Ich und der Wandel – Interviews zur Wandelbewegung


4 Fragen zum Großen Wandel und zur Wandelbewegung stell(t)en wir verschiedensten Menschen. Ihre Antworten spiegeln den Ist-Zustand der Gesellschaft und beschreiben die gemeinsame Vision für den Großen Wandel.


  1. Was verstehst du unter Wandelbewegung?
  2. Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?
  3. Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?
  4. Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Wenn auch DU diese Fragen gerne beantworten möchtest, darfst Du das liebend gerne tun. Wir werden es dann für Dich hier einstellen, wenn Du uns Deine Antworten zuschickst. Für Deine Bereicherung des bunten Ansichten-Kaleidoskopes bedanken wir uns schon jetzt im Voraus.

Bobby Langer


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Dazu zählen die Menschen, die nicht die Hoffnung aufgeben, dass wir uns eines Tages als Hüter dieses Planeten verstehen. Und das sind die Organisationen und Initiativen, in denen diese Menschen arbeiten, oft bis an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Was sie trägt und stärkt, ist das Wissen um etwas Größeres, in das sie eingebettet sind, dem gegenüber sie aufgrund ihres Bewusstseins aber auch eine gewisse Verpflichtung haben. Und wenn schon kein Wissen darum, so doch wenigstens eine Ahnung.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Ich möchte dazu den Untertitel des Grundlagenbuches von Dieter Duhm zitieren: Was wir leisten müssen – und werden – ist ein Wechsel „von der Matrix der Gewalt zur Matrix des Lebens“, was wir schaffen müssen und werden, ist nichts weniger als die „Grundlagen einer neuen Zivilisation“. Ich weiß, das klingt vermessen, aber letztlich ist das die Mindestanforderung. Ohne einen echten Paradigmenwechsel – ähnlich dem von einer Jäger- und Sammlerkultur hin zu einer Agrargesellschaft – werden wir die Erde eines Tages wüst und leer zurücklassen, vor allem leer von der Mehrheit der Menschheit.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Ein entscheidender, wenn nicht DER entscheidende Durchbruch wäre ein Intelligenzsprung auf der Ebene der Großunternehmen. Man muss sich nur mal vorstellen, was passieren würde, wenn sich ein Global Player wie Bayer in den Dienst des Wandels stellen würde. Ich halte das zwar nicht für wahrscheinlich, aber auch nicht für vollkommen unmöglich. Mit Intelligenzsprung meine ich die Einsicht, dass man sich nicht den Ast absägt, auf dem man sitzt. Dazu braucht man aber erst einmal genug Grips, diesen Ast zu erkennen.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Da ist das unermessliche Leid bei Mensch und Tier und aller Kreatur, das unser Zivilisationsmodell anrichtet, was in mir einen chronischen Schmerz auslöst. Und da ist die ebenso unermessliche Bornierheit – nicht Dummheit – und Verdrängungsfähigkeit hochgebildeter Menschen, die mich immer wieder fassungslos macht. Auf der anderen Seite gibt es in der Wandelbewegung so viele wunderbare Menschen, die in mir Hoffnung wecken und das Feuer brennen lassen. Tatsächlich hat sich in den letzten dreißig, vierzig Jahren unglaublich viel zum Guten bewegt.


Bobby Langer, ökoligenta, ecofairPR

Corinna Vosse, Akademie für Suffizienz


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Ich verstehe mich als Teil der Wandelbewegung und mein Hauptansatz ist es, die Wirtschaft zu verwandeln, weil ich da den Kern des Problems sehe, in das wir geraten sind. Ich bin Sozialwissenschaftlerin und Projektmacherin und schon vor langem zur Nachhaltigkeitsbewegung gestoßen. Ohne dass wir eine Wirtschaftsweise finden, in der wir mit weniger auskommen und unseren Bedarf ökologisch und sozial verträglich abdecken, wird es mit dieser Gesellschaft nicht mehr lange weitergehen.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Ich denke, der Wandel muss zwei Richtungen, zwei Bewegungen haben: Wandel in den Menschen, damit sie achtsamer werden und liebevoller sich selbst und der Mitwelt gegenüber. Wenn wir uns nicht fragen, was wir wirklich brauchen und wovon wir abhängen, kommen wir nicht zu einem gesunden Gemeinwohl. Auf der anderen Seite sind andere Strukturen nötig. Das ist mindestens genauso schwierig, ich befürchte sogar, schwieriger. Wie es da weitergehen kann, ist mir aber noch unklar und auch allen anderen, die ich kenne. Im besten Fall mit ganz kleinen Schritten. Die Politik fühlt sich von der Wirtschaft abhängig, die Wirtschaft ist von Wachstumszwängen getrieben, und so dreht sich das im Kreis.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Wir leben in Strukturen, die uns unzufrieden machen und die ein nicht nachhaltiges Handeln fördern ohne Rücksichtnahme. Durch unser achtloses Tun reproduzieren wir das System. Es braucht individuell aufrüttelnde Erfahrungen und Erlebnisse, damit wir sagen können: „Ich will was anderes! Will anders sein und anderes tun“, auf der anderen Seite sind wir in Strukturen mit ganz falschen Anreizen eingebunden wie z.B. „wenn ich mit der Bahn fahre, kostet das aber dreimal so viel wie mit dem Auto“ oder „hier gibt es ja gar kein vegetarisches Essen“ usw. usw.. Man hat einen unfassbaren Aufwand, mehr Kosten und mehr Zeit, wenn man auch nur annähernd nachhaltig leben will.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Für mich ist das Leiden in der Welt unerträglich, das hervorgerufen wird durch das nicht nachhaltige Wirtschafts- und Lebensmodell, in dem wir alle stecken. Auch das Tierleid. Ich war schon als Jugendliche Vegetarierin und will ein Leben in Demut und Aufmerksamkeit führen, indem ich versuche, Liebe in die Welt zu bringen und dabei die ganzen Widersprüche aushalte. Es ist so eine Mischung, die ich leben möchte, aus Freude und Leichtigkeit zum Einen, weil wir daraus Kraft schöpfen, und aus selbstlosem Engagement und auch körperlichem Einsatz für ein nachhaltiges Leben. Denn es wird unvermeidlich anstrengend sein, wenn wir wieder selber arbeiten und uns nicht auf Basis fossiler Energie versorgen. Dafür spüren wir uns selbst und unsere Verbindung zur Welt, und das ist mehr als eine Entschädigung.


