Oasen des Wandels

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Die Bedingungen der heutigen Gesellschaft sind derart verzahnt und verwoben, dass sich selbst durch fleißiges und eifriges Reformieren, nicht einmal durch eine General-Reform wirklich etwas Entscheidendes und vor allem Notwendiges verändern lässt. Es bräuchte eine grundlegende Erneuerung. Das wissen immer mehr, aber politische Verantwortung will niemand dafür übernehmen. Lieber bleiben die politischen Entscheidungsträger bei ihrer Kesselflickerei, die sie seit Jahrzehnten betreiben. Sonst würden sie womöglich nicht gewählt sein, denken sie. Dass sich etwas im politisch-ökonomischen System ändern muss, wenn man einen ökologischen Kollaps vermeiden möchte, wusste man schon in den achtziger Jahren. Die damals vorhergesagten und oft belächelten Szenarien sind eingetreten. Sie finden statt. Jetzt, jeden Tag. Wir schauen alle zu und fragen uns, wohin das alles führen soll.

Die Bevölkerung im Glauben wiegen, man unternähme was, bringt die nächste Reform des Irrtums hervor. Was wird eigentlich ständig und immer öfter zu reformieren versucht? Das Bestehende, das sich als Fehlentwicklung entlarvt hat? Wohin sollen diese Reformen führen, wenn nicht in die nächste Sackgasse? Solange dieses Reformieren dem Erhalt des bestehenden Systems dient, wird sich nicht wirklich etwas Grundlegendes ändern können. Politiker drehen sich im Kreise und wagen nicht, Gesellschaft und Ökonomie neu zu denken. Politik müsste sich stets flexibel zeigen, um sich dem Gegenwärtigen immer wieder angemessen und intelligent anzupassen und sich mit ihm zu wandeln. Tut sie aber nicht. Sie betreiben überwiegend Politik für diejenigen, die vom Raubtierkapitalismus profitieren. Das werden sie tun und verteidigen, solange sich nichts an den Regeln und Zielen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens innerhalb einer Gesellschaft ändert.

Es ist eine Zeit angebrochen, in der sich zunehmend mehr Menschen aus dem Strudel des Reformierens befreien und etwas Neues bilden wollen. Auswandern ist out. Man will daheim etwas wandeln. Sie rufen in Pioniersarbeit Oasen des Wandels ins Leben, schaffen soziale und friedvolle Räume, in der sich eine ökologische, sozialgerechte und enkeltaugliche Zukunft frei entwickeln und gestalten kann. In kleinen Parallelgesellschaften machen sie sich unabhängig von der beherrschenden, ökonomischen Ideologie, denn es kann nicht sein und ist auch nicht jedermanns Sache, für ein besseres Leben auswandern zu müssen.

Letztlich ist es eine Illusion, zu glauben, anderswo sei es besser oder einfacher. Es gibt keine Nischen mehr, in denen man sich den Folgen eines fehllaufenden Systems entziehen kann. Die Welt ist zusammengewachsen. Auch lässt sich nicht vor der kollektiven Verantwortung fliehen, die jeder Mensch hat.  Allenfalls kann man der „Matrix“ in der totalen Einsamkeit entgehen, aber selbst dort lässt sich diese Illusion nur eine Weile aufrechterhalten, bis man merkt, dass die schädigenden Auswirkungen selbst dort angekommen sind. In dramatischer Weise.

Es erfordert vielmehr regionale Plätze, auf denen das, was im Geist und der Seele vieler Menschen erwacht, angewendet und ausgestaltet werden kann. Bei immer mehr Menschen wächst das Bedürfnis, das alltägliche Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen – um in ökologischen Oasen der Selbstbestimmung den Wandel zu leben, der sich global vollzieht und uns zu einer herzgetragenen Lebensweise führt. Und wir sollten das Netz der Oasen stärken, damit jede Regung zu einer gemeinsamen Bewegung wird, die das festgefahrene Getriebe wieder ans Laufen bringt.

 

Alander B.

 

Der Große Wandel kommt. Punkt.

