Letzteres ist ein eigenes Thema, das im linken Spektrum rauf und runter diskutiert wurde und wird. Worum es mir hier geht, ist die Tatsache, dass wir uns ganz unhinterfragt, ganz selbstverständlich verkaufen; so dass uns die eigene Verkäuflichkeit so normal vorkommt wie die Jahreszeiten. Doch indem wir uns verkaufen, verbrüdern uns mit den Käufern, begeben uns auf die gleiche Ebene mit ihnen und streiten nur darum, ob wir mehr oder weniger wert sind. Mit anderen Worten: Wir prostituieren uns in einer Tour. Und wir bringen unseren Söhnen und Töchtern von klein auf bei, wie sie am besten zu Huren des Systems werden können.

Wir vergiften uns

„Nun gut“, mögen Sie einwenden, „so ist es eben. Da kann man nichts ändern.“ Aber bevor Sie achselzuckend zum nächsten Thema zappen, bitte ich um kurze Bedenkzeit. Es ist nämlich so, dass wir uns mit dieser vollumfänglichen Akzeptanz unserer Verkäuflichkeit an Seele und Geist vergiften. Wie können wir noch respektvoll in den Spiegel schauen, wenn wir uns für eine Ware halten, wenn wir tatsächlich Ware sind? Bitte bedenken Sie: Es gibt teurere Waren als uns, die wir uns glücklich schätzen, wenn wir im Jahr 50.000 Euro versteuern dürfen. Wie können wir noch respektvoll in den Spiegel schauen, wenn wir unsere besten Fähigkeiten wie Mitgefühl, Gesprächskompetenz, geistige Flexibilität und Kreativität nur noch als „soft skills“ betrachten, mit denen wir unseren Marktwert auf dem Kapitalisten-Strich erhöhen?

The Stone Heart Disease

Doch damit nicht genug, obwohl das schon durchaus reichen würde. Wie können wir als derart Vergiftete noch im tiefsten Sinn human sein? Denn wir sind ja von der Steinernen-Herz-Krankheit befallen, wie das eben für Objekte typisch ist. Ob nun vor uns auf dem Gehsteig jemand zusammenbricht, gerade mal wieder irgendwo ein paar hundert Kinder verrecken oder ein paar tausend Hektar Regenwald vor die Hunde gehen – was juckt es uns letztlich?!

Zu unserem großen Leidwesen sind die Menschen um uns so kalt wie wir. Dabei sehnen wir uns nach der Wärme und Menschlichkeit, die wir anderen nicht schenken können. Doch aufgemerkt: Auch die anderen sind SeelenverkäuferInnen, alles Tauschobjekte wie wir. Kein Wunder also, dass unser Kontakt zueinander meist oberflächlich bleibt, oft gar nicht zustande kommt. Miteinander warm werden können eben nur Menschen und nicht Waren.

Es gibt Gegengift

Habe ich zu sehr pauschalisiert? Gibt es nicht doch Ausnahmen? Aber gewiss. Ich hoffe inständig von Ihnen und mir, wenigstens zum Teil eine Ausnahme zu sein. Und dass wir daran arbeiten, es immer mehr zu werden. Und doch spüre ich, wie dieses Gift des Warencharakters an vielen Stellen in mir schwärt und von allerlei Seiten in mich einträufelt. Ständig muss ich achtgeben, genügend Gegengifte vorrätig zu haben. Jeder Zweifel an meiner Wahrheit, jeder Augenblick echter Stille, jedes Lächeln, jedes ein gutes Wort, das ich jemandem schenke, oder eine Hand, die ich ihm reiche, wenn er mich braucht, ist so ein Gegengift, das mein steinernes Herz erweicht; ist Widerstand. Und ich räume an dieser Stelle unbedingt ein, dass meine Beschreibung des Problems zugespitzt und pauschalisiert war. Aber nicht, weil mir Grautöne unbekannt wären, sondern weil niemand, den ich kenne, frei wäre von diesem kapitalistischen Zyankali. Ich habe mich um starke Pinselstriche bemüht, damit das Gift erkennbar wird. In allen arbeitet es mindestens ein wenig und – das muss ich leider feststellen – in den meisten sehr stark.

⇒ Siehe auch den Beitrag von Neulandrebellen: „Ein weiterer Text, der wirklich nichts ändert“

[Bild von Arek Socha auf Pixabay]

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