Heilig? Ein absurdes Wort aus dem Sakralraum? Na ja, wir kennen die Scheinheiligen, vielleicht auch die Säulenheiligen, aber heilig, Heilige? Das gibt’s doch nur in der katholischen Kirche, oder? Und die Protestanten haben das Brimborium ganz abgeschafft!

Heiliger Zauber

Gehen wir mal an die Wurzel: das Wörtchen „heilig“. Gerne wird es mit dem Wort „heilen“ in Verbindung gebracht, was auch stimmt. Heilig ist etwas rundum Gesundes, Gerettetes, Heiles. Vermutlich leitet sich das Wort aus dem germanischen Substantiv „haila“ ab, was Zauber, günstiges Vorzeichen, Glück bedeutete. Darüber lässt sich lange spekulieren. Nur eins ist klar: Das Wort gab es lange vor dem Christentum in einer positiven Bedeutung. Weiterlesen

von Wolf Schneider

Liebst du mich? Wenn ja, dann musst du auch akzeptieren, dass ich rauche, ungesund esse, zu viel Fett auf den Hüften trage, dich beim Reden ständig unterbreche und meine Schmutztoleranzgrenze im Haushalt nicht mal von Gutmenschen der Steinzeit akzeptiert worden wäre. Nicht mir dir? Dann ist das keine bedingungslose Liebe. Damit habe ich dich nun überführt und gezeigt, dass deine Liebe nicht tief und wahrhaftig ist, sondern du mich nur nach deinen Erwartungen verändern willst. Ganz die typische »Erziehung auf dem zweiten Bildungsweg«, die so viele Paare versuchen, und die doch nie gelingt.

Kann es sein, dass hier eine Verwechslung vorliegt? Die Maler des Mittelalters und der Renaissance hatten dafür zwei verschiedene Bilder. Das eine nannten sie »Die himmlische Liebe«, das andere »Die irdische Liebe«. Die eine ist bedingungslos, die andere nicht.

Wie bringen wir die beiden unter einen Hut? Die Frage ist so schwierig wie die, ob wir »Gott noch verbessern« können oder nicht. Klar können wir das nicht. Sollten wir deshalb die Hände in den Schoß legen angesichts der Naturzerstörung und des Elends in der Welt? Auch das nicht, versteht sich.

Ich mache es so: Beim Hinschauen bin ich ganz Akzeptanz, der Heilige in Person, der alles ehrfürchtig hinnimmt und staunt über die Wunder der Natur und der Menschenwelt. Beim Tun bin ich ganz anders. Da will ich was erreichen, da habe ich Werte und Ziele. Dann halte ich, wenn die Ampel auf Rot ist, verurteile Gewalttäter und unterscheide ein Gift von einem Medikament, auch wenn es nur die Dosis ist, was den Unterschied ausmacht.

Die Komfortzone als Nest und Gefängnis

von Wolf Schneider

Spirituelle Ratgeber neigen dazu, zwei einander fundamental entgegengesetzte Empfehlungen zu geben. Einerseits sagen sie: »Akzeptiere dich so wie du bist! Es ist, wie es ist!« Dies hinzunehmen sei die Essenz von Weisheit, Hingabe, Gnade – Gracias a la vida que me ha dado tanto. Diese Dankbarkeit gegenüber dem Leben sei die wahre Spiritualität. Andererseits behaupten sie, dass es auf dem spirituellen Weg vor allem darum gehe, die eigene Komfortzone zu verlassen, in der wir uns doch nur um uns selbst drehen, um unsere Gedanken- und Verhaltensmuster, das Ego, das gesellschaftlich Akzeptierte, das uns gefangen hält, weil wir nicht den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und zu unserer Einzigartigkeit zu stehen. Weiterlesen