von Sarah Brockhaus

Im Supermarkt steht ein Päckchen Karotten, eingeschweißt in Plastikfolie. Preis: 0,59 €. Auf dem Markt, beim Biolandhändler, der die Karotten selbst in der Region anbaut, sind es 2 € pro Kilogramm. Sind diese Karotten dann mehr wert als die aus dem Supermarkt? Und woraus errechnet sich ihr Wert überhaupt?

In meinem Minijob habe ich einen Stundenlohn von knapp über 10 €. Für die Zeit, die ich im Weltladen stehe und fair gehandeltes Kunsthandwerk und Lebensmittel verkaufe, bekomme ich kein Geld. Ist diese Arbeit deshalb nichts wert?

Die meisten werden an dieser Stelle wahrscheinlich schon einhaken und dagegenhalten: Dabei geht es ja nur um Geld und Geld ist nicht der Maßstab. Oder sollte es zumindest nicht sein. Ist es aber noch viel zu sehr, finde ich. Geld als Maßeinheit macht es einfach, einen Wert einzuschätzen. Denn jeder stimmt sofort zu, dass etwas für hundert Euro mehr wert ist als etwas für zehn Euro. Folglich müssten meine Bio-Karotten vom Markt auch mehr wert sein als die Supermarktkarotten. Warum?

Ein Problem ist wohl das, was auch in der Umweltökonomie schon seit einigen Jahren diskutiert wird: Ein Produkt spiegelt nicht immer seinen wahren Wert wider, weil die sogenannten externen Kosten nicht internalisiert und deshalb nicht beachtet werden. Die eigentlichen Kosten, die die Supermarkt-Karotten verursachen, bleiben auf der Strecke – sei es die Fruchtbarkeit des Bodens, die durch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden nach und nach verloren geht, oder auch das CO2, das während der Ernte, des Transports und der Herstellung der Plastikverpackung ausgestoßen wird.

Die ersten Versuche, solche Kosten miteinzubeziehen, wurden umgesetzt. Schließlich soll z.B. die Kraftfahrzeugsteuer oder die Mineralölsteuer als eine Umweltsteuer dienen und der Emissionszertifikathandel soll ja genau diese Kosten in ein Produkt integrieren. Dass beide Mittel im Moment kaum Wirkung zeigen, weil die Preise viel zu niedrig angesetzt sind, will ich hier gar nicht diskutieren.

Geld nimmt nach wie vor – wenn auch oft eher unter der Bewusstseinsschwelle – einen viel zu hohen Stellenwert ein, finde ich. Dabei zeigt eine Auswertung von Statista, dass ein hohes Einkommen und materieller Wohlstand nur an 14. Stelle der wünschens- und erstrebenswerten Dinge im Leben stehen. An den ersten Stellen stehen zum Beispiel Freude, Familie, eine gute Partnerschaft und Kinder. Sogar Naturerfahrungen und „in der Natur sein können“ rangieren vor einem hohen Einkommen. Und trotzdem: Wie viele Leute, die bei dieser Umfrage befragt wurden, sitzen jetzt wahrscheinlich gerade in einem Büro und arbeiten an ihrem materiellen Wohlstand, statt draußen die Sonne zu genießen?

Übrigens, Sicherheit zum Beispiel taucht zumindest in dieser Statistik gar nicht auf. Dafür der Wunsch danach, die Welt kennen zu lernen, Spaß zu haben oder viele neue Erfahrungen zu machen. Ist das die Antwort? Brauchen die Menschen dafür ihr Geld, um sich diese Wünsche erfüllen zu können? Für ihre Unabhängigkeit, die auch weit vorne auf der Wunschliste steht?

Oder warum ist Geld nach wie vor der verbreitete Maßstab dafür, wie viel etwas wert ist? Und wie wäre es, wenn wir einfach mal einen anderen Maßstab einführen?

Wäre es nicht viel schöner, wenn ich sagen könnte:

Heute hatte ich Zeit, mich mit einem wildfremden Menschen zu unterhalten.
Heute hatte ich Zeit, in der Sonne zu sitzen und dem Wind zu lauschen.
Heute hatte ich Zeit, mit dem Fahrrad zu fahren statt mit dem Auto.

Oder nicht einmal das, denn Zeit ist ja auch wieder quantitativ. Wenn ich einfach sagen kann:

Ich habe Freunde.
Ich habe Familie.
Ich habe intakte Natur um mich herum.

Und wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja eines Tages, nur noch in Qualitäten zu messen. Und nicht in Quantitäten.

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