Zu den unverzichtbaren Grundlagen menschlicher Dummheit, Feindseligkeit, Eifersucht, Gier und von Gewalt gehört die blinde Identifikation mit dem Ich. Sie ist die am schwersten überwindbare Blockade auf dem Weg zu einem „guten Leben für alle“. Einen gleichermaßen kostbaren wie köstlichen Beitrag dazu hat Wolf Schneider verfasst (danke für die Genehmigung der Übernahme):

Ich und das andere

Wenn ich so dahingehe, durchs Haus oder eine Straße lang, was beschäftigt mich da? Ich beobachte mein Bewusstsein. Ich verfolge, worauf es sich richtet. Wohin es schweift, wo es hängenbleibt und wann es ein Objekt wieder loslässt. Wie es sich einnistet, wenn ich an einem Objekt bleiben will oder dies zulasse. Dort verweile ich dann. Erstaunlich, wie leicht »ich« steuern kann, wo »ich« verweile. »Ich bin das dann«, kommt mir als dies beschreibender Satz in den Sinn, wenn ich diesen Vorgang denn benennen muss.

Da die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ in mir sowieso fast beliebig fluktuiert, kann ich sie ebenso gut zu dem hin fluktuieren lassen, was ich gerade wahrnehme. Dann ruhe ich darin. Dann fühle ich mich geborgen im Sosein, willkommen im Universum, so wie ich bin, so wie es ist. Keine Hektik mehr, kein Streben, keine Angst vor einem Scheitern oder dem Tod. Kein Streben? Doch, das ist noch da, aber nun anders. Das Wollen und etwas nicht Wollen ist noch da, beides, aber als etwas Beobachtbares. Beides kann ich sein lassen, kann darin ruhen, muss es nicht weghaben. Es darf da sein, wie alles andere auch. Ruhe kehrt ein.

Magie

Als ich heute Morgen Brot kaufen ging, beschäftigte mich immer noch das Rätsel des Bewusstseins, über das ich kürzlich in meinem Blog geschrieben habe. Ich fragte mich, ob die Steinplatten, über die ich da gerade barfuß ging und die ich als meinesgleichen empfand (»Ich bin das«), ob die mich fühlen könnten oder nur ich sie. Nehmen diese Platten mich wahr? Fühlen sie meine Füße?

Wer mal angefangen hat zu meditieren, hat dann im Zustand des Einsseins mit der Welt vielleicht das Gefühl, diese Welt bewegen zu können. So wie ein Kind, das die Augen schließt; dann »ist die Welt nicht mehr da«. Oder so wie die Esoteriker, die sagen, die Wirklichkeit, die wir erleben, hätten wir uns selbst erschaffen.

Es gibt jedoch einen feinen Unterschied zwischen dem Kind, das bei geschlossenen Augen glaubt, die Welt sei nicht mehr da, und dem Meditierer, der im Zustand des Einsseins ist. Der Meditierer weiß, dass das, was er da wahrnimmt, das von ihm Wahrgenommene ist. Ohne Augen und Ohren würde er »die Welt nicht erkennen«. Er weiß um seine Filter, die ihm aus der Fülle des Möglichen das Wenige selektieren, das er bewusst aufnimmt; um seinen Verstand, der das dann meist noch mit Worten etikettiert und die einzelnen Dinge narrativ miteinander verknüpft; das ist die Welt, wie sie sich ihm darbietet. Wenn er die Augen und Ohren schließt, ist diese Welt immer noch da – jedenfalls ist, wissenschaftlich exakt gesprochen, das Vorhandensein einer Welt auch bei geschlossenen Augen für einen normalen Erwachsenen eine gut bestätigte These.

Drei Grenzerweiterungen

Offenbar bin ich in der Hinsicht ein bisschen anders als die meisten Menschen, denn es fiel mir schon immer schwer, zwischen dem, was mir gehört und was mir nicht gehört, zu unterscheiden. Zweitens auch zwischen dem, was zu mir gehört und was nicht zu mir gehört. Drittens, und mit meinem Lebensalter zunehmend, auch zwischen dem, was ich bin und was ich nicht bin.

Trotz der ersten Schwierigkeit bin ich nicht zum Dieb geworden; dem sozialen Frieden zuliebe achte so gut ich kann darauf, was wem gehört und neige im Zweifelsfall dazu, mein Eigentum nicht als solches zu beanspruchen.

Mit dem zweiten Unterschied werden Beziehungskonflikte ausgetragen: »Das ist jetzt dein Ding, nicht meins«. Ich neige dazu, alles mir Vorgeworfene auch als „mein Ding“ zu betrachten, im Sinne von »Nichts Menschliches ist mir fremd«. So ähnlich wie beim Überfliegen des Beipackzettels eines Medikamentes: Beim einfühlsamen Lesen finde ich das alles auch in mir.

