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Ein Interviewbuch gewährt persönliche Einsichten in innere Verarbeitungs­prozesse von Papst Franziskus. Peter Schönhöffers Rezension des gleichnamigen Buches von Papst Franziskus

Wut ist die Frequenz, durch die wir am zuverlässigsten wissen: So bin ich gedacht! Und wenn Sie beim Lesen eines Buches – noch dazu das eines Papstes – so gar keinen Anflug von Wut kommen spüren? Dann ahnen Sie: Da muss etwas Außergewöhnliches unterwegs sein.

Denn eine Hauptbotschaft des zu Zeiten des Lockdowns 2020 auf nimmermüdes Betreiben eines schottischen Journalisten und Kirchengeschichtlers, der schon zwei weitere Bücher zu dem argen­tinischen Papst vorgelegt hat, entstandenen Bandes lautet: Das sich zu eigen machen und freigiebig verströmen des Elementaren im Glauben geschieht entweder mühelos und mit einer gewissen Leichtigkeit – oder es verpufft, weil es eben nicht wirklich durchdringend erfolgt, mit halber Kraft, mit zu wenig Durchsäuerungsambitionen und Freude. So wie die Fülle des Universums in uns einströmt, unseren Atem bildet und uns die Möglichkeit zu innerer Raumbildung und einem Leben im Rhythmus des eigenen Herzens gibt, um ganz bei uns selbst anzukommen. Wenn etwas von diesem zärtlichen Gott Jesu Christi, der dem Papst vom Ende der Welt so nah vor Augen ist, einfließt und uns zum Strahlen bringt, werden wir wie von selbst immer offener und empfänglicher werden. Unsere Kanäle reinigen sich und wie durch Geisteskraft strömt es zurück vom Innen ins Außen der geschundenen Welt. Diese natürlich angelegten, aber in unserem kulturell-zivilisatorischen Zustand so nachhaltig zurück­gebildeten Regungen der Seele zurückzugewinnen liegt an, wenn wir uns am Beispiel von Papst Franziskus ein Vorbild nehmen wollen beim Kampf um die erneuerungsbereite Rückgewinnung so vieler Menschenfischer, so vieler Arten, so vieler Gemütszustände, so vieler Querverbindungen.

Das zentrale Geschehen, auf das es dabei ankommt, ist vergleichbar mit einer Blume, die ihren Duft verströmt; erst einmal ganz gleichgültig davon, ob jemand sich dafür interessiert, dies für eigene Zwecke instrumentalisiert oder sie für einen Augenblick für sich alleine duftet. Beim strömungsvollen  Lesen der 190 Interviewseiten erreicht die aufmerksame Hörerin des Wortes immer wieder eine Einladung, umsonst und in Leichtigkeit auf eine mystische Weise einszuwerden mit der allum­fassenden Liebe Gottes, die uns in so vielen Weisen entgegenkommt: Ohne sie aber ist all unser Tun und Lassen nichts. Welche stillbewegte Ekstase, welch bevorstehender Ausbruch eines kosmische Weiten durchmessenden Energiestoßes für Gerechtigkeit und Frieden in einer noch halbwegs integren Schöpfung.

Eine Spur nüchterner gesprochen: Das Buch ist gedacht als Krisenintervention. (WT 70, 127) Und multiple Krisen haben wir nach wie vor nur allzu viele um uns und in uns, wie der Weltkirchenrat auch in den letzten Jahren nicht müde geworden ist, unbequem ins Gedächtnis zu rufen – welche die die deutsche Kirchenwirklichkeit sich allerdings zunehmend selbst noch verschärft hat. So dass nicht wenige schon taub, körperlich oder seelisch missbraucht oder traumatisiert geworden sind, andere mit Helfersyndrom, Harmoniesucht oder Verschwörungs­erzählungen unterwegs sind; jedenfalls abseits von der ebenso treffsicher berufenden wie fordernden und zärtlich nachgehenden Liebe des Vaters, auf die hier so nachdrücklich eingeschworen wird. „In einer Krise wie der Samariter zu handeln bedeutet, sich von dem, was ich sehe, berühren zu lassen, wissen, dass (erst, P.S.) das Leiden mich verändern wird… Wir Christen nennen das, das Kreuz aufnehmen und annehmen. Das Kreuz anzunehmen in der Zuversicht, dass das Kommende neues Leben sein wird, gibt uns den Mut, das Wehklagen und den Blick zurück aufzugeben. So können wir aufbrechen, anderen dienen und so Veränderung geschehen lassen, die nur durch Mitgefühl und Dienst am Menschen entstehen kann.“ (WT, 10; ähnlich WT 61) „Die Krise deckt unsere Verwund­barkeit auf, sie legt die falschen Sicher­heiten bloß, auf denen wir unser Leben aufgebaut haben.“ (WT 40f.) Damit ist der Grundton gesetzt.