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Viele von Euch werden den Namen Joana Macy kennen, aber viele eben auch nicht (mehr zu ihr unter https://en.wikipedia.org/wiki/Joanna_Macy). In Deutschland verbinden wir sie vor allem mit dem Begriff Tiefenökologie. Dessen Wesensgehalt ist das tiefere Verständnis der Tatsache, dass wir nicht in einer Umwelt, sondern einer Mitwelt leben. In unserer – noch bis vor kurzem geltenden – „mittelalterlichen“ Naturanschauung stand der Mensch im Zentrum und die Welt (und somit auch die Natur) drehte sich „um“ ihn, die „Umwelt“ eben. Und an der durfte er sich grenzenlos bedienen, als sei sie nur für sein unersättliches Ego erschaffen worden.

Neue kopernikanische Wende

Mit zunehmendem Bewusstsein über die tiefen Zusammenhänge und Wechselwirkungen in der Natur wird deutlich, dass unsere Zivilisation eine neue kopernikanische Wende braucht. In deren Verlauf werden wir hoffentlich begreifen, dass die Welt und wir untrennbar und in Wechselwirkung miteinander verbunden sind, körperlich, geistig, seelisch. Auf eine tiefe und unergründbare Weise, eben tiefenökologisch. Dem müssen wir uns unausweichlich stellen, wenn es eine lebenswerte Zukunft geben soll.

So mancher wird spätestens jetzt sagen: „Weiß ich schon.“ Doch was wie eine einfache Idee daherkommt, entpuppt sich bei näherem Hinschauen als eine verflixte Angelegenheit. Wir alle sind im Haben-Modus aufgewachsen, sind von Geburt an mit einer Konsum-, Verbrauchs- und Wegwerfgesellschaft groß geworden, die so tut, als wäre die Welt unaufbrauchbar. Wir erliegen allesamt der Illusion, dass wir etwas besitzen, also dauerhaft „haben“ können, Grund und Boden zum Beispiel. Doch wir sind nur Verwalter auf Zeit. Wir „haben“ nicht einmal unseren eigenen Körper – was uns spätestens bei der nächsten Erkältung klar wird, und noch viel weniger unseren Geist – was einem spätestens nach den ersten Meditationsversuchen wie Schuppen von den Augen fällt.

Unser gesamtes Zivilisationsmodell hat ausgedient. Es führt die Menschheit und die Natur in den Ruin. Es ist DIE Aufgabe der Gegenwart, das zu verhindern, unseren Kindern und den nächsten Generationen zuliebe. Eine GROSSE Aufgabe. Joana Macy wählte dafür den Begriff „the great turning“, der „Große Wandel“. Er steht an, auf allen Ebenen: zwischenmenschlich, mitweltlich, sozial, ökonomisch und politisch.

Und jeder kann seinen Teil beitragen

Es hat sich in manchen Kreisen herumgesprochen, dass der Wandel ein großer sein muss. Auch in solchen, von denen man es nicht vermuten mag. Immer mehr kommen zu dieser „tiefenökologischen“ Einsicht. Doch die Radikalität und Tragweite des notwendigen Wandels und der dafür notwendigen Prozesse ist nur wenigen bewusst – und das kann durchaus Angst machen. Wollen wir wirklich diesen Großen Wandel, bedeutet das: Wir, jeder einzelne, müssen an uns arbeiten, uns wandelfähig machen und uns wandeln, jeden Tag. Auch das ist Wandel-Arbeit.

Und dennoch (oder vielleicht trotzdem) wächst die Zahl der Furchtlosen, die von Hoffnung getragen sind: Allerorten wird gesonnen, gewerkelt, gebaut, erfunden, experimentiert. Zum degrowth-Kongress in Leipzig vor zwei Jahren kamen 3000 Besucher. Doch dieses „allerorten“ besteht aus vielen Rinnsalen, von denen allenfalls eine kleine persönliche Umgebung erfährt. Es ist Zeit, dass diese Bächlein und Bäche zusammenfließen, sich gegenseitig verstärken. Und dass wir, jeder einzelne von uns, wenigstens ein bisschen dazu beiträgt. Die Botschaft weitererzählen, Links weiterleiten, mithelfen, so gut sie oder er kann.

Wir selbst, ein (noch) kleiner Kreis, bauen an der Plattform ökoligenta.de. Dort geht es genau darum: kundzutun, dass am Großen Wandel gearbeitet wird. Dass er nicht nur so rasch wie möglich kommen muss, sondern bereits auf vollen Touren im Gange ist. Wenn Du willst, kannst Du dabei sein. Jede Minute zählt.

