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Eine Polemik von Bobby Langer und Maria Ghoebel

Nennen wir ihn Franz. Franz wirkt – mal mehr, mal weniger hoffend – seit Jahren auf einen „Wandelfonds“ hin. Diverse Anläufe gingen mit schmerzlicher Regelmäßigkeit schief. Franz zählt sich mit gutem Grund zur „Wandelbewegung“ und macht sich mit mindestens ebenso gutem Grund große Sorgen um die Zukunft, nein die Zukünfte: die Zukunft der versehrten Erde, die Zukunft ihrer hilflosesten, vom Menschen abhängigen Geschöpfe, die Zukunft der Menschheit und – naturgemäß – seine eigene Zukunft. Das alles ist auch eine Klassenfrage. Warum? Um die Antwort geht es hier.

Geräumige, grüne „Bubble“

Ich sehe schon die beim Begriff „Klassenfrage“ hochgezogenen Augenbrauen und gerümpften Nasen. „‚Klassengesellschaft‘, das gibt’s doch nicht. Ist ein Begriff aus der Mottenkiste der Kommunisten.“ So in etwa könnte die süffisante Anmerkung eines standardisierten „Grünen“ lauten. Damit meine ich jene bekennenden Grünen, die in der Mittelschicht (gelegentlich auch der Oberschicht) aufgehoben sind, sich in einer Blase (bubble) bewegen, einer „Echokammer[1]“, die so geräumig ist, dass der Eindruck, gar die Überzeugung entsteht, gepflegte Grünanlagen, Öko-Häuser, Handys, Solarzellen und Elektroautos – und natürlich Facebook, TikTok, Google und Amazon – entstünden von alleine, sozusagen arbeiterfrei. Zu dieser Echokammer gehören genauso Biomärkte, Naturkosmetik, Öko-Kleidung und vegane Schuhe; schöne grüne Welt. Natürlich: Rein theoretisch weiß man, dass sich „da draußen“ Menschen für Hungerlöhne abschuften; dass für unseren westlichen Über-Komfort, diesen elitären Wohlstand, Tag für Tag mehr Natur- und Kulturräume samt zahlreicher Tier- und Pflanzenarten vor die Hunde gehen. Rein praktisch denken wir lieber nicht dran und spenden vorsichtshalber für Greenpeace oder den Regenwald.

Die, die ihre Seele nicht verkaufen wollen

Aber da ist etwas noch Dunkleres, das meistens nicht einmal in der Theorie aufscheint: Dass nämlich diese Echokammer so gut abgeschottet ist, dass für eine enkeltaugliche Welt wenig bis nichts vorangeht; dass nach fünfzig Jahren Umweltbewegung und Hunderten von Konferenzen sich die Erde nach wie vor unnötig erwärmt, nach wie vor täglich Arten sterben, nach wie vor Tausende Quadratkilometer Primärwald abgeholzt, Böden versiegelt und Flüsse von Bergbauminen vergiftet werden. Und dass die SUVs fröhliche Urständ feiern. Der Echokammer gelingt es erfolgreich, dass die eigene Beteiligung an diesen exponentiell wachsenden Verbrechen an der Mitwelt im wahrsten Sinne des Wortes „außen vor“ bleiben kann. Als Mittelklasse definiere ich hier mal all jene, die den Euro nicht umdrehen müssen, wenn es um den Wocheneinkauf oder die Urlaubsplanung geht. Man wirft das Geld zwar nicht zum Fenster raus, aber man hat es in ausreichendem Maße auf der hohen Kante.

Aber wie ist es mit all den zugegebenermaßen wenigen wie Franz, die sich an der Schädigung der Mitwelt nicht beteiligen wollen; die nicht „mitmachen“ wollen; denen es nicht gelingt, den täglich angerichteten Schaden unseres Zivilisationsmodells unter den Gewissensteppich zu kehren; die nicht ihre Seele verkaufen wollen oder können? Das sind naturgemäß die, die keinen einträglichen Job haben, die von der Hand in den Mund leben. Das sind die, die sich bücken und eine Schnecke vom Gehweg aufklauben, ehe sie zertreten wird; das sind die, die nur das Nötigste einkaufen und forschen, wo sie es am günstigsten und am wenigsten schädlich herbekommen. Den Bio-Supermarkt können sie sich leider nicht leisten; und um sich auch mal etwas Gesundes gönnen oder am öffentlichen Kulturleben teilnehmen zu können, müssen sie an Strom, Heizung und Warmwasser sparen.