Corinna Vosse, Akademie für Suffizienz (http://www.akademie-suffizienz.de)

Eva Stützel, Ökodorf Sieben Linden


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Die Wandelbewegung umfasst alle Menschen, die sich für einen Wandel in dieser Welt hin zu mehr Achtsamkeit gegenüber der Mitwelt einsetzen. Zur Mitwelt, so wie ich sie verstehe, gehören die Erde, alle Lebewesen, die auf ihr leben, die anderen Menschen – und auch wir selber!

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Wir brauchen insbesondere ein anderes Verständnis von Wohlstand. Wir leben nicht in Wohlstand, wenn wir uns das dritte Auto und den Swimmingpool leisten können, sondern wenn wir in sinnhaften, erfüllenden Beziehungen in einer intakten Umwelt leben, Aufgaben haben, die uns ausfüllen, und das Vertrauen haben können, dass wir stets ein warmes Zuhause und genügend zu essen haben.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Die Entwicklung zu mehr Gemeinschaftlichkeit auf so vielen Ebenen. Ich komme ja aus der Bewegung der Lebensgemeinschaften / Ökodorfer. Aber ich sehe bei so vielen anderen Initiativen neue Gemeinschaftlichkeit aufblitzen: in Transition Towns, Urban Gardening Projekten, Commons, Open Source Bewegung, Tauschringen, Nachbarschaftshilfe, Bürgerenergiegenossenschaften …. Diese gemeinschaftlichen Zusammenhänge bilden ein Fundament für eine andere Gesellschaft, sie motivieren für weiteres Engagement und sind Keime der neuen Gesellschaft.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Mich berührt, dass ich in dieser Bewegung immer wieder sehr interessante, inspirierende Menschen treffe, von denen ich viel lernen kann.


Eva Stützel, Mitbegründerin des Ökodorfs Sieben Linden und Entwicklerin des Gemeinschaftskompasses. (www.gemeinschaftskompass.de)

Eric Roder, 34, Zeitgeist Movement


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Die vorwärtsgerichtete Änderung der derzeitigen „Umwelt“ durch aktive, gestaltende Menschen – raus aus einem kapitalistischen, geldbasierten, konkurrenzgetriebenem sozio-ökonomischen Wirtschaftsmodell, das mit dem Namen nichts gemeinsam hat, hin zu einem kooperativen, nachhaltigen, effizienten, teilenden und teilhabesichernden, wirklichen Wirtschaften (Teilen).

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Durch Mark und Bein durch Absicherung der Abgehängten, Förderung der Gestalter, Umkehr des Vermögensverteilungsproblems, Ursachen- anstatt Symptombewältigung – kurzum: radikal, also im Sinne von an die Wurzel der Probleme gehend. Und das alles ausgerichtet auf die Kapazitäten der Natur und im Einklang mit ihr.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Ernährung, Konsum, Energie, lokal bzw. dezentral handeln – global denken.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Das Leid der Tiere, das Leid der Menschen, das Leid der Natur. Ein besseres Leben für alle ist möglich – die Mittel dazu hätten wir.

Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Die vorwärtsgerichtete Änderung der derzeitigen „Umwelt“ durch aktive, gestaltende Menschen – raus aus einem kapitalistischen, geldbasierten, konkurrenzgetriebenem sozio-ökonomischen Wirtschaftsmodell, das mit dem Namen nichts gemeinsam hat, hin zu einem kooperativen, nachhaltigen, effizienten, teilenden und teilhabesichernden, wirklichen Wirtschaften (Teilen).