Alander Baltosée und Bobby Langer

Wahr-Nehmung

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von Wolf Schneider

Ist es wirklich so, wie du sagst, oder nimmst du das nur »für wahr«? Ein und dasselbe Geschehen kann von zwei Menschen zur selben Zeit so oder so wahrgenommen werden. Endlos sind die Streitereien, die daraus entstehen, wer dabei mit seiner Wahrnehmung Recht hat. Wie löst man solch ein Schlamassel? In unseren »postfaktischen« Zeiten geht der Trend in Richtung: Jeder hat Recht! Selig sind die, die das für eine Lösung halten. Oder sind sie eher Verirrte? Denn es gibt Fakten: Ob dieser Laden am Sonntag offen hat oder nicht, lässt sich feststellen, und auch, ob ich ich das Netzteil meines Handys im Koffer habe, bevor ich abreise, oder eben nicht.

Können wir überhaupt wahrnehmen, was da draußen in der Welt wirklich der Fall ist, oder ist alles nur Illusion? Im Privatleben ebenso wie in der Politik streiten sich hierüber die Geister. Die Erkenntnis, dass »alles Maya« – indisch für: Illusion, Täuschung – ist, kann spirituell Fortgeschrittene in Ekstase versetzen. Profanere Geister aber haben damit so ihre Mühe. Ich juble gerne mit den Spiris! Die Frage, ob ich angelogen werde oder nicht und auch, ob du mich mit dem, was du da erzählst, gerade auf die Schippe nehmen willst oder es ernst meinst, bleibt für mich dennoch – manchmal schmerzlich – ungelöst.

Sokrates und Buddha hätten ihre Freude an solchen Dialogen. Ich nicht immer. Oft möchte ich da lieber nur seufzen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt!

Heilig – was ist das?

Heilig? Ein absurdes Wort aus dem Sakralraum? Na ja, wir kennen die Scheinheiligen, vielleicht auch die Säulenheiligen, aber heilig, Heilige? Das gibt’s doch nur in der katholischen Kirche, oder? Und die Protestanten haben das Brimborium ganz abgeschafft!

Heiliger Zauber

Gehen wir mal an die Wurzel: das Wörtchen „heilig“. Gerne wird es mit dem Wort „heilen“ in Verbindung gebracht, was auch stimmt. Heilig ist etwas rundum Gesundes, Gerettetes, Heiles. Vermutlich leitet sich das Wort aus dem germanischen Substantiv „haila“ ab, was Zauber, günstiges Vorzeichen, Glück bedeutete. Darüber lässt sich lange spekulieren. Nur eins ist klar: Das Wort gab es lange vor dem Christentum in einer positiven Bedeutung.

Das Heilige zugebaut

Hier in Würzburg gibt es zwei Wahrzeichen der Stadt: die Festung Marienberg und das franziskanische Käppele, eine Wallfahrtskirche; beide auf bzw. am Berg und beide an ursprünglich heidnischen Kultstätten. Aha: an heiligen Stätten unserer Ahnen. Hier wie überall in Europa (und auch auf der Welt) fand der symbolische „Akt der Donareiche“ statt, eine systematische Verdrängung der germanischen bzw. keltischen Heiligtümer.

Der Irrtum des Bonifazius

Donar ist ein anderes Wort für Thor, den germanischen Gott des Donners (von dem sich unser Donnerstag ableitet). Im Jahr 723 machte sich der eifernde Mönch Bonifazius über den germanischen Glauben lustig und ließ unter soldatischem Schutz in der Nähe des heutigen Fritzlar (Nordhessen) die Donareiche (dort lebte der germanische Stamm der Chatten) fällen – eine mächtige alte Eiche und den Germanen ein Heiligtum. Wie erwartet wurde Bonifazius nicht vom Thors Blitz erschlagen, womit für ihn und das restliche Christentum bewiesen war, dass der christliche Gott stärker, also besser war.