Kein Budget für Eigen-PR

Verstehen Sie jetzt, weshalb das Thema „Klassengesellschaft“ endlich im „Grünbezirk“ ankommen sollte? Und warum ein „Wandelfonds“ so nützlich wäre? Er könnte all den sensiblen Seelen auf die Beine helfen, denen die Mitwelt WIRKLICH und nicht nur theoretisch am Herzen liegt. Erst dann wären echte Oasen der sozial-ökologischen Transformation möglich und nicht nur solche, in denen sich all jene tummeln, die ein paar zehntausend Euro zur Verfügung haben, um sich in ein Ökodorf einzukaufen. Erst dann käme das Wörtchen „sozial“ auch im Grünbezirk an, könnte der alte Arbeiterbegriff der Solidarität eine neue, zukunftsfreundliche Bedeutung annehmen. Man kann nicht solidarisch sein mit Bienchen und Berggorillas, aber blind sein gegenüber den Menschen im eigenen Grünbezirk und sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Beispiel Ökoligenta: Diese im deutschsprachigen Bereich einzigartige Plattform, die den sozial-ökologischen Wandel so vollständig wie möglich abbildet, gibt es inzwischen seit 2017. Seit 2019 erscheint monatlich der Wandel-Newsletter. In beides sind Aberhunderte von Arbeitsstunden eingeflossen. Aufrufe und Bitten um eine Spende, diese Arbeit zu unterstützen, sind nahezu ausnahmslos verhallt. Nicht etwa, weil all jene, die davon profitieren, keine zehn Euro übrighätten, sondern deshalb, weil ihr Echoraum sie nicht wahrnehmen lässt, dass es „da draußen“ Menschen gibt, die solche Spenden wirklich „brauchen“. Und – entscheidend – die „da draußen“ haben für die Eigen-PR kein Budget, sondern sind froh, wenn ihnen die Waschmaschine nicht kaputt geht. Umgekehrt halten es die Grünbezirkler für selbstverständlich, sich für ihre (oftmals oberflächlichen) Dienstleistungen im Bereich „Wandel“ stattlich bezahlen zu lassen. Für das Wochenend-Seminar „Beziehungen im Einklang mit der Erde“ legt man rund 300 Euro hin, wer bereit ist, im Freien zu übernachten, darf für 200 Euro dabei sein. Das WE-Seminar „Neue Männer für eine neue Epoche“ kostet 360 Euro zuzüglich Übernachtung und Verpflegung. Für einen Online-Kurs zur „Ermächtigung der Weiblichkeit“ darf man gerne 3000 Euro hinlegen. Ein Mensch wie Franz, der aus seinem „indigenen Bewusstsein“ heraus mit Herzblut für die große sozial-ökologische Transformation die eigene Haut aufs Spiel setzt, muss draußen bleiben. Er passt nicht ins System, seine Anwesenheit würde stören. Sie könnte die wohl einstudierte Performance infrage stellen und die sie begleitende Scheinheiligkeit enttarnen. Mit Nachhaltigkeits-Label, Buddhismus, spiritueller Erleuchtung und Selbstversorgung hingegen lässt sich gut locken. Ein Hype. Man brüstet sich zwar mit Permakultur, übersieht aber, dass zur Permakultur eine grundsätzlich demütige und ehrende Haltung gegenüber Natur und Schöpfung gehört. Das wäre dann doch zu anstrengend und umfassend. Aber „Permakultur“ – das klingt halt gut. Der Green New Deal lässt die Kassen klingeln. Mit Chat-GPT sind schnell die richtigen Sätze zusammengebastelt und fertig ist das grüne, spirituelle Image.  Würden all jene, die diese Transformation täglich mit wohlgewählten Worten und schillerndem Halbwissen herbeireden, einen Euro im Monat in einen Wandelfonds einzahlen, dann wäre die Gründung echter Wandel-Oasen ein Kinderspiel. Sie würden dann auch sehen und erleben können, wie sich die eigene Lebensweise verändern lässt, ohne Krieg gegen die Natur zu führen und ohne an Wohlstand zu verlieren. Es würde ein geradezu kraftvoller Ruck durch die Gesellschaft gehen. Der, auf den so viele seit Jahrzehnten warten.