Die Überschreitung der dritten Grenze finde ich in Gedichten von Rumi, Rilke und Thich Nhat Hanh wieder: Auch das bin ich! (tat tvam asi). Bin ich das wirklich, das alles? Was wäre dann ein egoistisches Verhalten? Hier verschwimmt alles, denn wenn ich alles bin, was ist dann ein ichhaftes Verhalten?

»Othering«

Kürzlich fand ich in einem politischen Text auf Deutsch oder Englisch den Begriff »Othering« und schlug ihn in der englischen und deutschen Wikipedia nach. Dieses höchst profane Nachschlagewerk beschreibt den mit diesem Begriff etikettierten Vorgang als etwas, das von einem Ich oder einem Wir erst konstruiert wird. Wörtlich bedeutet er: etwas zu etwas anderem machen, das vorher noch kein anderes war.

Enger und stärker urteilend als Othering ist der Begriff der Diskriminierung, auf den man trifft, wenn an in der englischen Wikipedia »Othering« eingibt. Wenn ich alles bin, also nichts zu etwas anderem mache, diskriminiere ich nicht. Gut so, würde der vom Zeitgeist beeinflusste Gutmensch sagen. Dann unterscheide ich aber auch nicht, verflixt nochmal, das Unterscheiden brauchen wir doch! In der Philosophie des klassischen Indien gilt Viveka, dieser Sanskrit- und Pali-Begriff für die Fähigkeit zur Unterscheidung, als eine große Tugend.

»Alles Lüge«?

Kürzlich kam in dem von mir sehr geschätzten Blog von Satyam Nitya unter der Überschrift »Alles ist Lüge« ein Zitat von dem von mir weniger geschätzten Karl Renz (der poltert immer einfach drauf los – Viveka scheint eine ihm unbekannte Tugend zu sein): »Alles, was du sagen kannst, ist Lüge, und schau, alles ist Lüge.«

Auch wenn ich Karl Renz’ Gepolter gegen die Sprachgläubigen in gewisser Hinsicht nachfühlen kann, ist eben nicht einfach »alles Maya«, alles Illusion oder gar alles Lüge. Es gibt einen Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, und der ist wichtig. Es ist zwar alles eins, aber nicht alles ein Brei. Unterscheiden zu können ist ebenso wichtig wie urteilen zu können. Da haben wir nun den Salat – die naive Esoterik, gegen die ich in Connection so viele Jahre angeschrieben habe, obwohl man doch »gegen einen Ozean nicht anpfeifen« soll (wie Tucholsky 1933 einem Freund schrieb und dann in seinem schwedischen Exil schwermütig auf das Pfeifen verzichtete). Der Salat ist diese nicht unterscheidende Denkrichtung, die schon einige Weltbestseller produziert hat – 2006 z.B. The Secret von Rhonda Byrne (das Buch hat sich weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft). Diese Denkrichtung hat den heutigen „postfaktischen“ Rechtpopulismus mitverschuldet.

Lüge ist eine bewusste Falschdarstellung verifizierbarer Fakten, um jemand anders zum eigenen Vorteil in die Irre zu führen. Nichtsdestotrotz ist alles, was wir von der Welt wahrnehmen in gewisser Hinsicht Fiktion (indisch: Maya), weil es von unseren Sinnesorganen abhängt, unserem Standort, unseren Wahrnehmungsfiltern, unserer Sprache und dem Kontext, in dem wir es wahrnehmen, dem »Frame« (woraus das Framing des NLP wurde). Dies berührt die Unterscheidbarkeit von Lüge und Wahrheit jedoch nicht. Vielleicht wäre es besser, der Lüge die Wahrhaftigkeit als Gegenpol gegenüberzustellen, nicht die Wahrheit.

Nochmal anders: Wirklichkeit lässt sich nicht erzählen. Sie lässt sich nicht in Sprache abbilden. »Sagen, was ist«, das Motto des Nachrichtenmagazins SPIEGEL, ist nicht umsetzbar. Worte sind Etiketten, die man auf ein Kontinuum klebt; Erzählungen sind Kreationen, d.h. Schöpfungen von Wortkünstlern, die diese Etiketten miteinander verbinden, um ihnen einen Sinn zu geben, der vorher noch nicht da war; es sind Fiktionen, auch wenn sie faktisch wahr sein können. Das, was der Fall ist, können Worte jedoch nicht abbilden, und auch Fotos und Filme können das nicht.

Dennoch gibt es den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit. Eine wahre Erzählung bzw. Tatsachenbeschreibung bemüht sich um faktische Korrektheit und Nachvollziehbarkeit; sie hat Wahrhaftigkeit als Motivation. Der Unterschied einer solchen Erzählung zur Lüge gehört zu den größten Werten jeder Kultur.

Das Kontinuum

Zurück zum »anderen« als etwas, das erst – per Othering – konstruiert werden muss. Wenn wir als Meditierer doch nur jederzeit zu unserer frühkindlichen Sprachlosigkeit zurückkehren könnten! Ohne dabei die Fähigkeit des Erwachsenen zu verlieren, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden, das wär’s.