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Durch Mark und Bein durch Absicherung der Abgehängten, Förderung der Gestalter, Umkehr des Vermögensverteilungsproblems, Ursachen- anstatt Symptombewältigung – kurzum: radikal, also im Sinne von an die Wurzel der Probleme gehend. Und das alles ausgerichtet auf die Kapazitäten der Natur und im Einklang mit ihr.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Ernährung, Konsum, Energie, lokal bzw. dezentral handeln – global denken.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Das Leid der Tiere, das Leid der Menschen, das Leid der Natur. Ein besseres Leben für alle ist möglich – die Mittel dazu hätten wir.


Eric Roder (34) engagiert sich zum Beispiel bei Zeitgeist Movement.

Anja Dabrowski, 43, Positive Nett-Works e.V., Kultur des Wandels, Makers for Humanity


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Wandelbewegung ist für mich die Summe aller Menschen, die umdenken, umdenken wollen, die für das, was sie vorfinden, für das, von dem sie sagen, das passt nicht mehr, ist nicht zukunftsweisend, Lösungen suchen, teilweise auch schon Lösungen gefunden haben. Das sind eben mittlerweile nicht mehr einzelne, sondern viele, und damit ist es eine Bewegung.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Der gesellschaftliche Wandel müsste für mich sehr weit gehen, er müsste – so ein Bauchgefühl – bei 80 Prozent der Menschen weltweit ein Wandel stattgefunden haben, damit man die restlichen 20 Prozent mitnehmen kann. Mit „weit gehen“ meine ich vor allem den inneren Wandel. Die Haltung der Menschen muss sich nach und nach ändern, dann ändert sich auch das Handeln. Solange wir an altem Denken und Fühlen festhalten, kann an der Stelle kein Wandel geschehen. Dann machen wir weiter mit den Dingen, die ungut sind für Umwelt und die Menschen selbst.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Ohne innere Änderung machen wir hier und da Aktionen, aber es bleibt an der Oberfläche. Das ist auch ganz nett, aber es trägt nicht, hält nicht an. Wenn wir aber unsere Haltung ändern, wie wir miteinander leben wollen, ob wir achtsam sein und uns auch selbst lieben wollen – das halte ich für ganz, ganz wichtig – dann haben wir Respekt und Achtung für alles, was auf dieser Erde ist, dann können wir gar nicht mehr anders, als uns richtig zu verhalten. Das ist der Anfang und der Grundstein für gesellschaftlichen Wandel.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Mich berührt, dass Veränderung möglich ist und man damit längst nicht mehr allein ist. In einer solchen Atmosphäre kann man Dinge vollbringen, die man sonst nicht schaffen würde. Es schiebt sich gut, wenn man weiß, es schieben noch viele andere.


Anja Dabrowski, 43, im Vorstand des Positive Nett-Works e.V., Kultur des Wandels, Makers for Humanity

Johannes Pfister, 65, think camp, UnaVision, Global-Marshall-Plan-Initiative


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Bis vor kurzem war mir das noch kein Begriff. Aus dem Englischen kannte ich das Wort changemaker. Aber es ist klar, dass viele Menschen am gesellschaftlichen Wandel arbeiten und dass es mehr werden sollen. Dass sie sich vernetzen und man diesem Vorgang einen Namen gibt.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Wir brauchen eine radikale Änderung. Aus meiner Sicht gilt das fürs Bildungswesen, das Gesundheitswesen, das Arbeitswesen. Der Wandel ist ein ganzheitlicher Ansatz, man kann eigentlich keinen Teil der heutigen Gesellschaft so lassen, wie er ist.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Wir brauchen transformatives Lernen. Die Menschen machen Dinge, von denen sie wissen, dass es falsch ist, machen aber trotzdem weiter.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Bei mir kam so ein turning point vor rund 17 Jahren mit ziemlich krassen Konsequenzen. Ich habe gesehen, dass vieles nicht so läuft, wie es laufen sollte und ich habe mir gesagt, da mach ich nicht mehr mit und habe mein Geschäft geschlossen.


Johannes Pfister, 65, im Vorstand von think camp und UnaVision, hat die Global-Marshall-Plan-Initiative mit aufgebaut.

Helmut Wolman, Ideen³ e.V., Karte von morgen

Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Ich verstehe darunter die Vielfalt der Menschen, die aus dem Bewusstsein einer weltweiten ökologischen, sozialen und friedlichen Entwicklung heraus neue Wege suchen, träumen, diskutieren und ausprobieren. Ganz konkret sehe ich dabei viele Initiativen und Unternehmen, die einfach Dinge neu denken und anders machen: Transition-Towns, Solidarische Landwirtschaften, Gemeinwohlunternehmen, Demeterhöfe …

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Wir müssen als Wandelbewegung mehr Menschen erreichen! So viele, dass Politiker und Unternehmen an unseren Fragen zur Zukunftsfähigkeit unseres Handelns nicht mehr vorbeikommen. Das schaffen wir, in dem wir Räume für Entwicklung öffnen, wo Menschen reflektieren und sich selbst kennen lernen können, um ihre wahren Bedürfnisse zu finden.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Eine Kultur der Lebensfreude entwickeln, die großzügig werden lässt, damit Menschen abgeben und teilen können. Wir müssen von unserem Ego-Weltbild zur Co-Creation kommen.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Bei mir hat das nicht unbedingt so eine traurige Kompontente. Ich entdecke gerne Neues und löse drängende Probleme. Deshalb ist die Wandelbewegung genau der richtige Ort für mich.