Auch die Zukunft ist eine Klassenfrage

Rein theoretisch gibt es sogar eine „Wandelbewegung“. Zumindest gab es vor ein paar Jahren Ansätze eines breitflächigen Zusammengehörigkeitsgefühls all derer, die den Großen Wandel der westlichen Industriezivilisation für notwendig hielten. Franz zählte sich dazu – und wurde auch da enttäuscht. Es fanden viele akademische und gescheite Grundsatzdebatten statt, aber echte Fortschritte für die „Wandelbewegung“ da draußen gibt es bis heute nicht. Man diskutiert munter Strukturen und Abläufe, als hätte man noch Jahrzehnte Zeit, das Handeln und Wirken der Menschheit zu transformieren. Die Erde, Mutter Natur muss eben warten mit ihrem Kollaps.  Die für ein paar Jahre aufgedämmerte, emotionale Solidarität ist fadenscheinig geworden. Von echter und wirksamer Kooperation im Alltag findet sich kaum eine Spur. Während Deutschland eine Billion Euro und mehr in eine Brutto-Sozial-Produkt-fähige Pseudosicherheit investiert, wird der ökologisch mögliche und wahrscheinliche Super-GAU erfolgreich ausgeblendet. Der findet allenfalls bei „den Wilden“ statt, irgendwo im Kongo, auf Borneo oder am Amazonas, wo wir ihnen die Lebensräume wegholzen, oder in Bolivien, Chile und Argentinien, wo wir ihnen das Lithium stehlen und zum Dank verseuchte Erde hinterlassen. Zukunft ist offenbar das, was wir uns im (digitalisierten) Kopf zurechtzimmern und nicht das, was real stattfindet. Auch die Zukunft ist eine Klassenfrage, aber diesmal auf globaler Ebene.

Ideen und Anregungen bzgl. eines „Wandelfonds“ bitte an info@oekoligenta.de

[1] Der Begriff des Echokammer-Effektes stammt aus der Kommunikationswissenschaft. Gemeint ist hier eine verengte Weltsicht, in der man sich die gemeinsame Weltsicht nur als die einzig richtige bestätigt.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie es sein kann, dass immer wieder Menschen, die klaren Verstandes zu sein scheinen, an der Erhitzung des Erdatmosphäre zweifeln, und wenn schon nicht das, dann doch wenigstens der entlastenden Aussage anhängen, wir hätten damit nichts zu tun.
Dass die Großindustrie, insbesondere die Erdölbranche ein großes Interesse an solchen Haltungen hat, ist klar. Nur wie genau geht sie dagegen vor.
Die österreichische Tageszeitung Der Standard hat dies kürzlich akribisch rechecheriert und veröffentlich.
Fazit: „So werden Worte tatsächlich zur Waffe.“

Eine Rezension von „Schöner grüner Schein“

Von Bobby Langer

„Was auch immer Sie lieben, es ist bedroht. Aber lieben ist ein Tätigkeitswort. Möge diese Liebe uns ins Handeln bringen.“

Es gibt so etwas wie das „fröhliche gute Gewissen der Grünen“. Gemeint sind damit nicht nur die Parteimitglieder, sondern alle, die auf diesem Segelschiff der Illusionen mitschwimmen. Im Schiffsbauch befindet sich die Vorstellung eines Green New Deal, mit dem wir die westliche Industriegesellschaft ohne sonderliche Abstriche retten und weiterbetreiben können.

Die Autoren von „Schöner grüner Schein“, Derrick Jensen, Lierre Keith und Max Wilbert, bezeichnen die Segelmeister und Passagiere dieses Segelschiffs als die „Hellgrünen“.  Mit ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch tun sie alles, um Bewegung in die Wogen zu bringen und dieses ruhige Gewissen aufzuscheuchen. Kapitel für Kapitel belegen sie, dass eine „grüne“ Industriegesellschaft nur um den Preis weiterer und unaufhaltsamer Umweltzerstörungen möglich ist. „Hellgrüne Lösungen sind nur dazu da, den lebenden Planeten wieder und immer weiter zu zerstören.“

So sei also an den Anfang dieser Besprechung einerseits eine Warnung gestellt, andererseits ein Versprechen. Eine Warnung, weil die Lektüre der 463 Textseiten einem die „grüne Unschuld“ nimmt und der „deflorierte Leser“ danach ernüchtert seine Positionen überdenken muss; ein Versprechen hingegen für all jene, die schon immer das „Weiter so“ unter grüner Flagge mit Bauchgrimmen wahrgenommen haben. Hier bekommen sie endlich das inhaltliche, argumentative Rüstzeug für die nächste Debatte. Denn wenn in diesem Buch etwas nicht fehlt, dann sind das die Fakten: Fakten zur Solar- und Windindustrie, Fakten zur grünen Energiespeicherung, Fakten zu Recycling und Effizienz, zur grünen Stadt, zum grünen Netz und zur Wasserkraft sowie diversen Scheinlösungen wie Geothermie oder Kohlenstoffabscheidung.

Das Spektrum des Umweltschutzes [aus Sicht der Autoren]

Tiefgrün

Sowohl der lebende Planet als auch die nichtmenschlichen Lebewesen haben das Recht zu existieren. Das menschliche Wohlergehen hängt von einer gesunden Ökologie ab. Um den Planeten zu retten, müssen die Menschen innerhalb der Grenzen der natürlichen Welt leben.