Das Heilige zurückgewinnen

Doch dem Volk hat er damit das Heilige geraubt, die heilige Natur, die heilige Schöpfung, den Respekt vor ihr, und das Heilige zur katholischen Kirchensache gemacht. Und wir? Wir gehen Bonifazius noch immer auf den Leim. Wir meinen noch immer, das Heilige sei eine Sache des Vatikans oder eines seiner Fürsten, Bischof oder Kardinal. Tatsächlich müssen wir uns das Heilige wieder aneignen, den Sinn für die Würde der Natur und ihrer Geschöpfe. In diesem Sinne gälte es, ein heiliges Leben zu leben – jede und jeder von uns, so gut sie oder er kann.

Ökologischer Agrar-Wandel JETZT!

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Es ist dringlicher denn je, auf die katastrophale Lage in der industriellen Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Die Bestände bzw. Populationen von Bienen, Insekten, Würmern und Vögeln verringern sich durch die Ausbringung von Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden in gigantischem Ausmaß (Roundup). Doch weiterhin scheint es gesellschaftlich akzeptiert, dass wir durch die industrielle Landwirtschaft systematisch vergiftet werden, nicht nur mit Glyphosat. Ebenso wichtig zu nennen, ist das Drama mit der Gülle und den von Nitrat belasteten Grundwässern. Es wird alternativlos hingenommen (obwohl nachgewiesermaßen falsch), dass die Weltbevölkerung nur mit einer giftigen Landwirtschaft zu ernähren sei.

Aber was nützt es, dagegen anzurennen, zu protestieren, Petitionen zu unterschreiben? Niemand scheint an oberster politischer oder bürokratischer Stelle ein Interesse daran zu haben, am Gefüge der Agrar-Lobby zu rütteln. Sicher, der Protest, den wir an die eigentlich für das Wohl des Landes Verantwortlichen richten, macht andere wach, und sie können erkennen, dass das paradigma der „einzig sinnvollen Landwirtschaft“ wenig mehr ist als ein systematischer Mord an der Natur und am Leben an sich.

Was wir hier wie bei vielen anderen gesamtgesellschaftlichen Missständen brauchen, sind echte Visionen, klare ökologische und humane Lösungen und pragmatisch durchführbare Konzepte. Diejenigen, die sich des Ernstes der Lage bewusst geworden sind, sind gleichsam in derkollektive Pflicht, Verantwortung für die Neugestaltung der Gesellschaft zu übernehmen. Das muss von innen heraus geschehen, aus den kleinen Zellen der Region heraus. Gemeinden müssen nicht bei allem mitspielen. Sie können gegen das Unrecht an der Mitwelt, den „Ökozid“ der Agrarindustrie, aufbegehren.

Es nützt nichts, anzuklagen, zu fordern, Politiker müssten etwas unternehmen. Sie werden es nicht tun. Zu sehr sind sie in ein betäubendes Netz von Sachzwängen und Terminen eingespannt. WIR müssen beginnen und intensivieren, unsere Regionen konsequent ökologisch und nachhaltig zu gestalten. WIR, die Bewegung des Wandels, müssen vor Ort zeigen, wie es sich gesünder, fairer, menschlicher leben lässt, müssen das Neue vorleben. Nicht mehr nur in versteckten Nischen im Schatten der Öffentlichkeit, sondern in der Mitte der niedergehenden Dörfer und Kleinstädte. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit und Tatkraft auf die kreative Gestaltung einer ökologischen Infrastruktur unseres gesellschaftlichen Lebens, den Blick gerichtet auf eine lebenswerte, menschen- und naturfreundliche Zukunft.

Folgende Maßnahmen gilt es zu ergreifen, um den drohenden Kollaps von Flora und Fauna abzuwenden:

  • Unterlassung des Ausbringens von genmanipuliertem Saatgut.
  • Reduzierung und Einstellung des Einsatzes von Pestiziden und Herbiziden, insbesondere von Roundup und allen Glyphosat-Produkten.
  • Abschaffung der Massentierhaltung.
  • Die Verpflichtung, Tiergülle aus Mastbetrieben in Pyrolyse-Anlagen zu Biowasserstoff und Pflanzenkohle zu verarbeiten. Kosten für den Bau von solchen Anlagen tragen die Landwirte. Zuschüsse werden nur erteilt für ökologisch arbeitende Betriebe bzw. solche, die auf ökologische Tierhaltung umstellen.
  • Eingrenzung von Monokulturen.
  • Bepflanzung von Feldrändern mit Hecken und Wildblumen-Arealen und Schaffung von Renaturierungsräumen zur Förderung der Artenvielfalt und zum Erhalt der wertvollen Humusschicht.
  • Bau von „Grünen Brücken“ für Wildtiere zum Überbrücken von Autobahnen, Bahnstrecken und Bundesstraßen.
  • Integration von Maßnahmen zur Humusbldung und von nährstoffbildenden Substanzen in die landwirtschaftliche Nutzung der Erde (Terra-Preta, Pilzkulturen und Kompost etc.).
  • Anbau von nachwachsenden Rohstoffen und Aufbau regionaler, weiterverarbeitender Betriebe zur Belebung des regionalen Handels und Handwerks.
  • Förderung und Schutz kleinbäuerlicher Betriebe auf Basis permakultureller Erkenntnisse.
  • Umrüstung landwirtschaftlicher Maschinen auf ökologische vertretbare Kraftsoffe und Motoren (Algen-Diesel, Bio-Wasserstoff, Elektro)
  • Ächtung der Spekulation mit Nahrungsmitteln und Landgrundstücken.

Liebe – bedingungslos?

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von Wolf Schneider

Liebst du mich? Wenn ja, dann musst du auch akzeptieren, dass ich rauche, ungesund esse, zu viel Fett auf den Hüften trage, dich beim Reden ständig unterbreche und meine Schmutztoleranzgrenze im Haushalt nicht mal von Gutmenschen der Steinzeit akzeptiert worden wäre. Nicht mir dir? Dann ist das keine bedingungslose Liebe. Damit habe ich dich nun überführt und gezeigt, dass deine Liebe nicht tief und wahrhaftig ist, sondern du mich nur nach deinen Erwartungen verändern willst. Ganz die typische »Erziehung auf dem zweiten Bildungsweg«, die so viele Paare versuchen, und die doch nie gelingt.

Kann es sein, dass hier eine Verwechslung vorliegt? Die Maler des Mittelalters und der Renaissance hatten dafür zwei verschiedene Bilder. Das eine nannten sie »Die himmlische Liebe«, das andere »Die irdische Liebe«. Die eine ist bedingungslos, die andere nicht.

Wie bringen wir die beiden unter einen Hut? Die Frage ist so schwierig wie die, ob wir »Gott noch verbessern« können oder nicht. Klar können wir das nicht. Sollten wir deshalb die Hände in den Schoß legen angesichts der Naturzerstörung und des Elends in der Welt? Auch das nicht, versteht sich.

Ich mache es so: Beim Hinschauen bin ich ganz Akzeptanz, der Heilige in Person, der alles ehrfürchtig hinnimmt und staunt über die Wunder der Natur und der Menschenwelt. Beim Tun bin ich ganz anders. Da will ich was erreichen, da habe ich Werte und Ziele. Dann halte ich, wenn die Ampel auf Rot ist, verurteile Gewalttäter und unterscheide ein Gift von einem Medikament, auch wenn es nur die Dosis ist, was den Unterschied ausmacht.

Wenn das Parlament regiert anstatt Parteien

Die derzeitige Situation des Deutschen Bundestages könnte einen bedeutungsvollen Wandel in der deutschen Politiklandschaft einleiten. Durch die Entscheidung des Bundespräsidenten ist eine nie dagewesene Situation im Bundestag entstanden. Um das zu verstehen, muss man sich vorab drei Dinge bewusstmachen:

– In der Theorie entscheiden Abgeordnete im Bundestag frei nach ihrem Gewissen (Artikel 38 GG: Abgeordnete sind nur ihrem Gewissen unterworfen und müssen sich in ihren Entscheidungen nicht an Aufträge, Weisungen oder Parteiprogramme halten.):

– In der Praxis sehen sich Abgeordnete meist gezwungen, ihr Gewissen an die Parteiführung auszulagern.
Kommt die Partei – i.d.R. gleichbedeutend mit den Alpha-Tieren der Partei – zu einem Beschluss, dann stimmen die Abgeordneten in aller Regel diesem Beschluss zu. Ein vom „Parteigewissen“ unabhängiges Abstimmungsverhalten verlangt regelrecht Zivilcourage; denn nach Bekanntwerden eines solchen Sachverhalts wird augenblicklich die Frage nach dem „Abweichler“ gestellt.