Helmut Wolman, Vorstand Ideen³ e.V., Karte von morgen (https://www.kartevonmorgen.org)

Kai Kuhnhenn, 40, Konzeptwerk neue Ökonomie, degrowth


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Es war mir schon klar, dass es sowas gibt, Repair-Cafes, Wohnprojekte, Ökodörfer, Maker-Spaces, Umsonstläden und vieles andere – ich kenne das eher unter dem Label „Reallabore für ein anderes Wirtschaften“ oder „Halbinseln gegen den Strom“ (Friedrike Habermann). Der Sammelbegriff Wandelbewegung ist mir allerdings neu.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Sehr weit, wir müssen auf allen Ebenen weiterkommen, da wir weder ökologisch nachhaltig noch in einer gerechten Gesellschaft oder demokratischen Gesellschaft leben. Es geht also um eine grundlegende sozial-ökologische Transformation für ein gutes Leben für Alle.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Es gibt immer mehr Menschen, die abgehängt sind und nicht mehr dazugehören. Andererseits gibt es immer größere Teile, die sich aus Angst vor dem eigenen Abstieg von diesen abgehängten Teilen distanzieren und Abneigungen entwickeln. Ich glaube mehr Verteilungsgerechtigkeit und damit auch materielle Sicherheit für alle wäre ein erster sehr wichtiger Schritt.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Wenn ich sehe, wie Menschen für ein gemeinsames Ziel zusammen kommen, egal wie unterschiedlich ihre Hintergründe sind, dann geht mir das oft sehr nahe und ich finde das sehr motivierend.


Kai Kuhnhenn, 40, Konzeptwerk neue Ökonomie / degrowth, K.Kuhnhenn@knoe.org,

Yasmin Dorfstetter, 35, Österreich, UnaVision, Think Camp, Art of Cooperation

Was verstehst du unter Wandelbewegung?

In Österreich sprechen wir zunehmend statt von Wandelbewegung von Wandelgesellschaft. Der Begriff Zivilgesellschaft ist uns zu eng gefasst. Auch Unternehmen, Verwaltung und Politik gehören dazu, wenn wir die Große Transformation gemeinsam schaffen wollen. Wir brauchen alle vereinten Kräfte aus diesen Bereichen, die wandelaffin sind, die mitgehen wollen, die aber auch oft gefangen sind in ihren klassischen Institutionen. Sie sind ganz wichtig, damit wir gemeinsam zielgerichtet voranschreiten können, hin zu einem guten Leben für alle.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Er müsste an Intensität noch zunehmen und schneller werden. Ich habe manchmal den Eindruck, uns rinnt die Zeit davon. Aber es ist ein ganz tiefgreifender Wandel, der Zeit braucht.

Ich komme aus dem Bereich Klimaschutz. Wir haben das Parisabkommen, die Einigung auf maximal 2 Grad Erwärmung, eigentlich 1,5 Grad, da kann man sehr genau berechnen, was wir noch dürfen. Wir müssen eigentlich mit 10 Prozent der Treibhausgasausstöße klarkommen, die wir heute verursachen. Wie schaut das aus, frage ich mich? Fahre ich dann statt an zehn Tagen nur noch an einem Tag in die Arbeit? Wir haben überhaupt keine Bilder dafür, wie wir das erreichen. Wir reden immer von sparen, aber ich kann ja auch nicht von zehn Lampen neun rausdrehen und nur noch eine brennen lassen. Uns fehlen die positiven Lösungen. Wir kommunizieren immer die Einschränkungen. Was wir brauchen, sind Vorschläge, zu denen die Leute sagen: „Wandel, ja, wow, so will ich leben! Das ist ein Gewinn an Lebensqualität.“ Den genauen Weg habe ich leider noch nicht, aber wir arbeiten dran, gemeinsame und persönliche Visionen guten Lebens zu entwickeln. Individualität in der Kollektivität ist vielleicht ein Schlüsselaspekt.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Eine schwierige Frage, so ich auch schon mehrere Punkte versucht habe: In der Forschung habe ich mir gedacht, könnte ein guter Ansatzpunkt sein. Aber die ist leider schon sehr bürokratisch, teilweise wirtschaftlich geprägt und eingeschränkt. Dort kämpfen hochqualifizierte intelligente Menschen darum, ihre befristeten Stellen immer wieder durch kurzfristige Projektgelder zu verlängern, anstatt sich ihrer Forschungsarbeit voll widmen zu können. Und noch kommt zu wenig von den Ergebnissen an der Basis an. Hier ist in Zukunft mehr transformative Forschung und Co-Creation gefragt.