Und der muss immerhin hindurchtragen durch so manche tief reichenden Abgründe und weitgehend einsozialisierten Abstumpfungen. „Die wachsende verbale Gewalt reflektiert die Fragilität des Selbst, einen Verlust der Wurzeln. Sicherheit wird gefun­den in der Abwertung anderer durch Narrative, die uns das Gefühl der Rechtschaffenheit geben und uns Gründe liefern, andere zum Schweigen zu bringen“ (WT 100). Fortan werden Bruchstück­haftig­keit und Gnade umkreist, zuweilen beinahe meditiert und beim Verfassen der Gedanken ge­knetet und dabei nimmermüde neu intoniert inmitten von kaum mehr vermeidbar ausstehenden gewal­tigen sozialen Explosionen (WT 61-64), dem Fehlen ehrlichen Dialogs in unserer öffentlichen Kultur und einer darauffolgenden Lähmung durch Pola­risierung (WT 100f), der nötigen Kritik gegen­über den herrschenden Medienkulturen (WT 33f), Klerikalismus-Irrwegen (WT 37), Auf­lösungs­erschei­nungen im Volk Gottes (WT 126) und kulturellen Erschöpfungszuständen (WT 166). Hilfreich auf dem der­gestalt eingeschlagenen Weg wird vor allem seine ausgesprochen metaphern­reich, weis­heitlich und  volksnah vorgetragene, häufig biblisch unter­legte theologische Sicht auf den Menschen („Der Teufel lockt nicht mit Lügen. Oft funktioniert eine Halbwahrheit oder eine Wahrheit, die von ihrer spiri­tu­ellen Grundlage abgetrennt wurde, viel besser“ WT 96) und recht zu verstehende Inkultur­ations­bemühungen (WT 100), die stets beziehungs­reiche Anklänge an das in Europa bislang wenig ver­standene, jedoch beharrlich von ihm favorisierte latein­amerikanisch eingefärbte Projekt einer Humanökologie aufweisen. „Für eine echte Geschichte braucht es Erinnerung und das verlangt von uns, dass wir die gegangenen Wege anerkennen, auch wenn sie beschämend sind.“ (WT 41)

In Absetzung zur biblischen Jona-Gestalt gelte es dann jedoch nicht, mit dem Stacheldraht seiner Über­zeugungen einen Zaun um seine Seele zu errichten und die Welt damit in Gut und Böse zu unter­teilen; (ebd.) ebenso wenig als Katholiken mit abgeschotteten Geisteshaltungen unter dem Banner von Restauration oder Reform dahinzueilen, die aus seinem Blickwinkel beide nie Mangel daran haben, ihre schwache und sündige Kirche zu kritisieren, offenbar aber nur selten den realen dornenreichen Weg mit den nie ganz reinen Menschen, Bewusstseins­zuständen und Kirchenleuten gehen wollen (WT 91-96). Dabei käme es doch heute entscheidend auf die Haltung des Kümmerns und Aufrichtens mit ganzem Einsatz und ohne jegliche Anflüge von Heldentum, Purismus oder Selbstüberschätzung ein. Im wirklichen Leben – so wird konstatiert – sei Gnade genauso im Überfluss vorhanden wie Sünde und Versuchung. (WT 95) Es bestehe eine große Gefahr darin, sich an die Schuld anderer zu erinnern und dadurch die eigene Unschuld zu verkünden. (WT 42) Welch eine beseligend-freisetzende Kraft spricht aus solchen Hin­weisen! Indes seien wir dem allen gegenüber dann doch auch wieder eingeladen, herauszutreten und Teil von etwas Größerem zu werden, das wir indes niemals alleine werden schaffen können.

Worauf also zielt dies alles bzw. wo und wie sucht es sich zu bewähren?

Theologisch – und hierbei gut ignatianisch – geht es ihm darum, starres Denken zu überwinden (WT 87), um inmitten der Vielfach-Krisen wieder wach zu werden, stets die größere Ehre Gottes zu suchen bzw. in den Mittelpunkt kirchlichen Handelns und menschlichen Suchens zu rücken. Hans Waldenfels und Magdalena Holztrattner haben früh darauf aufmerksam gemacht, dass Papst Franzis­kus die Überzeugung vorantreibe, dass eine Religion ohne Mystiker und ohne Nähe zu den Armen zu einer Philosophie werde, echtes mystisches Dasein aber damit beginne, sich als Sünder zu erkennen, den der Herr angeschaut habe. Ein Gebet, das nicht zur konkreten Aktion zugunsten des armen, kranken und hilfs­bedürftigen Bruders/Schwester führe, der/die in Schwierigkeiten ist, bleibe steril und unvoll­ständig.[2] „Das Über­fließen der göttlichen Liebe geschieht vor allen an den Scheidewegen des Lebens, den Momenten der Offenheit, der Schwäche und Demut, wenn der Ozean seiner Liebe die Dämme unserer Selbstgenügsamkeit sprengt und so eine neue Vorstellung des Möglichen erlaubt.“ (WT 106). „Indem Jesus sich mit Zöllnern und Frauen mit schlechtem Ruf umgab, entriss er die Reli­gion der Gefangenschaft in den Begrenzungen der Elite, des Spezialwissens und der privilegierten Fa­mi­lien, um jeden Menschen und jede Situation gottesfähig zu machen.“ (WT 158) Ganz in diesem Sinn werden Exerzitien als geistlich fruchtbare Rückzugsorte vor der Tyrannei des Dringlichen em­pfohlen. (WT 69) Ein besonderer Akzent wird auf den geistlichen Prozess des ökologischen Erwach­ens gelegt, zu dem die Schriften des ökumenischen Patriarchen Bartholomaios besonders hilfreich seien. „So ist mein ökologisches Bewusstsein entstanden. Ich sah, dass es von Gott kam, denn es war eine spiri­tuelle Erfahrung, sowie der hlg. Ignatius als Tropfen auf einen Schwamm beschreibt: sanft, still, aber eindringlich.“ (WT 45) Im Weiteren gilt: Ohne den heiligen Geist, die Praxis kirchlicher Syno­­dalität und weltlicher Mediation in Freimut und Wirklichkeitsverwandlung sowie das Hören darauf, wie Gott durch die Nichtgläubigen Zeichen und Wunder tue, werde nichts vorangehen. (WT 107ff)