– Nicht umsonst spricht man auch nicht von Demokratie, sondern von Parteiendemokratie. Ob man nun Lobbyarbeit als versuchte Bestechung betrachtet oder als legale Einmischung – klar ist, dass die Beeinflussung des Parteigewissens erheblich leichter ist als die Beeinflussung des Gewissens aller Abgeordneten.

Da momentan eine mehrheitsfähige Koalition zwischen Parteien nicht realisierbar erscheint, bilden sich im Parlament zu verschiedenen Themen ganz unterschiedliche Befürwortergruppen. Eine Minderheitenregierung würde diesen Zustand verfestigen – und wäre eine Riesenchance für die Demokratie. Nicht mehr der Parteienproporz würde entscheiden, sondern die Stimme des einzelnen Abgeordneten bekäme das Gewicht, das ihr (bislang nur theoretisch) zusteht.

Das Parlament mit über 700 Abgeordneten sollte sich im Dienste für das Land und im Sinne seiner gesellschaftlichen Verantwortung für eine Minderheitsregierung entscheiden. Ob Merkel, Schulz oder ein dritter wäre hierbei sekundär. Staatsmännisch nobel wäre es sicherlich, wenn Frau Merkel abdankte und das Feld einer frischen Kraft überließe. Das Parlament würde sich entscheiden, gemeinsam Verantwortung für das Land zu übernehmen und eine Politik des Konsenses betreiben. Für jede Entscheidung müssten Mehrheiten gefunden werden. Die Kanzlerin oder der Kanzler wäre dann der weise Moderator einer gemeinsamen Lösung.
Der Mut zu dieser Entscheidung würde all jenen politischen Kräften das Wasser abgraben, die keine verwertbaren, konstruktiven Vorschläge, Konzepte und Pläne für die Gestaltung des Landes vorweisen können. Die Gilde der Politiker ist aufgefordert, parteiübergreifend und überparteilich ihres Amtes zu walten und gemeinsam zu zukunftsfähigen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entscheidungen zu gelangen. Das verliehe dem schwer beschädigten Ansehen von Demokratie und Politik neues Gewicht und würde sie glaubhaft und zukunftsfähig machen.

IT für die Wandelbewegung

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Wenn ich’s nicht längste wüsste – bei dieser Meldung wäre ich endgültig überzeugt gewesen, dass sich ein großer Wandel anbahnt:
Auch im Bereich IT, der auf den ersten Blick so ganz und gar nicht ökologisch-nachhaltig wirkt, tut sich mächtig was. Kürzlich hat sich in Deutschland eine Initiative namens „Wandel-IT“ gegründet und hatte im Oktober 2017 ein Kick-Off-Treffen. Einen Erfahrungsbericht findet Ihr HIER.

Mut und Transzendenz

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Die Komfortzone als Nest und Gefängnis

von Wolf Schneider

Spirituelle Ratgeber neigen dazu, zwei einander fundamental entgegengesetzte Empfehlungen zu geben. Einerseits sagen sie: »Akzeptiere dich so wie du bist! Es ist, wie es ist!« Dies hinzunehmen sei die Essenz von Weisheit, Hingabe, Gnade – Gracias a la vida que me ha dado tanto. Diese Dankbarkeit gegenüber dem Leben sei die wahre Spiritualität. Andererseits behaupten sie, dass es auf dem spirituellen Weg vor allem darum gehe, die eigene Komfortzone zu verlassen, in der wir uns doch nur um uns selbst drehen, um unsere Gedanken- und Verhaltensmuster, das Ego, das gesellschaftlich Akzeptierte, das uns gefangen hält, weil wir nicht den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und zu unserer Einzigartigkeit zu stehen.

Die Komfortzone als Kuschelzone

Ja, was nu? Ist die Komfortzone die perfekte Kuschelzone zur Regeneration der sich selbst Liebenden, die dann umso mehr andere lieben können? Oder ist sie der Unterschlupf des Ego, in das es sich vor den Zumutungen der Welt da draußen mit ihren harten Realitäten zurückziehen kann, wann immer es herausgefordert wird?