Dann in der Verwaltung in der Vorstellung, da ist man nahe an der Politik, die muss doch etwas tun können, hört man immer. Aber auch hier habe ich schnell die Grenzen erleben müssen. In der Landesverwaltung z.B. verlaufen sie in der Regel entlang der geographischen Grenze, manchmal auch schon intern zwischen den Ressorts. Da passieren dann im Extremfall skurrile Dinge, die zwar die eigene Energiebilanz schlanker werden lassen, aber anderenorts neue Emissionen verursachen, die vielleicht noch höher liegen, als die eigenen Einsparungen waren. Außerdem kommt man von dieser Ebene schwer ran an die Menschen. Es werden die besten Maßnahmenpläne geschrieben, Gesetze erlassen, Förderungen vergeben und doch liegt die Umsetzung an der Basis bei den Makern und Grassroots-Bewegungen. Gerade im Bereich des Nutzerverhaltens gibt es hier zu wenig Einfluss. Dafür sind die Umweltauflagen im Betriebsbereich oder bei neuen Anlagen durch Umweltverträglichkeitsprüfungen sehr gut. Hier ist das Potential in Europa nahezu ausgeschöpft. „The low hanging fruits are picked“, sagt man. Nun gehts an die persönliche Bequemlichkeit und auch meine vermeintlich unbegrenzte Freiheit. Das ist für viele unbequem. Aber meine Freiheit hört da auf, wo sie die Freiheit anderer – auch nachfolgender Generationen – einschränkt.

Noch ein Punkt: Wir müssen bei uns selber anfangen. Viele sagen: Ich kann nichts tun, es ist die Politik, sind die Chinesen, die Wirtschaft, immer wer anders, die etwas tun müssen. Aber das genau ist falsch. Wir müssen den Wandel authentisch vorleben. Das fällt auch mir selber immer noch schwer. Ich bin immer noch Teil des Problems. Zwar versuche ich, Teil der Lösung zu werden, aber das ist noch ein weiter Weg. Daran zu arbeiten, ist für mich eine notwendige und lohnenswerte Aufgabe.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Ich habe mein Lebensziel in meiner Jugend definiert, nachdem mein Vater gestorben war: Wozu ist dieses Leben überhaupt gut, wenn es so schnell vorbei sein kann, habe ich mich damals gefragt. Entweder ist es wertlos, dann kann ich auch gleich gehen, oder ich kann schauen, dass ich ihm einen Wert verschaffe. Ich hab damals für mich definiert: Ich möchte diesen Planeten ein kleines Stück besser verlassen als er war, als ich ihn betreten habe. Man sucht sich das ja nicht aus, sondern ist irgendwann da, wird hineingeboren. Dann läuft man los und stellt irgendwann fest, auf der wohlhabenden Seite der Weltkugel gelandet zu sein, nie hungern zu müssen, ein Dach überm Kopf, Sicherheit, Frieden und eine Ausbildung genießen zu dürfen. Ich habe während meiner Ausbildung in Südamerika und in China unheimlich viel lernen dürfen und können. Wissen ist aber nicht nur Macht, es ist auch Verantwortung, und ich möchte es nicht umsonst haben. Am Ende möchte ich sagen können: Yoo, ich habe meinen Teil dazu beigetragen und es ist besser geworden. Da sehe ich aber noch einen weiten Weg vor mir, vor uns allen und in welche Richtung der führt, werden die nächsten Jahrzehnte zeigen. Ich bin trotzdem dankbar dafür, in einer derart spannenden Zeit gut leben zu dürfen.


Yasmin Dorfstetter, 35, Österreich, UnaVision, Think Camp, Art of Cooperation

Gabi Bott, 57, Ökodorf Sieben Linden


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Das ist für mich der Wandel von einer lebenszerstörenden zu einer lebensfördernden, enkeltauglichen Gesellschaftsform. Wichtig für mich ist, nichts auszuschließen, den Schmerz genauso wie die Freude zuzulassen, mich als Individuum im Netz des Lebens – mit Menschen, Tieren, Pflanzen, der Erde, dem ganzen Universum – verbunden fühlen. Schmerz ist ein SOS Signal und braucht ein Wahrnehmen, ein Ursachen Ergründen und ein drauf Eingehen. Die Vernetzung zu spüren, zu spüren, dass ich verbunden bin mit allem und deshalb zu wissen: Was ich tue, wirkt, und was ich nicht tue, wirkt auch. Für mich hat das mit Bewusstseinswandel zu tun, ein Bewusstsein zu bilden für das Ganze und daraus zu handeln. Da ist es gut zu wissen (vom Kopf und vom Herzen): Was sind meine Schätze, was sind meine Fähigkeiten, was ist meine Aufgabe und wie kann ich sie mir und der Welt schenken? Was ist heilsam, was führt zum Frieden in mir und in der Welt? Und dann zum Handeln kommen!