Lifestylisten

Der Mensch ist von der Natur abhängig, und die Technologie wird die Umweltprobleme wahrscheinlich nicht lösen, aber politisches Engagement ist entweder unmöglich oder unnötig. Das Beste, was wir tun können, ist, uns in Eigenverantwortung zu üben … Der Rückzug wird die Welt verändern.

Hellgrüne

Es gibt ernsthafte Umweltprobleme, aber grüne Technologie und grünes Design sowie ethisches Konsumverhalten werden es möglich machen, den modernen, energieintensiven Lebensstil auf unbestimmte Zeit fortzusetzen.

Vernünftige Nutzer

Es gibt zwar ökologische Probleme, aber die meisten davon sind nicht so schlimm und können durch ein angemessenes Management gelöst werden.

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Alles, worum Derrick Jensen bittet, ist „ehrlich mit uns selbst zu sein“. Was er damit meint, zeigt er am Beispiel einer „unschuldigen“ Brille: „Sie besteht aus Plastik, für das Öl und Transportinfrastrukturen benötigt werden, und aus Metall, für das Bergbau, Öl und Transportinfrastrukturen erforderlich sind … und die moderne Glasherstellung erfordert Energie und Transportinfrastruktur. Die Minen, aus denen die Materialien für meine Lesebrille kommen, müssen irgendwo liegen, und die Energie für die Herstellung muss auch irgendwoher kommen.“ Es gibt nun mal kein Abrakadabra-Simsalabim für irgendein Industrieprodukt, auch wenn es uns so vorgespiegelt wird. Wir meinen, wir bräuchten nur das nötige Kleingeld zu haben, und schon „zaubern“ wir uns, ohne Umweltkosten, unseren Komfort herbei – eine kindliche Vorstellung.

Ein kleiner Wermutstropfen angesichts der vielen Fakten ist ihr relatives Alter. Der US-Titel „Bright Green Lies: How the Environmental Movement Lost Its Way and What We Can Do About It” erschien 2021. Die im Buch genannten Zahlen sind also wenigstens fünf Jahre alt. Andersherum wissen wir: So gut wie nichts hat sich seither zum Besseren gewendet.

Wie gut, dass das Autorenteam einen nicht im Regen stehen lässt. Auf rund 40 Seiten befasst es sich mit „wirklichen Lösungen“, an denen – zumindest dieser Logik nach – kein Weg vorbeigeht. Letzten Endes gehe es um alles oder nichts. Zu einer zukunftsfähigen Lösung, so die Autoren, werden wir erst kommen, wenn wir bereit sind, „eine Lawine von Wehmut auszuhalten … Aber wenn man diesen Planeten liebt, muss man es tun“. Was anstehe, sei eine Reindigenisierung der westlichen Lebensweise. „Wir müssen erkennen, dass, da die Erde die Quelle allen Lebens ist, die Gesundheit der Erde bei unseren Entscheidungsprozessen an erster Stelle stehen muss … Wenn wir unsere Werte ändern, werden bisher unlösbare Probleme lösbar.“ Wir müssen aufhören, uns die falschen Fragen zu stellen.  „‚Wie können wir weiterhin industrielle Energiemengen gewinnen, ohne Schaden anzurichten?‘, ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: ‚Was können wir tun, um der Erde zu helfen, die durch diese Kultur verursachten Schäden zu reparieren?‘“

Zurück zum Einstieg: Dieses Buch ist schwer verdauliche Kost, nicht weil es schwer zu lesen wäre, sondern weil es seinen Leserinnen und Lesern von Kapitel zu Kapitel mehr den Staub der Illusionen aus dem Zivilisationsmäntelchen klopft. „Schöner grüner Schein“, schreibt Vandana Shiva, sei „ein dringend notwendiger Weckruf, wenn wir verhindern wollen, dass wir schlafwandelnd aussterben – und damit den 200 unserer Mitgeschöpfe und Verwandten folgen, die täglich von einer extravistischen, kolonisierenden Geldmaschine in den Tod getrieben werden, die von grenzenloser Gier geschmiert und vom mechanistischen Geist des Industrialismus geleitet wird.“

Schöner grüner Schein. Warum »grüne« Technologien derselbe Irrweg in Grün sind. Von Derrick Jensen, Lierre Keith und Max Wilbert, Verlag Neue Erde, 517 S., 36 Euro, ISBN 978-3-89060-838-9