Irgendwie scheinen hier beide Seiten Recht zu haben. Die Schlaueren unter uns Spiris werden deshalb geneigt sein, diesem Gegensatz mit Begriffen wie »Polarität« oder »Paradoxie« die höheren Weihen zu erteilen. Womit wir uns aber um die eigene Weiterentwicklung rumdrücken, die dieser Widerspruch doch eigentlich bietet.

Wir sind Werdende

Vielleicht helfen hier ein paar Begriffspräzisierungen und Betrachtungen von der Metaebene aus. Zunächst mal sollte Akzeptanz dessen, was ist, nicht verstanden werden als Lob der Apathie und Empfehlung, die Hände in den Schoß zu legen. Man kann auch den eigenen Tatendrang akzeptieren, ihn abzulegen wäre dann sozusagen ‚unspirituell‘. Zweitens ist Selbstliebe nicht dasselbe wie ein sich selbst beweihräucherndes Feiern des Status quo. Wenn Selbstliebe als Absage an das eigene Entwicklungspotenzial missverstanden wird, führt sie zur Selbstgerechtigkeit.

Wenn wir hingegen uns als Werdende, sich Entwickelnde verstehen, impliziert Selbstliebe, dass wir nicht die bleiben, die wir sind. Dann sagt der Frosch nicht mehr zur Prinzessin, die ihn küssen will: »Neeeeeiiiin!!! Ich will so bleiben, wie ich bin!!!«, sondern versteht sich als Werdender, sich Wandelnder – und kann so zum Prinzen werden. Wer sich selbst so liebt, wie er aktuell ist, wird auch dem natürlichen Bedürfnis nach Entwicklung des eigenen Potenzials zustimmen wollen, denn auch das gehört zum Status quo. So nähern sich die beiden Seiten schon ein bisschen an.

Und das Ego ist nicht des Teufels Kern. Es sei denn man definiert es zum Beispiel als die jeweils aktuelle Summe der eigenen blinden Flecken. Die reduzieren zu wollen ist durchaus immer ein lohnendes Ziel. Aber auch hierbei kann man ins spirituelle Strebertum verfallen.

The call to action – der Ruf

Als nach 9/11 in den USA die Umsätze der fetten und süßen Nahrungsmittel, des »comfort food« (Trostnahrung) in die Höhe schossen, war das vielleicht verständlich und gut für Nestlé. Aber es war nicht gut für die Amerikaner, die dabei noch übergewichtiger wurden und ungesünder. Es wäre besser gewesen, sie hätten sich angesichts dieses Schocks daran erinnert, dass es im Leben Gefahren gibt, die sich auch mit der stärksten Militärmacht der Welt nicht beseitigen lassen, und schon gar nicht durch fette und süße Nahrung. 9/11 hätte als »call to action« verstanden werden können, als Herausforderung des Helden auf seiner Reise, nun über sich selbst hinauszuwachsen. Das amerikanische Selbstverständnis hätte einen Schritt nach vorn machen können, so wie in allen anspruchsvollen Filmen – gerade auch aus Hollywood – und in Romanen, in denen der Held oder die Heldin erst dann siegt, wenn sie über sich selbst hinaus wächst – wenn sie eine andere wird als sie vorher war.

Behinderung oder Erweiterung?

Wir sind Werdende, die immer auch Widrigkeiten zu konfrontieren haben – das Leben ist kein Ponyhof. Dabei kommt es nun darauf an zu erkennen, welche Herausforderung uns das Leben nur schwer macht und uns unnötig leiden lässt, und welche andererseits geeignet ist, unsere Identität auszudehnen auf uns bisher noch unvertraute, in uns schlummernde Teile des Menschseins. Herausforderungen können uns erweitern. Im Sinne des Diktums »Nichts Menschliches ist mir fremd« (von dem römischen Dichter Terenz) können sie aus einem kleinlichen Menschen einen großherzigen machen. Es braucht Mut für diesen Schritt, und es braucht emotionale Intelligenz für die Unterscheidung, welche Herausforderung eine mich nur behindernde ist und welche mich erweitert.

