Nur ein echtes Ich kann zu einem echten Du finden.

„Vergiss das Wir, beginne beim Ich.“ Das klingt so befremdlich, dass man den Satz nicht ohne Widerwillen schlucken kann. Und doch könnte er so etwas wie eine neue Formel für kulturelle Transformation sein. Darf eine Aufforderung zum Ich sein, obwohl sich doch der kleinste gemeinsame Nenner der moralischen Erziehung quer durch die westliche Welt in der Mahnung ausdrückt: „Sei nicht so egoistisch.“ Schon Kleinkinder bekommen ihn zu hören, wenn sie im Sandkasten ihr Spielzeug nicht teilen wollen oder das große Brüderchen dem kleinen Schwesterchen die Schokolade wegfuttert. Das bekommt auch der Sohn des Managers zu hören, der am Monatsende 200.000 Euro einstreicht und dem Bettler am Straßenrand keinen einzigen davon gönnt.

Die gemeinsame Basis von Bettler und Millionär

Als Egoist empfindet er sich dabei keineswegs – vielmehr den Bettler als Schmarotzer. Der ist der Egoist, einer der, ohne eine Leistung erbracht zu haben, eine milde Gabe möchte. Was in diesem Augenblick, da der Millionär am Bettler achtlos vorübergeht, geschieht, spiegelt unsere Gesellschaft in nuce. Beide, der Millionär und der Bettler, reisen in den Fahrzeugen ihrer Vorurteile und Denkschablonen durch die Welt: Der eine hat alle Forderungen des „Hamsterrads“ gefügig und erfolgreich erfüllt, erntet den Erfolg der Leistungsgesellschaft und befriedigt sich mit ihren Versprechungen – mein Haus, mein Auto, mein Boot –, der andere hat die Forderungen des „Hamsterrads“ vergeblich zu erfüllen versucht, erntet die Verachtung der Leistungsgesellschaft und kann sich nur mit ihren billigsten Versprechungen befriedigen – kein Haus, kein Auto, kein Boot.

Beide stecken mit Haut und Haar im Haben-Modus, der eine voller Besitztümer, der andere voller Frustrationen. Unterschiedliche Lebensumstände haben zu dem gleichen Ergebnis geführt: zu unfreien Menschen am Gängelband einer marktliberalen Sozialisation, die den Menschen zum Objekt macht, gefügig und funktional verwertbar. Andernfalls wird er aussortiert. Und beide haben kein Herz für den anderen. Beide wissen sie in der Regel nicht, wer sie selbst – über ihre Funktionen oder ihren Mangel hinaus – sind, kennen nicht ihre tiefsten, von allem Konsum unabhängigen Bedürfnisse, kennen nicht ihre seelische „Signatur“; durch keinen von ihnen spricht, was Mystiker manchmal als den „Urgrund des Seins“ bezeichnen. Und würde man den Bettler oder den Millionär auffordern, über diesen „Urgrund ihres Seins“ nachzudenken, würden sie darüber lachen. Beide. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Würde als Selbstwahrnehmung

Ein Wir zwischen diesen beiden menschlichen Polen der Industriegesellschaften existiert allenfalls aus einer soziologischen Perspektive. Auf der zwischenmenschlichen kann kein Wir lebendig sein, denn beiden, dem Bettler wie dem Millionär, ist im Lauf der letzten paar hundert Jahre die Würde abhandengekommen – das ist ihre große, traurige Gemeinsamkeit.