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Ich habe für mich ein schönes Bild davon, das einer Spirale, die sich dreht und immer wieder an ähnliche Punkte kommt, doch nie sind sie gleich. Mal dreht sie sich schneller, mal langsamer, doch sie bleibt nicht stehen. Es gibt für den Wandel kein Ende nach dem Motto: „Oh, jetzt haben wir den Wandel, da bleiben wir jetzt stehen.“ Leben ist für mich Bewegung innen und außen.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Es gibt keine Prioriätenliste von eins, zwei, drei und das baut aufeinander auf. Viele Menschen sind am Tun, gehen auf die Straße, bauen Alternativen auf oder ziehen sich eine Zeitlang zurück, um sich auszuruhen und wieder zu nähren. Für mich ist es ein sowohl als auch, es läuft parallel und letztlich ist alles gleich wichtig. Für mich ist wichtig, dass ich mich bewege – innen wie außen. Auch: den Wandel in mir zu bejahen. Und da gibt es ein Wort, das nicht so beliebt ist: Verzicht. Aber bei genauem Hinsehen heißt das Innehalten und schauen, was mir wirklich wichtig ist und mich zu fragen: Wie wünsche ich mir unsere Welt, die Welt, die mir guttut und die auch anderen Lebenwesen Freude bringt. Wie nachhaltig ist das, was ich tue oder vorhabe für unsere gemeinsame Lebensgrundlage. Und wenn ich bei anderen etwas wahrnehme, das mir widerspricht, es nicht abzulehnen und zu sagen: „Das geht gar nicht!“, sondern zu fragen: „Ich versteh das nicht, warum du das jetzt machst. Bitte erklär’s mir!“ Das ist für mich eine Grundlage in jeder Art von Gemeinschaft, auch der Weltgemeinschaft: in Kontakt gehen, zu fragen und nicht von vornherein zu urteilen.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Mich berührt sehr die Schönheit unserer Erde, das Wunder des Lebens im Kleinen wie im Großen, und mich berührt auch ihre Zerstörung und dass ganze Arten verschwinden. Und wie Menschen weder die Schönheit noch die Zerstörung an sich ranlassen können, weil sie sich getrieben fühlen, irgendeinem Profit hinterherjagen oder/und sich ohnmächtig fühlen, irgendetwas daran zu ändern. Das kann lebenszerstörerisch wirken, und dieses Lebenszerstörerische richtet sich dann auch gegen sie selber. Ich bin Teil dieses großen Netzwerkes, und mein Wunsch ist, weiter mitzukreieren, bis zu meinem letzten Ausatem. Die Zukunft ist offen, es kann sich in Richtung lebenszerstörend, aber auch in Richtung lebensunterstützend bewegen. Ich weiß nicht, wie es weitergeht, aber vielleicht bin ich ja die letzte Imagozelle, die dafür sorgt, dass der Schmetterling aus dem Konkon herausschlüpft. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich oft an Joanna Macys Satz, dass wir beides sind, die Sterbegleiter der alten Welt und die Geburtshelfer einer neuen.


Gabi Bott, 57, Ökodorf Sieben Linden, meine Herzarbeit ist die der Tiefenökologie, www.gabibott.de

Imke Eichelberg, 29, Transition Town Frankfurt


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Ich bin selbst bei Transition Town, da steckt der Wandel schon im Namen. Wir sind eine Bewegung innerhalb der viel größeren Wandelbewegung. Für mich geht es um den Wandel hin zu nachhaltigen Lebensweisen und allem, was dazu gehört. Es gibt unzählige Menschen in vielen Organisationen, die sich auf unterschiedliche Weise und auf verschiedenen Ebenen für langfristig gutes Leben einsetzen. Wir alle zusammen bilden die Wandelbewegung.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Na ja, ziemlich weit. Wir leben auf einem Planeten, auf dem eine gewisse Anzahl Atome vorhanden sind, die sich irgendwie organisieren. In der Natur klappt das auf ganz verblüffende Weise wie von Zauberhand. So wie wir Menschen es im Augenblick machen, funktioniert es langfristig nicht. Wir müssen die Kultur und das Soziale so verändern, dass wir wieder in Kreisläufe reinkommen, die sich selbst erneuern. Die angepasst und abgestimmt sind und gute Interaktion haben mit anderen Lebewesen und mit den vorhandenen Ressourcen. Dafür brauchen wir einen fundamentalen Wandel.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Die einfache Antwort wäre: einfach alle. Das Schöne daran: Es ist eigentlich egal, wo man anfängt. Deshalb können unterschiedliche Menschen auf unterschiedlichen Ebenen und an unterschiedlichen Punkten arbeiten. Vielleicht ein Schwerpunkt: Wir müssen wichtige Entscheidungsträger im alten System für uns gewinnen und sie zu uns einzuladen. Denn sie können ganz große Veränderungen bewirken. Außerdem finde ich den inneren Wandel unheimlich wichtig. Es ist ein großes Manko, dass viel im Außen gemacht wird und wir uns zu wenig Zeit und Raum nehmen, um in unser Inneres zu spüren.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Eigentlich versuche ich mir selbst eine gute Welt zu schaffen, in der ich gut leben kann. Das ist ein sehr egoistisches Ziel. Dadurch, dass ich aber immer mit Anderen verbunden und auch abhängig bin – nicht nur von Menschen, sondern zum Beispiel auch von Bäumen, deren Sauerstoff ich brauche, usw. – ist dieser egoistische Ansatz automatisch ein Gemeinschaftsprojekt. Es berührt mich zu merken, dass ich nicht alleine bin mit meinen Überlegungen, Sorgen und Visionen. In der Wandelbewegung kann mich mich so zeigen, wie ich bin und darf als Mensch ganz da sein. Die emotionale Verbindung, die mir in sonstigen Kontexten oft fehlt, tut mir sehr gut. Sie gibt mir die innere Freiheit und den Mut für persönliche Entwicklung und liebevollen, tatkräftigen Einsatz für ein gutes Miteinander.