In die Kirche hinein gesprochen steht an: „Genau hier wurde die Kirche geboren, an den Rändern des Kreuzes, wo so viele Gekreuzigte zu finden sind. Wenn die Kirche die Armen verleugnet, hört sie auf, die Kirche Jesu zu sein; sie fällt zurück in die alte Versuchung, eine moralische oder intellektuelle Elite zu werden. Es gibt nur ein Wort für die Kirche, die den Armen fremd wird: ‚Skandal‘. Der Weg an die geographischen und existenziellen Ränder ist der Weg der Menschwerdung: Gott wählte die Peripherie als den Ort, um in Jesus sein Heilshandeln in der Geschichte zu offenbaren.“ (WT 154) Und mit dem Blick von dort aus ist zu erkennen, dass Volksbewegungen als die wahren Sozialpoeten unserer Zeit mit dem Geist Gottes zu begleiten und zu inspirieren seien. (WT 154-160) „Jedes dieser Völker erfährt die Gaben Gottes ent­sprechend seiner eigenen Kultur, und in jedem von ihnen drückt die Kirche ihre wahre Katholizität aus, die Schönheit ihrer vielen verschiedenen Gesichter. (WT 108)

In die vorwiegend in falsch verstandenem Ökonomismus verwaltete und als götzendienerisches Wirtschaftssystem beherrschte Welt hinein den kirchlichen Sendungsauftrag zu verkörpern, bedeute dann immer auch die offene Bereitschaft zu „denuncio“ und „annuncio“, ignatianisch gesprochen die Unterscheidung der Geister: „Der Laissez-faire- und marktzentrierte Ansatz verwechselt Zweck und Mittel … Am Ende können wir in den Irrglauben verfallen, dass alles, was für den Markt gut ist, auch für die Gesellschaft gut ist.“ (WT 140) Sich selbst überlassene Märkte neigten dazu, das Kapital zu einem Idol zu machen, aus dessen Versklavung kaum noch ein Weg herausführe, wenn die Armen erst einmal ausgeschlossen, Steuerparadiese und Offshore-Standorte geschaffen, der Planet ge­fährdet, Gewinne der Aktionäre auf Kosten der Kunden etabliert und die Menschen in eine heillose Konkurrenz aller gegen alle gesetzt seien. (WT 141f)

„Könnte es sein, dass es in dieser Krise die Perspektive der Frauen ist, die die Welt in dieser Zeit braucht, um sich den kommenden Herausforderungen zu stellen? … Ich denke da vor allem an Wirt­schafts­wissenschaftlerinnen, deren frisches Denken besonders relevant in dieser Krise ist. (Es geht ihnen um, P.S.) eine Wirtschaft, die nicht nur auf Wohlstand und Profit aus ist, sondern die fragt, wie die Wirtschaft so gestaltet werden kann, dass sie Menschen hilft, an der Gesellschaft teilzuhaben und zu gedeihen. Ihr Aufruf zu einer grundsätzlichen Revision der Modelle, die wir nutzen, um die Wirtschaft zu organisieren, erhält derzeit viel Aufmerksamkeit… Dabei will ich sie nicht alle über denselben Kamm scheren, nur weil sie alle Frauen sind… Mariana Mazzucatos Buch „Wie kommt der Wert in die Welt hat mich sehr beeindruckt…. Oder ich denke an Kate Raworth.. die von der Donut-Ökonomie spricht: wie eine distributive, regenerative Wirtschaft geschaffen werden kann…“ (WT 84f)

Für sehr viele unter uns aber gibt es gerade heute noch einmal viel zu lernen von seinem grund­legenden, von seinem theologischen Lehrer Juan Luis Scannone stammenden Unterton einer „Theo­logie des Volkes“: „Die Kirche erleuchtet mit dem Licht des Evangeliums und erweckt die Völker zu ihrer eigenen Würde, aber es ist das Volk, das den Instinkt dafür hat, sich selbst zu organisieren.“ (WT 155). „Zu oft haben wir die Gesellschaft als eine Untergruppe der Wirtschaft und die Demokratie als eine Funktion des Marktes verstanden… in die Richtung anderer Arten von Werten, die uns alle retten: Gemeinschaft, Natur und sinnvolle Arbeit… In ähnlicher Weise brauchen wir eine Vision von Politik, die… zu einer Kultivierung von Tugend und zu Formen neuer Bindungen fähig ist… das meint Politiker mit einem weiteren Horizont, die dem Volk neue Wege eröffnen können, sich zu organisieren und auszudrücken. Es meint Politiker, die dem Volk dienen, anstatt sich seiner zu bedienen.“ (WT 143f, ähnlich WT 156)) – da wären wir wieder ganz nahe an einem ganz besonders beharrlichen Stachel des Meisters aus Nazareth angekommen. (Mk 10,43)

Lic. Theol. Peter Schönhöffer M.A.

