In dieser Welt: Pflicht zum Optimismus?

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Vertrauen ins Leben - so werden wir geboren

Es dürfte wenig Sprachbilder geben, die bekannter sind als das vom halb vollen und halb leeren Glas. Manchmal kann man die Lebenshaltung schon an den Gesichtern ablesen. Es gibt Halb-Voll- und Halb-Leer-Gesichter. Angela Merkel beispielsweise hat so ein Gesicht. Man könnte denken, Optimismus und Pessimismus seien angeboren. Aber so ist das natürlich nicht. In meiner Erfahrung sind Kinder so gut wie immer Optimisten, solange sie sich geliebt fühlen. Und doch gibt es defensive Kinder, die lieber erstmal abwarten, und die Losstürmer, die es meist ein Leben lang bleiben.

Pessimismus lässt sich begründen, Optimismus auch

In meinem Umfeld gibt es viele Frauen und Männer, die sich für eine bessere Welt engagieren. Viele leben von der Hand in den Mund oder gar prekär und leisten ihre wertvolle Arbeit ehrenamtlich. Die allermeisten von ihnen sind interessanterweise Optimisten. Da ich ein (ziemlich) normales Leben führe, bin ich natürlich auch von Pessimisten umzingelt, die halb leere Gläser für die Wahrheit halten. Interessanterweise engagieren sie sich wenig bis gar nicht für eine bessere Welt. Man könne ja sowieso nichts machen, sagen sie, die Welt gehe ohnehin den Bach runter. Womit sie im Detail durchaus Recht haben, denn ihr potenzieller Beitrag wird der Welt wohl für alle Zeit fehlen. Sie haben also Grund genug, pessimistisch zu sein.

Ganz ähnlich, nur eben anders herum, geht es dem Optimisten. Mit seiner Haltung hat er unendlich viel häufiger einen Grund zur Freude. Jeder durch die Wolkendecke dringende Sonnenstrahl entlockt ihm ein Lächeln, während der Pessimist fürchtet, der Himmel könne sich gleich wieder verdüstern. Der Optimist wird unendlich viel mehr freundlichen und entgegenkommenden Menschen begegnen. Und er wird alle Genussmöglichkeiten des Lebens, seien sie noch so klein, auskosten können. Am Ende seiner Tage wird er sagen: Das Leben war schön – und Recht damit haben.

Einen Sonderfall der Halb-Leer-Glas-Leute bilden die Visionäre. Sie messen die Welt an der großen Vision mit der logischen Folge, dass sie zwangsläufig von einer halbleeren Welt umgeben sind. Dennoch handeln sie, von der Vision gezogen oder getrieben, so, als ob sich das Glas ja doch noch füllen könnte.

Pessimismus lässt sich verlernen, Optimismus besser nicht

Spätestens jetzt ergibt sich die Frage, ob wir uns für eine der beiden Perspektiven entscheiden können? Mit anderen Worten: Haben wir eine gewisse Verantwortung dafür, ob wir Positives oder Negatives in die Welt entlassen? Dazu muss man sich nicht aufs Glatteis der Philosophie begeben. Es genügt zu wissen, dass geistige Verhaltensmuster erworben werden – der Hauptgrund für tiefgreifende unterschiedliche kulturelle Verhaltensweisen: Denen einen wird beim Geruch von Käse übel, den anderen läuft das Wasser im Mund zusammen. Was sich aber erlernen lässt, lässt sich auch verlernen. Mit gutem Willen könne also ein Optimist zum Pessimisten werden und umgekehrt. Jeder, der sich hundertmal ein Glas als halbleeres suggeriert hat, wird beim 101. Mal die Lust verloren haben, es leer zu trinken. Das bisschen Rest, denkt er, lohnt sich sowieso nicht. Woraus sich schließen ließe, dass Optimisten weniger durstig sind.

Absage an einen Miesepeter-Planeten

Ganz gleich, ob nun Halbleer- oder Halbvoll-Leute – eine Menge von ihnen glauben, alles hänge irgendwie mit allem zusammen; dass also tatsächlich der Flügelschlag eines Schmetterlings in Bolivien eine Störung im Verstärker einer deutschen Hiphop-Band verursachen könne. Und dass jeder Satz und jeder Gedanke ins große, gemeinsame Energiefeld münde. Das kann man glauben oder auch nicht. Glaubt man es, dann ergibt sich für meine einfach gestrickte Logik tatsächlich eine Pflicht zum Optimismus. Denn wir wünschen uns ja eine heitere Welt und keinen Miesepeter-Planeten. Interessanterweise ergibt sich eine ähnliche Konsequenz auch dann, wenn man sich der Schmetterlingshypthese nicht anschließen mag. Und wenn man kein Masochist ist. Denn nur ein solcher wird sich an Mitmenschen ergötzen, die ihm die Welt schlecht denken und reden. Folgt man nun noch der ganz und gar unspirituellen goldenen Regel „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“, dann wird man schon aus menschlicher Rücksicht die Gläser bitteschön halbvoll lassen.

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