Imke Eichelberg, 29 Jahre, Transition Town Frankfurt.

Angelika Bröder, 60, Human Connection


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Unter Wandelbewegung stelle ich mir vor, dass Menschen tatsächlich in Bewegung sind, etwas in der Art und Weise ihres Lebens zu verändern, weil das Bestehende nicht menschengerecht und naturgerecht ist. Eine Bewegung für den Weiterbestand der Erde, der Natur und der Menschheit.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Auf jeden Fall global, weltweit und beginnend am besten in den Familien, dann in den Kindergärten, Schulen, die ganzen Institutionen hoch, dann die Kaufleute, alles, was sich in der Gemeinde bewegt, von den Gemeinden in die Städte, von den Städten in die Länder und Nachbarländer, und diese Wandelbewegung in alle Weltsprachen projizieren.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Besonderen Wert lege ich auf die Kommunikation miteinander, bestehend in den Begegnungen, weil alle Sinne wichtig sind, um ein Herzbewusstsein zu erreichen. So können wir den Menschen ehrlich begegnen. Das Herzbewusstsein kann dann den Verstand lenken und den Geist wach machen für die Dinge, die tatsächlich passieren.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Das Chaos in der Welt bewegt mich. Wir können dieses Chaos ordnen, auflösen mit all unseren Ideen, Talenten und Visionen und im Zusammentreffen mit Menschen. Das ist der Flügelschlag eines Schmetterlings, der ein Erdbebeben auslösen kann. Diese Erdbebenstärke können wir mit der Wandelbewegung bringen und so mit jeder kleinen Aktion, mit jeder Geste, jedem Blick, den wir auf den anderen richten und der andere auf uns. Ein böses Wort, was kann das für eine Hasswelle auslösen. Das gilt natürlich auch für die Liebe. Dann sehen wir: Ah, da ist ein Mensch. Es ist die Haltung, die wir annehmen, unsere Egos zurückschrauben und sagen: Ja, ich bin, die anderen sind aber auch. Ich bin nicht das Wichtigste, aber gleichzeitig bin ich das Wichtigste, aber in welcher Funktion? Sich herausstellen und sich wieder zurücknehmen, diese Hin-und-Her-Bewegung, nicht stehenbleiben, das ist der Wandel.


Angelika Bröder, 60, Human Connection, ökoligenta

Roland Alton, 53, Dornbirn, Österreich


Was verstehst du unter Wandelbewegung?

Zur Wandelbewegung gehören Menschen und Organisationen, die ein gutes Leben für alle entweder schon leben oder dafür brennen, dass es bald umgesetzt wird, inklusive der ökologischen und sozialen Komponenten der Umverteilung von Ressourcen. In der Wandelbewegung gibt es viele Initiativen, die mit neuen Werkzeugen arbeiten, vor allem mit Werkzeugen der Kommunikation. Die Makers for Humanity wollen auch praktisch etwas umsetzen, mein Eindruck vom Pfingsttreffen in Gräfenhainichen war jedoch, dass da sehr viel diskutiert und etwas wenig gezeigt worden ist.

Wandel ist für mich nur ein mäßig brauchbarer Begriff nach außen, um zu erzählen, was wir tun und was uns bewegt. Den Begriff Wandel verwenden auch noch andere Dialoggruppen. Wir sollten auch sagen, wofür wir uns bewegen. Unser Favorit, den wir hier bei den Makers for Humanity ausgearbeitet haben, ist fairmove. „That‘s a good move“ bezeichnet im urbanen Sprachgebrauch eine gute Tat, und ein fairer move wäre konnotiert mit dem, was die Wandelbewegung auch kommunizieren möchte, nämlich ökologische Vielfalt, Kooperation, fossilfrei leben, Toleranz oder Geduld. Das sind Werte, die uns verbinden.

Wie weit müsste für dein Gefühl der gesellschaftliche Wandel gehen, damit diese Gesellschaft in eine gute Zukunft steuert?