Gelegentlich polemische Anmerkungen zum 5. Gebot

„Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden.“ Albert Einstein

„Es ist Morden. Sie töten immer den Sohn einer Mutter.“ Jürgen Todenhöfer

Es ist ein christliches Gebot. Und es schien mir unverhandelbar, als ich begann, darüber nachzudenken: „Du sollst nicht töten.“ Punkt. Es hieß nicht, „Du sollst deinen Freund nicht töten, deine Feinde aber sehr wohl“; auch nicht: „Du sollst nicht töten, solange du dafür keinen guten Grund findest.“ Nein, so hieß es nicht. Und doch hat die versammelte Christenheit, allen voran die christliche deutsche Parteien-Landschaft, beschlossen, hier eine päpstliche Ausnahme zu machen. Sogar „Die christliche Arbeitsgemeinschaft Tanz“ betet nicht für alle dem Krieg ausgesetzten Menschen, sondern exklusiv für die Menschen in der Ukraine nach dem Motto: „Man kann ja nicht für alle beten.“

Segen für den Waffensegen

Es ist nicht das erste Mal. Den Segen für „unsere Waffengänge“ bis hin zu christlichen Waffensegnungen der Amtskirche durften schon die Nazis für sich in Anspruch nehmen, von den Deutschordensrittern einmal ganz abgesehen, die im 12. Jahrhundert die litauischen Heiden mit dem Schwert zur Taufe trieben. Eine bewährte Tradition also, die auch die mittel- und südamerikanische Bevölkerung lange seitens der Spanier genießen durfte. Und ganz modern: Der norwegische Terrorist Anders Behring Breivik, bei dessen Anschlag im Jahr 2011 77 Menschen ums Leben kamen, hat sich zur Rechtfertigung seiner Tat aufs Christentum berufen. Wäre er Atheist gewesen, wäre das nicht passiert. Wenn man schon nicht so weit gehen will zu behaupten, Gewalt und Christentum gehörten zusammen, so lässt sich doch feststellen: Gewalt und organisiertes Christentum schlossen sich bis heute so gut wie nie aus. Papst Pius XII. war die politische Einheit des Christentums und die Sicherheit seiner Dienerschar sogar wichtiger als die Bekämpfung der Konzentrationslager.

Und wenn du bedroht wirst?

Aber zurück zu dem scheinbar fundamentalen Gebot „Du sollst nicht töten“. Ich vernehme schon von allen Seiten das beliebte Scheinargument: „Christentum hin oder her, wenn deine Kinder von einem Terroristen angegriffen würden, wärst du dann auch noch radikaler Pazifist?“ Mit diesem Einwand musste ich mich schon mit 18 Jahren beim Thema Kriegsdienstverweigerung herumschlagen. Die Antwort ist sehr einfach, auch wenn sie ein wenig Differenzierungsvermögen verlangt: Es handelt sich in diesem und ähnlich gelagerten Fällen nicht um Töten mit Vorsatz, sondern um ein Schutzverhalten mit eventueller Todesfolge. Wer den Unterschied nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen. Das „Du sollst nicht töten“ bezieht sich nämlich auch auf die innere Bereitschaft, oft den Wunsch oder sogar die Lust, seinen Mitmenschen zu vernichten.

Tödliche Lässigkeit

Interessanterweise gehört das „Du sollst nicht töten“ zum Glaubensrepertoire aller Weltreligionen. Und überall wurde diese Forderung korrumpiert, auch im angeblich rein friedlichen Buddhismus. Die – vermutlich – einzige Ausnahme bildet die Bahai-Religion. Das gerne von konservativen Politikern beschworene – und tatsächlich existierende – christliche Fundament unserer Gesellschaft hat also dafür gesorgt, dass so gut wie alle Menschen in Mitteleuropa dem Tötungsverbot zustimmen, aber eben auf die kirchlich lässige Art und Weise, nämlich: „Ja, also irgendwie ist das schon richtig, aber …“ Darüber muss niemand sonderlich nachdenken, auch die vielen Moslems nicht – vielleicht ist das ja ihr größter gemeinsamer Nenner mit den Christen –, denn so lässig denken eben die meisten über Mord und Totschlag, solange sie nicht selbst betroffen sind; folglich ist ein solches Denken richtig.