Die Wirklichkeit ist ein Kontinuum, das durch Sprache zerstückelt wird. Auch poetische, spirituelle Sprache tut das – Sprache kann nicht anders. Sie kann das Kontinuum umkreisen, umtanzen, besingen und versuchen, es »zwischen den Zeilen« spürbar zu machen. Sie schafft dabei doch wieder neue Mythen, die wieder umkreist und umtanzt werden müssen, damit sie unseren Geist nicht verhaften, ihn einengen, versklaven. Sprache, das ist doch alles nur Einbildung, Maya, Lüge, möchte man da ausrufen – würde dabei aber den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen dir und mir und all den anderen einzigartigen Wesen mit verschütten. Obwohl alles eins ist, ist es nicht ein Brei.

Wo verläuft die Grenze?

Zu erkunden was ich bin und entsprechend nicht bin, ist für ein forschendes Bewusstsein das Spannendste, was es gibt. Und wo verläuft die Grenze zwischen beidem? Und wer oder was kann sie überschreiten? Wenn ich mir Essen einverleibe, ab wann ist es meins? Wenn ich einatme, ab wann ist diese Luft Teil von mir? Wenn ich meinen Darm entleere oder mir die Fingernägel schneide, gebe ich dann etwas von mir ab?

Zurück zur Stufe zwei: Wenn ich eine Eigenschaft verliere – Geiz, Arroganz, Eitelkeit, irgendwas – wie und ab wann »geht das von mir weg«? Vielleicht so wie auf Stufe eins, ein Besitz, den ich verkaufe oder der mir gestohlen wird.

Von Natur aus Mystiker

Spannend finde ich auch, wie das Gefühl, jemand zu sein, überhaupt entsteht. Warum verbindet sich dieses Gefühl mit meinem Körper? Kann ich auch jemand anders sein, im Körper eines anderen eingenistet? Dessen Schmerz und Lust empfinden, dessen Scham und Angst und Freude?

Was bedeutet Ethik in diesem Kontext: für jemand anders da zu sein, einen Menschen zu lieben und zu beschützen? Was ist ein Übergriff, eine Vereinnahmung? Was ist Mitgefühl, Empathie?

Alles das hängt mit dem zusammen, was ich unter »mir selbst« oder »mein eigen« verstehe, und was dann entsprechend der Rest ist, das andere und die anderen. Wenn das andere erst durch Othering entsteht, dann sind wir von Natur aus Mystiker.

Selbstliebe

Auch die Bedeutung der Selbstliebe erhellt sich in diesem Kontext. Den eigenen Körper liebevoll zu bewohnen, scheint mir eine der besten Voraussetzungen für die Liebe zu anderen Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen zu sein. Diesem Raum innerhalb der eigenen Haut sich liebevoll zuzuwenden, allen Teilen darin, und in diesem Raum zu ruhen, zu verweilen, auch wenn der Fokus des Bewusstseins sich nach außen wendet. Ohne das ist Mitgefühl nur ein Mitleiden, das in koabhängiger Weise die Gesamtheit des Leidens noch vergrößert.

Subjektivität

Eines der Paradigmen des vorherrschenden Mainstreams ist, dass Objektivität gut ist, Subjektivität schlecht. Als objektiv gilt jemand, der die Außenwelt als das erkennt, was sie ist. Als subjektiv gilt jemand, der seinem eigenen, begrenzten Standpunkt verhaftet ist, davon nicht loslassen kann und so die Welt nicht erkennt, wie sie wirklich ist.

Dem setze ich ein Lob der Subjektivität entgegen. Sie ist das Primäre, Unbezweifelbare. Philosophen nennen dies Primäre manchmal die Qualia und meinen damit die Unbezweifelbarkeit des subjektiv Erlebten. Wenn ich als sehender Mensch tagsüber zu einem wolkenlosen Himmel aufschaue, habe ich ein Sinneserlebnis, das auf Deutsch »blau« genannt wird; das ist viel unbezweifelbarer als jede Antwort auf die Frage, was „da draußen“ objektiv wirklich ist: Gibt es dort wirklich einen Himmel ? Gibt es „da draußen“ die Farbe Blau? Das sind Illusionen – im Gegensatz zur Erfahrung »blau«.

Unsere Subjektivität zu verlassen, sie gering zu schätzen oder gar zu negieren, ist vielleicht das Schlimmste, was einem von der Gesellschaft mit ihrem Anspruch an Objektivität verführten Menschen passieren kann. So sehr ich die Wissenschaft mag, mit ihrem Anspruch an Objektivität bzw. Intersubjektivität, es ist doch das erkennende Subjekt sich selbst immer am nächsten. Der Irrtum und Jammer des Bewohnens einer entfremdeten Welt voller Reize und Verführung beginnt mit dem Verlassen der Subjektivität.

(Das Original findet Ihr HIER.)

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