Die gern- und vielzitierte „Würde des Menschen“ scheint mir heute in den meisten Fällen wenig mehr als eine Feigenblatt-Hypothese, ein Verfassungsziel, das man anstrebt wie ein jugendliches Ideal. Erwachsene haben Wichtigeres zu tun. Und doch kann Würde eine von allem Konsum und Besitzstand unabhängige Selbstwahrnehmung sein. In seltenen Fällen erlebe ich sie noch; und beinahe immer bei Menschen, die ohne Widerstand in den Sterbeprozess eingetreten sind und sich nicht mehr ausgeliefert, sondern eins fühlen mit dieser endgültigen Macht der Natur. Würde, ja Glück, in den Augen eines Sterbenden zu sehen, verweist auf meine Vermutung, dass Würde immer dann geschieht, wenn das Band zwischen Mensch und Natur noch nicht oder nicht mehr durchtrennt ist. Würde kann auch in Augenblicken der Selbstwahrnehmung während eines Flowprozesses auftauchen. Dann kann ich über die eigene Größe staunen, die sich – ohne oder mit Leistung – aus einer unbekannten Tiefe heraus entpuppt, weil das Leben durch mich spricht.

Keine Würde ohne Spagat

Jenseits theoretischer Konstrukte entsteht Würde bei Menschen, die im Einklang mit ihrem Leben sind, als Bäuerinnen, als Hirten, als Handwerker, als Jägerinnen, als Künstlerinnen, Poeten und Musikerinnen, aber auch bei den meisten Frauen unmittelbar nach einer Geburt. Würde ist eine existenzielle Erfahrung, in der sich Körper, Herz und Geist verbinden, in der der Pfeil wie von selbst sein Ziel findet, der Finger die richtige Note und der Mund das angemessene Wort. Nur: Wie häufig geschieht das im Laufe unserer marktgerechten Konditionierung und Verwertung zwischen Kindergarten und Kirchhof? Und doch lohnt es sich, nach der Würde in sich zu suchen. Denn nur sie macht uns einmalig und echt.

Ein Spagat, und oft ein schmerzlicher, wird das aber immer bleiben. Denn einerseits müssen wir in dieser Gesellschaft leben und funktionieren, andererseits sind wir als einmalige und echte Menschen wenig brauchbar für einen Prozess, der Menschen zu austauschbaren ArbeitnehmerInnen und KonsumentInnen macht und verwertet. Ein Rädchen im Getriebe hat nun mal keine Würde, ganz egal, ob es ein Haus, ein Auto, ein Pferd und ein Boot hat oder keines. Rädchen bleibt Rädchen. Wer keinen Urgrund in sich spürt, sondern Lust, Spaß, Vergnügen, Geilheit oder Sättigung damit verwechselt, der wird weder in sich noch im anderen Tiefe entdecken können, sondern rasch gelangweilt zur nächsten Ersatzbefriedigung eilen.

Vom Ich zum Du zum Wir

Wie aber, wenn wir eines Tages den Zugang zu der Quelle entdeckt haben, die uns – wenigstens für Augenblicke – mit allem verbindet, was ist? Wenn wir den Durchbruch durch das verbaute Tor geschafft und einen Zugang zur eigenen Würde gefunden haben? Wenn sich in dieser Verbundenheit Freude, vielleicht Euphorie eingestellt haben? Sind wir dann schon fähig zu dem großen, die Menschheit verbindenden, Frieden stiftenden Wir, nach dem wir uns sehnen? Nein, sind wir nicht; da bin ich mir sicher. Denn ein Wir ohne Du ist unmöglich. Noch aber bin ich beim Ich, einem gesunden, verbundenen, lebensnahen Ich zwar, aber eben immer noch beim Ich. Erst wenn dieses Ich stark genug ist, den Sprung ins Nichts zu wagen, wird es auch in ein echtes Du finden, aus dem sich ein lebendiges Wir wie von selbst ergibt. Der Sprung ins Nichts: Das heißt, mich ohne Netz und doppelten Boden dem Leben auszuliefern, weil ich den Urgrund in mir weiß; das heißt, meine Identität nicht mehr an materiellen, mentalen, emotionalen oder spirituellen Tand zu binden, aber ihn dennoch – oder vielleicht umso mehr – genießen können. Und dann, erst dann scheint mir ein menschliches Wir zum Greifen nahe.

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