Flirten mit dem Krieg

Doch auch darüber hinaus bleibt die Frage: Warum ist das so? Warum können wir das „Du sollst nicht töten“ nicht ernst nehmen? (Kleiner Nebenaspekt dieses Umstands: Das staatliche Gewaltmonopol gibt es wahrscheinlich nur deshalb, weil unsere Tötungsbereitschaft offenbar gesetzlich eingedämmt werden muss.) Seit die letzten Weltkrieg-II-Teilnehmer unter der Erde liegen, gibt es in Deutschland nur noch Generationen, die „Krieg“ so wahrnehmen, als sei er ein Thema zur besten Sendezeit. In den öffentlich-rechtlichen Medien sind kriegsabschreckende Filmaufnahmen sogar tabuisiert. Auch die Privatsender folgen dem im Wesentlichen; man möchte nicht, dass jemand angesichts des gezeigten Grauens zu einem anderen Kanal zappt. Ist aber das Grauen des Krieges auf ein kindertaugliches Niveau herunterverharmlost – keine dokumentierten Mordszenen, keine offenen Wunden, abgetrennten Gliedmaßen, auslaufenden Gehirne –, dann verliert der Krieg in der öffentlichen Wahrnehmung seinen mörderischen Kern; dann können wir sogar ein bisschen damit flirten. Denn ist es nicht letztlich eine befreiende „Entladung“, wenn man all die Aggressionen, die man jahre- oder jahrzehntelang unterdrückt hat, endlich einmal loslassen kann, ja loslassen soll? Da kann es uns nur recht sein, wenn Krieg uns als etwas „Unschönes“, aber letztlich doch Notwendiges gezeigt wird, als ein Übel, das man nicht immer verhindern kann, bei dem man aber wenigstens auf der „richtigen Seite“ von Mord und Totschlag ist. Eine innere Zustimmung zum Totschlagen des Feindes ist in unseren Köpfen als jederzeit verfügbares Kulturmuster quasi vorprogrammiert und jederzeit abrufbar. Das war beim Korea- und Vietnamkrieg so, beim Pakistankrieg und beim Jugoslawienkrieg so, das war und ist beim Ukrainekrieg so und das wird auch beim Chinakrieg so sein, auf den manches bereits hindeutet.

Mörderisches Gewissensfundament

Ein zweiter, ähnlich relevanter Grund lässt sich am Beispiel der Israelis und Palästinenser (oder der Katholiken und Protestanten in Nordirland) verdeutlichen. Grundlage kriegerischen Tötens, von wem auch immer, ist das menschliche Denken, nämlich die Überzeugung: Ich habe Recht, mein Recht ist unantastbar, wer die Richtigkeit meines Rechts bezweifelt, ist mein Gegner; wer es bedroht, ist mein Feind und muss mit Gewalt zurückgeschlagen werden. Tote, und seien es Hunderttausende, sind der oft erwünschte, manchmal auch unvermeidliche Kollateralschaden. Das funktioniert überzeugend im Kleinen bei der Blutrache, das stabilisiert und fundiert das Gewissen jedes ordentlichen Terroristen, das funktioniert bei den Palästinensern und der israelischen Armee und natürlich auch bei Rüstungs- und Waffenlieferungsbeschlüssen, wohin auch immer. „Du sollst nicht töten“ ist eine veraltete Forderung; sie ist nicht industriekompatibel und folglich auch nicht up to date. Folglich ist ein Verbot der Waffen-, also letztlich Mordzulieferungsindustrie aus ethischen Gründen in Deutschland und anderswo undenkbar.

Krieg als Live-Event

Wer sich unsicher ist, ob er den Krieg nicht vielleicht doch für sinnvoll hält (interessanterweise gehört auch eine solche generelle Zustimmung zu den tabuisierten Gedanken), dem sei zum Beispiel das Video Traumatic and Combat Related Amputations zur Fortbildung empfohlen. Krieg findet nämlich nicht abstrakt auf Zeitungspapier, im Internet oder per Nachrichten im Fernsehen statt, Krieg ist das böseste Live-Event in Echtzeit. Deshalb sollte jemand, der das Führen eines Krieges unterstützt, ihn auch „live“ erleben dürfen. Er sollte sich persönlich an die Front begeben und mitkämpfen und ein paar junge Männer, Frauen und Kinder töten dürfen. Und dann, sofern er seinen Einsatz überlebt und der Krieg nicht dummerweise in einen Atomkrieg umgeschlagen ist, sollte der Kriegsunterstützer ein mehrwöchiges Praktikum in einem Lazarett absolvieren. Das wäre doch eine gute Grundlage für einen netten kleinen Erfahrungsbericht an seine Lieben zu Hause.

So seltsam es klingt: Die sauberste moralische Haltung nehmen Auftragskiller ein. Sie sind ehrliche Menschen, die, ohne Moral vorzuschützen, morden – wen auch immer –, solange die Bezahlung stimmt. Im Dienst der Wahrheit, oder weniger pathetisch formuliert: der Aufrichtigkeit zuliebe, sollten wir das fünfte der Zehn Gebote folgendermaßen vervollständigen: „Du sollst nicht töten, solange man es dir nicht anders befielt.“

Und eine Frage zum guten Schluss: Nehmen wir an, Sie hätten drei Söhne – oder Enkel oder Brüder ­–, welchen davon würden Sie an die Front schicken? Oder gleich alle drei? Und anders herum gefragt: Nehmen wir an, eine Mutter des Feindes hätte drei Söhne, welchen davon würden Sie töten? Oder gleich alle drei? Bob Dylan hatte schon 1964 die richtige Ahnung, als er sang:

I’ve learned to hate the Russians*
All through my whole life
If another war comes
It’s them we must fight
To hate them and fear them
To run and to hide
And accept it all bravely
With God on my side

* durch beliebige Nationalität ersetzbar

Wir sind die Guten. Wir essen Brot vom regionalen Biobäcker und trinken unser Wasser von Rhönsprudel. Wir kaufen keine gespritzten Kartoffeln, wir kaufen faire Rosen bei Lidl und wir fahren noch viel öfter Rad als die anderen; wenn wir zu Fuß gehen wollen, gehen wir wandern, und wir haben den Fernseher abgeschafft, weil uns der Mainstream soooooo auf den Geist geht.

Wir telefonieren mit Fairphone, wir beziehen grünes Gas von Lichtblick und Strom vom Dach, und wir fliegen nur selten oder gar nicht. Unsere Miele-Waschmaschine wäscht mit Regenwasser aus der Zisterne, unser Auto fährt mit Gas. Irgendwie sind wir schon ziemlich vorbildlich. Wir schicken unsere Kinder auf die Waldorfschule, wir kaufen nur Holzspielzeug und spenden an Weihnachten für Indigene. Wir lassen uns unsere Druckerpatronen, so grün wie möglich, von Memo schicken, und wir beziehen Biowein von einem Demeterhof in der Toskana.

Das kostet alles Geld, das wir uns mühsam erarbeitet haben und nachhaltig investieren. Wir beuten niemanden aus, sondern werden höchstens ausgebeutet oder beuten uns selber aus, und wir verheizen unser Gas bei niedriger Raumtemperatur. Wir schauen uns freches Kabarett an und auf Youtube schon mal Kaiser TV. Wir lesen weder den Spiegel noch den Stern, sondern Contraste und Zeitpunkt und hören den Greenpeace Podcast über Frieden, Krieg und Sicherheit im 21. Jahrhundert.

Wir sind die Guten. Würden alle so leben wie wir, dann wäre die Welt in Ordnung; jedenfalls Europa und die sonstige westliche Welt. Wenn der Rest des Globus nur aus unseren Fehlern lernen würde und nicht so dumm wäre zu meinen, jeden Tag warm duschen zu müssen, zweimal im Jahr Urlaub machen oder einmal im Monat schön vegetarisch essen gehen zu müssen. Oder eine Apotheke haben zu müssen gleich um die Ecke, und einen Hausarzt, eine Nanny und eine Sozialstation. Man muss sich auch keine Babynahrung kaufen in Angola, Belize oder Bangladesh; dort braucht man wirklich keinen Supermarkt, kein Schuhgeschäft, keine Biokosmetik und erst recht keinen Friseur. Man muss sich nicht unbedingt einen Computer kaufen oder einen Rasenmäher. Das alles macht nicht glücklich. Das wissen wir auch, aber wir sind’s nun mal gewohnt und können nichts dafür. Wir haben uns unseren Geburtsort nicht ausgesucht, da fühlen wir uns mit den Ärmsten der Welt vollkommen solidarisch. Es ist unser Glück, dass wir satt sind und Fastenkuren machen, und deren Pech, dass sie nicht wissen, wo sie am nächsten Tag Nahrung für ihre Kinder herbekommen.

Irgendwie ist das eben Schicksal; auch dass wir ein Krankenhaus haben und die, wenn sie Glück haben, einen Schamanen; dass wir Geld in die Forschung pumpen können und die Analphabeten sind; dass wir Geld auf dem Konto haben und die nicht mal wissen, was ein Konto ist. Dass wir hier einen öffentlichen Nahverkehr haben und die vierzig Kilometer zu Fuß gehen müssen. Dass es dort keine Arbeit gibt, weil ihr Land vertrocknet oder die Tiere verdursten, und wir hier für die nächste Lohnerhöhung streiken. Darum können wir es uns ja auch leisten, Kaffee aus fairem Handel zu kaufen und Demeter-Schokolade und Recycling-Klopapier. Wir können für die Umwelt kämpfen und schützen den Regenwald immer wieder mal und die Korallenriffe auch ein bisschen, solange es denen nicht zu warm wird. Wenn wir so wenig Geld hätten wie die, wäre alles noch viel schneller kaputt. Mit unserer Erfahrung und unserem technischen Know-how werden wir ihnen irgendwann einmal beibringen, wie Umwelttechnik funktioniert, wie man Häuser voll isoliert, damit man nur die Hälfte der Energie braucht. Wir werden ihnen auch zeigen, wie man Traktoren baut, die locker die Arbeit von hundert Menschen erledigen, solange es Bio-Diesel gibt, und wie man in nachhaltige Geldanlagen investiert, damit sie auch einmal zu den Guten gehören – in naher oder ferner Zukunft.

von Peter Zettel

Rote oder blaue Pille?