[1]  Papst Franziskus, Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise. Im Gespräch mit Austen Ivereigh, Kösel Verlag, ISBN 978-3-466-37272-0
[2] Hans Waldenfels, Sein Name ist Franziskus. Der Papst der Armen, Paderborn 2014, 38-44. Magdalena Holz­trattner, Man muss den Spieß umdrehen. Franziskus stellt die Armen in die Mitte, in: dies: (Hg.), Innovation Armut. Wohin führt Papst Franziskus die Kirche? 2013, 63-72.

Rezension von Lic. Theol. Peter Schönhöffer M.A. (Ingelheim)

Ein waschechter Narzisst, der erfolgsverwöhnt und doch leidenschaftlich-umtriebig aus der Perspek­tive eines kritischen Hedonismus schreibt… so gar nichts für mich an und für sich. Und doch sei die Lektüre, die sich wie in einem Sog lesen lässt, tatsächlich für Herz und Verstand, Eros und Logos empfohlen. Hier meldet sich eine fein ausbalancierte Stimme, hinter der im wahrsten Sinne des Wortes ein mit vielen post­modernen Wassern gewaschener Lebenscoach zu erspüren ist – und der – wenn man sich am narziss­tischen Stallgeruch nicht stört, eine Menge zu sagen hat, was viele tiefreichend angeht.

Wir stehen wohl gesellschaftsgeschichtlich gesehen tatsächlich an einem Punkt, den Heike Pourian von „sensing the change“ nüchtern so bezeichnet: „Lange konnten wir den Schmerz nicht erkennen, den wir mit unserer Zivilisation verursacht haben. Nun beginnen wir, das wahrnehmen zu können.“ Wenn dem so sein sollte, dann ist dieses Buch indes wie eine immerfort Nachdenkenswertes hervorsprudelnde Quelle auf dem Weg dorthin. Es schaut sich den Zusammenhang von Depression und fehlender Sakralität an, geht (ganz der Hedonist!) auf eine „postreligiöse Spiritualität“ zu, entwickelt einige in der Tat beeindruckende Facetten davon, lädt das „Schwert der Klarheit ein“, bleibt nicht bei Halbheiten stehen und ruft voller Glauben an deren Veränderungsfähigkeit alle aktiven Männer und Frauen als ekstatische Wesen, die sie sind, in einer geradezu mitreißenden Weise dazu auf, nicht länger weit unter ihren Potenzialitäten zu verbleiben; selbst wenn das 10.000 Jahre aus uns lastende Patriarchat noch tief in uns sitzt und seine Nachwirkungen uns nicht einfachhin freigeben werden.

Auf diesem Weg lockt er sogar achtungsvoll den Wert alter Traditionen in neuem Gewand hervor und nimmt sich neben einer zuweilen tiefreichenden Kritik an zu kurz greifendem Feminismus und Konflikten aus dem Weg gehender psychospiritueller Szene auch die Zeit, auf eine sensible Weise, taugliche männliche Vorbilder zu zeichnen, die „nicht im Vorgarten der neuen Heiligtümer sitzen bleiben“ werden. So enthält das in kürzester Zeit bereits in dritter Auflage erscheinende Werk eine wertvolle Fülle an sehr lebens­praktisch evoziertem „Zukunftswissen“, immer wieder herausfordernd-zupackende rhetorisch ange­schärfte Passagen, eine kristallklare Sprache und einen spannungsvollen Erkenntnisweg. Selbst ohne in einem tie­feren Sinn wissenschaftlich fundiert daherzukommen, kann man ganz offensichtlich eine Menge aufregen­den Erkenntnis­gewinn gebären und Stoff zur weiteren Auseinandersetzung bieten, der an vielen Stellen ge­radezu weisheitliche Qualitäten erreicht und Leser, Leserin und LGBTQI+-community stets nicht so einfach davonkommen lässt.

Es ist mir bewusst, dass viele Menschen in meinem Umfeld eine Art Grundabneigung gegen alles haben, was aus Rom kommt (bis vor wenigen Jahren hätte ich mich dazugezählt). Bei denen möchte ich mich gleich entschuldigen für diese „spirituelle Belästigung“.
Unter dem Titel „Fratelli tutti – Geschwister sind wir alle“ hat Papst Franziskus am 4. Oktober 2020 eine Enzyklika veröffentlicht, in seiner Muttersprache Spanisch.
(Wer es nicht weiß: Mit Enzykliken richtet der Papst Lehrschreiben an die gesamte katholische Kirche weltweit.)

Und warum beschäftige ausgerechnet ich mich damit? Schließlich bin ich weder Katholik noch Christ. Weil ich das, was da steht, gedanklich für revolutionärer halte als vieles, was mir bisher über den Weg gelaufen ist. Leider besteht die Enzyklika aus 287 „Stücken“ bzw. rund 150 Seiten und ist damit für die meisten von uns nicht lesbar. Ein bekannter Theologe, Peter Schönhöffer, hat sich die Mühe gemacht, diese vielen Seiten zusammenzufassen, doch so „theologisch“, dass sich die dreizehneinhalb Seiten wieder nur für Insider eigneten. Ich habe seine Zusammenfassung (mit seiner Zustimmung) nochmals gekürzt und versucht, lesbar zu machen. Bobby
Hier geht’s lang …

Was hört sich harmloser an als das Wörtchen „Natur“? Das ist doch das, worin wir spazieren gehen, wonach wir uns sehnen, nachdem wir acht Stunden in den Bildschirm gestarrt oder unsere Lebenszeit anderweitig verkauft haben. Natur ist aber auch das, wo Kinder wieder zu sich kommen und Liebespaare eine eigenartige Innigkeit empfinden, die sie in den eigenen vier Wänden nicht so richtig anfliegt.

