Der Eispanzer schmilzt

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„Es gibt nur ein Sein.“ Der hochtheoretische Satz könnte bei rein naturwissenschaflich argumentierenden Physikern ebenso auf Zustimmung stoßen wie bei Menschen mystischer Grundierung. In der relevanten Lebenspraxis sieht das freilich anders aus. Da erlebe ich Trennung, wohin ich blicke. Menschen, die sich beispielsweise dem revolutionären Teil der Gesellschaft zurechnen, lächeln oftmals höhnisch über die Spiris, die eine innere Revolution vorantreiben. Und sehr wohl vorstellbar, dass beide über die Ökos lächeln, die noch nicht gecheckt haben, dass es ohne Revolution, ob nun innen oder außen, nicht weitergeht.

Doch gerade dieses besserwisserische Lächeln ist der Grund, weshalb es tatsächlich so schmerzlich langsam vorangeht. Mit jedem Lächeln, mit jedem Quäntchen Hohn dienen wir der lebensfeindlichen Seite oder richtiger: der Seite, die den Bedürfnissen des Lebens – jenseits ihrer Egoperspektive – gleichgültig gegenübersteht, solange das eigene (Macht- oder Geld-)Konto wächst. Diese lebensferne Seite unserer Welt hat sich über Jahrhunderte bestens organisiert und räumt den Planeten ab, solange es noch etwas abzuräumen gibt. Von der lebensnahen Seite wird sie herzlich wenig in ihrem ruchlosen Tun gestört, denn die „Guten“ sind ja allzu oft mit Besserwisserei und Trennung beschäftigt. Bis heute funktionieren die beiden Prinzipien der altrömischen Machteliten reibungslos: divide et impera, teile und herrsche, sowie Juvenals Aufforderung: Gebt dem Volk „panem et circenses“, Brot und Spiele.

Zu diesem „trennenden Zusammenhang“ ist mir heute der folgende kleine, lesenswerte Text des Cambridge-Professors Andrew Harvey zum Thema „Heiliger Aktivismus“ begegnet:

„Eine Spiritualität, die – ohne ein authentisches politisches und soziales Bewusstsein – nur privat und selbstbezogen ist, kann den selbstmörderischen Moloch der Geschichte nicht aufhalten. Auf der anderen Seite wird ein Aktivismus, der nicht durch eine tiefgründige spirituelle und psychologische Selbsterkenntnis geläutert und in göttlicher Wahrheit, Weisheit und Mitgefühl verwurzelt ist, das Problem, das er zu lösen versucht, nur verewigen, so recht seine Absichten sein mögen. Wenn sich jedoch eine tiefgründige und fundierte spirituelle Vision mit einem praktischen und pragmatischen Streben verbindet, um alle bestehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen zu transformieren, dann wird eine heilige Kraft – die Kraft der Weisheit und der Liebe in Aktion – geboren. Diese Kraft definiere ich als heiligen Aktivismus.“ 

Dem, finde ich, ist wenig hinzuzufügen, allenfalls die inzwischen begründete Hoffnung: Der Eispanzer schmilzt.