Die Heimatidentität

Mal angenommen, ich friedliebender Mensch hätte entdeckt, dass ich auch ein rücksichtsloser Kämpfer sein kann, eifersüchtig, rachelüstern, geizig, ausgrenzend oder sogar alles das zusammen. Will ich das dann bleiben? Oder will ich diese Identität als Teil meines Verhaltensrepertoires behalten, als etwas, das mir zur Verfügung steht, wenn ich es brauche, um dann wieder der friedliche, nicht nachtragende, großzügige Mensch zu sein, für den ich mich vor dieser Erfahrung gehalten habe?

Ich führe hierfür den Begriff der Heimatidentität ein. Damit meine ich die Alltagsidentität, in die ich zurückkehre, nachdem ich einen Wutausbruch hatte oder – ich ansonsten großzügiger, liebevoller Mensch – jemandem meine kühle Schulter gezeigt oder mich für etwas gerächt habe. Diese anderen Persönlichkeiten sind nicht »mein wahres Selbst«, würde ein Spiri vielleicht sagen. Meine Heimatidentität, in die ich nach den Ausbrüchen zurückkehre, ist jedoch ebenso künstlich, Bedingungen unterworfen und prägbar wie meine Identität als Wütender oder Blasierter, ich verweile nur häufiger in ihr – da bin ich »ganz der Heinz« oder »ganz die Regina«, wie man dann sagt. Es ist aber beides künstlich, prägbar und biografisch in Bewegung.

Sich erweitern

Als Gautama Buddha begann Schüler auszubilden, nannte er diese Initiation in den Stand des Samanera ein »Hinausgehen in die Heimatlosigkeit« (in Pali, der damaligen Volkssprache: pabbajja). Der Initiat verließ damit seine Herkunftsidentität und begab sich auf den Weg des Werdenden, des »Stirb und Werde«. Er richtete sein Bewusstsein darauf, dass er heute ein anderer ist als er noch gestern war – und wer weiß, wer er morgen sein wird. Die Heldenreise des Menschen ist die eines Werdenden. Sie braucht Mut, denn sie ist ein fortwährendes Sterben und neu Geboren werden. Nicht immer ist es eine Kreuzigung und Wiederauferstehung, so heftig wie in diesem Grundmythos des Christentums ist es zum Glück meistens nicht. Aber wer genau genug hinschaut merkt, dass er heute ein anderer ist als gestern. Auf meinem Entwicklungsweg habe ich etwas losgelassen, etwas verloren und etwas anderes hinzugewonnen, und wenn ich dabei mir selbst treu geblieben bin, habe ich mich erweitert.

Der Wert der Kicks

Wenn Motivationstrainer uns auffordern beim Bungee-Springen, Rafting oder im Heraustreten und Sichtbarwerden in einer Selbsterfahrungsgruppe Mut zu zeigen, wollen sie, dass wir unsere Komfortzone verlassen, um uns zu erweitern. Bestandene Mutproben geben uns einen Kick. Wenn sie jedoch nicht zu einer Freundschaft mit dem Leben als etwas prinzipiell Unvorhersehbarem führen, in dem Sicherheit immer nur etwas Relatives ist, dann sind diese Mutproben wie eine Diät, nach der man sich wieder vollfrisst, dann hat der Rat seinen Zweck verfehlt. Wir brauchen Herausforderungen, aber wir brauchen auch eine Heimat, und auch die ist in Bewegung.

 

Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de

Der Kern wächst

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Was für eine Wohltat, sich auf den Kern der Ökoligenta-Idee konzentrieren zu können und nicht mehr unter dem Zeitdruck des Messemachens zu stehen.
Im Zentrum unseres Bemühens steht die Vermittlung zwischen der Avantgarde des Großen Wandels (also all den Organisationen, die sich zentral mit dem Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft widmen) und all jenen, die auch finden: So kann und darf es nicht weitergehen, die aber in ihrem Alltag nicht dazukommen, sich aktiv für den Wandel einzusetzen.

Inzwischen ist die komplette Homepage umgebaut. Eindeutiges Herz der Seite ist jetzt die Rubrik „Das Netz„. Ganz wichtig sind natürlich auch die Unterstützer, die dazu beitragen, den Großen Wandel bekannter zu machen oder uns wenigstens ideell mit ihrem Namen unterstützen. Die findet Ihr HIER. Auf dieser Seite könnt Ihr Euch auch als Unterstützer*in eintragen.