Um „Natur“ soll es hier also gehen. Bei anderen Begriffen ahnen wir sofort, dass eine nähere Beschäftigung mit ihnen heikel wird: „Mann“ zum Beispiel oder, noch gefährlicher, „Frau“. Noch ehe man sich gedanklich diesen Begriffen genähert hat, bricht schon die Gender-Debatte los. Also nichts wie weg und raus in die Natur.

Raus in die Natur – geht das?

Aha. Da haben wir – leider – gleich das Problem: „raus in die Natur“. Automatisch schwingt hier der Gedanke mit, wir selbst seien keine Natur; die sei eben „um uns“. Manche LeserInnen wird es bei dieser Vorstellung frösteln, die meisten aber noch nicht. An letztere wende ich mich eher denn an erstere.

Was bedeutet es, wenn ich mich nicht als Natur empfinde? Zur Verdeutlichung wähle ich ein anderes Beispiel: Wenn ich mich als Mann empfinde, dann bin ich keine Frau. Und wenn ich mich als Dackel empfinde, dann steht der Einweisung in die Psychiatrie nur mehr wenig im Weg. Also: Wenn ich mich nicht als Natur empfinde, dann bin ich auch keine. Aber was, bitteschön, bin ich dann? Die Antwort liegt nahe: Ich bin ein „Mensch“. Du, liebe Leserin, bist, wie ich, ein Mensch. Beide sind wir weder Lastkraftwagen noch Wellensittich. Wir sind Menschen. Aber keine Natur. Nach der sehnen wir uns, in der machen wir Picknick oder Liebe oder stellen unser Auto auf den Wanderparkplatz.

Bäume sind nicht von unserem Blut

Vielleicht findest du meine Fragestellung ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Du könntest entgegnen, Ausdrücke wie „raus in die Natur“ sage man eben so, sie seien aber nicht so gemeint. Nur stimmt das leider nicht. Richtig ist, dass wir solche Ausdrücke meist gedankenlos hersagen, sie „rutschen uns quasi raus“. Schon bewusster, vielleicht sogar stolz, sagen wir, dass wir die Natur schützen wollen oder müssen. Auch in diesem Fall ist die Natur „draußen“, jenseits von uns. Und wir wollen sie keineswegs in einem Gefühl existenzieller Notwendigkeit schützen, wie wir uns selbst vor Angriffen schützen würden, sondern wir möchten sie bewahren. Im einfachsten Falle tut uns ein Baum leid, der gefällt, oder eine Hecke, die abgeholzt werden soll. Als Regenwaldschützerinnen engagieren wir uns, weil wir verstanden haben, dass Regenwälder eine wichtige Funktion im Klimageschehen spielen. In beiden Fällen fühlen wir uns in der Regel in unseren Wurzeln nicht bedroht. Unsere Kinder würden wir mit weitaus größerer Vehemenz verteidigen als Bäume. Schließlich sind sie Blut von unserem Blut (was auch immer das bedeuten mag – aber das wäre ein anderes Thema), die Bäume sind nicht von unserem Blut, auch nicht die Versuchstiere oder die Hühner in ihren Käfigen. Wir können mit unvermindertem Vergnügen eine Bratwurst essen und gleichzeitig an das Schwein denken, das dafür sein Leben lassen musste. Und warum fällt uns das so leicht? Weil wir uns dem Schwein nicht nahe fühlen. Es gehört zu der Natur „da draußen“.

Ausbeutung – unser gutes Recht?

Aber war das nicht schon immer so? Nein, war es nicht. Ethnologen berichten von indigenen Völkern, die ihre Schuld, die sie bei Jagdzügen durch vielfaches Töten auf sich nahmen, durch Rituale neutralisieren wollten. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Sondern um die Tatsache, dass „Natur“ für uns „draußen“ sein muss, damit wir sie als Ressource betrachten können. So wie ein Berg vielleicht Silber enthält und es darauf ankommt, die Schürfrechte zu bekommen, damit man die Ressource Silber gewinnen kann, so sind uns Wälder Holzressourcen, die Äcker Weizen- oder Kartoffelressourcen, die Flüsse und Meere Fischressourcen und Haustiere Fleischressourcen. Die Natur kann und darf ausgebeutet werden. Dazu ist sie da, finden wir (meist). Die Ausbeutung, der Massenmord an Leben braucht uns nicht zu tangieren, wir gehören ja nicht dazu. Und selbst als Erholungsraum ist uns die Natur noch eine Ressource.

