Flasche statt Mama

Mutterliebe bzw. die Liebe und Zuwendung einer Bezugsperson stellt zweifellos eine Säule unserer Liebesfähigkeit dar. An die zweite „Säule“ denken wir nur selten. Nicht einmal in der Wandelbewegung.

Liebe auf dem Mutterplaneten

Wir werden also geboren. Neun Monate wurden unsere Sinne optimiert und unser Gehirn ist voller Erwartung auf die Fülle des Neuen, das ihm nach dem „Planeten Mutter“ seit Jahrtausenden auf dem „Planeten Erde“ geboten wird. Und da sind sie: die zärtlichen Stimmen meiner Mutter, meines Vaters, meiner Großmutter, meines Großvaters, meiner Verwandten, meines Stammes. Sie alle nehmen mich in den Arm, liebkosen mich, geben wir die erste Sicherheit, gut und richtig angekommen zu sein, nicht den Planeten verfehlt zu haben. Und in Augenblicken der Stille höre ich den Bach rauschen, den Wind in den Bäumen flüstern, das Kochgeschirr aus der Küche, den Atem meiner Mutter, die mich auf ihrem Rücken trägt, das aufgeregte Fiepen und Bellen der Hunde; Vögel zwitschern und Schmetterlinge und Sonnenstrahlen tanzen auf meiner Haut. Und immer wieder und wieder der Urquell meiner Lust: die Brust meiner Mutter.

Fachleute statt Liebe

Wir merken schon: An dieser Schilderung stimt etwas nicht. Das, was ich als das „zweite Eingebettetsein“ bezeichnen möchte, ist ausgetrocknet. Der einstige Fluss der Fülle ist zum Rinnsal geworden. Der vertraute Chor der Stimmen, die ich schon durch die Bauchdecke meiner Mutter gedämpft kennengelernt hatte, ist – bestenfalls – einem Duo gewichen, der mütterlichen und väterlichen Stimme. Vereinzelte Verwandte tauchen irgendwann einmal auf, die Stimmen der Natur unter „ferner liefen“. Stattdessen: die Stimmen von Hebamme, Krankenschwester, Arzt, die alle mit mir nichts, sondern nur mit meiner Entbindung zu tun haben. Die sterile Atmosphäre des Kreißsaales, die kalten Lampen, das befremdliche Summen von Maschinen. Kaltes Untersuchungsmetall auf meinere Haut. Und tief, ganz tief spüre ich die Ängste und Verwirrung meiner Mutter in dieser „falschen“ Umgebung. Wenn ich jetzt nicht die Brust bekomme, ist alles zu spät.
Aber es geht noch weiter. Was einst Spiel in Wäldern und Wiesen, Dschungel und Fluss, mit Tieren und Kameraden gewesen war, gemeinsame Arbeit im Stamm, erste Jagd- und Sammelerfahrungen in der Natur, Sonnenschein, Regen und Schnee, sind jetzt vier Zimmer, Spielzeug, Kinderwagen, Bobbycar, Auto, Fernseher, Urlaub, Kindergarten, Vorstadtrasen, Grundschule, das Mama-Taxi, das Handy. Und schließlich die Höhepunkte meines Kinderlebens: die Geburtstagspartys.

Wenig Hoffnung auf Vernunft

Ich behaupte einmal, damit ändert sich auch unser Sicherheitsgefühl. Ohne dieses zweite Eingebettetsein gäbe es da als zweifelhafte, weil schwer erreichbare, Alternative das moderne Eingebettetsein in die Vernunft. Die Alternativen dazu sind leider zahllos: Glaubenssysteme, Verschwörungstheorien, die Bildzeitung, die Soaps, die Freizeitindustrie, die Statussymbole, die Peergroup usw. Also: eine Sicherheit gebende Vernunft ist uns ähnlich fern wie die wilde Natur. Daran lässt sich wenig ändern, jedenfalls dann nicht, wenn noch nicht einmal die Einsicht dazu fehlt.
Und das Ergebnis? Ohne dieses zweite oder auch Große Eingebettetsein brauchen wir umso mehr Ersatz, Konsum allem voran. Und konsumieren lässt sich so gut wie alles: auch Urlaub, auch Sex, auch Menschen, auch Religion. Und weil das meist immer noch nicht genügt, müssen wir uns festklammern: an unseren Kindern, an unseren Partnern, an unseren Glaubenssätzen. Voila: der moderne, Mensch. Und die Liebe?

Links:
Warum wird uns die Natur immer fremder?
Kinder, raus in die Natur!