Manchmal verhilft das Alter zu Ansichten, die man in jüngeren Jahren gar nicht gewinnen könnte, zum Beispiel beim Pinkeln. Und von da zum Leben im Allgemeinen.

Pippi kommt aus dem Penis. So weit, so klar. Das trifft auch auf Sperma zu. Wenn sich der Penis auf die Suche nach einer Frau macht, kommt häufig dabei Liebe hinten raus. Oder käufliche Liebe, je nachdem. Aber nur das, was gratis ist, ist wirklich etwas wert, genauer: das, was einem das Leben schenkt. Vielleicht werden deshalb ja Luft und Liebe oft in einem Atemzug genannt. Wobei ich mir bei der Luft schon nicht mehr sicher bin. Eines Tages werden wir auch dafür bezahlen müssen.

Pippi machte ich in die Windeln, dann, nur noch sehr selten, in die Hosen und später ins Klobecken, aber vermutlich noch viel öfter besprengte ich Wiesen, Büsche oder Bäume, weil ich ja ein Landkind bin. Auf Autobahnen auf dem Weg zur Adria machte unsere Familie – der VW Käfer blieb unabgeschlossen – Pinkelpause und alle marschierten zum Waldrand. Wir „Männer“ blieben da stehen und öffneten den Hosenlatz, meine Mutter schlug sich in die Büsche. Diskriminierung pur, aber das gehört nicht hierher. Manchmal blieben wir auch auf einem Rastplatz stehen und gingen dort auf die Toilette.

Und dann kam die Zeit, als Pinkeln gebührenpflichtig wurde, jedenfalls auf Raststätten. Bis heute empfinde ich in Restaurants und Gaststätten ein Gefühl romantischer Dankbarkeit, wenn ich dort umsonst pinkeln darf. Denn Pinkeln ist wie Luft und Liebe. Dafür Geld bezahlen zu müssen, bedeutet für mich Demütigung. Noch aus dem letzten Quäntchen Normalität werden ein paar Cent herausgequetscht.

Der Weg vom Pippi zum Leben im Allgemeinen ist kürzer als man denkt. Und der geht so: Ich habe zwei Enkel, beide noch klein, der eine bereits sauber, die Enkelin wird noch gewickelt. Von der geschlechtlichen Liebe wissen sie noch nichts, von der elterlichen werden sie umspült. Wie schön. Aber nun stelle ich mir vor, es käme ein Beamter vorbei und verlangte eine Lebensgebühr für die beiden Kinder. Andernfalls würden sie abgeholt und zu Viehfutter verarbeitet, gegen eine vom Staat großzügig gewährte „Kinder-Veredelungsprämie“. Natürlich würden die Eltern bezahlen. Und nach einem kurzen gesellschaftlichen Aufschrei der konservativen Kräfte wäre die Lebensgebühr-Verordnung schon 20 Jahre später ganz normal. Nur in Ländern wie Burundi oder Afghanistan wären die Eltern froh darüber, dass ihre Kinder geschreddert werden, denn von der weltweit durchgesetzten Kinder-Veredelungsprämie könnten sie einen Monat lang leben.

Von der Kinder-Veredelungsindustrie und ihren Verarbeitungsprodukten für die Supermärkte und Discounter dieser Welt will ich gar nicht sprechen. Es ist auch ohnedies eine grauenhafte Vorstellung, nicht wahr? Aber rund fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre nach jeder Geburt geschieht heutzutage weltweit etwas ganz Vergleichbares: der Lebensverkauf. Weil er aber seit Jahrhunderten gang und gäbe ist, fällt er uns gar nicht mehr auf. Sind nämlich meine Enkelin und mein Enkel erwachsen, dann müssen sie arbeiten gehen, damit sie in Würde weiterleben dürfen. Können sie ihr Leben nicht verkaufen, werden sie nur seelisch geschreddert, sprich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Zugleich sollen sie dankbar sein, dass sie nicht physisch weiterverarbeitet, sondern sogar noch harzlich unterstützt werden. Aber  in Ländern wie Burundi oder Afghanistan gibt es keine solche staatliche Großharzigkeit. Dort gehen sie entweder auf den Strich, verdingen sich als Kindersoldaten, graben auf Müllkippen nach Essbarem oder verkaufen eine Niere, denn schließlich haben sie ja zwei. Und wenn das alles nichts mehr nützt, treiben ihre Bäuche wegen Eiweißmangel ballonförmig auf, der Hungerstoffwechsel setzt ein und schließlich verrecken sie irgendwie irgendwo.

Eine grauenhafte Vorstellung, nicht wahr? Geschieht aber täglich zigtausend mal. Deswegen frage ich mich jedesmal, wenn ich fürs Pinkeln 1 € entrichte: Was kostet das Leben?

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