Doch indem wir uns nicht als Teil der Natur betrachten, die Natur nach außen verlagern, stellen wir ein uraltes, natürliches Machtverhältnis auf den Kopf. Solange wir nämlich Teil der Natur waren, waren wir ihr preisgegeben. Wir mussten uns nach ihren Rhythmen richten, mussten uns ihrem Willen und ihren Launen fügen. Sie war die Macht, die wir mit Gebeten und Ritualen gnädig zu stimmen versuchten – bis wir lernten, sie uns gefügig zu machen. Wir lenkten Flüsse um, verschoben Berge und verwandelten Büffel in Ochsen. All dies in der Meinung, wir seien kein Teil der Natur und seien deshalb dem Unheil, das wir in ihr anrichten, nicht ausgesetzt. Nein, Natur ist kein harmloser Begriff. Egal, ob wir ihn auf ausbeuterische oder romantische Art verwenden, nur selten entkommen wir dem essentiellen Irrtum, wir könnten über „die Natur“ nach Gutdünken verfügen, sie beherrschen; ein Irrtum, der uns in absehbarer Zeit vermutlich Jahrtausende kultureller Entwicklung kosten wird. Denn, so alt und banal der Vergleich ist, er stimmt: Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Der Bumerang der Entfremdung, den wir geworfen haben, kehrt mit Macht zurück.

We take resources from the commons (the earth, water, soil, air, life, plant and animal people), we build things with and from them and then sell them, making money with the money we make from selling what is not ours in the first place, destroy our and other lifeforms’ habitats while doing so in a ruleset of a deeply flawed capitalist system that directs the flow of privilege and status and individual property always to the ones that have more than enough, literally destroying life on the planet trans-forming it into virtual non-matter “money” on virtual non-matter “bank accounts”. Kaa Faensen (fraendi.org/2020/07/05/a-capacity-for-desirable-futures)

Foto: Alexas_Fotos auf Pixabay

Ach, was wir alles haben möchten. Die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Wahrheit, das Rechthaben, die Sicherheit, die Zuwendung, das Verzeihen, den Respekt, die Liebe … Geben wir das alles auch?

Nichts ist sicher. Wirklich nichts. Insbesondere jene Menschen, die das „panta rhei“ (alles fließt) gelegentlich effekthalber ins Gespräch streuen, hüten sich vor dieser Erkenntnis wie die Maus vor der Eule.

Sicher fühlt sich ein geliebtes Kind in den Armen seiner Eltern. Es weiß nichts von der Bedrohung, die seine Eltern erleben, nichts von Gewalt, Krankheit und Not. Schon diese kindliche Sicherheit ist eine Illusion, allerdings eine, die wir um alles in der Welt für unsere Kinder aufrechterhalten müssen. Sie ist die Grundlage ihrer inneren Sicherheit. Gelingt sie uns nicht, sind unsere Kinder verloren.

Das Gefühl der sicheren Aufgehobenseins wandelt sich in der Pubertät in das Gefühl, das auf einen zukommende Leben sicher in den Griff zu bekommen. Irgendwie. Diese nächste Illusion wird ergänzt um die Sicherheit, seine große Liebe gefunden zu haben. Auch sie wird sich abnützen wie Schmirgelpapier. So gut wie immer. Leider.

Als Erwachsener suchen wir Sicherheit in Strukturen, in Karriere und Partnerschaft, in Positionen, Funktionen sowie und politischen und weltanschaulichen Gewissheiten. Bis uns die letzte, die zuverlässige Sicherheit erkennbar wird: unser Sterben, das längst begonnen hat, unser Tod.

Erst wenn wir unsere Schönheit und Kraft, unsere Liebe und unsere Würde in die Opferschale legen und diesem dunklen Gott zu Füßen, werden wir in die Sicherheit finden, die wir von unserem ersten Atemzug an so sehr gesucht haben; die unwiederbringliche Sicherheit des Mutterleibs. Sollten wir also von Mutter Tod sprechen? Für mich ein faszinierender Gedanke. Eingehüllt in die Wolke des Nichtwissens davonzuschweben, von allen Sicherheiten entbunden, die ja jede für sich doch immer wechselhaften, endlichen Bedingungen unterliegen.

Ein glückliches Kind wagt sich in die Welt, weil es um seinen sicheren Zufluchtsort weiß. Erst, wenn wir endgültig abgenabelt sind und einen solchen Zufluchtsort in uns selbst erlebt und verortet haben, wagen wir uns in die wilde, freie Welt, in wilde, freie Gedanken und Ideen und wilde, freie Beziehungen. Erst dann brauchen wir keinen Deal mehr mit dem Leben, dann sind wir keine Lebensbank mehr, die von ihren Klienten Sicherheiten einfordert, sondern können frei geben und annehmen, verschenken und uns beschenken lassen. Dann werden wir zu Wassertropfen im ewigen Kreislauf des panta rhei, sind Individuum und Teil des nun nicht mehr bestimmbaren Ganzen. Dann, endlich, sind wir frei für einander.

Gerade jetzt trifft es uns doppelt: Lockdown + Hintanstellung entscheidender Maßnahmen gegen die Klimakrise. Wenn eine/n da der Blues erwischte, wäre das kein Wunder. Die Stadtwandler Freiburg haben dazu einen guten Artikel geschrieben, auf den ich hier gerne verweise:
“Bei einem Blick auf das Weltgeschehen kann man schon mal vom Weltschmerz überwältigt werden. Und was dann, im Homeoffice still ins Kissen weinen?! Vielleicht mal kurz, aber dann darf es weitergehen.”
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Von Raimar Ocken

Heimat ist der Ort, wo der Mensch seine Wurzel hat. Exil ist der Ort, wo ein Mensch neu wurzeln kann, ohne die Möglichkeit zu haben, in die alte Heimat zurückkehren zu können, selbstgewählt auf Grund der Persönlichkeitsentwicklung oder erzwungenermaßen, weil politisch oder kirchlich nicht (mehr) erwünscht.

Vor Jahren habe ich in einer Zeitung einen kleinen Artikel gelesen, in dem ging es darum, dass ein Amerikaner vor einem Gericht die Scheidung von der Frau, mit der er verheiratet war, erwirkt hat, weil das Gericht seiner Klage: „Du bist nicht wie meine Mutter“ entsprach. Er hat wohl in der Beziehung zu der Frau rückblickend das phantasierte Paradies auf Erden (seine Mutter) gesucht. Das kommt leider öfter vor. Denn die Mutter stellt die erste Heimat dar. In vielen Fällen leider in nicht erfüllender Form. So wird unter Umstände ein Leben lang darauf gehofft, dass die Sehnsucht doch noch eines Tages von ihr oder einer anderen Frau gestillt wird. Dies gilt nicht nur für hoffende und suchende Männer. Es kann sich auch derart zeigen, dass die Erfüllung der Sehnsucht bei einem Mann gesucht wird.

Auf Grund einer nicht sättigenden Mutter-Kind-Bindung ist der erwachsen werdende Mensch gezwungen, diesem Rauswurf aus dem Paradies sein Leben lang nachzutrauern. Findet keine Trauerarbeit statt, in der es um das Bewusstwerden der Schmerzursachen und um eine Heilung geht, so ist dem traumatisierten Suchenden auf seinem Lebensweg viel Mühsal und Leid beschieden. Hinter der Suche nach der idealen Mutter steht wohl der Wunsch nach der Wiedervereinigung mit dem göttlichen Ganzen.

Wer ins Exil gegangen ist, der hat die Aufgabe vor sich, in die neue Heimat einzutauchen und die alte dem Vergessen anheimzustellen. Denn keiner kann zwei Herren gleichzeitig dienen.

Der syrische Exilliterat Rafik Schami schreibt in seinem Buch „Ich wollte nur Geschichten erzählen“: „Die Sehnsucht nach der Ursprungsheimat behindert den Exilanten nicht nur daran, Wurzeln in der neuen Heimat zu schlagen, sondern sie minimalisiert seinen Genuss der Freiheit und anderer realen Schönheiten seines Lebens im Exil durch die Illusion einer Idylle der ursprünglichen Heimat, die ihm seine Sehnsucht vorgaukelt.“ (S. 75, Verlag Hans Schiller, Berlin/Tübingen und Hirnkost KG, Berlin, 2017).

 

Von Raimar Ocken

Meiner Vorstellung nach sind wir Menschen Teile eines großen Ganzen. Ich gehe davon aus, dass ich nicht alleine so denke. Es gibt etliche: Hoffende, Träumer und Aktivisten, die sich eine bessere, eine menschlich-friedlichere und liebevollere Zukunft wünschen. Visionen gibt es, wie auch Versuche und Ansätze, es besser zu machen als es allgemein üblich ist. Was kann entstehen, was wird entstehen?

Wenn wir davon ausgehen, dass die vorhandene Energie nicht mehr und nicht weniger wird, dann ist es sinnvoll bis notwendig, darauf zu achten, wo wir etwas wegnehmen oder hinzufügen. Denn ein Zuviel kann ebenso schaden wie ein Zuwenig. Wenn an einem Punkt Zufluss ist, ist an einem anderen Abfluss.

Wenn wir mehr Lebensfreude, Schönheit, Gesundheit und Friedlichkeit erzeugen, wo ist denn dann der Abfluss? Abfluss bedeutet in diesem Zusammenhang: Was sind wir bereit zu opfern (loszulassen), um unsere Ziele zu erreichen? Opfern bedeutet allerdings nicht, etwas zu schenken, was wir nicht mehr benötigen. Überschuss verteilen ist nicht opfern. Es geht um Beziehungen, Ideen, Gegenstände, Vermögen, die wir eigentlich noch gebrauchen (könnten).

Was sind wir bereit, zu geben?

„Wer gibt, dem wird gegeben werden.“ Ein scheinbar einfacher Spruch, eine Forderung wie gleichermaßen Weisheit aus dem neuen Testament. Kennt man. Abgehakt. Passend für arme Leute und Hungerleider, die nichts haben und drauf angewiesen sind, dass sie dem Schicksal eine Gabe abluchsen, bei der sie mehr bekommen als sie gegeben haben. Oder?

Kein Spruch jedenfalls für die moderne Gesellschaft. Stammt ja auch von einem vor 2000 Jahren hingerichteten Sprücheklopfer. Wer weiß, vielleicht ja sogar zu Recht! „Wer gibt, dem wird gegeben werden“ – als ob man das schon mal erlebt hätte! Sagen wir mal, du spendest für Misereor. Und was kriegst du zurück? Im besten Fall ein vollautomatisiertes Dankeschön. Und wenn du einem, der nichts hat, was schenkst, ein Stück Pizza, ein Kilo Äpfel oder ein Butterbrot, dann musst du vielleicht noch mit nem fiesen Spruch rechnen, mitten in der Fußgängerzone.

So weit die banale Einordnung des Spruchs, den wir alle kennen. Und den wir alle nicht wirklich ernst nehmen. Und so weit auch ein Missverständnis. Denn „Wer gibt, dem wird gegeben werden“ adressiert niemanden. Da ist nicht von einem, der braucht, die Rede, sondern von dem Akt des Gebens ohne Absicht. Von einer inneren Haltung vielleicht sogar. Da ist kein Bettler genannt, kein Hungernder, keine Kreatur in Not. „Wer gibt“ – reduzierter könnte man es nicht ausdrücken. Einer, der gibt, vollzieht einen Akt, dessen Gegenteil das Nehmen ist. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit geht es dabei gar nicht um materielle Werte, um Dinge, um kostbaren Besitz. Vielmehr ist der Gebende einer, der sich aktiv der Welt zuwendet, der eine Fülle zur Verfügung hat, einen inneren Reichtum, der ihm das Geben leicht macht. Der Gebende ist kein Bedürftiger. Man muss nichts haben, um jemandem – oder der Welt – ein Lächeln zu schenken oder eine helfende Hand. Oder eine Umarmung, Mitgefühl oder Trost. „Wer gibt, dem wird gegeben werden“ ist ein durch und durch antikapitalistischer Spruch. Ist ja auch alt genug dafür und entstand in einem ersten kapitalistischen Großreiche der Weltgeschichte.

Und nun kommt die große Frage: Was bist du für einer? Bist ein Gebender oder ein Nehmender? Wie begegnest du der Welt und deinen Mitmenschen? Den Tieren, der Mutter Erde? Und um es auf den Punkt zu bringen: Bist du ein Liebender? Lebst du in der Magie der Gabe? Das Schöne dabei: Falls nicht – Du kannst das in jeder Sekunde deines Lebens ändern.

Von Semra Mete

„Teilen ist heilen“ – intuitiv stimme ich der Bedeutung dieses Spruchs zu, doch mein kritischer Verstand möchte genauer wissen, wie das zu verstehen ist. Wann entstand bei mir in der Vergangenheit das Bedürfnis, etwas mit meinen Mitmenschen teilen zu wollen? Es war zumindest immer dann der Fall, wenn ich mit positiven Gefühlen so stark aufgeladen war, so dass es aus mir raus musste. Sei es eine neue Erkenntnis, sei es eine sehr bewegende Geschichte oder eine Nachricht. Auf jeden Fall etwas, was ich schön finde, was mich innerlich in Bewegung setzt, es weiterzugeben.

Metaphorisch kann ich es so beschreiben, dass „etwas“ in mir Wellen schlägt, sich in mir ausdehnt, ähnlich wie Wasserwellen durch mich hindurchgehen und so andere Menschen erreichen können. Also, basierend auf meiner eigenen Erfahrung komme ich zu der Erkenntnis, dass eine auf Liebe, Freude, Schönheit ausgerichtete, von Natur aus hochschwingende Information sich in uns, durch uns so sehr ausdehnt, dass wir das tiefe, starke Bedürfnis spüren, diese „Botschaft“ mit unseren Mitmenschen zu teilen … so im Sinne des Spruchs „Hundert Kerzen lassen sich an einer entzünden. Das Gute nimmt zu, wenn man es teilt.“ Noch klarer kann der Heilungseffekt des Teilens, finde ich, nicht in Worte gefasst werden. Daraus folgt für mich die Erkenntnis, dass Teilen das Wachsen miteinander ist. Der, der das Gute teilt, trägt zum Wachstum anderer bei und wächst dabei selber.

Angst blockiert unser natürliches Bedürfnis nach Teilen

Was ist aber mit Menschen, die das Gute nicht teilen (wollen) bzw. bewusst oder unbewusst Negativität verbreiten? Was für Störfaktoren muss es in solchen Menschen geben, die den natürlichen „Ausdehnungsprozess“ des Guten behindern? Nach langem Überlegen komme ich zu der Ansicht, dass das Schöne, die Liebe, das Freudige in uns sich nicht ausbreiten können, solange wir mit zu Boden drückenden Gefühlen wie Angst, Neid, Zweifel, Scham, Neid oder Gier behaftet sind. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich sehr lange meine Wahrheiten, mein Weltbild, die ich intuitiv eigentlich gerne mit meinen Mitmenschen teilen wollte, aus Angst vor Kritik oder Bloßstellung lieber für mich behalten hatte.

Je mehr wir uns aber unseren Blockaden bewusst werden, uns unseren tief sitzenden Ängsten öffnen und uns mit ihnen bewusst auseinandersetzen, desto mehr Blockaden lösen sich auf und desto freier kann das hochschwingende Gute in uns fließen und Zugang zu unserem Umfeld finden!

Teilen meiner Krankheitsgeschichte

Letztlich war auch die verinnerlichte Botschaft des Spruchs „TEILEN IST HEILEN“ der Beweggrund für mich, meine Krankheitsgeschichte (Neurodermitis/Schuppenflechte) in Form eines kleinen Buches zu verfassen, und meine gewonnenen Erkenntnisse aus meinen Erfahrungen in dieser Zeit mit meinen Mitmenschen zu teilen. Denn ich selbst wurde durch die Heilungsgeschichten anderer Menschen stark inspiriert und gestärkt, meinen Weg zu gehen, auf dem ich die volle Gesundung erfahren habe.
Wie schön es sich doch anfühlt, wenn ich mich auf das mentale Bild fokussiere, wo immer mehr inspirierende Geschichten geteilt werden, die das Licht im Herzen von Hunderten, ja zig Tausenden von Menschen anzünden und so immer höheres Erleuchten auf dieser Erde bewirken. → Semras Buch