Gestern sah ich in einem Video-Gespräch im Hintergrund ein Bild mit einer roten und einer blauen Pille. Ganz klar eine Anspielung auf den Film „Matrix“. Was mich zu der erstaunten Frage veranlasste „Du hast dich noch nicht entschieden?“

Sein „Doch, habe ich!“ klang mir jedoch nicht überzeugend, denn hätte er sich entschieden, wäre da eine Pille weg. Falls Sie den Film nicht kennen:

Neo wird vor die Wahl gestellt, eine blaue oder eine rote Pille zu schlucken. Nimmt er die blaue, geht es für ihn zurück in seine heile Welt, die nicht der Realität entspricht. Die rote Pille bewirkt das genaue Gegenteil und befreit ihn aus der Simulation.

Also ich kenne keinen Philosophen oder Wissenschaftler, den ich ernst nehmen würde, der nicht die rote Pille geschluckt und eine eindeutige Meinung hätte. Der Weg Suche nach der Wahrheit lässt nämlich keinen anderen Weg zu. Rote oder blaue Pille?

Die Entscheidung muss man treffen: Will ich wirklich die Wahrheit über mich selbst wissen oder möchte ich nur meine Ansichten bestätigt haben? Die Wahrheit kann nämlich ganz schön hart sein.

Weiter mit Mit den Wölfen heulen …

„Wenn es um die territoriale Integrität eines Landes geht,
müssen Menschenleben schon mal hintanstehen.“ (Volker Pispers)

(als PDF zum Herunterladen)

Wir sind alle gegen den Krieg, alle. „Aber diesmal“, sagen mir viel zu viele, „machen wir eine Ausnahme.“ Warum das so ist? Dafür gibt es überzeugende Gründe. Ob sie gut sind, ist eine ganz andere Frage. Aber der Reihe nach.

Die einen sagen, wir müssen uns gegen den Westen und die NATO wehren, die anderen sagen, wir müssen uns gegen den russischen Totalitarismus wehren. Und beide haben sich auf den größten gemeinsamen Nenner geeinigt, den „Krieg“.

Dahinter, etwas mehr in der Tiefe, steckt ein weiterer gemeinsamer Nenner: Weiterlesen

Hannah Arendt erschien es ganz einfach. Angesichts der kleinbürgerlichen Mörder des Nationalsozialismus war die „Banalität des Bösen“ deutlich erkennbar. Seither ist ihre Erkenntnis tausendfach wiederholt und auf alle Bösewichte der Geschichte angewendet worden.

Statt dieser Litanei eine weitere Strophe hinzuzufügen, möchte ich mich lieber dem scheinbaren Gegenteil zuwenden, der Banalität des Guten, die ein befreundeter Philosoph kürzlich erwähnte. Sie kommt dann am schnellsten zustande, wenn es zur Identifikation einladende Stellvertreter gibt, Weiterlesen

… so heißt Alanders Text über die (scheinbare) Vergeblichkeit, einen grundlegenden Wandel für eine bessere Zukunft zustande zu bringen. Ich kenne diese Trauer sehr gut und sie verstärkt sich, weil gerade so viel Hoffnung in der Welt ist. Wie die „Traurigkeit“ entsteht und was wir gegen ihre Ursachen tun können, davon handelt Alanders Beitrag in „Die Posie des Wandels“.

Mit diesem Zitat beginnt Mario Sedlak seinen „Beitrag über Sachargumente contra Gefühlsargumente“.
Warum wir das augerechnet auf ökoligenta empfehlen?

Ganz einfach: Weil ein Paradigmenwechsel ansteht. Nur wenn wir uns ziemlich rasch mental darauf einstellen, dass wir „anders“ leben müssen, sprich zukunftsfähig/enkeltauglich/mitweltverträglich, bekommt der düstere Zukunftshorizont einen kleinen rosa Schimmer. Und um uns mental umzustellen, sollten wir erstmal die Fakten zur Kenntnis nehmen. In unseren Reihen meinen nämlich noch immer viele, dass es wohl so schlimm nicht kommen könne. Das ist zwar psychologisch verständlich – wer gibt schon gerne seine existenzielle Gemütlichkeit auf -, entspricht aber eben nicht den Tatsachen. Und die sind nun mal nicht stimmungsaufhellend (siehe Überschrift).

HIER also zu Marios Blogbeitrag …

[Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay]