Dieselskandal: Feinstaub im Getriebe

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Diesel-Fahrverbote sind die dringende Ermahnung zur Umsetzung

einer ökologischen Verkehrsinfrastruktur und nachhaltigen Lebensweise

 Alander Baltosée für ökoligenta.de

Kommunen können nun Dieselfahrverbote verhängen. Mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts gerät die Republik ins Rotieren. Anstatt den Richterspruch als Aufforderung zu mehr ökologischem Handeln zu begreifen, wird über Sinn und Unsinn von Fahrverboten diskutiert. Man wehrt sich hier und protestiert da, stiftet Verwirrung und verliert den Blick fürs Wesentliche.

Worum geht es im Kern?

Letztlich um unsere Gesundheit und das verfassungsgemäße Recht auf körperliche Unversehrtheit. Um nichts weniger. Deshalb ist eine grundsätzliche Betrachtung der westlichen Lebensweise und Mobilität im 21. Jahrhundert angeraten. Wir verbrauchen mehr oder weniger gedankenlos die Lebensgrundlagen der Menschheit, vergiften uns immer mehr und schneller. Der Dieselskandal bläst uns die Wahrheit ins Gesicht: Unsere Atemluft ist ungesund, unsere Lebensweise verderblich geworden.

Feinstaub und Stickoxide entstehen nicht nur bei Dieselfahrzeugen, sondern überall in unserer industriellen Kultur, die immer noch auf die Verbrennung fossiler Rohstoffe aufbaut und angewiesen ist. Das muss sich ändern. Es gibt ökologische Alternativen. Man muss sie nicht erst noch erfinden. Aber mit Dieselmotoren lässt sich eben reichlich Profit machen. Das steht offensichtlich höher als die Gesundheit der Menschen. Was ist das für eine Politik, die phlegmatisch hinnimmt, dass sich unsere Atemluft immer rasanter in einen Giftcocktail verwandelt? Die Autoindustrie ist nicht einmal bereit, für den verursachten Schaden aufzukommen und die Dieselfahrzeuge nachzurüsten. In der normalen Welt hätte ein solcher Betrug und solche Folgen empfindliche Strafen und Schadensersatzforderungen zur Folge. Für die Global Player gelten solche Regeln offensichtlich nicht. Sie haben Narrenfreiheit, weil niemand es wagt, ihrer Skrupellosigkeit die rote Karte zu zeigen.

Fahrverbote sind die dringende Ermahnung, endlich damit anzufangen, Städte und urbane Lebensräume nachhaltig ökologisch zu gestalten.

Intelligente Konzepte für eine ökologische Verkehrsinfrastruktur

Jetzt braucht es intelligente Konzepte für eine ökologische Verkehrsinfrastruktur, in jeder Gemeinde, jedem Stadtteil, bundesweit. In manchen Ländern haben die Menschen längst begriffen, dass die Atemluft unser höchstes Gut ist. In Singapur beispielsweise wurde der Bestand der privaten Pkws ab 1. Februar 2018 eingefroren. Für jedes neue Auto muss ein altes verschrottet werden. Eine Wirtschaftspolitik, die unsere Lebensgrundlagen schamlos gefährdet, ist menschenfeindlich und kann nicht hingenommen werden. Dabei lässt sich auch mit ökologischen Innovationen reichlich Geld verdienen. Was also spricht dagegen, jetzt entschlossen zu handeln und nachhaltige Verkehrskonzepte auf den Weg zu bringen?

Anstatt Straßen und Autobahnen auszubauen, sollten Fernlastverkehr und regionaler Individualverkehr auf die Schiene verlegt werden. Enorme Emissionen ließen sich damit einsparen. Ein Kilometer Autobahn kostet genau so viel wie ein Kilometer Schiene. Warum werden solche Maßnahmen nicht systematisch gefördert? Man hatte in den 80ern schon damit begonnen, mehr Fracht auf die Schiene zu verlagern. Warum wurde das Rad zurückgedreht? Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Man muss den öffentlichen Nahverkehr nicht gleich umsonst anbieten, allenfalls für Mittellose. Da ist man peinlich über das Ziel hinausgeschossen und hat nur die Kommunen aufgeschreckt, denen enorme Einnahmen wegbrechen würden. Der Ansatz ist jedoch richtig. Wenn für ein oder zwei Euro ein Tagesticket für den öffentlichen Regionalverkehr erworben werden könnte, wäre der Sache schon reichlich gedient. Das würde Pendlern und Landbevölkerung attraktive Anreize schaffen, ihr Auto viel öfter zu Hause stehenzulassen. Viele Haushalte kämen ohne Zweitwagen aus, weil sie ein Auto effizienter nutzen könnten. Ergänzend sollte der Ausbau des Straßenbahnnetzes vorangetrieben und Regionalstrecken wieder aktiviert werden. Dann ließe sich auch so mancher regionale Transport in die Stadt auf die Schiene verlegen.

Mit Weitsicht den Wert der Nachhaltigkeit erkennen

Man fragt sich Kopf schüttelnd, in welcher fantasielosen Weise die grassierende Politik mit dem brennenden Thema umgeht und wie wenige kreative Lösungsideen die Vertreter der regieren wollenden Parteien in die Diskussion einbringen. Eine gesunde Umwelt mit gesunder Luft, gesundem Trinkwasser und gesunden Nahrungsmitteln – das muss man schon wollen. Doch aus einer kurzfristigen ökonomischen Perspektive sind Gemeinwohlziele offenbar sekundär. Die Hütte brennt, trotzdem verstärken sich noch immer die Positionen eines Neoliberalismus, der menschliche und natürliche Grundbedürfnisse ökonomischen Interessen unterordnet.

Spätestens jetzt haben alle Ausreden, die der Autoindustrie zuliebe formuliert wurden, ihre Akzeptanz verloren. Wer nicht einsehen will, dass wir unsere Lebensweise grundlegend wandeln müssen, der ist im Grunde skrupellos. Weshalb wehrt man sich gegen mutige, ökologisch nachhaltige Innovationen für die Zukunft? Es braucht nur ein wenig Weitsicht, um darin wertvolle Chancen zu entdecken. Alternative Modelle einer ökologischen Verkehrsinfrastruktur existieren. Sie werden bereits praktiziert, weltweit in zahlreichen Metropolen wie Zürich. Nur nicht hierzulande und wenn, dann zaghaft. Die Schwerfälligkeit der Politik, ein von den jüngeren und nachfolgenden Generationen dringend gefordertes nachhaltiges Umdenken anzugehen, ist unerträglich. In jedem Betrieb wären solche Geschäftsführer wegen Inkompetenz, Handlungsstillstand und Gefährdung des Unternehmens längst ausgetauscht worden.

Die Politik sollte von der jungen Generation lernen

Viele junge Menschen befinden sich schon in einer geistigen Haltung des Teilens. Sharing Economy nennen sie das auf Neudeutsch und teilen Essen, Wohnraum, Gärten und Alltagsgüter. Sie leben, so gut sie können, nachhaltig: Upcycling, Recycling, Food-Sharing. Sie leben auch Car-Sharing, teilen ihre Fahrzeuge und nutzen sie lediglich temporär. Sie entwickeln elektrisch betriebene Lastenräder und reisen mit Mitfahrzentralen, Fernbussen oder Fahrgemeinschaften. Sie leben bereits vor, wie es gehen kann, in welcher Weise es umzudenken gilt, insbesondere im Bereich der Mobilität. Leider haben sie in unserer Gesellschaft, in den politischen Parteien, keine Stimme. Dort sind kaum Spuren dieser Wandelbewegung zu erkennen. Denn dort haben die alten, grauen Herren das Sagen, die ihre Schäfchen längst im Trockenen haben. In der Politik der etablierten Parteien fehlt der Mut, wirklich nach vorne zu denken und nachhaltiges Denken als Fundament für eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu etablieren.

Die Politik der Oberen hing der Veränderung schon immer hinterher. Ausnahmen gab es wenige. Veränderung und Wandel haben meistens von unten begonnen, von der Wurzel her, im Kleinen. Die politisch kleinste Zelle ist die Kommune. Dort lassen sich mutige Konzepte durch Engagement der Bürger relativ einfach und zeitnah umsetzen. Auf echte Lösungen und beherzte Schritte seitens der Bundespolitik können wir lange warten, so lange sie den konservativen Lobbys dienen, deren begrenzter Geist noch immer nicht die Chancen einer ökologischen Wende erkannt hat.

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