Den gesellschaftlichen Wandel müssen wir leben und nicht nur darüber reden und schreiben und Ausstellungen machen. Wir müssen den Wandel wirklich vorleben. Das heißt, ich versuche einen nachhaltigen Lebensstil dort, wo es gelingen kann, in der Mobilität, in der Ernährung, unserem Konsumverhalten und auch im Umgang mit Natur und Menschen. Dazu braucht es ein Umdenken, wie wir unsere Lebenszeit einteilen. Frigga Haug hat mit der Vier-in-Einem Perspektive ein schönes Modell entwickelt: Erwerbs-, Sorgearbeit, Kultur und Engagement. Wenn ich in all diesen vier Lebensbereichen aktiv bin, bin ich auf einem guten Weg. Dann kann ich am Lebensabend sagen: Ich habe mich nicht nur auf eine Sache konzentriert – das ist ja das Dilemma mancher Männer, dass sie zu viel am Schreibtisch gesessen sind. Das kann man auch als Chance begreifen, sich in allen Lebensbereichen einzubringen. Daraus ergibt sich automatisch ein nachhaltiger Lebensstil. Ein Mann sollte sich auch um seine Kinder kümmern, und eine Frau sollte auch auf dem Podium stehen und sagen, wo’s lang geht.

Welche Aspekte des gesellschaftlichen Wandels sind für dich besonders wichtig?

Es geht vor allem darum, bewusster mit sich und seiner Umwelt so zu leben, dass meine Handlung auch enkeltauglich ist, also zu keinem Nachteil für die nächsten Generationen führt. Konkret heißt das, dass wir, wenn wir unterwegs sind, keine fossilen Brennstoffe verbrauchen und so den Treibhauseffekt minimieren helfen. Ich kann mehrmals am Tag entscheiden, was ich esse. Wenn ich in der Mensa das vegetarische Menü wähle, dann sagen meine Kollegen oft: „Das schaut aber auch gut aus.“ Ich sag: „Ja, bestell dir’s das nächste Mal.“ Manchmal bestellen sie’s dann und sind begeistert, wie gut das vegetarische Menü schmeckt. Im Bereich der Wertschätzung sollen wir darauf achten, Anerkennung zu finden und sie auszuteilen. Der Mensch braucht Anerkennung und lebt davon. Oft anderen auf die Schulter klopfen, Mut machen, neue Dinge zu tun.

Was berührt dich so sehr, dass du dich für den Großen Wandel engagierst?

Ich habe Informatik und Medienkunst studiert und habe mich lang damit beschäftigt, welche sozialen Implikationen die neuen Techniken haben. Ich bin draufgekommen, dass sie Emotionen auslösen, Changes beflügeln und alte Strukturen ablösen können. Daher arbeite ich gern mit brandneuen Technologien und wende Open Source Werkzeuge* und Scrum Methoden** an, um Interesse anzustoßen und Projekte zu entwickeln. Ein Ergebnis der letzten Wochen ist fairchat.net, ein alternativer, datenschutzkonformer Messenger zu WhatsApp oder Telegram. Technologie und Wandel zu kombinieren beflügelt und berührt mich. Seit zwei Jahren kümmern wir uns um die Kommunikation bei FairCoin, einer Kryptowährung, die kooperatives Wirtschaften weltweit unterstützt und extrem energiesparsam ist. Und ich arbeite gerne zusammen mit Leuten, die unsere Werte teilen; egal, ob das Techniker sind oder die gut schreiben können, wenn sie professionell agieren für einen guten Zweck.

Auf der emotionalen Seite habe ich das Glück, in einer Partnerschaft zu leben, wo meine Frau und ich inhaltlich sehr viel teilen. Sie arbeitet ganz handfest in der Stadtpolitik und ich bin Vernetzer, Kommunikator und Macher. Obwohl wir beruflich viel unterwegs sind und zwei von unseren drei Kindern in Wien studieren, haben wir ein Lebenskonzept entwickelt, mit dem wir kein Auto brauchen oder in einem 300 Jahre alten Holzhaus leben, das wir 15 Jahre lang thermisch saniert haben und nur mit Holz beheizen. Wir haben einen Lebensstil gefunden, der uns sehr glücklich macht, bei dem uns eigentlich nichts abgeht und wir jeden Tag ein Abenteuer haben, ohne dieses uns über Konsum holen zu müssen.

Roland Alton, 53, Dornbirn, Österreich, https://www.fairkom.eu, ist Kommunikationsarchitekt, Informatiker, Social Designer.

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* Die Kultur des Teilens ist in der Softwareentwicklung weit verbreitet, praktisch alle wichtigen Internet Technologien sind Open Source und bieten vier Freiheiten: den Code lesen, analysieren, verändern und wieder verbreiten zu dürfen. Diese Freiheiten gelten jeweils in der selben Programmschicht, wichtig ist dass auch die „oberen“ Schichten, also was der/die User/in sieht und bedient, Open Source sind. Das machen wir bei fairkom so, bei Google oder Facebook sind nur die unteren Schichten Open Source.

** Agiles Projektmanagement hat die Wasserfallmethode, bei der zuerst geplant, kalkuliert und dann umgesetzt worden ist, in vielen Feldern ersetzt. Mit der Scrum Methode gibt es üblicherweise zweiwöchentliche Sprint Zyklen, wozu das Team sich umsetzbare Aufgaben vornimmt und dann auch immer ein Zwischenergebnis vorzeigen kann. Darauf aufbauend werden in einem Kanban Board die Aufgaben von „Doing“ auf „Closed“ gesetzt und das Team teilt sich dann neue „To Dos“ untereinander auf.